Egid v. Filek
Ein Narr des Herzens
Egid v. Filek

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Heinrich Berghof lebte förmlich auf in dem vertraulichen Verkehr mit Georg.

Das Dasein, das er führte, war ihm oft so schal und zwecklos erschienen; was half es, daß er auszog in die Ferne, um ein neues Land des Wissens oder der Schönheit für sich zu erobern, daß er halbe Nächte lang über die Werke der Dichter gebeugt saß – wie ein elender Geizhals mußte er Schätze zusammentragen und in sich verschließen, durfte keinem davon mitteilen, weil in seiner Umgebung niemand war, der Interesse dafür besaß.

Auch als Schriftsteller hatte er sich einst versucht – aber der Wagemut fehlte ihm, sich stolz und selbstbewußt neben sein Werk zu stellen und sich zu ihm zu bekennen; die rücksichtslose Kraft besaß er nicht, die trotz aller Hindernisse sich zur Geltung bringt und vor keinem Opfer zurückschreckt. Vielleicht hatte er auch zu spät auf diesem Gebiete zu arbeiten begonnen. 67

Und in dieser Stimmung von Unzufriedenheit und Sehnsucht führte ihm das Schicksal den ihm wahlverwandten Knaben in den Weg.

An der Stelle, wo sie damals über die Odyssee gesprochen, saßen sie oft plaudernd beisammen; oder sie durchstreiften die Wälder in der Nähe des Schlosses, stöberten in dem zerbröckelnden Gemäuer einer Ruine umher, badeten in dem braunen Fluß und lagen dann nebeneinander in dem weichen Moospolster, dem fernen Ruf der Krähen lauschend, die über den Wald dahinflogen; und dieses gemeinsame Schweigen band sie noch enger aneinander als jene nachdenklichen Gespräche im Park.

Heinrich ließ Bücher, Noten, Zeitschriften kommen, um Georg in die neue Welt einzuführen, die er ihm zeigen wollte. Und nie gab es einen dankbarern Schüler.

»Höre: das ist das Motiv des Feuerzaubers. Hier – der Siegfriedsruf – er dringt durch die Flammen, um das schlafende Weib zu finden . . .«

Georg schloß die Augen und lehnte sich in die Kissen zurück. Er sah das Rheingold leuchten, sah den kühnen Knaben unter der Linde 68 liegen, hörte seinen Sehnsuchtsruf nach Liebe. Und sein Herz klopfte in raschen Schlägen.

»Ist nicht in jedem jungen Menschen ein Stück Siegfried?« sagte der Onkel nachdenklich, wie zu sich selbst sprechend, und blickte Georg an.

»Und wer sollst du sein, Onkel?«

»Ich? Weißt du, ich bin der Wanderer, Wotan, der der Tat entsagen muß und die Welt betrachtet – und alles, was darin groß ist und herrlich und schön . . . und der endlich die Herrschaft dem Jüngern überläßt, still und ergeben, und über die Brücke des Regenbogens dem letzten Kampf entgegenreitet . . .«

Er seufzte leise.

»Du kannst mich jetzt noch nicht verstehen, Georg. Aber wenn du im Herbst nach der Residenz kommst, will ich versuchen, dich noch viel mehr zu fördern, als es jetzt möglich ist. Auch wollen wir einmal zusammen eine Reise nach dem Süden machen. Siehst du, mir hat das Leben versagt, jemals etwas Großes zu leisten; ich weiß, daß ich immer nur ein Wollender bleiben werde; aber dich kann ich auf den Weg bringen, der zur Höhe führt, 69 vielleicht hoch über mich selbst hinaus. Das ist am Ende der Sinn meines Lebens.«

Der Eintritt der Mutter unterbrach das Gespräch. Sie streifte den Schwager mit einem eifersüchtigen Blick. Ein dunkles Gefühl sagte ihr, daß er ihr das Kind entfremde – das Kind, dessen geistige Eigenart sie kaum kannte.

Daran dachte Heinrich Berghof nicht, daß er den Knaben in einen Widerspruch zu seiner Umgebung brachte, daß er ihm vielleicht etwas nahm, das für ihn unersetzlich war: den Frieden des Hauses.

Die Seele dieses Werdenden war ihm ein edles und kostbares Instrument. Und er spielte darauf seine eigenen Melodien, wie auf einer alten Geige, und freute sich über den schönen Ton und fragte nicht, ob es nicht einmal seinen Händen entgleiten und auf den harten Steinen zerspringen konnte. 70



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