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Achtzehntes Kapitel

Ordination war nun auf Anfang Juni festgesetzt. Ernst Hallin, Simonson und noch ein paar andere sollten zusammen in ihr Amt eingesetzt werden, und gleich darauf sollte Ernst nach seiner neuen Heimat, dem Pfarrhof von Sollösa, fahren.

Ernst Hallin sehnte sich nur noch danach, daß alles vorüber sein möchte. Er hatte seinen Entschluß gefaßt und wußte, daß nichts ihn mehr ändern konnte. Jetzt galt es nur noch, alles Zweifeln und Zaudern von sich fernzuhalten, damit er Ruhe hatte, bis er allein war mit sich selbst. Die Einsamkeit, das fühlte er, würde ihn heilen, ihn weniger empfindlich, kräftiger machen und ihn vor allem lehren, sich in demutvollem Genügen unter das Kreuz zu beugen, das der Herr ihm auferlegt hatte. Er fühlte mehr und mehr die Überzeugung in sich, daß der Priesterberuf gerade das war, was der Herr von ihm forderte, damit er auf Erden Frieden finden möchte; und ohne zu fragen, ohne am Willen des Herrn zu deuteln, wollte er treulich den schmalen, dornenvollen Pfad wandeln, bis er nach seiner steilen und mühevollen Wanderung vor der engen Pforte stehen würde, die zum Leben führt.

Nach dem letzten Ausbruch, als er und der Vater von dem alten Pastorat heimgefahren waren, hatte er das Gefühl gehabt, als ob ein Teil seines alten Menschen von ihm gewichen sei. Eine Art dumpfer Resignation bemächtigte sich seiner, und er erkannte, daß in dieser Resignation die Möglichkeit lag, das Leben, das ihn jetzt erwartete, zu leben. Keine andern Hoffnungen, keine andern Gedanken und Interessen durften diese Resignation verdrängen, die allein imstande war, ihn aufrechtzuhalten, wie das Rettungsboot den Schiffbrüchigen über Wasser hält. Ganz und ausschließlich mußte sie ihn beherrschen; keine unterdrückte Sehnsucht, keine verwegene irdische Hoffnung sollte mehr ihre frischen, gefahrvollen Winde über die stille See dieser Resignation blasen.

Er dachte auch selten an Eva Baumann. Sie war ihm nur noch eine lockende Erinnerung, die keine Macht mehr über ihn hatte. Und er konnte von ihr sprechen hören oder ihr auf der Straße begegnen, ohne daß er errötete, ohne daß es seine Gemütsruhe störte.

Dagegen hatte er sich in letzter Zeit mehr und mehr zu Simonson hingezogen gefühlt.

Simonson war so klar in allem, so klar und fertig. Er wußte Antwort auf jede Frage, Widerlegung für jeden Zweifel. Seine Stimmung war immer gleichmäßig, und Ernst fühlte sich nach einem Gespräch mit ihm stets ruhiger. Wenn er einen Nachmittag lang ihm gegenübersaß und das sichere Gesicht betrachtete, das so überzeugt schien, daß alles in der Welt war, wie es sein sollte, und der scharfen Stimme lauschte, die alle aufrührerischen Gedanken gleichsam zerkrümelte und ihn einen klaren Blick in das ganze geordnete Gemeinwesen tun ließ, das seit Jahrtausenden auf dem Grund des Christentums erwachsen war, da fühlte Ernst ganz deutlich, auf welchen gefährlichen Abwegen er gewandelt war, und er ging nach Hause, froh und gestärkt, voller Dankbarkeit gegen Gott, der ihn aus den Irrgängen seiner eigenen Gedanken errettet hatte. Es lag so viel Demut in all seiner Schwachheit, daß Pastor Simonson sich oft ganz verlegen vorkam und fast zu stottern begann, wenn er vom christlichen Sinn sprach, der alles duldet und alles erträgt.

Frau Hallin freute sich über die Veränderung des Sohnes. Sie freute sich nicht bloß aus religiösen, sondern auch aus andern Gründen. Von Anfang an war sie es gewesen, die den Adjunkt auf die religiöse Gesinnung hingeführt hatte, zu der er sich nun bekannte. Er war ein schwacher Mann, der der Führung bedurfte. Und die kleine energische Frau hatte ihn geführt, wie sie später den Sohn geführt und seine Entwicklung geleitet hatte. Aber im Lauf der Jahre hatte der Adjunkt auch sie beeinflußt, und seine weltliche Klugheit hatte zum Teil Frau Hallins Frömmigkeit auch ihr Gepräge aufgedrückt. Sie war mit den Jahren weniger schwärmerisch religiös und mehr orthodox kirchlich geworden. Sie hatte den inneren Zusammenhang, der zwischen gut bürgerlicher Ordnung und kirchlicher Zucht besteht, erkennen gelernt. Darum hatte sie eine Zeitlang auch gefürchtet, Ernsts Gewissenhaftigkeit könne ihn möglicherweise auf Abwege führen und ihn widerspenstig machen gegen die Obrigkeit, die Gott in seiner heiligen Kirche eingesetzt hat, um sie gegen die Macht des Unglaubens zu schirmen. Und so freute sie sich jetzt, als sie bemerkte, wie er von Tag zu Tag ruhiger und weniger vergrübelt wurde. Sie dankte Gott, daß er ihr Kind bewahrt hatte; und sie merkte wohl, daß sie in dieser Sache in Pastor Simonson einen treuen Bundesgenossen hatte, und freute sich auch darüber.

Es war ein Nachmittag gegen Ende Mai. Der Adjunkt war schlechter Laune und verschwand frühzeitig ärgerlich auf seinem Zimmer.

Es war ganz unvermutet gekommen. Der Adjunkt war beim Essen schweigsam gewesen und hatte unfroh ausgesehen; die wenigen Worte, die er sagen mußte, hatte er in leidendem Ton von sich gegeben. Da versuchte es Gustaf, den die gedrückte Stimmung peinigte und der die andern gern zum Lachen brachte, damit er selber herzhaft lachen konnte, mit einer Schulanekdote, die unglücklicherweise ein bißchen naseweis mit dem König Salomo umsprang. Der Vater, der für gewöhnlich selbst großes Gefallen an Geschichten hatte, die auf die Bibel und die Geistlichkeit gingen, erstere hauptsächlich, wenn es sich um das Alte Testament handelte, erteilte Gustaf einen scharfen und umständlichen Rüffel über diese Art von den heiligen Männern der Schrift zu sprechen. Gustaf antwortete hierauf, er habe nie gehört, daß Salomo, der 1000 Weiber gehabt und eins der sinnlichsten und anstößigsten Gedichte geschrieben habe, die man lesen könne, ein heiliger Mann gewesen sei. Aber da fing der Adjunkt an: er wisse ja schon lang, daß Gustaf seinen Kinderglauben verloren habe; und schloß damit, daß er den Mangel an Ehrfurcht vor dem Heiligen, und besonders den Mangel an Ehrfurcht vor den Eltern, beklagte, der in letzter Zeit ständig zutage komme.

Nach dem Essen ging der Gymnasiallehrer, ohne ein Wort zu sagen, in sein Zimmer hinauf, und Frau Hallin folgte ihm mit bekümmerter Miene, nachdem sie Gustaf eine Extraermahnung erteilt hatte, Papa doch ja nicht zu reizen, wenn er niedergeschlagen und verstimmt wäre. Der arme Papa! Er hatte so viele Sorgen, von denen die Kinder ja nichts wußten.

Jetzt waren die drei Geschwister allein und ein verlegenes Schweigen entstand. Es war einer der letzten Tage, ehe Ernst das Elternhaus verlassen sollte. Nächsten Sonntag war Ordination, und nach der Ordination sollte er gleich reisen. Alle wünschten, ihm das Elternhaus noch so freundlich und heiter als möglich zu machen, wie das vor einer Trennung stets ist. Darum war es doppelt ungemütlich, wenn eine derartige Szene die Eintracht störte. Denn in dieser Familie, in der jedes einzelne Mitglied sein Leben für sich lebte, ohne sich um die andern zu kümmern, bemühte man sich bei feierlichen Gelegenheiten um so mehr, recht zartfühlend und rücksichtsvoll zu sein. Eine gemeinsame Erbittertheit gegen den Vater gärte in allen drei Geschwistern. Alle fühlten sie, aber keines sagte was.

Gustaf war der erste, der das Schweigen brach. Er lehnte sich in den Stuhl zurück und schlug die Beine übereinander. »In einem Jahr bin ich endlich Student! Da kommt man endlich hier heraus!« sagte er.

Ernst sah den Bruder vorwurfsvoll an.

»So darfst du nicht reden«, ermahnte er.

Selma sah vor sich nieder und wurde blutrot. Ihr war der Mangel an Sympathie zwischen Eltern und Geschwister gradezu eine Qual; und sie mochte nicht gern noch Öl ins Feuer gießen. Aber sie konnte nicht länger schweigen.

»Laß Gustaf sagen, was er will!« sagte sie. »Er ist kein Kind mehr. Wenn er den Eltern gegenüber schweigen soll und uns gegenüber schweigen, gegen wen soll er sich da aussprechen?«

»In dem Verhältnis zu seinen Eltern bleibt man doch wohl immer Kind!« sagte der junge Pastor.

Selma schüttelte den Kopf, wie über eine alte Schulleier, die sie müde war, anzuhören. Sie vergrub beide Hände in ihr dickes blondes Haar und schlug sie dann mit einer Miene der Verachtung zusammen.

»Ja, wenn man sich als Kind fühlte, wenn sie irgend etwas dazu täten, daß man sich so fühlen könnte. Aber sag einmal ehrlich: Bist du je daheim glücklich gewesen? Bist du's jetzt? Hast du gar nicht gemerkt, wie wir aneinander vorbeilaufen, wie im Irrenhaus in ›Peer Gynt‹:

Keiner weint um des andern Weh,
Keiner hat Sinn für des andern Idee?

Und kannst du dir wirklich, wenn du auch Geistlicher bist, vorreden, daß es der Fehler der Kinder ist, wenn sie alles Zutrauen zu den Eltern verloren haben? Läufst du nicht selber unter uns herum und schweigst und grämst dich? Keins von uns weiß, was du denkst; keinem fällt es ein, dich danach zu fragen. Ich bin auch allein mit meinen Gedanken und glaube, daß es draußen, außerhalb der unsern, eine Welt gibt, wo ich ein besserer, nützlicherer Mensch hätte werden können, als ich's jetzt bin, daheim, wo ich bis zu meinem Tod leben soll! Und Gustaf! Freilich, er ist Freidenker, wie alle jungen Leute heutzutage, – ich übrigens auch –. Aber wenn man einmal ehrlich über die Sache reden wollte – was glaubst du, daß die Folge wäre? Das Leben hier im Haus würde nur noch unerträglicher werden, als es schon ist.«

Sie stand auf und ging mit festen, starken Schritten im Zimmer auf und ab.

Ernst sah unsicher vom einen zum andern.

»Ist das wahr?« fragte er.

Gustaf lächelte. Es lag nichts Herausforderndes in seinem Lächeln, nichts Selbstbewußtes. Nur Verwunderung, daß der ältere Bruder etwas so Einfaches nicht wußte.

»Es kann ja doch gar nicht anders sein«, sagte er.

»Aber – in deinem Alter …«

Ernst brach ab.

»Ich habe nichts dazu getan«, sagte Gustaf. »Es kam von selbst. Wenn man Hunger hat, so ißt man. Und von der Speise bildet sich frisches Blut. Es ist dasselbe …«

Selma blieb vor Ernst stehen und sah ihm grad in die Augen.

»Glaubst du?« fragte sie.

Ernst wollte der Frage ausweichen, aber die Schwester ließ ihn nicht los.

»Ja«, sagte er schließlich, lauter als notwendig war. »Aber du – wenn du dich von hier wegsehnst – was bindet dich?« Selma konnte ein Lachen nicht zurückhalten.

»Sieh mal, wie gut es ist, wenn man einmal miteinander redet, sagte sie. »Nicht einmal das weiß er, obschon es das große Ereignis meines Lebens ist. Was mich bindet? Nun ja, ich ging einmal zu Papa und sagte ihm, ich möchte eine Zeitlang fort, nach Stockholm oder irgendwohin, um ein bißchen mehr zu sehen und zu lernen – und ein bißchen mehr zu leben«, fügte sie bitter hinzu. »Aber er wollte es nicht. Ich weiß, daß er und Mama die Sache miteinander berieten. Aber dann baten sie mich, und Mama weinte, und ich gab nach und blieb.«

»Aber warum wollten sie denn nicht?«

All das war Ernst etwas ganz Neues.

»Warum?« wiederholte Selma. »Lieber Ernst, was du blind bist! Nun, weil die Welt schlecht ist und mir meinen Glauben nehmen würde. Und darum schließt man einen ein, bis man so stumpf wird, daß man überhaupt alles glaubt. Das ist ihre Taktik. Und manchmal hilft sie ja auch. Aber manchmal kommt es auch vor, daß eins oder das andere sich trotzdem aufrecht hält. Wie lang, das weiß freilich Gott. Das ist die Familientyrannei unsrer Zeit, und sie ist niedriger, gemeiner und kleinlicher, als es die alte, die auf Faustrecht gegründet war, je war.«

Ihre Augen leuchteten; sie setzte sich hart in einen Stuhl.

»Es tut einem ordentlich wohl, sich mal aussprechen zu können«, sagte sie.

»Ja, aber es hat so wenig Zweck«, bemerkte Gustaf.

»Wir werden sehen!« erwiderte die Schwester.

Ernst erhob sich und ging hinauf in sein und des Vaters Zimmer. Auf all das hatte er keine Antwort. Aber das fühlte er, daß zwischen ihm und den Geschwistern etwas Gemeinschaftliches war, ein gemeinsamer Mangel, den sie deutlicher erkannten als er, unter dem sie aber alle litten.

Als er auf der Treppe war, begegnete er der Mutier, die aus des Vaters Zimmers kam. Sie gingen schweigend aneinander vorüber. Aber als Frau Hallin ins Wohnzimmer kam, warf sie Gustaf und Selma einen mißtrauischen Blick zu, um zu ergründen, von was die Kinder wohl geredet hätten.

Am selben Nachmittag kam Selma hinauf zu Ernst und sagte, drunten in ihrem Zimmer sei jemand, der ihn sprechen wolle. Sie sah verwirrt und erregt aus, und Ernst glaubte zu merken, daß sie geweint hatte.

Er fühlte sogleich, wer es war. Ihm war, als stocke ihm das Blut in der Brust; eine Weile blickte er die Schwester an, ohne zu antworten.

»Kommst du nicht?« sagte sie.

»Doch, doch«, erwiderte er. »Ich komme.«

Selmas Zimmer lag neben dem Wohnzimmer, hatte aber eigenen Ausgang in den Korridor.

Als sie drunten waren, blieb Ernst stehen und wandte sich nach Selma um.

»Ist sie da drin?« fragte er. Seine Stimme zitterte ein wenig.

»Ja«, erwiderte Selma. Sie vermochte sich nicht länger zu beherrschen, sondern brach in Tränen aus und verschwand im Eßzimmer.

Ernst stand und sah ihr nach. Sein Blut war in Wallung; er atmete heftig. Er dachte nicht darüber nach, weshalb sie gekommen war oder was sie von ihm wollte. Er vergaß, daß sie einander so lang nicht mehr gesehen hatten, daß er vor ihrer Tür abgewiesen worden und ihr seitdem ausgewichen war, er dachte nur noch an eins – daß sie ihn nicht vergessen hatte, daß sie ihn sprechen wollte, grade jetzt, da er sie brauchte.

Er drückte auf die Klinke und trat ein.

Eva Baumann saß auf dem Sofa, das an der Wand der Tür gegenüber stand. Ihre Augen hatten einen Glanz, als hätten sie viel gewacht, und als sie Ernst erblickte, errötete sie heftig.

Er blieb vor dem Ausdruck in ihrem Gesicht verlegen stehen; mit einmal fiel ihm alles ein, was gewesen war, eine peinvolle Ahnung bemächtigte sich seiner; und im selben Augenblick kam ihm auch der Gedanke, daß sie sich seinetwillen preisgab.

»Eva«, sagte er und streckte ihr die Hand hin.

Sie ergriff sie und sah ihm ins Gesicht, frei und offen. Ihr Gesicht war noch rot, aber die Augen waren ruhig und ihre Stimme lebhaft und klar.

»Es war mir etwas Natürliches, daß ich noch einmal herkam«, sagte sie. »Sie müssen mir darum nicht böse sein!«

»Ihnen böse sein …«

Er setzte sich neben sie aufs Sofa, aber sie rückte etwas von ihm fort.

»Doch«, sagte sie. »Es ist ja ein sonderbarer Einfall von mir. Aber ich konnte es nicht lassen. Ich bin ja nur ein Mädchen und habe so wenig gesehen von der Welt. Aber es ist etwas, was ich Sie fragen muß.«

Seine Miene ward düster, als er antwortete:

»Was?«

Sie vermochte nicht gleich zu erwidern; den Kopf senkend kämpfte sie mit den Tränen. Ganz allein, mit Hilfe einer Freundin – einer Freundin, die Ernsts Schwester war – allein in einer kleinen abgelegenen Kleinstadt, wo der Gedankenflug nicht hoch geht, wo die Seelen der Menschen leicht im Wachstum stehenbleiben, war dies junge Weib zu einer Entwicklung gelangt, die anders war, als die in ihrem Kreis übliche. Sie lebte unter Menschen, für die der Glaube, der in der großen Welt so oft etwas Konventionelles ist, ein überwundener Standpunkt, von dem man sich nur des guten Tones willen nicht offen lossagt, noch eine das ganze Leben beherrschende Macht ist. Als sie sich von diesem Glauben lossagte, ward sie dadurch weder altklug noch anmaßend, sondern sie brauchte ganz einfach einen neuen Glauben, der ihr den alten ersetzte. Sie fand ihn in einer ehrlichen und aufrichtigen Wahrheitsforderung, der sie frohen Mutes nachzuleben versuchte; und sie glaubte, daß diese Forderung sich bei allen ehrlichen Menschen finden müßte, einerlei, welches Glaubens sie wären.

Dann hatte sie gesehen, daß Menschen ohne diese Wahrheitsforderung leben können, ja daß sie sie gewaltsam und mit allen Mitteln zu ersticken suchen. Und bei ihm hatte sie das gesehen, bei Ernst. Es war der erste ernste Stoß, den ihr Glaube an die Menschen erlitt, und sie hatte tage- und nächtelang darüber nachgegrübelt.

Sie bezwang sich und wischte sich die Tränen aus den Augen. Und indem sie ihn anblickte, als hinge von seiner Antwort Leben und Tod ab, fragte sie: »Ist Ihr Glaube fest, nun Sie ordiniert werden sollen?«

Ernst hatte plötzlich das Gefühl äußersten Unbehagens, das jeder Mensch hat, wenn er sich unvermutet außerstande sieht, Ausflüchte zu machen in einer Frage, die er sich selber immer nur ausweichend beantwortet hat. Er wußte, er konnte ihr nicht antworten, wie er ehemals geantwortet hatte oder wie er täglich und stündlich sich selbst antwortete. Er wußte, hier gab es keine Ausflüchte. Hier gab es nur eine reine und klare Antwort. Ja oder nein.

Er schwieg und blickte vor sich nieder.

»Ist es das, was Sie mich haben fragen wollen?« sagte er tonlos.

Sie sah ihm noch immer mit demselben gespannten, gehetzten Ausdruck ins Gesicht. Seine Worte gingen an ihr vorüber, als wären sie gar nicht an sie gerichtet.

»Antworten Sie mir«, sagte sie atemlos. »Antworten Sie mir!« Sie hatte die Hände gefaltet; ihre schlanke Gestalt zitterte wie in einem Schüttelfrost.

Aber er hatte nichts zu antworten. Voll Verzweiflung blickte er auf ihr bleiches Gesicht mit den leuchtenden Augen und den fest zusammengepreßten Lippen.

»Sehen Sie mich nicht so an!« sagte er. »Wenn Sie wüßten, wie Sie mich quälen!«

Da begriff sie, daß es wahr, daß nichts mehr zu retten war. Sie hatte ein Gefühl, als habe er sie betrogen, betrogen um alles Glück und allen Frieden im Leben. Sie wandte sich von ihm ab und brach in heftiges Weinen aus. Und sie weinte lange.

Ernst wußte nicht, was er tun sollte. Er wagte nicht, sich ihr zu nähern, und schämte sich, zu gehen.

Mit einmal wandte sie ihm ihr tränenüberströmtes Gesicht wieder zu und strich sich das Haar aus der Stirn mit einer Bewegung, die Ernst fast Furcht einflößte.

»Sie haben mich betrogen«, sagte sie. »Wenn Sie so erbärmlich sind, wie Sie sind, so hätten Sie mich in Frieden lassen müssen! Alles hab' ich von Ihnen geglaubt, was edel ist und gut! Keine gute, schöne Eigenschaft gibt es, die ich nicht Ihnen beigelegt, keine männliche Tat, die ich nicht Ihnen zugetraut hätte. Hätten Sie mich in den Staub getreten, mich unglücklich gemacht, mich beschimpft, geschlagen – ich hätte es Ihnen verziehen. Aber daß Sie mich genarrt haben, mir meinen Glauben an Sie gestohlen, das verzeihe ich Ihnen nie!«

Wie unter einem Schlag beugte Ernst sich vor jedem ihrer Worte. Als sie fertig war, sagte er: »Ich habe nichts dazu getan, daß Sie mich für besser halten sollten, als ich bin.«

Sie trocknete sich die Tränen ab und blickte eine Weile vor sich hin.

»Nein«, sagte sie. »Das haben Sie vielleicht gar nicht. Ich war's – ich war einbildungskrank. Aber Sie haben mir so weh getan, so weh …«

Wieder brach sie in Tränen aus. Sie weinte unaufhaltsam; ihr ganzer Körper erzitterte vom Schluchzen. Ernst wollte sich ihr nähern; aber sie sah ihn nur an mit einem Blick, als bringe sein bloßer Anblick ihr frisches Leid, und ohne noch ein Wort zu sprechen, ging er und ließ sie allein.

Und so weinte sie den ersten großen Schmerz ihrer Jugend aus, weinte über ihre Demütigung, ihre Schwäche. Aber sie bereute es doch nicht, daß sie mit Ernst gesprochen hatte. Sie war stolz darauf, als hätte sie eine Heldentat vollbracht.

Als Ernst Hallin an diesem Abend ins Familienzimmer hinunter kam, fühlte er sich sehr unbehaglich; er mußte ja doch Selma unter die Augen treten; und dann – ob wohl die Mutter wußte, daß Eva dagewesen war?

Aber niemand sagte etwas. Selma kam erst spät. Sie hätte zu tun gehabt, entschuldigte sie sich. Die Mutter saß still am Fenster und hielt ihre Arbeit gegen das schwache Dämmerlicht, um mit ihren alten Augen ein bißchen besser zu sehen.


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