Kurt Faber
Weltwanderers letzte Fahrten und Abenteuer
Kurt Faber

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Aus einer kleinen Hauptstadt

Tirana (Albanien) im September.

Wenn man den Balkan durchwandert, so kann man zuweilen recht interessante und eigenartige Reisebekanntschaften machen. So traf ich kürzlich z. B. Mister Smith aus Amerika. Er saß hinter einer Flasche Wein in einer Wirtschaft in Durazzo.

»Do you speak English?«

»Yes, sir.«

»Dann haben Sie mehr fertig gebracht, als ich. Ich bin schon fünf Jahre im Balkan und spreche noch kein Wort außer Englisch.«

Nachdem solchermaßen das Gespräch angeknüpft war, ließ er den Faden so schnell nicht mehr abreißen. Was immer er zu sagen hatte, das sprudelte er hervor mit der naiven, etwas kindlich anmutenden Unbekümmertheit, die viele Amerikaner an sich haben, wenn sie von Missouri oder von noch weiter westlich kommen. Nach einer halben Stunde war ich genauestens unterrichtet über sein ganzes Vorleben und seine sämtlichen Zukunftsabsichten. Er war Schlosser gewesen in Missouri und wäre es wohl auch heute noch, wenn nicht der Krieg dazwischengekommen wäre. Der war die große Gelegenheit für Mister Smith. In ihm sah er die nie wiederkehrende Möglichkeit zu einem »trip to Europe«, wie sich das seine Landsleute in jedem Jahr mindestens einmal leisten konnten. Trotz seiner absoluten Felddienstuntauglichkeit – es fehlte ihm ein Auge – gelang es ihm endlich, eine Stelle bei den Kraftfahrtuppen zu erhalten, mit denen er die Reise über den Ozean antrat. Nach drei Monaten war er schon Leutnant und in Saloniki. Nach einem weiteren Monat avancierte er zum Kapitän, und heute wäre er gewiß schon General, wenn nicht drei Monate später der Friede »ausgebrochen« wäre. In allen diesen Zeiten wußte Mister Smith sich nicht zu helfen von den Dollars, die auf ihn herniederregneten. Es war ein einziges großes Pläsier, ein Umgang mit schönen Frauen und scharfen Getränken, bald in Paris, bald in Saloniki. Aber dann kam, wie gesagt, die trostlose Friedenszeit. Mister Smith verlor sein »Job« und mußte sich umtun nach einer ernsthaften Beschäftigung. Er ließ sich in Durazzo nieder als Vertreter des Hauses Ford und bringt sich nun so durch, wie wir es eben alle müssen auf dieser armen Erde.

Und warum er nicht mehr nach Amerika ginge? wagte ich zu fragen. Da richtete er sich auf hinter seiner Flasche und schüttelte heftig mit dem Kopfe.

»Nicht eher, als bis die fünfzehnte Verfassungsänderung widerrufen ist!«

»Die fünfzehnte Verfassungsänderung?«

»Jawohl,« fuhr er fort, mit einer gewissen Feierlichkeit, »die fünfzehnte Verfassungsänderung. Die hat mich um Haus und Hof und um meine Heimat gebracht. Mit mir steht es nämlich so: ich bin nicht verheiratet. Ich habe keine Frau, keine Kinder und keine Geschwister. Wo immer ich meinen Hut hinhänge, da bin ich zu Hause. Was also habe ich noch in der Welt außer dem Whisky?«

Seufzend leerte er das letzte Glas. Seufzend bestellte er eine neue Flasche.

So viel von Mister Smith. Es gäbe noch andere, über die sich zu berichten lohnte, aber dann würde ich niemals fertig werden mit der Geschichte meiner Reise im Lande Albanien. – – –

Von Durrazo führt eine schöne und verhältnismäßig gut erhaltene Straße nach der einige 35–40 Kilometer landeinwärts gelegenen Hauptstadt Tirana. Ein ziemlich reger Autoverkehr besteht zwischen beiden Städten. Billiger ist es schon, wenn man den Weg zu Fuß macht, trotz der Tropenhitze, und es ist auch interessanter und lehrreicher.

Über das holperige Pflaster der engen und übelriechenden Gassen kommt man an niedrigen Häusern und unbeschreiblich schmutzigen Höfen vorbei in das offene Land, wo sich die Maisfelder ausbreiten. Bald erreicht man den Gipfel eines Hügels, von wo man eine schöne Aussicht hat auf das dunkle Mittelmeer, das in weißen Schaumstreifen ewig anläuft gegen die flache Küste. Noch einmal trinkt man den frischen Hauch der salzigen Brise. Dann geht es weiter über die helle Straße, die geradenwegs hineinführt in die mächtigen, himmelanstürmenden Berge, die blau und verlockend im Osten stehen. Ein großer Verkehr herrscht auf der Straße, wie es bei uns auch einmal gewesen sein mochte zu einer Zeit, da die Eisenbahn noch nicht den Verkehr an sich gezogen hatte. Überall gehen Kolonnen von Tragtieren mit lautem Schellengeläute. Ab und zu kommen Schaf- und Ochsenherden oder ein beturbanter Wanderer, der hinter einem schwer bepackten Esel in beinahe biblischer Beschaulichkeit seine Straße zieht. Ein Bettler geht vorbei mit einem feierlichen Salaam, und immer von Zeit zu Zeit kommt man vorüber an einer Hütte, wo sie Trauben und Melonen und einen anisartigen Schnaps anbieten und man immer noch einmal Kaffee trinken kann. Je weiter man landeinwärts kommt, desto schöner wird die Gegend. Überall rieselt das Wasser zwischen den Feldern. Die Wälder schimmern grün von den Berghängen. Da und dort leuchtet ein Haus weithin über das Land, von dem Gipfel eines Hügels. »Mein Haus ist meine Burg,« sagt eine Redensart, die wir aus dem Englischen übernommen haben. Nirgendwo trifft sie mehr zu als in diesem Lande, wo jedes Haus eine Festung ist. Eine Festung oft mit Schießscharten und allem Zubehör. Eine Jahrhunderte alte Geschichte im Wechsel der Herren hat diese Leute gelehrt, daß nichts so beständig ist als die Gewalt, und daß letzten Endes der Besitz doch immer neun Zehntel des Gesetzes ist. Und danach handeln sie auch in diesen Zeiten, wo alles im Fließen und Werden ist.

Von dem effektvollen Hintergrund der im Abendlicht glühenden Berge taucht endlich in der Ferne Tirana auf. Ganz am Ende der weißen Landstraße sieht man einen Schornstein aufragen, und der will einem fast wie eine Offenbarung vorkommen in diesem Lande. Im Näherkommen macht man sich Gedanken, was das wohl für ein Werk sein möchte. Eine Mühle, ein Sägewerk, eine Ziegelei? Aber siehe da: Während man noch einmal hinschaut, hat sich der Schornstein in ein Minarett verwandelt. Es war wieder einmal nichts mit der albanischen Industrie. Noch mehr Minaretts werden sichtbar. Die Kuppel einer Moschee leuchtet auf hinter dunklen Bäumen.

Bei dunkler Nacht gehen wir durch die stillen Gassen, zwischen den alten, windschiefen Petroleumlaternen, die ein mattes Licht auf das schaurige Pflaster aus runden Kopfsteinen werfen. Wie still es hier ist! Man hört nur das Schreien der Esel und das Stampfen der Pferde in den Höfen. Vor der Moschee brennt elektrisches Licht. Es gibt sogar einen Bürgersteig, mehrere Kaffeehäuser, zwei oder drei Hotels, und das ist immerhin schon etwas in diesem Lande.

Am andern Morgen betrachten wir uns die Wunder dieser Hauptstadt, und deren sind wahrlich nicht wenige. Was einen in Skutari interessiert hat, das findet man in Tirana wieder, nur noch natürlicher und unvermittelter. Der Orient geht hier mit einer großen Miene der Selbstverständlichkeit durch die Straßen.

Oh, um die Wunderlichkeit dieser albanischen Städte! Eine jede unter ihnen ist ein Museum der Völkerkunde und der Kulturgeschichte. Über jede einzelne konnte man dicke Bücher schreiben und doch niemals fertig werden mit Erzählen. In diesem letzten stillen Winkel, wo es noch keine Eisenbahnen gibt und man nur selten ein Auto zu sehen bekommt, ist allein noch die Welt, wie sie einmal war und wie sie sein sollte, wenn die Kreise der Natur nicht gestört worden wären durch das dampfschnaubende Ungeheuer. Was immer der Orient an Farben bietet, das hat er hier ausgeschüttet in seiner Fülle. Wie die Gold- und Silbermünzen der Nachbarländer sich zusammengefunden haben zu einem Kongresse, so auch die Menschen. Ein buntes Mosaik von alle dem, was sich zwischen Bagdad und Belgrad findet, Kirchen und Moscheen, Klöster und Minaretts, Mönche und Hodschas und Rabbiner und bärtige Popen in hohen Hüten. – Es ist heute Bazar, und der Marktverkehr überflutet alle Gassen. Es ist kaum ein Durchfinden zwischen den Schätzen, die sich da, fern ab von aller Marktpolizei, – in unbekümmerter Selbstverständlichkeit auf allen Straßen und Plätzen ausbreiten: Kupferkessel, Töpferwaren, Säcke mit Mais und Hafer, Trauben, Pfirsiche, Feigen, Melonen. Dazwischen gehen Esel mit schweren Lasten von Eis, das sie eben vom Gebirge herunterbrachten. So nahe wohnen die Gegensätze beieinander in diesem Lande. Man könnte immer hier stehen und ewig schauen auf dieses bunte Leben.

Ich war noch nicht lange unterwegs gewesen auf meinem Wege »to the sights« von Tirana, als sich ein einheimischer Bürger mir anschloß, um mir noch mehr von der Stadt zu zeigen. Er war eine der Gestalten, wie man sie eigentlich nur im Orient antreffen kann, wo das ganze Leben eine fortgesetzte Lektion in fremden Sprachen ist. Mit mehr oder minder großer Zungenfertigkeit sprach er deren zehn bis fünfzehn, darunter auch ein ziemlich passables Deutsch. Als »maître de plaisir« machte er seine Sache gut. Im Laufe unseres Rundganges tranken wir etwa sechsmal Kaffee, und er zahlte alles. Dazwischen wurde er nicht müde, mir die namhaften Persönlichkeiten der gegenwärtigen und vergangenen Regierung vorzustellen. Denn in Tirana ist die Politik eine Angelegenheit, die ganz en famille vor sich geht, und die Politiker sind keine bloßen Namen wie anderswo, sondern Menschen wie unsereiner, die täglich in Fleisch und Blut unter uns wandeln, und die man immer in den Kaffeehäusern sitzen sieht.

»Dieser Herr hier,« sagte mein Begleiter, »der dort am Fenster die Zigarette raucht, das ist der Verkehrsminister, der andere dort drüben ist der Kriegsminister. Der Herr mit die große Bart und dem Turban, der da Domino spielt, das war der Finanzminister im Ministerium Ali Riza Bey.« Im Gewühl der Straße drehte er sich plötzlich um und zeigte auf eine Gestalt, die eben vorüber ging.

»Premierminister,« sagte er mit einer Stimme, die vor Ehrfurcht erschauerte. Ich schaute mir den Herrn genauer an. Es war ein junger Mann, der kaum die Zwanzig überschritten haben mochte. Man machte offenbar schnell Karriere hier in Albanien.

»Premierminister?« fragte ich erstaunt.

»Nix Premierminister! Diese junge Mann sein der, wo gemacht hat Attentat auf Premierminister!«

Nachdem solchermaßen das Gespräch auf das Gebiet der hohen Politik hinübergeglitten war, erzählte er mir noch manches, was damit zusammenhing, in dem ich aber keinen Zusammenhang finden konnte. Aus diesem Grunde will ich auch kein Wort davon weitererzählen. Ich kann dies mit gutem Gewissen unterlassen, denn ich zweifle, ob es auch in Albanien irgend jemand gibt, der sich so richtig auskennt in diesem Kapitel. Sie haben ein Parlament und doch kein Parlament; sie haben einen Regenten und doch keinen Regenten. Soweit ich mir eine Definition des gegenwärtigen verfassungsmäßigen Zustandes erlauben darf als Quintessenz meiner politischen Studien in dieser kleinen Hauptstadt, ist es dieser:

Es ist eine durch den Absolutismus gemilderte Anarchie, Oder umgekehrt, wenn man es so vorziehen möchte.


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