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Fünfzehntes Kapitel

Professor Hallin hatte nach der Entdeckung im Vorzimmer einen harten Kampf mit seiner natürlichen Gutmütigkeit zu bestehen, ehe er sich dazu entschloß, unter diesen Verhältnissen dem ihm verhaßten Schwiegersohn denn doch den Abschied zu geben.

Einerseits schämte er sich gewissermaßen bei dem Gedanken, daß er zu seiner Frau von dieser Entdeckung sprechen sollte. Denn er war sich wohl bewußt, daß er keineswegs derjenige war, der das Recht hatte, den ersten Stein zu werfen; und wäre sein Schwiegersohn ein Kerl gewesen, den er hätte leiden mögen, ein frischer, tüchtiger, strammer Kerl, und die Professorin hätte etwa die fatale Entdeckung gemacht und sie zu einem Bruch ausnützen wollen, so würde der Professor zweifellos geantwortet haben: »Lieber Schatz, warum soll man das Mädel damit beunruhigen? Nimm dir den Jungen unter vier Augen vor und lies ihm ordentlich die Leviten, wenn du willst. Aber mach' um Gottes willen keinen Skandal. Die ganze Sache ist nichts weiter als eine Bagatelle, über die man nur lachen kann. Du bist doch selber lang genug verheiratet, und müßtest dich auf die Männer verstehen!« Außerdem fürchtete der Professor auch ganz im Ernst das Gerede, das die Geschichte in Gammelby herausfordern würde.

Aber andrerseits dachte der Professor doch, wenn er seine Tochter auf irgendeine Art davor bewahren könnte, ihr Leben lang an diesen widerwärtigen Menschen gekettet zu sein, an den sie ihr junges, vielleicht nicht ganz unschuldiges Herz gehängt hatte, so wäre es wohl der Mühe wert, daß man darum einen kleinen Skandal aushielte. Und schließlich – er wollte gern sein Gewissen mit ein bißchen Jesuitenmoral beschweren, wenn er nur diesen verwünschten Leutnant zukünftig nicht mehr zu sehen brauchte.

So wartete er denn auf eine Gelegenheit, diese ernsthafte Unterredung mit seiner Frau anzuschneiden. Es sah aus, als ließe sich diese Gelegenheit recht schwer finden. Denn zwei volle Tage vergingen, ohne daß der Professor auch nur eine Andeutung hätte anbringen können; und inzwischen kam und ging der Leutnant nach wie vor im Hallinschen Haus ein und aus. Es war seltsam – sooft der Professor von der Sache anfangen wollte, blieb ihm das Wort im Halse stecken. Denn er hörte schon im Geist die Anspielungen, die seine Frau anläßlich dieser heiklen Geschichte machen würde.

Am Sonntag kam der Leutnant, wie gewöhnlich, zum Essen; und dem Professor machte es ordentlich Vergnügen, während des Essens die aufgeregte Miene des Zimmermädchens zu beobachten, wenn sie servierte. Der Leutnant dagegen war heiter und unbekümmert und saß, sooft er nicht Löffel oder Gabel in Gebrauch hatte, mit Gabrielles Hand in seiner am Tisch. Nach dem Essen zog Gabrielle ihren Axel mit sich in den Reinen Salon, wo sie vor dem Kaffee ihr Schäferstündchen miteinander feierten.

Der Professor blickte ihnen ergrimmt nach.

»Heute muß es sein!« dachte er. »Heute oder nie!«

Glücklicherweise war der Leutnant nachmittags nicht frei und verabschiedete sich zu des Professors Freude zeitig; und Gabrielle, die jeden derartigen selbständigen Schritt seitens ihres Leutnants als eine persönliche Kränkung empfand, zog sich augenblicklich in ihr Zimmer zurück, wo sie sich aufs Sofa setzte, ihr Taschentuch zerbiß und schmollte. Nicht einmal einen Kuß hatte sie ihm gegeben, als er ging. Und er war trotzdem gegangen. Und das ärgerte sie.

Die Professorin begriff nicht, weshalb ihr Mann im Wohnzimmer sitzen blieb, statt, wie gewöhnlich, auf sein Zimmer zu gehen; sie dachte eben darüber nach, wie sie ihm ein paar freundliche Worte für diese Aufmerksamkeit sagen sollte, als der Professor ganz plötzlich aufstand und sich neben sie aufs Sofa setzte. Sein Gesicht zeigte einen ungewöhnlich feierlichen Ausdruck, und er legte ihr die Hand auf den Arm.

»Aurora,« sagte er, »es ist eine recht böse Geschichte, über die ich heut' mit dir sprechen muß.«

Sie sah auf und erschrak über ihres Mannes feierliches Aussehen.

»Gott, Abel, was ist denn?«

»Beruhige dich«, sagte der Professor. »Es ist eine unangenehme Geschichte, aber wenn wir sie nur klug angreifen, so wird noch alles gut. Und ich verlaß mich ganz auf meine verständige, gute kleine Frau.«

Er machte einen Versuch, den Arm um sie zu legen, aber sie entglitt ihm und faltete nervös die Hände.

»Was ist es, Abel?« fragte sie. »Quäl mich nicht länger. Du jagst mir einen solchen Schreck ein, daß ich ganz verrückt werde. Sag' mir doch um Gottes willen, was es ist.«

Der Professor heftete die Augen auf die gegenüberliegende Wand und sah ungeheuer ernsthaft aus.

»Es betrifft unsere Kinder, Aurora«, sagte er.

»So denk, daß ich die Mutter bin! Herrgott im Himmel, was du herzlos bist!«

»Tja«, sagte der Professor und ging mit einem Ruck grade auf die Sache los. »Eine angenehme Geschichte ist es nicht, weiß Gott. Aber Gabrielle muß mit dem Leutnant brechen. Wenigstens seh' ich keinen andern Ausweg.«

»Sie muß mit dem Leutnant brechen?«

Die Professorin fuhr im Sofa herum und sah ihren Mann an, als wolle sie ergründen, ob er im Ernst spräche. Da sein Gesichtsausdruck keinerlei Zweifel hierüber zuließ, griff sie zu dem Mittel, daß sie immer anwandte, wenn sie nichts zu sagen wußte. Sie fing an zu weinen und stammelte unter Tränen und Schluchzen abgerissene Worte und Sätze hervor, die so gefühlvoll und herzbeweglich klangen, daß sie selber immer gerührt ward über ihre Weichheit, die nicht für diese harte Welt geschaffen war. Aber auf den Professor harte das leider keine Wirkung. Er hatte im Lauf der Jahre erfahren, daß diese stürmischen Ausbrüche keineswegs so ganz ohne Berechnung erfolgten.

»Wein' doch nicht, Aurora,« sagte er gereizt, »sondern hör' auf das, was ich sage.«

»Du weißt doch, ich bin kein Held, Abel. Ich ertrage nicht viel … Und was soll dann aus Gabrielle werden? … Mein Kind … unser Kind … Sie überlebt es nicht … und ihre arme Mutter wird ihr bald genug folgen …«

Das Schluchzen ward übermächtig, und die Professorin weinte so bitterlich, daß sie keinen Ton mehr herauszubringen vermochte.

Der Professor ging ruhig im Zimmer auf und ab. Er wußte, wenn sie sich müde geweint hatte, würde sie von selbst still werden, und unbewegt wartete er auf die Gelegenheit zu sprechen, die ja bald kommen mußte.

Als das Getue im Sofa ein bißchen nachließ, sagte er darum kaltblütig:

»Ich habe ihn am Donnerstag nach der Gesellschaft dabei überrascht, wie er das Zimmermädchen küßte.«

Die Professorin setzte sich im Sofa auf. Der Tränensturm war mit einem Male gänzlich verrauscht.

»Du bist doch sonst nicht so streng in solchen Dingen, Abel«, sagte sie giftig.

»Aha, nun kommt's!« dachte der Professor.

Laut sagte er: »Ich kann doch nicht glauben, daß du dein Kind einem Mann überlassen möchtest, der es schon vor der Hochzeit hintergeht.«

»Nein, natürlich, dir wäre es sympathischer, wenn er bis nach der Hochzeit wartete. Aber hab' ich es nicht immer gesagt? Hab' ich's nicht immer gesagt?«

»Was hast du gesagt?«

Der Professor hielt in seiner Promenade inne, ganz verblüfft.

»Ich glaube wohl, daß du dich jetzt nicht mehr darauf besinnst. Du kümmerst dich ja überhaupt nicht um das, was ich sage. Das weiß ich wohl. Aber hab' ich es nicht immer gesagt,– die Sophie ist eine gemeine Person, auf die man sich nicht verlassen kann? Hab' ich's nicht gesagt?«

»Doch, Schatz«, sagte der Professor sanftmütig. »Das hast du freilich. Aber was hat das damit zu schaffen?«

»Was das damit zu schaffen hat? Ich versteh' dich nicht, Abel! Was es damit zu schaffen hat? Wär sie nicht im Haus gewesen, so wär diese ganze greuliche Geschichte gar nicht passiert. Das weiß ich. Begreifst du das denn nicht?«

Die Professorin war puterrot im Gesicht, und ihre Miene bewies deutlich, daß sie diese Logik als ganz unbestreitbar ansah. Und da der Professor von alters her wußte, daß es keinen Zweck hatte, seine Frau davon überzeugen zu wollen, daß sie unrecht habe, so begnügte er sich damit, zu erwidern: »Tja, aber liebe Aurora, es ist nun einmal geschehen. Und darum frage ich dich um deine Ansicht als Mutter, was wir in der Sache am besten tun!«

Bei diesem Appell an ihr Mutterherz sank die Professorin wieder auf das Sofa zurück und rang verzweifelt die Hände.

»Kann ich das sagen? Wie soll ich das wissen? Ich sitze da und denke an das liebe Gotteswort, das wir heut vormittag in der Kirche gehört haben, und denke an meine kleinen Lämmer, die ich geboren habe; ich dachte, Gott würde gut zu ihnen sein. Das ist schrecklich, was du da sagst, Abel. Eine Mutter kann ihrem Kind nicht den Dolch ins Herz stoßen. Das bedenk doch, Abel!«

»Nein,« sagte der Professor, »das verlange ich auch gar nicht. Aber sie kann verhindern, daß ihre Tochter sich mit verbundenen Augen ihrem Verderben in die Arme wirft.«

Die Professorin war eine Weile ganz still. Dann schüttelte sie den Kopf und begann wieder, sich hin und her zu wiegen.

»Axel? und dabei sieht er so gut aus! Wer hätte das von ihm geglaubt!«

Jetzt kam die Reihe, den überlegenen zu spielen, an den Professor.

»Ich«, sagte er. »Ich hab' es geglaubt! Wer hat ihn ins Haus gezogen und die ganze Geschichte eingefädelt?«

Das hätte der Professor nicht sagen sollen.

Seine Frau krampfte sogleich wieder die Hände zusammen und verdrehte die Augen. So erregt war sie, daß sie nicht sitzen bleiben konnte, sondern aufstand und auf ihren Mann zuging. »Ich, meinst du wohl?« sagte sie. »Kannst du ehrlich sagen, ich sei's gewesen? Abel! Gott ist mein Zeuge – nie hab' ich was anderes gewollt, als meiner Kinder Wohl! Soll ich auch daran schuld sein? Du willst wahrscheinlich auch behaupten, ich sei dran schuld, daß er Sophie geküßt hat!«

Bei den letzten Worten hatte die Stimme der Professorin einen etwas profaneren Klang. Aber jetzt verlor der Professor die Geduld.

»Herrgott!« sagte er. »Kann man denn kein vernünftiges Wort mit dir reden? Verstehst du nicht, daß das eine ernste Sache ist?«

Die Professorin ließ die Arme sinken und sah ihn mit der Miene eines Opferlammes an.

»Was willst du denn, das ich tun soll?« fragte sie. »Du weißt doch, ich gehorche dir in allem, soweit ich's vor Gott und meinem Gewissen verantworten kann.«

»Also«, sagte der Professor, »dann geh hinein zu Gabrielle und sprich mit ihr. Ich weiß, es ist eine kitzliche Geschichte. Und darum kann auch nur eine Mutter sie in die Hand nehmen!« schloß er voller List.

Dies letzte Argument bewegte die Professorin.

»Ich werd's schon tun, Abel«, sagte sie. »Aber –« und sie ballte erbost die Hände – »diese Sophie! Morgen muß sie mir aus dem Haus!«

»Meinethalben«, sagte der Professor. »Nur daß der Skandal nicht ärger wird, als notwendig ist!«

Darauf ging er auf sein Zimmer und holte sich eine Extrazigarre aus dem Wandschrank, die er sich zur Belohnung für den Sturm des Nachmittages leistete. Er freute sich, daß die Sache so abgelaufen war. Er konnte nur gar nicht begreifen, daß seine Frau ihm nicht noch mehr mit alten, längst verjährten Geschichten gekommen war! Gewiß hatte sie es in der Hitze des Gefechtes vergessen. Und er zündete sich umständlich seine Zigarre an.

Als sich abends die Familie zum Essen versammelte, erschien Fräulein Gabrielle nicht; und am folgenden Tag ward dem Professor der unangenehme Auftrag zuteil, den Leutnant brieflich zu benachrichtigen, daß man sich in Zukunft seine Besuche in der Familie verbäte. Er schrieb an Gabrielle. Aber der Brief wurde ihm uneröffnet zurückgeschickt.

Sophie hatte schon am Sonntag abend ihren rückständigen Lohn erhalten und zum nächsten Morgen war ihr gekündigt worden.

Das Drama in der Familie des Professor Hallin war ausgespielt. Aber das Gerücht machte doch die Runde in der Stadt, und trotz aller Vorsichtsmaßregeln ließ sich die Sache nicht totschweigen. Die Erbitterung gegen den armen Leutnant war so groß, daß er auf einen ganzen Monat Urlaub nehmen mußte, damit die peinliche Affäre in Vergessenheit geraten konnte.

Manche behaupteten, er wäre an jenem Abend betrunken gewesen und hätte vor allen – bei Tisch – mit dem Dienstmädchen schön getan. Andere behaupteten, es wären … Umstände … die ihre Entfernung dringend forderten. Alle aber waren darin einig, die Professorin wäre eine prächtige Frau, daß sie solche Energie entwickelt hätte, wo es galt, ihre Tochter zu retten. Und alle hatten großes Mitleid mit Gabrielle. Pastor Simonson sagte, sie trage ihr Unglück mit einer Ergebenheit, die deutlich zeige, daß sie bei dem wahren Tröster Trost gesucht und gefunden habe.

Professor Hallin überließ seiner Frau gern die Ehre der ganzen Geschichte. Er fand sein Verhalten in der Sache recht wenig »weltmännisch«, und der Beifall von Gammelby schmeichelte ihm nicht sehr. Er wußte, hätte es nicht gegolten, Gabrielle zu retten, er hätte über die ganze Geschichte bloß gelacht.

Aber als Frau Hallin ihrem Mann die Geschichte erzählte, sagte sie: »Es kommt doch nicht bloß aufs Geld an in der Welt!«


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