Ferdinand Emmerich
Jenseits des Äquators
Ferdinand Emmerich

 << zurück weiter >> 

Viertes Kapitel

Eine Fahrt zur Sonneninsel

Ernste Zwischenfälle. – Der Zollkutter kommt zur rechten Zeit.

Als wir Erkundigungen über die Ruinen auf der Sonneninsel zogen, begann das alte Lied. Ohne genügenden militärischen Schutz könne man jetzt in der Revolutionszeit keine Nacht auf der Insel zubringen. Sie sei der Schlupfwinkel von Piraten und allem lichtscheuen Gesindel – na ja. Das Lied kannte ich schon auswendig. – Aber auch der Kapitän des Dampfers, der sonst den Verkehr auf dem See vermittelt, weigerte sich, uns jetzt, wo es keine ordentliche Regierung in Peru gäbe, zur Sonneninsel zu bringen. Gesindel, Räuber und so weiter! Dieselbe Warnung, nur in verstärktem Maße.

Nach Rücksprache mit dem Zollbootsmann mieteten wir endlich zwei größere Segelboote. Wir versahen sie mit genügend Proviant für einige Tage, packten unser Werkzeug hinein und segelten eines Morgens mit frischem Winde ab. Der Doktor saß mit Carlos in dem einen, Felipe bei mir in dem zweiten Boote.–

Schon nach wenigen Stunden unterschieden wir deutlich die gewaltigen Ruinen des sagenumwobenen Sonnentempels. Das Fernglas zeigte mir auch eine ungewöhnlich große Anzahl von Ruderbooten, die halb auf den Strand gezogen waren. Es seien Fischer, behauptete unser braunhäutiger Bootsmann. Gleich darauf gellte sein Schrei über den See, und er tauschte uns unverständliche Zeichen mit dem andern Boote. Beide hißten daraufhin eine große weiße Flagge.

War mir diese geheimnisvolle Botschaft schon auffällig, so steigerte sich nun mein Erstaunen, als ich bemerkte, daß man von der Insel aus mit unsern Bootsleuten Flaggensignale austauschte, und daß sich der Strand immer mehr mit Menschen belebte. Eine große Aufregung schien sich derselben bemächtigt zu haben.

Plötzlich warf mein Bootsmann das Segel los und griff mit seinem Knechte zum Ruder. Der bisher gesteuerte Kurs wurde verlassen und der Steven unserer Barke auf eine weit vorspringende Landspitze gerichtet. Das Boot des Dr. Perez hielt jedoch seinen alten Kurs unter Segel bei.

Die Geschichte schien mir nicht sauber. Ich machte Felipe aufmerksam und befahl dem Bootsmann, das Segel zu setzen und wieder zu dem andern Boote zu steuern. – Der Kerl grinste nur und ruderte ruhig weiter. – Da griff Felipe ein. Ohne ein Wort zu verlieren, riß er dem Bootsführer das Ruder aus der Hand und warf es in den See. Darauf setzte er das Segel und nahm das Steuer.

Durch diesen unvermuteten Eingriff und den auf ihn gerichteten Lauf meines Revolvers war der Kerl zunächst sprachlos. Dann aber stieß er eine Flut von Verwünschungen gegen uns, sprang wutschäumend auf, riß sein Messer aus der Scheide und stürzte sich auf Felipe. Ich saß vorn im Boot und war durch das Segel behindert. Doch da kam unerwartete Hilfe durch den Knecht des Bootsführers. Der junge Indianer hatte bisher völlig teilnahmlos dagesessen. Jetzt warf er plötzlich gleichfalls sein Ruder ins Wasser und sprang wie ein Panther auf seinen Herrn. Ein kurzes erbittertes Ringen – dann stürzten die beiden über Bord und kämpften im Wasser weiter.

Mittlerweile hatte sich unser Boot dem andern genähert. Der Doktor hatte die Vorgänge bei uns an Bord beobachtet und schrie herüber, ob er uns helfen solle. Aber sein Bootsführer schien genau so widerhaarig zu sein wie der unsrige. Heftiger Wortwechsel drang zu uns herüber. Da warf Carlos plötzlich das Segel los, und das Boot scherte aus seinem Kurs. In wenigen Minuten waren wir längsseit und befestigten beide Fahrzeuge aneinander. Mit verbissenem Grimm ließen das des Doktors Bootsführer geschehen.

Während sich diese Szenen bei uns abspielten, hatte sich die Menge am Strande vergrößert. Mit lebhaftem Gebärdenspiel begleitete man die Bewegungen unserer Barken. Einige Ruderboote stießen ab und kamen hastig auf uns zu; andere hielten Kurs auf die im Wasser Treibenden.

Auf mein Geheiß setzten wir Segel und steuerten der Mitte des Sees zu. Das schien jedoch nicht nach dem Sinne der Bootsleute zu sein. Der Führer sprang auf und wollte mir das Steuer entreißen. Doch er kam nicht dazu, seine Absicht auszuführen. Im Handumdrehen lag er gefesselt auf dem Boden seiner Barke. Seinen Knecht ereilte dasselbe Schicksal.

Das Geschrei hinter uns kam immer näher. Immer größer wurde die Zahl der Verfolger. Wir setzten nun noch die Focksegel und machten rasche Fahrt landwärts. Da tauchte hinter der Landspitze ein Segler auf. Pfeilschnell schoß er durchs Wasser. Er suchte uns den Weg zu verlegen. Durch das Fernglas zählte ich sechs Mann Besatzung.

»Der holt uns ein, Felipe!« rief ich. »Leute, packt auch die Reservewaffen aus. Jetzt geht es hart auf hart.«

Beim Erscheinen des Seglers strebten die Ruderboote wieder dem Lande zu. Der kleine prächtige Schoner flog nur so durch das Wasser. Es war ein schön gebautes Fahrzeug, eine Augenweide für jeden Seemann. Für uns allerdings war dessen Anblick in diesem kritischen Moment kein Hochgenuß. Zusehends kam er näher, und ich konnte genau berechnen, wann er uns einholen würde.

Felipe kniete nieder, um dem Verfolger ein paar Kugeln unter die Wasserlinie zu schießen. Das Leck mußte ihn dann von der Jagd auf uns abhalten. Ich hinderte ihn aber.

»Wir wollen die Feindseligkeiten nicht beginnen. Wo man Holz hackt, da fliegen Späne, und wahrscheinlich können die drüben auch schießen.«

Der Segler war jetzt herangekommen. Er lief parallel mit uns. Plötzlich änderte er seinen Kurs und schien uns im spitzen Winkel treffen zu wollen. Nun war er entschieden im Vorteil.

»Carlos, wirf dein Boot los. Suche des Seglers andere Seite zu gewinnen, dann haben wir ihn in der Mitte. Er besinnt sich dann schon mit seinem Angriff.«

Wirklich schien das Manöver den andern zu überraschen, er behielt aber seinen Kurs bei. Gleich darauf brüllte eine Stimme über das Wasser. Den Sinn der Worte verstanden wir jedoch nicht. Wohl aber schien der Gefangene sie verstanden zu haben, denn er begann erneut zu fluchen.

Carlos hatte sein Boot inzwischen in den Kurs des Seglers gebracht. Wir sahen, daß er mit der Besatzung verhandelte. Dann schwenkte er ein Tuch, während gleichzeitig am Maste des Schoners – die bolivianische Flagge aufstieg. – Wir hatten einen Zollkutter vor uns! Das war wesentlich angenehmer.

Als der Tatbestand aufgenommen war, bekamen unsere Boote je einen Mann Wache, und nun wurden wir nach dem Hafen von Hachacacha geleitet. Die Behörden dort schienen sich über den Fang unserer beiden Bootsleute sehr zu freuen. Wir selbst wurden freigelassen, durften aber den Ort nicht verlassen.

Am nächsten Morgen schon rief man uns zum Polizeiamt. Dort saßen die beiden Gefangenen gefesselt auf der Anklagebank. Jeder von uns mußte seine Aussagen beschwören und ein Protokoll unterschreiben. Hierauf verlas der Richter ein langes Sündenregister der Angeklagten. Ein Advokat machte einen schwachen Versuch, die Bösewichte zu verteidigen, gab es aber bald auf. Die Brüder mußten zuviel auf dem Kerbholz haben.

»Zehn Jahre Zwangsarbeit!« lautete das Urteil. Der Schmied, der den Verurteilten die Ketten an die Arme und Beine schmieden sollte, schien schon auf seine Arbeit gewartet zu haben, denn wir waren noch in lebhafter Unterhaltung mit dem Richter, als schon die Hammerschläge ertönten, die zwei Verbrecher auf zehn Jahre unlöslich miteinander verbanden.

Diesmal waren also die Warnungen berechtigt gewesen. Die miteinander im Komplott stehenden Bootsführer sollten die Greenhorns den Burschen auf der Insel ans Messer liefern. Unsere Waffen und unsere Vorräte hatten die Halunken gereizt.

Die Fahrt nach der Sonneninsel unternahmen wir kurze Zeit später unter dem Schutze eines Regierungsfahrzeugs. Sie brachte weit weniger wissenschaftliche Ausbeute, als wir gehofft hatten. Die Herren Beamten konnten uns nicht allzuviel Zeit für unsere Forschungen lassen und waren anderseits zu gewissenhaft, um uns, wie wir vorschlugen, allein auf der Insel zu lassen und später wieder abzuholen. Sie wußten, daß wir uns durch den Ausgang unseres Abenteuers den Haß und die Rachsucht sämtlicher Bootsführer zugezogen hatten, und zwangen uns liebenswürdig, aber energisch, wieder mit zurückzufahren – »höhere Gewalten«, gegen die wir machtlos waren, wie der Seemann gegen den Taifun. Überhaupt schien man behördlicherseits dringend unsere Abreise zu wünschen. Es war nicht sehr angenehm für die Beamten, Fremde im Ort zu wissen, deretwegen man jeden Augenblick Scherereien haben konnte, wenn sie wieder einen »leichtsinnigen Streich« ausheckten. Also wurden wir nach allen Regeln herausgegrault. Da wir ohnehin von dieser Seite des Sees genug hatten und überdies die Nachricht kam, daß in Puno wieder Ruhe herrschte, beschlossen wir unsere Abreise. Dr. Güßfeld wartete wahrscheinlich schon in Puno auf mich, und außerdem würde es dort ja wohl einen Gasthof geben, der uns mehr Behaglichkeit für unsere Ruhetage bot als das höchst primitive Dorfquartier in Maiquia. Das Weitere würde sich finden.


 << zurück weiter >>