Ferdinand Emmerich
Jenseits des Äquators
Ferdinand Emmerich

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Neuntes Kapitel

»Bismargo!«

Auf der Paßhöhe. – »Sie sind wohl stark beteiligt, General?« – Beim Pfarrer von Capitania. – Der Herr Alkalde will uns verhaften. – – »Perdona, general!« – »Bismargo!«

Die Begegnung mit dem Häuptling Ahunda war unser letztes Abenteuer im Gebiet des sagenumwobenen Titicacasees. Die Erfüllung unserer nächsten schweren Aufgabe drängte, und nach einigem Ausruhen in Puno machten wir uns auf den Weg. Das flüssereiche Grenzgebiet Perus gegen Brasilien, das damals nur von wenigen Forschern betreten war, harrte der Erschließung.

Bei dem Dorfe Sicuani verließen wir die alte Inkastraße und ritten in die wildromantischen Gebirge der Ostkordillere ein. Gewaltige Eisriesen wachsen hier bis zu Höhen von sechstausend Meter empor. An ihren Flanken zur Paßhöhe steigend, durchlebt man alle klimatischen Zonen, von der glühenden äquatorialen Hitze bis hinauf in die starre, eisige Gletscherwelt. Reger Verkehr belebt in gewöhnlichen Zeiten die gutgehaltene Straße. Jetzt sah man jedoch kaum zwanzig Menschen am Tag, meist nur indianische Weiber, die ihre Erzeugnisse, die ihnen oft kaum mehr als einen Dollar Wert einbringen, fünfzig Kilometer weit zum nächsten Dorfe tragen. Sie schreiten stolz und furchtlos durch die einsamen Berge, keinen Weißen eines Blickes würdigend.

Infolge der Revolutionskämpfe war alles, was ein Messer tragen konnte, als Rekrut eingezogen und die Straße von Männern entblößt. Nur hin und wieder stießen wir auf eine Karawane von Lamas, die, von Knaben und alten Männern getrieben, im gemächlichen Schritt die Bedürfnisse der Dorfbewohner über die Berge brachten.

In viertausend Meter Höhe, dicht unter der Schneegrenze, erreichten wir die Paßhöhe des Collquihorcuna genannten Gebirgsstockes. Dichter Nebel verhüllte jeden Ausblick, und da uns hier der Maultiertreiber verließ, waren wir gezwungen, trotz der frühen Tagesstunde in der zweifelhaften Bude, die den Übergang krönt, zu übernachten.

Die Unterkunftsbude unterschied sich in nichts von den gleichartigen Bretterhütten, die man dort überall längs der Straße antrifft. Nur die Wände sind dem jeweiligen Klima angepaßt, massiver oder dünner. Ein großer durchräucherter Raum dient als allgemeine Schankstube. In der Mitte des Zimmers brennt ein gewaltiges Holzfeuer, das die Räume angenehm erwärmt. Zugleich dient es als Kochgelegenheit. Entweder bereitet sich der Reisende seine Mahlzeit aus den mitgebrachten Vorräten, oder der Wirt wärmt dem Gast eine dicke Suppe auf, die vor wer weiß wie langer Zeit frisch gekocht worden war.

Wir waren die einzigen Gäste. Da wir unser Essen selbst zubereiteten, hatte der Wirt nichts zu tun und daher Zeit genug, seiner Neugier freien Lauf zu lassen. Er setzte sich zu uns ans Feuer und begann das Fragen in der üblichen Art: »Wohin des Weges, caballeros?«

»Nach Capitania hinunter.«

»Geschäfte dort?«

»Nein, wir wollen weiter an den Rio Manu.«

Der Mann pfiff leise durch die Zähne und sah uns forschend an. Er schwieg nachdenklich eine Weile und setzte dann das Verhör fort: »Die caballeros haben wohl Soldaten in Capitania?«

»Nein – wozu?«

»Caramba! Wenn eine Kommission in das Indianergebiet reist, nimmt sie doch Soldaten mit!«

»Wir gehören zu keiner Kommission. Wir sind naturalistas, die gern das indianische Volk kennenlernen möchten!«

Der Mulatte brach in ein schallendes Gelächter aus. Sich vor Vergnügen auf die Schenkel schlagend, rief er: »Hahaha – guter Witz! Verstehe schon! Aber ich halte reinen Mund. Mir gefallen die jetzigen Machthaber in Peru auch nicht, aber darum fliehe ich doch nicht. Sind wohl stark beteiligt, General, wie?«

Jetzt lachten wir ebenfalls. Der Wirt hielt uns also für Generale auf der Flucht vor Revolutionären. Den Glauben mußten wir ihm aber nehmen, denn wenn diese Legende bekannt wurde, konnten wir bösen Unannehmlichkeiten entgegengehen. Ich schüttelte sehr energisch den Kopf.

»Sie irren sich wirklich, Señor. Wir sind in der Tat naturalistas. Seit vielen Wochen sind wir unterwegs. Wir kommen vom Stillen Meer und wollen durch das Acregebiet an einen der großen Ströme reisen, die bis zum Atlantico schiffbar sind. Mit der Revolution haben wir nichts zu tun. Ich bin Alemano, und meine Freunde stammen aus dem Westen.«

Jetzt schien er überzeugt zu sein.

»Caramba, caballeros! Das ist eine gefährliche Reise, die ihr da vorhabt. Kennt ihr denn das Land um den Rio Manu?«

Wir verneinten.

»Und dann wagt ihr euch dorthin? Wißt ihr auch, daß dort viele gefährliche Indianerstämme wohnen? Die Caupolicanes, die Jibarros, die Mojos und wie sie alle heißen. Sie lassen keinen weißen Mann in ihr Gebiet. Auch die Regierung fürchtet sich vor ihnen und erhebt keine Steuern in dem ganzen Lande. Nein, nein, das ist ja der reine Selbstmord!«

»Wir wissen, daß die Reise nicht ganz ungefährlich ist, aber das stört uns weiter nicht. Immerhin würden wir gern einen zuverlässigen Führer mitnehmen. Glauben Sie, daß hier herum einer aufzutreiben ist?«

»Gestern kamen einige Caupolicanes hier vorüber. Die Männer sind aber mürrisch und geben keine Antwort, wenn man sie fragt. In Capitania aber gibt es Leute, die in den Gebieten Handel treiben, dort findet ihr auch Führer. Aber« – setzte er zögernd hinzu – »erbärmliches Gesindel ist es, das euch verrät, wenn es der Mühe wert ist.«

»Vorausgesetzt, daß man ihm nicht vorher den Unterschied zwischen einem guten Führerlohn und einer Kugel im Kopf klargemacht hat. Wir sind keine Neulinge, Señor, und alle drei gute Schützen.«

Damit beendeten wir das Gespräch und lagen bald in tiefem Schlaf. –

Bei unserer Abreise am nächsten Morgen gab uns der redselige Wirt noch eine ganze Anzahl von Verhaltungsmaßregeln. Mit einem langen Segenswunsch entließ er uns endlich.

Ein wolkenloser Himmel breitete sich über einer herrlichen Landschaft aus. Blendendweiße Schneeriesen, das gewaltige Haupt von goldig schimmernder Strahlenkrone umrahmt, bauten sich kulissenartig rund um unsern Paß in wechselnder Schönheit auf. Zu unsern Füßen wogte noch ein milchweißes Nebelmeer, aus dem die niedrigeren bewaldeten Kuppen wie Inseln hervorlugten. Wie ein silbernes Band blitzten die zahlreichen Wasserfälle aus den starren Steinmauern hervor, und durch die andächtige Stille drang das dumpfe Rauschen eines der zahlreichen Flüsse, die hier im Gebirge ihren Ursprung haben.

Das Städtchen Capitania erreichten wir am Abend kurz vor Einbruch der Nacht. Unser Erscheinen machte großen Eindruck auf die wenig zahlreiche Bevölkerung. Glaubte man doch, in den fremdartigen Reisenden irgendeine politische Behörde wittern zu müssen, und vor diesen fürchten sich die Eingeborenen mehr als vor den »wilden«, aber freien Indianern.

Da es kein Gasthaus im Ort gab, klopften wir beim Alkalden um Obdach an. Der gute Mann aber schien »unbekannt wohin« verreist. So lenkten wir denn unsere müden Tiere zum Pfarrhofe. Dort empfing uns ein weißhaariger, farbiger Priester, der uns wohl ein Obdach, nicht aber Betten und Decken zur Verfügung stellen konnte. Da unsere Decken, Hängematten usw. aber noch vor Nässe trieften – beim Einreiten in das Tal hatte uns ein schweres Gewitter überrascht –, war der Umstand recht fatal.

»Wenn der Herr Pfarrer mir sagen würde, bei wem man hier ein paar Decken erhalten könnte, dann werde ich schon etwas beschaffen«, sagte endlich Felipe.

»Wenn der Alkalde nichts hat, wüßte ich keinen Rat«, erwiderte der Geistliche.

»Und wo ist denn der Alkalde oder sein Stellvertreter?«

»Quien sabe!« war die lächelnde Antwort.

»Nun, dann muß ich sehen, ob mir nicht jemand anders hilft«, damit machte sich Felipe auf den Weg.

»Aber keine Gewaltmittel, hörst du, Felipe?« rief ich ihm nach, denn ich kannte seine etwas handfeste Energie.

»Keine Sorge, Señor, ich werde so höflich sein wie nur möglich!« Damit verschwand er, und der Pfarrer bat uns, mit ihm auf der Veranda Tee zu trinken.

Nach kurzer Zeit schon tauchte Felipe wieder auf. Er führte einen Esel am Zügel, der mit einer großen Menge weicher Felle und Decken beladen war.

»Ich habe den Alkalden gefunden«, rief er triumphierend. »Freilich war der Esel schon beladen, und das schien ihm nicht ganz recht zu sein – aber ich sagte ihm, er möchte nur lieber hierherkommen und selbst mit Ihnen darüber reden – sehen Sie, da ist er schon!«

Ein kleiner, verschmitzt aussehender Mulatte tauchte auf, der, mit der Schärpe in den peruanischen Farben umgürtet, zornfunkelnd auf uns zuschritt und mit lauter Stimme rief: »Caballeros, ihr seid meine Gefangenen! Ich verhafte euch im Namen des Gesetzes wegen Raubes.«

Die mit einer unnachahmlichen Würde hervorgestoßenen Worte erregten unsere laute Heiterkeit. Ich reichte dem Gestrengen eine Zigarette und lud ihn ein, an unserm Tisch Platz zu nehmen. Als er darauf nicht reagierte, erhob ich mich und fragte mit strenger Miene: »Señor Alkalde, wißt Ihr, wen Ihr vor Euch habt? Wartet, ich werde es Euch zeigen.«

Mit diesen Worten entnahm ich meiner Brieftasche den mit einigen großen Stempeln versehenen peruanischen Geleitpaß und hielt ihn dem Bürgermeister unter die Nase.

»Kennt Ihr das?« fragte ich mit erhobener Stimme. »Hier, lest!«

Der Mann war schon bei meinen ersten Worten völlig eingeschüchtert einen Schritt zurückgewichen. Als ich ihm dann das Papier in die Hand drückte, klappte er vollständig zusammen. Lesen konnte er natürlich nicht. Er tat aber so, wobei er das Schriftstück natürlich verkehrt hielt.

»Perdona, general«, sagte er dann, mir mit tiefer Verbeugung das Papier zurückgebend. »Ich stelle alles, was ich besitze, zu eurer Verfügung. Betrachtet mein Eigentum als das eurige...«

»Na, dann setzt Euch zu uns und raucht den cigarillo. Wir brauchen Eure Decken nur für diese eine Nacht, morgen reisen wir weiter.«

Der Pfarrer hatte während der Szene still vor sich hingelächelt. Ihm war der Zweck unseres Hierseins natürlich bekannt. Die Armesündermiene des Dorfgewaltigen rührte ihn aber doch, und er mochte den Verängstigten, der in uns vielleicht die höchsten Gewalthaber des Staates vermutete, nicht länger zappeln lassen. Er nahm das Wort und sagte: »Die Herren, Don Manuel, sind fremde naturalistas, die mit Erlaubnis unserer Regierung das Land bereisen. Das Papier befiehlt allen Behörden, den caballeros in jeder Weise behilflich zu sein. Dieser große Señor ist ein alemano. Ihr kennt doch das berühmte Volk, das den großen Bismarck an seiner Spitze hat?«

»Oh, si Señor! Bismargo! Bismargo!« rief der Alkalde, indem er sich erhob und eilends aus der Tür schoß.

Wir blickten dem Manne erstaunt nach, denn wir konnten uns die Ursache seiner Flucht nicht erklären. Auch der hochwürdige Herr war sichtlich überrascht. Während wir unserer Verwunderung Ausdruck gaben, daß der Name unseres Altreichskanzlers seinen Weg bis in diese entfernte Ecke der kaum noch zivilisierten Welt gefunden hatte, stürmte der Bürgermeister schon wieder zur Tür herein. In der Hand hielt er das farbige Titelbild einer peruanischen Zeitschrift aus dem Jahre 1871: Bismarck in großer Kürassieruniform!

Nun wuchs unser Erstaunen noch mehr. Daß der Mann nicht lesen konnte, wußten wir. Woher konnte er die Unterschrift des Bildes kennen, da es auch dem Pfarrer, dem einzigen, der hier lesen konnte, unbekannt war? Des Rätsels Lösung wurde bald gefunden. Vor zehn Jahren, als die Kunde von dem Weltruhm unseres Bismarck über die gesamte Erde drang, befand sich unser Alkalde dienstlich in Cuzko, der Hauptstadt seines Distriktes. Dort feierten einige Deutsche mit deutschfreundlichen Peruanern die Neubildung des Deutschen Reiches. Die Zeitungen waren voll des Ruhmes über die Taten unserer Großen, und so kam auch das Bild in die Hände unseres Tischgenossen. Er hatte es, als ein historisches Dokument, die Jahre hindurch aufbewahrt und war nun stolz darauf, es zeigen zu können.

Natürlich mußte ich nun von dem großen Manne erzählen. Ich fand dabei äußerst dankbare Zuhörer, deren Zahl sich stets vergrößerte, je mehr sich das Gerücht in dem Dorf verbreitete, daß ein alemano beim Pfarrer angekommen sei. Endlich aber zwang mich die Müdigkeit, Schluß zu machen. Der Alkalde aber saß noch lange neben mir und fragte – bis ich zwischen den weichen Fellen sanft entschlummert war.


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