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Schuller im Glück

Es ist Frühsommer, Junimond, der Wald steht im Grün, die Vögel flattern und singen, und durch diese Herrlichkeit wandert ein junger, blonder, gut gekleideter Mann so verdrossen, so mürrisch, so zerfallen mit sich und aller Welt, als sei es nebliger, nasser Herbst oder schneestürmender Winter.

Der junge Mann ist ein Schneidergesell aus der alten Stadt Halle an der Saale, aber nicht rechtliche Wanderschaft hat ihn in diese schönen pommerschen Wälder geführt, sondern es ist schon lange, daß Willi Schuller sich auf die liederliche Seite gelegt hat. Und nun sind die Greifer hinter ihm her, und abseits jeder Eisenbahn, jedes manierlichen Menschen, jeder glückbringenden Aussicht wandert er ziellos dahin, ohne Geld, mit Kohldampf.

Der Wald will nicht enden und der Magen nicht schweigen, immer dunkler wird das Gesicht des Willi Schuller – nun stolpert er auch noch über eine Wurzel, und mit einem Fluch setzt er sich in das Waldmoos.

Aber es ist, als hätte dieser Fluch eine Antwort gefunden, ein melancholisches Muh ertönt, nun knackt es in den Zweigen, der Wanderer springt auf, durch das Haselgebüsch schiebt sich ein weißstirniger Kopf, und Kuh und Wandersmann sehen einander an.

»Muhtsche«, bricht zuerst der Schuller das Schweigen. »Komm, meine gute Muhtsche! Komm, meine liebe Muhtsche!«

»Muh«, sagt die Kuh und kommt. Warum dieses Rindvieh hier allein wie er im großen Wald spazierengeht, sieht der Schuller nun auch, sie ist irgendwo durchgebrannt, der Strick vom Zaun hängt zerrissen. Doch er sieht noch etwas anderes: daß das Euter prallvoll ist, und wenn er auch der neuen Freundin noch nicht so weit traut, daß er sich direkt unter sie legt, auch in einen Filzhut kann man melken. Und so strippt und strullt er sich denn nach bestem Können eine kräftige Mahlzeit in den Hut. Die Kuh steht still, der Magen sagt ja zu der Mahlzeit und da capo. Das läßt sich machen, auch die zweite Mahlzeit wird verdrückt, und plötzlich sieht die Welt ganz anders aus: Der Wald ist nett, und die Vögel sind nett, und der stille Weg ist eigentlich auch nett. Besser jedenfalls, als gingen Gendarmen darauf.

Willi Schuller sieht die Kuh etwas zweifelhaft an. Dann schwenkt er den Hut, daß die letzten Milchtropfen spritzen, sagt lustig-verlegen: »Guten Tag und danke schön, Muhtsche« und nimmt seinen Weg wieder unter die Füße. Die Kuh antwortet »Muh« und hat denselben Weg. Schuller geht hastiger, die Kuh hat es auch eilig. Schuller bleibt stehen. »Gehst du weg, Muhtsche!« Die Kuh sieht ihn an. Als er weitergeht, streckt sie ihm gleich den Kopf über die Schulter, daß sie auch in Kontakt bleiben. Und weil das lästig ist, faßt er sie beim Strick und denkt bei sich: Vielleicht verdiene ich mir als Finderlohn Mittagessen und ein Nachtquartier.

Nach einer Weile Wanderschaft lichtet sich der Wald, Schuller nebst Kuh sehen Felder vor sich, Wiesen, ein Flüßchen zwischen Weiden und Pappeln und rechter Hand einen Bauernhof. Auf einer Wiese am Weg steht der Bauer und mäht.

Schuller ist es nicht ganz gemütlich, mit der Kuh am Strick beim Bauern vorbeizugehen, er läßt den Strick so lang, wie es geht, als hätte er nichts mit dem Rindvieh zu tun, murmelt hastig »Guten Tag« und will weiter.

»He«, ruft der Bauer.

Schuller marschiert eilig weiter.

»Holla!« ruft der Bauer. »Sie da! Das ist doch die schwarze Bleß vom Müller?«

»Ja?« sagt Schuller dämlich und muß stehenbleiben, denn die Kuh ist stehengeblieben.

»Will er sie nun doch verkaufen?« fragt der Bauer. »Bringst du sie auf den Markt nach Pyritz?«

»Ja«, sagt Schuller.

»Du bist wohl der neue Müllerbursche? Was will er denn für haben?«

»Dreihundert ...«, sagt Schuller und schwitzt.

»Der Esel! Der Dickkopf!« schimpft der Bauer. »Und mir hat er sie dafür nicht lassen wollen!«

»Guten Tag«, sagt Schuller und zieht an dem Strick.

»He!« ruft der Bauer wieder. »Holla! Für dreihundert nehme ich die schwarze Bleß auch, und du sparst den Weg auf Pyritz. Und ein Schwanzgeld kriegst du obendrein.«

»Wieviel?« fragt Schuller.

»Zehn«, sagt der Bauer.

»Fünfzehn«, verlangt Schuller.

»Ist gemacht«, sagt der Bauer, und sie geben sich die Hand.

Nachher, in der Bauernstube, nachdem der Schuller die Dreihundertfünfzehn in Empfang genommen hat, steht der Bauer nachdenklich und dreht ein Fünfmarkstück in der Hand. »Du«, sagt er zögernd. Der Schuller schweigt. »Du sparst doch den Weg auf Pyritz, ja?« fragt der Bauer.

»Ja«, sagt der Schneider.

»Du könntest mir einen Gefallen tun, und ich geb dir fünf Mark. Ich hab meinen Braunen an den Bauern Scheel in Puttgarten verkauft – möchtest du ihn dem nicht hinbringen?«

»Ja ...«, meint Schuller zögernd.

»Es ist knapp eine Stunde Weg. Du mußt nur aufpassen, daß der Müller dich nicht sieht. Weil er doch denkt, du bist auf dem Markt ...«

»Meinethalben«, läßt sich Schuller erweichen.

»Ja – und paß auf, daß der Müller dich nicht sieht. Der wollte auch gerne den Braunen kaufen, aber der Scheel zahlt dreihundertfünfzig.«

»Ich laß mich nicht sehen«, sagt Schuller und reitet ab.

Wie er in den Wald reitet, fängt er an zu pfeifen, dreihundertzwanzig Eier in der Tasche und von Schusters Rappen auf den Braunen gekommen. Der Magen satt, der Beutel satt – es ist eine vergnügliche Welt.

Aber dann hört Schuller wieder mit Pfeifen auf, der Braune macht behutsam Bein für Bein trapp-trapp, und Schuller denkt nach.

Eine Weile später kommt der Kreuzweg, wo es zur Wassermühle links und nach Puttgarten zum Scheel rechts geht. Schuller reitet links ab. Es kommt ein Wiesentälchen im Wald, wieder sieht der Schneider das Flüßchen mit seinen Weiden und Pappeln, und da ist auch schon das rote Dach der Mühle. Schuller steigt ab, klopft gegen ein Fenster und ruft: »Hallo!«

Die Tür tut sich auf, und der Müller kommt heraus. »Na?« fragt er und betrachtet sich Roß und Reitersmann.

»Guten Tag«, sagt Schuller und läßt dem Müller alle Zeit, sich den Gaul gründlich anzusehen.

»Wie kommt denn Vossens Brauner zu dem Reiter?« fragt der Müller.

»Ich bin Schneider«, sagt Schuller und lügt einmal nicht.

»So«, sagt der Müller.

»Ich bin aus der Verwandtschaft von Voß«, sagt Schuller und gerät dabei wieder in sein richtiges Lügen-Fahrwasser.

»So«, sagt der Müller wieder. »Und was hat der Braune damit zu tun?«

»Mein Onkel muß eilig was zahlen«, erzählt Schuller. »Und da läßt er fragen, ob Sie den Braunen jetzt für Dreihundert wollen?«

»Na ja«, sagt der Müller und denkt nach. Er denkt lange nach, dann sagt er: »Zweihundertfünfzig.«

Schuller sagt nur »Nein« und macht Anstalten, wieder auf den Gaul zu kraxeln.

»Halt!« ruft der Müller. »Wo willst du denn nun hin?«

»Zum Scheel nach Puttgarten«, sagt der Schuller bloß.

»So, also zum Scheel. Na also, dreihundert, meinethalben, aber ein Schwanzgeld kriegst du nicht.«

»Aber ...«, sagt Schuller.

»Kriegst du nicht«, sagt der Müller. »Bind den Gaul an und komm rein, daß ich dir das Geld gebe.«

Schuller hat sein Geld eingestrichen und trinkt mit dem Müller einen Schnaps, da hört er draußen vor dem Haus Weibergeschrei und Gekreisch, und eine dicke rote Frau kommt in die Stube gestürzt und weint: »Oh, Vadding, Vadding! Use Kauh is weg! Use Bleß is weg!«

Dem Schneider wird es heiß und kalt.

»O verdammt!« schreit der Müller. »Hast du doch keinen neuen Tüderstrick genommen?! Da soll doch der Henker –! Unsere beste Kuh –!«

Die Frau weint, der Müller flucht, da sagt Schuller: »Ihre Kuh ist weg? Ich weiß, wo die ist.«

»Was ...?« sagen die beiden und sperren Nase und Mund auf.

»In Onkel Vossens Klee hat sie gestanden«, berichtet Schuller. »Da hat sie der Onkel gepfändet wegen dem Feldschaden ...«

»Meine Bleß gepfändet!« schreit der Müller. »Der olle düsige Voß und meine Bleß pfänden! Da soll doch das Wetter ...!«

Stürzt aus dem Haus, springt auf den Braunen, klappert die Straße runter, schreit zum Schuller: »Du kommst gleich nach, du! Du bist Zeuge ...« Weg ist der Müller um die Waldecke.

Der Schuller ist lieber nicht nachgekommen. In einer Waldecke hat er die Marie gezählt, und vor Lachen hat er sich immer wieder verzählt, wenn er sich ausgemalt hat, wie Müller und Bauer sich wegen Kuh und Pferd auseinandergesetzt haben ... Müller mit Vossens Braunem, Bauer mit Müllers Bleß, und so rechtlich beide bezahlt ... Schuller lachte noch lange.

Später aber, vorm Richter, der auch hat lachen müssen, hat der Schuller wieder gesagt: »Es ist alles von selbst gekommen, Herr Richter, ich hab nichts dazu getan. Man muß nur das Genie haben, dann hat man auch einen glücklichen Tag. Getan hab ich nichts dazu ...«

Der Richter ist anderer Meinung gewesen.


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