Ferdinand Emmerich
Jenseits des Äquators
Ferdinand Emmerich

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Zwölftes Kapitel

Im Indianerdorf

Freundlicher Empfang – aber der Häuptling ist mißtrauisch. – Mein Blutsbruder hilft uns. – Unsere kleine Führerin ist ein guter Steuermann.

Bei den Caupolicam-Indianern erregte unsere Ankunft großes Erstaunen. Die wenigsten kannten weiße Männer oder Maultiere. Man kann sich also leicht vorstellen, wie wir umringt und mit tausend Fragen bestürmt wurden, deren Beantwortung uns unmöglich war, weil wir sie nicht verstanden. – Große Freude herrschte unter dem Völkchen, als ihnen unser Führer, der, wie sich jetzt herausstellte, der Sohn des Häuptlings, also der »Thronerbe« war, erklärte, daß die weißen Männer ihnen die Tiere schenken wollten. Wir wurden nun mit Gegengaben überhäuft; die Hütte, die man uns angewiesen hatte, füllte sich mit Früchten, Matten, Fellen und dergleichen, daß wir einen zweispännigen Wagen zur Fortschaffung hätten haben müssen. – Die Maultiere aber erfreuten sich einer Aufnahme, wie sie kaum je ihresgleichen erlebt hatten.

Nachdem sich der erste Andrang gelegt, mußten wir dem Häuptling einen Besuch machen. Bisher war er uns noch nicht zu Gesicht gekommen. Wie staunten wir, als uns ein Mann entgegentrat, dessen Haut mumienartig an einem wie aus Eisen gegossenen Körper haftete. Die Gesichtszüge waren, kaum noch als solche zu erkennen. Aus einem braunledernen, länglichen Kopfe leuchteten ein Paar schwarze Augen. Ein Knochengerüst stellte die Nase dar, unter der ein wulstiger Spalt mit zwei Reihen kräftiger Zähne sichtbar wurde. Auf den Armen und dem nackten Oberkörper lagen unter einer Haut, die wie Seidenpapier aussah, dicke, strickähnliche Wülste, die bei jeder Bewegung sich hin und her schoben. Vom Gürtel abwärts aber glich der Körper allen übrigen.

Wir hatten Geistesgegenwart genug, bei seinem Anblick keine Miene zu verziehen. Mit einer Gebärde, die Ehrfurcht ausdrücken konnte, breiteten wir unsere Geschenke vor dem Häuptling aus, worunter einige Zigarren den Glanzpunkt bildeten. Der gestrenge Herr nahm die Gaben mit einer majestätischen Geste entgegen. Da er anscheinend auch eine Ansprache erwartete, richtete ich einige deutsche Worte an ihn, die er natürlich nicht verstand. An dem Tonfall merkte er jedoch, daß es eine Huldigung sein sollte. Als ich geendet, zog ein zufriedenes Lächeln über die eingetrockneten Wangen, deren fast freiliegende Muskeln ein lebendiges Spiel begannen. – Ein gellender Ruf brachte seinen Sohn, meinen »Blutsbruder«, zur Stelle. An diesen richtete der Häuptling eine längere Rede, die ein Verhör einleiten mußte.

»Der große Häuptling, mein Vater, will wissen, warum die Fremdlinge in sein Gebiet kommen«, begann der »Kronprinz«.

»Wir wollen das Land der Caupolicanes kennenlernen, um den weißen Männern in unserer Heimat darüber zu berichten.«

Ein unwilliger Blitz schoß aus den Augen des Häuptlings. Ich begriff, daß ich eine Dummheit gemacht hatte. Der Frager fuhr fort: »Warum wollen die weißen Männer deiner Heimat unser Land kennen? Wollen sie es mit Krieg überziehen, wie sie es bei den Canilos getan haben?«

»Meine weißen Brüder wollen keinen Krieg. Sie kommen auch nicht in euer Land. Sie senden einzelne Männer aus, um den Häuptlingen Geschenke zu machen und dafür Sachen einzutauschen, die Zeugnis ablegen von der großen Geschicklichkeit der Caupolicanes im Mattenflechten und in der Töpferei. Wir erzählen unsern Stammesbrüdern das, was wir hier gesehen und gehört haben. Unsere Brüder erzählen es ihren Kindern, und so dringt der Ruhm der Caupolicanes weit über das große Wasser.«

Die Antwort schien dem Häuptling auch noch nicht zu gefallen. Er führte ein längeres Zwiegespräch mit seinem Sohn, den er anscheinend beauftragte, uns eine Mitteilung zu machen, die dieser nicht übersetzen wollte. Wir hörten öfter das Wort »Jibarros«, ohne uns dessen Sinn erklären zu können. Endlich mußte der Sohn uns die Frage stellen: »Wohin ziehen die Fremdlinge, wenn sie von hier fortgehen?«

»Wir ziehen an die großen Flüsse gen Sonnenaufgang. Von dort wollen wir das große Wasser erreichen, das uns von unserer Heimat trennt.«

Dann kam die Frage, deren Beantwortung dem Häuptling am meisten am Herzen zu liegen schien. Eine große Spannung legte sich in seinen Blick. Zögernd nur kam es von den Lippen des Sohnes: »Werden die Fremdlinge auch zu den Jibarros reisen?«

Eine Ahnung, vielleicht die Art der Fragestellung, veranlaßte mich, eine geringschätzige Miene aufzusetzen, als ich sagte: »Was kann uns ein Volk wie die Jibarros zeigen? Kein Mensch kennt sie.«

Ein Blitz der Genugtuung schoß durch des Häuptlings Mumiengesicht. Dann krallten sich seine Finger, wie unter dem Eindruck einer Erinnerung.

Das Verhör schien damit beendet. Der Häuptling wendete uns den Rücken, und wir durften uns jetzt frei bewegen. Die Unterredung, so kurz sie war, ließ bei uns ein unangenehmes Gefühl zurück. Der Empfang war keineswegs freundlich, wenn auch nicht gerade feindselig. Jedenfalls beschlossen wir, auf der Hut zu sein und so bald wie möglich abzureisen.

Mein »Blutsbruder« trat zu uns. Seine Züge drückten Mißmut aus. Er beherrschte sich aber und führte uns durch das Dorf. Er wollte uns seine Niederlassung zeigen, wie man bei uns den Besuch durch die Wohnung führt. Der Rundgang brachte uns ein anschauliches Bild des Dorfes.

Der Grundriß der Hütten ist kreisrund. Um in die Erde gerammte Pfosten windet sich ein Lianengeflecht, das auf beiden Seiten mit Lehm beworfen ist. Das Dach bildet eine dichte Lage Palmblätter, Um die Wände widerstandsfähiger zu machen, mischt man kleingeschnittene Binsen in den Lehm. Im Innern sind die Wände glatt gerieben und mit weißer oder roter Farbe gestrichen. Auf diesen Innenwänden fanden wir sehr primitive Darstellungen von Menschen und Tieren.

Ein großer Palmbaum bildet den Mittelpunkt jedes Hauses. Er muß das Dach tragen, das durch eine Anzahl im Kreise angeordneter starker Baumäste gestützt wird. In Manneshöhe, in Abständen von etwa zwei zu zwei Meter, ziehen sich als Fenster rings um das Haus rechteckige kleine Öffnungen, die man mit einem Holzbrettchen verschließen kann. Hausrat gibt es kaum. Die Leute schlafen entweder auf Fellen und Matten auf dem Boden oder in Hängematten. Abgesägte Baumstämme dienen dem, der sitzen will, als Stuhl. Meistens aber hocken sich die Caupolicanes auf ihre Fersen.

Vor dem Hause, das stets von mehreren Familien bewohnt wird, befindet sich die Feuerstelle. Hier ist das eigentliche Gebiet der Hausfrau. Der Mann liegt meist auf der faulen Haut oder beschäftigt sich mit seinen Waffen. Diese bestehen aus Pfeil und Bogen, aus Lanzen und schweren Keulen. Auch ist die Schleuder im Gebrauch.

An Haustiere sahen wir nur schwarze Schweine und Hühner. Außerdem züchtet man Gürteltiere, die die Häuser von Insekten säubern.

In der uns zugewiesenen Hütte schliefen außer uns dreien noch fünf Männer mit ihren Frauen, drei junge Mädchen und eine Unmenge Kinder. Ich konnte sie nicht zählen, weil das kleine Kroppzeug fortwährend hin und her kroch. Dabei wurde weder am Tage noch in der Nacht Rücksicht auf die Erwachsenen genommen. Die Reise ging quer über die Körper der Ruhenden, die darin nichts Ungehöriges zu sehen schienen. Die Kleinen schreien übrigens nie.

Kurz vor Sonnenuntergang erheben sich die Erwachsenen und gehen zum Fluß hinunter, wo das allgemeine Bad stattfindet. Bei dieser Gelegenheit werden allerlei tolle Scherze getrieben, wobei das weibliche Element meist den angreifenden Teil bildet. – Mit uns Fremdlingen trieb man besonderen Spott, weil unsere weiße Haut nicht für voll angesehen wurde. Mindestens zehnmal warf mich so ein übermütiges Geschöpf hinterrücks ins Wasser und sprang auf mich. Wenn ich nicht Reißaus genommen hätte, wäre ich sicher nach und nach ertränkt worden.

Unser Gepäck schmolz unter den vielen Besuchern unserer Hütte so zusammen, daß wir mit der Verteilung unserer Geschenke zurückhalten mußten, wollten wir für andere Stämme auch noch Geschenkartikel behalten. Ich drängte auch zur Weiterfahrt, und selbst meinem »Blutsbruder« schien unsere Abreise angenehm zu sein. Er ging wenigstens sofort auf meinen Wunsch ein, als ich ihn um Überlassung eines Kanus bat. Gern hätte ich auch einen Mann als Führer gehabt, doch davon wollte er nichts wissen.

In Gesellschaft des »Thronerben« begaben wir uns an den Fluß. Aus den dort liegenden zahlreichen Einbäumen wollte ich mir einen aussuchen, auf dem ich zur Not einen Mast anbringen konnte. Wenn wir auf unserm Marsch nordostwärts flußauf fahren mußten, konnte uns ein Segel gute Dienste leisten. Der Indianer aber ließ keine Auswahl zu. Er schritt auf einen besonders breiten Kahn zu, der schon für uns hergerichtet schien.

Ich sprang hinein und ergriff das Ruder. Kaum hatte ich es aber aufgehoben, da hemmte ein gellender Ruf meine Absicht. Der »Blutsbruder« sah sich unwillig um und rief dem unsichtbaren Warner einige Worte zu, die aber eine sprudelnde Gegenrede auslösten. Dann wandte er sich gegen uns: »Mein Bruder, du darfst noch nicht fortreisen. Der Häuptling verbietet es. Verlasse bitte das Kanu und begleite mich in meine Hütte.«

So etwas hatten wir erwartet. Der Befehl überraschte uns daher nicht sonderlich. Aber ich verlangte doch die Angabe von Gründen. Diese gab mir der Indianer mit folgenden Worten: »Mein Vater will nicht, daß du zu den Jibarros gehst. Es sind seine grimmigsten Feinde. Sie hatten ihn vor vielen Jahren einmal zum Gefangenen gemacht und gemartert. Wie du siehst, hat man ihm die Haut von der Vorderseite des Oberkörpers abgezogen. Man würde ihn getötet haben, wenn seine Krieger nicht rechtzeitig zu seiner Rettung erschienen wären.«

»Wie!« rief ich entsetzt, »man hat ihm die Haut abgezogen? Das ist ja fürchterlich!«

»Die Jibarros kennen noch schlimmere Martern«, fuhr er fort. »Sei froh, wenn du ihnen nicht in die Hände fällst, denn gegen Weiße üben sie keine Gnade.«

»Das sind ja nette Aussichten!« rief der Doktor. »Wohin können wir denn von hier aus reisen, wenn du nicht erlaubst, daß wir den Fluß hinabfahren? Zurück gehen wir auf keinen Fall.«

»Acht Tagereisen von hier fließt ein mächtiger Strom. Die dort wohnenden Stämme sind unsere Freunde. Sie werden euch helfen, eine Stadt zu erreichen. Ihr seid dort unter euern Brüdern und findet dann euern Weg.«

»Lieber Bruder«, erwiderte ich, »es ist uns nichts daran gelegen, die Städte der Weißen zu sehen, sondern wir reisen, um die Bewohner eueres Landes, euere Erzeugnisse, euere Wälder, Berge und Tiere kennenzulernen. Wenn du uns also mit deinem Rate helfen willst, dann sage uns, wie wir von hier aus zu andern »freien Männern« (so nennen sich dort die Indianer) gelangen können. Die Jibarros sind uns unbekannt. Wenn du es nicht willst, reisen wir nicht zu ihnen. Jeder andere Stamm ist uns ebenso willkommen. Wir wollen nur sehen und lernen, wie wir es bei euch tun.«

Unschlüssig wiegte er das Haupt.

»Wenn ihr unserm Flusse noch eine Tagesreise folgt, trefft ihr auf einen größeren Fluß. Dort beginnt das Gebiet der Jibarros. Sie lagern aber nicht dort, weil sie die Caupolicanes fürchten. Ihr großes Lager ist zwischen zwei Wassern, die von den schwarzen Bergen kommen. Dort, wo diese zwei Wasser sich mit unserm Flusse vereinigen, wohnen die Pumayas. Auch diese sind gute Nachbarn von uns, aber keine Brüder. Wollt ihr dorthin reisen, dann werde ich den Häuptling um die Erlaubnis fragen.«

Die Darstellung war so verworren, daß wir uns auf unserer primitiven Landkarte den Weg nicht vorstellen konnten, Um aber erst einmal weiterzukommen, sagte ich zu allem »ja!«.

Lange blieb mein »Bruder« aus. Er brachte den Bescheid, daß der Häuptling uns die Reise erlaube, wenn wir einen Landweg zu den Pumayas wählen wollten. Er würde uns bis auf den Bergrücken einen Führer mitgeben.

»Gewiß wollen wir das tun«, erwiderte ich. »Aber dann müssen wir unsere Maultiere noch weiter mitnehmen. Wir senden sie dir zurück, wenn wir bei den Pumayas angekommen sind.«

Daran hatte der Indianer nicht gedacht. Lebhaft fuhr er auf und rief ziemlich unbedacht: »Nein, nein, die Tiere müssen hierbleiben. Die Pumayas geben sie gewiß nicht wieder heraus, wenn sie sie einmal haben.«

Das dachte ich auch, sagte es aber nicht, sondern antwortete: »Also müssen wir wohl auf dem Flusse weiterreisen. Wenn du uns einen Mann mitgibst, kann uns der zeigen, wie wir die Jibarros umgehen müssen. Ist dir das recht?«

Als er nicht gleich antwortete, fügte ich hinzu: »Siehe, wir sind doch Brüder. Du kannst mir doch glauben, wenn ich dir sage, daß wir nicht zu den Jibarros gehen werden. Übrigens möchte ich wissen, warum wir gerade den Stamm nicht besuchen sollen?«

»Der Häuptling glaubt, daß die Jibarros euch töten werden. Dann nehmen sie eure Feuerwaffen und brechen in unser Land ein...«

Ich mußte lachen.

»Wenn du weiter keine Gründe hast, dann lasse uns ruhig ziehen. Erstens töten uns die Jibarros nicht, weil wir sie zuerst töten würden, wenn sie uns angreifen. Und dann verstehen sie mit unsern Feuerwaffen nicht umzugehen. Sie können euch also nicht schaden.«

Als er noch immer nicht überzeugt schien, reichte ich ihm meinen gesicherten Revolver.

»Versuche es selbst, ob du imstande bist, die Waffe abzuschießen. Richte den Lauf auf meine Brust. Du wirst sehen, der Schuß geht nicht los.«

Der Indianer nahm die Waffe entgegen, aber er drückte nicht ab. Mit einer hastigen Bewegung gab er mir den Revolver zurück und sagte: »Ich werde noch einmal mit dem Häuptling reden. Geht in eure Hütte und packt eure Sachen zusammen. Ich bringe euch Nachricht.«

Die Nacht war bereits hereingebrochen, als mein »Bruder« endlich vor der Hütte erschien. In seiner Begleitung befand sich die Indianerin, die mir damals die Früchte überbrachte.

»Kommt schnell an den Fluß, Fremdlinge. Das Mädchen wird euch helfen, eure Sachen zu tragen. Eilt euch!«

»Sollen wir in der Nacht reisen? Werden wir keine Stromschnellen treffen, an denen unser Kanu zerschellt?«

»Quien sabe! Aber ihr müßt jetzt fort oder hierbleiben, bis der Häuptling euch die Reise erlaubt – und das kann lange dauern. Übrigens wird euch das Mädchen begleiten, bis der Mond euch den Fluß erhellt.«

Natürlich beeilten wir uns nach Kräften, den Wünschen des Braunen nachzukommen. Merkwürdigerweise nahm keiner der Mitbewohner unserer Hütte die geringste Notiz von uns, als wir unter einigem Lärm unsere Mantelsäcke von den Pfosten zerrten. Sie waren wohl schon in den Plan des »Thronfolgers« eingeweiht.

Als wir eben ins Freie hinaustraten, hörten wir aus einer entfernteren Hütte das Schreien eines unserer Maultiere. Der Laut gab mir einen Stich ins Herz. Gern hätte ich mich von meinem treuen Begleiter durch so viele Abenteuer verabschiedet. Aber der Indianer, der wohl für die Sicherheit unseres Geschenkes bangen mochte, drängte mich vorwärts.

Wir fanden das größte Kanu für uns bereit liegen. Es war bedeutend breiter und tiefer als die andern, und sein Boden zeigte einen reichen Belag seiner Matten. Fast schien es, als wolle der Indio auch seinerseits sich »nobel« zeigen. Ich wollte ihm ein Wort des Dankes für das Geschenk sagen, aber er drängte hastig zur Abfahrt.

»Lebe wohl, mein Bruder. Die Pumayas werden dir weiterhelfen. Sie erwarten euch, wenn die Sonne zum zweiten Male über die Berge steigt.«

Die letzten Worte verhallten fast in dem Rauschen der Strömung, die unsern Einbaum bereits erfaßt hatte. Mit großer Geschicklichkeit steuerte das junge Mädchen den schweren Kahn an das jenseitige Ufer, wo wir im Schatten dichter Baumriesen fast geräuschlos dahinglitten. Schon nach einer Viertelstunde war keine Spur einer menschlichen Ansiedlung mehr zu erkennen. Die Gegend wurde hüglig. Dann traten rötliche Porphyrfelsen an das Ufer. Eine finstere Schlucht, in der das Wasser seine schäumenden Spritzer über das ganze Fahrzeug warf, verschlang uns. Die Finsternis wurde so undurchdringlich, als ob wir in einem Tunnel dahinrasten. Hochauf bäumte sich das Boot, um gleich darauf wieder tief in die Flut zu tauchen, diesmal das Heck beängstigend in die Höhe reckend. Wir befanden uns in einer jener Stromschnellen, die durch das Zusammendrängen des Felsmassivs entstanden waren. Mit absoluter Sicherheit schoß der Bug bald in bedrohlichster Nähe eines aus dem Wasser ragenden Blockes vorbei, bald tauchte er mitten in das weißleuchtende Brodeln eines kreisenden Strudels. Wenn wir mit rascher klopfenden Pulsen an einem sich schwarz auftürmenden Blocke zu zerschellen erwarteten, sauste der Einbaum schon in ruhigeres Wasser.

Beängstigende Minuten waren es, die wir verlebten, bis endlich der Mond seine Silberbänder über die Wipfel des Waldes legte. Das Mädchen steuerte den Kahn wieder auf die rechte Seite und sprang an das Ufer. Eine Sekunde blieb sie zögernd stehen, als ob sie etwas sagen wollte. Es mochte ihr aber wohl einfallen, daß wir ihrer Sprache nicht mächtig waren – sie wandte sich um und verschwand in den Büschen. Ein anmutiges Nicken war der einzige Abschiedsgruß.

So wollten wir uns aber doch nicht von ihr trennen. Eine Belohnung für ihre Lotsendienste mußte sie zum Andenken an die Fremden mit sich nehmen. Felipe lief ihr nach. Nach wenigen Minuten brachte er das Mädchen auch zurück. Auf ihrem breiten Gesicht lag ein Ausdruck banger Erwartung. Sie zitterte leicht und glaubte wohl irgendeine Strafe zu erhalten. Wie aber leuchtete ihr Antlitz glücklich auf, als wir eine Reihe roter und blauer Glasperlen aus dem Gepäck nahmen und ihr um den Hals hingen. Das war ein Schatz, würdig einer Häuptlingsfrau. Als wir dieser Gabe auch noch eine Handvoll peruanischer Silbermünzen hinzufügten, kannte die Freude keine Grenzen. Sie warf sich ins Gras und begann wie ein Kind mit den Herrlichkeiten zu spielen und das Mondlicht über die blinkenden Münzen gleiten zu lassen. Plötzlich fiel ihr der Rückweg ein. Sie sprang auf und versuchte, die Münzen in ihrer kleinen Hand zu verbergen. Einen andern Ort der Aufbewahrung hatte sie ja nicht, da sie nur mit einem schmalen Bastgürtel bekleidet war. Lachend half ich ihr aus der Verlegenheit. Ich leerte des Doktors Tabaksbeutel und band ihr den mit einem Bindfaden um den Hals. In diesem Brustbeutel konnte sie ihre Kostbarkeiten verbergen.

Diesmal war der Abschied herzlicher. Das Mädchen legte jedem von uns beide Arme um den Hals und drückte ihre Stirn auf unser Kinn. Das war der Abschiedsgruß. Dann verschwand sie im Walde.


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