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Der Bettler, der Glück bringt

Sein Aufstieg war langsam gewesen und zäh, Jahr um Jahr, Lehrling, dritter Verkäufer, zweiter Verkäufer, erster Verkäufer. Achtunddreißig Jahre alt war er, als er Abteilungsvorsteher wurde, zweiundzwanzig Jahre Weg mit Lächeln, Geschmeidigkeit, hinuntergeschluckten Anschnauzern, Getretenwerden, Bücklingen. Sein Absturz ging rasend schnell, Kündigung zum nächsten Termin. »Die schlechten Zeiten, Herr Möcke ... Sie verstehen ... Wir müssen den teuren Vorsteherposten einsparen, Herr Möcke ...«

Wie er nach Hause gekommen war, er wußte es nicht. Schließlich lag das Häusel in der Sonne vor ihm, ein richtiges Siedlungshäuschen zur Miete, fünfundsechzig Mark im Monat und tausend Mark Genossenschaftsanteil. Die Rosen im Vorgarten standen wie die Puppen, er hatte sie selbst gekauft, gepflanzt, gepflegt, die Fensterscheiben schimmerten wie die Spiegel, die bunten Gardinen wehten ein bißchen. Herr Möcke wachte auf, als er das sah, er seufzte, dann ging er hinein, Linni Bescheid zu sagen.

Sie waren besser daran als zehntausend andere, die Möckes. Sie hatten keine Kinder, und die Einrichtung war schon seit über einem Jahr abgezahlt. Außerdem würde Möcke rasch wieder Arbeit bekommen, vielleicht als erster Verkäufer, sicher als zweiter, man kannte ihn in der Branche, untüchtig war er nicht. Dann kam der Entlassungstag, das letzte Mal Gehalt, und der Personalchef Kunze sagte: »Na also, Herr Möcke, vielleicht sehen wir uns schon in aller Kürze wieder, verstehen Sie.«

Möglich, es war das nur so eine trostreiche Redensart, möglich aber auch, daß was dahintersteckte. Nach drei Tagen, als Möcke zum ersten Male mit einem andern Herrn aus der Siedlung zum Stempeln marschierte, war er überzeugt, es steckte was dahinter. Kollege Wrede war immer ein Schwein gewesen.

»Wissen Sie, Herr Möcke«, sagt der andere Herr, »glauben Sie, ich zahle noch Miete? So blau! Ich wohne einfach den Genossenschaftsanteil ab. Für die tausend Mark kann ich noch lange wohnen.«

»Bei mir ist es ja anders«, sagt Herr Möcke vorsichtig. »Ich bin leider einer Intrige zum Opfer gefallen. Aber die Sache steht direkt vor der Aufklärung. Unser Personalchef hat mir da bestimmte Zusagen gemacht ...«

»Ach, Sie denken, Sie kriegen noch Arbeit?« sagt der andere. »Das denken im Anfang alle. Sie sind doch bald vierzig, da kriegen Sie doch nie im Leben mehr Arbeit. Bedenken Sie doch, Ihr Tarifgehalt ist um Dreiviertel höher als das von einem Neunzehnjährigen.«

»Mir sind Versprechungen gemacht ...«, beharrt Herr Möcke.

Dann ist er drin in der grauen Flut der Stempelbrüder, die an den Schaltern vorüberströmt, ist drin, Wochen, Monate. Es ist sehr schwer, sich aus einer solchen Flut herauszuhalten. Herr Möcke zwingt es, ihm sind Versprechungen gemacht worden. Jeden Tag kann jetzt Herr Kunze schreiben. Mittlerweile kriechen sie zusammen. Sechsundneunzig Mark Unterstützung, fünfundsechzig Mark Miete, aber es muß durchgehalten werden, er darf seinen Ruf nicht schädigen, wenn Herr Kunze Erkundigungen einzieht ...

Linni hört seit vier Monaten von Herrn Kunze, Linni geht nicht zweimal wöchentlich in die graue Flut vom Arbeitsamt, die ihren Mann hoffen lehrt, Linni sagt kurz und böse: »Ach, dein Kunze, der schreibt doch nie ...«

Möcke sieht seine Linni an, dann geht er aus dem Zimmer, er geht die Treppe hinunter, er geht in den Garten, da steht er und guckt; ein nasser, herbstlicher Garten ist ziemlich trostlos, ein grauer Himmel, ein jagender Wind – trostlos. Linni hat ja eigentlich recht, denkt Möcke. Kunze könnte endlich auch schreiben. Und zehn Minuten später: Werde ich Kunze schreiben!

Ein großer Entschluß, ein heroischer Entschluß, aber, alles in allem, das Ei des Kolumbus. Am Abend setzt sich Herr Möcke hin und schreibt an Herrn Kunze, bittet ihn um eine Unterredung. Als er am nächsten Morgen mit dem schicksalsschweren Brief aus der Haustür will, klingelt es grade, Möcke macht auf, ohne durch das Guckloch gesehen zu haben – ein Bettler steht vor ihm.

Nun ist die Sache so: Früher, als Möcke noch Arbeit hatte, machte er oft einem Bettler die Tür auf, und wenn der Mann dann seinen Psalm runterbetete von arbeitslos, sagte Herr Möcke kurz: »Tut mir leid, bin selber arbeitslos.« Als er dann wirklich arbeitslos wurde, hat er manche Nacht wach gelegen und gegrübelt: Das hätte ich nicht sagen sollen. Ich habe es berufen. Das Schwein Wrede ist nicht allein schuld, ich habe es berufen mit meinem Geschwätz. Seitdem machen Möckes Bettlern überhaupt nicht mehr auf. Erst sehen sie durch den Spion, wer klingelt.

Diesmal aber, in seinem Eifer über den Brief, hat es Herr Möcke verpaßt. Der Bettler steht vor ihm, und der Bettler sagt: »Herr Doktor, nur 'ne Kleinigkeit.«

Herr Möcke sieht den Bettler an, der Bettler ist ein großer, schwerer Mann mit starken Knochen, er hat ein blasses, glattes Gesicht mit einem blonden Schnurrbärtchen, aber vor allem hat er rasche, zupackende Augen. Herr Möcke steht da mit seinem schicksalsschweren Brief in der Hand, er hat so viele Bettler fortgeschickt ...

»Einen Groschen, Herr Doktor«, sagt der Mann. »Ich bring Ihnen Glück. Ich hab schon vielen Leuten Glück gebracht.« Herr Möcke greift in die Hosentasche. »Ich spuck auch dreimal gegen Ihre Tür, daß es runterläuft.«

»Das ist nun grade nicht nötig«, sagt Herr Möcke, aber er gibt dem Mann einen Groschen.

Der Mann spuckt dreimal gegen die Tür, es läuft richtig runter. »Sehen Sie, Herr Doktor, Sie kriegen Glück. Ihre Frau darf es aber nicht abwischen. Ich frag mal wieder nach«, sagt der Mann und geht zur nächsten Türklingel. Auf seinem Wege zum Postamt schüttelt Möcke heftig den Kopf über diesen tollen Aberglauben von den Leuten. Aber schaden kann es jedenfalls nicht. Und dann fällt der Brief in den Kasten.

Ist solch ein Brief abgesandt, so wird es manchmal heller in dem Absender, verschiedene Schleier fallen. Was eigentlich hat Kunze gesagt? Gar nichts, Trost, Quatsch – auf dem Wege zum Arbeitsamt sieht alles anders aus, als wenn solch Brief abgesandt ist. Nun gut, Möcke wartet, aber eigentlich richtig wartet er nicht, dazwischen denkt er auch an den spuckenden Bettler und schüttelt wieder den Kopf.

Gut, fünf Tage hat Möcke gewartet, da kommt ein Brief für ihn: Kunze wird sich freuen, den alten Möcke in dem und dem Café zu der und der Stunde zu treffen. Herzlichsten Gruß. Wie steht Möcke im Garten! Wie spricht Möcke mit Linni! Wie macht Möcke dem Bettler die Tür auf am Tage des Rendezvous! Ja, seht, genau an diesem Tage klingelt der Bettler wieder.

»Na, Herr Doktor«, sagt er. »Wie ist das mit uns? Hat es geholfen oder hat es nicht geholfen?«

Herr Möcke lächelt dünn, es ist Blödsinn, es ist natürlich wüstester Aberglauben, aber er sagt doch lächelnd: »Das werde ich heute nachmittag sehen.«

»Wie ist es denn damit?« fragt der Mann mit den starken Knochen. »Wär's gut, wenn ich noch mal spuckte?«

Möcke sieht den Mann an, zu sehr darf man sich auch nicht kompromittieren. »Wenn Sie meinen, daß es hilft? Ich habe nichts dagegen.«

»Macht 'ne Mark, Herr Doktor«, sagt er. »Das vorige Mal, das war nur das erste Mal so billig. Mein Spucken hilft immer.«

Nun wird Herr Möcke doch böse, »'ne Mark, wo ich stempeln gehe! Sie sind ja verrückt! Ich denke ja gar nicht daran. Machen Sie, daß Sie wegkommen von meiner Tür!«

Möcke geht wieder mal in den Garten, er hat seine Rosen einzupacken wegen dem Frost, er hat seine Beschäftigung. Dazwischen seufzt er. Voreilig ist er doch gewesen, für einen Fünfziger hätte der Mann es getan ...

Ja, also, Fahrt in die Stadt, Café, billig ist so was nicht, und eigentlich hat Herr Kunze nur mal klatschen wollen mit dem alten Möcke, sein Herz ausschütten, Zustände sind das jetzt im Betrieb! Aber natürlich denkt er an Möcke, gleich morgen fühlt er vor, erster Verkäufer, warum sollte sich das nicht machen lassen, er schreibt, so rasch er was weiß ...

Möcke wartet. Schnell weiß Kunze nichts, das dauert lange. Manchmal, wenn er spazierengeht, begegnet er auch dem großen Bettler, Herr Möcke geht an ihm vorbei und sieht steil gradeaus. Womöglich hat der Mann durch seine übertriebene Forderung alles verkorkst, auf dieser Welt weiß man nichts.

Weg zum Arbeitsamt. Stempeln. Die immer anschwellende Flut. Ach, das Herz wehrt sich: Ich bin nicht wie die andern, ich habe noch Aussichten, Kunze wird schreiben. Kunze schreibt nicht. Und schließlich sitzt Herr Möcke doch einmal in einer Erwerbslosenversammlung, man muß sich das doch ansehen. Und gut ist das schon anzuhören, was die für Forderungen stellen. Herr Möcke lächelt, wenn er auch einsichtiger ist, so geht es wohl doch nicht, aber dem Herzen tut es gut, das anzuhören.

Neben Herrn Möcke sitzt der große Bettler, und in seiner milden Stimmung sagt Herr Möcke zu ihm: »Also, hier sitzen Sie doch, trotzdem Sie so gut Glück bringen.«

»Sitz ich, sitz ich«, sagt der Bettler, »das ist es doch grade: Wenn ich mir Glück brächte, könnte ich andern doch kein Glück bringen, klar, was?«

Verblüfft sitzt Herr Möcke da, eigentlich hat der Mann ja recht. Und dann fragt er nach einer Weile: »Wann kommen Sie denn einmal zu mir?«

Der Mann sagt kurz: »Das Spucken hilft nicht mehr, das haben Sie sich selbst verschlagen.«

Möcke schweigt, Möcke brütet, zwischendurch hört er auch auf den Redner oben, aber er wird nicht mehr richtig froh über dessen Forderungen, ihm ist, als sei ihm die letzte Chance weggerutscht. Der Bettler schweigt stur.

Nun, nachher, nach der Versammlung, kommen sie doch wieder ins Gespräch –: Ob gar nichts mehr zu machen sei? Der Herr Doktor wartet auf einen Brief, und der Brief will nicht kommen. Nein, der Bettler kann nichts machen, das hat Möcke verprellt, aber der Bettler weiß eine Frau: Die schafft den Brief! Hin- und Hergerede, Gewisper, die Chaussee auf, die Chaussee ab, die Frau kann es, es ist eine fabelhafte Frau, dem hat sie das besorgt und dem das. Ob er ein Bild von diesem Kunze hat? Nun, es geht auch ohne Bild. Sie kann alles!

»Kostenpunkt?«

Der Bettler sieht seinen Mann an. »Sie laufen ja doch wieder weg, Herr Doktor. Glauben Sie, daß so 'ne Frau billig ist?«

Nein, Herr Möcke wird nicht fortlaufen, er wird es sich anhören, ganz ruhig. Nein kann er ja noch immer sagen.

Das kann er. Also, weil es der Herr Doktor ist und weil der Herr Doktor erwerbslos ist, auf und ab fünfzig Mark, wenn das nicht billig ist ...

Also Möcke ist doch wieder weggegangen, er hat nicht einmal nein gesagt. Und nun wartet er wieder und geht wieder zum Arbeitsamt und stempelt, und als das Frühjahr kommt, rutscht er fein sachte aus der »Arbeitslosen« in die »Krisen«, und wenn sie nicht noch ein paar Mark hätten, müßte er es machen wie der Bekannte: einfach keine Miete mehr zahlen.

Und wie Möcke lange genug gewartet und gegrübelt und sich gewehrt hat, fährt er wieder in die Stadt. Er stellt sich an den Personalausgang seines ehemaligen Geschäfts und wartet auf Herrn Kunze. Nein, wie ist Herr Kunze erfreut, seinen alten Möcke wiederzusehen! Immerzu hat er an ihn gedacht, ein paarmal ist es schon soweit gewesen, aber dann kam grade immer was dazwischen, aber schon in den nächsten Wochen vielleicht ...

Möcke fährt nach Hause, sein Kopf dröhnt, er weiß nur, es ist beinahe soweit gewesen, dann kam etwas dazwischen. Er weiß, was dazwischenkam: eine Mark, dann fünfzig Mark.

Von dem Letzten, von dem Allerletzten, nimmt Möcke fünfzig Mark und geht durch die Straßen und sucht seinen Bettler. Er sucht ihn vier Tage lang. Eigentlich müßte etwas getan werden im Garten, Linni schilt, der Möcke hat nur eine Idee, sogar in seinen kurzen, unruhigen Schlaf dringt sie: die fünfzig Mark an den Bettler.

Dann, dann wird alles wieder gut! Er sieht das Geschäftslokal vor sich, den sauberen, hellen Raum, matt gebohnert, die Waren auf den Regalen, die Käufer kommen, er verbeugt sich, er verkauft – wie ist das Leben hell!

Am fünften Tag trifft Möcke seinen Bettler. Er ist verwirrt, maßlos aufgeregt, er kann nicht einmal deutlich sprechen. »Hier«, sagt er. »Für die Frau«, sagt er. »Sie wissen ja, was ich will«, sagt er. »Arbeit ...!«

Hinter der Gardine im Eßzimmer steht Tag um Tag Herr Möcke. Von hier aus kann er den Aufgang beobachten, es kann ja auch ein Eilbrief sein, ein Telegramm. Von morgens bis abends steht er und wartet, nachts fährt er hoch: »Hat es nicht eben geklingelt, Linni?«

Aber Linni antwortet nicht, sie weint, sie weint sich noch ihre Augen aus. Während Möcke weiter wartet, wartet, wartet ...


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