Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Die Briefe der Madame Sévigné

15. November 1887.

Akademischer Vortrag, gehalten in der Aula des Museums. Manuskript im Jac. Burckhardt-Archiv Nr. 171, bestehend aus: nach bestimmten Gesichtspunkten geordneten Auszügen aus den Briefen der Mme de Sévigné (55 Quartblätter), aus Auszügen (20 Blätter) aus den Memoiren von Roger de Bussy-Rabutin, Amsterdam 1731, aus der Niederschrift des Vortrages, 8 Blätter in Folio, und aus einem Uebersichtsblatt in Quart.

 

Abgesehen von einigen Briefsammlungen des Altertums, welche zu gelehrten Zwecken immer neu gedruckt werden, bilden die Briefe der Madame de Sévigné vielleicht die verbreitetste Sammlung, die es gibt. Es existieren mehr Bände der Sévigné in den Händen des Publikums als von irgend einem Briefautor. Es gab noch vor siebzig Jahren in Frankreich manche Leute, die jährlich alle Bände durchlasen.

Und da der ganze Zustand, auf den sie sich beziehen, ein längst vergangener ist, an welchen sich kein äußeres Interesse mehr anknüpft, da sogar alle Familien ausgestorben sein werden, welche darin vorkommen, da auch das Ausland die Anhänglichkeit der Franzosen teilt, so kann diese Verbreitung nur auf irgend einem innern Werte beruhen. Ein solcher innerer Wert könnte ein sachlicher, ein historischer, zeitgeschichtlicher oder sittengeschichtlicher sein; er könnte auch ein ästhetischer sein, ein stilistischer, der einer formalen Vorbildlichkeit für die Epistolographie; entscheidend aber auf alle Zeiten wird nur die Persönlichkeit sein, welche sich darin offenbart. Die Sévigné vereinigt dies alles, und das dritte gilt für sie im höchsten Grade. Man wird ewig gerne in der Gesellschaft der Sévigné sein, und nun erfährt man, daß es schon den Zeitgenossen so ging. Dazu sind die Briefe literarisch völlig absichtslos; nicht eine Zeile ist für ein Publikum geschrieben; daher denn der supreme Duft, den man der Naivität des Schreibens verdankt. Diese Briefe haben eine besondere Weihe und geheime Grenze; es sind sehr überwiegend Briefe einer Mutter an eine Tochter.

Und nun macht es nichts mehr aus, daß sie einem schon sehr locker gewordenen höchsten Stande ihres Landes angehören. Dieses Land war damals das höchst zivilisierte. Weder in dem verkommenen Italien und Spanien, noch in Deutschland und England kann es damals eine Briefschreiberin dieses Ganzen von Eigenschaften gegeben haben. Ebenso treffliche Charaktere wohl, aber keine Frau mehr von solcher Begabung und Lust der anmutigen und eleganten Mitteilung, zugleich Zeitgenossin einer für ihr Land klassischen Zeit der Poesie und Literatur, einer Zeit der Hochschätzung des geschriebenen Wortes.

Es besteht eine Schwierigkeit für den Leser späterer Zeiten, in Memoiren und Briefsammlungen sich in dem oft sehr zahlreichen, für den Autor selbstverständlichen Personal zu orientieren.

Zahlreich erscheint die französische Hof« und Stadtgesellschaft in den Memoiren der Zeit der letzten Valois, denen des Bassompierre, Duc de Guise, Cardinal de Retz und der Fronde überhaupt, endlich vollends in Saint Simon. Eine Menge Personen waren dem Autoren wichtig, und geistreich war oder schien im damaligen Frankreich jedermann. Auch in den Briefen der Sévigné treten sehr viele Leute auf, welche uns nur interessieren, so weit charakteristische Züge und Worte von ihnen mitgeteilt werden. Auch mit ihren eigenen Verwandten und nächsten Bekannten dürfen wir uns hier nur abgeben, soweit dies ganz notwendig ist, und so auch mit den äußern Zügen ihres eigenen Lebens.

Marie de Rabutin-Chantal, geboren 1626, war eine Bourguignonne. Ihr Vater fiel im Kriege, als sie ein Jahr alt war. Ihre Großmutter väterlicherseits, Françoise de Chantal, Mitstifterin der Visitandinerinnen, galt in ihrem Leben schon als Heilige, obwohl sie erst von Benedikt XIV. selig und von Clemens XIII. heilig gesprochen wurde. Madame de Sévigné besuchte überall die Klöster dieses Ordens, wo sich solche befanden, und galt bei den Nonnen als relique vivante. Auf den Fall, daß sie in Paris stürbe, wollte sie bei den Visitandinerinnen begraben sein.

Der Stammhalter der Rabutins war ihr bedenklicher Vetter Roger, Comte de Bussy-Rabutin. Auch seine Briefe sind gesammelt und mehrmals gedruckt, darunter Briefe an die Sévigné und nicht wenige von ihr. Außerdem existieren von ihm stellenweis wertvolle Memoiren. Unter Richelieu hat er seine wilde militärische Jugend verbracht; dann gewöhnte er sich mit den Franzosen der Fronde an schrankenlose Rede und Schrift; allmählich entstand seine »Histoire amoureuse des Gaules«, zur Verzweiflung mancher Familien, und auch seine Cousine schonte er nicht: »A défaut de vices, il lui suppose des ridicules ... qu'elle ait eu au moins le goût de toutes les sottises qu'elle n'a point faites.« Aber die Strafe sollte nicht ausbleiben; Bussy merkte in seiner enormen Eitelkeit seit Ludwigs XIV. eigener Regierung nicht bei Zeiten, daß ein anderer Wind wehe. Er dichtete ein Hohnepigramm auf des Königs Verhältnis zur Lavalliere, das dazu noch nach der Weise eines Kirchenliedes unter Faxen auf Schloß Roissy abgesungen wurde. Von allen bösen Mäulern bleibt eines in der Patsche. Als daher der König erbittert war, regten sich auch die übrigen Verletzten; so war Bussy verloren; es folgten dreizehn Monate Bastille und dann das Exil auf seine Güter; eine späte Begnadigung schaffte ihm weder Gunst noch verlorene Habe wieder. Die Cousine hatte ihm zwar verziehen; die Korrespondenz mit dem Haupt des Hauses und mit dem immerhin witzigen Vetter konnte sie nicht ganz entbehren, aber sie schickte sich doch ziemlich kühl in seine späteren malheurs und gab ihm christliche Lehren. Er starb 1693 In schwer einzureihendem Zusammenhang folgt: In einem Brief an ihn: Adieu mon sang! – je vous embrasse. Die Kraft ihrer väterlichen Familie, nein sagen zu können: j'ai refusé rabutinement..

Mütterlicherseits entstammte sie der Familie der Coulanges. Ihrem Oheim, Erzieher und Retter, Christophe de Coulanges, Abt von Livry, verdankt man die Sévigné. Er, von ihr nur le bien bon genannt, machte sie zur Erbin und half ihr, so lange er lebte.

Achtzehnjährig, heiratete sie 1644 Henri, Marquis de Sévigné, der in der Bretagne seine Güter hatte und nach einem rauschenden Leben 1650 im Duell fiel. Sie erwähnt ihn in den Briefen nur einmal, um zu sagen, daß der »bien bon« sie aus dem »abîme« beim Tode ihres Gemahles herausgezogen.

Aus dieser Ehe stammen nun ihre beiden Kinder.

Ihr Sohn, Charles de Sévigné, war höchst begabt und angenehm, »un trésor de folie«, und lebte mit der Zeit in der Provinz aus. Aber er war nie in Gnaden, konnte daher auch nicht in Ungnade fallen.

Ihre berühmte Tochter, 1669 vermählt, ist die Comtesse de Grignan, und an sie sind vor allem ihre Briefe gerichtet.

Wer die »Lettres« irgend näher kennt, wird Nachsicht mit demjenigen haben, welcher in Kürze davon reden soll, zugleich aber es doch vielleicht mißbilligen, wenn von dem vielen einzelnen, für welches man Interesse und Vorliebe faßt, nur so weniges hervorgehoben werden kann. Unsere Auswahl möge einstweilen als eine fast zufällige gelten.

Da seit 1653 wieder ein Hofleben möglich war, so treffen wir auch seit 1654 die Sévigné oft am Hofe.

Am 9. März 1661 starb Kardinal Mazarin und hinterließ dem jungen Louis XIV. »les portraits de toute la cour« Zitat aus den Memoiren Rogers de Bussy-Rabutin..

Madame de Sévigné lebte damals mit einem durch den Abbé de Coulanges wieder hergestellten Wohlstand, mit einem vierzehnjährigen Sohn und einer dreizehnjährigen Tochter. Sie selbst war damals fünfunddreißigjährig und allumworben, aber längst entschlossen, nur für ihre Kinder zu leben; besonders sollte die Tochter nicht ein Schicksal haben, wie das ihrige gewesen. Daher wies sie später noch Anträge ab, so 1685 den des Duc de Luynes.

Im Winter 1664/5 erschienen Mutter und Tochter bei den Hoffesten, welche zum Teil bereits in Versailles gehalten wurden. Damals wahrscheinlich wurde auch jenes Ballet von fünf Amazonen und Schäferinnen aufgeführt, darunter ihre Tochter und Henriette d'Orléans, ein Ballet »que des siècles entiers auront peine à remplacer et pour la beauté et pour la jeunesse et pour la danse«.

Die erste erhaltene Gruppe von Briefen, aus dem Jahre 1664, bezieht sich auf den Prozeß des Surintendant des Finances, Fouquet. Dieser war in dem Jahre, da Ludwig XIV. die Regierung übernommen, gestürzt worden. Beim damaligen Benehmen des Königs mußte den Denkenden und Fühlenden auf alle Zeit klar werden, mit wem man es zu tun hatte. Der Prozeß zog sich sehr lange hinaus.

Auch Fouquet hatte sich einst der Witwe genähert und sie hatte auf dessen Zärtlichkeiten hin ein paar scherzhafte Antworten geschrieben.

Als ihn nun niemand mehr gekannt haben wollte, da hat außer La Fontaine noch die Sévigné sich für ihn interessiert. Sie war Tag für Tag und äußerst genau vom Prozeß unterrichtet und dabei merkwürdig fähig, das Juristische aufzufassen. Diese Briefe an Pomponne, den spätern Minister des Auswärtigen, werden ewig eine Art von Sympathie für Fouquet aufrecht halten, welches auch dessen Schuld gewesen. Fouquet hat in seinen Antworten immer den Leser für sich, weil ihm die Sévigné ihre Klarheit und ihr Mitgefühl leiht.

Im Jahre 1669 wurde die Tochter der Madame de Sévigné mit dem Comte de Grignan vermählt. Erst an den Hof attachiert, wurde er 1670 Lieutenant général au gouvernement de Provence und hielt als solcher Hof für den meist abwesenden Gouverneur Vendôme.

Er hatte seine Feinde im Lande, besonders den Bischof Forbin von Marseille, und am Hofe, wo deshalb beständig für ihn gearbeitet werden mußte.

Auch erwies sich diese Ehe als nicht so glänzend, wie die Mutter geglaubt hatte. Daß die Existenz des Hauses Grignan eine ruinöse wurde, hiefür war der besondere Umstand wirksam, daß Grignan in Aix die Honneurs eines Vicekönigs zu machen hatte; auf Schloß Grignan sollte man sich allerdings ökonomisch erholen; aber auch hier ging in großem Train und gar überall im Spiel viel zu viel drauf; daher hat Madame de Sevigne mit Geschenken, Summen und Güterverschreibungen mehrmals aushelfen müssen.

Mit dem Jahre 1670 nimmt, veranlaßt durch die Entfernung der Tochter, der große Strom der Briefe seinen Anfang. Die Korrespondenz läuft etwa zwanzig Jahre, und in diesen blieben die beiden im ganzen sieben Jahre getrennt; von 1690 an waren sie dann fast immer beisammen. Dem Schmerz um die Trennung verdanken wir hauptsächlich die Briefe und die Briefstellerin ihren Weltruhm. Hätte sie Romane geschrieben, so würden nur noch Literarhistoriker sie lesen.

Das Verhältnis zur Tochter ist ein ganzes großes besonderes Kapitel: »Vous ne sauriez croire combien vous faites toute la joie, tout le plaisir et toute la tristesse de ma vie.«

Dagegen ist sie von offener Ungerechtigkeit gegen den Sohn, dessen Wert sie doch kennt, und die Großkinder erfahren dieselbe offene Geringschätzung.

Die Sehnsucht nach der Tochter kommt in unendlich reichen Wendungen zum Ausdruck. Das Gefühl äußert sich aber jederzeit so stark, daß man nirgends Wiederholungen inne wird; in der spätern Zeit erkennt sie in der Trennung von der Tochter eine von Gottes Gnade verhängte Buße. Und doch, wenn sie zusammenlebten, quälten sie einander auch etwa vor Liebe, und altkluge Leute machten dazu altkluge Bemerkungen.

Die Tochter war eine pathetische Natur, sie liebte »les grandes douleurs« und war fähig, Cartesianerin zu sein. Die Mutter hingegen war reich gemütlich, auch humoristisch; diese humoristische Ader war einzig auf den Sohn übergegangen. Vom Cartesianismus, wovon auch andere ihr den Kopf voll machten, sagte sie: »Je veux apprendre cette science comme l'hombre, non pas pour jouer, mais pour voir jouer.« Man erfährt aber nicht, ob es dazu gekommen ist.

Allmählich erwuchs dann doch aus den Enkelkindern eine große Freude: Der junge Marquis de Grignan zeichnete sich schon siebzehnjährig im deutschen Kriege aus; achtzehnjährig erstürmte er an der Mosel ein Schloß: »Ce marmot! Dieu le conserve!« – und in Paris weihte ihn dazwischen die Großmutter in den Umgang mit der Welt ein. Pauline, die spätere Madame de Simiane, wurde Sekretärin ihrer Mutter. Die Großmutter sah schon aus der Ferne, wie sie heranreifte, und hat dann gewiß die höchste Freude an ihr erlebt, als sie ihre letzten Jahre in der Provence zubrachte. Sie starb auf Schloß Grignan im April 1696 im siebzigsten Jahre.

Zunächst aber soll sie vor uns leben, nicht aus den Aussagen anderer, welche lauter Bewunderung sind, sondern aus ihren eigenen Worten.

Wo sie Bewunderung bemerkte, wendete sie sich ab und entfernte sich gerne. Namentlich belästigte man sie, wenn man nur Komplimente über ihre Schönheit vorzubringen wußte.

Die Mutter war beim Beginn des Briefwechsels mit ihrer Tochter vierundvierzigjährig und hatte schon weiße Haare. Sie war und blieb aber noch lange »la mère beauté«.

Wir kennen das Aussehen der Madame de Sévigné aus dem Porträt von Mignard; es war äußerst gewinnend. Sie selbst blieb auf der vollendeten Höhe ihres Seins: »II n'y a rien de si aimable que d'être belle; c'est un présent de Dieu qu'il faut conserver.« Aber sie bemerkte auch: »Quand on n'est plus jeune, c'est alors qu'il faut se perfectionner et tâcher de regagner par les bonnes qualités ce qu'on perd du côté des agréables ... Je veux tous les jours travailler à mon esprit, à mon âme, à mon coeur, à mes sentiments.«

In Rennes, inmitten des ganzen Adels der Bretagne (1680), sehnt sie sich fort: »On m'honore trop; je suis extrêmement affamée de jeûne et de silence ...« Aber die Leute konnten sich kaum von ihr trennen; sie sagt nicht, daß sie das Bindemittel gewesen; aber auf Reisen blieb etwa ihre ganze Gesellschaft noch einen Tag beisammen: »Car la bonne compagnie est de fort bonne compagnie!«

Ihre Gesundheit hat lange angehalten, und nach zwei Krankheiten ist sie völlig genesen. So äußert sie sich 1680: »Ma santé me fait honte, il y a quelque chose de sot à se porter aussi bien que je fais.« Und in ähnlicher Weise 1687; nur hat sie die Sorge, es möchte nicht ewig so dauern. Und im 64. Jahre scherzt sie: »Wenn man Butterschnitten speist, so sieht man an der meines Sohnes noch den Anbiß von allen Zähnen, aber an der meinen auch.« Ja noch ein Jahr vor ihrem Tode findet sie sich gesunder als je; gestorben ist sie an den Blattern.

In ihr findet sich der höchste Verein von völliger Haltung und ungezwungener, aber bemessener Hingebung. Und ständig strebt sie nach Vervollkommnung: »Könnte ich zweihundert Jahre alt werden, so würde ich die vortrefflichste Person der Welt!« – »Ich verbessere mich leicht, und jetzt im Alter noch leichter als früher.« Da sie eine unangenehme Dienerin nach den Rochers, ihrem Landsitz in der Bretagne, mitnimmt, meinte sie: »Ich will eben sehen, wie weit meine Gefügigkeit geht! Das wäre hübsch, wenn ich nur mit Leuten leben könnte, die mir angenehm sind!«

Sie hat das Bewußtsein von einer seltenen Gabe des Umgangs: »Je crois en vérité que personne n'a plus de facilité que moi dans le commerce de la vie civile.« Welches waren die Leute dieses Umgangs? Abgesehen von den Aufwartungen bei Louvois und Colbert für die Grignans war sie nirgends die Suchende, sondern die Gesuchte. In ihrem Umgang war nun böses und geistreiches Volk, ihr Vetter Bussy, dann »Le coadjuteur«, nämlich Kardinal Retz, Verwandter der Sévigné, jetzt seine enormen Schulden unerhörter Weise zahlend und in Commercy mit Abfassung seiner Memoiren beschäftigt, bußfertig im Wandel und sehr frei in der Feder, La Rochefoucauld und sein beständiger Umgang, Madame de La Fayette, Verfasserin der »Princesse de Clèves«, die Witwe Scarron, bis sie Madame de Maintenon wurde, an der Madame de Sévigné den »esprit aimable et merveilleusement droit« hervorhebt; oft hat sie Corneille und Boileau gesehen und, wie es scheint, auch Racine nicht selten. Den ganzen Hof kannte sie wohl persönlich und in verschiedenen Epochen, dann Pomponne, in dessen Gegenwart man das Gefühl hat, glücklich zu sprechen; auf der Kanzel hörte sie besonders Bourdaloue.

Ihre gesellschaftliche Kunst und zugleich ihre Rettung umschreibt sie in den Worten: »II faut ôter l'air et le ton de compagnie (das Zeremoniöse) le plus tôt qu'on peut, et faire entrer les gens dans nos plaisirs et dans nos fantaisies; sans cela il faut mourir; et c'est mourir d'une vilaine épée.« Nun kann man dies nicht mit jedermann, aber wer sich dazu eignete »à entrer dans les plaisirs et les fantaisies de Madame de Sévigné«, der mußte völlig bezaubert sein Randbemerkung: Die Du Plessis, welche die Sévigné nachahmte! Sie war das spezielle Herzeleid der Sévigné.. Manchen Leuten erschien jeder Landaufenthalt der Sevigne als ein Raub an der Pariser Gesellschaft. Und Mme de La Fayette hat einmal nicht nur mit Entziehung der Freundschaft gedroht, wenn Mme de Sévigné nicht sofort von den Rochers wieder komme, sondern ihr gesagt, sie werde aux Rochers krank werden oder gar sterben, »et que mon esprit baissera«. Dies war zu stark; Mme de Sévigné antwortete unter anderm: sie sei nicht krank, altere nicht und sei noch nicht am radotieren Randbemerkung: Weiter unten: je ne me sens aucune décadence., hoffe übrigens auf Dauer der Freundschaft trotz dieser Drohungen.

Der Provinzadel, dem sie doch früher selber angehört hatte, bekommt einiges zu hören. In Vitré, bei den Ständen von Bretagne, findet sie: »II est plaisant ici, le prochain, particulièrement quand on a dîné.« Freilich die Duchesse de Chaulnes läßt sie abermals, und zwar mit ihren Garden, nach Vitré abholen, indem man sie nicht entbehren könne »pour le Service du Roi«.

Sehr niedlich kennzeichnet sie den Vorzug der schlechten Gesellschaft vor der guten: wenn jene weggeht, atmet man auf und hat ein positives Glücksgefühl Randbemerkung: Dies geht u. a. auf die Du Plessis., dagegen »les gens qui plaisent, vous laissent comme tombé des nues; on ne sait plus comment reprendre le train de sa journée«; der Fall komme freilich nicht häufig vor.

Hübsch sind ihre Scherze und niedlich ihre Malicen. Auf einer Reise in der Bourgogne begegnet man den Sänften des Ehepaares Valavoire; alles steigt aus; Valavoire küßt Mme de Sévigné, »et a bien pensé m'avaler, car il a, comme vous savez, quelque chose de grand dans le visage.«

Bei Anlaß einer großen Aufwartung in Rennes im Jahre 1680 schreibt sie: »Je trouvai d'abord trois ou quatre de mes belles-filles«, nämlich Damen, um welche ihr Sohn herumgeschwärmt war; sie wünscht ihnen andere Männer als gerade diesen Sohn. Eigentlich aber wünscht sie dem Sohn eine Frau anders als diese. An Präsident Moulceau, der sich in seinen jungen Jahren beklagt hatte, schon Großvater zu sein, richtet sie den Trost: »Paete, non dolet!«

Eine sehr ernste Seite ihrer Geselligkeit war, daß sie den Leuten treu blieb, wenn sie krank und hinfällig wurden. So klagte sie einmal: »Was hilft mir meine Gesundheit? à garder ceux qui n'en ont point.«

Für den Ton der damaligen vornehmen Societät, für die Voraussetzung des Zusammenlebens ist sie Quelle ersten Ranges. Sie verfügt über die Meisterschaft, Persönlichkeiten und Zustände in wenigen Zeilen zu schildern. Sie sieht in die Risse und Spalten hinein und hat namentlich eine wiederkehrende Klage: über das hohe Spiel, la ballette, le reversi.

Kulturhistorisch besonders belehrend ist bei ihr das Pathos einer nervösen und dann auch sentimentalen Gesellschuft; es ist das Bedürfnis nach Aufregung, welches der vornehme Stand anderer Völker noch nicht empfand, so das Bedürfnis, jemanden zu bedauern, wie zum Beispiel die ihrem Gemahl davongegangene Großherzogin von Toscana, die Cousine des Königs: »L'on se fait une belle âme de la plaindre et de la louer.« Bei Todesfällen, wie der des Turenne, nimmt die Trauer und deren Manifestation im vornehmen Frankreich eine solche Wucht an, daß dann bei der Bestattung in S. Denis auch das Volk anfängt zu weinen und zu jammern, ohne recht zu wissen warum. Auch die Trauer um andere Gefallene hat etwas gesuchtes und offiziell übertriebenes. Beim Tod des jungen Comte de Guiche in Turennes Lager ist allgemeiner Jammer in den großen Familien, und Mme de Sévigné schreibt in dieser Atmosphäre an die Tochter, von welcher dann aus Grignan ein Echo dieser Stimmung kommt. Aber die Posten liefen damals langsam, und nun antwortet die Mutter: »Man denkt hier nicht mehr daran, daß ein Guiche auf der Welt gewesen; wie sollten wir fertig werden, wenn wir uns in jeden Fall so vertiefen sollten?«

Wie weit ist Madame de Sévigné »Historien«, welches ist die Bedeutung ihrer Aussagen über äußere Tatsachen? Im Politisieren, besonders während der Kriege, folgt sie völlig dem offiziellen Optimismus und teilt die allgemeine, in gewissem Sinn vorgeschriebene Verblendung, und so auch bei Anlaß der englischen Revolution von 1688 und der daran hängenden politischen Chancen. In Frankreich bekam man nur noch gefälschte Berichte. In den berüchtigten »Affaires des poisons« sind die Briefe nicht für den Hergang, nur für den Eindruck zu brauchen; den Hergang kennt man jetzt urkundlich viel genauer. Mme. de Sévigné sah die Brinvilliers und die Voisin zum Tode fahren. Olympe Mancini, Comtesse de Carignan-Soissons, war bei Zeiten abgereist: »II n'est rien de tel que de mettre son crime ou son innocence au grand air.« Von Einzelanekdoten ist berühmt das Vorgesicht vom Tode des großen Condé drei Wochen bevor er starb.

Ueber Louis XIV. und den Hof erhalten wir eine Menge von Nachrichten und Eindrücken. Gesprochen hat sie den König jedenfalls noch im Februar 1689 in St. Cyr bei Aufführung der Esther, da er zu den Sitzen schritt, wo sie saß und sie um ihren Beifall für das Stück anging; sie behielt ihre volle »contenance« und blieb, als der König weiter ging, »l'object de l'envie«; die Condés und die Maintenon kamen hierauf auch noch, um ihr freundliches zu sagen; »Je repondis à tout, car j'étais en fortune.« Sie mußte den König längst kennen und beurteilen. Aber es war nicht ihre Schuld, daß dieser Mensch das ganze vornehme Frankreich auf sich und seinen Dienst hatte orientieren können. Mit der Tochter muß sie sich von früh an über Louis XIV. mündlich verständigt haben und es ist unnütz, aus den Briefen ihr Urteil über ihn entnehmen zu wollen in einer Zeit, da jeder Brief aufgemacht werden konnte. Den Hof kannte sie mit all seinem goldenen Elend, mit all den vornehmen Leuten, welche der König absichtlich durch seinen Dienst und dessen weitere soziale Voraussetzungen ruinierte, und dennoch schrieb sie am 31. Mai 1680, sie hätte gerne eine Stelle am Hofe gehabt: »C'est un grand plaisir d'être obligé d'y être, d'y avoir un maître, une place, une contenance; que pour moi, si j'en avais une, j'aurais fort aimé ce pays-là ...« Das Uebelreden auf den Hof sei wie das auf die Jugend bei Montaigne. Noch später einmal wurde wirklich dafür gearbeitet, sie am Hofe zu plazieren. Ihre wirklichen Nachrichten vom Hofe, namentlich vom Auf und Nieder der königlichen Liebschaften haben den Wert, daß sie das augenblickliche Gerede der Hofleute genau wiedergeben; denn dies konnte sie erfahren; allein oft wird dies nicht bestätigt, und sie muß sich nachträglich berichtigen.

Indem wir hier auf ihre Schilderungen der äußern und offiziellen Welt verzichten, wenden wir uns zu dem Bilde ihres Innern.

Ihre fast durchgehende gute Laune ist Sache ihrer Gesundheit, ihrer Selbstbeherrschung und ihres Wohlwollens gegen die andern. Ihre allgemeinen Lebensansichten dagegen sind eher düster, und zwar ohne Rücksicht auf ihre besondere Zeit und Lage.

Mit Mmes de La Fayette und La Rochefoucauld hält sie bisweilen so traurige Konversationen, »daß man uns nur noch zu begraben brauchte.« Alles erwogen, sind die Bedingungen dieses Lebens hart, und es ist grausam mit Bitterkeit gemischt. »Alle ›philosophies‹, das heißt Verzichtstheorien, sind immer nur gut, wenn man sie gerade nicht braucht. Hätte man mich einst um meine Meinung gefragt, so wäre ich am liebsten in den Armen meiner Amme gestorben; damit hätte ich vielen Kummer vermieden und wäre sicher in den Himmel gekommen. Mais parlons d'autre chose.« Und am Ende ihres Lebens 1695/6 schreibt sie: »Von mir aus würde ich nie ein so langes Leben gewünscht haben: II est rare que la fin de la vie n'en soit humiliante.« Aber eine Stimme sagt ihr: »II faut marcher malgré vous.« Und zuletzt bleibt ihr die Ergebung in den Willen Gottes: »Tout est mieux entre ses mains qu'entre les nôtres.«

Wie steht es mit ihrer Religiosität? Sie ist ein Weltkind, und es ist ihre höchste Begabung, dies so zu sein, wie sie es ist; aber sie ist ein schuldloses Weltkind. Das Milieu, in welchem sie mit den Ihrigen zu leben hat, läßt es ihr jedenfalls klug erscheinen, nicht aufzufallen und weder »dévote« noch Jansenistin zu werden. Das Opfer, sich der absoluten Leitung eines Geistlichen zu unterziehen, will sie nicht bringen. Allein sie hat einen offenen Sinn für das wirklich Religiöse, sei es in der Vergangenheit (Kirchengeschichte), sei es in ihrer Umgebung; von Frivolität ist sie so entfernt, als man sein kann. Diejenigen, welche sie am höchsten verehrt hat, waren eben doch Jansenisten: Arnauld d'Andilly, Pomponne und die Seinigen.

Sie hört alle Tage Messe und beichtet regelmäßig; aber kein Beichtvater hat sichtbaren Einfluß auf sie. Daß auch bei der Beichte die menschliche Eitelkeit ihre Rolle spielen könne, sagt sie mit einem Wort, welches La Rochefoucaulds würdig wäre: »On aime mieux dire du mal de soi que de n'en point parler.«

Aeußern Begehungen des Kultus frägt sie nicht viel nach; der Rosenkranz verursacht nach ihrer Meinung mehr Zerstreuung als Andacht, und in Südfrankreich mißfällt ihr das Treiben der Pilger und der »pénitents«. Sie verlangt einen feinen Katholizismus; ihr Hauptprediger ist Bourdaloue, und sie schilt über talentlose Fastenprediger, mit welchen man sich in der Provence begnügen muß. Aber sie ist völlig Katholikin: »Je sais bien ma religion et de quoi il est question«; die Aufhebung des Edikts von Nantes läßt sie kalt oder in den Briefen stellt sie sich so. Und da in jener Zeit »jedermann Missionär wurde«, bekehrte auch sie einen höhern hugenottischen Beamten in St. Malo, indem sie ihm »auf ihr Ehrenwort« versicherte, der Katholizismus sei die wahre Religion. Bei Anlaß einer zu bekehrenden hugenottischen Dame urteilt sie: »Il y a plus d'affaire à devenir chrétienne qu'à se faire catholique.«

Aber inzwischen bleibt die Frage zwischen dem Weltleben und Gott noch immer unerledigt. Arnauld sagt ihr, »que j'étais une jolie payenne und ich sollte mich bekehren.« Und eines Tages gesteht sie: »Je ne suis ni à Dieu ni au diable.« Oefter kommt sie in wahres Verzagen, wenn sie beim besten Willen keine »dévotion« verspürt.

Nachdem sie einen frommen alten Geistlichen zu Tische gehabt hat, wird ihr bewußt: »C'est un saint, mais je ne suis pas sainte, et voilà le malheur.« Auf das stärkste wird sie hin und her bewegt durch die Fragen über die Freiheit und Notwendigkeit, Prädestination, göttliche Zulassung des Bösen; sie sucht überall Aufschluß. Von der Kanone, welche Turenne traf, sagt sie: »Je vois ce canon chargé de toute éternité.«

Inzwischen aber naht der Gedanke an Tod und Ewigkeit.

Am Sterbebette eines verehrten frommen Verwandten, Saint Aubin, überkommt sie das Gefühl: »C'est avec de telles gens qu'il faut apprendre à mourir.« Und wenige Jahre vor ihrem Tode urteilt sie: »Je vis dans la confiance, mêlée pourtant de beaucoup de crainte.«

Einstweilen aber, ihr ganzes späteres Leben hindurch, suchte sie Geist und Seele mit dem edelsten Stoff zu erfüllen.

Als Lektüre läßt sie sich zwar das Vorlesen von Romanen wie Calprenèdes Cléopatre und Pharamond noch gefallen, tadelt sich aber, wenn sie noch stellenweise daran Geschmack findet; dafür ist sie überzeugt, daß das Große und Berühmte der Literaturen aller Zeiten ihr gehöre als wahre Nahrung des Geistes, sowohl die freien Schöpfungen der Poesie, als die wichtigsten Perioden der Weltgeschichte und Kirchengeschichte. Und auch der Tochter möchte sie gerne solche Ueberzeugungen beibringen; doch war Mme. de Grignan minder beharrlich: »J'achève tous les livres et vous les commencez«, meint die Mutter. Ferner liebte die Grignan mehr die Philosophie: »Les choses abstraites vous sont naturelles, comme elles nous sont étrangères«, und endlich war ihr der Mut zum Durchlesen großer Geschichtswerke nicht einzupflanzen.

Unter den Dichtern ihrer Zeit, die die Mutter meist persönlich kannte, steht Corneille weit oben an, und sie will ihm gegenüber Racine gar nicht recht aufkommen lassen; man hat ihr kaum verziehen, daß sie von Racine schrieb: »Qu'il passerait avec le café!« Lafontaine genoß ihre höchste Bewunderung für die »Fables«, eine ungleiche für die »Contes«, Boileau ihre volle Hochachtung; auffallend wenig ist von Molière die Rede.

Was die Literatur der Vergangenheit betrifft, so konnte sie etwas Latein und gut italienisch und pflegte dieses »pour entretenir noblesse«; denn das Italienische ist noch das Vornehme. Das weitmeiste aber las sie in Uebersetzungen: platonische wie lucianische Dialoge, Virgil, Ovid, Tacitus, Plutarch, sogar Quintilians Reden, dann des Josephus jüdischen Krieg. Von den Kirchenvätern las sie den S. Augustin, wenigstens die Schrift von der Prädestination, und die Predigten des Chrysostomus, dann mehrere neuere Werke, wie Fléchier und Maimbourg, über die älteste Kirchengeschichte und über Theodosius den Großen.

Für das Mittelalter, wenigstens das französische, hatte sie jedenfalls erweislich Mézeray zur Hand, von Pharamund bis Henri IV. in drei Folianten, welches Format sie überhaupt nicht fürchtete. Sie hatte nicht bloß niedliche Büchlein mit Goldschnitt in den Händen.

Sie las eine Histoire des Croisades und erbaute sich an Anna Komnena. Dann eine vie de St. Louis, etwa eine Bearbeitung des Joinville. Sie will genau das XIV. Jahrhundert kennen, da die Valois auf dem Thron folgen.

Neben Darstellungen der Reformation und des XVI. Jahrhunderts bis auf Davila melden sich dann die französischen Autoren: Comines, Montaigne, »mon ancien ami«, und in einem verstohlenen Zitat auch Rabelais und zur Seite der weltlichen Literatur des XVII. Jahrhunderts die Bücher von Port Royal und mit höchster Verehrung: Pascal.

Während ihres Aufenthaltes im Sommer 1680 aux Rochers besitzt sie in ihrem Cabinet eine ausgewählte Bibliothek von vier Tablettes mit den Materien: »Dévotion«, »Histoires«, »Morale«, »Poésie et Mémoires«, daneben: »les romans sont méprisés et ont gagné les petites armoires.« Gegen das Neue des Tages ist sie eher mißtrauisch. Was sie der Tochter schreibt, ist nicht Kritik oder esprit über die betreffenden Bücher, sondern einfache Erwähnung oder begeisterte Empfehlung in zwei Zeilen.

Allein neben dieser Lecture war sie oft und lange in Anspruch genommen durch das, was man Geschäfte nennt und wofür französische Frauen eine besondere Begabung haben. Ihre Schule hierin verdankte sie dem »Bien bon«, der so lange er lebte und gesund war, ihr dabei auf alle Weise half. Sie versteht es, Pachtverträge zu schließen, Prozesse zu führen, Korn zu verkaufen und anderes. Es handelte sich um nichts geringeres als um die Existenz, und sie hat einst ihre Wohnung in Paris, wahrscheinlich die im Hôtel Carnavalet, plötzlich verlassen und ein Jahr aux Rochers leben müssen, um dort, bei Sohn und Schwiegertochter, die Dinge wieder in ein Geleise zu bringen und selber wohlfeiler zu existieren: »manger mes provisions«. Außer dem stets drohenden Ruin des Hauses Grignan waren auch die Sévignés etwa auf dem äußersten. Zunächst ward ein durch Aemter aufgenötigter Aufwand erforderlich. Bei Sohn und Tochter wurde unbesonnen gelebt, und bei den Grignans kam ein großer Train und hohes Spiel hinzu; die Grignans fraßen ein Vermögen nach dem andern; außerdem aber zahlte der durch sogenannte erfolgreiche Kriege mehr und mehr verarmende König bald diese, bald jene Besoldung (pension) nicht mehr und ließ alle Welt bluten; für die bretagnischen Besitzungen, les Rochers und andere, kam noch hinzu, daß Bauernaufstände in jener Provinz Strafbesatzungen und dergleichen nach sich zogen, welche viel mehr schadeten, als die Aufstände selbst.

Es wäre eine lehrreiche und traurige ökonomische Geschichte dieses Hauses zu erzählen. Nachdem die Mutter für Tochter und Sohn alles aufgeopfert, ist ihre letzte Zeile, vom 3. Februar 1695, hierüber: »Je mourrai sans aucun argent comptant, mais aussi sans dettes; c'est tout ce que je demande à Dieu, et c'est assez pour une chrétienne.«

Immerhin blieben die unverkäuflichen oder wenigstens nicht verkauften Güter und der edelste und einfachste Genuß derselben: die Freude an schönen Bäumen und Pflanzungen, am goldenen Laube des Herbstes, am dämmernden Abendhimmel und dessen Wolkengebilden, endlich an den Mondnächten. In der Bourgogne hatte sie das altväterische Bourbilly, »le château de mes pères« (der Rabutins) mit den schönen Wiesen, dem Bach und der malerischen Mühle. In der Bretagne ist vom Schloß Sévigné bei Rennes nur obenhin die Rede, desto mehr aber von les Rochers, gelegen gegen die Grenze von Anjou und die Loire-Mündung hin. Hier hatte sie offenbar schon zur Zeit ihres Gemahls einen Teil der Anlagen neu gepflanzt und erlebte noch, daß die Bäume 40-50 Fuß hoch wuchsen; sie versah dieselben mit lateinischen und italienischen Schrifttafeln, und bei jedem Aufenthalt pflanzte sie neues: le mail, le cloître, le labyrinthe. Sie jammert, als der Sohn auf dem Gute Buron herrliche alte Bäume fällen ließ, für einen Erlös von 400 Pistolen, »von welchen in einem Monat kein Sou mehr da sein wird.« Und dann folgt erst noch der Wald, le Bois des Rochers. Hier wandelt sie allein mit ihrem Stock, begleitet nur von der Dienerin Louison. Was sie liebt, ist: »L'aimable serein, le plus ancien de mes amis ...« »La solitude de l'entre-chien-et-loup.« Einmal sind ihr als Rekonvaleszentin die Gänge im Mondschein verboten: »Je ferme les yeux en passant devant le jardin pour éviter la sensation.« Und da sie auch einen Winter dort zubringt, schreibt sie am 2. Dezember 1689: »Ne vous représentez point que je sois dans un bois obscur et solitaire avec un »hibou« sur ma tête; ... rien ne se passe si insensiblement qu'un hiver à la campagne; cela n'est affreux que de loin.«

In dem umgebenden Landvolk, dessen wilde Gärung sie erlebt hatte, erkennt sie doch auch Eigenschaften, von welchen sonst damals niemand redet: »Je trouve des âmes de paysans aimant la vertu comme naturellement les chevaux trottent,« trotz des spaßhaften Ausdruckes ein Wort, welches ihr die größte Ehre macht.

Auf ihren Reisen aber erweitert sich ihr Blick bis zum Entzücken über landschaftliche Schönheit; sie genießt wie damals überhaupt nur wenige und wie gewiß kaum eine andere Frau den Anblick der Gelände an der untern Seine und Loire und bewundert den großen Umriß des Mont St. Michel, so weit sie ihn sehen kann. Die Aussicht von dem etwas hochgelegenen Grignan aus, wo weit über Languedoc und Provence der Mont Ventoux herrscht, gibt ihr das Wort ein, welches durch sie möchte in die Literatur eingeführt worden sein: »J'aime fort tous ces amphithéâtres!« Und selbst im Winter auf Grignan, da unten die Rhone und oben die Tintenfässer bei der Bise gefrieren und man nur Schnee atmet, schreibt sie: »Nos montagnes sont charmantes dans leur excès d'horreur,« und sie wünscht nur, daß ein Maler da wäre, »pour bien représenter l'étendue de toutes ces épouvantables beautés.« Hier überspringt ihr Verlangen ein volles Jahrhundert; erst unsere Zeit hat die Darstellung der Schneeberge als eines großen, nicht bloß zufällig mitzugebenden Gegenstandes nachgeholt.

Es wäre nun einladend, bei diesem Anlasse auch von der Art, wie Mme de Sévigné reiste, etwas zu sagen. Denn alles, was sie berichtet, wird interessant durch ihre ungesuchte Frische der Wahrnehmung und Erzählung. Allein um der Kürze willen muß auf dies wie auf so vieles andere, das aus ihr zu lernen ist, verzichtet werden, leider auch auf das Kapitel von der Medizin, worin sie eine wesentliche Ergänzung und Bestätigung Molières bietet. Es war die Zeit, da die Aerzte gravitätischere Gesichter machten als je und sich dabei doch als Quacksalber taxiert fanden. »J'ai vu«, schreibt sie 1676 aus Paris, »les meilleurs ignorants d'ici.« Jeder rät etwas anderes, und sie folgt keinem. In Vichy findet sie, man brauche die Herren nur anzusehen, um sich ihnen nie mehr auszuliefern; werte Personen, die man in ihren Händen weiß, werden hoffentlich trotz ihrer Behandlung gesund werden. Natürlich doktern nun Fremde, Engländer, auch Kapuziner und Privatleute. Am Sterbebette La Rochefoucaulds parteien sich Freunde und Familie zwischen dem frère Ange und dem sogenannten Engländer, welcher endlich seine Mixtur eingeben darf, und tags darauf stirbt der Kranke. Die Princesse de Tarente hat seltene und kostbare Mixturen und heilt eine Menge Leute; Mme de La Fayette trinkt Vipernbrühe, und, merkwürdig!, wenn man diesen Tieren Kopf und Schweif abgehauen hat und ihnen auch die Haut abzieht, bewegen sie sich dennoch, »wie alte Leidenschaften.« Hausmittel der merkwürdigsten Art, sympathetische Kuren werden gepriesen: »Riez-en, si vous voulez.« Interessant ist außerdem der von Brief zu Brief wechselnde Kredit der neuen Genußmittel Kaffee, Tee und Chocolade.

Nach allem diesem wäre nun noch von ihren Briefen als solchen zu reden, und zwar zunächst von dem Institut, welches dieselben zu befördern hatte, von der Post.

Hier wurden auf geheimen Befehl unaufhörlich Briefe intercipiert; die Beamten, hiedurch demoralisiert und frech geworden, nahmen es dann mit ihrer einfachen Pflicht nicht mehr genau und brandschatzten nun ohne Zweifel die geängstigten und nervösen Briefsteller; die größten Damen mußten einzelne Postcommis zu Freunden gewinnen. Eine Mme Sévigné schreibt in ihrem Jammer zu Händen der Subjekte von Beamten, welche unterwegs irgendwo ihre Briefe aufmachen werden: »Messieurs, Sie haben ja doch kein Vergnügen beim Lesen und machen den Korrespondierenden vielen Kummer; mögen Sie wenigstens die Briefe wieder zumachen, damit dieselben richtig an ihre Bestimmung gelangen!«

Es gab freilich in Frankreich eine Briefstellerin, welche hoch genug stand, um etwa die Worte zu wagen: »Die Minister mögen nur aufmachen lassen und »ihre eigene Schand« lesen.« Es war die Schwägerin des Königs, Elisabeth Charlotte von der Pfalz, Herzogin von Orleans; ihre Korrespondenzen stehen an historischem Gehalt unermeßlich höher als die der Sévigné als Frau und Verwandte war sie ebenso ehrenhaft; die beiden Stile aber bilden einen Kontrast, den man ohne Heiterkeit nicht verfolgen kann. Der der Sévigné ist reine französische Eleganz, der der Herzogin ein unvergleichliches originales Pfälzerdeutsch. Die Sévigné hatte ihr 1672, bald nach ihrer Ankunft, die Aufwartung gemacht und schrieb damals: »Je trouvais Madame mieux que je ne pensais, mais d'une sincérité – charmante.« Die Offenherzigkeit war das Hauptvergnügen der Elisabeth. Sie war ungeniert wie ein Reitersmann.

Dann teilte die Princesse de Tarente, geborene von Hessen und Tante der Elisabeth Charlotte, der Sévigné einige Briefe der Herzogin mit, indem sie ihr dieselben bestmöglich übersetzte und erklärte. Dagegen scheint es nicht, daß Elisabeth Charlotte eine Kunde gehabt hätte von ihrer großen Zeitgenossin im Briefschreiben, und die gedruckten Sammlungen von deren Briefen hat sie nicht mehr erlebt. Dieselben begannen etwa dreißig Jahre nach dem Tode der Sévigné.

Da lernte man denn in ganz Frankreich eine Autorin kennen, die schon vom Wetter ungesucht so zu schreiben weiß, daß man es noch heute lesen mag; man bewunderte jene zahllosen Charakterzüge und Porträts in wenigen Worten, wobei man doch die Leute vor sich zu sehen glaubt; die französische Literatur, ja die französische Nation war um eine Gestalt reicher, welche man nie mehr entbehren möchte.

In vertrautem Kreise waren ihre Briefe schon frühe herumgegeben worden, und ein Echo der Bewunderung drang bis zu ihr. Sie hatte jedoch ein bescheidenes Bewußtsein vom Werte ihrer Tätigkeit: »Mon style naturel et dérangé ...« »Vous savez que je n'ai qu'un trait de plume; ainsi mes lettres sont fort négligées, mais c'est mon style, et peut-être qu'il fera autant d'effet qu'un autre plus ajusté.« Dies sagt sie aber nur inbetreff eines mitgesandten Briefes an einen Bischof, wie denn auch ihre Briefe an Bussy um einen Grad absichtlicher sind als die übrigen.

Als sie einst wegen der geschwollenen Hand diktieren mußte, sagte ihr Corbinelli: »Que je n'ai point d'esprit quand je dicte.«

Sonst läßt sie sich völlig gehen und sie kann sich ungestraft gehen lassen; dies nennt sie: »dem Pferd den Zügel auf den Hals legen.« In ungesuchter Schönheit rollen die einfach gegliederten Sätze dahin, und über allem waltet eine edle Persönlichkeit.

Eine alte Frage ist, ob Mme de Sévigné »imitable« oder »inimitable« sei? Einen Einfluß hat sie auf das ganze Briefwesen der höhern Stände unleugbar gehabt, und noch der letzte Teil der Briefe der George Sand würde nicht ganz so lauten, wie er lautet, wenn es keine Sévigné gegeben hätte.

Sie wirklich nachahmen, einen Eindruck, wie sie hervorbringen zu wollen, wäre eitel; denn vor allem sind wir nicht Mme de Sévigné aber ihre Diktion kann recht wohl zum Muster dienen.

Und wessen Französischsprechen etwas eingerostet ist, der wird mit großem Nutzen einige Bände dieser Briefe lesen, welche ja der reine Weiterklang einer Konversation sind, und welcher Konversation!

Anmerkungen. Als Fußnoten an der jeweiligen Verweisstelle im Text wiedergegeben. Re. für Gutenberg


 << zurück weiter >>