Ferdinand Emmerich
Jenseits des Äquators
Ferdinand Emmerich

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Dreizehntes Kapitel

»Jibarros!«

Unsere Führerin in Gefahr! – Auf der Fährte der Jibarros. – Wir befreien meinen Blutsbruder. – Ein lebensgefährliches Mißverständnis.

Jetzt mußten wir aber erst mal gründlich ausschlafen. Wir befestigten unser Kanu am Ufer und legten uns zwischen die weichen Matten. Felipe hatte die erste Wache und benutzte sie, um für unser Frühstück zu angeln. Als ich ihn ablöste, bearbeitete er gerade einen schweren lachsartigen Fisch.

Illustration: Karl Strattl

Das Südliche Kreuz stand fast aufrecht, und der frische Wind verkündete den nahenden Morgen, als ich dürres Holz zusammentrug und ein Feuer anfachte. Ich bog mich zum Wasser herunter, um den Kaffeekessel zu füllen. Dabei ließ ich den Blick flußauf, flußab schweifen. Das wunderbare Farbenspiel der im Mond- und Sternenlicht glitzernden, sich überstürzenden Wellen fesselte meine Aufmerksamkeit. Ein großer Fisch warf aufspringend einen sprühenden Regen über die glänzende Fläche...

Plötzlich sah ich etwas Seltsames: Ein dunkler Punkt trieb langsam von der Mitte her auf das diesseitige Ufer zu. Dort verschwand er im Dunkel des Buschwerks, das den Fluß einfaßte. – Hallo, was war denn das? Ich griff zur Büchse, kroch hinter einen Strauch und wartete. Kein Laut war hörbar. Die fast unnatürliche Stille, die dem Erwachen des Waldlebens unmittelbar vorhergeht, wurde durch nichts unterbrochen. – In meinen Gedanken verarbeitete ich das Gesehene, um daraus Schlüsse zu ziehen. Umsonst. Nichts paßte auf die Erscheinung.

Da tönte der Weckruf des zierlichen bunten Vogels aus den Wipfeln der Palmen: »Dios de ti! Dios de ti!« »Gott mit dir!« Und der Wald erwachte. In demselben Augenblick berührte eine Hand meine Schulter. Das Indianermädchen stand vor mir! Lautlos war sie mit der Strömung herabgetrieben. Ihr schlanker Körper zitterte vor Kälte, aus dem langen, rabenschwarzen Haar troff das Wasser, und ihr Gesicht zeigte einen Ausdruck banger Furcht.

»Was ist los, Kind, weshalb kommst du zu uns zurück?« rief ich erstaunt aus, hing ihr das Pumafell um und zog sie zum Feuer. Gleichzeitig weckte ich die Gefährten.

Die Indianerin mochte den Sinn der Frage erraten haben. Sie antwortete in übersprudelndem Wortschwall, aus dem ich aber nur das ominöse Wort »Jibarros« verstand. An den Fingern zeigte sie die Zahl drei.

Ich überfetzte das damit, daß drei Männer des Jibarrosstammes in der Nähe seien. Sie mußten zwischen unserm Lager und dem Dorf herumstreifen, da sonst das Mädchen zu den Ihrigen geflüchtet wäre.

Durch entsprechende Zeichen stellten wir dann auch fest, daß unsere Annahme richtig sein mußte. –

Ich wußte nicht, warum mir die Aussicht auf ein Zusammentreffen mit den Jibarros plötzlich so sehr gegen den Strich ging. Gestern, während der Erzählung meines »Blutsbruders«, hatte ich sofort den Entschluß gefaßt, den Stamm nun erst recht aufzusuchen. Jetzt bot sich mir die beste Gelegenheit, und nun zögerte ich. – Meinen beiden Gefährten erging es ähnlich. War es der Gedanke an die Gefahr, die dem Mädchen drohte, wenn es mit den Feinden ihres Stammes zusammentraf, oder war es die Fügung der unsichtbaren Macht, die mich schon oft in meinen Unternehmungen beeinflußt hatte, ich weiß es nicht! Jedenfalls hatte ich die Pflicht, das Mädchen sicher nach Hause zu geleiten. Daß damit ein Kampf verbunden sein würde, war mehr als wahrscheinlich.

Während wir unsere Gedanken in knappen Worten austauschten, flog der Blick der Indianerin angstvoll von einem zum andern. Sie suchte in unsern Mienen zu lesen, was sie nicht verstehen konnte. Erst als sie sah, daß wir unsere Waffen hervorholten und einer gründlichen Prüfung unterzogen, wurde ihr Blick vertrauensvoller. Sie begriff, daß wir uns zu ihrem Schütze rüsteten.

Nun schmeckte ihr auch das Morgenmahl. Die in der Asche gebratenen Fische waren ausgezeichnet, das mitgenommene Fleisch zart und wohlschmeckend. Wir nahmen, wie immer, sobald es unsicher war, wann wir wieder würden essen können, eine besonders ausgiebige Mahlzeit zu uns. Darauf steckten wir uns noch jeder einen Streifen gedörrten Fleisches ein. Dieses in Streifen geschnittene und an der Sonne gedörrte Fleisch ist ein äußerst praktisches Nahrungsmittel. Es nimmt wenig Platz ein, verdirbt nicht und ist sehr ausgiebig. Man schneidet aus den fingerbreiten Streifen ein daumenlanges Stück ab und steckt es in den Mund. Während des Kauens quillt es auf. Es wird immer dicker. Nach zwei Stunden hat man meistens den Saft ausgesogen und kann die Fasern, die nicht zu zerbeißen sind, wegwerfen. Während der langen Zeit des Kauens hat man das Gefühl, als ob man äße, und der hungrige Magen glaubt ebenfalls an den Betrug. Manches liebe Mal habe ich ihn so angeführt.

Wir versteckten das Boot und folgten nun mit der Büchse in der Hand und entsichertem Revolver dem voranschreitenden Mädchen. Anfangs führte der Weg durch die fast baumlose Wiese, die an felsigem Gelände aufhörte. Hier legte unsere Führerin die Hand auf den Mund und gebot damit Schweigen. Leise glitt der geschmeidige Körper über die Steine. Einer Eidechse gleich schlängelte er sich durch das weitläufige Pflanzengewirr, immer ängstlich bemüht, jedes Geräusch zu vermeiden. – Wir folgten ihr in einer Entfernung von etwa zehn Schritten. Das Mädchen selbst hatte es so angeordnet, denn sie sah wohl ein, daß wir ihr in der Kunst des lautlosen Anschleichens nicht nachkommen konnten.

So schlichen wir etwa eine Stunde lang im Gänsemarsch durch das Land, bis plötzlich die Führerin haltmachte und uns heranwinkte. In einer Entfernung von etwa hundert Meter lagen sorglos um ein Feuer vier Indianer. Sie waren mit Keulen, Bogen und Pfeilen bewaffnet. An ihrer Bemalung erkannte das Mädchen die Jibarros. Und wie sie diese fürchtete, zeigte die aschgraue Farbe ihres Gesichtes und der bebende Körper.

Wir blickten mit gemischten Gefühlen auf die malerische Gruppe. Drei Männer hatte uns das Mädchen gemeldet. Jetzt lagen hier vier, und die Tatsache, daß sie trotz des schon längst angebrochenen Tages noch ruhig um das Feuer hockten, bewies, daß noch mehrere erwartet wurden.

In einem Schlupfwinkel, durch Büsche gegen das Lager der Jibarros gedeckt, berieten wir, was zu unternehmen sei. Wir waren uns darüber einig, daß wir unserseits die Feindseligkeiten nicht eröffnen wollten. Waren wir doch noch nicht einmal sicher, ob uns die Indianer überhaupt Schwierigkeiten in den Weg legten, wenn wir uns offen im Walde zeigten. Jedenfalls wollten wir abwarten, was die Jibarros beginnen würden. Wir legten uns ruhig zu Boden und warteten. Jeder lugte nach einer andern Richtung aus, während das Mädchen, auf den Knien liegend, ängstlich auf jedes Geräusch horchte.

So vergingen zwei Stunden. Die Caupolicanerin schnellte unruhig von Minute zu Minute in die Höhe. Sie schmiegte sich schutzsuchend an uns, um dann mit einem Ruck wieder aufzuspringen. Ihr Gebaren machte zuletzt auch uns nervös, und so beschlossen wir, wenn die nächste Viertelstunde keine Veränderung der Lage brachte, die Jibarros in weitem Umkreise zu umgehen und das Mädchen zu ihrem Dorf zurückzugeleiten.

Da gellte ein Schrei durch den Wald. Mit schrillem Geheul sprangen die Wilden auf und eilten der Gegend zu, aus der der Ruf erschallte. Zwei Indianer wurden dort sichtbar. Jeder trug eine schwere Last: – Menschen! Kaum hatte unsere Freundin diese Gefangenen erblickt, da entrang sich ihrer Brust ein so wilder Laut, daß wir erschreckt aufsprangen. Mit weit aufgerissenen Augen deutete sie auf die Gruppe der Jibarros, die bei dem unerwarteten Ausruf überrascht stehenblieben und ihre Waffen fertig machten. Bevor wir sie daran hindern konnten, hatte das Mädchen den nächsten Stein erklommen. Mit einer Stimme, aus der Verzweiflung und Herzensangst klangen, schrie sie den Gefangenen einige Worte zu und setzte dann zum Sprung an, um sich den Feinden entgegenzuwerfen.

Felipe griff rasch zu und hielt sie fest. Wir hatten an den Gefangenen die Bemalung, besonders aber die Ohrringe der Caupolicanes erkannt und waren fest entschlossen, sie zu retten. Das waren wir ihnen schuldig.

»Vorwärts, Doktor, jetzt müssen wir uns sehen lassen! Sobald die ersten Pfeile fliegen, schießen wir die vier Wilden ab. Felipe, halte das Mädchen fest! Es hindert uns nur.«

Wir brachen einen grünen Zweig ab und näherten uns der Gruppe. Beim Anblick der wohl kaum je gesehenen weißen Männer ließen die Jibarros vor Erstaunen die Waffen sinken und versuchten zu fliehen, indem sie die Gefangenen an den Haaren über den Boden schleiften. Diese unerhörte Grausamkeit brachte unser Blut zum Sieden.

»Halt!« donnerten wir den Wilden zu, und als der Ruf unbeachtet verhallte, knieten wir beide nieder und feuerten auf die Wüteriche. Der eine der Jibarros ließ seine Beute fahren und taumelte seitwärts in das Gras. Der andere war unverletzt geblieben. Als er sah, daß ihm die Gefangenen zu entrinnen drohten, ließ auch er seinen Mann liegen. Er sprang zurück und hob die schwere Keule zum tödlichen Schlag. Es war seine letzte Bewegung. Im Abschuß sank er mit gurgelndem Laut vornüber. Die Keule flog in weitem Bogen davon.

Wir liefen nun in großen Sprüngen auf die Gefangenen zu, nachdem wir die Büchsenläufe mit Rehposten geladen hatten. Ein unterdrückter Schrei ließ uns den Mann aufsuchen, der als erster gefallen war. Dessen Gefangener warf sich heftig hin und her und schien von großen Schmerzen gepeinigt. Als wir die Stelle erreichten, bot sich uns ein grauenhafter Anblick. Der durch einen Hüftschuß schwerverwundete Iibarro lag neben seinem Opfer und versuchte, ihm mit den Zähnen das Fleisch aus dem Leibe zu reißen. Große kaffende Wunden an den Lenden des Gefangenen zeugten von dem gierigen Blutdurst des Wilden, der eben schmatzend das Blut von dem Hautfetzen sog, den er seinem Opfer vom Körper gerissen hatte.

Der Doktor, der ihn zuerst erreichte, faßte den Unmenschen bei den Haaren und schleifte ihn fort von seinem unglücklichen Gefangenen. In diesem Augenblick schwirrten vier Pfeile durch die Luft. Drei verfehlten ihr Ziel. Der vierte bohrte sich tief in den Kopf des Iibarro! Er war von den eigenen Leuten getötet worden.

Die zweite Salve wollten wir nicht erst abwarten. Als ich die gefiederten Geschosse kommen sah, hatte ich mich zu Boden geworfen. Unmittelbar darauf krachte mein Schuß, der ein fürchterliches Echo auslöste. Die in den Büschen versteckten Jibarros waren von den zwölf Rehposten wohl alle mehr oder weniger getroffen worden, ich sah sie hinkend und kriechend in den Büschen verschwinden. Der Doktor nahm die Verfolgung auf, während ich mich zu dem Gefangenen beugte, der regungslos auf dem Gesicht lag.

Felipe hatte das Mädchen losgelassen, als die vier letzten Jibarros im Walde verschwanden. Sie kam jetzt über den Boden geflogen und warf sich neben dem Gefangenen ins Gras. Als sie ihn so bewegungslos liegen sah, hielt sie ihn wohl für tot. Sie stieß herzzerbrechende Klagen aus und wollte nicht von dem Manne weichen, bis ich ihr endlich begreiflich machen konnte, daß der Gefangene noch lebe. Ich reichte ihr mein Messer und bedeutete ihr, seine Fesseln zu durchschneiden. Dann drehten wir den Körper behutsam in die Rückenlage. Und nun entfuhr mir ein Schrei des Erstaunens. Der Gefangene war mein »Blutsbruder«.

Nur langsam kehrte ihm das Bewußtsein zurück. Die furchtbaren Wunden und der große Blutverlust hatten ihn so geschwächt, daß ihn eine Ohnmacht übermannte. Mit Gewalt trennte ich das Mädchen von ihm und wies sie zu dem andern Gefangenen, den Felipe inzwischen von seinen Fesseln befreit hatte. Auch dieser Mann trug unzählige Wunden am ganzen Leibe, die er teils im Kampfe bei der Gefangennahme, teils durch das Schleifen über den Boden davongetragen hatte. – Als er mit Felipes Unterstützung sich neben uns ins Gras setzte, drang der Knall von drei Revolverschüssen zu uns herüber. – Der Doktor sorgte für unsere Sicherheit.

Nun galt es vor allen Dingen die Verwundeten zu verbinden und für ihren Rücktransport zu sorgen. Dazu brauchten wir die Maultiere. Das Mädchen mußte sie holen, und um ihr das verständlich zu machen, nahm ich ein Blatt Papier und zeichnete ihr die Tiere auf. Mit Pantomimen begleitete ich meine Bitte um Herbeischaffung dieser Vierfüßler.

Aber sie schüttelte nur heftig den Kopf. Dann zog sie mich zu den nächsten Bäumen, kniete nieder, brach vier Halme ab, die sie der Länge und Breite nach übereinanderlegte, und bedeckte das Gestell mit einem Blatt. Aha! Bahren sollten wir machen. Als ich nickte, ging ein glückliches Leuchten über ihre Züge. Leichtfüßig sprang sie zu dem Verwundeten zurück, während Felipe und ich das notwendige Material für die Bahren zusammensuchten.

Der Doktor brachte die Nachricht von dem endgültigen Abzug der Wilden mit. Er hatte sie am Flusse eingeholt und war sofort von den Pfeilen der zwei Unverletzten empfangen worden. Zwei andere Männer waren verwundet und unfähig zu gehen. Sie wurden beim Erscheinen meines Gefährten von ihren eigenen Stammesbrüdern durch Pfeilschüsse in den Kopf getötet. Empört über diese Grausamkeit hatte der Doktor nun auch diese beiden abgeschossen. Später erfuhren wir, daß die Jibarros ihre Verwundeten töten, um sie den Martern der Feinde zu entziehen. Der Stamm hat seinerseits die Gewohnheit, die gefangenen Feinde auf die grausamste Art hinzurichten. Die beliebteste Quälerei ist das Abziehen der Haut von dem lebendigen Körper. Übersteht der Unglückliche diese Prozedur, dann wird er nachher am Feuer langsam geröstet. Von Europäern wußten die Jibarros wenig. Einige Reisende weißer Rasse, die in ihr Gebiet eindrangen, verschwanden spurlos. Farbige kommen eher durch, doch wird ihnen hohes Lösegeld abverlangt.

Der Zustand der befreiten Gefangenen zwang uns, ihre Überführung ins Dorf so schnell wie möglich zu bewerkstelligen. Bei beiden zeigten sich Fiebererscheinungen. Zwar übernahm es das Mädchen, heilende Kräuter aus dem Walde zu holen. Sie war aber so hastig und unruhig dabei, daß sie endlich das Mißfallen der Verwundeten erregte. Kurz entschlossen hoben wir daher die Männer auf die Bahren und setzten uns in eine Art Geschwindschritt. Ein längeres Verweilen in dieser Nachbarschaft konnte uns allen gefährlich werden.

Über eine Stunde waren wir mit unserer Last durch die glühende Hitze gewandert. Die Sonne versengte uns fast die Haut, und unsere Arme wurden von der Last beinahe aus den Achseln gerissen. Felipe, der mit dem Mädchen die erste Bahre trug, begann zu taumeln. Er stieß einen Schrei aus und stürzte zu Boden. Als wir erstaunt hinzusprangen, fanden wir sein linkes Bein stark angeschwollen, und auf den blaugrauen Lippen standen weiße Schaumperlen. – Er stammelte das Wort »Culebra« und versank dann in eine Art Starrkrampf.

»Richtig!« rief der Doktor, nachdem er das Bein untersucht und eine winzige Wunde gefunden hatte. »Eine Schlange hat ihn gebissen. Wenn ich nur wüßte, welcher Gattung sie angehörte, damit...«

Er vollendete den Satz nicht. Das Indianermädchen hatte kaum die Ursache des Unfalles erkannt, als sie wie ein Wiesel den nächsten Baum hinaufturnte. Dort in den Gabelungen der Äste wuchsen herrliche Schmarotzerpflanzen. Mit kräftigem Griff riß sie die Wurzeln dieser Parasiten aus der Rinde, stopfte sich damit den Mund voll, sauste den Stamm wieder hinunter und eilte zu dem Verunglückten. Sich zu ihm niederbeugend, öffnete sie mit den Händen den Mund des leise Stöhnenden und spuckte ihm den Saft des ausgekauten Gewächses in den Mund, wobei sie ängstlich darauf achtete, daß diese Arznei auch geschluckt wurde. Das ausgekaute, dunkelbraune Fleisch der Pflanze preßte sie hierauf fest auf die Wunde, die der Doktor inzwischen durch einen tiefen Schnitt erweitert hatte.

Wie der Wind flog sie dann nochmals über die Wiese. Diesmal war es die Frucht eines Baumes, die ausgekaut ihren Saft zur Heilung des Kranken hergeben mußte. Auch der Brei dieser Frucht diente, mit dem ersteren zusammengemischt, als lindernder Umschlag, der um das geschwollene Bein befestigt werden sollte.

Mitten in dieser Arbeit gellten aus den Büschen vor uns wilde Schreie. Eine Schar buntbemalter Indianer, die Keule wurfbereit um den Kopf wirbelnd, kam auf uns zu. Noch trennte uns eine dichte Hecke von den etwa zweihundert Meter entfernten Wilden, und schon lagen wir mit der Büchse im Anschlag, als die junge Indianerin wiederum als Retterin auftrat. Sie sprang flüchtig über die neben uns stehende Bahre hinweg auf die freie Steppe und ließ dort den Ruf der Caupolicanes erschallen. Freudengeheul antwortete ihr – es waren Krieger ihres Stammes! Mit einem Seufzer der Erleichterung legten wir die Büchsen zur Seite und setzten die Arbeit bei unserm Kranken fort.

Da krachte die Hecke unter dem Gewicht eines Schwarmes wutschäumender Indianer. Ein gräßlicher Schrei durchzitterte die Luft, und bevor wir noch wußten, was das alles zu bedeuten hatte, waren wir mit Bastseilen umschnürt und über den Boden davongeschleift. Dornen zerfetzten unsere Kleider. Hart schlug der Kopf auf den ausgedörrten rissigen Boden...

Da flog wie eine Tigerin, der man ihr Junges raubt, die Indianerin in die tobende Meute. Mit kreischender Stimme riß sie den Kriegern das Seil ans den Händen und sank tränenüberströmt neben uns zu Boden. Der Doktor blutete stark aus einer Wunde am Hinterkopf. Mein Rücken war ein einziges Wundmal. Sprudelnd, sich überstürzend, flossen hastig hervorgestoßene Worte aus dem Munde der jungen Wilden. Offenbar wollte sie ihre Stammesgenossen entschuldigen, und uns blieb ja auch nichts weiter übrig, als gute Miene zum bösen Spiel zu machen.

Mein Blutsbruder war durch den wilden Kriegsruf seiner Leute erwacht und wurde Zeuge der uns zugefügten Behandlung. Trotz heftiger Schmerzen war er von seiner Bahre aufgesprungen und wütete nun förmlich gegen die verblüfften Stammesgenossen. – Ich mußte mich ins Mittel legen und dem Häuptlingssohn begreiflich machen, daß wir das Mißverständnis begriffen und nicht weiter krumm nahmen, bevor er sich beruhigte. – Natürlich kamen, jetzt auch die Krieger zu uns und suchten durch bittende Gebärden ihr Unrecht wieder gutzumachen.

Felipe hatte den ganzen Tumult verschlafen. Die Schwellung an seinem Körper war zurückgegangen, und ein tiefer Schlaf hatte sich des Kranken bemächtigt. Ein Krieger nach dem andern näherte sich dem Lager und betrachtete mit Kennermiene den sachgemäßen Verband. Jeder glaubte durch eine Geste ausdrücken zu müssen, daß nun jede Gefahr beseitigt sei.

Nicht so gut ging es den beiden Caupolicanes. Besonders meinen »Bruder« hatte das Wundfieber heftig gepackt. Es schien allen indianischen Heilmitteln trotzen zu wollen. Wir hätten mit unsern Arzneien vielleicht helfend eingreifen können, aber die lagen in unserm Boot. Sie jetzt, bei sinkendem Tag, herbeizuschaffen, schien selbst dem mutigen Mädchen zu gewagt. – Aber auch unsere Wunden begannen zu brennen. Sie waren stark verunreinigt und mußten sofort gewaschen werden. Wenn erst einmal die zahllosen Insekten über die blutrünstigen Stellen herfielen, konnten unangenehme Eiterungen entstehen.

Wir ließen unsere Wünsche nach einem kühlenden Bade und darauffolgenden Verband den Kriegern übersetzen. Diese schüttelten jedoch entsetzt den Kopf und sprachen heftig auf uns ein. Sie wollten uns von diesem Vorhaben abbringen, denn – »wie der Mond jetzt stünde, dürfe man nachts weder an einen Fluß noch an eine Quelle gehen!«

»Gibt es denn hier in der Nähe eine Quelle?« ließ ich fragen. Allgemeine Bejahung. In nicht zu großer Entfernung floß ein Bach dem Chilive zu. Natürlich drangen wir darauf, daß man uns dorthin führen solle. Entsetztes Schweigen. Unruhige Blicke flogen hin und her.

Da rief mein »Blutsbruder« das Mädchen. Sie wechselten einige Worte miteinander, und nun kam der Befehl, uns in allem zu gehorchen. Wie eine Mauer traten die dreißig Mann (ich glaube, es waren eher mehr) vor uns hin und schickten sich an, uns zu begleiten. In den Blicken der Männer aber lag ein Abschied vom Leben! So hatte der Häuptling seine Leute in der Gewalt! – Eine derartige Eskorte lag jedoch nicht in unserer Absicht. Im Gegenteil, je weniger Zuschauer wir hatten, desto lieber war es uns. Wir weißen Männer können manchmal beim Verbinden und Reinigen schmerzhafter Wunden nicht so steinerne Mienen bewahren wie ein Indianer. Und leicht hätten wir deren Achtung verscherzt. Wir begnügten uns damit, daß man uns den Weg zeigte und dafür sorgte, daß uns etwa umherschleichende Jibarros nicht den Leib mit Pfeilen spickten.

Als wir zu den übrigen zurückkehrten, loderte ein gewaltiges Feuer auf der Steppe. Auf Spießen und in der Asche brieten Hühner und Vierfüßler unbekannter Art, die bereits verlockend dufteten. Man hatte nur auf unsere Rückkehr gewartet, um mit dem Essen zu beginnen, und diesmal galt uns die Ehre des ersten Bissens. Das Mädchen holte sich aus der Asche eine durchgebratene Ente, riß sie in drei Teile und reichte mir und dem Doktor je ein Stück. Natürlich ließ unser gewaltiger Hunger kein langes Besinnen zu. Auch die Wilden warteten mit schlecht verhehlter Ungeduld auf unser Zubeißen, denn sie durften erst anfangen, nachdem wir den ersten Bissen verschlungen hatten. Und das dauerte keine Minute!

In der nächsten Viertelstunde wurde die Ruhe nur durch das Schmatzen der heißhungrigen Indianer unterbrochen. Worte fielen nicht.

Nach eingenommenem Mahl kreisten ein paar Kürbisflaschen mit einer süßlichen Flüssigkeit. Dann verschwanden etwa zwanzig Mann im Dunkel der Nacht, während wir uns in der Nähe unseres Dolmetschers zur Ruhe niederlegten.

Der junge Häuptling war gesprächig geworden. Ich bat ihn, uns jetzt endlich zu erzählen, wie das alles gekommen sei, und wie ihn die Jibarros in ihre Gewalt bekommen hätten. Er berichtete: »Als ich euch mit dem Kanu in Sicherheit vor den Nachstellungen meines Vaters wußte, ging ich zum Ende des Dorfes, wo ich meinen Freund auf dem Wächterposten zu finden hoffte. Dort, wo der Wald beginnt, und das hohe Schilf im leichten Nachtwind rauscht, glaubte ich einen unterdrückten Ruf zu vernehmen. Ich blieb lauschend stehen. Da ich des Rauschens wegen nichts unterscheiden konnte, legte ich mich auf den Boden. Man kann dann die Geräusche besser unterscheiden. Kaum hatte ich mich ausgestreckt, da wurde ich gepackt und blitzschnell gefesselt. Meinen Kriegsschrei erstickte der Knebel. Dann wurde ich aufgehoben und in raschem Lauf davongetragen. Noch wußte ich nicht, mit wem ich es zu tun hatte. Erst als man mich ins freie Land brachte, erkannte ich die Jibarros. Ich versuchte, mich zu befreien, doch war alle Mühe vergebens. Die Hunde wissen einen überrumpelten Feind zu fesseln! – Man warf mich in ein Kanu, das am Ufer versteckt lag. Aus den Reden der Männer entnahm ich, daß sie euch hatten vorbeifahren sehen. Auch das Mädchen hatten sie erkannt und sehr richtig geschlossen, daß sie zu Fuß zurückkehren würde. Sie sollte im Walde abgefangen werden.

Was ich bei diesen Worten empfand, vermag ich nicht zu beschreiben. Ihr kennt die Martern, denen die Gefangenen der Jibarros ausgesetzt sind. Und der Gedanke, daß meine zarte Blume, mein Glück, ahnungslos einem derartigen Tode entgegengehen sollte, machte mich rasend. Wie wahnsinnig zerrte ich an meinen Fesseln. Ich rieb mir die Arme wund, um mich zu befreien – umsonst! Je mehr ich meine Kräfte anspannte, desto mehr grinsten die Halunken. Sie mochten wohl erkennen, daß mir das Mädchen nahestand. Um so ausführlicher wurde die Beschreibung alles dessen, was man meiner teuren Blume anzutun beabsichtigte. – Auf einmal teilten sich die Büsche, und zwei Jibarros schleiften meinen Freund an den Haaren über den Boden. Auch er war gefesselt wie ich. Hastig warfen sie auch ihn in das Kanu. Dann stießen sie in die Mitte des Stromes. Dort, wo der erste Felsen aus der Ebene wächst, berührten wir das Ufer wieder. Wir wurden auf das Land gebracht und in das Gebüsch geschleift. Zwei der Burschen blieben bei uns. Die andern folgten euch mit dem Kanu. Sie wollten euch abfangen, während andere Krieger, die irgendwo versteckt liegen sollten, die Jagd auf mein Mädchen aufzunehmen hatten. Das weitere wißt ihr.«

Mein Blutsbruder erging sich nun in den wärmsten Worten über unser schnelles Eingreifen und seine Errettung aus den Händen seiner Feinde. Er kam auch auf den Überfall durch die Seinigen zurück, die in dem Glauben waren, daß wir Weißen in ihr Dorf eingebrochen seien und die Männer mitgeschleppt hätten. Die Jibarros hatten nämlich in dem Wachthause, aus dem sie den Freund herausholten, eine alte Frau gefunden und sie einfach niedergeschlagen. Diese war am Morgen erwacht und hatte Lärm geschlagen, wobei sie die Vermutung äußerte, daß die verschwundenen Fremdlinge den Überfall ausgeführt haben müßten.

Felipe schlief die ganze Nacht und in den hellen Morgen. Als er endlich erwachte, fühlte er sich wieder wohl. Die Behandlung durch die Arznei der Wilden hatte ihn rascher geheilt, als wir Europäer es je fertiggebracht haben würden. Die Caupolicanleute rüsteten zum Aufbruch in ihr Dorf. Und wir? Unschlüssig standen wir an der Bahre des jungen Häuptlings, um ihm zum Abschied die Hand zu drücken. Er forderte uns natürlich auf, ihn zu begleiten und, solange es uns gefiele, seine Gastfreundschaft zu genießen. Doch damit war uns nicht gedient. Unser Ziel lag dem seinen gerade entgegengesetzt. Und wenn wir auch auf unserer Reise flußabwärts Gefahr liefen, mit den Jibarros zusammenzutreffen, so ließ sich das eben nicht vermeiden.

Der Häuptling, noch mehr das junge Mädchen baten uns dringend, doch den Wasserweg zu vermeiden und uns über Land zu den Pumayas zu begeben, die von unserer Ankunft benachrichtigt seien. Zur Sicherheit erbot sich der junge Mann, noch einen Läufer seines Stammes zu den Pumayas zu entsenden, damit sie uns entgegenkämen und so unsere Reise sicherstellten. Diesen dringenden Bitten mußten wir nachgeben. Dann erst brach die Truppe auf und zog ihrer Heimat zu. Wir aber lenkten unsere Schritte dem Versteck zu, in dem unser ganzes Hab und Gut in einem ausgehöhlten Baumstamm verborgen lag.


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