Egid von Filek
Wachtmeister Pummer
Egid von Filek

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3.

Heute war in Kasdorf Kirchtag. Denn die Kirche war dem Heiligen Ägidius geweiht, dessen Fest auf den ersten September fällt. Und weil es zum argen Verdruß der Mädchen im vorigen Jahre zu Ägidi tüchtig geregnet hatte, freute man sich doppelt über den schönen blauen Himmel und die warme Luft, die einen Hochsommertag vortäuschten, obwohl sich schon rings um den Ort gelbe Stoppelfelder dehnten. Auch die Alten freuten sich. Denn das Korn war unter Dach, die Hauptarbeit des Jahres getan, man konnte sich schon einmal einen guten Tag vergönnen und eine schöne weinselige Nacht dazu . . .

Der Kirchtagsbaum, eine prächtige schlanke Fichte, von den Burschen schon während der Nacht vor dem Eingang zum Moserwirt 57 aufgepflanzt, ragte hoch in den Sonnenglast empor; an seinen Ästen hingen silberbeschlagene Pfeifen, gefüllte Geldbeutel und andere lockende Preise für geschickte und wagemutige Kletterer. Seit Sonnenaufgang war ein Summen und Schwirren im Ort; der Pfarrer ging in seinem Garten unter den hohen Lindenbäumen auf und ab und studierte die Festpredigt; die zahnluckete Mariann kommandierte in der Küche herum, wo aus allen Töpfen weiße Dampfwolken aufzischten, der Förster rasierte mit großer Sorgfalt die eisgrauen Bartstoppeln von Kinn und Wange weg, und der Herr Kerzendocht stand mit dem liebenswürdigen Kaufmannslächeln, dem er seine guten Geschäfte verdankte, vor dem Schaufenster seines Ladens und warf einen letzten prüfenden Blick hinein. Unter tätiger Mithilfe seiner Burschen hatte er alle die bunten Herrlichkeiten neu geordnet, und die Zuckerhüte, Feigenkränze, Lakritzenstangen, die zyklopischen Mauern aus Seifenstücken, die grellbunten Seidentücher und feinen Halbschuhe aus der Stadt für die Mädchen, die schönen 58 Pfeifenköpfe aus vergoldetem Porzellan mit den Kaiserbildern und Tierstücken für das junge Mannsvolk mußten ihre Wirkung tun. Strömte ja doch nach dem Ägidi-Hochamt das Landvolk der ganzen Umgebung auf dem Platz vor der Bassena zusammen und kaufte seine Vorräte ein. Von der Schule tönte Gesang herüber, schrille, quäkende Kinderstimmen – der Oberlehrer übte mit seinen Sängern ein neues Kirchenlied und schlug ärgerlich mit dem spanischen Rohr den Takt auf dem Kathedertisch dazu, daß es knallte. Aus den Schornsteinen des Dorfes stiegen dünne Rauchsäulen; die Weiber hatten alle Hände voll mit Kochen und Backen zu tun. Denn ein Kirchtag, an dem man sich nicht den Magen überfüllt, gilt im Waldviertel als verloren.

Der Wachtmeister hatte die Frühmesse besucht, wie stets an Sonn- und Feiertagen, und stand unweit des Heiligen Florian mitten im hellen Sonnenschein. Die fremden Marktfahrer hämmerten ihre Verkaufsstände zurecht, auf langen 59 Gestellen lockten die bunten Lebkuchenherzen und Bonbonschachteln gar verführerisch, auch ein Fäßchen Met wurde angezapft, zum Entzücken der Dorfkinder, die mit den kleinen dicken Fingern im Munde dastanden und ihre Köpfe sehnsuchtsvoll nach den großen Reitern aus Lebkuchen drehten. Da gedachte Herr Pummer der Zeit, da er selbst als kleiner Hosenmatz solche Herrlichkeiten angeseufzt hatte, und in seinem Herzen erwachte die Geberlaune; gutmütig schmunzelnd trat er unter die Kinder, die bei der Annäherung des Gefürchteten scheu auseinander fuhren, kaufte ein Dutzend Lebkuchen-Ulanen und ein Dutzend Wickelkinder und verteilte beides den Geschlechtern gemäß.

Das war ein Staunen, Schauen und Vergleichen – dann bissen blanke Zähne mit rückhaltloser Wonne in den weichen, süßen Teig. Und während der Wachtmeister lächelnd so viel wunschloses Glück betrachtete, fiel ihm ein, daß er eigentlich nach Kirchtagsbrauch seinem Mädel heute ein Andenken zu bringen hatte. Lange wählte 60 er unter den Lebkuchenherzen, bis er endlich das größte und schönste von allen sorgsam in Seidenpapier einwickeln ließ; es zeigte ein Mädchenbildnis, von prächtigen weißen und roten Zuckerrosen umgeben, mit einem Sinnspruch, der die Liebe, die Freundschaft und die Treue fürs Leben zu einem artig gereimten Vierzeiler vereinigte. Aber das schien dem Wachtmeister nicht genug. Er schlenderte an der zweiten und dritten Bude vorüber, wo Rosenkränze, Gebetbücher und »Anhenker« feilgeboten wurden. Dort erstand er ein schönes Medaillon aus purem Silber, mit dem Bilde der Madonna mit dem Jesuskinde und der Wallfahrtskirche von Mariazell, sowie ein vergoldetes Kettchen, an dem man das hübsche Ding um den Hals tragen konnte.

Beim Moserwirt wurden die letzten Vorbereitungen zum Empfang der Gäste getroffen. Hinter dem Haus war der Tanzplatz hergerichtet, ein sorgsam geglätteter Bretterboden, der recht laut dröhnte beim Aufstampfen. Reisigbüschel wanden sich um die Pfeiler, darin glühten Rosen 61 aus rotem Seidenpapier, und hinter dem Tanzboden streckte sich die große Wiese mit den süß duftenden Heuschobern bis zum Rand des Waldes. Alle die großen, sonst niemals benutzten Zimmer des alten Hauses waren für heute instandgesetzt worden, die getäfelte Trinkstube mit dem großen Kronleuchter, das Sterbezimmer der Moserin, vor dem es der Mirzl noch heute so seltsam graute, und die vielen anderen Räume, in denen der Moderduft der Vergangenheit lag. Überall leuchtete weiße Tischwäsche, nickten die müden Blumen des frühen Herbstes.

Der Alte hatte sich im Keller eingesperrt und pantschte Wein. Wenn die Festfreude recht hoch gestiegen war, prüften die Gäste den Wein nicht mehr auf seinen Gehalt. Und für den Wirt galt nur die Anzahl der ausgeschenkten Gläser . . .

Donar stand neben seinem Herrn und verfolgte mit den kleinen, rotunterlaufenen Augen dessen ersprießliche Tätigkeit. Hie und da schüttelte er mißbilligend seinen zottigen Kopf. Endlich riß er das Maul zu einem gewaltigen Gähnen 62 auf, daß man alle seine prächtigen Zähne sah, trottete in eine Ecke und warf sich wuchtig auf den Boden.

Indessen stand die Mirzl droben in der Küche und buk ihre berühmten Kirchtagskrapfen. Eine ganze Schwinge war bereits voll; aber immer noch fuhren die fleißigen Hände auf und nieder, warfen die blassen Kugeln in das heiße Schmalz und hoben sie in wenigen Minuten goldbraun und duftend auf das große Brett, wo sie auskühlen sollten. Sie war so vertieft in ihre Arbeit, daß sie gar nicht aufblickte, als in der Tür eine dunkle Gestalt erschien. Erst als sich ein kräftiger Lebkuchenduft verbreitete, hob sie das Stumpfnäschen und sah das große Herz mit den Zuckerblumen, das ihr Herr Pummer mit steifen Armen entgegenhielt.

»Mein Gott – ich bin ordentlich erschrocken. Vergelt's Gott, Herr Wachtmeister – nein, so ein schönes großes Herz – ich bedank' mich recht fleißig.«

»O, es kommt noch etwas,« sagte er 63 gutgelaunt und hing ihr das silberne Medaillon um den braunen Hals.

Sie strahlte. »Du bist zu gut, Herr Wachtmeister.« »Du, Franz,« erschien ihr noch zu vertraulich. Da war sie auf den Ausweg gekommen, »du, Herr Wachtmeister« zu ihm zu sagen. Das lag so hübsch inmitten zwischen Respekt und Zutunlichkeit.

Herr Pummer bekam den schönsten Krapfen, rundlich und goldbraun und mit süßer Marmelade gefüllt, den er mit Behagen verzehrte. Die Mirzl wischte die Hand an der Küchenschürze ab; die große Schwinge war gehäuft voll und ihre Arbeit einstweilen beendet. Und da ihr ein rascher Umblick sagte, daß sie ganz allein waren, bot sie ihm die Wange zu einem korrekten, festen Kuß, mit so viel Innigkeit gewürzt, wie er nur aufbrachte.

»Aber jetzt möcht' ich auch gern sehen, wie mir das Ding steht,« sagte sie. »Zu dumm, daß da in der Küche kein Spiegel ist.«

»So gehen wir halt in dein Zimmer hinauf.« 64

Sie sah ihn an und wurde ein wenig rot. Dann aber faßte sie seine Hand und zog ihn über den kleinen dunklen Vorraum zu der engen Holztreppe, die ins erste Stockwerk führte.

Er hörte das Knarren der ausgetretenen Stufen, sah ihre kleinen, kräftigen Füße vor sich, dem Festtag zu Ehren mit feinen Strümpfen und schmucken Halbschuhen bekleidet; er spürte den heimlichen Lavendelduft, der aus den Falten des feinen Unterzeugs strömte. Und als sie auf dem obersten Treppenabsatz einen Augenblick stillestand, legte er den Arm um sie und drückte sie fest an sich. Sie ließ sich's lächelnd gefallen; er fühlte den raschen, starken Schlag ihres Herzens und atmete tief und schwer vor verhaltener Sehnsucht nach Liebe. Aber dann dachte er daran, daß sie ja doch ohnehin bald die Seine war, und wieviel süßer dann das Glück sein müsse, wenn er das Mädel heimführte in aller Ehr' und Bravheit.

»So,« sagte die Mirzl und klinkte die Tür ihres Zimmers auf. 65

Noch nie war er da droben gewesen. Eine Welle von Lavendelduft schlug ihm entgegen, der aus den Schubladen des alten Schrankes, aus dem Wäschekasten, aus dem schmalen, blühweiß überzogenen Bett quoll. Schöner alter Hausrat stand da, Erbstücke vom Heiratsgut der verstorbenen Mutter; ein kleines Sofa von hellem Kirschholz, die große Kredenz mit Einlegearbeit in Holz und Elfenbein, ein Glaskasten voll geblümter Tassen, zwischen denen ein silbernes Kruzifix emporragte.

Die Mirzl paßte prächtig in diese behagliche Umwelt hinein. Ihr glänzendes braunes Haar war an den Ohren zu zwei großen Schnecken gedreht; in dem kurzen, engen, gefältelten Rock sah sie kleiner aus, als sie in Wirklichkeit war. Und abermals streckte er den Arm nach ihr aus; sie schlüpfte in eine Ecke: »Brav sein!« lachte der kleine, etwas zu volle Mund. Da nahm er ihre Hand, steif und vorsichtig wie eine kostbare Porzellanvase, und drückte einen schnurrbärtigen Kuß darauf, den sie sich gern gefallen ließ. Es 66 war eine bewegliche, blutwarme Hand, mit spitz zulaufenden Fingern, weich und mollig wie das ganze Dirndl.

Sie trat vor den großen Spiegel mit dem geschnitzten Goldrahmen und ließ die Medaille im Sonnenlicht funkeln, das breit und warm durch das offene Fenster hereinströmte. Von der Kirche herüber drang das dumpfe, melodische Brausen der großen Orgel.

Er stand hinter ihr und schob mit seinen starken braunen Fingern, die ein wenig zitterten, das Kettchen auf der kühlen Haut des Halses hin und her. Alles Wilde, Brutal-Männliche in seiner Natur war gebändigt durch den stillen, sonnigen Frieden dieses Mädchenzimmers. Er freute sich über den braunen, mit seinen Flimmerhärchen bedeckten Nacken, der sich ihm entgegenwölbte, über die runden, durch den dünnen Stoff der Bluse schimmernden Schultern.

Dann setzten sie sich auf das kleine Sofa mit dem geblümten Überzug. Es war gerade nur Platz für zwei. 67

Wenn jetzt das Mädchen zu dem Mann an seiner Seite so lieb war wie nie zuvor; wenn sie duldete, daß er linkisch und scheu den Arm um ihre Mitte legte, und ihn freundlich anlächelte mit ihren Augen, so braun wie das Wasser des Flusses, dessen leises Rauschen man bis in die sonnenatmende Einsamkeit des kleinen Zimmerchens vernahm: so war dabei weder Leidenschaft noch Leichtsinn die Triebfeder.

Eine Liebesprobe war's, wie sie alle Mädchen des Ortes ihren Bewerbern auflegten an diesem Tag, der der Lebenslust gehörte. Der Wachtmeister konnte sich nicht mit ihr unter den johlenden Bauernburschen auf dem Tanzboden herumdrehen. Darum gab sie ihm da droben, in ihrem Heiligtum, Gelegenheit, zu zeigen, ob sie ihm wert war, ob er sie nicht bloß zur Frau wollte, weil sich's für einen Mann in seinen Jahren und seiner Stellung eben gehörte, verheiratet zu sein. Und darum bog auch sie den runden Arm um seinen kräftigen Brustkorb herum und sah ihm in die Augen, freundlich, 68 aber eigentlich nicht verliebt, sondern forschend und fragend.

Aber der Mann verstand die Frage nicht. Was ihm bisher auf seinem Lebensweg von Weibsvolk in die Quere gekommen, war mindere Ware. Und so stellte er, zu seinem Schaden, die Eigenschaften der Gattung zu hoch und ahnte kaum, was für unendlich bunte Mannigfaltigkeiten das Wörtlein Liebe mit seinem seidenen Mantel bedeckt. Dazu kam der große Altersunterschied: Er war nahe an Vierzig und das weiche, warme Mädel an seiner Seite Zwanzig knapp vorüber.

Was wollte er mit ihr reden, wenn nicht das eine, Süße, Liebliche, zu dem ihn der Duft und die Helle und die Farben dieses Raumes mit tausend heimlichen Lockungen zogen, und dem er doch eigensinnig Widerstand leistete, weil er sich beherrschen wollte wie ein richtiger Mann!

»Was ist denn das für eine Kugel in deiner Westentasche, Herr Wachtmeister?«

»Das da – ach, nichts – nichts« – stammelte er verwirrt. Es war das goldene Knöpfchen von 69 der Pfeife des Wilderers, das er beständig mit sich herumtrug. Und froh, das halsbeklemmende Schweigen brechen zu können, begann er ein Gespräch über Wilderer. Vielleicht konnte ihm das Mädel einen wertvollen Wink geben, ihn auf die Spur des Verbrechers bringen, dem er seit Wochen schon so eifrig und vergeblich nachstellte. Er fragte, ob die Bauern im Wirtshaus oft von dergleichen Dingen sprächen, ob sie vielleicht selbst Verdacht hätte auf den und jenen.

Die Mirzl gab ihm Antwort, aber seltsam zerstreut, und ihre runden Augenbrauen wölbten sich erstaunt empor. Sie löste ihren Arm von ihm, sie schüttelte immer lebhafter den Kopf, je eifriger er fragte.

Nein – ein Gespräch über Wilderer war unter diesen Verhältnissen durchaus nicht nach ihrem Sinn . . .

Und so verstrichen Minuten, viele Minuten, die sich mit berauschend süßem Inhalt hätten fallen können und nun tot und leer ins Nichts hinabfielen wie Kugeln aus grauem Blei. 70

Der Alte drunten im Keller hatte unterdessen genug Wasser in seinen Wein gezaubert, und sich die Hände an seinem blauen Fürtuch abtrocknend, ging er die Treppe hinauf, zwinkerte mit den kleinen, immer verschlafen aussehenden Äuglein in die Wirtsstube, wo die ersten Gäste sich plump und schwer an den Tischen niederließen, und rief, daß das Haus gellte:

»Mirzl!«

»I komm schon,« klang es von oben wie heller Glockenton. Und gleich darauf huschte sie auch schon durch die Küche ins Schankzimmer und klingelte mit Gläsern, Weinstutzen und freundlichen Worten, wie es einer Wirtstochter gut ansteht. Man mußte sehr genau in ihrem Gesicht lesen können, um den Schatten zu bemerken, der trotzdem darüber hingebreitet lag – die heimliche, bittere Enttäuschung des Weibes, das sich verschmäht glaubt.

Der Wachtmeister stand breit und einsam in dem kleinen Zimmer, aus dem ihm nun mit einem Schlag die Sonne verschwunden schien. 71 Es war, als ob ihn alles verhöhnen wollte: die boshaft glitzernden Silberlöffel im Schrank, die Stiefmütterchen auf dem Sofaüberzug, die wie kleine Gesichter aussahen, und das riesige Herz in der Vitrine zwischen den geblümten Tassen.

Schwerfällig tappte er die Stiege hinab. Keine Ahnung sagte ihm, daß er da droben etwas zerstört hatte, ein stilles kleines Glück, ihm zugedacht und nun vielleicht für immer verloren. 72

 


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