Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Zwölftes Kapitel

Am 20. März war bei Professor Hallins große Abendgesellschaft; alle Honoratioren der Stadt waren geladen. Es war ihr Hochzeitstag, und in ihrem ganzen Bekanntenkreis war es zur Gewohnheit geworden, daß man an diesem Tag abends bei Hallins war. Landshöfdings waren da und Bischofs, ein paar von den reichen Kaufmannsfamilien, die Professoren vom Gymnasium mit ihren Familien und ein paar von den Lehrern.

»Geht Ernst heut abend mit?« fragte Frau Hallin, als die Familie nach Tisch um den Kaffeetisch versammelt war.

»Ja natürlich«, sagte der Adjunkt. »Warum sollte er nicht mitgehen?«

»Meinst du, es macht sich gut, wenn er abends ausgeht in der Woche, eh er seine Probepredigt hält?« fragte Frau Hallin in ihrem allerernstesten Ton.

»Ach, was tut denn das!« erwiderte der Adjunkt.

Aber ein Blick seiner Frau ließ ihn verstummen, und er wandte sich direkt an seinen Sohn.

»Was sagst du selbst dazu?« fragte er.

Ernst sah unschlüssig aus. Er war so gewöhnt, andere für sich entscheiden zu lassen, daß es ihm schwer ward, einen Entschluß zu fassen, der irgendwie die Wünsche anderer durchkreuzte. Aber er antwortete doch, wenngleich etwas zögernd:

»Ja, ich wollte eigentlich gehen.«

Frau Hallin äußerte nur: »Selbstverständlich mußt du in einer solchen Sache tun, wie du willst.«

Aber die ganze Familie fühlte die Gewitterwolke, die über ihnen schwebte, ohne sich zu entladen, und Ernst fing schon an, sich Gewissensbisse zu machen.

Die Sache verhielt sich nämlich so: Selma hatte ihm vor dem Essen anvertraut, es würden heut abend auch junge Leute kommen. Sie hatte es von Gabrielle gehört, die sie auf dem Weg zur Schule getroffen hatte. Sicher würde da auch Eva Baumann kommen. Denn ihre Tante verkehrte bei Professor Hallins. Und das hatte Ernst bestimmt. Er mußte gehen, koste es, was es wolle.

Er hatte in den letzten zwei Wochen ein ganz neues Leben gelebt. Seit der Begegnung an der Brücke war er ein ganz anderer. Guter Laune, heiter in der Familie, zärtlich gegen die Mutter. Und, was das Allermerkwürdigste war – er hatte seine Predigt geschrieben. Und zwar ganz ohne Anstrengung, ohne Grübelei, leicht wie ein Spiel!

Frau Hallin fing schon an, ihren bösen Ahnungen unrecht zu geben.

Daß er heut abend in die Gesellschaft gehen würde, war für ihn eine ganz abgemachte Sache. Die Mutter mochte sagen, was sie wollte. Er machte frühzeitig Toilette und war vor den anderen drunten im Wohnzimmer.

In Professor Hallins großem Salon waren die Möbelüberzüge entfernt, das weiße gestickte Tischtuch lag zierlich auf dem großen Sofatisch ausgebreitet, der Schein der Lampe widerstrahlte hell von dem Weiß, und in dem bronzenen Kronleuchter brannten alle Lichter.

Professor Hallin wanderte in Frack und weißer Krawatte durch die Zimmer und besah sich das ganze Arrangement. Niemand hätte es ihm angesehen, daß er schon über sechzig Jahre alt war. Der Bart war freilich grau und der Schädel kahl. Aber unter die grauen Haare mischten sich noch viele braune, und bei festlichen Gelegenheiten trug er seine Korpulenz mit einer Elastizität, als wäre sie bloß der Ausdruck jugendlicher Gesundheit und Kraft. Sein Gesicht war fast faltenlos, die Jahre schienen über ihn hinweggegangen zu sein, ohne ihn alt gemacht zu haben, und in seinen Augen blitzte eine Frohlaune, die ihn ordentlich verjüngte.

Er warf einen flüchtigen Blick über die Zimmerreihe – er wußte, bei einer solchen Gelegenheit konnte er sich auf seine Frau verlassen – und stieg dann die Wendeltreppe hinauf, die zu den Rauchzimmern führte.

Diese beiden Zimmer, ein großes und ein kleines, waren sein Stolz, der größte Luxus, den er sich selbst gestattet hatte. Er sah sich um in diesem Komfort, den er im stillen »europäisch« nannte, und ein Gefühl von Eitelkeit beschlich ihn beim Gedanken, daß in ganz Gammelby etwas Ähnliches nicht zu finden war. Er blickte auf die Spieltische, auf denen neue, ungebrauchte Karten lagen. In den Leuchtern an den Wänden brannten neue, dicke Kerzen, und durch die Portiere, die schräg über der Tür hing, schimmerte der lichtgrüne Schein der großen Laterne, die in der Mitte des kleineren Zimmers hing.

Der alte Herr besah sich die Kognaketiketten und hielt die Punschkaraffen gegen das Licht, um zu sehen, ob sie auch ganz blank und klar wären. Dann zählte er die Gläser und machte eine Zigarrenkiste auf, die er zwischen die Mundstücke und Meerschaumpfeifen auf dem eleganten Rauchtisch setzte. Darauf stellte er sich vor einen Pfeilerspiegel, der von der Decke bis zum Fußboden reichte, und gönnte sich einen Überblick über seinen äußeren Menschen.

Er schlug den Frack zurück und drehte sich seitwärts, um zu sehen, ob sein Bauch dicker geworden wäre, seit er den Frack zuletzt angehabt hatte, glättete den Bart und rückte die Krawatte zurecht. Die flotte Art, wie der Professor eine Krawatte zu binden verstand, war sein Stolz. Dann nickte er seinem Spiegelbild zu und summte gedankenlos eine französische Operettenmelodie.

Mit geradem Rücken und weichen, geschmeidigen Schritten stieg er die teppichbelegte Wendeltreppe wieder hinab und trat in den Salon.

Dort stand seine Frau, mit der großen Lampe beschäftigt, die zu hoch hinaufgeschraubt war.

Die Professorin trug ein schwarzseidenes Kleid mit langer Schleppe. Es war am Hals mit einer großen goldenen Brosche geschlossen, in deren Mitte ein Stiefmütterchen aus Juwelen funkelte; am rechten Arm funkelte ein mit Perlen besetztes goldenes Armband. Die kurzen, halboffenen Ärmel ließen ein Paar volle Arme sehen, die noch die ganze weiße Weichheit der Jugend zeigten.

Als sie den Professor erblickte, ging sie zu ihm hin und legte ihm die Arme um den Hals.

»Abel!« sagte sie.

Der Professor küßte sie flüchtig auf die Stirn und schob sie sachte von sich. Er kannte diese Gefühlsausbrüche, grad eh die Gäste kommen mußten.

»Ja, lieber Schatz,« sagte er, »die Zeit vergeht!«

Und er warf einen Blick in den Spiegel, um zu sehen, ob auch die Hemdenbrust oder die Krawatte keinen Schaden gelitten hätten. Die Professorin segelte durch das Zimmer – mit dem eigentümlichen Gang, den kleine dicke Frauen an sich haben, besonders wenn sie Seide tragen.

»Gabrielle!« rief sie zur Tür hinaus.

»Ja, Mama!« klang es von einem Nebenzimmer zurück.

»Beeile dich!« sagte die Mutter. »Ich höre Axel schon auf der Treppe.«

Professor Hallin hatte ganz plötzlich noch etwas im Rauchzimmer zu tun.

»So – muß der noch vor den andern kommen?«

Seine Frau warf ihm einen vorwurfsvollen Blick zu und ging in die Küche, damit die Kinder sich ungestört begrüßen konnten. Die paar Minuten konnte man ihnen wenigstens gönnen!

Gabrielle kam im Sturm herausgelaufen. Sie trug ein Kleid von weißem Tüll mit rosa Schleifen. Schelmisch stellte sie sich hinter die Tür und wartete, bis der Bräutigam draußen klingelte.

Er ließ auch nicht lange auf sich warten. Fräulein Gabrielle öffnete mit behenden Fingern und sprang dann ein paar Schritte zurück, um die Wirkung zu beobachten, den ihr Anblick auf den Verlobten machen mußte. Sie verzog ungeduldig den kleinen Mund; ihre Augen glänzten unter den gebrannten Locken. Der Leutnant trat ein. Er war in Uniform. Rasch warf er den Mantel ab und stand in voller Gala, mit funkelnden Achselstücken, den Degen an der Seite, vor seiner Braut. Beide standen einen Augenblick ganz still, wie um ihr gegenseitiges Entzücken zu genießen. Gabrielle verschlang ihn förmlich mit den Blicken. Dann warf sie sich mit einem kleinen Schrei, mit einer eigenwilligen Bewegung an seine Brust und überhäufte ihn mit Küssen.

»Du bist süß, süß, süß!« flüsterte sie dazwischen durch. »Komm auf mein Zimmer, da können wir eine Weile in Frieden sein, eh die andern kommen!«

»Meine kleine Gabby!« sagte der Leutnant, während er ihr folgte.

Aber die unartigen kleinen Schwestern, die gehört hatten, wie Mama rief, »Axel« sei da, waren schon fertig in ihren hellen kurzen Kleidern, weißen Strümpfen und offenen Haaren und warteten nur darauf, daß Mama in die Küche gehen sollte, um sich sachte in das kleine Eckzimmer zu schleichen, wo die Tür zu Gabrielles Zimmer halboffen stand.

»Sei still!« sagte die zwölfjährige Elin zu der zehnjährigen Anna.

Und dann horchten sie auf die zärtlichen Liebesworte und Liebkosungen. Und wenn es so still war, daß sie diese ewigen, langen, dummen Küsse nur ahnen konnten, zwickten sie einander in den Arm und verbissen das Lachen.

»Herrje, sind die albern!« sagte Anna.

Elin war neugieriger. Sie wollte sie auch sehen und schielte vorsichtig durch die offene Tür.

»Denk mal, sie sitzt auf seinem Schoß!« sagte sie zu der Schwester.

Dann warteten die zwei kleinen Unschuldswürmer noch ein Weilchen, um schließlich mit lautem Lärm und dem vereinten Ruf: »Kuckuck!« in Gabrielles Zimmer zu stürzen.

Gabrielle fuhr auf und rief außer sich:

»Herrgott, die so ungezogenen Rangen!«

Und die Professorin kam eilig aus der Küche gesegelt, um Frieden zu stiften.

»Schämen solltet ihr euch, heut, wo Gäste kommen! Hab' ich euch nicht gesagt, ihr sollt Gabrielle nicht immer ärgern?« Im selben Augenblick ertönte draußen die Klingel. Elin wurde hinausgeschickt, um das Zimmermädchen zu rufen, die im Korridor sein mußte. Die Professorin eilte in den Salon, um zum Empfang bereit zu sein, und Gabrielle hing sich noch einmal an den Hals des Verlobten und warf dabei einen ganz extra schwesterlichen Blick über seine Schulter nach »den ungezogenen Rangen!«

Jetzt kamen die Gäste. Im Vorzimmer herrschte ein Gedränge. Damen und Herren lösten einander vor dem Spiegel ab. Solide alte Damen in Haube und falschen Locken, alte Herren mit grauen Perücken oder glänzenden Platten und grauem Bart, mittelalterliche Herren, die meisten mit kahler Stirn und blühender Farbe, elegante junge Herren mit grobem Scheitel und Kneifer, mittelalterliche Damen mit schlichtem Haar und einer schwarzen Schleife auf dem Kopf, mit strengem, steifem Gesicht, die die Welt und alles, was von der Welt war, verachteten, und die nur kamen, um zu zeigen, daß sie sich in dieser Welt, die sie verachteten, auch ebensogut bewegen konnten. Und schließlich fröhliche, rosige Mädchengesichter, die lang vor dem Spiegel standen und ihn endlich mit dem Lächeln verließen, das verlangt wurde, wenn man zu einem Hochzeitstag gratulieren mußte.

Alle, die in den Salon traten, alt und jung, Herren und Damen, behielten die Handschuhe an, wie zu einem Ball; einige der Herren, die in Stockholm gewesen waren und wußten, was sich gehört, hielten den Chapeau claque unterm Arm, während sie drin mit den Damen plauderten, in einer Salonecke oder einem Türrahmen standen oder in eleganter Haltung Staffage in den bunten Räumen bildeten. Und alle kamen sie zum Gratulieren. Sie dienerten und verbeugten sich, Worte flogen hin und her, so herzlich, so heiter, als fiele es keinem im Traum ein, daß je ein Wölkchen auch nur eine Sekunde lang den heitern Himmel dieser Musterehe verschaltet haben könnte. Die Damen nahmen die »liebe, liebste Aurora« in die Arme und küßten sie auf Mund oder Wange, wie sich's nun eben traf. »Ach Aurorachen!« »Du siehst wahrhaftig aus wie deine eigene Tochter!« »Seid ihr wirklich schon ganze zwanzig Jahre verheiratet?« »Ja, wenn die Kinder nicht wären – man könnt' es überhaupt nicht glauben!« »Und die liebe kleine Gabrielle! Wenn man bedenkt, daß sie auch schon verlobt ist!« »Teure Aurora, wie lieb von dir, uns einzuladen!« »Es tut mir so leid, daß ich nicht einmal ein paar Blumen habe für dich! Aber alle meine Blumen gedeihen diesen Winter so schlecht!« – Dies letztere war die Bischöfin.

Jedoch auch ernsthaftere Glückwünsche gab es, die sich in langen, bedeutungsvollen Händedrücken, in leise geflüsterten Worten äußerten: »Gott segne dich, Aurora, und laß es dir wohl ergehen!« Während die Herren ihre Gefühle bei dieser Gelegenheit etwas einförmiger ausdrückten: »Habe die Ehre!« »Beste Glückwünsche!« »Hoffe, daß noch viele frohe Jahre …« »Hm … Hm …« usw., »Hoffe, noch viele Jahre die Freude zu haben …« »Hm … Hm …« usw.

Die Professorin empfing alle Glückwünsche und bemaß ihre Erwiderungen nach der Anrede. Sie lächelte den Fröhlichen fröhlich zu und war wehmütig mit den Wehmütigen. Und während immer mehr Gäste hereinströmten, bewegte sie sich voll Eifer zwischen Sofa und Tür, wies allen ihre Plätze an und vergaß weder die verschiedenen Rangstufen noch die verschiedenen Antipathien.

Professor Hallin strahlte vor Vergnügen. Aufrecht und elegant schob er seine korpulente Gestalt zwischen den Schleppen der Damen und den Möbeln des Salons durch, ohne auf die einen zu treten oder an die anderen zu stoßen. Für die alten Damen hatte er artige und verbindliche Worte, für die jungen Mädchen galante Blicke und ein väterliches Achselklopfen oder Wangenstreicheln. Dem Bischof, mit dem er auf Du stand, machte er eine Verbeugung, respektvoll, wie sie sich für den Ephorus des Gymnasiums gebührte, und begleitete sie mit einem heitern Blinzeln, das dem Duzfreund galt; für seine Kollegen hatte er die zwanglose Heiterkeit, die sich kein anderer als Professor Hallin in einem Salon hätte gestatten dürfen. Er schnitt ihnen Grimassen, puffte sie in den Rücken und schlug ihnen auf die Achsel, daß es auf dem feinen Fracktuch nur so klatschte. Und für all diese harmloseren Verbrechen gegen die Schicklichkeit wie für Vergehen ernsterer Art hatte ganz Gammelby nur ein Urteil: »Herrgott, ja, es ist eben Professor Hallin!«

Adjunkt Hallins kamen etwas spät. Frau Hallin hatte ziemlich ausführlich Toilette gemacht, aus Rache, wie der Adjunkt vermutete, weil Ernst nicht hatte auf das Mitgehen verzichten wollen. Als sie nun aber in den Salon trat, war sie eitel Sonnenschein, küßte die Schwägerin auf beide Backen, drückte ihr die Hände und flüsterte: »Liebe, gute Aurora!« Die Schwägerin erwiderte ihre Zärtlichkeit mit Tränen in den Augen. Sie wußten beide, daß alle Damen im Zimmer sie beobachteten. Denn ganz Gammelby wußte, daß die Schwägerinnen sich nicht gut standen. Der Gymnasiallehrer umarmte seinen Bruder herzlich. »Alles Gute, alter Kain!« sagte er innig.

Der Professor zupfte ihn lustig am Bart und erwiderte: »Du, auf alten Bäumen wächst Moos!«

Ernst Hallin fühlte sich ein bißchen verlegen, als er in diesen Salon voller Menschen trat. Er paßte im allgemeinen nicht in große Gesellschaften. Ungeschickt und eckig, das fühlte er selbst, wünschte er dem Onkel und der Tante Glück, verbeugte sich steif vor den Damen, begrüßte einige der Herren, zog sich dann in eine Ecke zurück und sah sich um. Ein Mädchen bot auf einem Tablett Tee an, hinter ihr kam eine zweite mit einem Tablett voll Kuchen. Nicht weniger als vierzehn verschiedene Sorten, rechnete Frau Hallin aus.

Auf dem Sofa saß die Bischöfin, auf ihrer einen Seite die Rektorin Ahlkvist, auf der andern die Bürgermeisterin Rundlund. Sie sprachen von einem Basar, der kürzlich abgehalten worden war zugunsten eines Magdalenenheims in Gammelby, und es wurde erzählt, als Nettogewinn wären nicht mehr als fünfundsiebzig Kronen eingegangen. Die drei Damen redeten eifrig durcheinander; die Rektorin und die Bürgermeisterin beugten sich beide zur Bischöfin hin, die mit ihrer Teetasse in der Hand dasaß und bekümmert das Haupt schüttelte, während sie ihre Aufmerksamkeit zwischen dem projektierten Magdalenenheim und einem Vanillebrötchen teilte, das sie eben aß.

Die Bischöfin war eine kleine magere Dame von völlig weltlichem Aussehen und völlig weltlichen Interessen. Sie sah immer aus, als stünde sie nur zum Scherz einem bischöflichen Haushalt vor; und ihr Mann nahm auch nicht die geringste Rücksicht auf sie, um so weniger, als sie noch dazu bedeutend jünger war als er. Schokoladefrühstücke vormittags waren ihr ganzes Entzücken, und sie war immer darauf bedacht, sich, sobald als nur möglich, zur Jugend zu gesellen. Ja, es konnte vorkommen, daß sie manchmal wagte, in allergrößter Heimlichkeit mit einem von den jüngeren Herren zu kokettieren, dem es grade gefiel, sich auf Kosten der »kleinen Bischöfin« ein bißchen zu amüsieren.

Ein Stück weit davon saß Frau Hallin und unterhielt sich mit Frau Pegrelli. Nicht als ob Frau Hallin eine besondere Vorliebe für Frau Pegrelli gehabt hätte. Sie war langweilig und pedantisch und sprach von nichts anderem als ihrem eigenen religiösen Leben. Aber sie stand in dem Ruf einer sehr frommen Frau, und man sagte, der Dompropst halte viel auf ihr Urteil und ziehe sie in vielen Dingen, die die Gemeinde betrafen, zu Rate. Und das Urteil des Dompropsts über einen Menschen war für alle Kinder Gottes in Gammelby maßgebend. Darum blickte Frau Hallin zu Frau Pegrelli auf als zu einer Seele, die weiter gediehen war in der Gnade Gottes als sie.

Sie hatte überdies heute abend ein ganz besonderes Interesse an der Unterhaltung mit dieser Frau. Frau Pegrelli war Eva Baumanns Tante, bei der das junge Mädchen ein paar Wintermonate lang wohnte, um Musikstunden zu nehmen. Und Frau Hallin wußte, daß ihr Sohn Frau Pegrelli in letzter Zeit oft besucht hatte. Zweimal war er sogar zum Abendbrot dort geblieben. Frau Hallin wollte darum ihre Mutterpflicht erfüllen und versuchen, zu ergründen, was ihr Sohn eigentlich dort triebe. War es denn möglich, daß er, der jetzt an so Ernstes zu denken hatte, den Verliebten spielte? Daß er Eva Baumann wahrhaft lieben könnte, das kam Frau Hallin gar nicht in Sinn, so wenig sie sich das bei irgendeinem andern jungen Mädchen ihres Bekanntenkreises denken konnte.

Deshalb saß sie nun neben Frau Pegrelli und unterhielt sich mit ihr über dies und jenes, über ihren Sohn, und dankte ihr für die Freundlichkeit, mit der sie ihn bei sich aufgenommen hatte. Aber sie fühlte sich durch diese Unterhaltung nur noch mehr beunruhigt.

Ernst Hallin sah, daß seine Mutter mit Frau Pegrelli sprach; er fühlte, wie er rot wurde. Er schickte sich eben an, in das kleine Zimmer zu gehen, in dem die jungen Leute versammelt waren; da hörte er Simonsons scharfe Stimme und blieb unschlüssig stehen.

Der Tee war umhergereicht worden. Herren und Damen saßen oder standen in dem großen Salon herum. Im Wohnzimmer saßen ein paar Vereinzelte, die Anekdoten erzählten und lachten, und im Speisezimmer wanderten ein paar Herren auf und ab und politisierten.

Es lag eine stille Erwartung in der Luft. Jeder saß oder stand auf seinem Platz, wie man sitzt oder steht, wenn man weiß, daß man nicht lange bleiben wird. Man hörte, wie die Damen sich ab und zu ironisch bedankten, daß die Herren ihnen so lange die Ehre ihrer Gesellschaft erwiesen. Auf den Gesichtern mancher Herren spiegelte sich deutlich eine gewisse Unruhe. Sie wechselten oft den Platz, flüsterten sich im Vorübergehen ein paar Worte ins Ohr, und einer und der andere sah heimlich auf die Uhr.

Ganz besonders unruhig sah Professor Kumlander aus. Er war von der Bürgermeisterin in ein Gespräch verwickelt worden und stand nun vor ihr und schmunzelte und verbeugte sich.

Seine Frau hätte leider noch nicht kommen können. Sie wäre noch nicht ganz so weit. Aber es ginge, Gott sei Dank, den Umständen angemessen … recht gut … hm ja … recht gut … Die Bürgermeisterin legte den Kopf auf die eine fette Schulter und lächelte kokett zu ihrem ältlichen Kavalier auf:

»Ob ihr Männer je lernen werdet, was ihr uns Frauen alles zu verdanken habt!«

Professor Eneman hatte sich zur Rektorin durchgelotst. Er stand mit gekreuzten Beinen da, die eine Hand in die Seite gestemmt, die andere auf die Sofalehne gestützt. Sein Gesicht glänzte, die gelben Zähne blitzten, während er redete und dabei unaufhörlich seine Blicke über die ganze Gesellschaft hinschweifen ließ.

Professor Bruhn saß einsam an einem kleinen Tisch im Wohnzimmer, blätterte in einem Album und schnupfte.

Endlich kam Professor Hallin die Wendeltreppe herab. Er flüsterte den Zunächststehenden lächelnd etwas ins Ohr und ging dann auf einen Haufen Herren in der Mitte des Salons zu: »Ist's den Herren gefällig, daß wir zu dem solideren Teil des Abends übergehen?«

Eine allgemeine Bewegung entstand. Professor Kumlander brach mitten im Gespräch mit der Bürgermeisterin ab und wies mit bedeutungsvoller Miene nach dem oberen Stockwerk. Professor Eneman blieb noch eine Weile stehen und redete weiter, um zu zeigen, daß er Selbstbeherrschung besaß. Aber ganz von selbst bewegten sich seine Beine, und die Hand, die er in die Seite gestemmt hatte, machte lebhafte Gesten, wie um die Unterhaltung zu beschleunigen. Die Herren im Speisezimmer waren schon alle nach oben verschwunden, und Professor Bruhn erhob sich beim ersten Laut und sagte mit sichtbarer Erleichterung: »Na, endlich!«

Der Bischof blieb in seinem Lehnstuhl sitzen

»Ich komme in einem Weilchen auch«, sagte er.

Nur der Bräutigam und Pastor Simonson wollten überhaupt lieber bei den Damen bleiben.

Ernst Hallin hatte sich mit einem kleinen Seufzer entschlossen, mit den Herren zu gehen. Er wußte ja, wie es da drin bei der Jugend war. Die jungen Mädchen und Herren saßen um einen Tisch und machten Gesellschaftsspiele. Sie warfen sich ein Taschentuch zu und sagten dabei ein Wort, auf das der andere einen Reim finden mußte; und wer keinen Reim fand, mußte ein Pfand geben. Oder sie machten Schreibspiele. Oder einer ging ins andere Zimmer, und die übrigen dachten sich irgend jemand. Dann wurde der Betreffende wieder hereingerufen und mußte durch Fragen erraten, an wen die andern gedacht hatten. Oder spielten sie Porträt und Motto, oder Ringsuchen, oder irgend so was Ähnliches.

Dazwischen hinein waren Pausen, in denen geschwatzt wurde, allerhand Geschichten, auch ein bißchen Klatsch. Und alle waren schrecklich vergnügt, redeten und schrien durcheinander, stießen mit ihren Wein- und Punschgläsern an und lachten und verführten ein Wesen, daß die Alten draußen manchmal verstummten, um ihnen zuzuhören.

Denn bei Professor Hallins, das wußten die jungen Leute alle, waren sie ungestört; keine Mama oder Tante kam da und guckte plötzlich zur Tür herein, um nachzusehen, was sie trieben. Sie blieben die ganze Zeit unter sich, und wenn das Abendessen serviert wurde, durften sie ihre Teller mit sich in den kleinen Salon nehmen und sich eine Flasche Sekt dazu erobern. Und dann stieg der Jubel aufs höchste.

Ernst Hallin hätte bei all dem so herzlich gern mitgetan. Er wäre ganz zufrieden gewesen, wenn es ihm vergönnt gewesen wäre, ganz still in einer Ecke zu sitzen, sich an der Freude der andern zu freuen und Eva Baumann anzusehen. Aber er brachte es nicht über sich, hineinzugehen. Der Gedanke, daß Simonson im selben Zimmer mit ihm und Eva sein sollte, war ihm unerträglich. Natürlich würde der sie beobachten. Natürlich würde er alles erraten, und würde sie mit seinen kalten Augen anblicken, daß sie gar nichts sprechen könnten.

Ernst warf einen Blick auf die Damen im Salon. Seine Mutter und Frau Pegrelli waren ins Wohnzimmer übergesiedelt; alle andern hatten sich um den großen Sofatisch zusammengedrängt. Vor dem Tisch stand der Bischof und sagte etwas, auf das alle eifrig lauschten. Gleich darauf verbeugte er sich und deutete durch ein Lächeln an, daß er sich jetzt zu den Herren droben zurückziehen wolle.

Da fiel sein Blick auf Ernst Hallin. Sofort ging er auf ihn zu.

»Nun, Herr Pastor, gedenken Sie zur Herrenseite überzugehen, oder bleiben Sie bei den Damen?« fragte er mit einem Lächeln, das Ernst unangenehm berührte.

»Ich glaube, ich gehe hinauf!« antwortete er; gleichzeitig bemerkte er, daß die Mutter ihn und den Bischof beobachtete.

Er ward glühend rot, und als der Bischof ihn verwundert ansah, wurde er noch röter.

»Noch bin ich kein Vorgesetzter«, sagte der Bischof, der die Verwirrung des jungen Mannes mißdeutete.

Ernst warf einen fast feindlichen Blick auf des Bischofs derbes, gutmütiges Gesicht, stotterte ein paar Worte, blieb stehen, dienerte und wußte nicht, was er sagen sollte. Der Bischof verließ ihn unter dem Eindruck, der junge Hallin müsse ein wunderlicher Kauz sein, den man am besten einige Zeit aufs Land schickte, damit er sich beruhigte. Und beide Männer fühlten in diesem Augenblick eine gegenseitige Antipathie, über deren Ursache keiner von ihnen hätte Rechenschaft ablegen können.

Als der Bischof verschwunden war, folgte ihm Ernst langsam; er tat, als sähe er die Mutier, die ihm winkte, nicht.

Er war in sehr gereizter Stimmung. Der ganzen Gesellschaft war er feind. Warum mußten sie sich so idiotenhaft verteilen, die Herren in einem Zimmer, die Damen in einem andern und die Jugend für sich? Warum bin ich überhaupt hierhergegangen? dachte er. Und vor seiner Phantasie stand plötzlich die Tatsache, daß er nächsten Sonntag seine Probepredigt hatten mußte. Der Text, die Einteilung der Predigt, die mit Menschen vollgepfropfte Kirche, die ganze Szene stand plötzlich leibhaftig vor ihm. Der Bischof würde in seinem Stuhl sitzen, ihn mit seiner herrischen Miene und seinen kalten Augen anblicken und das schwarze Scheitelkäppchen rücken. Und alle würden nach dem Bischof hinsehen und zu erraten suchen, was der dachte, und die Predigt danach beurteilen. Die Mutter würde dasitzen mit klopfendem Herzen. Und Eva! Vor ihr sollte er auftreten und lügen! Er fühlte den Beruf dazu gar nicht in sich, es war ihm gar kein unabweisliches Bedürfnis, Gottes Wort vor den Menschen zu verkünden! Das Ganze war eine Feigheit von ihm, eine schmachvolle, unverzeihliche Feigheit, die seine Seele in den Staub zerren und ihn ein ganzes langes, leeres, verfehltes Leben lang beschmutzen würde. Wie war denn das alles überhaupt zugegangen? Andere waren es, andere hatten ihn geleitet. Er selber hatte nie auch nur ein Wort zu sagen gehabt. Aber jetzt soll es ein Ende haben! dachte er. Es soll anders werden. Noch ist der Schritt nicht getan, noch kann ich umkehren, und ich werde es.

Er sah sich selber, wie er zum Vater ging und mutig und ruhig sagte: »Ich kann nicht Geistlicher werden«. Und in der Phantasie ward ihm so leicht ums Herz, als wäre alles schon vorüber und er ein freier Mensch.

Aber da sah er auch ein anderes Bild. Er sah sein ganzes Vaterhaus, den Vater, der sich sein Lebtag in der Schule geplackt hatte, die Mutter, die tagaus, tagein am Nähtisch saß oder in der Küche stand. Es war ein armes Heim, und reicher würde es nie werden. Viele Jahre lang hatten seine Eltern sich auf die Zeit gefreut, wenn er fertig sein würde, imstande, sich selber zu versorgen. Er wußte, wie sie es aufnehmen würden. Es würde sie nicht erzürnen. Sie würden sich nur davor beugen voller Bitterkeit, wie sie es immer, ihr ganzes Leben lang, getan hatten.

Ohne es zu wissen, hatte er sich eine Zigarre angesteckt und sich neben den Kachelofen im Rauchzimmer gestellt. Plötzlich weckte ihn eine Stimme aus seinen Gedanken.

»Über was denkt man denn da so eifrig nach?«

Es war Professor Bruhn, der mit dem dampfenden Grogglas in der einen, der brennenden Zigarre in der andern Hand vor ihm stand. »Wollen wir nicht ein Gläschen miteinander trinken?«

Ernst sah sich um. Er hatte gar nicht daran gedacht, wo er sich befand. Hastig nahm er ein Glas Punsch von einem Tablett und stieß mit Bruhn an.

»Auf gestern abend!« sagte er lächelnd.

»Ja, das war ein verdammt lustiger Abend«, sagte Bruhn.

»Es macht mir aber auch immer Spaß, die Leute in einer Abendgesellschaft wie heute zu sehen. Da nehmen sie sich recht anders aus! Gesetzt und geschniegelt und ernst, als gäb es überhaupt im ganzen Haus kein Herrenzimmer. Und sobald bloß das Wort Punsch erwähnt wird, verschwindet der ganze Haufe, als brennte ihnen der Boden unter den Füßen.«

Er sog eine Weile an seiner Zigarre. Ernst Hallin sah zerstreut vor sich hin.

»Wie ist dir denn zumut vor deiner Predigt?« sagte Bruhn. Ernst wich den scharfen Augen aus, die ihn durchbohrend ansahen.

»Na – – so – –« sagte er achselzuckend.

Professor Bruhn lachte.

»Ich hab' auch einmal Pastor werden wollen«, sagte er. »Aber es ist nichts draus geworden. Es widerstand mir. Und das war recht gut. Denn später bin ich der Freidenker geworden, der ich jetzt noch bin. Und das ist eine mißliche Geschichte, wenn man dann das Pech hat, Pfarrer zu sein!«

Ernst fühlte einen Stich im Herzen; einen Augenblick lang überkam ihn die Lust, all die Gedanken, die ihn bewegten, auszusprechen. Er hatte die Empfindung, als müsse dieser barsche, eckige Mensch ihn verstehen und ihm raten oder ihm wenigstens ein teilnehmendes Wort sagen können. Aber während er überlegte, wie er anfangen sollte, schwand ihm die Lust, und er erwiderte irgend etwas Nichtssagendes.

»Wollen wir uns nicht setzen?« meinte Professor Bruhn.

Sie nahmen Platz an einem Tisch, um den eine Gruppe von Herren saß und, die Groggläser vor sich, schwatzte.

Über dem ganzen Raum lag eine graue Tabakswolke, durch die die Lichter der Lampen und Leuchter mit gedämpften Flammen schienen. Mitten im Zimmer standen vier Spieltische, die alle besetzt waren. An dreien wurde Preference gespielt, am vierten Skat. An dem Tisch, an dem Ernst Hallin Platz genommen hatte, saßen ein paar Herren von der Schule und Großhändler Andersson, einer der reichsten Holzfürsten von Gammelby, mit seinem dichten Schnurr- und Backenbart, seinem goldenen Kneifer und seiner Perücke, die nie sitzen wollte.

Im innern Zimmer saß vor einem Glas Punsch der Bischof und unterhielt sich mit Rektor Ahlkvist und Professor Eneman. Der Bischof saß so, daß er durch die Tür die ganze übrige Gesellschaft überblicken konnte.

Zwischen den Tischen ging Professor Hallin umher, elegant und unermüdlich. Er unterhielt sich mit allen, stieß mit allen an, war für alle da und sah zu, daß nichts fehlte.

Es war ganz ähnlich wie vor ein paar Wochen im Ratskeller. Aber die rechte Stimmung wollte sich nicht einstellen. Das erwartete auch niemand. Die Herren unterhielten sich, tranken einander zu, rauchten und erzählten Anekdoten. Aber die Gesellschaft kam nicht recht in Zug. Man hielt sich im Zaum. Man war gesetzt, steif. Und auch das lauteste Lachen hatte gleichsam einen andern Klang.

»Man darf nicht über die Schnur hauen, damit man nachher noch präsentabel ist für die verflixten Frauenzimmer!« sagte Professor Bruhn.

Und einförmig und träg schleppte der Abend sich hin.

Um halb neun kam der Landshöfding, ein kleiner zierlicher Mann mit glattgekämmtem Haar und Backenbart. Er war äußerst elegant gekleidet und hatte in seinem ganzen Wesen etwas vom alten Hofmann.

Nachdem er die Damen begrüßt hatte, ging er hinauf zu den Herren und nahm an einem Spieltisch Platz. Ruhig und korrekt vertiefte er sich in seine Karten, mit einer Miene, als säße er auf seiner Kanzlei.

Um halb elf fing einer um den andern an, nach der Uhr zu sehen. Als es dreiviertel war, entstand eine merkbare Bewegung unter den Herren. Man erhob sich von den Spieltischen, putzte sich die Nägel, brachte seine Toilette in Ordnung und legte die Zigarren weg.

Ab und zu verschwand einer nach der Region der Damen zu, einen Duft von Tabak und Alkohol mit sich führend, der bei den Damen ein Naserümpfen hervorrief. Mit etwas spitzer Höflichkeit sprach man seinen Dank aus, daß überhaupt jemand so liebenswürdig war und sich um »uns Damen« kümmerte.

»Ein bißchen was zu essen soll einem schon schmecken jetzt!« sagte Professor Kumlander und schmunzelte den Bischof, der neben ihm stand, aufgeräumt an.

Der Bischof sah auf ihn nieder mit einem Lächeln, als verzeihe er ihm die weltlichen Lüste, sei aber selber hoch erhaben über alle derartigen Schwachheiten.

»Ich glaube fast, ich fange auch an, ein wenig Hunger zu verspüren«, erwiderte er.

Einen Augenblick lang war es ganz still im Zimmer.

Plötzlich hörte man Schritte auf der Wendeltreppe und gleich darauf kam der kleine Erik gesprungen und flüsterte dem Vater laut die frohe Botschaft ins Ohr: »Mama läßt sagen, das Souper sei fertig!«

Unter den Herren entstand eine Bewegung, so lebhaft und augenfällig, daß der Professor kaum nötig gehabt hätte, die Aufforderung zu wiederholen. Aber um der Form willen tat er es doch: »Meine Herren – ein Gläschen und ein Butterbrot! Darf ich Sie bitten, die Damen zu Tisch zu führen!«

Ein geschäftiger, beherrschter Tumult erfüllte jetzt die beiden Rauchzimmer, wie einen Haufen Barsche, unter die man eine Angelschnur mit dem Köder wirft. Wer noch saß, stand auf, zog die Weste herunter, streckte die Beine. Alles drängte unwillkürlich nach der Treppe. Dann hielten alle plötzlich wieder inne. Die Rangordnung mußte eingehalten werden. Ein kurzer Streit entstand zwischen dem Bischof und dem Landshöfding. Beide Herren bekomplimentierten sich gegenseitig.

»Die weltliche Macht muß immer vor der Kirche zurückstehen!«

»Das war in früheren Zeiten … Ich bitte doch …«

Aber der kleine, zierliche Landshöfding schob den großen Bischof behende vor; und als die beiden auf der Treppe verschwunden waren, ward die Bewegung droben mit einemmal lebhaft und ungezwungen.

»Teufel, was ich hungrig bin!«

»Wer erst sein Schnäpschen intus hätte!«

Und einer dicht hinter dem andern eilten die hungrigen Herren im Gänsemarsch die Wendeltreppe hinab. Wer gewandt war und ein ausgeprägtes Selbstgefühl besaß, eilte ins Wohnzimmer und bot einer Dame den Arm. Die andern drängten sich in den Türöffnungen zusammen. Von allen Seiten strömte es in den Speisesaal, Damen, Herren und Jugend, und einen Augenblick war es so still, daß man einen Engel durchs Zimmer hätte fliegen hören können. In stummer Bewunderung vor den Gaben Gottes faltete die ganze Gesellschaft die Hände, die Damen machten einen kleinen Knix, die Herren neigten das Haupt. Und unter der Tür zum Vorzimmer stand der junge Gustaf Hallin und zeigte durch ein verschmitztes Lächeln, wie er sich an der allgemeinen Andacht erfreute.

Es war aber auch ein glänzendes Souper. An beiden Enden des Tisches war ein Butterbrottisch gedeckt, einer für die Herren, einer für die Damen. Da gab's Kaviar, Anchovis, Sardellen, Zunge, rohen Lachs, verlorene Eier mit Krebsschwänzen, gebratene Kartoffeln, holländischen Hering, gebackenen Aal, Gänseleberpastete, gespickte Rebhuhnbrust.

Mitten auf dem Tisch thronte eine gewaltige Konfektschale mit Jahreszahl und Datum des wichtigen Tages. In langen Reihen glänzten die geschliffenen Gläser auf dem weißen Damasttuch, glatte hohe Rotweingläser ohne Fuß, rote Weißweingläser mit milchweißem Fuß, flache feine Sektkelche und geschliffene Sherrygläser.

Professor Hallins Soupers waren berühmt und die Kochkunst der Professorin hatte einen ausgezeichneten Ruf. Da gab's Lachs und junge Hühner mit Tomaten, Champignonomelette, Prager Schinken mit Kastanienpuree, Krebse mit verlorenen Eiern, Blumenkohl in Butter und junges Geflügel.

»Ich kenn' das Menü von Gustafva Björklund her«, flüsterte die Bürgermeisterin Rundlund der Rektorin Ahlkvist zu.

»Ich auch,« erwiderte die; »aber es ist gut.«

»Als ob es eine Kunst wäre, ein gutes Souper zustande zu bringen, wenn man nicht fragen braucht, was es kostet!« gab die Bürgermeisterin zurück und warf den Kopf in den Nacken.

Die Bischöfin trat mittlerweile auf die Professorin zu.

»Aber Aurora!« sagte sie. »Du machst zu viel Umstände für deine Gäste! Diese Unmasse von Gerichten!«

Die Professorin strahlte. Das war ihr glückseligster Augenblick. Denn nicht nur, daß es viel zu essen gab, es gab auch gut zu essen. Das wußte sie. Sie hatte jedes Gericht selber gekostet und wußte, sie brauchte sich nicht zu schämen.

Die Gäste zeigten aber auch, daß sie das Essen zu würdigen verstanden. Die späte Stunde im Verein mit den vielen Süßigkeiten, die die Damen, und dem vielen Alkohol, den die Herren vorher genossen hatten, hatte den Hunger zu unnatürlicher Höhe gesteigert.

»Ißt du dich auch satt, Erker?« sagte der Professor, indem er dem Bruder ein Glas Rotwein zutrank.

Der Gymnasiallehrer nickte und lachte.

»Das gibt morgen ein nettes Aufstehen!« meinte er.

Es war ein langer Streit gewesen zwischen dem Ehepaar Hallin, ob man Professor Bruhn einladen solle oder nicht. Die Professorin hatte ärgerlich erklärt, da könne man lieber gleich die ganze Geschichte bleiben lassen. Denn wenn Professor Bruhn dabei wäre, könne man sicher sein, daß er irgendeinen Skandal mache. Aber der Professor bestand darauf, Bruhn müsse eingeladen werden, und so wurde er eingeladen.

Im Verlauf des Abends sah es ganz so aus, als sollte die Professorin unrecht behalten. Professor Bruhn führte sich ganz exemplarisch auf. Er aß und trank, ließ die Damen in Frieden, und als er nach der Anstrengung des Essens ausruhte, stand er meist ganz für sich in irgendeiner Ecke, wiegte sich auf den Absätzen hin und her und drehte sich dazwischendurch mal nach der Wand, um zu schnupfen.

Er schien selber zu fühlen, daß er auf der Hut sein müsse. Jetzt eben hatte sich ein Kreis von Damen grade vor Bruhn versammelt. Es waren dieselben, die vor dem Essen von dem Basar gesprochen hatten.

Ein anderes Thema war jetzt auf dem Tapet. Pastor Simonson hatte den Vorschlag aufgebracht, man solle alle Geistlichen in Gammelby für eine gemeinsame Bibelstunde im großen Saal des Gymnasiums interessieren. Pastor Simonson selber stand mitten unter den Damen und redete mit trockener Stimme und lebhaften Gebärden. Die Damen lauschten andachtsvoll. Und niemand achtete auf Bruhn, der jedes Wort hörte und die entsetzlichsten Grimassen schnitt, um seine Haltung zu bewahren.

Zuletzt aber ward es ihm zuviel. Er machte einen Schritt auf die schwatzende Gruppe zu und hustete. Aller Augen wandten sich ihm zu. Der Professor hatte gar nicht beabsichtigt, etwas zu sagen; da aber alle schwiegen, so hielt er es für seine Pflicht, sich zu äußern und sagte: »Ich für mein Teil finde, es wäre schade, den einzigen Abend zu verhunzen, den man die ganze Woche über für sich hat«.

Der Professor fand, er habe sich ganz passend und maßvoll ausgedrückt. Daß eine Bibelstunde nichts Amüsantes wäre, das, fand er, war doch sonnenklar. Er war darum nicht wenig verwundert, als er merkte, welch eine Verstimmung er hervorgerufen hatte.

Zum Glück hatten bloß wenige von der Gesellschaft seine Indiskretion beachtet. Die Professorin Hallin hatte aufgepaßt und schickte jetzt ihren Mann zu Bruhn, indem sie ihre Freude darüber aussprach, daß sie doch recht gehabt hätte.

Aber auf dem Tisch standen Braten und Geflügel. Und über dem Geflügel vergaß man Bruhn.

Es war ein Essen ohne Maß und Ziel. Man überlegte es sich in guter Ruh, man aß der Reihe und Ordnung nach alle Gerichte durch, sicher, daß man überall herumkommen würde. Und obgleich alle wußten, daß sie am folgenden Tag über heut abend jammern würden, so fiel es doch keinem ein, auf dies Morgen irgendwelche Rücksicht zu nehmen.

Am meisten schwelgten wohl Gustaf Hallin und der Leutnant. Letzterer bediente seine Braut und stieß heimlich ein paarmal mit ihr in der Fensternische an, wohin sie sich geflüchtet hatten, um sich in den Pausen wieder einmal zu küssen. Später aber verzog er sich von der Damenseite und stürzte sich mit einem Eifer auf die Fleischgerichte, der zu beweisen schien, daß die Liebe einen gradezu aushungernden Einfluß auf den Menschen haben müßte. Und daneben zeigte er in ganz unverkennbarer Weise, wie wohl er des Schwiegervaters Weinkeller zu schätzen wußte.

Gustaf Hallin war erst spät gekommen. Er hatte seiner Mutter erklärt, er würde heute abend einmal seine Aufgaben recht ordentlich lernen, weil er ja doch nicht früh zu Bett gehen dürfte. Zum Essen käme er dann schon früh genug und hätte auch so noch ein paar langweilige Stunden zu ertragen.

Während des Essens hielt er sich an den Leutnant; er wußte, auf die Art würde er am sichersten das Beste erwischen. Der Leutnant ließ sich diesmal Gustafs Gesellschaft auch ganz gern gefallen. Er brauchte jemand, dem er zutrinken konnte; es sah schlecht aus, wenn man so ganz für sich allein trank. Im übrigen verachtete er den »Schuljungen« ebenso tief, wie der Schuljunge die »säbelrasselnde Zuckerpuppe« verachtete, »die zu nichts andrem gut war, als Gabrielle abzuschlecken«.

Der einzige, der nicht aß, war Ernst Hallin. Er war zu nervös und gereizt. Den ganzen Abend hatte er an Eva Baumann denken müssen. Und dennoch hatte er sich nicht überwinden können, hinunterzugehen, um sie zu sehen, sondern war wie festgenagelt bei den Herren sitzen geblieben und hatte zugehört, wie Kumlander und Svartengren ihre Studentenanekdoten erzählten.

Jetzt sah er sie. Sie stand ganz allein an einem Wohnzimmerfenster und aß Eis. Ihm war, als blicke sie nach der Seite hin, wo er stand, und mit einer plötzlichen Kraftanstrengung zwängte er sich durch die Schar von essenden und trinkenden Gästen und gelangte bis zu ihr hin.

»Guten Abend, Fräulein Eva!« sagte er verlegen. Ihm war, als müsse sie es ihm ansehen, wie er sich nach ihr gesehnt hatte. Sie aber grüßte ganz kühl und reichte ihm nicht einmal die Hand. Ruhig schlürfte sie ihr Eis und sagte mit einer Stimme, aus der Ernst eine absichtliche Bosheit herauszuhören glaubte: »Haben Sie sich gut amüsiert heut abend?«

Er sah sie mit flehenden Augen an, wie ein Hund seinen Herrn, wenn er dessen Gedanken zu erraten sucht und für sich bitten möchte.

»Wie können Sie das glauben?« sagte er, als hätte sie ahnen müssen, wie ihm zumute war.

Es wäre Ernst Hallin ja nie in den Sinn gekommen, zu denken, daß es Eva Baumann, der hübschen, stolzen Eva Baumann, den ganzen Abend grade so zumut gewesen sein könnte, wie ihm. Hätte er eine Ahnung davon gehabt, so wäre er vielleicht trotz allem in das Zimmer gegangen, in dem sie saß, trotz aller neugierigen Blicke, trotz Pastor Simonson, der ganzen Welt zum Trotz. Aber er wußte es nicht, hörte nur, wie sie antwortete: »Sonst wären Sie ja doch vielleicht auf den Gedanken geraten, einmal herunterzukommen!«

Vor seinen Ohren sauste es. Den Grund ahnte er nicht, aber er begriff, daß sie böse auf ihn war; und mit einem Gefühl der Zerknirschung über seine eigene Unwürdigkeit blickte er in die dunkeln Augen, die ihm entgegenstrahlten. Nie war sie ihm so schön erschienen, wie heute. Sie trug ein schwarzseidenes Kleid mit durchbrochenen Ärmeln; die ausgeschnittene Bluse ließ einen wunderbar weißen Hals sehen. Ihre Lippen bogen sich ein bißchen verächtlich und ihre Augen blickten zornig drein. Er beugte sich zu ihr vor.

»Ich weiß nicht, warum!« sagte er. »Aber ich konnte nicht. Nicht vor all diesen Menschen.«

Seine Stimme zitterte; Tränen standen in seinen Augen, über Evas Antlitz flog eine heftige Röte und färbte Hals, Wangen und Stirn bis hinauf zum Haaransatz; auch ihre Stimme war nicht mehr ganz so sicher, als sie erwiderte: »Still! Jetzt kommt die Rede!«

Ernst Hallin wandte sich um. Draußen im Speisezimmer hatte der Bischof ans Glas geklopft, und die Gäste hatten sich alle um den Tisch aufgestellt. Professor Hallin stand neben seiner Frau, die schon das Taschentuch an die Augen führte, und Gabrielle war an die Seite ihres Bräutigams geeilt und hatte ihren Arm durch den seinen geschoben.

»Meine Damen und Herren!« begann der Bischof, und in dem großen Zimmer ward es ganz still.

Der Bischof sah mit tiefsinniger Miene in sein Glas, in dem die Sektperlen unaufhörlich zum Rand emporstiegen und verschwanden.

»Meine Damen und Herren!«

Er schlug die Augen auf und blickte über die Gesellschaft hin mit der Sicherheit, die seine Vorträge auf der Kanzel kennzeichnete.

Dann begann er über die Ehe zu sprechen, die Gott selbst eingesetzt habe. Er redete vom Heim, vom Heim des Nordens und zitierte die Dichterworte:

Was auf der Erde ist so wert,
So traut, als Haus und Herd?

Besonders verweilte er bei einer Schilderung des Hallinschen Heims.

»Es ist nicht das erstemal,« schloß er, »daß ich an diesem Tag in diesem Haus die Freude habe, ein solches Hoch auszubringen. Aber mit jedem Jahr wird dies Hoch bedeutungsvoller. Denn jedes Jahr, das vergeht, knüpft die Bande fester zwischen diesem Paar, das heute die Wiederkehr der Stunde feiert, da sie gelobten, in Treue miteinander durchs Leben zu wandern.«

»Bravo!« rief Professor Eneman und überflog die ganze Gesellschaft mit einem funkelnden, triumphierenden Blick.

»In Lust und Leid, wie das alte Wort sagt«, fuhr der Bischof fort. »Und in unsern Tagen, da man von allen Seiten die Heiligkeit der Ehe antastet, da die Menschen nicht mehr die Bande der Familie achten, sondern selber sich an die Stelle der göttlichen Autorität setzen, grade in diesen Tagen, meine Damen und Herren, möchte ich wünschen, ich könnte ein paar von diesen Großsprechern einführen in – ich kann Gott sei Dank sagen, viele – unserer alten nordischen Heime und ihnen sagen: Seht dies Glück, das ihr zerstören wollt, diese Treue durch Glück und Leid« – der Bischof sprach die Worte aus wie Hammerschläge – »die ihr abschaffen wollt!«

»Meine Damen und Herren!« der Bischof schlug jetzt einen leichteren Ton an – »ich bitte Sie, sich mit mir zu vereinigen, unsern werten Wirten für den angenehmen Abend zu danken und ihnen gleichzeitig noch viele weitere Jahre wie das eben verflossene zu wünschen. Glück und Segen ihnen beiden!«

Die Gäste drängten sich um die Hauswirte. Frau Hallin dankte mit heißen Wangen und Tränen in den Augen. Professor Hallin versuchte einen leichten Ton anzuschlagen und verbeugte sich lächelnd nach rechts und links.

Nach dem Abendessen begannen die Gäste aufzubrechen. Eine Weile versuchte man noch, die Unterhaltung fortzusetzen. Aber der zweite Versuch erstarb ganz von selbst. Alle fühlten, der Anlaß zu der Zusammenkunft war nun vorüber. Alle waren satt und alle sehnten sich nach Hause, ins Bett.

Im Vorzimmer war wieder ein großes Gedränge; schläfrige Dienstmädchen, die seit zwei Stunden dastanden und warteten, halfen den Damen in ihre Mäntel und Pelze. Die Herren liefen noch einmal die Wendeltreppe hinauf, um sich noch eine Zigarre zu holen. Drunten vor der Tür stand Gustaf Hallin, überglücklich mit seinen zwei Zigarren, die er erschmuggelt hatte, und wartete auf die Seinen. Wenn er daheim auf seiner Stube war, wollte er rauchen! Jetzt wagte er's nicht. Es waren so viele Lehrer um den Weg.

Als alle Gäste fort waren, ging der Professor zufällig noch einmal durchs Vorzimmer. Die Korridortür war angelehnt, und durch die Tür hörten des Professors geübte Ohren einen verdächtigen Laut, der wie ein Kuß klang.

Er blickte hinaus. Im Halbdunkel glaubte er einen Offiziersmantel zu sehen, der die Treppe hinunter verschwand. Und zur Tür herein kam eines der Hausmädchen, rot wie eine Päonie. »Wer ging denn da eben fort?« fragte der Professor und legte die Sicherheitskette vor.

Das Mädchen sah ganz erschrocken aus.

»Ich weiß nicht«, sagte sie stotternd. »Ich glaube, es war der Herr Leutnant.«

Der Professor erwiderte nichts und das Mädchen verschwand eilig in der Küche.

»Pfui Teufel!« sagte der Professor vor sich hin. Auf seinem jovialen Gesicht spielte ein pfiffiges Lächeln. »Steht die Sache so?«

Und raschen Schrittes ging er in den Salon, um seiner Frau zu helfen, die Lichter zu löschen.

Als Adjunkts auf dem Heimweg endlich allein waren, nahm Frau Hallin Ernsts Arm und fragte: »Was hast du denn mit dem Bischof gesprochen?«

Ernst Hallin erwachte plötzlich aus seinen Träumen und blickte die Mutter lächelnd an.

»Er fragte mich, ob ich einen Grog nehmen wollte«, erwiderte er.

»Ob du einen Grog nehmen wolltest?« wiederholte sie.

»Ja. Was dachtest du denn sonst, Mama?«

Frau Hallin seufzte und ging schweigend an ihres Sohnes Arm nach Hause.


 << zurück weiter >>