Egid von Filek
Wachtmeister Pummer
Egid von Filek

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2.

Ob der Wachtmeister Pummer wirklich ein Narr war?

Es gibt Narren des Ehrgeizes und des Geldbeutels, Narren des Herzens und der Weiber und noch gar viel andere Narren im großen Irrenhaus der Welt. Die Kasdorfer nannten sogar ihren Bürgermeister, den alten Lux, der »Ortsnarren«. Das war beileibe kein Schimpf, sondern sollte bloß andeuten, daß dieser kluge und aufrechte Mann sich von Amtswegen oft für die Allgemeinheit opfern und sein Eigenwesen vernachlässigen mußte, Haus, Hof, Knecht, Magd und alles, was sein war; und wer solches tut, erscheint den Dreimalvernünftigen ja immer ein wenig närrisch. Ja, der Amtsvorgänger des Herrn Pfarrers pflegte sogar zu sagen, wir alle 32 wären nur arme Narren vor dem lieben Gott, und die ernsthaften Leute, die immer so viel Würde um sich her machen, wären die größten Narren.

Ein Waldkind war er, der Pummer Franzl. In einem weltvergessenen Nest unweit der böhmischen Grenze, wo die Riesentannen bei den Fenstern der kleinen Hütten hereinwuchsen und die herrschaftlichen Rehe den Bauern im Winter den Kohl aus ihren Gärtchen fraßen, hatte seine Wiege gestanden.

Diese Wiege war eigentlich ein struppiger, aus Weidenruten geflochtener Korb, aus dem die großen, runden, ernsthaften Augen eines dicken, merkwürdig stillen Kindes in die Welt hinausguckten, mit einem Blick voll Staunen, wie armselig diese Welt war; der Himmel einer niedrigen, verräucherten Decke aus Tannenbalken spannte sich darüber, die Luft war modrig und fühlte sich gleichsam klebrig an, und durch die kleinen, nie geöffneten Fenster guckte im Sommer ein Fleckchen Grün und im Winter ein Fleckchen 33 Weiß. Neben dem Weidenkorb aber saß auf einem breitbeinigen Schemel eine blasse Frau und härmte sich ab, weil der Mann weit, weit von ihr sich mit den argen Balkanvölkern herumschlug und gar so selten einen Feldpostbrief in die Heimat sandte.

Denn es war die bosnische Okkupation Anno 1878 blutigen Andenkens, als Philippovich und Jovanovich die Kultur auf den Spitzen der Bajonette dahin trugen, wo man sie nicht wollte, in die von der Türkenwirtschaft verlotterten Karstländer. Es war damals viel Blut zu verlieren und wenig Ehre zu gewinnen, wie immer, wenn Kultur gegen Barbarei ins Feld ziehen muß; aber die Geschichte der Kultur ist mit Blut geschrieben, ob es nun der Märtyrer am Kreuz vergießt oder ein ganzes Volk im Kampf für seine Heimat. Und so war damals mit vielen Tausenden auch der Feldwebel Franz Pummer aus seinem Walddorf ausgerückt für Gott, Kaiser und Vaterland. Anfangs ohne sonderliche Begeisterung. Er dachte noch zu viel an die strohblonde Frau mit 34 den verweinten Augen und an den zappelnden, krähenden Buben in dem struppigen Weidenkorb. Aber als jene Bilder mählich versanken und das Feldlager seine einzige Heimat ward, da gefiel ihm das rauhe Handwerk, auf das er sich so lange vorbereitet, mehr und mehr. Furcht kennt der Soldat nicht und ein Feldwebel, der der Mannschaft ein leuchtendes Vorbild sein soll, schon gar nicht. So dauerte es nicht lange, und der Pummer stieg auf die höchsten Baumwipfel, um von dort aus das Feuer der Artillerie zu dirigieren; Kugeln flogen um seinen Kopf und in seine Kappe, er lachte darüber. Als er die Große silberne Tapferkeitsmedaille erhalten hatte, wuchs sein Mut zur Tollkühnheit. Er unternahm die gefährlichsten Patrouillengänge und kehrte immer wie durch ein Wunder heil und gesund zurück. So hatte er in jener Zeit, da es noch keine Aeroplane und Zeppelins gab, der vor Sarajewo operierenden Armee wertvolle Dienste geleistet und war bewundert und gefeiert worden von Kameraden und Vorgesetzten – da schoß ihm ein hinter einem 35 Felsblock versteckter Franktireur eine Kugel ins Kniegelenk, daß er zusammenbrach. Triumphierend schleppten ihn die grausamen Feinde an eine sichere Stelle, banden ihn an Händen und Füßen und richteten ihr entsetzliches Marterwerkzeug auf – den Pfahl. Und während er sich in seinen Qualen krümmte, hockten sie um ihn herum und freuten sich mit grinsenden Gesichtern. Schweigend ertrug er die furchtbaren Schmerzen und gab keinen Laut von sich. An Frau und Kind dachte er, und ob der Staat sie versorgen werde, daß sie nicht betteln gehen müßten . . . Seine letzte Sehnsucht aber galt nicht ihnen; die flog weit, weit fort über die brennenden Steinwüsten der trostlosen Karstlandschaft, die ihn umgab, hinüber zu den Wäldern seiner Heimat, die wie ein breiter Streifen blaugrüner Samt den Horizont begrenzten: er atmete kühlen Harzduft, er hörte das Brausen und Rauschen der Tannenwipfel, und das Rauschen wurde stärker und stärker, bis die purpurne Finsternis des Todes über ihm zusammenschlug. 36

Das war nun lange, lange her. An der Stelle, wo der arme Teufel den Märtyrertod für sein fernes Heimatland gestorben war, hatten ein paar Bauern, noch viel ärmere Teufel als er, in Butten und Tragkörben die kostbare rote Erde aufgeschüttet, die sie in der Nacht ihren Nachbarn vom Feld gestohlen; nun lag dort ein Maisfeld und die groben, raschelnden Blätter erzählten ganz andere Geschichten als von Schlacht und Krieg. Aber das Andenken des Feldwebels war nicht vergessen. Die Kameraden seines Regiments trugen die Kunde heim, jeder tat ein wenig dazu, und aus dem einfachen Soldaten ward ein Held – der Held von Sarajewo.

Aber für Helden ist kein Platz in Alltagszeiten. Und Alltagszeiten waren es, die nach jener blutigen Okkupation über die europäische Menschheit kamen, so daß sie sich sicher fühlte im ererbten Besitz des Friedens. Und der Frieden im Waldviertel war noch viel tiefer, grüner und schattiger als in irgendeinem anderen Winkel der Welt. 37

Freilich: die da droben saßen an den Webstühlen der Geschichte, die hörten das böse, heimliche Knurren der Völker um den Balkan, das seit der Besetzung Bosniens nie verstummte. Die sahen, wie die englische Spinne ihr tückisch gleißendes Goldnetz um den Erdball spann. Aber die Warnenden wurden als Schwarzseher verspottet und schwiegen endlich gekränkt still.

Mit leuchtenden Bubenaugen hatte der kleine Franzi von den Taten des Vaters gehört. Und in seinem Herzen schwoll die Sehnsucht: er wollte es dem Vater gleichtun, vielleicht noch höher steigen als er; Offizier wollte er werden, um alles in der Welt Offizier!

Aber ein Offizier braucht Schulen, teure Schulen. Die Mutter brachte ihn zu einem Onkel in die kleine Gymnasialstadt; dort studierte er zwei Jahre und sog sich voll mit Träumen einer verworrenen, kindischen Sehnsucht nach einer größeren und reicheren Welt, als die seiner Kindheit war; guckte gleichsam hinein durch ein Fenster, dessen buntes Glas ihm alles in wunderbarer 38 Verklärung zeigte, bis der Onkel starb und der Traum zerrann – Studieren ist nichts für einen armen Teufel.

Dann kam er, weil er groß und stark geworden war, zu einem Schmied in die Lehre. Das zog von unnützen Gedanken ab, stählte die Muskeln und weitete den Brustkorb besser als vergebliche Seufzer. Wenn er so im Sprühregen der Funken am Amboß stand, war ihm wohl. Aber dann in den stillen Abendstunden, da glühte sein Herz wieder von roter, heimlicher Sehnsucht, und um ihn flogen die Funken phantastischer Zukunftsträume; ungesellig und einsam wuchs er heran, bis man den kräftigen Burschen zum Militär einzog.

Der strenge Dienst, die stramme Zucht und Ordnung gefielen ihm- Pflichttreue und Ehrgefühl hatte er vom Vater her im Blut; er hielt sich gut, wurde mehrmals belobt, und die Vorgesetzten gaben ihm den Rat, Gendarm zu werden. Er sagte freudig zu.

Wenn es schon nichts war mit der Offizierslaufbahn – Gendarm zu sein ist auch schön! 39

Man wandert auf der Streifung über Berg und Tal, durch Auen und Wälder, steht mit der Sonne auf und freut sich, wenn einem der Wind um die Nase bläst; man sieht mit scharfen Augen überall nach dem Rechten, und wenn man im Gefühl erfüllter Pflicht im kühlen Wirtshaus sich einen Labetrunk und ein Pfeifchen vergönnt, genießt man die Verehrung, die alle guten Bürger dem Rock des Kaisers zollen. Und bald tauchte an seinem Uniformkragen das erste Sternlein auf. Es war nicht leicht verdient. An der böhmisch-bayrischen Grenze trieben sich Schmuggler herum, und Franz Pummer hatte das Glück. einen von ihnen in finsterer Gewitternacht zur Strecke zu bringen. Der Kerl wehrte sich verzweifelt; es gab im Wald einen Kampf auf Tod und Leben. Aber der Gendarm trug den Sieg davon und zeigte drei Wochen später voll Stolz der Mutter seine Auszeichnung. Sie sagte nichts; aber ihre Augen strahlten, und die Hütte war zu klein für so viel Freude und Glück.

Der erste Stern! 40

Aber man greift nicht ungestraft nach den Sternen.

Seit jener Zeit war der Ehrgeiz in ihm erwacht. Der saß im Herzen wie ein schwelendes, inneres Feuer, und sein Leben verzehrte sich mit heimlich fressender Glut, statt in funkensprühender, heller Flammenlust zu lodern. Er glaubte, das würde nun so fortgehen mit den Auszeichnungen, Jahr um Jahr, und man stünde auf einer Leiter, die man nur aufwärts zu klimmen brauche; daß trotz persönlicher Tüchtigkeit das neidvolle Glück eben nicht jedem vergönnt, etwas zu leisten, das wollte ihm nicht in den Sinn. Immerhin machte er Karriere, wurde Wachtmeister und genoß das Vertrauen der Vorgesetzten. Aber gerade jene Eigenschaften, denen er seine Beförderung verdankte, gaben ihm bei den Leuten etwas Fremdes. Trotz aller Hochachtung vor der Majestät des Gesetzes kann man einem Mann nicht rückhaltloses Vertrauen schenken, der die strafende Gerechtigkeit in seiner Person und Montur verkörpert. 41

Wenn auch der Herr Oberlehrer einst in wein- und weihevoller Stunde mit ihm Schmollis getrunken und die Mosermirzl ihm stillschweigend hie und da die gleiche Vertraulichkeit erlaubt hatte, weil er doch immerhin den Jahren nach ihr Vater hätte sein können; so galt er doch den Kasdorfern als Fremdling und Zugereister, der keine »Freundschaft«, wie man hierzulande statt Verwandtschaft sagt, im Ort besaß. Auch verstand er sich mit den anderen nicht recht gemein zu machen, hielt gar zu streng auf Distanz, als ob seine Seele immer in Uniform ginge. Beim Kegelschieben, am Stammtisch, bei der Tarockpartie, in der lustigsten Gesellschaft, wenn die Weiber wie die Enten durcheinander schnatterten, die Männer sangen und sogar der Herr Pfarrer einen roten Kopf bekam – immer hüllte er sich in seine Würde wie in einen unsichtbaren Mantel. Niemand hatte ihn jemals angeheitert gesehen. Das alles brachte Spott und Bemerkungen, mißtrauisches Getuschel und manche stille Feindschaft. Aber er konnte nicht anders. 42

Solcher Art war also die Narrheit des Herrn Pummer, die an jenem Abend beinahe den Gottesfrieden des Stammtisches zerstört hätte.

Ein leuchtender Spätsommermorgen war über die Welt gezogen; die Tages- und Jahreszeit, wo das Waldviertel am schönsten ist. Am Rande des großen Fichtenwaldes unweit der Straße, eine Stunde von Kasdorf entfernt, lag im weichen Moos ein brauner Tropenhelm. Der gehörte dem Wachtmeister. Er hatte den Uniformrock, aus dessen Innentasche die grünen Hefte des Herrn Wasservogel guckten, aufgeknöpft und seinen Gedanken ein wenig Dienstfreiheit gegönnt. Heute spürte er wieder einmal, wie er zwei Seelen mit sich herumtrug.

Die Berufsseele erinnerte ihn daran, daß er um zehn Uhr in dienstlicher Angelegenheit beim Bürgermeisteramt in Kirchstetten zu sein habe, das eine gute Stunde entfernt war. Aber die Menschenseele lauschte auf die acht weichen Schläge, die der Wind von der Kasdorfer Turmuhr herübertrug, zündete sich einen der geliebten 43 Rattenschwänze an und freute sich, daß es sich an dem schattig-kühlen Waldrand so hübsch rasten und sinnieren ließ.

Es war ja doch noch reichlich Zeit!

Und wie die blauen Rauchwolken dahinschwebten und zerflossen, so sannen die Gedanken in die blaue Ferne des Ortes und der Zeit. Alles, was an unbefriedigter Phantasie in seiner Brust schlummerte, war aufgeweckt und aufgewühlt durch die gefährliche, seltsam spannende Lektüre, die ihm ein Zufall hingeworfen. Und er dachte nach langer, stiller Zeit wieder an seinen Vater, den Helden von Sarajewo; durch die friedliche Landschaft klang Pferdewiehern und Kommandowort, Kugeln pfiffen in der Luft, Kanonenschüsse rollten dumpf und schwer, und über dem Ganzen stand ein Wort geschrieben, unsichtbar und doch so leicht zu lesen für ein Soldatenherz, das fröhliche Wort: »Vorwärts!« Herrgott, mußte so ein Krieg schön sein! Da konnte man doch zeigen, daß man ein Mann war, konnte sich Ruhm verdienen und eine Auszeichnung. Aber so – den Zigeunern 44 nachspüren, fremde Radfahrer aufschreiben, wenn sie abends keine Laterne anzündeten – und wie selten kam einer in diese verlorene Gegend! Oder einem unbefugten Fischer das Handwerk legen und da noch ein Aug' zudrücken, wenn es herauskam, daß es einer von den reichen Bauernbuben war – nein, damit hob man keine Ehre auf. Die Menschheit war ganz entartet. Niemand brachte die Kurage zu einem anständigen Verbrechen auf.

Aber da krümmte sich wieder die Berufsseele, die immer in Uniform war, empor und verwies ihm solche Gedanken.

Die ganze Welt ist im Grunde ein ungeheurer Polizeirayon, nach strengen Vorschriften der himmlischen Obrigkeit geregelt. Da muß man eben zufrieden sein, wenn man auch nur ein Schräubchen an dieser ungeheuren Maschine war, und den Ehrgeiz zum Teufel schicken. Na ja!

Und trotz alledem gewann die Menschenseele die Oberhand. Die Sonne vergoldete aber auch gar zu lieblich die flachen Hügel, und es war so wunderschön, wie die dicken, grellroten Beeren 45 der Ebereschen an der Landstraße sich mit dem tiefblauen Himmel und seinen weißen Wolkenbällen zu einem satten Farbendreiklang vereinigten. Noch war der Herbst nicht da; aber hinter jenen fernen duftblauen Höhen stand er schon, segnete die reifenden Früchte und sandte ein paar Silberfäden Altweibersommer als Boten voraus.

Am Waldrand zu liegen und vor sich hin zu sinnieren, war sonst nicht des Wachtmeisters Gewohnheit. Aber das Stück Beschaulichkeit, das alle Österreicher mit sich herumtragen, kam hier und da doch zum Vorschein. Auch stand Herr Pummer in dem Lebensalter, das eine solche Landschaft, wie sie eben vor ihm ausgebreitet lag, am besten versteht. Auf der Höhe des Lebens schätzt man seine guten Dinge, einen Blick in die weite, freie Welt, ein fröhliches Trinkgelage oder ein liebsames Weib, mit einer Innigkeit und Tiefe, die der gedankenlos genießenden Jugend ganz fremd ist.

So war es denn völlig in der Ordnung, daß seine Gedanken nach jenem Ausflug in das 46 Traumland eines längstvergangenen Krieges wieder zu den Realitäten seiner runden Mirzl zurückkehrten.

Behaglich schmunzelnd strich er sich den Schnurrbart. O ja, das Dirndl war jung, hübsch und keine üble Partie, und sicher würde sie gern Frau Wachtmeister werden wollen. Wenn die ersten Schneeflocken fallen, gibt's in Kasdorf Hochzeit.

Die Pfarrermariann war es gewesen, die seinerzeit die nähere Bekanntschaft zwischen der Mirzl und dem Wachtmeister vermittelt hatte; einmal weil sie sich bei dem würdigen, etwas reservierten Herrn Onkel gehörig langweilte, und dann auch aus jener Freude am Kuppeln, die im Grunde ganz uneigennützig ist, aber allen älteren Jungfern ihren Lebensnachmittag verklärt. Sie redete der Mirzl ein, daß der Herr Wachtmeister eine tiefe Neigung für sie gefaßt habe, aber als gesetzter Mann dieselbe natürlich streng beherrsche, bis die Zeit zum Handeln gekommen sei. Dem Wachtmeister aber erzählte sie in geheimnisvollen Andeutungen von dem hübschen Heiratsgut, das die Mirzl, ihr liebes 47 Patenkind, aus der Erbschaft von der Mutter her zu bekommen habe. Natürlich würde sie selbst auch ihre Pflicht als Patin voll und ganz erfüllen.

Der Wachtmeister war für das Projekt leicht zu gewinnen. Er fühlte sich reif für ein wohltuend gedämpftes Herdglück und begann das Einerlei der Wachtstube, des Wirtshauses und seines öden, ungemütlichen Junggesellenzimmers langweilig zu finden. Es war etwas in ihm von der Art der großen Krebse, die sehr langsam, bedächtig und mißtrauisch auf den Köder zugehen, aber, wenn sie ihn einmal mit Scheren und Freßzangen gepackt haben, um keinen Preis mehr loslassen, bis man sie in Sicherheit gebracht hat. Nur eine Auszeichnung für hervorragende Dienstleistungen hätte er sich fürs Leben gern verdient, bevor er Ernst machte. Das Mädel sollte sehen, daß er kein gewöhnlicher Mann war, der Wachtmeister Pummer!

Aber die Mirzl dachte vom Heiraten anders. Sie machte es so wie die geschickten Kartenspieler, denen sie ja in der Gaststube oft genug zusah. 48 Wenn sie auch lauter Trümpfe in der Hand haben, sie halten sich doch für alle Fälle einen strammen Herzkönig oder Pikbuben zurück. Weder sie noch die Kartenspieler verdienen darum den Vorwurf hinterlistigen Betruges. Die Mosermirzl war eben ein Mädel, an Leib und Seele ein richtiges, gutgeschaffenes Mädel. Und die Mädchen verstehen sich auf das Kartenspiel der Liebe nun einmal besser als die Männer.

Natürlich schmeichelte ihr die stille Huldigung des Wachtmeisters. Aber von früher lag ihr halt doch noch der Lux Ferdl im Sinn, der sie beim Tanz immer so entzückend kräftig in seine Arme preßte, daß ihr in seliger Vergessenheit Hören und Sehen verging; der die stärksten Burschen platt auf den Boden niederrang und in der Nacht bei ihrem Kammerfenster so heiß küssen konnte, wie man das eben nur mit zwanzig und etlichen Jahren kann.

Ja, und der schöne Bauernhof des alten Lux, die großen Wiesen hinterm Haus, die Kühe und Pferde und Schweine – das alles mußte der 49 Ferdl einmal kriegen. Das Traurige an der Sache war nur, daß der Ferdl viel lieber den umständlichen und beschwerlichen Weg über Leitern und Dächer zu ihrem Kammerfenster ging als den bequemen und geraden zum Hochzeitsaltar. Da gab nun ein Wort das andere; schließlich zog sich der Ferdl in seine gekränkte Männlichkeit zurück und behandelte das Mädel wie Luft.

Es war mehr als ein Jahr seit jener Zeit vergangen; die Mirzl hatte dem Ferdl natürlich trotzig den Rücken gekehrt, aber es tat ihr doch weh. Sie begriff, daß sie sich nach keiner Seite hin etwas vergeben durfte, und wartete ruhig die Gelegenheit ab, sich mit ein paar klugen, festen Hammerschlägen das Lebensglück zu schmieden, auf das doch jeder Mensch begründeten Anspruch hat.

Als sich der Wachtmeister sein künftiges Eheleben in recht fröhlich-bunten Farben ausgemalt hatte, griff er nach dem grünen Heft und war bald mitten in der Geschichte vom Hund von Baskerville. 50

Eine halbe Stunde mochte er gelesen haben, als sein geübtes Ohr das Geräusch von Tritten vernahm, die sich im Marschtempo näherten. Es war ein unregelmäßiges Trapptrapp, als ob zwei kurze Beine sich bemühten, mit einem Paar längerer gleichen Schritt zu halten. Endlich bog es um die Waldecke. Zwei Gendarmen in Dienstausrüstung. Der Wachtmeister hatte gerade noch Zeit, das grüne Heft zu verstecken.

»Der Stiegler und der Griensteidl,« brummte er. »Da muß was los sein.«

Die beiden standen jetzt vor ihm Habtacht. Der Stiegler war ein baumlanger Kerl mit einem buschigen, in zwei scharfe Spitzen ausgezogenen Schnauzbart und goldenen Knöpfen in den Ohren. Seine sehnige Gestalt und seine maikäferbraunen Augen gefielen den Mädeln so gut, daß er immer in einem Dunstkreis von Liebesabenteuern daherging. Griensteidl hatte einen runden Bauch und eine sanft gerötete Nase, Pfänder seiner treuen Liebe zum Wirtshaus und seinen Genüssen.

»Was gibt's?« fragte Pummer. 51

»Meld' g'horsamst, Herr Wachtmeister – Wilderer.«

»Wo denn?«

Stiegler deutete mit seinem langen Daumen gegen den Wald.

»Also vorwärts.«

Sie gingen zu dritt in das Gehölz. Dumpf klangen ihre Schritte auf dem weichen, dick mit Nadeln bestreuten Boden. Der Wachtmeister hob die Nase: »Pfui Teufel, was riecht da?«

Eine Strecke seitwärts vom Weg lag ein toter Rehbock. Die Kruckeln sorgfältig abgeschnitten, die Haut abgezogen, die besten Fleischstücke kunstgerecht gelöst – der Mann verstand sein Handwerk.

»Saubere Arbeit,« lobte Stiegler und musterte den Kadaver mit Kennerblicken.

»Den Rücken hätt' er besser ausschneiden können,« meinte Griensteidl. »Der war g'wiß ka Fleischhauer.«

Die beiden lachten. Aber der Wachtmeister blieb ernst. Seine buschigen Augenbrauen zogen 52 sich eng zusammen und bildeten unter der niedrigen Stirn einen dicken schwarzen Strich.

Angestrengt dachte er nach, beobachtete genau die Umgebung des Tatortes, warf sogar einen mißtrauischen Seitenblick auf seine Untergebenen und schüttelte zweifelnd den Kopf. Auch der Stiegler und der Griensteidl steckten das Dienstgesicht auf.

Durch das Gewirr der Fichtenäste hatte sich ein Sonnenstrahl hindurchgezwängt und tanzte völlig respektlos auf den Helmen und Bajonetten der drei Diener des Gesetzes, kitzelte den langen Stiegler in der Nase, daß er heftig niesen mußte, und blieb neben dem toten Rehbock auf dem Moos liegen. Dort schien er etwas gefunden zu haben, das ihm ausnehmend gefiel. Wie ein goldener Leuchtkäfer glänzte es herauf.

»Was ist denn das?« brummte der Wachtmeister, bückte sich zur Erde und betrachtete aufmerksam jeden Zoll des Waldbodens. Plötzlich ging ein Zucken über sein Gesicht. Er griff zu und hob einen kleinen Gegenstand von Bohnengröße 53 empor. Ein Stückchen vergoldetes Porzellan, das einst zum Schmuck eines Pfeifenkopfes gedient haben mußte. Jedenfalls war dem Wilderer bei seiner Arbeit die Pfeife aus dem Mund gefallen und das kleine Stück durch den Anprall an einen Stein oder eine Baumwurzel abgesprengt worden.

Stiegler und Griensteidl, in ein halblautes Gespräch über Wilderei vertieft, wobei sie merkwürdige Sachkenntnisse entwickelten, hatten nichts bemerkt. Der Wachtmeister steckte das goldene Knöpfchen in die Westentasche.

»Stiegler, Sie gehen nach Kasdorf und erstatten dem Förster und dem Bürgermeister Meldung. Der Griensteidl kommt mit mir nach Kirchstetten.«

Salutieren, Rechtsum – der lange Stiegler verschwand zwischen hohen Fichtenstämmen.

Griensteidl lief neben dem Vorgesetzten her, so gut es seine kurzen Beine gestatteten.

»Ob sich der Wilderer erwischen laßt,« meinte er. »Mein Gott, die Bauern da herum wildern gern. Und aner verrat den anderen nöt.« 54

»Hm, hm,« brummte der Wachtmeister. Die Berufsseele arbeitete wieder in ihm. Seine Gedanken kreisten in einem fort um das goldene Porzellanknöpfchen und spannen tausend Pläne herum wie ein dichtes Netz, in dem sich der Verbrecher fangen mußte.

Griensteidl wechselte den Schritt und das Gesprächsthema:

»Heut abend schlagt der Moser a frisches Fassel Wittingauer Bier an.«

Diesmal begnügte sich der Wachtmeister mit einem leichten Kopfnicken.

Er war ganz in seine Gedanken versponnen. Freilich, die Sache war nicht leicht. Um so besser. Da kann man zeigen, was ein tüchtiger Gendarm leistet.

Sherlock Holmes! Ein leuchtendes Beispiel. Ja, Sherlock Holmes und der goldene Porzellanknopf werden ihm den langen, dunklen Weg erhellen, der zur Entlarvung des Gauners führt.

Aber er wird ihn allein gehen müssen – ganz allein. Auf seine Leute ist ja kein Verlaß. Dieser 55 Griensteidl da, der keine Ahnung von den eigentlichen Pflichten des Berufs hat, die Dienststunden abtut und dann im Wirtshaus herumsumpft, oder der Stiegler mit seinen dummen Weiberschürzen – nein, die können ihm nichts helfen.

Griensteidl wischte sich den Schweiß ab. Der Pummer ging ihm zu schnell:

»Wenn's uns heuer nur nöt den Kirtag verregnet. Der Wirt hätt an großen Schaden . . .«

Der Wachtmeister hörte gar nicht mehr auf ihn. Er faßte den Säbel fester und richtete seine Gestalt hoch auf.

Nach langer Zeit spürte er wieder einmal eine richtige Berufsfreude. 56

 


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