Ferdinand Emmerich
Jenseits des Äquators
Ferdinand Emmerich

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Siebzehntes Kapitel

Von den Gefährten getrennt

Unüberwindliche Hindernisse. – Die Insel ist verschwunden! – Bei den Goldgräbern. –- In den Ringen der Riesenschlange. – Letzter Abschied. – In Galveston.

Kurz vor der Einmündung des Flusses erreichte ich das Ufer. Nachdem ich das Kanu auf den Strand gezogen und gesichert hatte, rief ich einen lauten Gruß hinüber zur Insel, der durch lebhaftes Tücherschwenken erwidert wurde.

Ich sprang an das Ufer hinauf und durchquerte eine mit großen roten Glockenblumen bestandene Wiese, die mich in den Wald führte.

Auf einer kleinen Anhöhe fand ich Spuren einer Feuerstelle. Die Art der Anlage war nicht indianisch. Es mußten zivilisierte Menschen hier gewesen sein, und diese Annahme fand ich bestätigt, als ich bald nachher die Reste eines Lederriemens zwischen den Steinen entdeckte, an denen eine Schnalle hing. Die hätte kein Indianer liegenlassen. So sehr ich aber die Umgebung, des Platzes nach menschlichen Fährten absuchte, einen weiteren Anhaltspunkt sah ich nicht.

Ich setzte meinen Marsch fort. Wieder kam ich in Wald. Diesmal aber in einen so stark mit Unterholz vermischten Baumbestand, daß ich mir Bahn mit dem Messer schlagen mußte. Dabei kam ich natürlich nur langsam vorwärts. In meiner Arbeit hinderten mich auch die zahlreichen Tigerschlangen, die auf den oberen Zweigen der Büsche auf Beute lauerten, und die mir immer erst zu Gesicht kamen, wenn mein Hieb ihren Ast traf. Manch flinken Luftsprung machte ich dabei, um dem Biß zu entgehen.

Plötzlich drang ein Laut an mein Ohr, der mir das Herz schneller schlagen ließ. Das langgezogene Iah eines Esels! Wo der ist, da sind auch Menschen, denn wild kommt der Esel hier nicht vor! Der Gedanke spornte mich zu neuen Kraftanstrengungen an. Ich hieb mit einer wahren Wut in die hindernden Büsche. Bald wurde der Wald lichter. Ein breiter, klarer Bach, in dem schöngezeichnete Fische hin und her flitzten, kreuzte meinen Weg. Ich durchwatete ihn, denn ich wollte unter allen Umständen den Esel und dessen Herrn finden.

Häuser oder Niederlassungen baut man dortzulande nur an Flüssen oder Wasserläufen. Der Esel mußte also leicht zu finden sein, wenn ich dem Bach folgte. Links oder rechts? Ich entschied mich für links und wanderte etwa eine halbe Stunde lang durch üppiges Grün unter dem Halbdunkel gewaltiger Baumriesen. Dann setzte ein schäumender Fall meinem Vordringen ein Ziel. Der Bach kam in Kaskaden von einem Berg herunter, dessen oberer Teil sich in einem Meer von üppigem Grün verlor. Affen und Papageien schienen, wie die Schlangen, in ganzen Kolonien ihr Heim in diesem Wald aufgeschlagen zu haben.

Als ich noch dastand und überlegte, ob ich nun dem Lauf abwärts folgen sollte, fiel mir das Halbdunkel des Waldes auf. Ich grub die Uhr aus meinem Gürtel: Halb vier! Die Sonne mußte also noch hoch am Himmel stehen. Da rauschte es plötzlich in den Wipfeln. Ein Prasseln, das den Lärm der stürzenden Wasser übertönte, ließ mich aufschauen. Dann fielen breite Tropfen. Ein flammender Blitz zuckte auf, und der folgende gewaltige Donnerschlag brachte mir die beginnende Regenzeit in Erinnerung.

Jetzt wanderten meine bangen Gedanken zur Insel hinüber. Würde sie standhalten? Ich sah im Geist die steigenden Fluten und hörte das Rauschen des Stromes. – Ich versuchte, die Sache nicht schwerer zu nehmen, als sie vielleicht war. Der Sturm hatte keinen besonderen Heftigkeitsgrad erreicht, und ein vorüberziehendes Wetter konnte den Wasserstand des Stromes nicht beeinflussen. Außerdem lag die Insel fast auf dem Sande, viel fester als droben im Gebiet der Canilos. Immerhin beschleunigte ich meinen Schritt, um zu meinen Kameraden zurückzukehren.

Wie es bei Tropengewittern gewöhnlich der Fall ist, entlud sich auch jetzt Blitz auf Blitz, und mancher alte Waldriese spürte den zuckenden Strahl des elektrischen Funkens an seinen Flanken.

Ich hatte den Rand des Baches verlassen, um im freieren Holz schneller ausschreiten zu können. Wirklich erreichte ich auch schon bald die Stelle meines Überganges. Aber wie sah der Bach jetzt aus? Eine brausende, schäumende Flut wälzte sich in wirbelndem Fluge dahin. War vor einer halben Stunde noch eine Uferhöhe von über zwei Meter vorhanden gewesen, so spülten die dahinjagenden Wasser jetzt über den Rand hinaus. An ein Überschreiten war an dieser Stelle nicht zu denken.

Ich besann mich nicht lange und folgte dem Bach, bis ich vor einer weiten Fläche haltmachen mußte. Hier hatte der in einigen hundert Meter Entfernung vorüberfließende große Fluß durch den Druck seiner Fluten dem Bach Widerstand entgegengestellt und ihn zum Überlaufen gebracht.

Da stand ich nun wieder einmal vor unüberwindbaren Hindernissen. Daß der Regen nachlassen würde, glaubte ich nicht. Erfahrungsgemäß dauern in den Kordilleren die Wetterstürze der Regenzeit bis vier Uhr morgens. Für die nächsten zwölf Stunden konnte ich also an keine Rückkehr zur Insel denken. Ich wollte den Kameraden aber doch ein Zeichen geben, das zugleich auch andere in der Nähe weilende Menschen aufmerksam machen konnte – ich feuerte dreimal in gleichen Zwischenräumen mein Gewehr ab. – Der Schall rollte in gewaltigem Echo durch den Wald und setzte dessen Bewohner in Angst und Schrecken. – Lange kam keine Antwort. Endlich hörte ich den Knall seiner Schüsse – doch schien mir die Richtung eine andere zu sein.

Der nun in regelmäßigen Schnüren herniederschießende Regen zwang mich, an ein Obdach zu denken. Ich schritt schleunigst zum Bau eines Rancho, denn einen andern Schutz durfte ich kaum erwarten. Beim Fällen der sechs notwendigen Pfosten erlebte ich manch unangenehmen Augenblick. Gleich der erste Stamm beherbergte einen Wespenschwarm. Der dritte war ein sogenannter Ameisenbaum. Die roten Plagegeister fielen über mich her, als wollten sie mich bei lebendigem Leibe fressen. Am sechsten Stamm schlug ich eine Scharte in mein Messer. – Als dann die vier Pfosten in dem weichen Erdreich festsaßen, und ich die beiden Dachbalken darüberlegte, fehlte es mir an Bindematerial. Die Lianen in der Nähe bestanden meist aus der Vanillenpflanze, die sich zum Binden nicht eignet. Erst nach vielem Suchen stieß ich auf das Richtige. Rinde und Blätter zum Decken des so hervorgezauberten wändelosen Schuppens gab es genug. Sogar Palmenwedel für den Fußboden trieb ich in der Nähe auf. – Nach kaum einstündiger Arbeit war die »Villa« fertig, und ich konnte daran denken, meinen triefenden »Sonntagsanzug« auszuringen. Das damit notwendigerweise verbundene Luftbad tat mir sehr wohl.

Die Nacht verbrachte ich ausgestreckt auf dem Boden liegend. Ich erwachte, als gegen Morgen der Regen nachließ und die Raubtiere auf Beute auszogen. Aus allen Richtungen hörte ich den rauhen Laut. Leider kam mir keines zu Gesicht.

Nun meldete sich der Hunger. Im Vorbeigehen hatte ich mir gestern eine Anzahl der Bertholettiafrüchte eingesteckt. Bei uns kennt man diese hartschaligen, dreieckigen Früchte unter dem Namen »Paranüsse«. Sie waren mein Frühstück. Natürlich hielten sie nicht lange vor. Ehe ich aber meine Kleider nicht getrocknet hatte, konnte ich mir keinen Waldspaziergang leisten, und so wurde es fast acht Uhr, bis ich in der Richtung auf die Insel aufbrach. Den in seinen vorherigen Zustand zurückgekehrten Bach hatte ich beim Morgenbad überschritten.

Eilig lief ich auf die Insel zu. Die gestern gebahnten Wege leisteten mir dabei gute Führerdienste. – Ohne Mühe erreichte ich die gestern entdeckte alte Feuerstelle. Nun trennten mich nur noch ein Waldstreifen und eine Wiese vom Fluß. Jetzt sandte ich einen lauten Jodler in den Wald. Er sollte den Gefährten mein Kommen anzeigen. Ich horchte – aber es kam keine Antwort. – –

Als ich auf die Uferbank trat, erschrak ich. Vor mir wälzten sich in raschem Lauf die gelben, schlammigen Fluten des Stromes. Aber die Insel lag nicht mehr dort, wo ich sie gestern verlassen hatte. Auch mein Kanu fehlte! Anfangs traute ich meinen Augen nicht. Ich glaubte, einen andern Fluß vor mir zu haben. Aber die Umgebung ließ keinen Zweifel aufkommen. – Ich mußte mich mit der Tatsache abfinden: Die Insel und mein Kanu waren fort. Soweit das Auge reichte, hob sich nichts auf der öden Wasserwüste ab, was dem Verlorenen ähnlich sah. Zweifellos war das Eiland also doch vom Sturme losgerissen und trieb nun bereits viele Meilen weit den Strom hinab. Mit diesem Gedanken suchte ich meine bangen Ahnungen zu beschwichtigen. Ich gab auch die Möglichkeit zu, daß die Insel auseinandergebrochen sein konnte. Das Fehlen des Kanus, in dem sich die Gefährten wahrscheinlich gerettet hatten, unterstützte den Gedanken. Warum sie dann aber nicht zu mir sich durchschlugen? Darauf fand ich keine Antwort!

Eine Stunde lang stand ich ratlos am Strande und starrte auf das ewige Einerlei des vorüberschießenden schlammigen Wassers. Ich war allein. Mit unserm Stützpunkt verschwand meine gesamte Ausrüstung, meine wertvollen Aufzeichnungen, meine Sammelobjekte. Alles, was ich noch an Eigentum besaß, trug ich bei mir.

Und wo waren meine Kameraden, meine treuen Gefährten in Not und Gefahr? Lebten sie noch?

Auf alle diese Fragen fand ich keine Antwort. Die nackte Wirklichkeit drängte sich mir mit dem trostlosen Bewußtsein auf, daß ich nun allein und verlassen in einem Winkel der Welt stand, von dem ich nicht einmal wußte, zu welchem Staat man ihn rechnete. Waren die nächsten Menschen blutdürstige Indianer, oder würde ich Menschen finden, die mich freundlich aufnahmen ...?

Mit einem letzten Blick auf den stummen Fluß kehrte ich zunächst zu meinem Rancho zurück. Ich beschloß, mich bis zu der nächsten menschlichen Ansiedlung durchzuschlagen und dann auf einem Kanu dem Lauf des Flusses zu folgen, der mich von meinen Gefährten getrennt hatte.

Ich wanderte den ganzen Tag. Wiederum überfielen mich Regen und Gewitter im Walde, wiederum baute ich mir einen Rancho. Dann stieß ich endlich am folgenden Mittag auf einzelne Hütten, Mulatten gruben dort in den Gebirgsbächen nach den goldenen Körnern, die die Welt in Bewegung halten. Goldgräber, die sich in ungesunder, aufreibender Arbeit kaum so viel verdienen, daß sie das kärgliche Leben fristen können. Sie arbeiten hier für Rechnung der peruanischen Regierung, deren nächster Sitz die in zweitägiger Kahnfahrt zu erreichende Stadt Maldonado ist. Der Fluß, an dem sie hier ihre Arbeitsstätte haben, ist der Rio Piedras. Er mündet in den Rio Madre de Dios, in dessen Fluten meine armen Gefährten wahrscheinlich den Tod gefunden hatten.

Der spanisch sprechende Aufseher gab mir diese Aufschlüsse. Er lud mich ein, bei ihm zu rasten, bis das nächste Boot den Fluß hinabging.

Wann das sei?

» Quien sabe!« Von Zeit haben diese Menschen keinen Begriff. Die Sonne, die heute untergeht, scheint ja morgen wieder! Warum sich also beeilen?

Eine ganze Woche lang mußte ich mich in der kleinen Siedlung aufhalten. Ich fieberte vor Ungeduld, aber es gab keine andere Möglichkeit für mich. In den Hütten strotzte alles von Schmutz. Ich baute mir unweit der Landungsstelle am Fluß einen eigenen Rancho und verbrachte die Zeit mit Kletterpartien im Gebirge und mit Fischfang. Fische bildeten neben Früchten und Maniokkuchen meine einzige Nahrung. Wild gab es zwar genug, aber mein Schießvorrat ließ sich vor der Hand nicht ersetzen, und darum mußte ich haushälterisch mit Kugel und Schrot umgehen.

Eines Tages, als ich eben wieder auf Fischfang gehen wollte, kam mir vom Fluß her unser Aufseher entgegen. Er war offenbar völlig erschöpft und zitterte wie im Nachklang einer großen Erschütterung.

Besorgt fragte ich ihn, ob ihm etwas zugestoßen sei.

»Oh, nichts Besonderes«, antwortete er, etwas mühsam lächelnd. »Ich wollte Enten schießen und hatte dabei eine unangenehme Begegnung mit einer jungen Dame, die mir am liebsten die Rippen zerquetscht und mich hinuntergewürgt hätte – Wenn's Ihnen Spaß macht, will ich Ihnen die Sache erzählen.«

Er warf sich ins Gras und atmete ein paarmal tief auf.

»Ich hatte also drüben eine Ente geschossen, die in der Rinne niederfiel. Ich ging durch das Schilf, um sie zu holen. Als ich sie eben aufheben wollte, schoß eine Schlange hervor und packte die Ente an einem Flügel. Schnell griff ich zu und riß sie ihr aus dem Rachen, ohne an etwas Böses zu denken. Giftschlangen gibt es hier herum nicht, und die anderen fürchtete ich nicht.

Beim Niederbeugen setzte ich der Bestie den Fuß auf den Kopf – aber der Boden war feucht, gab nach, und sie konnte sich befreien.

Ich wollte nun meinen am Busch hängenden Bogen holen, um die Schlange zu töten. Da fühlte ich einen Schlag an meinem Bein, so, als ob man mir einen Strick darumgeworfen hätte. Als ich nachsah, bemerkte ich, daß die Schlange ihren Schwanz um mein Bein geringelt hatte. Ich ließ nun die Ente fallen und hieb fest auf den Schwanz – ohne Erfolg. Der Ring zog sich fester. Mit dem rechten Fuß trat ich nun mit aller Kraft auf den schlüpfrigen Leib. Auch das half nichts. Und jetzt erst sah ich mit Schrecken, daß ich es mit einer etwa drei Meter langen Wasserschlange zu tun hatte.

Bisher fürchtete ich, wie gesagt, die Tiere nicht. Auch heute glaubte ich, mich ihrer schnell entledigen zu können. Immer wuchtiger schlug ich auf die Ringe, aber ich erreichte damit nur das Gegenteil. Die Schlange schnellte ihren Kopf in die Höhe, und nun stand ich ihr Aug' in Auge gegenüber.

Nun versuchte ich, sie im Nacken zu packen, aber sie wich meinem Griff gewandt aus, schoß vor und warf eine Schlinge um meinen Leib. Dann stand sie wieder vor meinem Gesicht. Nun schlug ich mit geballter Faust nach dem Kopf der Schlange – umsonst! Sie schlang ihren Leib nur noch fester um mich. Das Schwanzende lag nun um meine Hüfte. Der übrige Körper hatte sich doppelt um meine Brust und über meinen Magen gewunden. Alles das war in kaum einer Minute geschehen.

Nun ging die Schlange zum Angriff über. Obwohl ich ihren Nacken fest umspannt hielt, gelang es ihr, mir mit dem Kopf ein paar feste Hiebe auf den Mund zu versetzen, die mich noch jetzt stark schmerzen. Gleichzeitig spürte ich, wie sich der Druck um Brust und Magen immer mehr verstärkte. Das Atmen wurde mir schwer.

Jetzt versuchte ich, die Schlange von meinem Körper abzuwickeln. Sie hatte sich von der linken zur rechten Hüfte um meinen Leib geschlungen, und ein Teil ihres Körpers hing zwischen meinen Beinen. Von der rechten Hüfte lief die Umschlingung über den Rücken nach der linken Seite, und der Kopf war, unter meinem Arm hervorschießend, in einer Höhe mit meinem Gesicht.

Meine Bemühungen, das Reptil mit der einen Hand so weit nach hinten zu drängen, daß ich es mit der andern Hand fassen und abwickeln konnte, blieben fruchtlos. Umsonst strengte ich meine Kräfte an. Die Schlange war stärker als ich. – Jetzt wurde mir schwül zumute. Ich packte mit beiden Händen den Hals des Tieres und versuchte, ihm den Kopf abzubrechen. Aber ebensogut hätte ich ein Tau abdrehen können. – Inzwischen glitt der Hals in meinen Händen aufwärts, und die Schlange hatte nun ihren Kopf frei. Weit zurückgebogen sah sie mich mit wutfunkelnden Blicken an. Der Rachen war weit aufgerissen – die Ringe zogen sich fester. Als ich sie wieder fassen wollte, fühlte ich, daß meine Kräfte erlahmten. Ich konnte sie nicht mehr festhalten. Diese Erkenntnis lähmte mich für einige Sekunden. Dazu kam ein empfindlicher Schmerz. Das Schrecklichste aber war, daß die Verlängerung der Schlange immer mehr wuchs. Bald würde sie mich zum dritten Male umklammern ....

Mein Atem ging rascher. Deutlich fühlte ich, wie mir das Blut zum Kopf stieg. Hände und Arme wurden steif und schwollen an. Die Schmerzen wurden unerträglich. Meine Kräfte schwanden. Ein Schauer um den andern durchrieselte meinen Körper, um mich her verschwamm alles.

Inzwischen war die Schlange wohl um einen Meter gewachsen. Sie steckte ihren Kopf unter meinen rechten Arm und schob ihn über meine Schulter. Dann blies sie mich laut zischend an, was mir einen ungeheuren Schmerz verursachte. Jede Sekunde war eine Ewigkeit von Todesangst.

Mein Messer! Wie eine Eingebung des Himmels fuhr es mir durch den Kopf. Daß ich nicht früher daran gedacht hatte! Alles, was ich noch an Kraft besaß, raffte ich zusammen, um an meine Tasche zu gelangen. Ich riß und zerrte an den Nähten – Gottlob, sie gaben nach. – Noch einen Riß, und das Messer lag in meiner Hand. In fieberhafter Hast öffnete ich es. Dann setzte ich mit einer raschen Bewegung die scharfe Klinge auf die angespannte Haut des Reptils, zog sie quer durch den Leib, und in zwei Stücke zerschnitten, fiel die Schlange zu Boden. – Dann fiel ich neben sie ins Schilf und glaubte nun, ohnmächtig zu werden. So lag ich wohl eine halbe Stunde. Dann hörte ich Rascheln im Schilf, und im Glauben, eine zweite Schlange zu sehen, lief ich, so rasch mich meine Füße trugen...«

Ich ging mit dem Mann zu dem Schauplatz des Kampfes zurück und war ihm behilflich, die Haut des Tieres zu präparieren, die er zum Andenken an die kritischen Augenblicke aufbewahren wollte.

Hier konnte ich den ungemein seltenen Fall feststellen, daß eine – allerdings angegriffene – Schlange einen Menschen angegriffen hatte.

Endlich schlug die Stunde der Abreise. Viel zu spät für die mich nach meinen Gefährten treibende Unruhe.

Das Boot von Maldonado kam eines Abends an. Unter seinen Fahrgästen war der peruanische Finanzkontrolleur, der die Werkplätze am oberen Rio Piedras zweimal jährlich zu inspizieren hatte. Er hatte von Goldgewinnung nicht die leiseste Ahnung. Um das aber nicht merken zu lassen, blies er sich gewaltig auf und spielte den Herablassenden. Als der Mann mein Anliegen erfuhr, rümpfte er die Nase. Mit solchem »Pöbel« wolle er nicht fahren. Ich solle machen, daß ich weiterkomme.

Na warte, mein Junge!

Ich holte meinen peruanischen Regierungspaß hervor und hielt ihn ihm ohne ein weiteres Wort unter die Nase.

Beim Anblick des ihm wohlbekannten Formulars wandelte sich seine Haltung. Er nahm mir den Paß aus der Hand und las ihn langsam von oben bis unten. Als er den Inhalt begriffen hatte, wurde er höflich: »Verzeihung, caballero, daß ich Sie nicht sofort erkannte.« Und nun folgte der unvermeidliche Schwall der spanischen Höflichkeitsphrasen, die man kaum anhören, viel weniger niederschreiben kann. Nun stand auf einmal alles zu meiner Verfügung, sogar das Boot, und in diesem der Ehrenplatz unter dem Sonnendach.

Jetzt spielte ich den Herrn.

»Wir werden morgen früh mit Sonnenaufgang abfahren. Sobald wir in den Rio Madre eingelaufen sind, erkundigen wir uns nach dem Schicksal meiner Kameraden. Jede Hütte, jede Ansiedlung laufen wir an, und wenn die Reise acht Tage dauert.«

Der Bootsführer trat bei der Beschreibung der Insel und des Kanus auf mich zu und fragte: »Meint der Herr das Treibland, das vor dem Orkan unten an der Mündung des Piedras lag?«

»Ja, was weißt du davon?« fragte ich rasch.

»Ein Stück dieses Treiblandes sitzt bei den Riffen, die der Stadt den Namen geben, auf den Felsen. Der größere Teil aber wird wohl verloren sein, denn an den dortigen Riffen zerschellt alles, was im Fluß treibt. Ein Kanu ist nicht an der Stadt vorübergekommen, sonst müßten wir es wissen.«

»Glaubst du an die Möglichkeit einer Rettung, wenn die Leute wirklich an dem Riff gestrandet sein sollten?«

»Nein, Herr. Der Sturm hat den Fluß gewaltig aufgewühlt. Wenn die caballeros noch um fünf Uhr nachmittags an der alten Stelle lagen, dann werden sie in der Dunkelheit abgetrieben sein und sind in der Nacht auf das Riff gelaufen. Eine Rettung war dann ausgeschlossen.«

Ich starrte ihn an, unfähig, auch nur zu begreifen, was er da sagte. Pio Perez, mein tapferer Mitkämpfer im Dienst der Wissenschaft, Felipe, mit dem mich so manches Abenteuer auf Leben und Tod fast blutsbrüderlich verband – ich sollte sie nie wiedersehen? Sie sollten einen grauenvollen Untergang gefunden haben, während ich fern von ihnen war? Ich konnte es nicht glauben und drängte mit aller Energie auf möglichste Beschleunigung unserer Fahrt. Waren wir darum aus soviel Gefahr und beinah sicherem Tod zusammen errettet worden, um nun uns so fürchterlich trennen zu müssen? Nein, das war unmöglich! Und allem ungläubigen Kopfschütteln, allen Gegengründen zum Trotz bestand ich darauf, so schnell wie möglich die Nachforschungen aufzunehmen.

Am zweiten Tage mittags fuhren wir in den Madrefluß ein. Ich erkannte deutlich die Stelle, an der die Insel gelegen hatte. Jetzt schoß die gelbe Flut gleichmütig darüber hinweg. Vier Stunden später sah ich am linken Ufer eine indianische Ansiedlung. Der Bootsmann weigerte sich anfangs, dort zu landen, weil er den Wilden nicht traute. Ich ließ aber nicht locker und erklärte, ich würde allein ans Land und in die Ansiedlung gehen, wenn keiner der Leute – wir waren zehn Männer – den Mut hätte, mich zu begleiten. Vier Männer gingen aber doch mit, darunter einer, der auch die Sprache der Indianer verstand und als Dolmetscher fungierte.

Die Indianer waren ganz harmlose Menschen, die wohl nie daran gedacht hatten, einem Fremden irgendein Unrecht zuzufügen. Sie kamen an das Ufer, als sie sahen, daß wir auf den Strand zusteuerten, und boten uns Früchte und Maniokbrot. Von einem Kanu oder fremden Männern wußten sie nichts. – –

Also weiter, so schnell wie möglich!

Kurz vor Sonnenaufgang sahen wir das Riff vor uns. An dieser Stelle tritt das Gebirge bis dicht an den Fluß. Von der rechten Seite her zieht sich ein messerscharfer Felsrücken weit in den Strom hinein. Er ragt etwa einen Meter hoch über den Wasserspiegel und bildet ein sehr gefährliches Hindernis. Die scharfen Ränder dieses Rückens waren mit Trümmern aller Art bedeckt. In einem der wirren Haufen, fast genau in der Mitte, steckte eine aufrechtstehende Phönixpalme, in der ich ein Überbleibsel unserer Insel zu erkennen glaubte. Wenn sich die Insel losgerissen hatte, mußte sie hier zerschellt sein. Dann befand sich hier auch das Grab meiner unglücklichen Freunde.

Auf meinen Wunsch ruderten die Bootsleute bis dicht an die Unfallstelle. Ich nahm dort den Hut ab und sandte den Gefährten einen letzten wehmütigen Gruß in das nasse Grab, in dem ich sie vermuten mußte. –

Bei Morgengrauen erreichten wir das peruanische Grenzstädtchen Maldonado.

Der Kontrolleur, den sein schlechtes Gewissen wegen seiner früheren Grobheit treiben mochte, brachte mich sehr beflissen zum Bürgermeister Simoza, und versuchte mit großem Wortschwall zu schildern, wie er sich bemüht habe, mir behilflich zu sein.

Señor Simoza, der seine Pappenheimer gut zu kennen schien, winkte rasch ab, bat mich, sein Haus als das meine zu betrachten und ihm zu sagen, womit er mir behilflich sein könne. Auch seine Gattin und ihre Söhne und Töchter entfalteten alle südländisch-temperamentvolle Gastfreundschaft, die hier wirklich von Herzen zu kommen schien. Die guten Menschen versuchten alles Erdenkliche, um mich aus meinen trüben Gedanken zu reißen. So tief auch der Schmerz um die verlorenen Freunde war, so empfand ich diese Teilnahme der lieben Menschen doch dankbar, und die Zeit, die ich in der Familie Simoza verbrachte, wird mir stets eine freundliche Erinnerung bleiben.

Ich hatte hier, in den zwar nach europäischen recht bescheidenen, für meine Wildnisgewöhnung aber wahrhaft luxuriösen Umgebung reichlich Gelegenheit, mich körperlich zu erholen, die notwendigen Einkäufe zu machen und mich soweit wieder instand zu setzen, daß ich an meine Weiterreise denken konnte. Sie eilte einigermaßen, denn wir waren schon im Februar, und ich hätte eigentlich am 1. Januar meine Stellung an der Universität von Galveston antreten sollen.

Es gab einen schweren Abschied. Nun erst bemerkte ich, wie sehr die lieben Menschen vergessen hatten, daß ich nicht zur Familie gehörte. Mir selber wurde das Herz weich, und ich bemühte mich, es möglichst kurz zu machen.

Vor allem aber gab ich genau an, wo meine Gefährten mich würden erreichen können, denn daß sie wirklich nicht mehr leben sollten, vermochte ich nicht zu glauben.

Meine Tätigkeit an der Universität bestand in der Hauptsache im Ordnen und Bestimmen der vorhandenen mexikanischen und peruanischen Altertümer. Eine Arbeit, die mir um so mehr Freude machte, da ich die einzelnen Fundorte in jüngster Zeit noch selbst besucht hatte. Mit der Stellung war der Professorentitel verbunden.

Auf drei Jahre hatte ich mich verpflichtet – keine drei Monate hielt ich das Leben in der Stadt aus. Ein Brief eines befreundeten Forschers lud mich zur Teilnahme an einer Expedition ins Gebiet der Sundainseln ein. Drei Tage lang trug ich ihn, von Gewissensbissen geplagt, in der Tasche herum, hin und her gerissen zwischen Pflicht und Forschersehnsucht. Aber das hätte ich mir eigentlich sparen können. Wußte ich doch aus alter Erfahrung, welches die mächtigste Triebfeder all meines Denkens und Handelns war. Schließlich – was ich hier machte, das konnte ja doch wohl auch ein anderer erledigen, den Professorentitel wollte ich ihm gern dazu schenken, wenn ich nur aus den Steinwänden wieder in die freie Weite kam.

So stand ich denn am dritten Tage dem Rektor gegenüber. Er machte mir's leicht, das sei zu seiner Ehre dankbar gesagt. Mir fiel ein Stein vom Herzen, ich packte meine Sachen, und fort ging's – diesmal nach dem Fernen Osten!


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