Kurt Faber
Weltwanderers letzte Fahrten und Abenteuer
Kurt Faber

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Fahnen über Irkutsk

Irkutsk, im Oktober

Über Charbin brütete trübes Wetter. Der Himmel war grau, und es sah aus, als ob es eben schneien wollte. So recht das Wetter, um nach Sibirien zu reisen.

Es ist eine öde, einsame und wohlbewaffnete Gegend, durch die man weiterhin fährt. Vor allem wohlbewaffnet. Jeder zweite Mann auf den Bahnsteigen trägt ein Gewehr. Soldaten in grauen Mänteln, Zivilpersonen im Schatten riesiger Pelzmützen, Bahnbeamte, Bahnpolizei, sämtlich bewaffnet mit Gewehr und Revolver – und über allem flattert die seltsame bolschewistisch-nordchinesische Flagge über dem Stationsgebäude. Es ist ein Land, in dem die Natur so reich ist wie die Menschen. Aber es ist ein schönes Land, trotz allem, mit den weiten, kahlen Steppen im fahlen Grau und den grenzenlosen Ausblicken über massige Berge und schneebedeckte Paßhöhen, die hinüberführen in die wilde Mongolei. Nur ab und zu sieht man einen Reiter auf struppigem Pferd oder eine zweirädrige Karre, die vierspännig querfeldein über die Steppe jagt. Denn in diesem Hinterlande gibt es zwar eine Eisenbahn, aber bürgerliche Landstraßen sind ein unbekannter und ärgerlicher Begriff für die Söhne der Wildnis. Es ist ein Land, in dem man einmal losgelassen werden möchte mit nichts als der Lust nach dem Abenteuer, dem Rausch der weiten Fernen und dem unbändigen Gefühl der Unabhängigkeit, das einem überall entgegenlacht.

Aber hart im Raume stoßen sich dennoch auch hier die Sachen. Das kommt einem heiß zum Bewußtsein, wenn man bei dunkler Nacht in den Bahnhof von Mandschuria an der sibirischen Grenze einläuft. – Zollrevision. So etwas gibt es auch an diesem Weltende! Und sie wird sogar noch gründlicher ausgeführt als anderswo, damit man gleich den richtigen Begriff bekommt von dem gelobten Bolschewistenlande. Stundenlang steht man vor seinen paar Klamotten und wartet auf das Belieben der Genossen Zollbeamten, mehr aber noch auf das des Genossen Tschekaoffiziers, der die Pässe unter die Lupe nimmt und vor allem sich auch mit der Gewissenhaftigkeit eines Sherlock Holmes nach dem mitgebrachten Bargeld erkundigt. Denn wenn es etwas gibt, das die Bolschewisten noch mehr als Karl Marx und Lenin lieben, so sind es Devisen aus den finsteren »Burschui«-ländern. Gewissenhaft muß man jedes Pfund, jeden Dollar, jeden japanischen Yen angeben, und ebenso gewissenhaft bekommt man das alles umgetauscht gegen nagelneue Sowjetscheine. Es ist ein Geschäft, das die Mühe lohnt. Zehn Rubel gleich einem Tscherwonez, ein Tscherwonez gleich x Dollars. Es schwindelt einem ein wenig bei dieser Mathematik. Die Ein- und Ausfuhr russischen Geldes ist vom Gesetz verboten. Bolschewikigeld außerhalb der S.S.-Republik ist daher verfehmt, geächtet, sich selbst überlassen, ohne offizielle Notierung, wie ein steuerloses Schiff auf weitem Meere, und das aus guten Gründen, denn tatsächlich ist es der ständigen Entwertung verfallen. Der stolze Tscherwonez wird heute schon zum halben Preise angeboten in allen Wirtshäusern und Wechselstuben von Charbin. Ein besseres Geschäft gibt es nicht, und man nimmt es mit, denn der Himmel ist hoch und Stalin ist weit.

Aber einmal findet selbst eine sowjetistische Grenzkontrolle ihr Ende, und während man nun weiter fährt in das gelobte, verlästerte Land, erlebt man etwas, auf das man eigentlich nicht gefaßt war: das schöne Sibirien! Es ist wahrlich ein Land, das besser ist als sein Ruf; garnicht so eintönig, gar nicht so flach und öde, wie man es sich gewöhnlich vorstellt. Stunden-, nein tagelang fährt man durch ein mittleres Waldgebirge. Ab und zu kommt man vorbei an einem rauschenden Wildbach oder an einem behäbigen Fluß, der sein Wasser weithin über die Ufer breitet.

Nur zuweilen trifft man auf eine Stadt oder doch das, was man in Sibirien unter diesem Namen versteht. Ein paar hölzerne Hütten, Pelzkappen auf dem Bahnsteig, Panjekutschen, die auf Gäste warten, die niemals kommen. Von Autos nirgendwo eine Spur. Man ist um ein Jahrhundert zurück in der Weltgeschichte in diesem glücklichen Lande. Noch immer ist man im äußersten, im transbaikalischen Teil des großen russischen Reiches. Aber schon taucht im Morgengrauen der Baikalsee auf, und auch der ist ein Anblick, der die weite Reise lohnt. Andere Seen mögen sonniger sein, aber sicher gibt es auf dieser Erde keinen zweiten, der einen tieferen Eindruck auf den Beschauer hinterläßt. Den »Heiligen Baikal« nennt ihn der Russe, und es schwebt in der Tat eine übernatürliche Atmosphäre um diese unwahrscheinlich klare Wasserfläche, in der sich die Wälder spiegeln. Weit und breit sieht man nichts Lebendiges.

Irkutsk, sonst in der Welt bekannt und verrufen als der Inbegriff der Ferne und Kälte, ist in den Augen des Sibiriers der letzte Triumph einer Großstadt, der Ort, zu dem man pilgert, wenn man sich mal richtig amüsieren will. Es ist das »Sibirische Athen«, mit Kathedralen und goldenen Kuppeln, die zum Teil noch von den Architekten stammen, die einst der vielgewandte Peter der Große hierher verbannte. Er schlug damit zwei Fliegen mit einer Klappe.

Aber freilich ist es eine Weltstadt nach sibirischen Begriffen, d. h. nicht viel mehr als ein besseres Dorf in anderen Zonen. Es ist aber so still ringsum, so weitläufig und verträumt, so behäbig »bürgerlich« – möchte man beinahe sagen, wenn das nicht eine Todsünde wäre in diesem Bolschewikenlande! Die Straßen so breit, daß sie Platzangst verursachen, die Häuser niedrig, oft verziert mit wunderlichen Schnitzereien. – Ja, und zuweilen sieht man sogar einen Menschen auf der Straße! Aber da gingen wir durch die Leninskaja – oder war es die Karl-Liebknecht –, die Rosa-Luxemburg- oder die Karl-Marx-Straße? Es war an einem jener vielen Festtage, die sie feiern, weil sich so besser hungern läßt. Von fernher kam wilde, aufreizende Musik. Rote Fahnen blitzten auf. Nun marschierten sie vorbei im Gleichschritt: Soldaten in braunen Mänteln, die fast bis zur Erde reichten, ganz die Muschiks von früher, nur daß der rote Stern an der Mütze leuchtete, dazu junge Burschen in roten Blusen, Weiber mit revolutionären Bubiköpfen, alles in buntem Durcheinander, so wild und verworren wie die Musik, aber ein einziger mächtiger Rhythmus, der alles durchbebte:

»Wir sind die rote Garde, das Proletariat . . .«

Wirklich ein Festtag? Es ist nur ihre Art und Weise, den Rekruten den Laufpaß zu geben, ehe sie wie die Heringe verfrachtet werden nach den Garnisonen in Wladiwostok und hinterwärts von Irkutsk. Nur ein Intermezzo, eine alltägliche Angelegenheit. Der Kutscher auf dem Bock des Panjewagens schaut nur einmal auf und schläft gleich wieder ein. Der deklassierte »Burschui« hüllt sich dichter in seinen schäbigen Mantel und knirscht ein wenig mit den Zähnen.

Nitschewo!

Denn was ist die Welt, der Wechsel der Zeiten in Irkutsk?

 


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