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Drittes Kapitel

Gymnasiallehrer »Adjunkt« Hallin gab Latein in der Untersexta, der untersten Klasse der alten Lateinschule, die in das neue, stattliche Gymnasium übergesiedelt war. Die Fragen kamen scharf, wie Stockschläge; die Antworten schlängelten sich vorsichtig kriechend einher wie schwanzwedelnde Hunde.

»Hör mal, Lundberg! Das ist doch zu merkwürdig, daß du dir nie den Unterschied zwischen cado und caedo merken kannst! Wie war das? Cado, cecidi, casum – casum, sag› ich – cadere. Also – sprich es nach. Wie war es?«

Der Delinquent Lundberg war ein kleines, schweräugiges, schläfriges Individuum von vollen einundzwanzig Jahren, das sich aus irgend einem unbekannten Grund darauf steifte, noch sein Maturum zu machen. Er warf einen raschen, forschenden Blick nach dem Katheder, um zu erspähen, ob der Adjunkt schlechter Laune war oder nicht. Und als er nichts besonders Beunruhigendes entdeckte, antwortete er phlegmatisch und mit leiser Stimme: »Cado, cecidi, casum, cadere.«

»Lauter!« schrie der Adjunkt. »Kannst du nicht laut sprechen? Ich rede die ganze Stunde und muß schreien, daß ich ganz heiser werde. Und du kannst dich keine fünf Minuten lang anstrengen. Noch einmal! Und lauter!«

Lundberg wiederholte mit lauter Stimme.

»Na also! Jetzt war's recht. Weiter. Wie ist's mit caedo

Lundberg packte mit verzweiflungsvollem Griff die Lehne der Bank und schielte seitwärts, um die Nachbarn zum Einblasen aufzumuntern.

Aber es war eine alte Geschichte – Einblasen gab's nicht bei Adjunkt Hallin. Er sagte das auch selber, und es war sein beliebtester Zeitvertreib während der einförmigen Stunden, irgendeinen zu erwischen, der so unvorsichtig war, einem andern zu helfen oder mit den Augen um Hilfe zu flehen. Er war im Grunde voller Freude, wenn er seine Detektivfähigkeiten zeigen konnte; aber er unterdrückte das Lächeln, das um seine Lippen spielte, und äußerte in mildem, leisem Ton: »Hör mal, Lundberg, findest du wirklich so ganz was besonders Interessantes an dem kleinen Petterson da neben dir links?«

Allgemeines Gekicher in der ganzen Klasse. Die vorderen Bänke drehen sich um und betrachten sich den unglücklichen Lundberg, der mit niedergeschlagenen Blicken dasteht und das Lächeln zu verbergen sucht, das um seine Mundwinkel spielt. Denn nun wußte die ganze Klasse mit Sicherheit: der Adjunkt war guter Laune.

»Na,« fährt der Adjunkt fort, »kannst du nicht antworten? Findest du was Interessantes an Petterson? Wie? Nicht? Na! Willst du dann vielleicht gütigst versuchen, dein an Petterson gescheitertes Interesse auf das unglückselige Verb caedo zu übertragen? Mit ae

Lundberg legte die Hände auf den Rücken und antwortete schwerfällig: »Caedo, cecidi, caesum, caedere.«

»Na also, es geht ja. Siehst du. Weiter jetzt! Das dritte in der Reihe!«

Auch dies ward abgetan, worauf der Adjunkt einen großen Seufzer ausstieß, als sei ihm eine ungeheure Last vom Herzen gefallen.

»Setzen, Lundberg! Und vergiß das nicht, bis wir uns nächstesmal wiedersehen! Der Nächste. Flott jetzt, übersetz' den letzten Paragraphen, damit wir fertig werden, eh es läutet. Vorwärts! Es ist ein langer Satz. Qui quum usw.«

Und der Nächste übersetzte, rein und fließend, mit Hilfe des alten Kalmodin, zog Subjekt und Prädikat aus und konjugierte die Verben, leicht, rasch, sicher und ruhig.

Und grade als er fertig war, hörte man von Korridor zu Korridor auch das Bimmeln der Glocke; der Adjunkt erhob sich, und im Nu entstand ein unerhörter Lärm. Pultdeckel wurden auf- und zugeschlagen, Bücher zugeklappt, auf den Boden geworfen, wieder aufgehoben und in Riemen zusammengeschnallt. Am Kleiderständer herrschte ein wildes Gedränge; Mäntel und Mützen wurden heruntergerissen, mit der vollkommensten Mißachtung des Futters und der Aufhänger. Droben am Katheder stand ein dienernder, dicker Bauernjunge und half dem Adjunkt in den Mantel. Er hatte das das ganze Semester durch getan, damit er am Schluß ein gutes Zeugnis kriegen und versetzt werden sollte.

Plötzlich, eben als die Ersten Hals über Kopf zur Tür hinaus stürzen wollten, schlug der Adjunkt das spanische Rohr auf den Tisch, daß das Tintenfaß hüpfte und alle Jungens mit der Mütze in der Hand stehen blieben.

»Eine neue Seite zum nächstenmal!« rief er.

»Und nicht zu vergessen – wer cado oder fallo nicht kann, kommt Sonntag vormittag zu mir nachhaus!«

Damit nahm der Adjunkt seinen Hut und ging mit raschen Schritten durchs Zimmer. Vor ihm rasten schon sechs, acht Stück der Allerhungrigsten die Treppe hinunter, hinaus auf die Lange Straße, die sich von der Schule durch die ganze Stadt bis hinaus zum Tor erstreckte.

Es war ein windiger, kalter Januartag; der Adjunkt trug einen dicken Winterüberzieher, den er bis zum Halse hinauf zugeknöpft hatte. Auf dem Kopf hatte er seine Pelzmütze, die tief in die Stirn gezogen war, in der Hand das unvermeidliche spanische Rohr und unter dem Arm einen Haufen blauer, mit einer Schnur umwickelter Hefte.

Langsam bog er um die Ecke des Schulhauses in eine Straße ein, die zu dem freien Platz um die Domkirche führte. Als er auf den Platz gelangte, stand er einen Augenblick still und holte tief Atem. Er machte ein paar unbewußte Bewegungen mit den Schultern, als wolle er seine Brust dehnen; dann senkte er den Kopf noch tiefer als zuvor. Mit langsamen, ein bißchen schleppenden Schritten ging er weiter, indem er mit dem Stock Furchen in den Schnee zog, und seine Lippen bewegten sich, als spräche er mit sich selber.

Wohl zum hundertstenmal während der letzten Wochen beschäftigte ihn der Gedanke, wo er die fünfzig Kronen hernehmen sollte, die seine Frau zu einem neuen Mantel brauchte. Für vierzig Kronen bekam er vielleicht einen ganz guten. Aber wenn er vierzig beschaffen konnte, konnte er grade so gut auch fünfzig beschaffen, und für fünfzig Kronen bekam man doch einen viel besseren.

Weihnachten hatte schrecklich viel gekostet. Man hatte ja freilich ausgemacht, man wollte einander keine Geschenke machen. Aber als die Ferien anfingen, als man zu backen und scheuern und rüsten begann, als alle Menschen einander frohe Weihnachten wünschten und Weihnachtsgedanken und Weihnachtsjubel sich in jedes Gemüt zu schleichen begannen, da sagte der Adjunkt Hallin einen Tag vor dem heiligen Abend zu seiner Frau: »Ernst sitzt jetzt in Upsala, ganz allein vor dem Examen. So ganz ohne Gruß von daheim kann man ihn doch nicht lassen? Und Gustaf macht im Frühling übers Jahr auch sein Maturitas. Wer weiß, wie lang wir sie noch an Weihnachten daheim haben werden? Wollen wir nicht doch ein paar Überraschungen kaufen, damit die Kinder doch wissen, daß Weihnachten ist?« Und so kaufte man denn eine feine Reisetasche für Ernst und ein neues Kleid für die zweiundzwanzigjährige Selma, die Lehrerin an der städtischen Mädchenschule war. Und Gustaf erhielt sein eigenes Konversationslexikon, damit er das von Papa nicht mehr zu benützen brauchte.

Als man erst im Zug war, wurde auch noch mehr gekauft – bloß ein »paar Kleinigkeiten, nur so viel, daß man überhaupt Pakete zum Auspacken hatte!« Papa kaufte ein paar Sachen für Mama und Mama für Papa. Und ein paar Flaschen Wein mußten doch auch da sein, und ein Weihnachtsschinken und Konfekt und Mandeln und Rosinen und Christbaumschmuck und Nüsse und Feigen und Punsch.

Wenn schon mal Weihnachten war, so mußte es auch gefeiert werden. Und niemand war froher als der Adjunkt. Er schrieb Verse auf die Weihnachtspakete, tat wer weiß wie geheimnisvoll und war überhaupt von morgens bis abends in Tätigkeit.

Aber dann kam der erste Januar. Die Miete mußte bezahlt werden, und die Rechnungen liefen ein. Es blieb ihnen recht wenig zum Leben übrig, bis der Adjunkt sein nächstes Quartalgehalt bekam. Dazu sollte Ernst in diesen Tagen sein Examen machen und dann heimkommen, um daheim in der Stiftsstadt seine Ordination zu feiern; da mußte es zu Hause immerhin ein bißchen besser zugehen, als sonst, damit der große Junge auch gewiß nichts entbehrte. Und zu allem hin hatte der Adjunkt erfahren, daß seine Frau notwendig einen neuen Wintermantel brauchte. Vor Weihnachten hatte sie nichts sagen mögen. Man hatte ja so wie so so viele Ausgaben. Und er hatte gar nichts davon gemerkt, daß der alte so schlecht war; er verstand sich ja so wenig auf Frauenkleider. Darum kam es jetzt auch wie ein Unglück über ihn, daß er auch noch diese fünfzig Kronen beschaffen sollte. An all das dachte er, während er über den Kirchplatz nach seiner Wohnung ging.

Besonders heiter sah er nicht aus, wie er so langsam mit seinen vierundzwanzig Heften unterm Arm durch den Schnee stapfte. Sein Vollbart war grau; tiefe Falten lagen um die lebhaften Augen, die durch eine goldene Brille blinkten. Ohne aufzusehen ging er zu seiner Haustüre hinein, und mit sehr zerstreuter Miene erschien er am Mittagstisch.

Grade vor ihm war Selma heimgekommen. Sie kam aus der Mädchenschule, wo sie am Vormittag drei Stunden gegeben hatte, und auch sie hatte einen Haufen blaueingebundener Hefte mit sich. Als der Adjunkt ins Zimmer trat, ging sie ihm entgegen und gab ihm einen Kuß.

»Wie geht's heut, Papa?«

»Danke, gut, Kleine! Ich bin bloß schrecklich hungrig!« Gleich darauf erschien in der Tür zum Eßzimmer Frau Hallins Kopf.

»Ist Gustaf noch nicht da? Die Fleischklöße werden ganz kalt.« Im selben Augenblick hörte man ein heftiges Türzuschlagen, und ein aufgeschossener, blonder junger Mensch mit roten Wangen und lebhaften grauen Augen stürzte herein. Er war mager, das hellbraune Haar lag in einer dicken Locke auf seiner Stirn, sein ganzes Gesicht sah außergewöhnlich aufgeweckt aus, und um die Lippen lag ein Zug frühreifer Ironie, der aber doch absolut nichts Anmaßendes hatte.

»Na, da bist du ja!« sagte der Adjunkt. »Geh rasch auf dein Zimmer und wasch dich. Mama sagt, das Essen wird kalt!«

Gustaf ging langsam auf seine Stube, nachdem er die Vermutung ausgesprochen hatte, das Essen würde ihm ja doch nicht zuerst angeboten werden, weshalb er ja auch grad so gut ein bißchen nach den andern kommen könne.

Das war eines der ständigen Streitobjekte zwischen Vater und Sohn. Den Vater kränkte es, wenn zu Tisch nicht alle versammelt waren, weil er es als einen Beweis für die verhaßte Selbständigkeit der Jugend ansah, wenn die Kinder zu spät kamen. Aber er hatte sich daran gewöhnt, und nur wenn er wegen irgendetwas anderem schlechter Laune war, beachtete er es überhaupt noch.

Heute nun lagen ihm die fünfzig Kronen und der Mantel im Sinn. Vater, Mutter und Tochter standen mit gefalteten Händen um den Tisch.

»Ich glaube, es hat keinen Zweck, daß wir auf Gustaf warten,« sagte Frau Hallin.

Der Adjunkt bewegte ungeduldig die Achseln, legte wie ein Märtyrer den Kopf auf die Seite und faltete die Hände, zum Zeichen, daß man anfangen sollte zu beten. Eine Weile standen alle mit gesenkten Häuptern da; dann setzten sie sich.

Es war ein kleiner runder Tisch. Der Adjunkt saß seiner Frau gegenüber; zwischen ihnen saßen die Kinder, sodaß das Ganze eine Art Viereck bildete. Das Tischtuch war nicht ganz tadellos weiß; mitten auf dem Tisch stand ein alter Aufsatz von schwarzem Holz mit einem Salzfaß auf jeder Seite. Vor jedem Gedeck stand ein Trinkglas – die Gläser waren alle sehr klein – vor dem Platz der Mutter eine Flasche Wasser, vor dem des Adjunkten eine kleine Flasche Bier und eine Schnapsflasche. Der Adjunkt goß sich ein Gläschen voll ein, aß eine Scheibe Brot ohne Butter, leerte sein Glas und nahm sich dann von den Fleischklößen, die das Mädchen eben herumbot.

Die Tür ging auf und Gustaf trat ein. Er legte beide Hände auf den Stuhlrücken, verbeugte sich mit einem hastigen Kopfnicken, zog den Stuhl zurück und setzte sich, zugleich mit einer raschen Bewegung die Serviette über die Knie legend. Die Mutter schüttelte den Kopf und bestrafte ihn für das zu kurze Tischgebet mit einem vorwurfsvollen Blick, der Gustaf herzlich amüsierte. »Ach so, heut gibt's wieder Fleischklöße!« bemerkte er. Der Adjunkt war nach und nach in etwas bessere Laune gekommen. Das Appetit-Gläschen und das warme Essen hatten ihn aufgetaut, und er war eben im Begriff, etwas Lustiges von der Schule zu erzählen, was er stets im Vorrat hatte, als Gustaf sich unglücklicherweise über die Fleischklöße ausließ. Augenblicklich kamen ihm wieder die fünfzig Kronen in den Sinn, diese verwünschten fünfzig Kronen, und durch eine nicht ganz klare Ideenverbindung kam ihm dann der Gedanke, wie unzufrieden doch Kinder mit allem wären, wie ihre armen Eltern arbeiteten und sich abrackerten, und die Kinder dann das Essen bekrittelten, das die Eltern mit Mühe und Schweiß für sie erarbeitet hatten. All das sagte er auch dem Sohn, in einem väterlich-ermahnenden Ton, der den ganzen Tisch zum Schweigen brachte, aber mit einer Logik, die ein Lächeln auf des Sohnes Gesicht hervorrief.

Als der Vater geendet hatte, bemerkte Gustaf, den die Schwester vermittels Zublinseln und Grimassen vergeblich zum Schweigen zu bringen suchte: »Ich versteh nicht, was du willst, Papa. Ich hab ja doch sechs Fleischklöße auf meinem Teller!«

Selma lachte hell auf. Sie mochte den Vater gewiß nicht gern reizen, wenn er über irgend etwas ärgerlich war, und das Gezänke bei Tisch war ihr gradezu verhaßt. Aber sie konnte nicht anders. Es war ihr unmöglich, ihren Ernst zu bewahren; und so lachte sie laut auf. Die Mutter versuchte vergeblich, mit ein paar beruhigenden Worten den Sturm abzulenken. Der Adjunkt war böse und es war ihm ein Bedürfnis, die andern durch seine üble Laune herabzustimmen, – ein Bedürfnis, das allen Menschen eigentümlich ist, die von täglichen kleinen Widerwärtigkeiten heimgesucht werden.

»Ich kann mir nicht helfen,« brach er los, »aber es macht mir nun einmal zum mindesten einen traurigen Eindruck, wenn meine Kinder es so offenbar an Respekt mir gegenüber fehlen lassen! Daß Selma ihren Bruder noch unterstützt, wenn er sich schlecht aufführt, das hatte ich nicht erwartet; daß Gustaf gradezu unverantwortlich dreinhaut, das ist ja freilich nichts Neues.« Gustaf sah schweigend vor sich nieder, um seinen Gesichtsausdruck zu verbergen, und murmelte etwas vor sich hin, was er nicht laut zu sagen wagte. Er wollte kein weiteres Gezänke. Im stillen grübelte er darüber nach, ob er nun Schelte gekriegt hatte, weil er die Fleischklöße bekrittelt oder weil er zu viel davon genommen hatte. Und er gelobte sich im stillen, wenn das nächste Gericht käme, würde er das mit einer so abgezirkelten Mäßigkeit genießen, daß es dem Adjunkten in der Seele weh tun müsse!

Inzwischen entkorkte der Adjunkt die Bierflasche und schenkte sich ein Glas voll ein. Den Rest ließ er für Selma und Gustaf übrig. Diese Sparsamkeit war etwas, was Gustaf tief verachtete; er leerte gewöhnlich sein Glas mit scherzhafter Anstrengung und stieß nachher ein langgezogenes »Ah«! aus, als wolle er andeuten, daß es seine schwachen Kräfte übersteige. Heute begnügte er sich damit, das Bierglas so hastig zu leeren, als wäre es nur ein Fingerhut voll. Eh er es niedersetzte, guckte er ernsthaft hinein, wie um nachzusehen, ob nicht noch etwas drin sei.

Frau Hallin, die den Frieden wiederherstellen wollte, hatte inzwischen begonnen, von Ernsts Heimkehr zu sprechen. Sie fragte den Adjunkten, ob er schon daran gedacht hätte, wo Ernst wohnen solle. Sollte er in des Vaters Stube schlafen? Oder sollte man nachts eine eiserne Bettstelle im Wohnzimmer aufschlagen? Aber der Adjunkt machte bloß eine abwehrende Handbewegung und sagte: »Frag doch mich nicht! Ich hab doch nichts zu sagen hier im Haus!«

Nach und nach taute er aber doch ein bißchen auf. Ein Wort gab das andere; man sprach davon, wie es werden würde, wenn Ernst heimkam; man war neugierig, ob er wohl ein gutes Zeugnis mitbringen würde, ob er recht mager wäre vom vielen Studieren usw. Selma mischte sich sehr lebhaft ins Gespräch und schwatzte mit. Frau Hallin wurde ernsthaft, als das Gespräch auf den Sohn kam.

»Wann glaubst du, daß die Ordination ist?« fragte sie ihren Mann.

Jedoch der Adjunkt war noch immer schlechter Laune. »Das ist noch nicht bestimmt«, sagte er und machte eine abweisende Handbewegung.

Aber das Gespräch war doch nach und nach lebhaft und allgemein geworden. Die Frage, wo Ernst wohnen sollte, ward eifrig erörtert. Der Vater bestand darauf, er solle im Wohnzimmer schlafen. Die Mutter erklärte sehr bestimmt, er müsse in des Vaters Zimmer schlafen; und die Geschwister stimmten ihr bei. Er mußte sich doch auf die Probepredigt und so allerlei ähnliches vorbereiten. Da konnte er ungestört arbeiten, die ganzen Nachmittage lang, solange der Adjunkt in der Schule war. Während des Gesprächs war eine friedlichere Stimmung entstanden. Der Adjunkt gab in der Frage um das Zimmer nach und begnügte sich damit, noch einmal die Besorgnis auszusprechen, es möchte doch zu umständlich sein. Frau Hallin drang eifrig darauf, daß jeder auch seine Arbeit möglichst im voraus tun sollte, damit man, wenn Ernst heimkam, ein bißchen frei wäre. Sie würde backen und noch einmal Weihnachtsbier machen. Ernst tat ihr so leid. Er hatte natürlich in Upsala kein Weihnachtsbier bekommen! Selma erklärte, sie würde sich diese Woche tüchtig hinter ihre Hefte setzen, damit sie dann frei wäre. Gustaf schwieg und sah verärgert aus. Nur als vom Weihnachtsbier die Rede war, flog ein Ausdruck der Zufriedenheit über seine Züge. Wenn es Weihnachtsbier gab – das wußte er – so brauchte er wenigstens nicht von den Resten aus Vaters Bierflasche zu leben!

Jetzt nahm Frau Hallin selber die Teller ab, und als sie mit dem zweiten Gericht hereinkam, leuchteten Gustafs Augen ganz merkwürdig auf. Mit triumphierender Miene packte er seinen Löffel und sah dabei ganz kannibalisch aus. Denn es gab Apfelgrütze, warme, süße, frische Apfelgrütze mit kalter Milch; das war das Lieblingsgericht der ganzen Familie. Alle nahmen sie sich große Portionen, und als Gustaf an die Reihe kam –, nun er hätte sicher neue Vorwürfe vom Adjunkten geerntet, wenn er selber nicht sich mindestens ebensoviel auf den Teller geschöpft hätte! Und eine lange Weile hörte man nichts als schmatzende Zungen, kratzende Löffel und gurgelnde Milch.

Das Dankgebet nach Tisch ward sehr viel fröhlicher gebetet, und als Gustaf dem Vater nach Tisch dankte, klopfte ihm der Adjunkt versöhnlich auf die Achsel, ohne daß der Sohn auch nur ein Wort zu sagen brauchte. Dann trank man im Wohnzimmer Kaffee, und der Adjunkt erzählte dort seine Schulgeschichten, die er während des Mittagessens hatte verschlucken müssen.

Eine Weile später war der Adjunkt auf seine Stube gegangen. Ein Stündchen lag er auf dem Sofa und ruhte aus – die Zeitung auf dem Bauch. Dann saß er am Schreibtisch, und die Feder machte rote Bogen und Striche und wütete in falschen Lateinsätzen, während er selber seinen alten Cavallin im Verein mit Georges um Rat fragte. Und auf ihrem Stübchen saß Selma und tat dasselbe mit ihren französischen Aufgabeheften. Gustaf hatte sein Zimmer oben unterm Dach, eine Treppe hoch, dem des Vaters gegenüber. Es war ein kleines Zimmerchen, eigentlich nur ein Verschlag. Da saß er in seinem Schaukelstuhl und dampfte aus einer langen Pfeife, während er seine etwas geteilte Aufmerksamkeit der Repetition der griechischen Verben auf μι widmete.

Und in der Wohnstube drunten saß Frau Hallin und nähte bei der Lampe. Die Stunden verrannen; es schlug acht Uhr; und der Teetisch versammelte die zerstreuten Glieder der arbeitenden Familie wieder um sich.


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