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Siebentes Kapitel

Die Sonne schien durchs Wohnzimmerfenster; ihre Strahlen glitzerten zwischen den Nippes auf der Etagere. ES waren ihre allerletzten Strahlen, die hereinguckten und Abschied nahmen. Denn es war schon vier Uhr Nachmittag; binnen kurzem würde Dämmerung sich über die kleine Stadt senken, um Fünf war es dunkel; dann brannte die Lampe auf dem Tisch und sammelte alle Glieder der Familie um den Ehrengast des Tages. Denn um zwei Uhr heute war Ernst heimgekommen, und obgleich nur ein Jahr verflossen war, seit er zuletzt zuhause gewesen, hatten sie doch alle ein Gefühl, als hätte man sich lange, lange nicht mehr gesehen.

Die Familie war um den Sofatisch im Wohnzimmer versammelt. Die Kaffeemaschine blitzte, blank und frisch geputzt; und der Adjunkt ging heiter und geschäftig eben selber ins Eßzimmer, um vom Buffet die Kognakflasche und Gläser zu holen.

Der junge Theologe war den Seinen fast ein bißchen fremd geworden. Er war unruhig, als quäle es ihn die ganze Zeit über, daß er nichts zu sagen hatte. Unter einer rahmenlosen Brille glänzten ein Paar große, etwas matte Augen hervor, die einen nach innen gekehrten, aber doch nicht abwesenden Blick hatten; unter den Augen lagen dunkle Schatten, die ihnen einen Ausdruck von Müdigkeit gaben. Die Stirn war weiß und wohlgeformt; vom Scheitel, der mitten über den Kopf lief, fiel das braune Haar schlicht und glatt zu beiden Seiten nieder. Jetzt eben hatten seine Augen etwas Forschendes, als läge hinter allem, was er tat oder sagte, der Gedanke: Wie hat das Leben sich hier gestaltet, solange ich fort war? Wie hat diese Zwischenzeit sie verändert?

Ein ganzes Jahr lang war er nicht daheim gewesen. Und damals hatte sein Besuch bloß ein paar Tage gedauert. Es war nicht anders möglich, als daß er sich ein klein bißchen fremd fühlte unter diesen Menschen, die für ihn die nächsten waren. Selma war alt geworden, fand er – auf dem besten Weg zur alten Jungfer. Gustaf war gewachsen und sah manchmal sogar ganz männlich aus. Seine Flegelei war eigentlich nur noch eine Maske, die er vornahm, weil man an sie gewöhnt war und sie sozusagen von ihm erwartete. Der Vater hatte ein paar graue Haare mehr und ging vielleicht ein bißchen mehr gebückt. Aber die Mutter! In ihre Züge war etwas Scharfes gekommen, das Ernst früher nie bemerkt hatte.

Er saß neben der Mutter, und ein paarmal beugte er sich vor und streichelte wie in Gedanken ihre Hand. Und jedesmal merkte er, wie sie, ängstlich und voll Furcht, daß man es bemerken könnte, in seinen Zügen forschte.

»Na also, erzählt doch ein bißchen!« sagte Ernst schließlich. »Wie ist es euch ergangen im letzten Jahr? Sagt doch was!« Frau Hallin lächelte.

»Eigentlich ist das Erzählen an dir!« meinte sie. »Du kommst aus der großen Welt, in der sich alles mögliche ereignet. Hast viel gesehen und viel gehört. Hier passiert nichts. Du weißt ja, wie es hier ist. Vater hat seine Arbeit, und Selma auch, und Gustaf auch, und ich hab auch meine Arbeit – drunten in der Küche und mit euren zerrissenen Kleidern. Hier ist nichts passiert, seit Gabrielle sich verlobt hat. Das war gerade vor Weihnachten.«

Ernst verzog den Mund. Ein humorvoller Zug kam in sein Gesicht. »Na, ist sie immer gleich befriedigt von ihrem Leutnant?« Der Adjunkt lachte, und Gustaf stieß einen kurzen Laut aus, der den allerhöchsten Grad von Ekel und Verachtung ausdrücken sollte. Aber Frau Hallin nahm mit ungewöhnlichem Eifer das Wort: »Ja, freilich, es ist auch heut noch dasselbe Getue mit dem Leutnant. Weißt du, ich glaube, eigentlich ist es Mama Aurora, die in ihn verliebt ist, und nicht Gabrielle. Sie küssen sich ja freilich reichlich viel. Aber schließlich kriegt man auch das satt. Du sollst bloß Aurora sehen! Wie die vor ihm scherwenzelt und dienert! Ganz extra gekocht wird, wenn diese Perle zum Essen da ist, und wenn er nicht genug ißt, so vergießt Aurora fast Tränen. Ah! der versoffene Kerl! Er sieht aus, als müßte er jeden Augenblick bersten vor Fett!« Sie schwieg einen Augenblick und fuhr dann, als wäre ihr plötzlich etwas eingefallen, fort: »Aber was wissen wir Menschen? Wenn es Gottes Wille ist, so kann auch dies ihnen zum Besten dienen.«

Verstohlen blickte sie nach Ernst hin, wie um seine Gedanken zu erraten. Der aber sah fort und schien ihre letzte Äußerung gar nicht gehört zu haben.

Gustaf ergriff sein Kognakglas und hielt es dem Adjunkten zum Füllen hin.

»Nein, Junge – zwei Kognaks zum Kaffee – das gibt's nicht vor Maturitas!« lachte der Adjunkt.

Gustaf stellte das Glas auf den Tisch und setzte eine gleichgiltige Miene auf.

»Wenn das Geschleck nicht wäre, möcht ich ganz gern an des Leutnants Stelle sein«, bemerkte er.

Alle lachten, und Ernst blickte mit einem Gefühl des Wohlbehagens in das offene, intelligente Gesicht des Bruders, in dem immer ein gewisser Humor gleichsam auf der Lauer lag. Er empfand die Befriedigung, die über einen kommt, wenn man in eine Umgebung zurückversetzt ist, in der man aufgewachsen ist und sich entwickelt hat, eine Umgebung, die durch das bloße Wiedersehen einem die Ruhe der Gewohnheit gibt, die so viel bedeutet im Leben. Er schloß die Augen und strich sich mit der Hand über die Stirn. Ein schmerzhaftes Empfinden durchzuckte ihn. Da stand er nun vor dem Ziel, auf das er so viele Jahre lang hingearbeitet hatte. Die Studienzeit war zu Ende; das Leben sollte beginnen. Aber er hatte gar keine Lust, in dies Leben hinauszutreten, eher eine Art von Scheu, als vor etwas Fremdem, Unbekanntem, das auf ihn wartete, voll von drohenden Gefahren. Er wünschte fast, er hätte noch ein bißchen warten, sich wenigstens ein Jahr lang noch bedenken können. Er brauchte ja doch Zeit, ehe er einen so entscheidenden Schritt tat und als Geistlicher ins Leben hinaustrat!

Geistlicher? Das Heimatgefühl, das ihn erwärmt hatte, begann zu weichen; ein Gefühl unendlicher Leere erfüllte seine Seele. Er würde von all dem reden; und der Vater würde verwundert aussehen, und die Mutter würde weinen, und alle würden sie mit Bibelsprüchen antworten, mit allem möglichen, das sie aus Büchern genommen hatten! Und er – er brauchte doch gerade jetzt einen Menschen! Einfach einen ehrlichen, guten Alltagsmenschen, der ihn verstünde! Er vergaß, wo er war, und ehe er daran dachte, was er tat, seufzte er tief auf.

Die Mutter legte ihm die Hand aufs Knie und blickte angstvoll zu ihm auf: »Was ist mit dir? Du siehst gar nicht wohl aus!«

Des Sohnes Gesundheit war ihre ständige Sorge. Seit sie wußte, daß er schwach auf der Brust war und daß vielleicht einmal ein Lungenleiden bei ihm zum Ausbruch kommen und sein Leben kurz abschneiden könnte, hatte sie keine Ruhe mehr. Es war ihr eine solche Beruhigung jetzt, daß sie ihn wieder unter ihrer Obhut hatte, daß sie sich nicht mehr zu ängstigen brauchte, ob er auch genug aß und sich warm genug anzog!

Der junge Mann fuhr bei ihrer Frage zusammen und sah sich um, verlegen, daß er sich hatte ertappen lassen.

»Danke, es geht mir ganz gut!« sagte er. »Ich bin bloß ein bißchen müde.«

»Muß man dich jetzt Herr Pastor nennen?« fragte Gustaf plötzlich mit neugieriger Miene.

Ein allgemeines Lachen brach los. Gustaf hatte doch auch immer zu wunderbare Einfälle! Und mit dem Lachen senkte sich eine stille, warme Ruhe über das Gemüt des ältesten Sohnes. Er dachte an die Tage, da er noch ein Kind gewesen war, als die Mutter ihnen ihre Lieblingsspeisen gekocht hatte und sie ihre Freunde einladen durften, und ein Gefühl der Zufriedenheit und Freude überkam ihn.

Selma betrachtete inzwischen den Bruder forschend; irgend etwas in seinem Aussehen störte sie. Er sah unmännlich aus. Etwas Energieloses, Müdes lag schon in der Art, wie er sich in den Stuhl zurück lehnte. Verstohlen betrachtete sie ihre eigene volle Figur, ihre kraftvollen Glieder, und dachte: Wenn ich ein Mann geworden wäre und mir meinen Weg im Leben selber suchen dürfte!

Der Bruder paßte viel besser zum Haushammel, fand sie. Der Adjunkt dachte allerlei alte Gedanken aus alten Zeiten.

»Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie merkwürdig mich das berührt, daß du jetzt Geistlicher bist!« sagte er. Seine Stimme hatte einen ungewöhnlich weichen Klang, und die Augen unter der Brille glänzten. »Es war meines alten Vaters großer Kummer, daß keiner von uns diesen Weg einschlug. Und ich hab's oft bereut, daß ich's nicht getan hab,« schloß er seufzend.

Er dachte an seine ärmlichen finanziellen Verhältnisse und hustete ein paarmal, um seine Stimme wieder zu klären. Frau Hallin blickte wieder nach dem Sohn hin, um zu sehen, was er wohl denken mochte. Der aber sagte gar nichts; und in der Dämmerung konnte sie seinen Gesichtsausdruck nicht deutlich erkennen.

Ja, ja, dachte er. Es ist wohl am besten so, wie es ist. Sein aufrührerisches Herz mußte sich beugen; und Gott hatte verheißen: dem, der Vater und Mutter ehrte, sollte es wohlergehen auf Erden.

Eine lebhafte Bewegung ergriff ihn; und fast hoffte er, alle Zweifel, die ihn noch quälten, müßten jetzt verstummen, nun er wieder daheim war. Ja, alles würde gut werden! Jetzt hieß es bloß, vorwärts gehen, vorwärts auf dem Weg, der vor ihm lag. Nicht zu viel denken, nicht grübeln! Wenn er bloß die dummen Gedanken los würde …

Die Lampe kam. Selma hatte sie angezündet. Das grelle Licht tat ihnen allen in den Augen weh; eine Weile saßen sie mit der Hand vor dem Gesicht da. Dann wirkte der Lampenschein belebend; das Gespräch kam besser in Fluß. Alle drängten sich um Ernst, alle wandten sich ihm zu, alle hatten sie ihm irgend was zu erzählen. Der Adjunkt brachte ein paar von seinen letzten Anekdoten an, die die übrigen Glieder der Familie schon einen ganzen Monat lang gehört hatten, so oft Besuch da war; und als er sie erzählt hatte, fragte er Ernst, ob er nicht ein paar neue Upsalaer Anekdoten wisse, zum Beispiel von Ribbing oder Svedelius. Da aber Ernst nicht aussah, als wäre er dazu besonders aufgelegt, verzichtete der Adjunkt und erzählte selber weiter. Frau Hallin erzählte auch. Sie sprach von allerhand Bekannten, von einem Diner beim Bischof und einem Souper beim Dompropst und fing dann wieder von der Familie des Schwagers und der Verlobung an. Selma sagte nicht viel, half nur aus, wenn die Mutter etwas vergaß. Und Gustaf brachte ein paar wenig respektvolle Anekdoten von seinen geliebten Lehrern aufs Tapet, die der Adjunkt aus Gewissenhaftigkeit manchmal zu stoppen versuchte, und die er doch mit heimlichem Vergnügen anhörte. Ganz besonders freute es ihn, wenn Gustaf erzählte, wie sie Onkel Abel an der Nase herumführten. Die Anekdoten merkte sich der Adjunkt immer ganz besonders, um später den Bruder damit zu erbauen.

So ging der Abend hin. Als man zu Nacht gegessen hatte, wurde Abendandacht gehalten. So wurde es zehn Uhr, und der Adjunkt drang eifrig darauf, daß man zu Bett gehen sollte.

»Denkt doch, morgen müssen wir um Sieben aufstehen!« sagte er.

Frau Hallin umarmte den heimgekehrten Sohn und sah ihm lange ins Gesicht, um zu ergründen, was es nun eigentlich war, was sie so gar nicht recht wiedererkannte.

»Denk auch dran, daß du wieder daheim bist!« sagte sie …

»Geh mit Papa. Du schläfst in seinem Zimmer.«

Und als alle fort waren, saß sie noch eine Weile bei der Lampe, ehe sie sie löschte. Sie wußte nicht so recht, woran es eigentlich lag. Aber sie hatte sich die Heimkehr des Sohnes ganz anders gedacht.

Das Studierzimmer des Adjunkten Hallin lag unter dem Dach. Eine Holztreppe führte hinauf. Der Adjunkt ging voraus, der Sohn folgte. Schwatzend tasteten sie sich durchs Dunkel, der Adjunkt langte den Schlüssel herunter, der an seinem gewohnten Platz über der Tür lag, und sie traten ein.

Durch das Fenster erblickte man den beschneiten Domplatz, über den hartgestampfte Wege führten und wo die Ulmen ihre nackten, knackenden Zweige im Februarsturm bogen.

Ernst war es wunderlich zu mut. Wie oft hatte er das Verlangen gehabt, hierher, in dies Zimmer, zu gehen und mit dem Vater zu sprechen, vertraulich, wie mit einem Freund. Aber im Erziehungsprogramm des Vaters hatte etwas derartiges nicht gestanden, und heut, wo der Vater es vielleicht selber wünschte, heut wußte er nicht mehr, wo er anfangen sollte.

Der Adjunkt zündete die Kerze an, ließ den Vorhang herab und fing an, sich auszukleiden. Ernst setzte sich in die Sofaecke; sein langgezogenes Gesicht sah im matten Schein der Kerze ganz graubleich aus.

»Gehst du noch nicht zu Bett?« fragte der Adjunkt.

»Ich glaube, ich möchte noch eine Weile aufbleiben!«

»Ich denke, du bist müde!«

»Nein, nicht einmal. Das ist schon vorüber.«

Der Vater fuhr fort, sich auszukleiden. Er zog seine Pantoffeln an und fuhr in seinen Schlafrock; jetzt war er fertig. Ernst lächelte. Er hatte dies Bild so oft gesehen; und es war ihm ein Genuß, daß er es jetzt wiedersah.

»Morgen schlaf' ich recht lang!« sagte er.

Der Adjunkt zog den Schlafrock über der Brust zusammen und ging.

Lang saß Ernst noch da, gerade so, wie der Vater ihn verlassen hatte. Ohne eigentlich zu wissen, was er tat, stand er nach einer Weile auf und zog die Gardine hoch. Die Kerze stellte er weg, damit er den Platz vor dem Haus deutlich sehen konnte.

Es war ganz dunkel draußen. Eine einzige Gaslaterne warf über den Bürgersteig und die Straße vor dem Fenster einen gelben Schein, der im Sturm erzitterte; die Äste der Ulmen schlugen prasselnd aneinander; ein seltsames Stöhnen und Seufzen ging über den alten Domplatz.

Das war sein täglicher Weg gewesen, ehe er das Abiturientenexamen gemacht hatte. Unter den großen Ulmen, die schattend um den alten Dom aufragten. Am liebsten war er abends da gegangen, wenn die Sonne sich in farbenreichen, mystischen Nuancen in den bunten Fenstern der Kirche brach. Stundenlang war er da auf und ab gegangen, bis die Sonne sank und Dämmerung sich über die kleine Stadt senkte. Wenn die Kirchentür offen war, ging er auch manchmal hinein und stand, an eine Bank gelehnt, lang in träumende Andacht versunken. In mächtigen Reihen wölbten sich über ihm die steinernen Pfeiler, die das spitze Dach trugen. Durch die hohen Spitzbogenfenster schien die Tageshelle und mischte Licht und Schatten phantastisch ineinander. Und zu hinterst, im Chor, drängen sich die Sonnenstrahlen in Bündeln durch das bunte Glas der Seitenfenster, spiegelten ihre Farben auf Wand und Säulen wider, brachen gleich einem schimmernden Lichtweg über den Altar, warfen seltsame Reflexe auf das Antlitz des Erlösers, der mit dem Kelch in der Hand darüber stand, und tränkten den Boden unter seinen Füßen und um den Altar her mit einer rotleuchtenden Lichtflut.

Mit dem alten Dom waren die Jünglingsträume des jungen Geistlichen ganz merkwürdig verschmolzen; und als er nun dasaß und in die Nacht hinausschaute, versuchte er sich vor allem seine alte Domkirche ins Gedächtnis zu rufen. Die Hände vor die Augen gepreßt, die Ellbogen auf den Fenstersims gestemmt, saß er da und starrte hinaus ins Dunkel. Er vermochte nichts anderes zu sehen, als die dunklen Umrisse des gewaltigen Baus. Und doch gedachte er so lebhaft der Abende, da er einsam durch die Alleen um die Kirche gewandert war oder an weichen Sommerabenden auf einer der grüngestrichenen Bänke im Schatten der Ulmen gesessen hatte. Ganz besonders lebhaft erinnerte er sich des Frühlings.

Des Frühlings!

Einsam war er gewesen – immer – seine ganze Jugend lang! Mit ein paar Schulfreunden hatte er freilich verkehrt. Aber einsam war er doch gewesen. Bei seiner Schwächlichkeit hatte er an den Spielen der gleichaltrigen Knaben nie teilnehmen können. Er hatte ganz für sich allein gelebt, hatte gelesen und gegrübelt, gegrübelt und gelesen. Immer hatte der Gedanke ihn begleitet, daß er doch nicht alt, daß er nicht einmal ein reifer Mann werden würde. Und mit einer fast kränklichen Angst hielt er den bösen Gedanken fest, daß er wahrscheinlich sterben müsse, ohne daß nach ihm irgend etwas noch daran erinnern würde, daß er überhaupt je gelebt hatte. Er glaubte an ein anderes Leben; er glaubte, nicht besonders am Erdenleben zu hängen. Und doch brannte und glühte, ohne daß er es wußte, in ihm eine Liebe zum Leben, zu allem, was Leben war, eine Liebe, die um so stärker und glühender war, je weniger er dies Leben genossen hatte, dies Leben, das er mit all der überreizten Empfänglichkeit der Schwindsüchtigen für die Eindrücke der wirklichen Welt umfaßte.

Darum verweilte er auch besonders bei den Frühlingserinnerungen. Er hatte nie den lauernden Feind in seiner Brust vergessen können; im Gegenteil, der Frühling brachte ihm stets eine Melancholie, so stark und zu gleicher Zeit so unreflektiert, daß er manchmal, wenn er nach seinem längeren Spaziergang, an allen Gliedern zerschlagen, heimkam und in seinen Kleidern den Duft der frischen Luft, der feuchten Erde auf seine Stube brachte, zu seiner eigenen Überraschung sich dabei ertappte, daß er still und unaufhaltsam vor sich hinweinte, wie ein Kind, das auf die Fragen der Erwachsenen nach der Ursache seiner Tränen nur antworten kann: »Ich weiß nicht!« Aber er genoß den Frühling, genoß das aufkeimende Leben, das Gras, das leise hervordrängte, die Leberblümchen, die die Marktweiber in Körben zum Verkauf anboten, die Bäume, die knospten, den Himmel, der so warm blau war, von weißen, weichen Wolken durchzogen, die laue Luft, die Sonne, die zwischen den Häuserreihen brannte, die Vögel, die auf den Zweigen der Ulmen um den alten Dom her saßen und zwitscherten. Die Vögel, die liebte er ganz besonders, konnte mit der Freude eines Kindes ihren Spielen zusehen, ihrem Gezwitscher lauschen und beobachten, wie sie sich paarten und Nester bauten.

Draußen heulte der Wind, fuhr lärmend durch den Schornstein und pfiff durch die Ritzen der Fensterscheiben. Drunten auf der Straße hatte er ein Blechschild in Bewegung gesetzt, das mit unaufhörlichem Geklapper hin und her schwang.

Und wie Ernst Hallin so, die alte Kirche vor sich, dasaß, war ihm fast, als müsse er vor ihr Rechenschaft ablegen. Wie war er zurückgekommen? Es kam ihm vor, als wäre er eben erst als Jüngling hier gewesen, und jetzt saß er da – als Mann, bereit, ins Leben hinauszutreten. Als Mann. War er wirklich ein Mann? Bereit, ins Leben hinauszutreten. Durfte er sich »bereit« nennen?

Ein leises Klopfen an der Tür ließ ihn zusammenfahren. Er war ganz erschrocken. Seine Gedanken hatten ihn so weit fortgeführt, daß er fast vergessen hatte, wo er saß und wie spät es schon war. Jetzt fiel ihm das alles plötzlich wieder ein, und mit einer Stimme, die ein bißchen härter klang, als just nötig gewesen wäre, fragte er: »Wer ist da?«

Die Tür öffnete sich und Gustaf steckte fragend den Kopf herein. Er war ohne Kragen und hielt eine Pfeife in der Hand, aus deren Deckel ein leichter Rauch aufstieg.

»Darf ich hereinkommen?« fragte er.

Aber als er das Licht, das Ernst in die hinterste Ecke gestellt hatte, und die aufgezogene Gardine und den Stuhl am Fenster erblickte, ward seine Miene unschlüssig; er betrachtete den Bruder zweifelnd und fragte: »Stör' ich dich? Soll ich lieber wieder gehen?«

Gustaf war eine ganz andere Natur als der Bruder. Er war zehn Jahre jünger als Ernst, und manchmal, in gewissen Augenblicken, sah es fast aus, als gehöre er einer ganz anderen Generation an. Er machte niemals viel Wesens aus sich selber und seinen Ansichten, aber er hatte mit seinen siebzehn Jahren seine Anschauungen für sich, so klar und so ausgebildet, wie ein Mensch aus seines Vaters Generation das geradezu als Ungebührlichkeit betrachtet hätte. Nicht einmal Ernst ahnte, was in diesem Augenblick in dem jüngeren Bruder vorging.

Es hatte Gustaf stets unangenehm berührt, daß der Bruder Geistlicher werden sollte. Und in diesem Augenblick hatte der Junge das Gefühl, als habe er den älteren in einer Stunde des Gebets überrascht. Er fand, die Szene sei recht gut arrangiert – die Gardine aufgezogen, damit man die Kirche sehen konnte – und dann am Fenster sitzen und zu Gott beten! Schließlich war es ja allerdings nur Einbildung; es war ja viel zu dunkel, als daß man die Kirche hätte sehen können! Er hatte dem Bruder gegenüber ein Gefühl, das fast an Verachtung streifte.

Ernst verstand zwar den Gedankengang des jüngeren Bruders nicht ganz; aber so viel ahnte er doch, daß der andere sich darüber wunderte, daß die Gardine aufgezogen war und er da am Fenster saß, statt zu Bett zu gehen. Er fühlte sich geniert, wie einer, der sich in einer Situation ertappt sieht, die einen Beigeschmack von Kindischem hat. Darum ließ er rasch die Gardine nieder und stellte die Kerze auf ihren gewöhnlichen Platz zurück.

»Ich hab' am Fenster gesessen und hinausgeschaut,« sagte er. »Weißt du, auf dem Platz da drunten bin ich immer spazieren gegangen.«

Und Ernst lächelte fast scheu, in der Furcht, der Bruder möchte ihn nicht verstehen; Gustaf dagegen seufzte erleichtert auf und dachte voll Befriedigung: »Ach so, ja, das ist was anderes!«

Laut sagte er: »Ich dachte bloß, ich wollte auf einen kleinen Schwatz zu dir kommen.«

Aber es wollte irgendwie kein Gespräch in Gang kommen. Die Brüder saßen einander gegenüber, als wären sie sich ganz fremd; beide fühlten es, es war eine Kluft zwischen ihnen, die nicht so leicht zu überspringen war.

Als Gustaf nach einer Weile auf sein Zimmer ging, war in ihm ein Empfinden, das ihn gleichzeitig freute und verwirrte. Er hatte immer gemeint, allen Geistlichen müsse etwas Gemeinsames anhaften, großen und kleinen, alten und jungen, mageren und fetten, wohlbestallten Pröpsten und halbverhungerten Vikaren. Aber dies »Geistliche« konnte er bei seinem Bruder noch nicht entdecken. Und er dachte mit dem ironischen Lächeln, das ihm eigen war, wenn er sich allein wußte, darüber nach, ob dies »Geistliche«, das er zu seiner Freude beim Bruder einstweilen noch vermißte, überhaupt erst mit den Jahren kam und wie bald es wohl kommen würde. Vielleicht war es etwas Sakramentiges, das sich in der Ordination mitteilte. Aber da fiel ihm Pastor Simonson von der Schule ein. Bei dem fand sich dieses undefinierbare »Geistliche« in hohem Maße. Und der war weder alt noch ordiniert. Gustaf kam endlich auf den Schluß, es müsse wohl etwas sein, das von außen käme. Was es war, wußte er nicht. Aber er war froh, daß es beim Bruder nicht vorhanden war. Und er beschloß, diese Entdeckung bei Gelegenheit auch seinen besten Freunden in der Schule anzuvertrauen. Denn er fühlte wohl, es schadete seiner Stellung unter den Kameraden, daß er einen Bruder hatte, der Geistlicher war.


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