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Fünftes Kapitel.

Frau Dauler. – Mein Los wird beraten. – Kamilla und Sansibar.

 

Als mein Herr diese Dame gewahrte, entschlüpfte ihm unwillkürlich ein Ausruf freudiger Überraschung.

»Sie hier, gnädige Frau?«

»Ja, ich, lieber Herr Julius. Meine Tochter ist wieder gesund, und ich komme mit Ihrem Gehalte. Was tragen Sie da? Wohin wollen Sie?«

Sie schob mit ihren behandschuhten Fingern das Papier ein wenig auseinander, und der blaugestreifte Überzug des Kissens kam zum Vorschein. Mein guter Herr machte ein sehr verlegenes Gesicht.

»Ihr Kissen? Herr Julius! Sie wollten wohl auf das Pfandhaus?«

Mein Herr erwiderte keine Silbe, er ließ nur trübselig den Kopf hängen.

»Tragen Sie das nur wieder in Ihr Zimmer, aber kommen Sie ein wenig rasch zurück, ich habe Eile.«

Er stieg folgsam wieder hinauf, und ich schlüpfte hinter der Dame in das Wohnzimmer. Ihr wohlwollender Gesichtsausdruck mehr noch als ihre vornehme Kleidung zog mich unwillkürlich zu ihr hin. Ich habe immer an solchen Leuten großes Gefallen gefunden.

Ihr Eintritt brachte einen mächtigen Eindruck auf die Mutter des Herrn Julius hervor. Nie hatte ich sie mit solcher Liebenswürdigkeit lächeln gesehen.

»Es scheint mir, es war hohe Zeit, daß ich kam«, sagte die Besucherin und drückte der Genesenden lebhaft die Hand.

»Ach ja, gnädige Frau; der arme Julius hat diesen Monat sehr wenig abzuschreiben gehabt. Der Hauszins ist zu bezahlen, und wir wußten nicht, woher wir das Geld nehmen sollten.«

»Warum ist er nicht zu mir gekommen, um mich von seiner Verlegenheit in Kenntnis zu setzen?«

»Er war dort, gnädige Frau, aber es hieß, Fräulein Kamilla sei krank und Sie empfingen niemand.«

»Das ist allerdings wahr; aber Herr Dauler würde ihn an meiner Stelle empfangen haben.«

»Er wollte Sie nicht weiter stören. Der arme Junge ist gar schüchtern, Sie wissen ...« – die alte Frau deutete mehrere Male mit ihrem langen, knochigen Mittelfinger auf ihre Stirne –, »aber er ist herzensgut und voll Zartgefühl.«

»Gewiß, gewiß; auch war meine Tochter kaum wieder genesen, so kam ich, um Ihnen den Betrag für ein Vierteljahr zu bringen. Dank der Freigebigkeit meines Mannes kann ich beifügen, daß das Honorar erhöht worden ist.«

Mit diesen Worten nahm die Dame aus einem Täschchen einige dünne Zettel, die mit Figuren und Zahlen bedruckt waren, und legte dieselben auf ein Tischchen neben Julius' Mutter, welche den Papieren einen überaus zärtlichen Blick zuwarf.

In diesem Augenblicke kam mein Herr zurück.

»Ist Fräulein Kamilla wieder gesund?« fragte er hastig.

»Gott sei Dank! Wir sind recht glücklich darüber; es ist nur noch eine Schwäche zurückgeblieben, und dann eine gewisse Launenhaftigkeit. Wir haben während der Krankheit, soweit es anging, alle ihre Wünsche befriedigt, und nun ist sie nicht mehr daran gewöhnt, daß ihr etwas versagt bleiben soll. Wenn aber Kamilla wieder kräftiger ist, so wird sich das ohne Zweifel geben. Sie wissen ja, wie vernünftig sie vor der Krankheit war; seit der Krankheit hat sie aber allerlei Einfälle. So mußte ich gestern mit ihr in der Richtung nach Heidelberg längs des Neckars fahren; heute hat sie mich ausgeschickt, um ihr ein Huhn zu kaufen.«

»Ein Huhn?«

»Ja, sie liebt leidenschaftlich alles, was mit dem Landleben zusammenhängt, und sie meint, ein Hühnchen würde ihr mehr Vergnügen bereiten als alles andere. Ich würde ihr diese Spielerei herzlich gerne gönnen, wenn ich nur eines auftreiben könnte. Ich bin bei verschiedenen Eierhändlern gewesen, die eine eigene Hühnerzucht haben; aber das waren entsetzliche Tiere, welche in dem Vogelbauer Kamillas sehr übel angebracht wären.«

»Julius!« sagte seine alte Mutter und schaute ihn fragend an.

»Mutter?« erwiderte in demselben Tone der arme Mensch und fügte dann mit einem leisen Seufzer bei: »Ach, Buntscheckchen, selbstverständlich!«

Ein wilder Schreck ergriff mich, als ich wiederum hörte, wie sich die Aufmerksamkeit auf mich lenkte. Ich suchte mich schleunigst zu retten, aber in der Überstürzung warf ich den Rohrstock des Herrn Julius um. Infolge des dadurch entstandenen Lärms richteten sich alle Blicke auf mich.

»Julius, mach die Türe zu«, befahl seine Mutter.

Mein Herr gehorchte, und die halb offene Türe schloß sich plötzlich vor mir.

»Ah, Sie haben zahme Hühner«, sagte lachend Frau Dauler.

»Nur dieses da, gnädige Frau. Julius, zeige dein Buntscheckchen der Frau Dauler; es ist wirklich recht lieb.«

Mein Herr setzte mich auf seinen Zeigefinger und hielt mich der Dame hin.

»Es ist reizend«, sagte diese.

»Man könnte es für ein Rebhuhn halten, nicht wahr, gnädige Frau?«

»Ja, wahrhaftig!«

»Wollen Sie es nicht für Fräulein Kamilla?«

Herr Julius schob seine Brillengläser in die Höhe und schaute seine Mutter erstaunt an. Dieser Vorschlag kam ihm gänzlich unerwartet.

»Aber damit würde ich Sie berauben, lieber Herr Julius«, erwiderte Frau Dauler zögernd.

»Ja, gnädige Frau; aber bei Ihnen wäre es gut aufgehoben«, sagte der arme Mensch seufzend.

»Und hier wird ihm gewiß ein Unheil zustoßen«, ergänzte die bejahrte Mutter meines Herrn, welche diese einzige Gelegenheit, mich los zu werden, eifrig ergriff.

»Unheil! wieso? Das arme Ding rührt sich ja gar nicht unter seinem Korbe.«

»Das heißt, es streicht den ganzen Tag umher. Es geht unaufhörlich zu dem Kohlenbrenner; frage nur Frau Zungschwert, die Händlerin, die wird es dir sagen. Wir sind hier nicht auf das Halten von Hühnern eingerichtet, armer Junge, und ich denke, du gibst ja doch das Hühnchen für Fräulein Kamilla gerne her.«

»Gewiß, gewiß! Arme Kleine! Ich werde froh sein, wenn ich ihr mit dem Hühnchen ein Vergnügen machen kann. Nehmen Sie das Tier, gnädige Frau, wenn Sie wirklich ein Huhn suchen, und bringen Sie es Fräulein Kamilla von uns.«

»Können Sie es mir heute noch geben?«

»Gewiß, gnädige Frau!« rief die Mutter Julius' und warf ihrem Sohne einen gebieterischen Blick zu.

»Da nehme ich es gleich mit. Ich habe meinen Wagen bei mir und brauche nur etwa einen Korb, in welchen ich es hineintue.«

»Hole unsern Papageienkäfig, Julius«, sagte seine Mutter, in beständiger Furcht, daß ihr Sohn auf seine ursprünglich beabsichtigte Weigerung zurückkommen werde.

Herr Selbstverständlich brachte den Käfig herbei, der verhältnismäßig klein war. Man hatte seinerzeit mich nicht würdig erachtet, meine Pfoten auf seinen Boden zu setzen. Jetzt wurde ich nicht ohne Mühe durch das enge Türchen hineingezwängt.

Als Frau Dauler mich untergebracht sah, stand sie auf und verabschiedete sich. Mein Herr trug mich selbst hinunter und blickte mich dabei recht traurig durch das glänzende Gitterwerk des Käfigs an.

Gegenüber der Türe hielt ein sehr schöner Wagen, den meine Feindin, Frau Zungschwert, eifrig betrachtete. Als sie das Rauschen der Schleppe der Frau Dauler hörte, wendete sie sich neugierig um und bemerkte dabei mich in dem eleganten Papageienkäfig. Ich konnte nicht umhin, als ich an ihr vorübergetragen wurde, herausfordernd den Kopf zu erheben und ihr höhnisch zuzugackern.

Frau Dauler stieg in den Wagen und streckte die Hand nach dem Käfig aus.

»Vergebung, gnädige Frau, ich glaube, das Türchen geht auf«, sagte mein Herr und trat einen Schritt zurück.

Allerdings ging das Türchen unter seiner Hand auf, und, gedeckt durch die Wagenvorhänge, daß man ihn von innen nicht sehen konnte, nahm er mich aus dem Käfig, drückte seine Lippen auf mein Gefieder, und ich meinte selbst, daß eine Träne auf meinen Kamm gefallen wäre. Auch mich überkam eine leise Wehmut. Bald jedoch befand ich mich wieder im Käfig und dieser sich im Wagen. Die Pferde zogen an, und wir rollten mit einer Geschwindigkeit dahin, daß auch ein festerer Kopf als der meinige von Schwindel ergriffen worden wäre.

Ich war noch ganz betäubt, als der Wagen vor einem sehr schönen Hanse hielt. Ich wurde eine Treppe hinaufgetragen, die ein wie Gold schimmerndes Geländer hatte; dann kam ich in ein prachtvoll eingerichtetes Zimmer und fand in demselben ein reizendes Kind von etwa zehn Jahren, das ganz in ein weißes Schlafgewand eingehüllt war und auf einem bequemen Sessel in halb liegender Stellung ruhte.

Was mich namentlich gleich zu dem Mädchen hinzog, das waren seine zarten Züge. Die Haut hatte einen sanften Atlasschimmer; es war schlank gewachsen und hatte schöne goldene Haare, die bis auf seinen Gürtel herabfielen. Sein Auge hatte etwas ungemein Liebes an sich; sein Lächeln war zugleich sanft und fröhlich und der Ton der Stimme so gewinnend, daß es für mich ganz undenkbar war, es könne ein böses Wort diesem Munde entschlüpfen. Frau Rau war ebenfalls gut; aber ihre Güte trug einen gewöhnlichen Stempel. Gegen das gute Herz des Herrn Selbstverständlich konnte gewiß niemand etwas einwenden. Trotzdem war er lächerlich; aber hier erschien mir die Güte in einer reinen und wahrhaft glänzenden Gestalt.

Unwillkürlich tat ich mein Bestes, um dem Kinde zu gefallen. Ich biß mir auf die Zunge, um nicht zu schreien, als ich durch die enge Käfigtüre wieder herausgeholt wurde. Als ich auf seiner Hand saß, hielt ich meinen Kopf gerade und betrachtete das Kind so ausdrucksvoll als nur immer möglich. Es streichelte und liebkoste mich einige Augenblicke und dankte dann in liebenswürdigster Weise seiner Mutter, daß sie so rasch seine Bitte erfüllt habe.

»Siehst du, Mutter, wenn ich dieses liebe Hühnchen anschaue, so denke ich dabei an unsern herrlichen Landaufenthalt im Schwarzwalde. Wo hast du es gefunden?«

»Bei Herrn Julius. Als er erfuhr, daß du gerne ein Huhn hättest, hat er mir gleich Buntscheckchen angeboten.«

»Es heißt Buntscheckchen? Welch ein lieber Name! Darf ich es in das Vogelhaus auf dem Balkon setzen?«

»Nun ja, das Hühnchen ist ja auch eine Art Vogel; mache damit, was du willst.«

»Danke, Mutter; darf Sansibar einmal zu mir kommen? ich habe mit ihm zu reden.«

»Aber du mußt dich jetzt wieder zu Bette legen, Kamilla, die Zeit, welche der Arzt dir erlaubt hat, ist bereits vorüber.«

»Nun gut. Schelle Sansi, Mütterchen; ich will ihm nur Buntscheckchen anempfehlen, und stehe dann gleich zu deiner Verfügung.«

Frau Dauler zog eilte seidene Klingelschnur; Kamilla hatte mich inzwischen auf ihre Knie gesetzt und kraute mir leise am Hals und auf dem Rücken. Plötzlich ging die Türe auf, und es erschien eine so schreckliche Gestalt, daß ich mich bestürzt in die Arme meiner kleinen Herrin flüchtete.

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»Du hast Angst vor meinem alten Neger«, sagte das Kind.

»Du hast Angst vor meinem alten Neger«, sagte das Kind »fürchte dich nicht, Buntscheckchen; Sansi ist gut, sehr gut er tut dir nichts zuleide.«

Ihre Stimme beruhigte mich, und ich wendete zögernd meine Blicke nach dem alten Neger, der einen Wust schwarzen Wollenhaares auf dem Kopfe hatte. Das Weiße seiner Augen gab dem schwarzen Gesichte einen unheimlichen Ausdruck, und als er Kamilla in seiner Weise freundlich zu lächelte, kam gar noch eine Reihe weißer Zähne zum Vorschein, welche diesen unheimlichen Ausdruck nur verstärkten.

Ein zweiter Blick auf den Schwarzen beruhigte mich wieder der Mensch war allerdings häßlich, aber er hatte ein gutmütiges Gesicht, und meine Beziehungen zur Familie des Kohlenbrenners hatten mich gelehrt, daß man im Gesichte sehr schwarz und im Herzen sehr gut sein kann.

»Sansi«, sagte Kamilla, »sieh, da ist ein Hühnchen, das ich dir empfehle. Wenn ich wieder ganz wohl bin, werde ich die Sorge über dasselbe selbst übernehmen. Gleicht es nicht meinem Perlgrauchen auf unserem Burbach droben im Schwarzwalde?«

»Ganz gewiß, Fräulein, es gleicht ihm auf ein Haar welch ein liebes Tierchen!«

Er tat einige Schritte vorwärts, und ich hüpfte ihm bis auf das Knie meiner jungen Herrin entgegen.

»Sieh einmal an, Sansi«, sagte Kamilla, »man sollte meinen, es verstände, daß ich es dir empfohlen habe.«

»Liebes Tierchen«, sagte Sansibar und spielte mit seinem fleischigen schwarzen Finger an meinem Halse.

»Es heißt Buntscheckchen, Sansi.«

»Ah, schöner Name! Puntscheckchen.«

»Nicht Puntscheckchen, Bunt ... scheck ... chen.«

»So so«, murmelte Sansibar, der offenbar fürchtete, meinen Namen abermals falsch auszusprechen.

»Willst du mit meinem Neger gehen, Buntscheckchen? Da, nimm es, Sansi; für diese Nacht kannst du es im Wagenschuppen unterbringen. Morgen setze ich es dann in das Vogelhaus auf dem Balkon. Aber vergiß mir ja nicht, ihm Futter zu geben.«

Sie gab mir dann noch einen Kuß auf die Stirne und reichte mich Sansi hin. Dieser nahm mich, so zart als es ihm möglich war, in seine kräftigen Arme und brachte mich in einen geräumigen Schuppen, woselbst ich reichliches Futter bekam. Ich aß, solange es mir schmeckte, und fiel dann, von Aufregung und Müdigkeit überwältigt, in einen tiefen Schlaf.

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