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Der Zustand Roms unter Gregor dem Grossen

3. Dezember 1857.

Akademischer Vortrag auf dem Rathaus in Zürich. Das Manuskript fehlt. Der Abdruck findet statt nach der Publikation in dem Feuilleton (der Beilage) der Neuen Zürcher Zeitung vom 5. und 8. Dezember 1857. Mehrere Exemplare dieser beiden Feuilletons im Jac. Burckhardt-Archiv, Nr. 171. Der Verlag der Zeitung, Orell, Füßli & Comp. hatte, wie sich aus dem noch vorhandenen Brief-Umschlag und dem Siegel (O. F. & C.) erweisen läßt, Burckhardt mehrere Exemplare zugestellt. Es ist somit anzunehmen, daß Burckhardt das Manuskript des Vortrages, ob er ihn nun wirklich ganz frei (s. Trog, Biographie S. 98) oder mit Benützung der Niederschrift gehalten, der Redaktion zur Verfügung gestellt hat. Diese Umstände und der normale Umfang des Vortrages dürften als äußere Beweise dafür dienen, daß in diesem Abdruck mehr als ein Referat vorliegt. Als innere Gründe darf man füglich den echt Burckhardtschen Stil, echt in dem Bau der Perioden, im Satzabschluß und Tonfall, in der Wortwahl, schließlich auch in dem künstlerischen Herausarbeiten des Kontrastes zwischen den allgemeinen Zuständen und der Persönlichkeit Gregors sehen. Das Archiv überliefert überdies Burckhardts Auszüge aus den Quellen (Briefe, Viten etc. Gregors) und das Schema des Vortrages mit der Notiz von Burckhardts Hand: Billets an De Boni, G. Keller, Widmer, Schinz.

 

Der Gegenstand, den ich gewählt habe, bedarf wohl keiner besondern Entschuldigung und Rechtfertigung; das Schicksal der Weltstadt Rom in den verschiedenen Jahrhunderten ihres Daseins, die zugleich Weltalter sind, dürfte wohl nicht nur den Altertumsforscher, sondern jeden Gebildeten überhaupt interessieren. Ansprechender zwar wären vielleicht Bilder wie aus den punischen Kriegen, wo die höchste Entfaltung einer mächtig nach außen drängenden Kraft Hand in Hand ging mit der edelsten Aneignung hellenischer Bildung; ansprechender wäre vielleicht die Schilderung des Zustandes unter dem Kaiser Augustus, der aus einer Stadt aus Ziegelhäusern Rom zur Marmorstadt umschuf, während zugleich Kunst und Literatur ein goldenes Zeitalter feierten; ansprechender vielleicht die Darstellung der weltumspannenden Größe Roms zu Trajans glänzenden Zeiten. Aber auch die Zeiten des Verfalls und Untergangs haben ihr heiliges Recht auf unser Mitgefühl; auch zu ihrer Darstellung sind wir von Rechtswegen verpflichtet. Eine solche Zeit des Untergangs, des tiefsten Jammers ist das Pontifikat Gregors des Großen, in den Jahren 590 bis 604. Wir haben zu unserm Zwecke zunächst einteilungsweise die Schicksale Roms und seiner Stadtbevölkerung seit den Zeiten des sinkenden Römerreiches einer genaueren Betrachtung zu unterwerfen.

Schon auf dem Gipfel seiner Macht hatte Rom nie die ungeheure Bewohnerzahl, die man ihm früher gewöhnlich zutraute. Sie überstieg wohl kaum je 500,000, mit Garnison, Fremden und Vorstädtern wohl kaum 600,000. Diese Bevölkerungszahl mochte stationär immer ungefähr die gleiche sein bis ins 3. Jahrhundert, bis die Pest unter Gallienus sie schmälerte. Ein jugendliches Volk erträgt leicht solche Unglücksschläge, ein schon im Absterben Begriffenes empfängt dadurch tödliche Wunden. Doch haben wir hierüber keine näheren ausdrücklichen Angaben, sondern müssen induktiv aus andern Nachrichten darauf schließen. Gegen Ende des 3. Jahrhunderts verlor Rom die Residenz; Nikomedien, Byzanz, Mailand, Trier erhielten diese Ehre. Ob dieser Verlust für die Stadt groß gewesen sei, weiß ich nicht zu sagen: die Kornverteilung und die öffentlichen Spiele blieben; es blieben die großen reichen Familien als senatorischer Stand. Durch das ganze 4. Jahrhundert hat hingegen die Bevölkerung vielleicht nur unmerklich geschwankt. Anders aber im 5. Jahrhundert, als die großen Todesstöße es in seinem innersten Bestande verletzten, als die äußersten Provinzländer – Gallien, Spanien, Afrika – ihm verloren gingen, als demnach die Kornverteilungen geschmälert wurden, die barbarischen Horden in Rom eindrangen, und wenigstens die edeln Metalle und selbst manche der vornehmsten Familien mit sich wegführten. Es ist die Plünderung der Westgoten unter ihrem Heerführer Alarich, 408-410, und namentlich die Einnahme Roms durch die Vandalen, 455, gemeint. All dieses Unglück wurde dann noch durch Jammerscenen bei den innern Kämpfen des Anthemius und Ricimer, dem Oberhaupte seiner Leibgarden, auf die Spitze getrieben. Endlich ging das Römerreich 476 unter. Es herrschten nunmehr die Heruler unter ihrem Führer Odoaker, seit 493 die Ostgoten, den König Theodorich an der Spitze. Aus dieser Zeit haben wir umständlichere Urkunden, besonders die Korrespondenz des großen Ostgotenkönigs, unter dem Namen seines Geheimschreibers Cassiodorus. Wohl der zehnte Teil dieser Nachrichten bezieht sich auf Rom und römische Dinge, während von Ravenna, Pavia, Verona etc., die sonst die Spitze der Herrscher waren, wenig die Rede ist. Wir erfahren daraus eine Menge Details: daß noch Aufführungen und Spiele gegeben, das Theater des Pompejus, 30,000 Zuschauer fassend, der Circus maximus mit einem Raum für 150,000, die römische Bevölkerung noch immer einlud; daß im Kolosseum noch immer, wenn auch nicht die blutigen Kämpfe der Gladiatoren, so doch die berühmten Tierhatzen die schaulustige Menge ergötzten. Wir erfahren: Theodorich habe eigens einen Architekten nach Rom gesandt, um die Bauwerke in gutem Stande zu erhalten; er habe sogar Besorgnis wegen der Parteiungen gehabt, welche sich auf die Aufführungen in Theater und Zirkus bezogen, von welchen diejenige zwischen den Grünen und Blauen allgemeinere Berühmtheit erhalten; er habe den Senat mit außerordentlicher Zuvorkommenheit behandelt, sei in seiner Ergänzung mit der größten Behutsamkeit zu Werke gegangen. Diese und ähnliche Winke würden uns auf eine Bevölkerung von Hunderttausenden hinweisen, wenn nicht andere Tatsachen uns vermuten ließen, daß Theodorich die Dinge glänzender ansah, als sie waren. Offenbar hatte er die Voraussicht, daß die Ostgoten unter seinen Nachfolgern in Verfall geraten würden, daß sich der Schwerpunkt von ihnen weg und auf die Seite der Romanen neigen und dann Rom wieder würde zur Residenz erhoben werden. Für diesen Fall war es nötig, der Nachwelt ein glänzendes Rom mit Spielen, Tierkämpfen und Theater, mit einer vornehmen und gebildeten Gesellschaft zu hinterlassen. Daher rühren die Angaben über Theodorichs Behutsamkeit in der Erwählung von Senatoren und den übrigen Maßregeln zur Erhaltung der Größe der Stadt. Zwischen diesen Nachrichten aber findet sich ein für ihre Würdigung bedenklicher Brief Theodorichs: »Er habe erfahren, daß in Rom trotzige und gewalttätige Leute von den 19 Aquädukten einige abzustellen, das Wasser in Privatmühlen und Gärten zu leiten gewagt haben; es gebe so verworfene Menschen, welche die ehernen Zierden von den öffentlichen Gebäuden raubten, oder sogar diejenigen Staatssklaven für sich in Anspruch nehmen, welche bisher mit der Reinigung und Aufsicht der Wasserleitungen betraut gewesen seien.« Daraus können wir, wenn auch nicht sichere, so doch hypothetische Schlüsse ziehen auf den Zustand, wie er in Wahrheit gewesen sein mag. Welcher bisherigen Bestimmung diente das Wasser, das man damals der Stadt entziehen durfte? Den Thermen und öffentlichen Fontainen, welche früher in der ganzen Stadt in reichlicher Menge gesprudelt. Und darum entzog man es ihnen, weil der Schönheitssinn der Bewohnerschaft erstorben, der früher an diesen Dingen sein Gefallen gefunden hatte, weil die Bevölkerung die Thermen nicht mehr füllte, und es sich deshalb nicht mehr der Mühe lohnte, diese weitläufigen und kostspieligen Werke in Stand zu halten. Mehrere der größten Thermen, die weiter von den belebten Teilen der Stadt ablagen, waren längst vielleicht nicht mehr in dem gehörigen Zustand; wer weiß, ob nicht ihre Türen vermauert waren und Kröten und Molche darin hausten. Ganze Quartiere der Stadt lagen wohl schon öde und leer, wenn solche Dinge möglich waren. Wenn man es auch nicht historisch beweisen kann, so läßt sich wenigstens vermuten, daß schon zur Zeit des Theodorich kaum mehr als 100,000 Menschen Roms Bevölkerung ausgemacht haben.

Unter dessen nächsten Nachfolgern traten neue große Unglücksfälle ein. Rom geriet mitten in den großen Krieg hinein, durch welchen der Kaiser Justinian mit Hilfe seiner Feldherrn Belisar und Narses Italien wieder den Händen der Ostgoten entriß und der nach 20 blutigen Jahren mit gänzlicher Vertilgung und Flucht derselben endete. Rom war durch seine wenn auch gelichteten Reichtümer, durch seine zudem der Befestigung fähige Lage inmitten Italiens natürlich noch immer ein begehrenswerter Ort für jeden Kriegsherrn. Als solcher wurde es mitten in die unglückseligen Ereignisse hereingezogen. Ewig denkwürdig ist die Belagerung Belisars in Rom durch die Ostgoten, 537, in der nicht bloß ganze Statuen auf die belagernden Feinde herabgeworfen, sondern auch Weiber, Kinder und Sklaven ausgewiesen wurden, um, wohl in nicht geringer Zahl, in Elend, Hunger und Krankheit ihr Ende zu finden. Hernach wurde es nochmals eingenommen durch den großen Totilas, 549. Dieser wollte die Stadt die ganze Strenge eines Feindes fühlen lassen; er wies für einige Zeit sämtliche Einwohner aus, und Roma stand leer da. Ja, diese Stadt sollte damals ganz zerstört werden. Als St. Benedikt von Nursia von einem ihn besuchenden Priester vernahm, Roms letzte Stunde habe geschlagen, da äußerte er sich: »Glaube mir, es wird nicht zerstört werden durch Barbaren, sondern es wird in sich selbst zusammensinken, in sich erschüttert durch Blitzstrahlen und Ueberschwemmung.« Zugleich sandte Belisar einen Brief an Totilas, wodurch er den Fluch aller künftigen Generationen auf ihn herabrief, wenn er diese Freveltat wage. So unterblieb das Unglück; er begnügte sich, etwa 1/3 der Mauern und Tore niederzulegen.

Nach dem Sturze der Ostgoten ergriffen die byzantinischen Beamten die Zügel ihrer schändlichen, quälerischen, Land und Leute frech aussaugenden Regierung. Nichts desto weniger hatte sich die Bevölkerung wieder etwas gehoben.

Allein gegen 570 brach ein neues Barbarenvolk in Italien ein, die Longobarden; keines der geringsten der Völkerwanderung, aber weder mit solcher Kultur noch solcher Kulturfähigkeit wie die Ostgoten. Mit wildem Schwung stürmen sie ein in das Land, durchrennen es mit merkwürdiger Vehemenz, gewinnen unter ihren Königen (Alboin, Clepho, Authar und Agilulf) beinahe den ganzen Kontinent, mit Ausnahme von Istrien, den Inseln von Venedig, dem Landstrich von den Pomündungen bis über Ankona, Sardinien, Sizilien, Korsika, Stücken von Apulien und Kalabrien, der Umgegend von Neapel und Rom, samt seiner Umgebung. Während dieser Zeit litt Rom aufs allerentsetzlichste; die Longobarden jagten an dieser Stadt rastlos auf und nieder; wo ein Landbauer gefunden wurde, da wurde er gepackt und in die Sklaverei verkauft; es war nicht mehr möglich, die Umgegend zu bebauen. Natürlich stellte sofort der Hunger sich ein. Nicht bloß die Wut der wilden Longobardenfürsten brachte Rom an den Rand des Abgrundes, sondern die Natur tat noch das Uebrige. In qualvollem Zusammenhang hatte Rom gleichzeitig die Schrecken von dreierlei Geißeln zu erdulden; Ueberschwemmung, Pest, Feuersbrünste. Die Tiber war immer zu Zeiten aus den Ufern ausgetreten und tut es noch fortan; aber eine kräftige Bevölkerung weiß dieser Naturmacht wenigstens einigermaßen zu begegnen; sie erneut und erbaut immer wieder Schutzwehren, unterstützt die unterwühlten Gebäude, leitet das stehende Wasser ab. Aber eine Bevölkerung, welche siech oder klein ist, kann dies nicht mehr. Aus den Pfützen und Sümpfen stiegen die Dämonen des Fiebers empor und belagerten ihrerseits die Stadt. In so entsetzliche Not geriet die Stadt, daß z. B. der Papst für seine gewöhnlichen Geschäfte kaum noch einen Kleriker auftreiben konnte, der sich auf den Beinen halten konnte. Und diese elenden Körper fielen dann als leichte Beute einer pestartigen Krankheit, welche von außen kam, anheim; die Leute starben haufenweise weg. Bald regte sich auch niemand mehr, wenn etwa Feuer ausbrach, durch Blitzstrahl oder Nachlässigkeit; man ließ glimmen und brennen.

In solcher Zeit bestieg einmal der Mann, von dem wir hauptsächlich zu reden haben, den Marmorthron in einer der Basiliken und sprach in seiner 18. Predigt über den Propheten Ezechiel ungefähr in diesem Sinn: »O dieses Rom, diese einstige Herrin der Welt, wie sehen wir sie niedergetreten von tausend Uebeln, von Feinden umringt, von Bürgern entblößt und im Innern Einsturz an Einsturz! Wo sind die Mächtigen und wo die Masse? Verschwunden ist der Staat, und weg stob das Volk! Uns wenige, die übrig sind, drängt täglicher maßloser Jammer und das Schwert der Feinde. Der Prophet sagt: »Stelle den Topf leer auf die Glut,« – so brennt jetzt Rom als leere Stadt; wo die Menschen verschwinden, stürzen Wände und Mauern nach. Wo sind die, welche einst hier wohnten und herkamen, um sich zu erfreuen an der Glorie? Wo ist ihr Pomp und Uebermut? Alle sind dahin und niemand kommt; ja selbst die, welche uns drückten und aussogen (die byzantinischen Beamten), wo sind sie hin?« Ein solcher Prediger in der Wüste verdient Beachtung. Wir haben es hier nicht zu tun mit Gregor dem Hierarchen, dem Korrespondenten von hundert Bischöfen des Abendlandes, dem Bekehrer der Angelsachsen und dem meist siegreichen Bekämpfer der byzantinischen Ansprüche; sondern nur mit demjenigen Gregor, welcher seine Stadt hütete, verteidigte und nährte.

Gregor stammte aus einer der vornehmsten römischen Familien, aus dem Geschlechte der Anicier, welches schon zur Zeit der punischen Kriege konsularische Fasces und triumphale Ehren genossen hatte. Im 4. Jahrhundert war ein Glied der Familie erster Staatsminister (praefectus praetorio). Später gehörte St. Benedikt von Nursia, wie man sagt, zu dieser Familie. Kühne Genealogen haben sogar das Haus Habsburg von diesem Geschlechte ableiten wollen; dieser Mythus freilich ist schon seit mehr als zwei Jahrhunderten auch in Wien aufgegeben worden.

Wahrscheinlich in den letzten und schrecklichsten Zeiten des ostgotischen Krieges geboren, wurde er, vielleicht als Kind, da Totilas die Stadt leerte, mit nach Kampanien genommen. In der Folge machte er zu Rom die üblichen Studien in Rhetorik, Dialektik und Grammatik, in den, wie seine Biographen aus dem 9. Jahrhundert naiv berichten, damals noch guten Schulen.

Er zeigt überall eine bedeutende Persönlichkeit, so daß man dadurch mannigfach weggeführt wird über den zunehmenden Barbarismus der Ausdrucksweise. Oder näher: Das Bedeutende gehört ihm an, das Befangene dem Jahrhundert. Bei dem großen Mangel an hervorragenden Männern konnte es ihm nicht schwer fallen, bald zu den höchsten Ehrenstellen emporzusteigen; er wurde Prätor, nach einigen sogar Stadtpräfekt. Auf einmal legte er aber alle Stellen nieder, begab sich der Herrlichkeit der Welt, gründete Klöster, so das Andreas-, jetzige Gregoriuskloster auf dem Cölischen Berg, sechs andere in Sizilien, verteilte den Rest seiner Habe unter die Armen und wurde Mönch in dem von ihm gestifteten Kloster. Es ist die jetzige große Camaldulenser-Abtei San Gregorio, eine schöne, malerische Gebäudegruppe am Abhang gegenüber dem Palatin. Ueber eine breite, einladende Freitreppe steigt man empor in die Vorhalle, welche mit edeln Marmordenkmälern der italienischen Renaissance geschmückt ist. Die Kirche, erfüllt mit Erinnerungen an Gregor, enthält noch in einer Nebenkapelle seinen marmornen Thron. Ein anderer Ausgang aus der Vorhalle führt in einen Garten, an dessen Ende noch Ruinen vom Palaste der Anicier emporragen. In dem Garten stehen seltsam zusammengruppiert drei Kapellen. Die nächste ist der Mutter Gregors gewidmet, jener guten alten Silvia, welche ihm täglich in dem einzig noch übrig gebliebenen silbernen Schüsselchen der Familie das Gemüse schickte, von welchem er lebte; auf dem Altar steht ihre Statue, und drüber in der Nische hat Guido Reni sein wunderbar fröhliches Engelkonzert gemalt. Die mittlere, größte Kapelle ist zu Ehren des heiligen Andreas erbaut; es ist die Stätte jenes berühmten Wettkampfes in der Freskomalerei, wo Domenichino die Marter des Heiligen, Guido Reni seine Ausführung zum Richtplatz dargestellt hat. Die dritte Kapelle gehört ganz St. Gregor; hier findet sich noch der steinerne Tisch, an dem er täglich 12 Arme speiste, – als dreizehnter soll sich einst der Schutzengel eingefunden haben. Ueber dem Altar thront die Marmorstatue des Heiligen, das Werk eines mittelguten Meisters des sinkenden 16. Jahrhunderts, Nicolo Cordieri; das Haupt aber, nach der Charakteristik Gregors durch seine Biographen dargestellt, zeigt Milde, Ernst, Besonnenheit, verschlossene Kraft, so wundervoll in Eins geschmolzen, daß die Sage, welche es dem Michel Angelo zuschreibt, Glauben verdient.

In diesem Kloster, scheinbar glücklich und zufrieden, lebte er im strengsten benediktinischen Habitus. Bald aber wurde er zum Diakon ernannt und als stehender Agent an den Hof von Byzanz gesendet (zu welcher höchst wichtigen Sendung nur die Fähigsten ausgewählt wurden), wo er drei Jahre lang sich aufhielt. Daß er auffallenderweise in dieser langen Zeit nicht griechisch lernte – wie er wenigstens selbst versichert –, scheint nur durch eine gewisse Gleichgültigkeit gegen die griechische Bildung erklärbar zu sein, so wie auch durch ein theologisches Vorurteil, daß die Griechen nicht ganz reinen Glaubens seien. Nachdem er nach seiner Rückkehr noch einige Zeit im Kloster zugebracht, wurde er im schrecklichsten Momente zum römischen Bischof ernannt. Es ist wohl zu glauben, daß er sich dagegen gesperrt, in einem Korb aus der Stadt schaffen ließ und nur durch Gewalt und List zur Annahme des Amtes gebracht werden konnte. Nachdem er es aber einmal übernommen, ergriff er mit fester Hand die Zügel und ließ sie nicht mehr los. Und dies war im höchsten Grade nötig; denn die byzantinischen Beamten waren teils geflohen, teils weggestorben, teils hatten sie offenbar sonst den Kopf verloren. Sein Erstes war: um jeden Preis Korn für sein darbendes Rom herzuschaffen. Er treibt alle waffenfähigen Männer zusammen, um Tore und Türme zu bewachen; denn auch die byzantinische Besatzung war, wie es scheint, weggestorben. Er setzte sich in Verbindung mit den noch in Italien stehenden byzantinischen Militärkommandanten, er unterhandelte mit den Longobarden, schloß interimistische Verträge mit ihnen ab. Als ihm einst die Komplizität in einem Mordanschlag gegen die Longobarden angetragen wurde, wies er sie zurück; er sagt in einem Briefe: »Wenn ich gewollt, so lebte weder ein König noch Herzog, noch Großer der Longobarden mehr.« Sie sollten sich bekehren und leben.

In gleichem Sinne schrieb er an den Bischof von Narni, während dieser jeden Augenblick unter den ihn umgebenden pestkranken Longobarden seinen Tod zu erwarten hatte: »Weil denn doch alles Fleisch diesen Weg gehen muß, so sag' allen, welche noch Heiden und Arianer sind, sich wenigstens noch vorher taufen zu lassen.«

Ein solcher Mann konnte gegenüber der byzantinischen Regierung ganz anders auftreten als die nächsten Vorgänger. Er hatte das Papsttum nicht glänzend angetroffen. Zwar besaß er die uralte Erbschaft der Reverenz des ganzen Abendlandes; ferner große Domänen in allen Teilen desselben, wenn auch gerade seine Vorgänger, ernannt von der byzantinischen Herrschaft, deren Kreaturen hatten heißen können. Nun wurde dies anders; er trat energisch gegen den Kaiser Mauritius auf, geriet mit ihm sogleich in Hader über Fragen aller Art. Auch scheute er sich nicht, die Wirtschaft der Beamten an die Kaiserin Konstantina zu berichten; er rückt ihr alles vor, wie schändlich sie im Lande hausen, sich alle Verbrechen abkaufen lassen, Lizenz erteilen selbst dafür, daß man Heide bleiben dürfe, wie sie die Unglücklichen bedrücken, die Sizilianer zwingen, ihre Kinder zu verkaufen, um die Steuer aufzubringen. Ob er viel damit erreichte, ist nicht bekannt; genug daß er es überhaupt gesagt. Und er hatte die Befriedigung, seinen Hauptfeind Mauritius gestürzt zu sehen, freilich durch einen noch viel schlimmem Nachfolger, Phokas.

Unter solchen Umständen konnte man fragen, wer denn eigentlich der Herr von Rom sei? Dem Rechte nach der Kaiser zu Konstantinopel, der Sachlage nach, wer Rom zu essen gab. Die Römer waren von jeher gewohnt, sich von den Provinzen füttern zu lassen; weshalb sollte es denn jetzt anders sein? etwa weil man in Not war? Dieser Grund war nicht stichhaltig für sie. Nun fanden zwar noch immer auch kaiserliche Kornspenden statt; aber ihre Verteilung war vielleicht auch schon in den Händen der Geistlichen; und anderseits waren sie ohne Zweifel gering im Vergleich zu denen des päpstlichen Stuhles. Dieser hatte noch ungeheure Güter, selbst nachdem Afrika 429 an die Vandalen verloren gegangen war; ja selbst noch als die Longobarden das ganze Binnenland von Italien besaßen. Die noch vorhandenen Güter lagen in Dalmatien, Istrien, Sizilien, Sardinien und Gallien. Die Aufsicht über diese Güter führte eine teils reisende, teils stationäre Beamtenschaft von lauter Geistlichen, Diakonen, Subdiakonen, Notaren, Defensoren und Schreibern. Eine eigene päpstliche Flotille vermittelte, wie es scheint, die verschiedenen auswärtigen Domänengüter mit Rom. In der Verwaltung derselben war ein gewisser Schlendrian eingerissen. Gregor sah gleich, wo es fehlte. Ein paar Stellen aus seinen Briefen sprechen klarer als jede Ausführung seinen Sinn und seine Befähigung zur Verwaltung des Patrimoniums aus. Aber nicht nur ökonomische Einsichten hatte er und Kraft, durch den Sauerteig durchzugreifen und das Ganze zu bessern, sondern er war ein gerechter Besitzer. Da und dort hatte sich Privateigentum mit Kirchengütern vermengt, ohne daß man es recht wußte wie. Er bedrohte einen seiner Beamten in einem Briefe mit dem Zorn Gottes des Höchsten, wenn er diese Güter nicht sofort ausscheide und an die Eigentümer zurückstelle. Ferner war er ein milder Herr gegen die Kolonen wie gegen die Ackersklaven, deren Tausende und Abertausende der Kirche gehörten, und sprach die Grundsätze eines Hofrechtes für beide Klassen aus. Wo Juden unter ihnen waren, da sollte die Bekehrung durch einigen Pachtennachlaß belohnt werden. Nur Eines kann er nicht ertragen; er weiß, daß auf Sardinien in seinen Domänen noch Heiden leben; in einem Briefe schreibt er dorthin: »Wenn ich noch heidnische Bauern antreffe, so werde ich mich an dem Bischof der Gegend zu rächen wissen; tut euer Möglichstes, belastet sie mit Zinsen und Pachtgeldern so, daß sie endlich nachgeben und sich taufen lassen.«

Es gingen natürlich nicht alle Erträge dieses Patrimoniums nach Rom; das meiste wurde an Ort und Stelle für Besoldung und Unterhalt von Geistlichen und Klöstern und für Almosen verbraucht. Nur einen Teil brachte die Flotille nach Rom, die wahrscheinlich oft von der Tibermündung aufwärts kommitiert wurde durch die byzantinische Besatzung, zum Schutz gegen die Longobarden. In Rom wurden die Vorräte verteilt und zwar so, daß der Papst als der Wohltäter, die Byzantiner als die Quäler erschienen. An vier großen Festen im Jahr erhielten die Kirchen, Klöster, Hospitien, öffentliche Anstalten das Ihrige. Eine zweite Verteilung fand statt an die Bürger am ersten Monatstage; und zwar bestand sie je nach der Jahreszeit in Korn, Oel, Gemüse, Fleisch, Fischen, Speck und sogar Kleidern. Wie groß diese Beiträge waren, wissen wir nicht; jedenfalls war es der überwiegende Teil der Nahrung; denn sie hatten ja keine andere Hilfsquelle mehr. Drittens wurde täglich ein enormes Almosen an allen Enden der Stadt ausgeteilt. Viertens ging eine päpstliche Küchenfuhr für die Armen in der Stadt herum, vielleicht der einzige Wagen, der überhaupt noch die Straßen belebte; und endlich erwies er den höher Stehenden die Freundlichkeit, jeden Ostermorgen den Bischöfen, Geistlichen, Honoratioren den Friedenskuß zu geben und dabei ein Goldstück zu überreichen.

So läßt es sich begreifen, wenn der Mann nicht nur, sondern auch sein ganzer Stand wenigstens in Rom bei weitem der erste war. Der Weltklerus war in der besten Ordnung, unter strenger Aufsicht und vom Klosterwesen scharf getrennt gehalten. In diese Zeit fällt bezeichnenderweise die Abstufung der Rangesunterschiede. In den Klöstern der Stadt aber, sagt eine Notiz, lebten 3000 Nonnen, so daß man, wenn die Zahl der Mönche eben so stark angenommen wird, auf eine Gesamtseelenzahl von Hunderttausenden zu raten versucht wäre. Allein jetzige römische Verhältnisse sind nicht maßgebend für Zeiten, in welchen vielleicht der fünfte, ja der vierte Teil der römischen Bevölkerung im Kloster war, was zu einer Gesamtbevölkerung von etwa 30,000 Seelen passen würde. Zudem wissen wir nicht, ob nicht viele Mädchen, die damals schon in Klöstern ihre Erziehung genossen, unter jener Nonnenzahl begriffen seien. Ueberall in den Ruinen der alten Bauten siedeln sie sich an. Aber auch außerhalb der Stadt rings auf den Höhen, vom Sorakte bis über Tibur und Präneste, erheben sich Klöster, selbst über den Terrassen des herrlichen Fortunentempels. In allen Klüften und Schluchten regt es sich von heiligen Eremiten, welche dort in stärkster Aszese ihr Leben zubringen. Gregor hat diese Zustände nicht geschaffen, er hat sie angetroffen und geregelt. Im 4. Jahrhundert ging man ins Kloster, weil man es draußen in der öden bösen Römerwelt nicht mehr auszuhalten vermochte; jetzt gewiß die meisten schon wegen des allgemeinen Elends, indem kein anderer Unterhalt mehr zu finden war, um mit so wenig Kostenaufwand als möglich zu leben und zu sterben. Zudem gab es noch viele Stadtnonnen, Frauen, die in ihren Privatwohnungen ein klösterliches Leben führten; endlich heilige Bettler und Krüppel, die von der Wohltätigkeit der Menschen ihr Leben fristeten.

Dies sind die Dinge, welche Rom seinen Charakter gaben. Weder Handel noch Wandel belebten seine Straßen. Eine einzige Notiz zeigt uns den traurigen Zustand in dieser Beziehung; sie lautet: »Als aber wieder einmal Kaufleute gekommen waren und auf dem Forum Waren auspackten von allerlei Art, lief jeder hinzu, zu sehen und zu kaufen.« Und zudem ist diese Notiz nicht einmal aus der allerschrecklichsten Zeit, sondern vor 590. Damals war es auch, als Gregor die angelsächsischen Sklaven auf dem Forum zum Verkauf feilgeboten sah, indem das Forum auch noch als Sklavenmarkt diente, und als ihm der Gedanke aufstieg, jenes Volk um jeden Preis zum Christentum zu bekehren. Sonst waren in Rom wohl nur wenige Buden, mit dem elendesten Kram. Außerdem fand sich ohne Zweifel auch etwas Gartenbau in vielen jetzt verödeten Prachtgärten, und gar nie verlor sich wohl der Weinbau. Vergleicht man die dritte Satyre Juvenals, welche die Zeiten unter Domitian, Trajan berücksichtigt, wie ganz anders war es damals! Da war ein Gedröhn und Getöse, untermischt mit den schrillenden Stimmen der Saumtiertreiber; Sklaven mit glühenden Kohlenbecken auf dem Haupte, worauf das Mittagessen ihres Herrn bereit, durcheilten die Menge, deren Kleider versengend; dazu das durchdringende Gedröhn der schweren Lastwagen mit Steinen und Balken für die großartigen Kaiserbauten; endlich die Sänften der vornehmen Herren auf den Schultern zahlreicher Sklaven usw. Jetzt aber, wie wohl anwendbar sind die Worte von Jeremias: »Wie sitzet einsam die Stadt, die einst volkreiche!« Jetzt durchzogen die leeren Gassen Prozessionen, die Gregor anordnete, um das arme Volk zu ermutigen, seinen sinkenden Gemütern wieder eine gewisse Art von Spannung zu verleihen. Da zog man von Basilika zu Basilika und auch vor die Stadt hinaus in die Katakomben, wenn es sicher war vor Feinden; bei diesen Anlässen hielt Gregor seine meisten Predigten. Bisweilen können wir handgreiflich die Entwicklung verfolgen, die aus diesem allertiefsten Jammer das Ritual der katholischen Kirche nahm; so entstand bei der großen Pestprozession 590 aus sieben Chören die siebenförmige Litanie. Es ist begreiflich, wie sie, zum großartigen Grabmal Hadrians gelangt, die ungeheure Gestalt des Würgeengels glaubten sein Schwert in die Scheide stecken zu sehen. Von solchen Lagen aus muß man auch Gregor beurteilen, besonders in seinem Verhältnis zum Sakrament und den Reliquien. Während die Theologie ihre Dogmen aufstellt und festhält, dichtet die populäre Phantasie von sich aus weiter und umzieht den Horizont mit einem Flammenhag von Wundern; narkotische Düfte und wunderbare Beleuchtungen durchdringen allmählich die ganze Atmosphäre und schlagen am Ende unfehlbar auch demjenigen über dem Kopf zusammen, welchen wir sonst als den höher Stehenden und Gebildeten zu bezeichnen gewohnt sind.

So glaubte Gregor ohne Zweifel wirklich, die armen Seelen im Fegfeuer wimmern zu hören; er war überzeugt, daß er durch sein Flehen auf dem Grabe des Apostelfürsten die Seele des heidnischen Imperators Trajan erlöst habe.

In einem analogen Verhältnis steht er zu den Reliquien. Er war so gestimmt, daß er nicht ohne Zittern und Beben den Grüften des Petrus und Paulus sich hat nähern können. Er war überzeugt, daß die Leute, welche einst die Gruft des heiligen Laurentius geöffnet, deswegen zehn Tage nachher gestorben seien; daß ein weißes Tuch, in einer Büchse verschlossen, auf dem Altar des Petrus liegend, einst durch magische Kraft Blutfarbe angenommen habe und so weiter.

Uebrigens hat dieser Glaube noch eine ganz besonders große Bedeutung für das damalige Rom gehabt. Diese Reliquien sind es, welche die großen Scharen von Pilgern anziehen, die aus allen Gegenden des Abendlandes herbeiströmen. Diese suchen nicht klassische Altertümer, antike Literatur und hellenischen Lebensgenuß, sondern die Schwellen der Apostel. Sie kommen oft in ganz unbeschreibliche Seelenstimmungen. Ihr Schlaf in den Tempelhallen ist von wundersamen Träumen und Geschichten begleitet. Schon aus diesem 7. Jahrhundert stammt das von Niebuhr entdeckte Pilgerlied.

Diese Pilger sind es, welche als erste Boten des neuen Weltalters besonderes Interesse für uns haben. Ihre Andacht ist dumpf, weicht himmelweit von der unsrigen ab; aber es sind eben die ersten kenntlichen Symbole derjenigen Weltepoche, welche wir Mittelalter nennen, und welche wiederum Rom zu Füßen liegt, auf Rom sich bezieht, sein Denken und Fühlen von dorther holend. Sie eröffnen den Reigen der Hierarchen, welche die Herrschaft Roms überall verbreiteten und aufrecht hielten, der zinsbringenden Völker, der gedemütigten Könige, welche hier um Lösung vom Banne knien und ihre Kronen zu Lehen nehmen mußten. Oft, wenn du die Hügel des jetzigen Roms durchirrst, zwischen den einsamen Weinbergen und Klostergärten hindurch, überfällt dich mit Macht der Gedanke an die ungeheuren Weltschicksale, welche sich hieran geknüpft haben, – ein Eindruck, dem du dich nicht zu entziehen vermagst, gegen welchen alles andere klein und nichtig erscheint. Eine Frage drängt sich dir auf. Soll noch ein drittes Mal und wieder in anderer Weise das Schicksal der Welt diese sieben Hügel auserwählen, hier allein sich spiegeln, auf diesen Ort sich alles zurückbeziehen? Einer der größten Denker unseres Jahrhunderts verneint diese Frage; er sieht in Rom nur die Stätte der Vergangenheit: Wilhelm v. Humboldt; s. das Gedicht »Rom«.

»Stadt der Trümmer, Zufluchtsort der Frommen!
Bild nur bist du der Vergangenheit;
Pilger deine Bürger, nur gekommen,
Anzustaunen deine Herrlichkeit;
Denn von allen Städten hat genommen
Dich zum Thron die allgewalt'ge Zeit;
Daß du seist des Weltenbuches Spiegel,
Krönte Zeus mit Herrschaft deine Hügel.«


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