Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Pythagoras

(Wahrheit und Dichtung)

28. Oktober 1884.

Akademischer Vortrag, gehalten in der Aula des Museums. Manuskript, 32 Quartseiten, im Jac. Burckhardt-Archiv Nr. 171; beigelegt sind eine größere und eine kleinere Disposition des Vortrages, Auszüge aus den Quellen und Verweise auf Literatur (Jamblichos: vita Pythagor., Porphyrius, Diogenes Laertes, Plutarch, Ovids Metamorphosen, Strabo, Justin etc.; Unger, Rohde, Zeller), schließlich spätere Nachträge und Quellenauszüge aus Aristoteles, Diodorus Siculus, Apollonios, Suidas.

 

In einer sonst völlig historischen Zeit und Umgebung, in dem Großgriechenland des VI. Jahrhunderts vor Chr., tritt eine Gestalt auf, um welche der Mythos mit unerbittlicher Gewalt seine schimmernden Fittiche geschlagen hat; dazu kam eine bewußte Tendenz Früherer und Späterer, diese Gestalt nachträglich bestimmten Absichten dienstbar zu machen. Durch den Schleier doppelter und dreifacher Täuschungen hindurch sucht nun die neuere Forschung den Tatbestand zu ergründen, wie er in Wahrheit gewesen sein möchte, und doch ist die Frage in Hauptbeziehungen noch eine offene zu nennen. Was ich in meinem Beitrag zur Lösung als Dichtung bezeichne, ist nun nicht etwa ein Ersinnen von Tatsachen in der Art eines historischen Romans; meine Willkür wird nur darin bestehen, daß ich unter dem Ueberlieferten nach Gutdünken auswähle, die Akzente verteile und die Motive, wo sie nicht überliefert sind, zu erraten versuche. Weit entfernt von dem Anspruch, der Wissenschaft einen Dienst zu leisten, habe ich nur versuchen müssen, mich selber nach Kräften ins Klare zu setzen über ein Problem, das mich schon längst lebhaft beschäftigt hatte. Es fand sich, daß mehr als ein Baustein, der von der Kritik aufgegeben in dem Trümmerhaufen lag, sich wohl wieder mit einem zweiten und dritten zusammenfügen lasse und dann Schlüsse gestatte auf die Urgestalt des Baues. Das Bild des Pythagoras, wie es sich nun darbietet, ist fremdartig und sonderbar, allein es hat unleugbare Züge von Größe.

 

Strabo: Wenn man vom Vorgebirge Lacinium umbiegt, da lagen die Achäerstädte, welche jetzt nicht mehr sind, ausgenommen Tarent. Aber wegen des Ruhmes einiger derselben muß ihrer doch gedacht werden.

 

Inmitten der großen kolonialen Bewegung der griechischen Nation, da sie an allen Barbarenstrand einen hellenischen Küstensaum anwob, erhielt außer Sizilien, Campanien, Calabrien und Apulien auch der Golf von Tarent eine Reihe Ansiedelungen, meist gegen Ende des VIII. Jahrhunderts vor Chr. Es waren Auswanderer der verschiedensten Herkunft, spartanische Dorer, ozolische Lokrer, Ionier und namentlich Achäer; sie gründeten Tarent, Metapont, Heraklea, Siris, Sybaris, Kroton am südlichen Ende des Golfes, endlich gegen das Aeußerste von Italien hin: Kaulonia, Lokroi. Die Binnenvölker: Messapier, Iapygier, Lucaner und andere, welche man sich als Hirten vorstellt, scheinen leicht in irgend ein abhängiges Verhältnis gebracht worden zu sein. Was außerdem die gekauften Sklaven für eine Quote waren, weiß man nicht. Einzelne Kolonien waren bald in außerordentlich raschem Gedeihen; Sybaris soll 25 Tochterstädte, zumal gegen das Tyrrhenische Meer hin gegründet haben, das heißt, es hatte 25 abhängige Ortschaften, darunter Poseidonia. Freilich hatte nur Tarent einen natürlichen Hafen, während die übrigen Städte meist durch breite Lagunen vom Meere getrennt waren und Kroton zum Beispiel nur eine seichte Reede hatte. Ihnen fehlten die Vorteile und Nachteile der Hafenstädte: die Kühnheit zur See, die beständige Steuerung, das rasch zugreifende Volk von Lootsen und Ruderern.

Die Verfassung, so viel man weiß, sollte beruhen auf einem ewigen Vorrecht der Abkömmlinge der zuerst Angelangten, welche einst die Städte gegründet und die Feldmarken ausgemessen hatten; tausend Männer in jeder Stadt, in Lokroi nur 100, waren der Souverain und bestellten Rat und Gericht; zugleich repräsentierten sie die Familien der ersten Gründer und sollten, wie es scheint, jeder noch im Besitze eines ungeteilten, unverkäuflichen Erbgutes sein. Anerkannt war damals die Fruchtbarkeit und Gesundheit dieser jetzt so verrufenen Gegenden, Kroton war sogar sprichwörtlich gesund und wurde die Stadt des berühmten Athleten Milon. Groß ist die Zahl der krotonischen Olympioniken – in einer Olympiade siegten ihrer 6 im Wettlauf –, später war es freilich auch die Stadt der berühmten Aerzte.

Im Fett konnte man ersticken, und die Luxusgesetze werden wenig geholfen haben. Sybaris ist der sprichwörtliche Sündenbock. Ueberreichtum an Korn, Wein, Herden herrschte da, wo jetzt der permanente Hunger herrscht.

Die Sicherheit des Zustandes im Innern des einzelnen Koloniestaates hing einstweilen daran, daß die herrschende Kaste sehr zahlreich und der Grundbesitz das Entscheidende war, nicht der Geldbesitz wie in Seestädten. Die Sicherheit nach außen wäre einstweilen eine vollkommene gewesen: noch drängten die mittelitalischen Binnenstämme nicht nach Süden, aber der Neid der Städte gegeneinander brachte Gefahr; schon wenige Zeit nach ihrer Gründung beschlossen Metapontiner, Sybariten und Krotoniaten, die übrigen angesiedelten Griechen aus Italien zu vertreiben; ihre Heere nahmen einstweilen Siris ein, wobei Grausamkeiten vorfielen, welche eine Pest als göttliche Strafe nach sich zogen; der Krieg blieb dann den Krotoniaten am Halse, welche sich nun an Lokroi rächen wollten, das den Siriten Hülfe geleistet hatte, und diesmal unterlagen sie dem verzweifelten Heldenmut einer Minderzahl; angeblich 120,000 Mann wurden von 15,000 besiegt, Zahlen, welche etwa dann annehmbar sind, wenn man voraussetzt, die betroffenen Städte hätten ihre ländlichen Untertanen, mochten sie vollzählig dabei sein oder nicht, als Kontingente mitgerechnet.

Die Herrschenden darf man sich jedenfalls als rüstig und kriegslustig vorstellen. In ihrer Lebensweise werden sie sich dem Adel des eigentlichen Griechenlands nach Kräften genähert haben, als Edel-Treffliche, so gut es ging. Waffen, Leibesübung und Gelage und vor allem das edle Roß werden ihre Zeit ausgefüllt haben, der Begleiter zum Kriege wie zum Kampfspiel. Als besonders bevorzugt wird gegolten haben, wer sich das Auftreten in Olympia und den anderen Kampfstätten des alten Hellas erlauben konnte, zum Ringkampf oder zum Wettstreiten und Wagenrennen. Metapont und Sybaris hatten in Olympia eigene Thesauren. Metapont weihte auch ein χρυσοῦν θέρος nach Delphi.

Wie gerne hing man auch noch mit der mythisch-heroischen Zeit der homerischen und vorhomerischen Helden zusammen! – Diesen Städten genügte ihre Ansiedlungsgeschichte bei weitem nicht; überall erzählte man von viel frühern Heroen der mythischen Zeit, welche in Italien Denkmäler ihrer Kraft hinterlassen hätten. Die Krotoniaten, trotz der schönen Erzählung, welche ihren historischen Gründer Myskellos (710 vor Christus) verklärte, fabelten von hieherverschlagenen, vom trojanischen Krieg zurückkehrenden Achäern, welche nicht mehr weiter konnten, weil die mitgeführten Troerinnen ihre Schiffe verbrannten, während sie das fruchtbare Land auskundschafteten, wo dann ohnehin gut bleiben war. Ja schon Herakles sollte einst hier, als er mit seinem Rinderraub aus Hesperien vorsprach, von einem gewissen Kroton herrlich bewirtet worden sein. Ebenso glaubten die Metapontier, ihre Stadt sei eigentlich vom Nestor und seinen Pyliern gegründet, welche bei demselben Anlaß in die Irre geraten, daher die (offenbar prächtige periodische) Totenfeier der Neleiden, des Hauses Nestors; überhaupt war bei den Großgriechen der Heroenkult eifriger und feierlicher als bei den Hellenen des Mutterlandes. Unter anderm war Epeios, der Verfertiger des trojanischen Pferdes, der Gründer von Metapont; die Werkzeuge ad hoc zeigte man noch im Tempel der Athene vor der Stadt. Erst in zweiter Linie gab dann auch Metapont eine historische Gründung im VIII. Jahrhundert zu, durch Daulios, den Stadtherrn von Krissa im Golf von Korinth – und endlich erst noch einen andern achäischen Gründer Leukippos, der den Tarentinern den Grund und Boden zur neuen Stadt abschwatzte.

Um jeden Preis suchte der Hellene sein Dasein an das Uraltertum, den Mythus anzuknüpfen, und ebendamals wollte jede anständige Familie durch irgend eine kühne Genealogie von Göttern abstammen.

Von diesen Göttern hatte der Hellene eine geringe Meinung in moralischer Beziehung, aber vielen Glauben an ihre Gegenwart und an die Notwendigkeit ihrer Begütigung. Gerade in den hier vorkommenden Gegenden hatte man noch neue Beispiele ihrer hülfreichen Anwesenheit: Das Volk von Lokroi bei jenem Sieg über die Krotoniaten war begleitet gewesen von zwei mächtigen Reitern auf weißen Rossen in roten Mänteln, von den Söhnen des Zeus, Kastor und Polydeukes, und auf übernatürliche Weise hatte man den Sieg noch an demselben Tage in Korinth, Athen und Lakedämon erfahren. An Tempeln und Weihestätten aller Art wird es nirgends gefehlt haben, und am Capo delle Colonne, etwa drei Stunden südlich vom alten Kroton, sieht man noch die Reste eines altberühmten Heiligtums aller Völker des Golfes: den Tempel der Hera Lakinia, ehemals in einem weiten heiligen Bezirk, welcher Wälder und Weiden enthielt und von hohen Tannen umzäunt war; hier weideten Herden aller Art, ohne Hirten; die Tiere kamen des Morgens aus ihren Ställen und kehrten des Abends wieder dahin zurück, ohne von wilden Tieren oder durch Menschenbosheit geschädigt zu werden; der Ertrag dieser Herden war sehr reich, und aus demselben gestiftet fand sich im Tempel eine massiv goldene Säule. Wundersam war auch, daß die Asche des Brandopferaltars vor dem Tempel durch keinen Wind aufgeweht werden konnte.

Den Kultus der Götter vollständig aufrecht zu halten, sie nicht durch Vernachlässigung zu erzürnen, war damals die Pflicht jeder griechischen Stadtgemeinde. In reichen Städten gedieh er zur höchsten Pracht, und die größte Stärke der griechischen Religion hing vielleicht daran, daß die ganze Lebensfreude und das agonale Wesen mit dem Kultus in engsten Zusammenhang gebracht war.

Die Geschicke im großen aber hingen doch nicht von den Göttern ab. Das Herrschende war das Fatum, und die Griechen, welchen man so gerne eine heitere Lebensansicht zuschreibt, waren voll lauter pessimistischer Klage über das Erdenleben. Nur daß sie sich doch nicht zu bloßer Beschaulichkeit resignierten und nie auf Wirken und Wollen verzichteten.

Die Hellenen Unteritaliens nahmen vollen und reichlichen Anteil an den Licht- und Schattenseiten des damaligen religiösen Zustandes der Gesamtnation. Es ist ganz vorzugsweise die Zeit des Orakels von Delphi, welches schon bei Auszügen zu Koloniegründungen immer befragt wurde, sodaß die Kolonien in einem besondern Pietätsverhältnis zum delphischen Apoll standen und ihm die prächtigsten Weihegeschenke darbrachten. Aber auch der Glaube an jegliche Weissagung oder Ahnung war ihnen und den Griechen des Mutterlandes gemeinsam, und namentlich den Zeichendeuter im Kriege wollte niemand entbehren; es kam aber vor, daß ein solcher der Stadt, welche ihn im Solde hatte, entwich, wenn die Opferzeichen gar zu übel lauteten (so Kallias, der Iamide, der den Sybariten entwich und zu den Krotoniaten überging), denn diese Männer glaubten an ihre Lehre und besaßen sie durch alte Ueberlieferung. Nach Ansicht der Alten liegt das große Netz der Notwendigkeiten gar nicht so tief im Boden verborgen; eine geweihte und kluge Hand kann es stellenweise mit einem Griff bloßlegen. Weniger ehrwürdig und im Leben sehr stark vertreten war anderer Aberglauben und vollends die Magie, sowohl die, welche man zu erleiden glaubte, als die, welche man, oft mit Hülfe der verdächtigsten Beschwörer, übte. Es war eine alte griechische Meinung, daß man durch Sprüche und Formeln auf Götter und auf dämonische Zwischenwesen eine Wirkung ausüben könne, und der Götterzwang war außerdem eine Praxis der alten Italier; Numa fängt im Aventin die Wald- und Quellgeister Picus und Faunus, und Tullus Hostilius kommt um bei einer mißlungenen Beschwörung des Jupiter. Wehe aber, wenn sich ein gaunerischer Beschwörer in einer heimlich schuldbewußten Familie einnistete und Aengste erregte, um sie dann durch Götterbeschwörung zu heben. Die sogenannten Orphiker, welche etwa gleichzeitig mit Pythagoras auftraten, sind vielleicht von Anfang an nichts anderes als solche Betrüger gewesen.

Noch unheimlicher aber ist die Beschwörung Verstorbener, welche damals viel allgemeiner gewesen sein muß, als die verhältnismäßige Seltenheit der wirklich erwähnten Fälle würde ahnen lassen; dieselben werden nämlich im Ton der Selbstverständlichkeit und mit Einzelzügen erzählt, welche nur bei einer häufigen Praxis denkbar sind. Unteritalien muß hiefür einen ganz besondern Ruf gehabt haben, weil die Spartaner von dort her »Psychagogen« kommen ließen, um den Schatten des Feldherrn Pausanias vom Tempel der Chalkioikos, dem Ort seines Todes, wegzubringen. Italien wird, wie Griechenland, seine Seelenbeschwörungsstätten gehabt haben; diejenige bei Misenum und Cumä war weitbekannt; eine andere mag sich kaum zwei Tagereisen von Kroton, unweit Terina am Tyrrhenermeer befunden haben. Der Vater eines früh verstorbenen Sohnes hielt denselben für das Opfer von Gift oder Zaubermitteln und bekam dann in jenem Heiligtum, aber nur im Schlaf, seinen eigenen Vater und seinen Sohn zu sehen, welche ihn beruhigten; auch fand sich ein Täfelchen vor mit der Auskunft, der Sohn sei eines vom Schicksal bestimmten Todes gestorben und sein Weiterleben wäre weder für ihn noch für die Eltern gut gewesen. Andere Male erfolgt die Erscheinung im Wachen; ganz nach der düstern homerischen Anschauung erscheint auf die Bannung, auf Sühnung und Weinopfer das Schattenbild ( ειδωλον) des Verstorbenen, sei es, daß man es zu sühnen oder nach Geheimnissen zu fragen hat, die jener ins Grab genommen. Es ist nur ein Augenblick Urlaub, den die Schattenwelt dem einzelnen gegeben.

Außerdem herrschte hier der Glaube an bösartige Kobolde oder Gespenster, ja das Hauptbeispiel gehört in jene nämliche Gegend von Terina, nach dem nur wenige Stunden entfernten Temesa. Ein Gefährte des Odysseus, Polites, war einst von den Temesanern wegen verübter Ungebühr gesteinigt worden; sein Geist oder Dämon verhängte nun über sie so viele Todesfälle von Jung und Alt, daß man sich an das Orakel von Delphi wandte. Der Bescheid lautete: der »Heros« müsse versöhnt, ihm ein heiliger Bezirk mit Tempel geweiht werden; dann soll man ihm alljährlich die schönste Jungfrau von Temesa geben. So geschah es, und das Uebel hörte auf. Die Leute brachten es, wer weiß ob Jahrhunderte hindurch, über sich, regelmäßig das schönste Mädchen als Jahrespriesterin in dies schauerliche Heiligtum, in die Nähe eines vorhanden geglaubten fürchterlichen Wesens zu sperren, und so war die Sachlage noch während des ganzen Aufenthaltes des Pythagoras in dem so nahen Kroton; erst reichlich 20 Jahre nach seinem Tode machte ein mutiger Faustkämpfer, Euthymos, dem Spuk ein Ende; der besiegte Kobold versank im Meer, und Euthymos wurde der Gatte der befreiten Priesterin. Die herrenlose, von keiner festen Doktrin gehütete griechische Religion war wehrlos gegen so vieles, was an sie herankam und ebenfalls griechischer Götterdienst zu sein begehrte. Namentlich muß der Taumel der dionysischen Feste und Wallfahrten, welche um das Jahr 600 vor Christus seinen Höhepunkt erreichte, auch in Unteritalien sich reichlich verbreitet haben, indem hier auch die Eingeborenen den Dionysos und seine Gattin als Liber und Libera rauschend verehrten. Diese Bacchanalien wurden in der Folgezeit zu einem verbrecherischen Unwesen, welches später den inzwischen in Italien herrschend gewordenen römischen Staat zu einer scharfen Untersuchung nötigte.

Bei diesen Westgriechen an dem damals so gesegneten Golf von Tarent ging überhaupt Gutes und Schlimmes der hoch angelegten hellenischen Natur reich durcheinander. Daß es aber noch immer ein jugendliches Volk war, sollte sich zeigen, als eine große Persönlichkeit in seiner Mitte auftrat, das Gewissen rege machte und auch dem Denken einen gewaltigen neuen Stoff und eine neue Richtung gab.

Um das Jahr 532 vor Christus oder wenig später erschien in Kroton ein Mann von majestätischem Ansehen, ein Ionier von der Insel Samos, doch ursprünglich tyrrhenischer Herkunft, Pythagoras Späterer Nachtrag: Pythagoras als Parallelerscheinung der Orphiker, welche hier in Kürze zu erwähnen wären. Cf. unter anderm Nägelsbach, Nachhomerische Theologie p. 403, samt Nachtrag p. 484.. Er war etwa 40jährig, also nach griechischer Ansicht auf der Höhe seiner Kraft; sein Haar wallte in langen Locken; sein Gewand war schneeweiße Wolle. Man erfuhr, daß er schon in Samos vier Jahre lang gelehrt und dann große Reisen gemacht habe, und auch die strengste Kritik kann nicht umhin, ihm einen längern Aufenthalt in Aegypten zuzugestehen. Selbst die weitern Reisen nach Babylonien, zu Chaldäern und Magiern, bestreitet man einem Menschen, wie dieser war, vielleicht mit Unrecht. Warum aber war er hierauf nicht in Ionien geblieben, wo damals eine so kräftige Philosophenschule blühte? warum nicht nach Athen gegangen? Es wird sich zeigen, daß er eben kein bloßer Philosoph war, obwohl er zuerst sich so nannte, und er mag Gründe gehabt haben, seinen archimedischen Punkt eher bei den Westgriechen zu suchen. Ein Verhältnis zum Orakel von Delphi ist ihm, wie es scheint, nur angedichtet worden.

Aus seinem ganzen Wesen sprach ein edler ruhiger Ernst, ohne alles Mürrische; Spott und gewöhnliches Gerede kam nicht aus seinem Munde. Alles an ihm atmete einen großen Zweck. Er begann zu reden, vielleicht zuerst vor wenigen, dann vor vielen und vor dem ganzen Volke der reichen, üppigen und kräftigen Stadt, bis ihm die Krotoniaten »mit Weib und Kind« ein riesiges Auditorium ( ομαχοειον) errichteten. Seine Lehre aber war eine solche, welche das bisherige Bewußtsein der Menschen aus den Angeln heben konnte: die Seelenwanderung.

Die Seele ist göttlichen Ursprungs; sie wandert im Verlauf der Zeiten durch verschiedene irdische Gestalten, durch Menschen- und Tierleiber, und von ihrem Verhalten in diesen zur Züchtigung über sie verhängten Lebensläufen wird es abhängen, ob und wie bald sie wieder in das göttliche Wesen aufgenommen werde.

Dies war die Lehre, welche Pythagoras dem dürftigen hellenischen Jenseits entgegenhielt. Dasselbe hatte mit Ausnahme weniger großer Frevler und großer Tugendhafter allen das gleiche traurige, ziellose Schattendasein mit der wispernden Stimme zuerkannt, und auch diese Existenz hatte können durch schändliche Beschwörer gestört werden.

Freilich hatte schon seit uralter Zeit den Griechen etwas gedämmert, was sich mit der Metempsychose scheinbar berührte: die Metamorphose. Die Wandlung eines Wesens in ein anderes war ihnen von jeher geläufig gewesen. Die Götter hatten einen Menschen je nach Umständen gerettet oder bestraft, indem sie ihn in eine Pflanze verwandelten oder zum Fels versteinerten, und das Volk war überzeugt, daß gewisse Tiergattungen, wie zum Beispiel die Delphine, verwandelte Menschen seien. In endlosen Varianten und stets neuen Motivierungen kann man diesen Glauben bei den Griechen verfolgen. Allein alle diese Verwandlungen waren definitiv, während die Metempsychose des Pythagoras einen ganzen Kreislauf durch viele Leben in Aussicht stellte.

Hatte er Kunde von der brahmanischen Lehre, welche dies alles in reicher systematischer Vollendung erledigt? Oder von seinem nur um Jahrzehnte ältern Zeitgenossen Buddha, welcher bei tiefem Jammer über das Erdenleben das allmähliche Erlöschen der vielgewanderten Seele im Nirwana zum Glauben des ganzen Volkes, zum Trost der Armen und Leidenden machen wollte? Man weiß es nicht, und Pythagoras war jedenfalls der Mann, in dessen Geist Indisches oder Aegyptisches ein völlig eigener Besitz wurde. Und das Erdenleben, wenn es schon eine Prüfung war, verachtete er nicht, sondern gab ihm die höchste für ihn erreichbare Weihe und Würde durch Erkenntnis. Die Menschen kämen zur Welt, sagte er, wie zu den großen Festversammlungen, die einen um Geschäfte zu machen, die andern um an den Wettkämpfen Teil zu nehmen, die dritten als Beschauende. Das große Wort des um zwei Generationen jüngern Anaxagoras mag dem Sinne nach schon dem Pythagoras eigen gewesen sein: das Geborenwerden sei dem Nichtgeborenwerden vorzuziehen, schon damit man den Himmel betrachte und die ganze Ordnung des Weltgebäudes.

Doch hievon wird weiter zu reden sein. Suchen wir uns nur zunächst vorzustellen, wie die große Seelenlehre wirken mußte.

In dieser Zeit des ersten Auftretens in Kroton muß jene Erweckung um sich gegriffen haben, welche weit über die hellenische Bevölkerung hinaus wirkte; Italier verschiedener Herkunft, welche sich vielleicht furchtbaren Anschauungen des Jenseits und schrecklichen Totenkulten entrissen fühlten durch die zu ihnen gedrungene neue Lehre, strömten nach Kroton, um den Mann zu hören und zu sehen; es waren unter anderm Lucaner, Peuketier, Messapier und Römer. Zwei Jahrhunderte später erhielt Pythagoras eine Statue auf dem römischen Forum neben der des Alkibiades, weil im samnitischen Kriege das Orakel von Delphi befohlen hatte, dem weisesten und dem tapfersten der Hellenen Standbilder zu setzen, und da mag die große, in Familien aufbewahrte Erinnerung an jene Tage und Jahre für Pythagoras als den weisesten entschieden haben.

Er selbst nannte wenigstens vier seiner frühern Menschwerdungen und rechnete deren irdische Lebenssumme auf 207 Jahre. Andere erinnerte er etwa an ihre frühern Lebensläufe; dem Myllias »rief er in Erinnerung«, daß er einst Midas, Sohn des Gordias, gewesen sei, worauf derselbe nach Kleinasien reiste, um dort an dem Grabe seiner vormaligen Hülle die gebührenden Opfer zu bringen. In dem Bellen eines Hundes erkannte Pythagoras die Stimme eines verstorbenen Freundes. Aber auch den Zwischenaufenthalt seiner eigenen Seele zwischen seinen Avataras, den Hades, kannte und schilderte er.

Allzuleicht hat man diese Aussagen als bloße Phantasien der Umgebung verworfen. Wir wissen nicht genug, wie sich die Gestalten der hellenischen Vergangenheit im Innern des Pythagoras reflektierten und welche Verwandtschaften ihm aus dem Dunkel winken mochten. Auch seinen unbefangenen Verkehr mit Tieren, in welchen er ehemalige Menschenseelen geahnt haben muß, hat man schwerlich ersonnen, nur abenteuerlich übertrieben: mit der verwüstenden Bärin der daunischen Gebirge, welche er streichelte, speiste und mit der Beschwörung entließ, nichts Lebendiges mehr anzugreifen; mit dem Stier, welcher dann noch lange beim Heratempel von Tarent auslebte, als der »heilige Stier des Pythagoras«; mit dem Adler, der zu ihm niederschwebte und sich streicheln ließ. Für völlig wahrscheinlich darf es gelten, daß er einst einen ganzen Zug Fische, welche schon im Todeszappeln am Strande lagen, freikaufte und wieder in das Meer entließ. Ueber solche Entschlüsse konnte bei ihm vielleicht eine Rührung des Augenblickes entscheiden. Natürlich wurde Pythagoras in der Phantasie des Volkes der allgemeine Wundermann, auf welchen Züge anderer ganz unbefangen übertragen wurden. Dahin gehört sein gleichzeitiges Auftreten in Metapont und Tauromenion, welches mit seiner Lehre in gar keinem Zusammenhang steht. – Daß ihn endlich manche für einen Gott hielten, etwa für den aus dem Hyperboreerland gekommenen Apoll, hing an der sichtlichen Erhabenheit seines Wesens und an der Kraft seines Wirkens; dagegen verwahren sich die vorhandenen Kunden ausdrücklich gegen eine bloße Abstammung von Göttern, wie sie den übrigen vornehmen Griechen genügte. Was wollte auch die Abstammung bedeuten, wenn bei der Geburt die Seele von anderswoher kam?

Hierüber hatte Pythagoras eine Lehre, die ihm möglicherweise in Aegypten geoffenbart worden war: aus den zahllosen Seelen, welche vakant in der Luft schweben, aus denjenigen, welche sich in andern Leibern auf der Erde und im Meer befinden, nimmt der Seelenverwalter Hermes eine und senkt sie, wie es scheint im Moment der Geburt, in den neuen Leib. Dies ist vielleicht eine Erinnerung an den ägyptischen Thot, den Schreiber des Himmels, welcher nicht nur die Wiederkehr der Feste, das heißt den Kalender, sondern auch die Jahre und Lebensdauer der einzelnen Menschen aufzeichnet. Der hellenische Hermes führt nur beim Tode den Menschen an seinen Bestimmungsort. Daß bei den Leichen nicht die Verbrennung, sondern eine ganz einfache Bestattung pythagoreischer Brauch wurde, kann ebenfalls als ägyptische Einwirkung gelten; die heutigen Buddhisten ziehen eifrig die Verbrennung vor, damit die Leiche nicht durch böse dämonische Künste neu belebt werde.

Die große moralische Folge der Metempsychose war das Gefühl der Verantwortung für das eigene Heil in einem künftigen Leben. Gewöhnliche, selbstsüchtige Menschen mochten hievon wenig berührt werden; da sie von ihren vermutlichen frühern Lebensläufen kein Bewußtsein hatten, kümmerten auch die künftigen sie nichts, und einer also für sie sehr gleichgültigen Lehre werden sie ohnehin wenig oder keinen Glauben geschenkt haben. Daß aber ganze Völker bis auf den heutigen Tag vom Seelenwanderungsglauben völlig erfüllt und in ihrem Tun bestimmt sein können, zeigt der Religionszustand weiter Gegenden des östlichen Asiens, wie ihn Bastian schildert. Das Einzelne der Lehre des Pythagoras hierüber wagen wir bei der Unvollständigkeit der Ueberlieferung nur kurz anzudeuten. Gottheit ist alles, was unvergänglich ist, insbesondere der Aether, und jede Menschenseele ist ein Teil dieses Aethers und also göttlich und unsterblich, während das bloße Leben ( ζωμ) des Individuums sein sterblicher Teil ist. Jener Aether aber soll zugleich als das »Warme« gedacht gewesen sein; die Sonne und die übrigen Himmelskörper als Götter, weil das Warme, das Lebenerweckende in ihnen herrsche; Götter und Menschen als verwandt, weil der Mensch Anteil am Warmen habe, und dergleichen mehr. Hier fehlt nun der Gottheit jedes moralische Attribut; es will uns aber schwer in den Sinn, daß eine solche Lehre diejenige große moralische Erhebung hervorgerufen hätte, welche um Pythagoras herum stattgefunden hat, und die Gottheit, in welche endlich aufgenommen zu werden das höchste und tiefste Sehnen war, wird wohl im Munde des Meisters noch andere Eigenschaften gehabt haben. Und wir erfahren die letztern aus einer andern Quelle: Wahrheit und Güte, dies seien die edelsten Gaben der Gottheit und die Eigenschaften, worin man ihr gleichen könne.

Die hellenischen Einzelgötter blieben daneben in voller Geltung bestehen, und Pythagoras und die Seinen erwiesen ihnen den gebührenden Dienst; es ertönten Oden zur Lyra und der Hymnus auf Götter und große Menschen. Dies war nicht etwa eine bloße Anbequemung aus Klugheit; der Meister fand die Götter vor; sie waren älter als er, und laut guten Zeugnissen war er außerdem überzeugt vom Dasein übermenschlicher Mittelwesen, der Dämonen und Heroen. Aber in welcher Gestalt fand er die Götter vor! Von denjenigen Unwürdigkeiten, welche die Dichter, besonders Homer in der Ilias, auf Zeus und Hera, Ares und Hephästos gehäuft, hatten sich die Götter nie mehr erholt, und dem Pythagoras blieb hier nur ein Protest des Abscheus; ihm kam vor, als hätte er im Hades die Seele des Hesiod gesehen, an einen Pfeiler gebunden und beständig wispernd, die des Homer aber an einem Baume hängend und von Schlangen umwunden Späterer Nachtrag: Hieher: Aelian. IV, 17: das Erdbeben eine συνοδος των τεφνεωτων. – Der öfters in die Ohren tönende Laut: φωνη των χρειττονων.. Seine hohe Anschauung von den Göttern verrät sich in seiner Vorschrift über das Gebet: man möge nichts besonderes für sich selber erbitten, da wir das wahrhaft Wünschenswerte nicht kennen. Es bleibt also den Göttern überlassen, dasselbe für den Menschen auszuwählen. Daß übrigens Pythagoras noch Stifter besonderer heiliger Begehungen war, daß er dieselben aus Aegypten mitgebracht, deutet Herodot in einer rätselhaften Stelle an. Mit Unrecht aber würde man aus diesen Zeremonien einen förmlichen Geheimkult seines engern Bundes machen; dieselben verbreiteten sich im Gegenteil, und wenn sie, wie wir glauben, die Seelenwanderung verherrlichten, so mußte Pythagoras ihre Verbreitung wünschen und fördern. Neustiftungen von Kulten aber waren in der unbeaufsichtigten griechischen Religion eine beinahe alltägliche Sache. Sein neuer Kult war gewiß ein sehr ruhiger im Vergleich mit jenen stürmischen, oft in wildem Nachtlärm daherbrausenden Festen des Dionysos und der Göttermutter, und diese scheint Pythagoras mißbilligt zu haben, wenigstens was Teilnahme der Frauen betrifft. Spätere Pythagoreerinnen mahnen ausdrücklich davon ab.

Hier gelangen wir zu einem Haupterfolg des Pythagoras. Wäre seine Lehre eine bloße Philosophie gewesen, so wäre die hellenische Frau davon ausgeschlossen geblieben, wie sie damals von allem was höheres Streben hieß, auch vom Anblick der Wettkämpfe und Schauspiele, mehr und mehr ausgeschlossen wurde. Trügt uns nun nicht alles, so war es die Macht des neuen Seelenwanderungsglaubens, welche die gleiche Würde der Geschlechter, und zwar im höchsten denkbaren Sinne, herstellte. Furchtlos drängten sich von Anfang an Frauen von nahe und fern zu den Anreden, welche der erhabene Weise vor jenen großen Versammlungen hielt; die Krotoniatinnen erreichten durch ihn von ihren Männern die Entfernung der zahlreich gehaltenen Buhlerinnen, und in vielen Häusern erhielt die Ehe ihre Heiligkeit wieder. Bei den begabtesten und edelsten aber fand sich die Fähigkeit vor, die ganze übrige Lehre mitzumachen, und an der Spitze der bekannt gewordenen Pythagoreerinnen finden wir seine Gemahlin Theano, dann seine Tochter Damo.

Gerne vernähmen wir auch, ob im Namen der Seelenwanderung auch der Sklave als gleichwertig mit dem Freien betrachtet wurde; allein die Ueberlieferung enthält keinen sichern Wink hierüber, und was von Zamolxis als Sklaven des Pythagoras gemeldet wird, halten wir für tendenziöse Erdichtung.

Es war schon genug an dem sonstigen Kampf, welchen er gegen die hellenischen Gewohnheiten und Anschauungen zu führen hatte. Alles damalige griechische Leben, nicht bloß dasjenige in den Ringschulen und bei den großen Festversammlungen, war zum Agon, zum Wettstreit unter Gleichstehenden geworden, und der Drang zur persönlichen Auszeichnung war das eigentliche Kennzeichen, welches den Hellenen von dem Barbaren unterschied. Mit schneidendem Widerspruch verwarf nun Pythagoras dieses Treiben, welches nur die Existenz im Diesseits auf das höchste steigerte; er verlangte völligen Verzicht auf allen Agon, auch auf den Wettstreit im täglichen geselligen Verkehr; wer dem Ruhm und dem Vorrang nachstrebe, sei knechtisch geboren; auch den Reichtum müsse man verachten können.

Und hiemit wurde auf eine Weise Ernst gemacht, wie es nur bei tiefgreifenden religiösen Erregungen vorgekommen ist, da das Irdische plötzlich unwert wird: eine wie es scheint sehr große Zahl der Anhänger verzichteten auf ihre Habe und legten dieselbe zusammen, um ein gemeinsames Leben zu beginnen! Es würde genügen, auf die große Parallele im vierten Kapitel der Apostelgeschichte zu verweisen; gerne aber erinnern wir hier an eine ähnliche Entwicklung, welche im XI. Jahrhundert zum Teil auf Grund und Boden der Schweiz stattgefunden hat und in der Chronik des Bernold von Konstanz geschildert ist. In den wildesten Jahren des Investiturstreites bildete sich, hauptsächlich um das Kloster Allerheiligen in Schaffhausen herum, die sogenannte Vita communis zahlloser, auch reicher und vornehmer Laien, welche ihre Habe zusammengaben, einer der stärksten Beweise der wirklich religiösen Lebenskraft der gregorianischen Partei. – So war auch bei den Pythagoreern der Gemeinbesitz entstanden, nicht um Zwecke zu erreichen, nicht aus dem Haß der hellenischen Staatsidee gegen das Privatdasein, überhaupt nicht aus theoretisch politischen Gründen, und am allerwenigsten zum Zweck einer neidischen Ausgleichung der Genüsse, sondern um einer hohen Stimmung willen. Das Zusammenleben wird man sich jedoch nicht klösterlich, sondern unter Beibehaltung der bisherigen Wohnung in der Stadt zu denken haben; auch behielten sie die Ehen und die Familien bei. Zwanglos, wie die Sache gekommen war, wird sie sich im einzelnen gestaltet haben.

Eine weitere Folge des ernsten Metempsychosenglaubens war ein gewisser Grad von Aszese, nicht bis zur Quälerei und Marter, sondern nur im Sinne einer beständigen Selbstbeobachtung und Bereithaltung der Seele zu einer womöglich höhern Umwandlung. Da die Menschen zur Prüfung, ja zur Züchtigung auf der Erde weilen, so sind die Leiden oder wenigstens Belästigungen (πόνοι) vom Guten, die Genüsse vom Uebel. Daß überdies Pythagoras samt seinem nähern Anhang Vegetarianer war und es damit sehr gründlich nahm, hing entweder an der Aszese oder an dem Glauben, daß Menschenseelen in den Tieren weilen können, ja daß das höhere organische Leben eine große Gesamtheit bilde, wie man dies schon im Altertum ausgelegt hat. Außerdem verzichtete man innerhalb des geweihten Kreises gänzlich auf den Wein, der Verstand blieb damit beständig für die höchsten Probleme verfügbar, die Seele gesichert gegen unfreie Erschütterungen.

Den Schlußstein aller Konsequenzen der neuen Weltansicht bildete eine heilige Scheu vor dem Meineid, welcher damals in Staat und Geschäften eine furchtbare Ausdehnung gewonnen hatte. Wer hieran zweifeln möchte, den kann man auf die Definition des Griechenvolkes verweisen, welche Herodot dem altern Cyrus in den Mund legt: »Ich fürchte mich nicht vor Leuten, welche in der Mitte ihrer Städte einen Platz haben, wo sie zusammenkommen und einander mit falschen Eiden betrügen.« Eidtreue sollte ein Kennzeichen des Pythagoreers sein, und möglichste Vermeidung des Eides blieb es, solange es Pythagoreer gab.

Bisher haben wir es mit einer wesentlich ethischen und religiösen Lehre und Denkweise zu tun gehabt. In der weitern, so fragmentarischen und entstellten Ueberlieferung mag es unserer Ahnung für diesmal überlassen sein, einen möglichen Weg zu suchen.

Neben dem großen Begründer einer neuen Moral lernen wir den großen Wissenden und Lehrer kennen, und diese Kraft muß in der spätem krotoniatischen Zeit des Pythagoras vorgeherrscht haben. An die Stelle tiefergriffener Bevölkerungen tritt ein engerer Anhang, welcher außer der religiösen Gemeinsamkeit, außer der aszetischen Lebensweise auch durch ein höchst angestrengtes Lernen mit dem Meister verbunden ist und sich dann als eine wahre Anstalt wiederum in Lehrer und Zuhörer gliedert. Eine begabte Bevölkerung zeigt auf überraschende Weise, was hellenischer Wissensdrang vermöge. Geschildert wird dies Verhältnis in der Sage von einer fünfjährigen Prüfungszeit, während welcher man den Pythagoras nicht einmal zu sehen bekommen habe. Man genoß einen fünfjährigen Unterricht bei seinen Schülern, sobald er deren gebildet hatte, was jedenfalls nicht wörtlich zu nehmen ist, indem er bei seinen Ausgängen in der Frühe gewiß fortwährend für jedermann wenigstens materiell sichtbar war. Unentbehrlich war nur ein mehrjähriger stufenweiser Vorunterricht für das mächtige Wissen, welches der wahren Pythagoreer harrte, und dieser kann nur durch eine Stufenreihe von Schülern erteilt worden sein.

Ueber die Lehrweise haben wir sehr eigentümliche Aussagen, zum Teil in starker Färbung späterer Zeiten.

Von Pythagoras selbst gab es vielleicht bei Lebzeiten nichts Schriftliches; im höchsten Grade herrschte dafür seine Autorität und eine streng eingehaltene Disziplin. Den Schülern genügte zum verehrungsvollen Glauben, wenn Er selbst etwas gesagt hatte, αυτος εφ. Einwendungen würden ihnen auch nichts genützt haben, wenn es wahr ist, daß er etwa eine wichtige Lehre mit den Worten einleitete: Bei der Luft, die ich atme, beim Wasser, das ich trinke, werde ich keinen Tadel, keine Kritik dieser meiner Worte dulden! – Heute würde hierauf mit Hohn von allen Enden her geantwortet werden; Pythagoras aber richtete diese Worte nicht an die ganze Mit- und Nachwelt, sondern an Schüler, und wies sie zunächst an stilles Erwägen und Ueberdenken dessen, was er gesagt. Dies ist wohl auch der Sinn des mehrjährigen Stillschweigens ( εγεμυδια), das ihnen soll auferlegt gewesen sein; fertige Redner, welche alles zerschwatzen konnten, gab es damals, seit Thersites Zeiten, schon längst, obwohl die systematische Redekunst noch nicht erfunden war. Er verlangt vor allem die Fähigkeit der Meditation, welche die Schüler beständig begleiten sollte, von ihrem morgendlichen Herumwandeln in Tempelbezirken an bis zu der Selbstprüfung vor Schlafengehen: Worin habe ich gefehlt? was habe ich vollzogen? und welche Pflicht versäumt?

Daß seine Lehre eine geheime gewesen, wird zwar von allen Seiten berichtet, man wird aber zu unterscheiden haben. Die große Predigt der Seelenwanderung und die ganze ethische Lehre müssen öffentlich gewesen sein, und wenn der »nächtliche Vortrag« ( νυχτερινη), welchen er, wie es scheint, beständig beibehielt, 600 Zuhörer herbeizuziehen pflegte, so wird wohl jeder Gedanke an Geheimhaltung schwinden und dafür eben derselbe religiöse und moralische Inhalt vorausgesetzt werden müssen. Anders war es wohl mit der wissenschaftlichen Lehre; nicht daß Pythagoras deren Inhalt der Welt mißgönnt oder mit spezieller Verwertung derselben einen Vorteil für sich bezweckt hätte; das Geheimhalten kann hier die gradweise, behutsam allmähliche Mitteilung gesichert, das mutwillige Vorwegnehmen der Resultate abgeschnitten haben; späte, höchst geheimniskrämerisch gesinnte Berichterstatter haben dies nur mißverstanden und alles in eine Rubrik zusammengeworfen. Da entstanden unter anderm jene wunderlichen Unterscheidungen von solchen, welche den Meister nur hinter dem Vorhang gehört, und solchen, die ihn auch gesehen hätten, den eigentlichen Esoterikern. Immerhin wollen wir auch die Möglichkeit zugeben, daß diejenigen Punkte, in welchen sich Pythagoras mit Idee und Praxis des Staates in Zwiespalt fühlte, eine geheime Behandlung verlangen konnten. – Die famosen symbolischen Vorschriften, welche wir absichtlich übergehen, können keinen Unterricht ersetzt haben und werden zum großen Teil nur ein Jargon der Schule gewesen sein, womit die Draußenstehenden neugierig gemacht wurden.

Bei der Frage nach dem Inhalt der pythagoreischen Wissenschaft stoßen wir vor allem auf die Zahlenlehre, und hier wird man schwerlich jemals eins werden. Wir sind glücklich, wenn wir das Verschiedene, unter anderm was Zahl ist und was nicht, säuberlich gesondert halten können; bei Pythagoras dagegen sind die Zahlen Gleichnisse von Kräften, und ihre Beziehungen unter sich Gleichnisse von Gedanken. An den Gegensatz von Gerade und Ungerade, von Einem und Vielem, an das Verhältnis der heiligen Vierzahl (Tetraktys) zur vollkommenen Zehnzahl (indem 1 + 2 + 3 + 4 = 10) und dergleichen mehr knüpfte vielleicht Pythagoras bei einer der sonstigen Abstraktion noch nicht fähigen Schülerschaft behutsam geistige Gegensätze und Verhältnisse an, und führte seine Hörer etwa auf einmal in das Erhabene empor. Auch eine ästhetische Seite hatte die Sache; der Kreis war ihm die schönste Fläche, die Kugel der schönste Körper, daher er denn auch der Erde diese Gestalt zusprach. Als wäre es aber der Mischung noch nicht genug, lehrte er auch noch, daß Zahlen durch Töne und umgekehrt ausgedrückt seien; wie etwas Selbstverständliches wurde dies mit Hülfe von Saiten verschiedener Länge oder Beschwerung dargetan. Nun übte schon lange vor Pythagoras die Musik eine gewaltige, für uns kaum mehr verständliche Wirkung auf die Griechen, sei es eine aufregende oder eine besänftigende bis zur eigentlichen Heilkraft; er aber scheint die Musik geradezu als soziale Seele der Schule behandelt zu haben. Derselbe Mann, welcher den verschiedenen Klang der Schmiedehämmer maß, gab den Seinigen jene feierlichen Abend- und Morgenchoräle und förderte den innigen Zusammenhang unter ihnen mächtig durch das Reich der Töne.

Dies alles aber, soviele Beschwerde es unserm Verständnis schon bereitet, war nur der Unterbau einer großen neuen Hauptlehre, welche das tiefste zusammenhängende Studium verlangte und den eigentlichen Weltruhm des Pythagoras mit sich gebracht hat: derjenigen vom Weltgebäude. Bis man uns schwarz auf weiß deutlich beweisen wird, daß schon Aegypter oder Babylonier auf dieselben Resultate gekommen seien, werden wir daran festhalten müssen, daß der Weise von Samos zu allererst die Erde aus der Mitte des Weltsystems weggewiesen hat.

Er und seine nächsten Schüler konnten allerdings die Lehre noch nicht vollenden; er geriet auf das astronomische Wahngebilde einer Gegenerde und setzte in die Mitte des Systemes nicht die Sonne, sondern ein Zentralfeuer (»Wache« oder »Burg« des Zeus, »Hestia«), welches wohl von der Sonne aus, nicht aber von der Erde aus gesehen werde. Streitig ist, ob er bereits die Drehung der Erde um ihre eigene Achse gekannt; nachgeholt wurde dieselbe jedenfalls von Forschern des IV. Jahrhunderts, und im III. Jahrhundert erhielt auch die Sonne ihre Stelle im Zentrum des Systems, wenn auch nur durch eine Minoritätsmeinung gegenüber der herrschenden aristotelischen.

Die genannten Weltkörper samt dem Mond und den Planeten empfand Pythagoras in ihrer Bewegung als eine mächtige Harmonie (der Sphären) und glaubte deren Klang zu hören. An seinen beständigen Himmelsbeobachtungen werden auserwählte Schüler ohne Zweifel Teil genommen haben. Diese überaus ernste und konsequente Beschäftigung bildete vielleicht das große Gegengewicht zu den Sorgen um das Heil, mit welchen der feste Glaube an die Seelenwanderung den einzelnen erfüllen mußte. Man halte daneben, was sehr stark beschäftigte geistliche Orden der neuern Welt, wie zum Beispiel die Jesuiten, in Mathematik und Astronomie geleistet haben. – Wie weit waren jetzt diese Pythagoreer hinausgeraten aus dem geistigen, poetischen Medium, in welchem sie wie andere italische Griechen bisher gelebt hatten, aus dem Mythus von Göttern und Heroen! Wie völlig war dieser in ihrem Geist und Gemüt entwurzelt!

In welchem Sinne Pythagoras, indem er tatsächlich so große Aenderungen im Innern seiner Schüler hervorbrachte, auch das Wissen vom Menschen gepflegt hat, wissen wir nicht. Immerhin kommt von ihm die frühste psychologische Einteilung der ψυχη, des Nichtmateriellen, in Intelligenz, Leidenschaft und Vernunft ( νοχη, δυμος und ( φρενες); erstere beiden haben auch die andern lebenden Wesen, die Vernunft nur der Mensch. Große medizinische Kunde und Macht würde man dem Pythagoras zugeschrieben haben, auch wenn er sie nicht besessen hätte, und die leiblich-seelische Diät war erweislich ein Hauptstück seiner Lehre.

Von der Notwendigkeit des Geschehenden und zwar in Gestalt eines Verhängnisses ( ειναρνενας) soll er überzeugt gewesen sein wie ein anderer Grieche, und die mantische Erkundung der Zukunft verschmähte er ebensowenig. Er hielt sich indes nur an den Vögelflug und an jene merkwürdige Mantik durch scheinbar zufällige gehörte Worte, welche die Griechen χληδονας nennen, und vermied das mantische Brandopfer, ausgenommen dasjenige mit Weihrauch. Daß die in den Lüften schwebenden vakanten Seelen dem Menschen Träume, Vorzeichen, auch Krankheiten senden könnten, war ihm ebenso wahrscheinlich als vielen andern Griechen, welche dieselben Wesen Dämonen nannten.

Wie vieles von seiner ganzen Lehre ausschließlich ihm, wie vieles Schülern angehörte, wird man deshalb nie erfahren, weil die letztern alles systematisch ihm beilegten und nichts Eigenes haben wollten, worin ihr Verhalten sich völlig von dem in andern Philosophenschulen unterschied. Ueberhaupt hing diese Schule unter sich und mit ihrem Meister auch lange nach seinem Tode durch ein Band der Innigkeit zusammen wie selten eine andere Vereinigung auf Erden; berühmte Beispiele der äußersten Hingebung wurden noch von späten Pythagoreern erzählt; man half einander und suchte einander auf aus weiter Ferne; man sorgte für die Totenehren eines in fremdem Land verstorbenen Genossen des Bundes, auch wenn man ihn persönlich nicht gekannt hatte. Dies ist nur erklärbar, wenn Pythagoras für die Seinigen viel mehr als ein Philosoph und ein Gelehrter, wenn er eine große religiöse Tatsache gewesen war. Hier ist keine andere Deutung möglich. Diese Haltung der Schule sagt deutlich und unwiderleglich, was Pythagoras gewesen sein muß.

Nicht jeder aber taugte für diesen Verein. Als Pythagoras in Kroton eine Macht wurde, wollten sich auch böse, gewalttätige Individuen an ihn anschließen, um, wie sie womöglich immer taten, bei der Macht zu sein; so jener Kylon, welcher abgewiesen und dann das Haupt einer feindlichen Partei wurde. Andere, welche sich anschlossen, aber in der Folge ungenügend oder untreu befunden wurden, sahen sich nach einiger Zeit ausgeschlossen, und hier stoßen wir auf einen Zug gefährlichen Uebermutes in der Schule, wenn es wahr ist, daß man solchen förmliche Grabdenkmäler gesetzt habe wie Verstorbenen. Dem Meister selbst wird eine durchdringende Beurteilung der Menschen Späterer Nachtrag: Hieher Pythag. als Physiognomiker, Porphyrius cap. 54. und ihres Charakters zugeschrieben, allein bei großem Zudrang konnte er nicht jeden prüfen.

Und nun gelangen wir an die Konflikte, in welche er samt seinen Anhängern geriet, und an die vermutliche Gestalt der Krisis, welcher er unterlag.

Auf eine hinreißende Wirkung hin, wie die seinige anfänglich war, folgt unvermeidlich ein Rückstrom; die einst so hohe Stimmung muß bei Unzähligen verflogen sein, wie einst bei so vielen Florentinern gegenüber von Savonarola.

Laut einer Aussage sollen ihm von den Tausend, welche die Stadtregierung ausmachten, nur dreihundert geblieben sein, diese aber können durch ihr Zusammenhalten einen unverhältnismäßigen Einfluß ausgeübt haben, und dies mochte als ein Unrecht empfunden werden. In solchen Zeiten melden sich dann die alten Anschauungen wieder und machen ihr heiliges Recht der Gewohnheit geltend.

Der ausgesetzte Punkt war ohne Zweifel die Aszese, welche am bittersten angefeindet wird nicht von solchen, denen sie auferlegt ist, sondern von solchen, welche sie nicht inkommodiert und welche dann von Mitleid mit den Gequälten überströmen. Und nun erhob sich die Gewohnheit des guten Lebens der Achäer an dem damals so gesegneten Golf; es erhob sich die Geselligkeit des Symposions gegen den, welcher seinem engern Anhang den Wein verbot und überdies den Fleischgenuß und ohne Zweifel alles Jagdvergnügen und allen Fischfang! – Es erhob sich gegen die Ruhmesverachtung die alte Ruhmlust, und zwar vielleicht auch in der Seele mancher Anhänger! Welche merkwürdigen Kämpfe müßten zum Beispiel im Innern des gewaltigen Athleten Milon von Kroton vor sich gegangen sein, wenn derselbe wirklich zugleich ein eifriger Freund des Pythagoras war, wie versichert wird! – Gegen die Seelenwanderung aber wird sich das homerische, volkstümliche Jenseits erhoben haben im Bunde mit dem Leichenpomp und der Gräberpietät der italischen Griechen. Hier hatte sich einmal Pythagoras selbst, wie es heißt, bis zum Spotte gehen lassen. Bei eifriger Verehrung der olympischen Götter hielt er offenbar nicht viel von den Göttern der Unterwelt, welche ja, den Hermes ausgenommen, über das dauernde Schicksal der Seelen nach seiner Lehre nicht mehr entschieden; diese seien es, scherzte er, welche bei ihrer kümmerlichen Ausstattung um so begieriger seien auf große Traueraufzüge in Scharen, auf all den Wein und das Naschwerk, das man zu den Gräbern bringe, auf all die kostspieligen Totenopfer! Die Folge hievon sei, daß Hades oder Pluton von solchen Liebhabern des Trauerluxus oft und gern bald diesen, bald jenen zu sich herabhole, um wieder zum Genuß jener Opfer zu kommen, während er diejenigen, welche ihn auf Erden nur mäßig ehrten, lange am Leben lasse. – Hier mochte ein Gefühl beleidigt worden sein, welches nicht verzieh.

Gegen das ganze weltabgewandte Wesen des Pythagoras aber stemmte sich die hellenische Stadtrepublik, die Polis, mit ihren bisherigen Ansprüchen auf den ganzen Menschen, mit ihrem eigentümlichen Leben, welches nur Geselligkeit, aber keine abgeschlossene Gesellschaft vertrug, und dies muß von Anfang an einen Konflikt nicht bloß mit dem Anhang, sondern innerhalb dieses Anhanges verursacht haben. Jedes andere Opfer hätten viele Bewunderer dem Meister gebracht, aber auf das tägliche Sichgeltendmachen in der herrschenden Kaste und außerdem auf Roß und Ringplatz zu verzichten, dies mochte ihnen herbe vorkommen, und viele mögen sich allgemach von ihm abgewandt haben.

Diesem steht allerdings gegenüber eine schon im Altertum vertretene und von Neuern vielfach gebilligte Annahme: Pythagoras habe mit Hilfe seines Bundes eben Kroton und die Nachbarstädte regieren wollen, ja es sei dies ein Hauptziel all seines Wirkens gewesen. Es wird jedoch erlaubt sein, ein hievon abweichendes Gedankenbild zu entwerfen, zu welchem uns die Gesamtheit der Ueberlieferung eher hinzuführen scheint.

Pythagoras war ein Samier, und es ist nicht wahrscheinlich, daß er in Kroton, trotz aller Verehrung, legal über die Stellung eines geduldeten Schutzbürgers oder Metöken hinauskam. Setzen wir aber auch sein Vollbürgertum voraus und zweifeln wir nicht an seiner tiefsten Teilnahme für die Bevölkerungen, die ihn umgaben, so konnte er doch überhaupt nirgends Bürger im vollen hellenischen Sinne sein, indem er an die Stelle des politischen Lebens und Treibens ein neues und großes, zum Teil überirdisches Interesse setzte. Ganz gewiß beschäftigte ihn das Schicksal der griechischen Polis und das von Kroton insbesondere; als Weiser wurde er von nahe und ferne um Rat gefragt und er wird auch den redlichsten Rat gegeben haben; sein bekanntes Prinzip war: dem Gesetz und der Verfassung zu Hilfe kommen, die Gesetzlosigkeit bekämpfen! – aber faktisch traf er überall auf die wirklichen, furchtbar egoistischen Kräfte. Ebendamals stand in allen Städten des Golfes bevor die Bewegung der Massen gegen die Familien der ersten Gründer und der heftigste Kampf von Stadt gegen Stadt, und welche Menschen kamen dabei auf die Oberfläche! Pythagoras, welchem alles Leben heilig war, mußte beim Anfang der Händel mit Sybaris erleben, daß unter den Gesandten dieser Stadt, welche ohnehin das Gehässigste, nämlich Auslieferung der sybaritischen Flüchtlinge, zu verlangen kamen, ein Mann war, der einen seiner eigenen Freunde ermordet hatte. Er konnte nichts als sich von diesem Individuum abwenden. Diese Zeiten, gegen das Jahr 511 hin, mögen die eines wahren Kampfes innerhalb seiner nächsten Umgebung gewesen sein; vielleicht gewannen diejenigen die Oberhand, welche erklärten: wir bleiben Pythagoreer und regieren dennoch Kroton und andere Städte durch unsere Intelligenz und festen Zusammenhalt – denn jenseits von dieser Linie harrt unser nicht bloß Ohnmacht, sondern Verderben! – Der Krieg stand bevor, Kroton war der angegriffene Teil und in großer Sorge; Pythagoras konnte schon das Töten unschädlicher Tiere nicht leiden und verabscheute vollends die Zerstörung aller Pflanzungen, welche bei allen Hellenen kriegsrechtliche Praxis war – unter den Anhängern aber wird es gelautet haben: gerade wir müssen den Krieg anführen, denn es ist diesmal ein gerechter! – Und nun ging gar der Seher der Sybariten, Kallias der Iamide, zu den Krotoniaten über, weil dort die Opferzeichen so ungünstig ausfielen!

Inzwischen regten sich Abgewiesene wie jener Kylon, Ausgestoßene wie jene, welchen man Denkmäler wie Gestorbenen gestiftet hatte; auch Leute, welche über Störung des Besitzwesens durch das Gemeinleben klagten; und diese Gegner waren Blutsverwandte und Verschwägerte der Pythagoreer, es waren ebenfalls Aristokraten und Mitglieder des Rates der Tausend, aber ihr Haß war noch größer als ihr Standesinteresse; die Herrschaft des Bundes, riefen sie, sei eine Verschwörung gegen die Vielen, gegen die Masse! Und nun trat der Pythagoreer Milon, der weltberühmte Athlet, es heißt in der Tracht des Herakles, mit Löwenhaut und Keule, an die Spitze des krotoniatischen Heeres, welches dann am Flusse Traeis über 300,000 Sybariten siegte.

Mit Schauder mußte jetzt Pythagoras zusehen, welches Schicksal über die besiegte Stadt verhängt wurde: die Einwohner wurden zernichtet oder zersprengt, Sybaris zerstört und der Fluß Krathis über die Trümmer geleitet. Weiter offenbarte sich das Hochgefühl der Sieger darin, daß die Krotoniaten das große Fest von Olympia aus dem Sattel zu heben suchten, indem sie auf dieselbe Zeit zu einem Wettkampf einluden, welcher durch mächtige Geldprämien die Kämpfer an sich ziehen sollte; es scheint jedoch, daß die Hellenen nicht darauf hörten, sondern dem einfachen Kranze von Olympia, dem wilden Oelzweig, treu blieben. Daneben schoren die Milesier ihre Häupter und trugen Trauer, weil ihnen an Sybaris ein guter Handelskunde und Konsument untergegangen war.

Daß aber trotz Milons angeblicher Anführung die Menge sich als Siegerin betrachtete, zeigte sich darin, daß jetzt Kylon den offenen Widerstand gegen den pythagoreischen Verein beginnen konnte, weil dieser die Verteilung der großen Feldmark von Sybaris nach dem Geschmacke der Menge zu verhindern suche.

Da verließ Pythagoras im Jahre 509 Kroton nach mehr als 20jährigem Aufenthalt und siedelte nach Metapont über: Es war dies ein großer Verzicht, und er muß sein Wirken in Kroton für weiterhin unmöglich, für unnütz oder den Seinigen gefährlich gehalten haben, bis er zu diesem Entschlusse gelangte. Die Anhänger blieben zurück und die Leitung der Schule als solcher kam an Aristaios, welcher in der Folge auch die Witwe des Meisters, Theano, soll geheiratet haben.

Während nun Kroton in politischer Beziehung auf das hohe Meer des Wechsels zwischen Demagogie und Tyrannis geriet, scheint der Meister in Metapont noch einige ruhige Jahre verlebt zu haben. Es wird zwar nicht ausdrücklich gemeldet, daß er auch hier als Lehrer aufgetreten sei, allein in dem großen Pythagoreerverzeichnis nach Städten, welches uns erhalten ist, werden so viele Metapontiner genannt, daß man gerne eine Anzahl derselben noch in die Zeit seiner Anwesenheit verlegt.

Er starb 497 oder nicht viel später. Aus dem bunten Gewirr von Sagen über sein Ende wählen wir die einfachste und friedlichste aus: »mit Blicken voll Ehrfurcht schaute Metapont seinen flammenden Scheiterhaufen.«

Seine Schüler aber wurden nunmehr durch ihre Feinde zu einer wesentlich politischen Partei erklärt, gleichviel, ob sie es waren oder nicht. Dies rief dann, wie es scheint an mehreren Orten, und zwar Jahrzehnte nach Pythagoras' Tode, jene furchtbaren Exekutionen gegen sie hervor, da sie scharenweise verbrannt oder gesteinigt wurden. Es sähe der menschlichen Leidenschaft vollkommen ähnlich, daß auch eine ganz still und anspruchslos gewordene Gemeinde ausgerottet wurde, bloß weil sie jetzt klein war und weil ihre Mitglieder anders waren als andere Leute.

Ihre Reste jedoch waren stark genug, um noch viel später als Lehrer und Vorbilder eines idealen Tugendlebens hie und da in dem gesunkenen Hellas die Jugend zu begeistern, und so steht mit dem Weisen von Samos in weiter und doch unleugbarer Verbindung der große Epaminondas.

Nach andern Seiten hin ist dann Plato mit pythagoreischem Glauben und Wissen ganz erfüllt gewesen und hat diesen Kräften Bahn gebrochen, als es die Reste der Pythagoreer von sich aus nicht mehr vermochten.

Der Seelenwanderungsglaube aber ist in der Folge von den Griechen völlig abgelehnt worden.


 << zurück weiter >>