Egid v. Filek
Ein Narr des Herzens
Egid v. Filek

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Droben in seinem Zimmer hatte Georg den Lehnstuhl ans Fenster gerückt und lag nun dort, den Kopf zurückgebogen, mit müden Augen in die Abendwolken starrend.

Und am Rand des Himmels starb das Licht. Jetzt war der letzte flammende Streifen der Sonnenscheibe versunken.

Er dachte an jenen Abend, als er mit dem Vater und dem Onkel von der Bahn gekommen war, froh und glücklich in dem Bewußtsein, die schwere Prüfung hinter sich zu haben. Was lag nicht alles zwischen damals und jetzt!

So müde fühlte er sich – so müde. Und ganz unten im tiefsten Herzen klang ein trauriger, feiner Akkord; immer dieselben Töne, voll Sehnsucht und verhaltenem Weh.

Es war ihm, als hätten sie alle, alle mit ihm gespielt, von seiner frühen Kindheit an bis heute. Märchen und Geschichten, hübsch und erlogen, erzählten sie ihm, und nun kam auf einmal die Wirklichkeit und faßte ihn an 258 mit Eisenklauen, ein wildes Tier, mit dem er kämpfen sollte.

Und er konnte nicht kämpfen.

Er fühlte, daß er die Herrschaft über sich selbst verloren hatte, daß er dunkeln Gewalten ausgeliefert war, die von ihm Besitz ergriffen und denen er nichts von seinen Seelenkräften entgegensetzen konnte.

Von einer wunderbaren Ordnung der Welt hatten sie ihm erzählt, von der ewigen Gerechtigkeit, die das Böse bestraft. Das war ja Lüge. Das mußte Lüge sein, sonst hätte nicht der Segen auf dem ungerechten Tun des Vaters geruht. Und sie hatten auch mit vollen Backen und rührseligem Augenaufschlag gesprochen von dem erhabenen Gefühl der Elternliebe, von der treuen Sorge des Vaters und der Mutter, die der Kinder beste Freunde sind. Es war ja alles nicht wahr. Sonst hätte der Vater erraten müssen, was in seinem Herzen vorging, die Mutter hätte ihn nicht von sich abschütteln dürfen wie einen lästigen Störer. Und sie redeten von der Liebe, die alles überwindet, die treu zu dem geliebten Wesen hält und Glück und Leid mit ihm teilt. Und auch das war Lüge. 259

Langsam erhob er sich aus dem Lehnstuhl und trat an das Eckfenster, durch welches man in den Blumengarten hinabsehen konnte.

Rote Rosen flammten noch zu Dutzenden an den Stöcken. Georginen, weiße, rote und gelbe, schaukelten an ihren dünnen Stielen, und in den Rabatten verströmten die Reseden ihren süßen Duft. Die bunten Sterne der Astern bedeckten ein ganzes Beet. Und an der Mauer wiegten sich hellrote Nelken im Abendwind.

Er stand einen Augenblick still und bog sich aus dem Fenster; eine Welle von starken Düften schwoll ihm entgegen.

Da ging ein sonderbares, starres Lächeln über sein Gesicht. Er sah hinüber nach einem kleinen Fenster zu ebener Erde, das im letzten Schein des Abendrotes strahlte, und seine Augen wurden plötzlich weit und groß, als hätte ein Gedanken von ihm Besitz ergriffen und wolle ihn nimmer loslassen.

Dort drüben lag die Badestube.

Mit einem Ruck raffte er sich auf und ging in das anstoßende Zimmer, wo die Eltern zu schlafen pflegten. Er zog ein paar Schubladen des Toilettetisches auf. In der untersten 260 lag des Vaters Rasiermesser. Er nahm es heraus, prüfte die Schneide an einem Papierstreifen, schloß es wieder und ließ es in die Tasche gleiten. Dann ging er langsam in den Garten hinab.

Die Stasi hockte vor einem Gemüsebeet und schnitt Salat. Sie beeilte sich, so sehr sie konnte. Vor dem Zaun wartete schon ungeduldig ihr Bub, um sie zum Tanz zu führen.

Georg befahl ihr, den Ofen im Badezimmer zu heizen. Sie warf die Salatköpfe in den Korb und nickte.

Während sie drinnen geschäftig war, lehnte Georg an der Bretterwand des Gartenhauses und starrte in den Abendhimmel. Er wartete, bis sie das Haus verlassen hatte; dann schritt er in das Badezimmer.

Dort stand er still und sah zu, wie die Flut in der Wanne stieg, und begann sich zu entkleiden, erst langsam, dann schneller, zuletzt fieberhaft schnell.

Vor dem Spiegel stehend, betrachtete er zum ersten Male im Leben aufmerksam seinen nackten Körper. Er war weiß und wohlgebildet, von schönem Gliederbau; die schmalen Hände und den Hals hatte die Sonne 261 gebräunt, und an der linken Schulter saß ein kleines Muttermal. Das prüfte er ernsthaft, wie eine seltsame Naturerscheinung. Und er strich mit der Hand über seinen Oberarm und fühlte, wie fein und zart die Haut war.

Sie hatten ihm gesagt, es wäre Sünde, seinen Leib zu betrachten ohne die Hüllen der Kleider. Und als er erstaunt nach dem Grunde fragte, da blieben sie ihm die Antwort schuldig.

Er aber sah, daß er schön war, daß die Linien in weicher Rundung ineinanderflossen, daß das schwache Licht, welches durch die matten Glasscheiben drang, ihn freundlich umspielte und heraushob aus dem dunkeln Hintergrund der Wände wie ein Bild eines alten Meisters.

Und leise glitt er in das warme Wasser.

Das Rasiermesser legte er auf den Rand der Wanne und versank in Gedanken.

Das Bild des Onkels stieg vor ihm auf. Und er erkannte die stille Tragödie seines Lebens.

Dieser Mann hatte mit seinen schwachen Kräften einen aussichtslosen Kampf geführt gegen das Leben, ihm abtrotzen zu wollen, was es nicht gutwillig gab. Und am Ende war er zusammengebrochen, voll müder 262 Resignation, hatte den Nacken gebeugt und still seine Waffe niedergelegt. Ein Überwundener, ein hingemarterter Sklave des Geschickes.

Mußte das so sein? Mußte man sich ducken und zusammenkriechen und sich langsam zu Tode steinigen lassen vom Schicksal?

Es gab einen Weg der Befreiung, einen Siegerweg, eine via triumphalis. Eine Tat, so groß und ernst und feierlich, wie sie nur ein ganzer Mann vollbringen kann.

Er atmete schwer. Das heiße Wasser raubte ihm für Augenblicke das Bewußtsein. Ohne recht zu wissen, was er tat, nahm er das Messer und fuhr damit unter die Oberfläche, und kühl und brennend zugleich glitt die scharfe Schneide über den Puls der linken Hand hin.

Das Wasser begann sich zu röten.

Sorgsam legte er das Messer wieder auf den breiten Rand der Wanne. Eine köstliche Ermattung umfing ihn. Bilder aus längstvergangenen Kindertagen stiegen vor ihm auf. Er sah die kleine Daisy auf einer Wiese inmitten weißer Blumen sitzen und den Kopf des guten Treff streicheln. Und der weiße Marmorknabe bewegte seine göttlichen Glieder und reichte ihm die kühle, glatte Hand. 263

Und dann erstickten die Gedanken in Dumpfheit und Leere.

Wieder nach einiger Zeit schien es ihm, als fliege er hoch in den Lüften, und ringsum klangen viele, viele Glocken, und ihre Töne sangen das Lied, das Daisy damals gesungen hatte am Abend seiner Ankunft.

Und nun schwebte er aufwärts – aufwärts. Tief unten lag die Erde, von wallenden Nebelschleiern verhüllt. Er aber flog einem großen Lichte zu, das langsam näher kam. Und aus dem Glanze lösten sich wunderschöne Gestalten von Knaben und Mädchen, die trugen Kränze von Astern und Georginen und roten Rosen; sie lächelten ihn an und begrüßten ihn als Sieger über die Erde und ihr Elend.

Und ihre Stimmen flossen zusammen zu einem Schlummerlied.

Und immer ferner klang es, immer leiser. Seine letzten, zitternden Töne verhallten im unendlichen Raum.

Ein Windstoß fuhr durch die Luft. Die Blätter hoben sich vom Boden und tanzten Schmetterlingen gleich umher. Wie ein Seufzer ging es durch die Kronen der Bäume. 264 Auf der Straße stiegen Staubwolken auf; sie formten sich zu seltsamen Gebilden, die in wilder Jagd vorüberzogen, von der Geißel des Windes gepeitscht.

Und rasselnd flogen die Fenster des Badezimmers auf. Da brach ein mächtiger Streifen Lichtes herein und ergoß sich über den blassen Körper, der wie aus Marmor gemeißelt dort lag.

Und die stillen Züge erinnerten wunderbar an den Idolino.

Aber keine Opferschale hatte er auszugießen am Altare des Zeus, der den Sieger beschützt.

Kostbaren Saft verströmte er hier, zu Ehren toter, längst begrabener Götter, und wahrlich, das Opfer war besser als die, für welche es gebracht worden war. . . .

Beim Fenster entstand ein Geräusch. Ein dicker, zottiger Kopf tauchte auf und verdunkelte den hellen Raum. Es war der Bernhardiner.

Er hatte eine Zeitlang auf den Wegen des Gartens herumgeschnüffelt. Jetzt legte er seine mächtigen Tatzen auf die Fensterbrüstung und spähte hinein.

Einige Augenblicke stand er regungslos und starrte auf den weißen Körper. 265

Und plötzlich war es, als dämmerte etwas wie ein Gedanke in dem Hirn des Tiers. Es hob den Kopf und begann schauerlich zu heulen.

Und es war ein furchtbares Verstehen, ein gräßliches Leid in diesen Tönen. Sie klangen wie eine wilde Totenklage durch den Park. Bis in den Wirtschaftshof hinüber hörte man das Heulen, lauter und lauter. Die Rinder in den Ställen wurden unruhig, die Pferde schnaubten ängstlich und rissen an ihren Ketten.

Jetzt klirrte das Eingangstor. Die Mutter schritt über den breiten Kiesweg.

Der Hund hörte nicht auf ihren Ruf. Er sah noch immer in das Zimmer hinein und begann zu winseln, mit eingezogenem Schweif, zitternd vor Furcht.

Die Frau war blaß geworden. Atemlos lief sie zum Fenster, beugte sich über die Brüstung und sah hinein.

Und plötzlich begriff sie, was geschehen war.

»Karl! Karl!«

Ein wahnsinniger Angstschrei gellte durch den weiten Garten. Berghof war drüben im Wirtshaus von seinem Tisch aufgestanden, als das Geheul des Hundes noch immer nicht 266 aufhören wollte. Von einer seltsamen Unruhe ergriffen, eilte er die Straße entlang, fand das große Gittertor offen und hörte den angstvollen Ruf.

Er sah die Frau beim Badezimmer stehen und wie sinnlos mit den Fäusten an die verschlossene Tür schlagen. Mit zwei Sprüngen war er an ihrer Seite. »Was hast du – Anna – um Gottes willen, was gibt's? –«

»Georg – er verblutet drinnen – spreng die Tür – einen Arzt – schnell, nur schnell!«

Berghof stürzte in die Werkzeugkammer. Die große Axt riß er von der Wand.

Unter seinen gewaltigen Hieben zersplitterte die Tür. Bretter krachten – er riß sie heraus und drang in das Zimmer.

Mit zitternden Händen untersuchte er den leblosen Körper seines Sohnes. »Hier ist die Wunde – hole eine dünne Schnur, rasch – vielleicht ist er noch zu retten!« Er preßte die großen Pulsadern zusammen, so fest er konnte. Ein dunkles Gerinsel von Blut hatte sich dort gebildet.

Mit der Schnur, die ihm die bebenden Finger der Mutter reichten, umwand er den Arm oberhalb der Wunde – zehn-, zwölfmal. 267 Dann beugte er sich auf die Brust Georgs und legte das Ohr an.

Qualvolle Sekunden verstrichen. Nur das ängstliche Winseln des Bernhardiners unterbrach die furchtbare Stille.

»Das Herz schlägt noch, glaub ich,« stieß er heiser hervor. »Tragen wir ihn sofort in sein Bett – ich fahre selbst um den Arzt.«

Sie hoben den Körper aus der Wanne und brachten ihn die Treppe hinauf.

Drei Minuten später raste ein leichter Wagen die Straße entlang, am Wirtshaus vorüber, verfolgt von den erstaunten Blicken der zechenden Bauern. Berghof saß auf dem Bock, ganz allein, und peitschte wütend die Pferde. 268



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