Egid v. Filek
Ein Narr des Herzens
Egid v. Filek

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Im Fenster seines Zimmers stand Georg und starrte mit brennenden Augen in das Dunkel.

Jetzt schliefen sie alle in den weiten Räumen des Schlosses. Nirgends war ein Lichtschein zu sehen. Von den Stallungen klang manchmal das leise Klirren einer Kette. Eines der schlummernden Tiere bewegte sich.

Es waren wieder ein paar warme Tage gekommen, gefolgt von jenen lauen Nächten, wo der Garten in den Flammen schweren Duftes stand, wo alles Lebende aufjauchzte im Genuß des Daseins, als wollte der Sommer zeigen, daß seine Kraft noch ungebrochen und der Herbst noch weit in der Ferne war.

Was für ein seltsames Gefühl ließ sein Herz so wild und stürmisch schlagen? Warum gerade heute, wo er wußte, daß Daisy drüben im Förstergarten saß? Irrte er nicht, so schimmerte dort, vom fahlen Mondlicht beleuchtet, ihr weißes Kleid durch die Büsche. 179

Dieses Mondlicht! Es brachte Unrast in die Nacht statt Ruhe. Es lag so grell und beängstigend auf den Fluren, zeichnete so scharfe Schatten auf die weiße Straße; es drang ins Blut, regte die Nerven auf und füllte die Adern an den Schläfen bis zum Zerspringen!

Er mußte hinüber zu ihr. Die Stunde war günstig. Jetzt, jetzt konnte er ihr endlich einmal sein Herz aufschließen, konnte ihr sagen, wie lieb er sie hatte.

Und mit einem Schwung war er auf dem Fensterbrett. Er ließ sich zu dem großen Nußbaum herab, faßte den stärksten Ast und stand schon mitten in den raschelnden Blättern.

Unter seinem Zimmer lag die Kanzlei des Vaters. Er schlief heute unten – um zwei Uhr früh wollte er mit Porges zur Bahn. Leise – vorsichtig – damit kein brechender Ast ihn verrate!

Oft genug hatte er als Knabe diesen schwankenden Weg betreten. Würden die Äste ihn auch heute tragen – ihn und die schwere Last von dunkler Sehnsucht, von unklarem Verlangen nach dem Weibe?

Jetzt schwang er sich vom Baum zur Mauer hinüber. Langsam, einen Fuß vor 180 den andern setzend, schritt er weiter auf dem schmalen, gefährlichen Weg. Zu beiden Seiten ging's in die Tiefe. Rechts lag die große, viereckige Zisterne, wie geschmolzenes Blei sah die stille Wasserfläche aus im Licht des Mondes. Zur Linken fiel die Mauer zum Schloßgarten ab. Mit bedächtigen Schritten, die Arme wagrecht ausgestreckt, um sich im Gleichgewicht zu halten, ging er vorwärts. Ein Stein löste sich unter seinem Tritt und fiel mit dumpfem Ton auf dem Grunde des Grabens nieder.

Und alle die Abenteuer kamen ihm ins Gedächtnis, die kühne Helden bestanden hatten, um gefangene Königstöchter zu befreien; die Romantik erwachte in ihm, die mondbeglänzte Zaubernacht strahlte auf, und Unholde und Drachen spieen Flammen gegen ihn, der da oben wie eine Katze über die Mauer schlich, zu einem kleinen, sehr unromantischen und sehr unbedeutenden Bürgermädel.

Jetzt war er bei der kleinen Seitenpforte angelangt. Hier war die Mauer nur zwei Meter hoch über dem Niveau der Straße.

Er sprang hinab.

Noch einmal horchte er in die Nacht hinaus. Tiefes Schweigen. Nur in weiter, weiter 181 Ferne, durch die stille Luft wie ein Hauch herüberklingend, ein Pfiff. Der Nachtzug flog durch die Ebene.

Am Wiesenrand entlang, den Hügel empor, zwischen kleinen wilden Birnbäumen ging Georg weiter. Wie schwarze Augen sahen ihn die kleinen Fenster der Bauernhäuser an.

Nun stand er am Gitter des Gartens. Zwischen den grünen Staketen spähte er hinein.

Daisy erhob sich – stand einen Augenblick unentschlossen und wandte sich dann zu ihm, vorwurfsvoll flüsternd: »Aber Georg, was sind das für Narrheiten!«

Er war schon über den niedrigen Zaun geklettert und stand vor ihr, mit brennenden Wangen, zitternd vor Aufregung.

Sie ließ sich auf einer Bank nieder und kehrte ihm ihr Gesicht zu. Von den Jasminbüschen floß eine warme Welle von Düften herüber.

Daß er wirklich kommen würde, hatte sie doch nicht erwartet. Dem träumenden Knaben traute sie das nicht zu. Freilich hatte sie längst bemerkt, daß sie das erste weibliche Wesen war, mit dem sich seine Phantasie 182 beschäftigte. Das lockte und reizte sie doch. Es war eine Abwechslung in der Langweile dieses Sommeraufenthalts.

Er stand noch immer da, wie betäubt. Plötzlich warf er sich an ihre Brust und umklammerte sie mit seinen Armen, stärker, immer stärker, daß ihr der Atem auszugehen drohte. Ein wildes Gefühl von Leidenschaft, das sich nicht anders Luft machen konnte, war in ihm erwacht.

»Laß mich los!« keuchte sie. »Du erdrückst mich ja!«

Beim Klang ihrer Stimme lösten sich sofort seine Arme und sanken schlaff an ihm herunter.

Sie rückte von ihm fort.

Dem tändelnden, spielenden Geschöpf, das noch niemals den heißen Atem der Leidenschaft gefühlt hatte, begann es ängstlich zu werden.

Das war nicht mehr der schüchterne Knabe von damals, der nichts verlangte, als sie aus der Ferne verehren zu dürfen. Es war ein weiches, molliges Gefühl, sich lieben zu lassen – ein Schaukeln und Kitzeln, eine wonnige Seligkeit – und sie hatte nichts dafür zu geben als einen leisen Händedruck, nichts zu erlauben als einen flüchtigen Kuß auf ihre schlanken 183 Finger. O, sie hatte sich in der Gewalt – sie wußte, wie weit sie gehen durfte. Aber dieser Ausbruch erschreckte sie.

»Ich wollte dir ja nicht wehtun,« sagte Georg leise. »Aber schau, es ist etwas in mir, das treibt mich zu dir und stößt mich wieder weg – eine Unruhe ist es und eine Angst – ich fürchte mich vor dir und vor mir und – und vor diesem wilden Gewühl in meinem Innern.«

Er schlug die Hände vor das Gesicht und begann plötzlich zu weinen. Die furchtbare Spannung machte sich Luft in einem Strom von heißen Tränen.

Sie sah ihn erstaunt an. Nicht die leiseste Spur von Mitleid regte sich in ihr. Wie er dasaß, das Gesicht mit den Händen bedeckend, zwischen deren schmalen Fingern die großen Tropfen hervorquollen, kam er ihr beinahe verächtlich vor. So benahm sich doch kein Mann.

Und in diesem Augenblick sagte ihr der kühle Verstand, der sie trotz ihres heißen Lebensverlangens nie verließ, daß dieser junge Mensch da nicht ernst zu nehmen war, daß er nie für sie in Betracht kam – kurz, daß sie ihn nicht liebte. 184

Sie strich ihm leise über die Stirn. Etwas Mütterliches war in dieser Berührung, die ihr vollends die Herrschaft über sich selbst zurückgab. Und als sie fühlte, daß seine Tränen versiegten und seine Brust ruhiger atmete, da kam auch wieder eine mitleidige Empfindung über sie – wie mit einem kranken, kleinen Haustierchen.

Sollte sie ihm sagen, daß er sich keine Hoffnung machen durfte?

Nein. Es würde ihn zu sehr kränken. Lieber jetzt noch freundlich zu ihm sein. Und sie duldete es, daß er den Arm um sie legte, sie bettete sorglich seinen Kopf an ihrer Brust.

»Geh nach Hause, Georg,« sagte sie nach einer Weile. »Du bist krank, deine Stirn ist heiß und fieberisch.«

Er seufzte, hob den Kopf und stand auf, gehorsam wie ein Kind. »Einen Kuß,« sagte er in dem Ton eines Bettlers, der um ein Almosen bittet.

Sie sträubte sich. Endlich schloß sie die Augen und reichte ihm die Lippen hin. Es sollte ja das erste und letzte Mal sein.

Seine Knie zitterten, als er sie umfing, wie 185 damals, als er mit ihr von dem Ast des Kirschbaumes gesprungen war.

Er stand wie betäubt. Auf dem Kies des Weges knirschten ihre verhallenden Schritte. Leise fiel eine Tür ins Schloß. Er rührte sich nicht.

Nun mußte sie in ihrem Zimmer sein. Jetzt begann sie sich zu entkleiden, streifte die Schuhe von den Füßen – jetzt löste sie die Haare, sie fielen nieder auf die weißen Schultern. – Und wieder rieselte jener seltsame Schauer an ihm herab, den er damals auf dem Kirschbaum empfunden hatte, als sie einen Augenblick in seinen Armen lag.

Seufzend stieg er über den Zaun und wanderte langsam die Straße entlang. Es war ihm unmöglich, jetzt in sein Zimmer zurückzukehren. Wie im Traum ging er zwischen den Feldern hin.

Daisy schlich in das Zimmer zurück, warf sich angekleidet auf das Sofa und verschränkte die Arme unter dem Kopf.

Die Mutter schlummerte nebenan. Deutlich hörte sie ihre regelmäßigen Atemzüge durch die Stille. Die alte Schwarzwälder Uhr des Försters tickte leise dazu. 186

Die Szene in dem Garten mit seinen schwülen Düften hatte doch ihr Blut ein wenig in Wallung gebracht.

O, wann kam es endlich, endlich zu ihr, jenes große Glück, von dem man ihr immer erzählte in heimlichen halben Worten! Wann durfte sie sich einmal hingeben mit allen Sinnen und Gedanken, mit allen Regungen des Herzens, mit der ganzen Seele – mit dem ganzen jungen, blühenden Körper! Wann würde jemand kommen und sie erlösen von der Qual des langen Wartens!

Sie begann sich vor dem Spiegel zu entkleiden. Das Mondlicht spielte auf ihren schönen, weißen Armen und fing sich in der reichen Fülle des Haares.

Um die kostbare Frucht der Liebe war sie bisher scheu herumgeschlichen, hatte ihren Duft eingeatmet, den feinen Reif von ihr abgewischt. Sie war frühreif; schon als Schulmädchen kannte sie die Geheimnisse des Lebens, als ihre Erzieher noch naiv genug waren zu glauben, daß sie völlig unwissend sei. Und das gab ihrem Wesen die ruhige Sicherheit, die sie älter erscheinen ließ, als sie war. 187

Aber die Feigheit, die Angst vor dem Leben, die man ihr anerzogen hatte, hielt sie immer wieder zurück, die blanken Zähne in das goldige Fleisch jener Frucht zu vergraben, ihren süßen Saft einzuschlürfen.

Allmählich kam die ruhige Überlegung wieder, die sie auf Augenblicke verlassen hatte.

Das Ding mit Georg durfte nicht so weitergehen. Wie leicht konnte sie jemand gesehen haben! Sie kam sich doch ein wenig schuldig vor. Aber wer konnte ahnen, daß der dumme Junge diesen kleinen Sommerflirt so ernst nehmen würde!

Die Mutter stöhnte im Traum. Daisy horchte kaum hin. Den gesunden Schlaf dieser Frau störte nicht leicht etwas.

Auf Zehenspitzen ging sie zur Tür. Da lag die Mutter, den Arm unter den Kopf geschoben, die Lippen leicht geöffnet. So fest und ruhig schlief sie. Auf dem geröteten Gesicht lag ein Schimmer von behäbiger Zufriedenheit. Das Leben hatte keine Schicksalsfragen für diese Frau. Die Sehnsucht, den Kampf mit sich selbst und mit den Mächten tief da unten im Herzen – das alles gab es für sie nicht. 188

Vielleicht, daß sie in Romanen ein wenig über derlei Dinge las und dann gähnend das Buch fallen ließ.

So kannte Daisy ihre Mutter schon seit vielen Jahren.

Und als sie sich vorsichtig auf den Rand ihres Bettes niedersetzte und die Nachtjacke mit den feinen Batistspitzen anzog, da fiel ihr der Gedanke schwer auf die Seele: es war doch einerlei, ob die Mutter schlief oder wachte – an den großen und schweren Dingen des Lebens ging sie auch im hellen Licht des Tages vorüber und sah sie nicht – und kannte sie nicht, – und verstand sie nicht. 189



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