Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Die Weihegeschenke der Alten

12. Februar 1884.

Akademischer Vortrag, gehalten in der Aula des Museums. Dem Vortrag lag eine ausführliche Disposition von 10 Quartseiten zu Grunde, die Aufnahme gefunden hat in die Vorlesung B.'s über die Kunst des Altertums (Jac. Burckhard-Archiv, Nr. 145). lieber den Vortrag selbst besitzen wir ein ausführliches Referat in der Allgemeinen Schweizer Zeitung 1884, Nr. 38-40. In den Aufzeichnungen zur griechischen Kunst (Jac. Burckhardt-Archiv Nr. 149) findet sich ein Aufsatz: die Anatheme, 20 Folioseiten. Da jene Aufzeichnungen schon im Sommer 1880 entstanden waren, ist anzunehmen, daß B. diesen Aufsatz als Grundlage für den allgemeiner gehaltenen Vortrag benutzt hat, allerdings mit zum Teil geänderter Disposition, abweichendem Anfang und Schluß. Der Herausgeber hat vorgezogen, statt den Vortrag aus Disposition, Referat und Grundlage zu rekonstruieren, als Ersatz den fertigen Aufsatz B.'s mitzuteilen mit den wenigen Zusätzen von 1890 und später.

 

Das Weihgeschenk in der Auffassung der Völker ist eine höhere, dauernde Gestalt des Opfers. Bei den Kelten und Germanen lagen in den Heiligtümern bedeutende Massen von Edelmetallen, und Krösos von Lydien stiftete nach Delphi seine bekannten Goldbarren. Aber erst bei den Griechen macht sich das Weihgeschenk vom Stoffwerte oft völlig los und erhebt sich zum Kunstwerke im höchsten Sinne.

Ungesprochene Anschauungen und Voraussetzungen der verschiedensten Art begleiten dasselbe. So wie das Opfer, von den Vorfahren der Griechen seit Jahrtausenden geübt, bevor es einen ausgebildeten griechischen Kultus gab, nicht mehr genau Rechenschaft geben konnte von seinen ursprünglichen Bedeutungen, ebenso lagen dem Weihgeschenk neben den hellern Motiven: Bitte, Dank und Sühne, auch dunklere zu Grunde; deutlich war nur, daß es den Weihenden länger im Gedächtnis der Gottheit gegenwärtig halten sollte als das Opfer. Das griechische Volk hat hier, statt zu sprechen, Gaben dargebracht, und so werden wir wohl darauf verzichten müssen, aus den zerstreuten Andeutungen der Alten zu einer vollständigen Symbolik des Anathems in Worten zu gelangen. Die vielleicht uralte Vorgeschichte des Anathems wird erst allmählich aus den sich jetzt häufenden Funden der verschiedensten Zeiten ermittelt werden müssen.

Zwar ist eine große Sammlung von anathematischen Epigrammen vorhanden, welche die sechste Abteilung der Anthologie ausmachen und auf den ersten Anblick viele Aufklärung versprechen. Allein im seltensten Fall spricht hier der wirkliche Stiftende; denn dieser wird sich mit Nennung seines Namens und desjenigen der betreffenden Gottheit begnügt haben, und Unzähliges wurde gewiß schriftlos geweiht. Statt dessen hören wir fast überall einen Dichter der alexandrinischen und römischen, ja byzantinischen Zeit, welcher zwar vorgibt, im Namen des Weihenden zu sprechen, in der Tat aber nur nach einem zierlichen oder witzigen Wort über das Weihgeschenk sucht; ja oft sind es gegebene Jeux d'esprit ohne allen Anlaß aus der Wirklichkeit, welche von mehrern Epigrammatikern um die Wette behandelt wurden, ein Ballast, der bekanntlich alle Teile der Anthologie beschwert, und so kehrt manches, das einmal hätte gut abgetan werden können, in einer Reihe von Varianten wieder. Die Kunstgeschichte vollends erfährt aus diesen Epigrammen weniges, das nicht anderswoher in viel reichlicherem Maße bekannt wäre. Es handelt sich meist um ländliche Heiligtümer, ja bloß heilige Stellen, auf der Flur, im Gebirge, am felsigen Meeresstrand, und die Gaben, welche hier niedergelegt werden, sind fast nur diejenigen kleiner Leute, in deren Namen der elegante Dichter zu uns redet. Immerhin konnte derselbe noch den Gesichtskreis der Stiftenden kennen und hie und da den Willen haben, denselben richtig wiederzugeben.

Das vorherrschende Anathem der Leute aus dem Volke sind hier die Geräte und Kleidungsstücke des täglichen Lebens; aber schon hier werden zweierlei Absichten deutlich: die einen beschenken den Gott, um dessen Gunst in ihrem weitern Tun und Leben zu genießen, die andern, weil sie müde und altersschwach geworden und ihre Tätigkeit aufzugeben entschlossen sind, ja hie und da, weil ihr Fleiß ihnen Reichtum und Unabhängigkeit gebracht hat. Dieser Art ist das Geräte des alten Zimmermanns, welches der Pallas, das des Schmiedes, welches dem Hephästos dargebracht wird; das verbrauchte Netz des müden greisen Fischers in einem Heiligtum des Poseidon oder der Nymphen, und ebendort etwa der Nachen eines ausgedienten Fährmanns. Der Hirt weiht seinem Gotte Pan, was er zur Hand hat, und wäre es auch nur ein Knüttel, »aufgehängt an einem Fels in Arkadien«; aber auch seine weitern Geschenke wird man an manchem ländlichen Altar in Wirklichkeit angetroffen haben: »die Syrinx, den Hirtenstab, den Wurfspieß, das Tierfell und die Tasche, worin er seine Aepfel trug«, So im zweiten Epigramm des Theokrit die Gaben des Daphnis. mochte es sein, weil der Hirt seinen Gott gewinnen, ihm danken wollte, oder weil er alt und schwach geworden. Dem Hermes weihte der Ephebe die Geräte und die Tracht seiner Uebungszeit als dem Gotte der Uebungen; einen ganz andern Sinn dagegen hatten die Anatheme von Siegern in großen Kampfspielen, welche leidenschaftliche Gelübde lösen mußten, und man darf sich wundern, daß die Anthologie hier fast nur Wagenlenker zu Worte kommen läßt, welche das bunte, mit Zähnen, das heißt Amuletten verzierte Pferdezeug darbringen. Sodann gehörten zu den häufigsten, für alle Völker verständlichsten Anathemen die im Krieg erbeuteten Waffen, und mancher Tempel der Pallas, des Ares mochte unter der Decke seiner Säulenhalle beinahe ein Arsenal aufgehängter Wehrstücke jeder Art beherbergen. Hier enthält die Anthologie einige echte, nicht bloß ersonnene Weiheinschriften; in einem unteritalischen Tempel weiht zum Beispiel Hagnon acht Schilde, acht Helme, acht Linnenharnische und acht Dolche von erlegten Lucanern. Daneben kommt es auch vor, daß dem Ares neue Waffen dargebracht werden mit dem Gebete um beständigen Sieg, also das Bittgeschenk neben den Dankgeschenken, und als drittes wiederum das Anathem eines Ausgedienten, nämlich des alten Trompeters, welcher seine Salpinx, »diese rauhe Flöte des Kriegsgottes«, in einen Tempel weiht. Welche wunderbare Empfindung aber mag unbewußt in den Seelen gelegen haben, wenn gealterte, müde Leute das Geräte ihres Lebens einer Gottheit darbrachten?

Nur Dichtung ist es, wenn ein glücklich Liebender den Zeugen seines Glückes, die Lampe, der Kypris weiht, und nur ein Spaß ist es, wenn ein Wanderer seinen Hut, als Sinnbild seiner Reise, der Hekate vermacht und die Mutwilligen warnt, sich nicht daran zu vergreifen; denn um an Ernst zu denken, müßte man näher wissen, in welchem Zustande das Anathem war Hieher gehören auch Mantel und Pantoffeln, in welchen der »gerechte Mann« (Aristoph. Plut. 842, ss.) so viel Elend ausgestanden, und welche nun dem neuen Gott Plutos geweiht werden sollen. Aus v. 942 geht hervor, daß dergleichen etwa an einen der Bäume genagelt wurde, die den geweihten Hain um ein Heiligtum bildeten.. Wenn aber ein Schiffbrüchiger sämtlichen Göttern des Meeres sein Haar darbringt, so kann dies ganz buchstäblich zu nehmen sein, obschon das betreffende Epigramm von Lucian ist; denn der Unglückliche hat nichts anderes zu schenken Häufig kamen als Anatheme vor die Fesseln befreiter Gefangener. Herodot I 66, vgl. V 77; ähnlich im Mittelalter dem h. Leonhard zu Ehren..

Die Weihgeschenke der Frauen sind besonders Gewänder, welche man sich oft als gestickt, ja als figuriert vorstellen darf. So die Anatheme junger Mütter an die geburtshelfenden Göttinnen Artemis, Eileithyia etc. In mehrfachen Varianten findet sich, was drei fleißige Arbeiterinnen der Pallas weihen: Spindel, Weberschiffchen und Wollenkorb. Manches wird von Müttern dargebracht für kranke oder rettungsbedürftige Töchter; der Gott von Kanopos erhält zum Beispiel bei solchem Anlaß einen Leuchter mit zwanzig Dochten. Bacchische Frauen, welche ihrer heiligen Raserei (μανια, λυσσα) ledig geworden sind, verabschieden sich von Dionysos oder von der großen Mutter mit einem Geschenke Das Gemälde der drei Hetären, ein Werk des Aristokrates, als Weihgeschenk an Kypris, Ep. 208. – Vgl. Brunn (Geschichte der griech. Künstler) II, S. 201. – Die Bratspieße der Rhodopis in Delphi und deren Symbolik, Herodot II, 153.. – Ein besonders zierliches Anathem von ehrbaren Frauen sowohl als von Hetären sind dann die Toilettensachen von Erz oder edeln Metallen, darunter einmal ein kleiner silberner Eros. Auch der Witz der Dichter hatte hier ein leichtes Spiel, zum Beispiel über jene Weihende, welche einen Mann bekommen hat und nun der Gottheit nicht etwa die eigenen Locken, wie manche taten (πλοχαμοι), sondern die falsche Haartour (πλοχομις) verehrt. Ein bekannter Gemeinplatz ist endlich Lais oder sonst eine Buhlerin, welche wegen zunehmender Runzeln kein Vergnügen mehr an ihrem Spiegel hat und ihn der Aphrodite darbringt, einmal mit dem überraschend schönen Schlußwort: »denn nur deine Gestalt, Kythereia, fürchtet kein Alter!«

Hier sind wir an der Grenze der künstlerischen Anatheme angelangt; doch ergeben die Epigramme, wie gesagt, nicht was man erwarten würde. Die echten darunter nennen oft nur den Weihenden und den Gott So mehrere von Simonides auf große offizielle Weihestücke. Doch nennt er Ep. 135 das eherne Pferd des Pheidolas, Ep. 153 den Kessel des Kleubotos., nicht aber den Gegenstand, weil man denselben vor sich sah, so daß man daraus nicht mehr lernt als aus den Inschriften mancher noch erhaltener Basen, welche ebenfalls nur den Stifter und die Gottheit nennen. Oder wenn der Gegenstand genannt wird, ist es kein sachlich sprechendes Anathem, sondern ein Kultbild; die Hamadryaden, welche Kleonymos unter den Pinien über dem Wasser aufstellt Ep. 189., machen die Stätte zum Heiligtum; der aus Kedrosholz gebildete Asklepios des Eetion beim Arzte Nikias zu Milet, die von einer Hausmutter gestiftete Aphrodite Urania mit regelmäßigen, glückverbürgenden Opfern (beides bei Theokrit) sind geradezu Hausgötter. Eine ganze Anzahl von Epigrammen endlich beziehen sich auf Kunstwerke ohne Andeutung, daß es Anatheme gewesen und würden richtiger in eine andere Sammlung der Anthologie (die sogenannten Επιδειχτιχα) zu verweisen sein. Das Weihgeschenk beginnt erst außerhalb des Hauses, bei einem bestimmten Anlaß oder Grund, und dieser kann in der Aufschrift ungenannt oder absichtlich verschwiegen bleiben. Wenn ein Weinbauer dem Dionysos einen Satyr setzt und das Epigramm Ep. 56. dessen lebendige Bildung ruhmredig preist, wenn ein Jäger der Artemis ein Standbild im Gebirge aufstellt, wenn Ep. 143. Timonax einen Hermes in die Vorhalle eines Gymnasions stiftet, so sind dies selbstverständliche Dinge Das einzelne Götterbild ist und bleibt natürlich eines der häufigsten Anatheme für groß und klein, sogar für ganze Poleis und dann bisweilen in sehr kolossalem Maßstabe. Die heldenmütigen Argiverinnen nach dem Kampfe mit Kleomenes durften eine Statue des Kriegsgottes errichten; Plutarch. de mul. virtt. 4. – Die Pallas Promachos des Phidias.. Doch betonen einige Epigramme auch die innern Beweggründe der Stifter. Zunächst wurde manches auf Traumgesichte hin gestiftet, ja auf Theophanien hin; Artemis erschien etwa einer Jungfrau am Webestuhl Ep. 266. und erhielt hierauf ihre Statue (oder kleine Tonfigur?) an einem Kreuzwege. Anderes geschieht infolge von Gelübden: Kythera, die Bithynierin Ep. 209., weiht eine weißmarmorne Aphrodite, weil sie dieselbe gelobt hat und nun auf beständige eheliche Eintracht hofft; eine kretische Mutter, Tempeldienerin der Artemis Ep. 356., stiftet dieser Göttin die Bilder ihrer beiden Töchterchen, mit dem Wunsch, dieselben möchten einst ebenfalls dem Dienste der Göttin leben; makedonische Eltern stellen (ohne Zweifel in einem Heiligtum) laut Gelübde die Statuen eines Knaben und eines Mädchens auf, wie sie ein niedliches Epigramm Ep. 357. schildert, wo die beiden Kinder zu Worte kommen. Sehr hübsch klingen Andacht gegen die Gottheit und Beförderung des eigenen Ruhmes zusammen in der Stiftung eines Marmorreliefs der Musen durch den Musiker Xenokles; das Epigramm Von Theokrit, 10. lautet: »Euch allen neun Göttinnen weiht Xenokles dies Marmorgebilde, der Musiker; denn niemand wird ihm diesen Titel versagen; ruhmvoll durch seine Kunst, vergißt er auch die Musen nicht.«

Ein Einzelvers Ep. 194. mag als ein Segenspruch über diesen ganzen Vorrat von Heiligtümern gelten: »Schütze, tritonische Göttin, die Weihenden wie das Geweihte!«

Außer der Anthologie sind zahlreiche Kunden von Anathemen vorhanden, welche sehr viel weiter führen. Wir übergehen die zum Tempelkultus notwendigen goldenen und silbernen Gefäße Auch manche gemalte Tongefäße mit Weihinschriften an Gottheiten sind entweder geradezu als Anatheme gefertigt oder nachträglich in ein Heiligtum gestiftet und dann erst mit der Inschrift versehen worden. Hieher: die Marmorreliefs als Exvotos (cf. Schöne und Benndorf). – Natürlich das Häufigste: eine Huldigung mit Opfer an Asklepios und Hygiea (leicht verwechselt mit Darstellung von νεχυσια). –Auch Exvotoreliefs an Herakles, Pan, Nymphen etc. – Römisch: die Matronensteine. und Geräte, welche durch umständliche Inschriften für mehrere Tempel bezeugt sind, ebenso die vielen Andenken und Kuriositäten, welche in die Tempel gestiftet waren, die silbernen und tönernen menschlichen Gliedmaßen in den Kurtempeln Hiefür belehrend die Inschrift aus dem Amphiaraon bei Oropos, Böckh, corp. inscr. I, 1570. und dergleichen mehr, um uns auf die Kunstwerke in engerm Sinne zu beschränken.

Hier wird man zunächst die vielen gemalten Tafeln von Geretteten, die Exvotos des Altertums, auszuschließen geneigt sein, wovon es nicht nur in Tempeln, sondern auch in Heroenkapellen Athen. VIII, 44 bisweilen wimmelte. Meist von ärmern Leuten gestiftet oder von solchen, die aus irgend einer Gefahr nur ihr Leben davongebracht, mögen es im ganzen wirklich geringe Malereien gewesen sein, ρωπιχα γραμματα wie eine dürftige Mutter Athen. VIII, 44. das gestiftete Bild ihres Knaben selber bezeichnet. Doch konnte es auch geschehen, daß reiche Leute im Seesturm bedeutende Kunstwerke zu schenken gelobten, welche sie entweder schon besaßen oder neu fertigen ließen. Strabo Strabo IX, 1, p. 396. sah in den kleinen Hallen um den Tempel des »rettenden Zeus« im Piräus bewundernswerte Tafeln, Werke von berühmten »Meistern«; im Freien, das heißt im Tempelhofe, standen Bildsäulen. Der Inhalt der Tafeln, der geringen und der trefflichen, kann von der verschiedensten Art gewesen sein und viele könnten den heutigen Exvotobildern darin geglichen haben, daß sie die Abbildung der betreffenden Not und Gefahr und der angerufenen Gottheit enthielten Das Gemälde des Hungers, vielleicht Votivbild von Belagerten, s. bei Anlaß der Allegorien (in den Aufzeichnungen zur griech. Kunst)..

Ein anderes, uraltes und echt griechisches Anathem sind die Preise, die in irgend einem Wettkampf gewonnen und dann den Göttern geweiht wurden, wobei der Name des Siegers, durch die heilige Stätte gesichert, viel gewisser weiterlebte, als wenn das Wertstück durch Privaterbschaft von Hand zu Hand ging. Nun war eine der ältesten Gestalten des Kampfpreises der eherne Dreifuß, und schon Hesiod Hesiod. opp. et dies 655. – Pausan. IX, 31, 3. – Vgl. Herodot I, 144. weihte denjenigen, welchen er im Wettgesang zu Chalkis gewonnen, den helikonischen Musen. Im Lauf der Jahrhunderte hatte sich dann in Athen die Sitte bilden können, daß diejenigen reichen Bürger, welche mit den von ihnen gestellten Chören den Sieg davongetragen, zur Aufstellung ihres Dreifußes ein eigenes kleines Heiligtum errichteten, bisweilen mit dem herrlichsten künstlerischen Schmuck. Das Monument des Lysikrates war der Träger eines solchen Dreifußes; in einem andern Zierbau derselben Art scheint der berühmte Satyr des Praxiteles gestanden zu haben. Die Stadt erhielt auf diese Weise eine »Dreifußstraße« Pausan. I, 20, 1. sonder gleichen, und es ist der Mühe wert, sich den ungeheuern Unterschied der Zeiten an diesem Beispiel klar zu machen. Auf welchen Umwegen müssen wir zu der Wahrnehmung geführt werden, daß bei den Griechen das, was heute höchstens Konkurrenz ist, feierlicher Wettkampf war, daß der beneidete Kampfpreis am besten unter göttliche Obhut gestellt wurde, daß der Wettkampf des Gesanges von der Leistung der Einzelnen auf diejenige ganzer dramatischer und gottesdienstlicher Chöre übergetragen werden konnte, und daß es endlich Sache der höchsten Ambition wurde, dem Preise dieses Kampfes eine öffentliche Aufstellung in Verbindung mit unvergänglichen Kunstwerken zu gewähren! – Von dem wunderbaren Vermögen edeln Zierbaues, welches jener einzig vorhandene Rest, das Denkmal des Lysikrates offenbart, ist an dieser Stelle nicht zu reden.

Daß bisweilen die Gestalt des Dreifußes selbst als Ziergebäude benützt wurde, in welchem ein Skulpturwerk sich befand, läßt sich schließen aus den Worten des Pausanias über den Dreifuß mit der Niobidengruppe oberhalb des Speläon am obern Rande des Dionysostheaters Pausan. I, 21, 5.. Ein vatikanisches Relief, mit einer Kampfszene innerhalb eines Dreifußes, gibt hievon eine Idee. Aber schon lange bevor Hesiod seinen Dreifuß im Wettgesange gewann, kann das merkwürdige Geräte eine höhere Bedeutung gehabt haben. Es gehört samt dem Kessel zu dem ältesten und unentbehrlichsten Gepäck von Wandervölkern; unter ihm entzündet sich ursprünglich der Herd und an diesen knüpft sich, was auch in den wildesten Zeiten heilig geachtet wird. Wie frühe und durch welche Ideenverbindung sich die Weissagung beim Dreifuß einstellte, mag auf sich beruhen; gewiß ist, daß der Mythus sie vom Besitz des Dreifußes abhängig glaubte Aus der Geschichte von Iason und dem Triton (Herodot IV, 179) schimmert deutlich hervor, daß die Götter nicht weissagen konnten, wenn ihnen nicht die Menschen den Dreifuß gaben. Vgl. Pausan. X, 13, 4.. Zum Anathem aber kann derselbe geworden sein schon als Beutestück im Kriege; die zweite Stufe wird dann die gewesen sein, daß Dreifüße künstlerisch geschaffen wurden als Symbol des Sieges, weil man Haus und Herd des Feindes überwältigt hatte, wobei die Form sich mehr und mehr von dem rohen, auf drei Füßen ruhenden Ring Von dieser Urform, dem Träger des Kessels über dem Feuer, sind höchst wahrscheinlich die verschiedenen Geräte ausgegangen, welche in der Folge Dreifüße hießen. wird frei gemacht haben. Schon die Dreifüße, welche die Lakedämonier aus der Beute des ersten messenischen Krieges schaffen ließen und nach Amyklä stifteten, enthielten freistehende Götterbilder und müssen wohl als ziemlich bedeutende Prachtgeräte gedacht werden; noch größer waren zwei andere, erst nach der Schlacht von Aegos Potamoi dorthin gestiftete Pausan. II, 18, 4. – IV, 14, 2.. In einzelnen Tempeln hatten sich von verschiedenen Weihungen her alte Dreifüße angesammelt; in dem des Apollon Ismenios zu Theben, wo ein Jahrespriestertum waltete, pflegten die reichern Priester bei Ablauf ihres Amtes einen Dreifuß zu stiften, und die Reihe begann schon mit einem Werke der mythischen Zeit: dem Dreifuß, welchen Amphitryon gestiftet, als Herakles das Priesteramt versah Pausan. IX, 10, 4. – Vgl. IV, 32, 1.. Wegen der Schlacht von Platää weihten dann alle Hellenen nach Delphi den auf einer ehernen Schlange ruhenden goldenen Dreifuß Pausan. X, 13, 5., und ein Anathem aus dem Perserkriege war auch derjenige eherne, welcher von Gestalten von Persern emporgehalten wurde, eines von den wichtigen alten Kunstwerken, welche in den Peribolos des hadrianischen Olympieions zu Athen aufgenommen waren Pausan. I, 18, 8.. Ganze Beutezehnten aus siegreichen Kriegen konnten auf Prachtstücke solcher Art verwendet werden. Von demjenigen dekorativen Leben, welches diesen Werken eigen gewesen sein kann, geben die bescheidenen ehernen Dreifüße, welche noch erhalten sind, kaum eine ferne Ahnung. Wie weit dreiseitige Marmoraltäre und Kandelaberfüße in einzelnen Beziehungen von dem ehernen Dreifuß beeinflußt worden, mag dahingestellt bleiben.

Neben dem Wunsch, die Gottheit durch Geschenke zu ehren, zu gewinnen und zu sühnen, spielen hier und beim Anathem überhaupt die verschiedensten Beweggründe Ein Unikum unter diesen Beweggründen war (Aelian. V. H. II, 29) die Absicht des Pittakos, als er in die Tempel von Mytilene lauter Leitern stiftete. Es sollte damit – wahrscheinlich nur zur Belehrung seiner Mitbürger – die Wandelbarkeit des Glückes versinnlicht werden. in buntester Mischung und Wandelung mit. Der einzelne sucht seine wichtigsten Erinnerungen und Interessen den Wechselfällen seines Hauses und Erbes zu entziehen, indem er sie bildlich gestaltet einem Heiligtum anvertraut; auch das Porträt, gemalt oder plastisch, wird zum Anathem; dazwischen überwältigt der Ehrgeiz und der Kunsttrieb der einzelnen wie der Staaten jede andere Absicht und es entstehen um die Wette Gebilde zum Teil von kolossalem Umfang.

Die Familie des Kypselos von Korinth stiftete die Lade, in welcher er als Kind vor den Nachstellungen der Bacchiaden gerettet worden, mit einer Welt von Bildern geschmückt in das Heräon zu Olympia. Im Thesauros der Akanthier zu Delphi befand sich das drei Fuß lange Modell einer Triere aus Gold und Elfenbein, welches der jüngere Kyros dem Lysander wegen seines Sieges bei Aegos Potamoi gesandt hatte Plutarch. Lysand. 18. und welches Lysander dem Gotte geweiht haben wird. Nicht ein Modell, wohl aber eine gemalte Abbildung der Bosporosbrücke samt dem darüberziehenden Perserheere und zwei ruhmredigen Distichen stiftete der Erbauer der Brücke, Mandrokles, in den Heratempel seiner Heimat Samos Herodot. IV, 88.. Wie dann die Tempel oft die Archive und Kassen der Stadt beherbergten und namentlich Inschriften wichtiger Staatsverträge enthielten, so konnte ein bevorzugter einzelner auch seinen Stammbaum dort in Sicherheit bringen. Im Erechtheion zu Athen war auf einer Tafel die Genealogie des Redners Lykurgos gemalt, eine Familie von lauter Priestern des Poseidon, welche bis zu Erechtheus hinauf reichte, vielleicht nicht viel anders angeordnet als die figurenreichen fürstlichen und adlichen Stammbäume unserer altdeutschen Schule Plutarch. X, oratt. vitae, 7. – Lykurg und seine drei Söhne waren als holzgeschnitzte Figuren zugegeben, übrigens von der Hand der Söhne des Praxiteles.

Eine häufige Ursache künstlerischer Anatheme waren erlegte Bußen, welchen damit vielleicht etwas von ihrer Bitterkeit genommen werden sollte. Die Delphier bauten aus konfiszierter Habe von Verbrechern »die untern Heiligtümer« (τοὺς κάτω ναούς) neu um Plutarch. reip. ger. praec. 32.. Aus Bußgeldern solcher, welche in Athen das Wasser aus den öffentlichen Leitungen beiseite geleitet hatten, stiftete Themistokles als Wasservorsteher die kleine Figur einer Wasserträgerin; es war dieselbe, welche er später, da sie von den Persern geraubt worden, als Flüchtling im Metroon zu Sardes wieder antraf Plutarch. Them. 31.. In Olympia stand, aus Strafgeldern unredlicher Wettkämpfer errichtet, eine ganze Reihe von sogenannten Zanes oder Straf-Zeusen Worüber sehr umständlich Pausan. V, 21, 2 ss. Die Beispiele reichen bis in die Kaiserzeit.. Die verfügende Behörde waren die Elier, deren »Frömmigkeit« hiebei gerühmt wird; vielleicht hätten die betreffenden Gelder auch können für Bauwesen und Unterhaltung des Vorhandenen verwendet werden, aber nur der einzelne Strafzeus mit seiner warnenden Aufschrift hielt den einzelnen Fall mit Namen und Vergehen des Fehlbaren im Andenken der Menschen fest. Immerhin hätte man dabei unter den Göttern von Olympia ein wenig abwechseln können; denn von Zeusbildern stand der ganze heilige Bezirk ohnehin voll, indem das Stiften von solchen lange Zeit hindurch eine Ehrensache griechischer Städte gewesen sein muß; wer sich noch dabei auszeichnen wollte, mußte etwa Kolosse stiften, wie der achtzehn Fuß hohe eherne Zeus der Kleitorier war und vollends der siebenundzwanzig Fuß hohe der Elier selbst, vom Beutezehnten eines Krieges gegen die Arkadier.

Bei diesem Anlaß muß hervorgehoben werden, wie wenig die Griechen überhaupt Bedenken trugen, das Bild einer und derselben Gottheit im nämlichen Heiligtum viele Male wiederholt auszustellen. Schon neben dem eigentlichen Kultbild eines Tempels duldete man gerne ein älteres Holzbild (ξόανον), das einst die Stelle jenes eingenommen Pausan. I, 18, 5. – II, 17, 5. – VIII, 37, 9., oder die Gottheit war in mehrern Bildern mit verschiedenen Beinamen oder Anrufungen (ἐπικλήσεις) wiederholt Pausan. I, 42, 5. – VIII, 32, 1. – IX, 2, 5. – Dazu die bedeutende Aussage II, 22, 8 über Hekate von Skopas, Polyklet und Naukydes. Was die Griechen von Wiederholungen derselben Gestalt an derselben Stelle vertrugen, mag man sich daran vergegenwärtigen, daß Praxiteles in einer Giebelgruppe des Herakleions zu Theben elf Herakleskämpfe zusammengedrängt hatte. Pausan. IX, 11, 4. – Vgl. Welcker, Alte Denkmäler, I, p. 207.; dazu kamen aber im Tempel und um denselben oft noch eine ganze Anzahl von Statuen, welche allmählich als Anatheme hingelangt waren, sodaß vielleicht eine Uebersicht aller Gestaltungen und Stile möglich war, welche das betreffende göttliche Wesen durchgemacht hatte. Als einst die Lipareer den Tyrrhenern zwanzig Schiffe abgenommen, stifteten sie nach Delphi ebenso viele (vermutlich identisch gebildete) Apollsstatuen Pausan. X, 16, 4.. Was sich in einer Kirche unseres Mittelalters öfter wiederholt findet, die heilige Jungfrau, die Apostel und Propheten und so weiter, konkurriert unter sich bei weitem nicht so und häuft sich nicht so auf einen Anblick zusammen; ganz besonders aber ordnet sich das, was das Mittelalter im einzelnen stiftet, sei es Altar oder Glasgemälde, der bestimmten Kirche als Bestandteil derselben viel mehr unter als das griechische Anathem seinem Tempel, in welchen es oft nur wie zufällig hineingeraten erscheinen mußte. Ein großer weiterer Unterschied war, beiläufig gesagt, daß die Kirche auch das monumentale Grabmal in sich aufnahm, welches der Tempel und sein Peribolos, mythische Heroengräber ausgenommen, sorglich von sich ausschlossen.

Höchst merkwürdig ist die große Anzahl von ehernen und marmornen Tieren, welche als Anatheme auftreten, darunter ein weltberühmtes Kunstwerk, Myrons Kuh, welche noch zu Ciceros Zeit, auf der Pnyx zu Athen, vorhanden war. Die Gründe des Stiftens sind auch hier verschiedener Art, und hie und da ganz deutlich; öfter aber scheint Pausanias, unsere Hauptquelle, nur unsichere und späte Erklärungen überliefert zu haben und in einem Falle redet er absichtlich geheimnisvoll.

Das älteste und einfachste war, daß von Herdentieren und Jagdtieren das Fleisch geopfert und genossen wurde, Haut und Hörner aber, etwa an den nächsten Bäumen befestigt, als Anathem des Bauern, Hirten oder Jägers galten. Die Anthologie gibt mehrere Epigramme dieses Inhalts. Sodann wird man mehrere Kunstwerke in Tempeln am ehesten als Weihgeschenke glücklicher Jäger zu deuten haben: die eisernen Köpfe eines Löwen und eines Wildschweins im Dionysostempel zu Pergamon Pausan. X, 18, 5., das eherne Haupt eines Bisons in Delphi, Weihestück eines Päonenkönigs Pausan. X, 13, 1.. Aus später Zeit gesellt sich hinzu der Jagdhund, und ein solcher von der Hand des Leukon, »bellend lebendig« gebildet und höchst wahrscheinlich der Artemis geweiht, wird in einem Epigramm Ep. 175. gepriesen.

Feierliche Tieropfer werden verewigt oder auch ersetzt, indem man das betreffende Tier, aus Erz gebildet, in ein Heiligtum weiht. Zur Zeit der Pest am Anfang des peloponnesischen Krieges opferten die Einwohner von Kleonae auf delphische Weisung hin der aufgehenden Sonne einen Bock und weihten dann, als die Pest aufhörte, dem delphischen Apoll einen Bock von Erz Pausan. X, 11, 4.. Ptolemäos Philopator, als Sieger über Antiochos, wollte vier Elephanten opfern, wurde aber durch ein Traumgesicht gewarnt und weihte statt dessen dem Helios vier eherne Elephanten Aelian. Hist. anim. VII, 44..

Als allgemeines Sinnbild des Gedeihens faßt Pausanias Pausan. X, 16, 3. die ehernen Rinder auf Die erhaltene Hälfte eines kolossalen ehernen Rindes: auf dem Capitol, Palazzo de' conservatori., welche von Karystos und Platää nach den Perserkriegen in Delphi geweiht waren; diese Städte hätten damit ihren durch Bezwingung der Barbaren gesicherten Ackerbau und sonstigen Wohlstand andeuten wollen. Vielleicht ist das eherne Rind nur dasjenige Anathem, welches das geopferte am einfachsten symbolisiert. Daß Stiere bisweilen die vorgeschriebene Darstellung von Flußgöttern waren, ist bekannt Aelian. V. H. II, 33..

Bisweilen wurde ein Tier, welches sich ein bestimmtes Verdienst erworben, in Erz als Anathem aufgestellt. Die Ambrakioten, als ihnen ein Hinterhalt der feindlichen Molosser durch das Geschrei und Rennen eines Esels verraten worden, weihten nach Delphi einen ehernen Esel, und die Delphier selbst stellten einen ehernen Wolf aus, weil einst ein solches Tier einen Tempelräuber tötete und den Raub verriet Pausan. X, 18, 3. vgl. X, 14, 4. – Zwei ähnliche Fälle außer diesem s. bei Aelian. Hist. anim. XII, 40.. Ob aus einer Dankbarkeit dieser Art der Athener Kallias das eherne Roß stiftete, welches man in Delphi sah Pausan. X, 18, 1., wird nicht näher gemeldet, jedenfalls aber gehören hieher die von den Kerkyräern nach Olympia und Delphi gestifteten Bilder desjenigen Stieres, welcher durch sein Brüllen an der Küste die Stelle eines großen Thunfischfanges angegeben hatte Pausan. X, 9, 2. Vgl. V, 27, 6.. Das Tier selbst hat man auf delphischen Befehl dem Poseidon opfern müssen, aber aus dem Zehnten des Fischfanges bestritt man die doppelte Verewigung dieses Opfers in Erz. Und was hier im großen, geschah anderswo im kleinen: ein Epigramm der Anthologie Ep. 43., angeblich von Plato, meldet, daß ein Wanderer laut Gelübde, welcher Gottheit wird nicht gesagt, einen ehernen Frosch geweiht habe, weil ein Frosch hier dem Dürstenden die Nähe eines Gewässers verraten hatte.

Andere Male, ohne daß wir das nähere Motiv erführen, stiften die Städte Erzbilder solcher Tiere, welche im Lokalmythus vorkamen. Auf der Agora zu Argos, zwischen vielen andern Anathemen, sah der hereinstürmende König Pyrrhos mit Schrecken einen Wolf im Kampfe mit einem Stier; denn ihm war, wenn er dies anträfe, der Untergang geweissagt; es war eine eherne Gruppe, welche die Argiver geweiht hatten, weil einst Danaos, als er ihrer Stadt nahte, einen Wolf und einen Stier hatte kämpfen sehen Plutarch. Pyrrh. 32.. Die Stadt Elyros auf Kreta weihte nach Delphi eine eherne Ziege, von welcher zwei Kinder Apolls gesäugt wurden Pausan. X, 16, 3., nach einer Ortssage. Eine ganz andere Bedeutung hatte eine eherne, vergoldete Ziege auf der Agora zu Phlius; sie war aufgestellt zur Begütigung, weil beim Aufgange desjenigen Gestirns, welches die Ziege heißt, dort die Reben zu leiden pflegten, und man erwies ihr sogar einigen Kultus Pausan. II, 13, 4.. Von dem Stier endlich, welchen der athenische Areopag auf die Akropolis geweiht hatte, sagt Pausanias Pausan. I, 24, 2. ganz mysteriös: über den Grund der Weihung könne, wer da wolle, mancherlei vermuten.

Der Löwe als Anathem kam spätestens schon am heiligen Weg der Branchiden bei Milet vor, und das Hauptexemplar im britischen Museum trägt sogar eine lange Weiheinschrift; allein der mit der Weihung an Apollon verbundene Sinn ist so dunkel als bei den übrigen von dort stammenden Statuen Wahrscheinlich sind es Anatheme Reicher und Mächtiger, welche das Orakel befragt hatten.. Als Sinnbild der kriegerischen Tapferkeit, wenn auch nicht als Weihestück für eine bestimmte Gottheit, wurde der Löwe auf Schlachtfeldern kolossal aufgerichtet; ein sicheres Anathem aber war derjenige eherne Löwe, welchen die Elateer nach einer glücklich überstandenen Belagerung durch Kassander nach Delphi stifteten Pausan. X, 18, 6.. Das Tier wurde um seiner Schönheit willen gewiß oft als bloße Zierde gebildet, und bei Verherrlichung von Herrschern wird der König der Tiere schon frühe nicht gefehlt haben, wie denn am Mausoleion eine ganze Anzahl von Löwen vorkamen; allein in feierlich majestätischen Bildungen, wie zum Beispiel der herrliche Löwe von Knidos im britischen Museum ist, wird man doch eher Weihgeschenke erblicken wollen. Das wahre Gegenteil von diesem anathematischen Ernst war später die Löwin des Arkesilas, eines jener griechischen Meister, welche für das Rom Cäsars arbeiteten; geflügelte Putten hatten sie gezäumt, hielten ihr ein Horn zum Trinken vor und versuchten ihr sogar Sandalen anzulegen Plin. XXXVI, 41..

Neben allen Schattierungen in Absicht und Denkweise der Weihenden kommt dann immer wieder der einfachste Sinn des Anathems zu seinem Rechte als höhere, dauernde Gestalt des Opfers. Plinius zählt einmal als Gattungen von Statuen auf: Athleten, Krieger, Jäger und Opferer und läßt hierauf die Namen derjenigen Künstler folgen, welche sich darin ausgezeichnet. Mag nun auch die letztgenannte Gattung in wenigen oder keinen sichern griechischen Beispielen mehr nachzuweisen sein, so hat sie doch als solche existiert; die Andacht und Ergebenheit des Opferers sollte gleichsam durch das Erzbild dem Gotte ewig gegenwärtig gehalten werden. Eine Kunde bei Pausanias Die vorausgehend genannte Stelle bei Plinius: XXXIV, 91. – Hier Pausanias X, 18, 3. läßt ahnen, daß hie und da auch Gelübde dauernder periodischer Opfer abgekauft wurden durch ein Anathem. Die Leute von Orneä im argivischen Lande hatten einst in Kriegsnot dem Apoll gelobt, wenn er ihnen die Feinde wegtreibe, ihm täglich einen feierlichen Zug zu halten und ihm bestimmte Opfer in bestimmter Zahl zu bringen. Als sie gesiegt hatten, brachten sie täglich das Versprochene dar; als aber Aufwand und Mühe zu groß wurden, kamen sie auf den schlauen Gedanken ( σοφισμα), dem Gotte zwar Opfer und Aufzug zu weihen, aber als Erzgebilde. Dieses letztere, wie es in Delphi stand, hat man die Wahl sich vorzustellen als Relief oder eher Pausanias braucht nämlich den Plural χαλχα ποιημαρα. als Gruppe von zahlreichen, wenn auch kleinen Figuren. Was hier eine ganze Stadt aus bewußter Schlauheit getan haben soll, kann auch dem einzelnen einmal nahe gelegen haben; doch wird der Typus des Opferers nicht wesentlich auf diese Weise entstanden sein, sondern unbefangen als Schenkung an die Gottheit. Ja, ist nicht im Grunde der panathenäische Festzug am Friese des Parthenon, wie alle Reliefdarstellungen des Kultus überhaupt, ein großes gemeinsames Anathem?

Um aber die großen anathematischen Freigruppen, von welchen weiterhin die Rede sein soll, richtig zu beurteilen, muß man sich stets von neuem gegenwärtig halten, wie in frühern Zeiten überhaupt und bei den Griechen insbesondere das entstand, was man Kunstsitten nennt. Das ursprüngliche Motiv des Denkmals ist ein religiöses, gegebenes; um dasselbe zum Ausdruck zu bringen, haben Kunst und Aufwand von frühe her getan, was sie jederzeit vermochten; nun hat sich der Wetteifer (ἀγών), welcher alles griechische Leben durchdringt, der Sache bemächtigt, und schon innerhalb der heiligen Räume einer Stadt steigert man sich von Anathem zu Anathem; in den höchsten Schwung aber gerät das Stiften durch den Machteinfluß der beiden großen Festorte Delphi und Olympia, wo alle Städte des Stammlandes und der Kolonialwelt mit einander wetteifern können und mit der Zeit beinahe müssen; ein Zustand, wie er sonst in der ganzen Kunstgeschichte nirgends mehr vorkommt. Und zwischen und neben jenen Gruppen, oft dicht gedrängt, eine zweite Welt des Wetteifers, die ehernen Sieger der Kampfspiele, Athleten, Reiter und Viergespanne!

Hier ist nicht mehr zu erwarten, daß bei den Anathemen noch der religiöse Grund, etwa die Erfüllung eines Gelübdes, hätte das entscheidende sein sollen. In Delphi und Olympia verherrlichen die Griechenstädte wesentlich sich selber, oder sie verkünden der griechischen Gesamtnation an diesen Orten einer riesigen Publizität irgend etwas, das ihr Leben mächtiger berührt hat. Pausanias erwähnt nach einander Pausan. V, 25, 1, s. zwei Stiftungen in Olympia, welche jede auf ihre Weise die Symbolik dieser Anatheme erläutern helfen. Die eine bestand aus einer Anzahl von ehernen Knaben mit betend vorgestreckter Rechten (Werke des Kalamis); der Grieche erriet wohl, daß diese zu den Göttern gebetet hätten, während ihre Väter kämpften, und in der Tat war das Werk ein Beutezehnte von einem Siege der Agrigentiner über das phönicisch-libysche Motye. Aus derselben Zeit, etwa der Mitte des V. Jahrhunderts, stammte das andere Anathem, ein Werk des Kallon, eine der merkwürdigsten Gruppen aus dem Gebiete des Kultus: Der Chor von fünfunddreißig Knaben samt Chorlehrer und Flötenspieler, welchen die sicilischen Messanier jährlich nach Rhegion sandten, war einst in der Meerenge ertrunken, und nun stiftete die Heimatstadt die sämtlichen Bilder derselben, nicht in einem heimischen Tempel und nicht nach Rhegion, sondern nach der Hauptstätte aller hellenischen Festfreude Nachzutragen die Hauptstelle: Pausan. V, 21, 1: Auf der Akropolis zu Athen ist alles Anathem, was dort steht; in der Altis zu Olympia ist ein Teil der Werke der Gottheit geweiht, die Statuen der Sieger dagegen in εν αφλου λογω (also wie der Kranz?) σφισι χαι ουτοι διδονται. – Auch V, 25, 1: die letztern: τη ες αυτους χαριτι ανατειφεισος τους ανφ πωπους. – Im Kultus der ältesten Zeit scheint das Opfer mit einem Anathem verbunden gewesen zu sein; um die Brandopferaltäre zu Olympia fand man in tiefster Erdschicht massenhaft Bronzefigürchen und Terracotten von Menschen und Tieren, letztere nur von einheimischer Gattung, unter denen das Pferd hervortritt. – Anderswo Rinder und Vögel..


 << zurück weiter >>