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Zweites Kapitel


Die Helligkeit im Zimmer hatte nun alle Wärme verloren. Draußen standen die Ulmen des Parks wie eine schwarzgrüne Mauer vor einem gelbweiß schimmernden Himmel. Die Sonne war hinter ihnen untergegangen. Und die graue Diana stand hart und kalt auf ihrem Postament. Die Fuchsschwänze und Cannablätter zu ihren Füßen sahen beinahe schwarz aus. Die dichte Wand der Ulmen war an einer Stelle überragt durch eine riesig hohe italienische Pappel. Ihr sperriger Wuchs mit dem dürftigen Blattwerk war scharf, wie eine ausgeschnittene Silhouette schwarz auf weißem Papier zu erkennen. Zwei Raben kamen in unruhig flatterndem Flug an dem blanken Himmel vorbei und setzten sich auf die äußersten Spitzen der Pappel.

Christine machte eine fröstelnde Bewegung.

»Es wird kühler. Und dunkel auch,« sagte Alexandra und eilte zur Thür, während Albrecht nach der Lampe rief.

Mit dem Behagen einer verzogenen Kranken, die gern recht viele für sich bemüht sieht, guckte Christine zu, wie die dichten Gardinen zugezogen, wie Lampe und Armleuchter an ihren Platz gestellt wurden.

»Du bleibst doch noch bei mir?« fragte sie dann bittend.

»Noch ein Viertelstündchen,« versprach Alexandra. Und da sie wußte, man mußte der sanguinischen Christine lauter gute, angenehme Gedanken für den Abend und etwa schlaflose Nachtstunden anregen, fing sie an, wieder auf dem Bettrand sitzend, allerlei Pläne zu schmieden.

»Es kann reizend werden diesen Herbst und Winter,« plauderte sie, »eigentlich freue ich mich recht auf Hartard. Er gibt mir vor mir selbst den Vorwand, wieder flotter zu werden. Ich liebe so die Geselligkeit. Und Hartard ist jung, soll sich amüsieren, ist gewiß ein famoser Tänzer. Auch kann er sich ja bei mir am unbefangensten alle heiratsfähigen Damen der Gegend ansehen. Ihr könnt keine Bälle und Gastereien geben – Albrecht wird nach wie vor bei seinen paar Jagddiners bleiben müssen. Aber ich kann sehr gut wieder ein Haus machen – mehr als bisher.«

»Dann werden die Leute sagen, du wollest wieder heiraten,« meinte Christine, die vergnügt zuhörte.

»Laß sie.«

»Eigentlich – warum solltest du auch nicht? Daß Herr von Calatin ernste Absichten auf dich hat, weiß doch alle Welt,« scherzte Christine.

»So?« fragte die andre mit gemachtem Gleichmut. Aber es schien, als husche eine flüchtige Verlegenheit über ihr Gesicht. »Na, wenn die Leute denn mit Herrn von Calatins Absichten genauer Bescheid wissen als ich, können sie sich auch überzeugen, daß er keine Hoffnung hat.«

Sie wurde langsam rot. Der fest auf sie gerichtete Blick Albrechts nahm ihr alle Unbefangenheit.

»Herr von Calatin ist übrigens seit drei Wochen gar nicht auf Hörstel gewesen,« versicherte sie mit seltsamem Eifer.

Aber Christine ging darüber hin, sie war bei ihrem Sohn.

»Weißt du, Lexe – sorge dafür, ihn mit Aulendorfs und Montforts zusammen zu bringen,« bat sie. »Die beiden Aulendorfs sollen reizende Mädchen sein, und sie haben von mütterlicher Seite sehr viel Geld. Und Natalie Montfort ist einfach bezaubernd; ihre Mama hat sie das letzte Mal mitgebracht. Ich fand sogar eine gewisse Absicht darin. Die Montfort fragte so empressiert nach Hartard. Natalie bekommt einmal Flieders. Calatin hat es mir erzählt. Ach es wäre doch so zu wünschen, daß Hartard sich in ein wohlhabendes Mädchen verliebte. Lieben natürlich muß er sie. Verkaufen soll er sich nicht.«

Ebenso eifrig sagte Alexandra: »Außer den Aulendorfs und Natalie Montfort ist da auch noch die junge Frau von Falkenburg. Sie war ja nur ein Jahr verheiratet. Ihr Papa, der alte Bülow, wäre froh, wenn sie ein neues Glück fände.«

Albrecht lachte, daß es durchs Zimmer hallte.

»Verheiratet ihn nur. Das ist so ein rechtes Weibergeschäft.«

»Es wäre aber doch sehr zu wünschen, daß er wohlhabend und standesgemäß, heiratete,« sagte seine Frau. »Das machte ihn auf einmal selbständig und löste alle Fragen.«

»Natürlich wäre das sehr zu wünschen,« gab Albrecht zu.

»Verlaß dich nur auf mich,« versprach Alexandra. »Ich werde mich in den Ruf der Vergnügungssucht bringen und ein Fest nach dem andern geben, und nachher erzähl' ich dir immer haarklein alles.«

»Könntest du mir nicht Photographien von den beiden Aulendorfs verschaffen?«

»Natürlich. Mama photographiert neuerdings. Sie kann das nächste Mal, wenn die Aulendorfer auf Hörstel sind oder wir auf Flieders, Gruppenbilder machen.«

»Flieders –,« sprach Christine nachdenklich, »wer weiß, ob es nicht auf dem Wege der Heirat wieder an einen Fronhofen kommen könnte!«

Alexandra und Albrecht lächelten sich zu. Sie wußten, jetzt fuhr die Phantasie der armen Frau in goldenem Wagen auf köstlichen Wegen spazieren.

»Aber nun muß ich fort. Es ist richtig zu dunkel geworden, um noch die beiden neuen Maschinen zu sehen.«

Sie sah nach der Uhr.

»Schon sieben. Sebald wird maulen. Du weißt, er schwärmt für Pünktlichkeit und tyrannisiert mich.« Sie neigte sich auf das Lager, um Abschied zu nehmen.

»Ach – schon!« sagte Christine. »Immer wenn du bei mir warst, habe ich das Gefühl, als hätte ich so viel erlebt. Ich danke dir noch vielmals für alles, alles. Auch für die neue Schwester.«

»Du bist zufrieden?«

»Sehr. Nur – ich weiß nicht recht ... Früher, da hatte ich eine einfache Frau als Wärterin. Dann zweimal hintereinander katholische Graue Schwestern. Die Schwestern durfte man nicht fragen, wie sie hießen und woher sie stammten. Das fand ich auch eigentlich ganz richtig. Sie wollen und sollen bloß noch barmherzige Menschen sein – keine Gräfinnen oder keine Handwerkerskinder mehr. Der Stand mußte verwischt bleiben. Aber diese – diese interessiert mich so. Darf ich sie fragen?«

»Natürlich. Sie ist ja vom Roten Kreuz. Also keine geistliche Ordensschwester, sondern ein Weltkind wie ich und du. Die kannst du gern nach Namen und Art fragen. Es freut mich, daß sie dir gefällt. Als ich der Gräfin Klingsberg schrieb, legte ich ihr's auch besonders warm ans Herz, aus alter Freundschaft für mich, eine sehr überlegte Wahl zu treffen. Denn schließlich ist es doch auch angenehm, wenn eine Kranke in ihrer Pflegerin eine Person findet, die auch seelisch ihr wohlzuthun weiß.«

»Willst du sie nicht sehen?« fragte Christine und hielt immer noch die Hand ihres Gastes fest.

»Das ist bloß ein Vorwand, Sie noch weitere fünf Minuten hier zu behalten,« sagte Albrecht scherzend.

»Also ja – führe sie nur vor.«

Christine hatte die kleine Holzbirne der elektrischen Klingel neben sich auf der Decke. Der zweimalige Druck rief die Krankenpflegerin herbei.

»Du wirst Augen machen,« sagte Christine, »nicht wahr, Albrecht, es ist ein Gesicht, das man nicht alle Tage sieht?«

»Na ja – schön ist das Mädchen schon,« gab er zu.

Die Thür öffnete sich, und Alexandra von Königsegg machte wirklich »Augen«.

Die Pflegeschwester, die etwas zögernd hereinkam, verbeugte sich, mit kühler Gleichgültigkeit flüchtig grüßend, gegen die ihr fremde Dame und trat an das Bett der Kranken, nach deren Wünschen zu fragen. Alexandra sah erst mit Erstaunen, dann mit wachsendem Unbehagen auf die Erscheinung der Pflegerin.

Diese trug ein simples schwarzes Kleid, eine weiße Schürze und um den Hals einen weißen Klappkragen, den eine schwarze glatte Jetbrosche schloß. Auf ihrem Haar saß das herkömmliche kleine weiße Häubchen. Aber es saß da, wie ein sehr koketter Schmuck. Und das blonde Haar hätte man an einer Weltdame kaum für echt gehalten, so reich war die Fülle der welligen Scheitel und die Stärke der am Hinterkopf zusammengesteckten Flechten. Das Gesicht erschien ein wenig blaß und sehr jugendlich. Die Züge waren regelmäßig und die Brauen sehr dunkel, in einem auffallenden Gegensatz zum hellen Haar.

Das junge Mädchen schien kurzsichtig zu sein; beim Eintritte kniff sie die Augen etwas zusammen, was ihr einen hochmütigen Ausdruck verlieh. Dann öffnete sie die Augen groß, und man sah, daß sie dunkelgrau waren und den verschleierten Blick der Kurzsichtigen hatten. Die Ruhe, die im Gesicht und in den Bewegungen lag, wirkte wie etwas Unechtes.

»Dies ist meine liebe neue Pflegerin, Schwester Kleopha,« sagte Christine. Kleopha verneigte sich zum zweitenmal mit derselben Gleichgültigkeit. Sie schien weder Verlegenheit noch Interesse zu fühlen.

»Frau Baronin – dies ist Frau Baronin von Königsegg, die Ihrer Oberin meinetwegen schrieb,« schaltete Christine erklärend ein – »muß nun fort fahren. Mein Mann wird sie sicher ein Stückchen begleiten. Ach, bleiben Sie bei mir, Schwester Kleopha.«

»Selbstverständlich, gnädige Frau,« sagte die Schwester.

Sie stellte sich am Fußende des Bettes auf; ohne auch nur daran zu denken, sich im Zimmer eine Scheinbeschäftigung zu suchen, wartete sie ruhig darauf, daß die Baronin sich verabschieden solle.

Alexandra, die sich mit einem Mal gereizt fühlte, bildete sich sogar ein, daß in der Haltung der Schwester die Aufforderung läge, sich gefälligst zu beeilen.

Sie mußte sich zusammennehmen, um voll unbefangener Heiterkeit von der Freundin Abschied zu nehmen.

Dann trat sie mit Albrecht in die Halle hinaus. Es war, als wenn sie auf einmal in eine andre Welt träten. Nach dem strahlend hellen, von farbenfeinem Luxus erfüllten Zimmer wirkte die kahle Halle, in der nur eine Petroleumlampe an der Wand über dem Kamin vor einem Spiegelblender brannte, sehr trübselig.

Dora stand schon bereit, um der Baronin zu helfen. Aber die kleine Zofe breitete den Mantel so aus, daß die Ärmellöcher für Alexandra nicht gleich zu finden waren. Da half ihr Albrecht.

»Sebald könnte voranfahren, und ich ginge bis zur Mühle mit?« sagte er fragend.

»Gewiß, sehr gern. Adieu, Dora,« sprach Alexandra.

Dora lächelte und knixte.

Draußen salutierte Sebald mit der Peitsche. Im Schein der Wagenlaterne sah man, daß er ein böses Gesicht machte.

»Es ist bloß zehn Minuten nach sieben, Sebald,« sagte seine Herrin, »und du kannst voran fahren. An der Rethner Mühle warte – da steig' ich auf.«

Sebald gab keinen Ton von sich, sondern fuhr davon.

»Er weiß eine Haltung einzunehmen, daß man förmlich meint, Wagen und Pferde seien mitbeleidigt. Deine Mama und du, ihr laßt euch viel von ihm gefallen.«

Alexandra zuckte die Achseln.

»Was soll man machen. Er ist Mamas Milchbruder. Dienstbotentreue ist immer tyrannisch.«

Und dann, nach einer kaum sekundenlangen Pause sagte sie in erregtem Ton: »Diese Schwester Kleopha ist zu schön für ihren Beruf und speciell für ihre Stellung bei euch. Ich weiß gar nicht, wie die Klingsberg solche Persönlichkeit aussuchen konnte.«

»Na,« meinte Albrecht von Fronhofen gleichmütig, »daß sie zu schön für ihren Beruf ist, kann ich nicht finden, denn die Kranken sehen doch lieber was Hübsches als was Häßliches um sich 'rum. Und wieso sie nun gar für ihre Stellung bei Christine zu schön sein soll, versteh' ich nicht.«

Alexandra bildete sich ein, daß sein Gleichmut erkünstelt sei.

»Nun – mein Gott – das ist doch klar: Hartard kommt zurück. Er kann sich in diese Kleopha verlieben. Die Gefahr ist zu groß.«

»Rege dich nicht auf,« sprach er herzlich, »du sagst Hartard, und meinst mich.«

»Und wenn ... aber nein, nein, nein! Es ist wirklich auch für Hartard eine Gefahr. Schicke sie fort,« bat Alexandra beschwörend.

»Eine Pflegerin fortschicken, die Christinens Gefallen und Interesse hat?« fragte er. Es lag etwas Seltsames in seinem Ton. Man hätte beinahe sagen können: Stille. Eine Gemütsstille, für die es in gewissen Fragen keine Bewegungsmöglichkeit gibt.

»Es ist wahr,« murmelte Alexandra in plötzlicher Ergebung, »sie gefällt und unterhält Christine.«

»Und die Gefahr für einen jungen Menschen, sich zu verlieben, lauert an allen Ecken und Wegen,« fuhr Albrecht ruhig fort, »davor kann man ihn nicht hüten. Ich schicke eine schöne Krankenpflegerin fort und er verliebt sich vielleicht in unsre häßliche Mamsell. In diesen Dingen gibt es keine Vorbeugung und keine Berechnung. Da passieren alle Tage die unerwartetsten und lächerlichsten Geschichten. Und schließlich: wenn er sich dann ein bißchen verguckt, ist das Malheur auch nicht groß. Dann kann man Schwester Kleopha noch immer wegschicken. Ich werde schon aufpassen. Außerdem: du hast es ja gelesen, Hartard hat schon in Gedanken seine Blicke auf alle heiratsfähigen Mädchen der Gegend gerichtet. Wenn einer so mit dem Willen ankommt, sich zu verlieben und zu verheiraten, das gibt schon von vornherein eine gute Disposition, an den alltäglichen Gefahren vorbeizugehen.«

Alexandra schwieg. Vor ihrem Geist stand immer das schöne, leuchtende und doch so abweisend kalte Gesicht der Schwester Kleopha. Wie konnte ein Mann von Albrechts Temperament gleichgültig an dieser rätselhaften Schönheit vorbeigehen? Er sah sie jeden Tag ein dutzendmal und wurde förmlich dazu gedrängt, sie zu bewundern.

Auch Albrecht schwieg. Er wußte ganz genau, was in der Seele der Frau vorging. Es war am besten, man ließ sie sich still zur Ruhe zurückfinden.

So gingen sie stumm nebeneinander durch den Abend.

Ein letztes, blaugraues Dämmern ließ noch die Gegend in ihren großen Konturen erkennen.

Die Landstraße machte gleich hinter den Rethener Wirtschaftsgebäuden einen scharfen Bogen und ging dann geradeaus nach Norden. Rechts lag, wie dunkles Metall, blank, aber ohne flimmernde Lichtreflexe ein großer Wasserspiegel zwischen Schilfumrandungen. An seinem jenseitigen Ufer erhob sich ganz langsam zu leiser Höhenwelle das Ackergelände. Am Horizont stand dunkel und still eine Mühle. Südlich hinter den Schilfmauern des Sees bildeten Schloß und Park und Gärten von Rethen eine schwarze Masse, deren Grenzlinien gegen den Himmel in phantastischen, groben Zügen abgeschnitten waren. Geradeaus lief die Straße in eine Ebene hinein, die sich ins Grenzenlose zu erstrecken schien, weil die feuchten Dünste Horizont und Himmel so verschleierten, daß alle Linien verloren gingen. Links, hinter bebauten Feldern, die sich weit entlang streckten, sah man einen bescheidenen Hügelzug, der offenbar dicht bewaldet war, denn er stand massiv und schwarz vor dem grauen Himmel.

Plötzlich nahm Alexandra den Arm des still neben ihr gehenden Mannes.

Er mußte viel darin sehen und vollkommen verstehen, was sie damit sagen wollte. Er drückte den Arm fest an sich.

Es wurde immer dunkler um sie her. »Du hast ein gutes Wort gesagt, Alexandra,« begann er endlich, »ja wohl: wenn der Junge das Herz seiner Mutter hat und den Charakter seines Vaters, muß alles sich ordnen und klären. Dieses bewundernswerte, edle Herz Christinens! Und am Ende kann er das von mir lernen: daß rechter Mannesmut nicht allemal in der That, sondern in der Fügsamkeit besteht. Das ist nun gerade, wie's einem vom Schicksal beschieden wird: die einen können sich ausleben im Handeln und die andern im Stillhalten. Das Handeln freilich ist bequemer. Ich möcht' beinah sagen: es ist natürlicher. Aber das Natürliche ist ja nicht immer gerad' das Sittlichste. Ich meine doch, ich bin ein rechter Mann, weil ich gelernt habe, stillzuhalten.«

»O, Albrecht,« sagte sie in tiefer Bewegung.

»Aber freilich,« fuhr er fort, »ich habe auch dich gehabt. Man kann sagen: das machte es leicht. Man kann aber auch sagen: das machte es schwer. Ich weiß gar nicht, ob irgend ein Mann in meiner Lage anders gehandelt hätte. So wie es ist, muß es sein! Und nicht wahr, Alexandra: unser Engel da auf seinem Bett, der ist glücklich!«

Seine Stimme bebte.

»Ja,« sagte sie, und ihre Augen standen in Thränen, »sie ist glücklich. Und sie soll es bleiben. Wir, Albrecht – wir halten es aus. Nicht wahr, wenn da eine Last ist, die getragen werden muß, dann kommt es den Starken zu, sie zu tragen! Und wir sind die Starken.«

Er drückte ihr fest die Hand.

»Wenn nur Hartard schon reif genug ist, bei seinen Lebensnöten auch so zu denken,« sprach sie weiter.

»Er liebt seine Mutter. Liebe gibt wohl auch Reife, wenigstens denen gegenüber, die man liebt,« antwortete er in seiner zuversichtlichen Art.

»Ach,« rief sie ausbrechend, »und ich fürchte mich doch vor Hartards Kommen. Schließlich hat er deine Art. Und deine Art heißt Kraft! Er wird dich beeinträchtigen wollen – dich verdrängen – unbewußt – mit dem Naturrecht seiner Jugend – dich, der selbst noch ein Junger und Starker – – Ich hab' ihn immer lieb gehabt, er ist doch euer Sohn! Aber dann könnte ich ihn hassen – –«

Albrecht war erschüttert.

»Die Leiden, die du um mich zu tragen hast, hören eben nie auf,« murmelte er vor sich hin.

Da trocknete sie ihre Thränen.

»Nein. Schilt mich nur,« sagte sie schnell und versuchte zu lächeln. »Ich leide gar nicht. Du mußt wirklich strenger werden und mich lieber auslachen, wenn ich mich in was hineinsteigere. Hartard liebt nicht nur seine Mutter, er liebt auch dich. Du bist sein Mannesideal. Daran wollen wir denken. Und dann wollen wir ihn flink verheiraten: mit der Montefort, die Flieders hat, oder mit einer Aulendorf, die Geld hat. Flieders wäre besser. Es freute Christine mehr.«

Und nun lachte sie wirklich.

Albrecht nahm ihre Hand. So schritten sie, einander haltend, weiter.

Vor ihnen blinkte ein Licht auf.

»Aha, die Mühle und Sebald,« sagte er.

Die Mühle stand dunkel und verlassen da, es war eine hölzerne Windmühle, ähnlich jener, die vorher, beim letzten Tagesschein, noch einsam und schwarz als Silhouette vor dem Himmel drüben überm See erkennbar gewesen.

»Adieu, du einzige,« sprach Albrecht leise. »Ich kann auch nur immer wie Christine sagen: Dank! Dank!«

Und im Schein der Wagenlaterne, während Sebald mit provokanten Gebärden die Pferdedecken abnahm, sagte er: »Also auf Wiedersehen, morgen auf Hörstel. Ist es ein großes Diner?«

»Nur Mamas Freunde: Pastor Zwota, Aulendorfs ohne Töchter, die Montefort mit Natalie und Calatin,« erzählte sie.

Über den Namen ärgerte Albrecht sich. Aber er bezwang sich und rief nur noch einmal: »Also auf morgen!«

Der Wagen fuhr davon.

Albrecht stand noch eine Weile und sah, wie die beiden Strahlenbündel, die rechts und links aus den Laternen schossen, je ein kegelförmiges Stück Land erhellten. Das Rollen der Räder verklang schnell auf dem weichen Landweg, aber die beiden Lichterscheine sah man noch lange. Erst als sie zu blassem Schimmer verschwanden und immer ferner rückten, ging er zurück.

Es war nun völlig Nacht geworden, eine mondlose Hochsommernacht. Der Himmel, sternbesät, schien zu unendlichen Höhen emporgerückt, da zwischen ihm und der Erde der leuchtende Vermittler fehlte.

Albrecht schritt rüstig aus. Sein Herz war frei und leicht.

Mochte kommen, was da wollte, er fühlte Reichtümer und Sicherheiten in sich, die ihn bereit machten, jedem Ereignis klar ins Auge zu sehen.

Während er so seinem Heim zueilte, saß am Bette der Leidenden die schöne Pflegerin.

Christine war gewöhnt, mit ihrer Umgebung, auch soweit diese eine dienende Stelle einnahm, sich vertraulich zu besprechen. Für sie, die seit dreiundzwanzig Jahren auf diesem Bette lag, gab es nicht die Schranken, die sonst der Herrin des Hauses verbieten, mit Untergebenen intim zu reden. Vor denjenigen, die ihr in all ihren Menschlichkeiten tagaus tagein beistanden, vermochte sie keine Geheimnisse zu bewahren. Es wäre ihrem Herzen wie Unnatur vorgekommen, fortwährend das Mitleid, die Geduld und die Arbeitskraft von Menschen hinzunehmen und zugleich hochmütig oder auch nur vorsichtig ihren Gesprächen strenge Grenzen zu ziehen.

In den ersten Jahren ihres Leidens war es ihr manchmal vorgekommen, als läge ihr ganzes Dasein nackt und bloß vor den Augen ihrer Umgebung. Keine Stunde ihres Tages entzog sich mehr der Bewachung, sie konnte kein Buch lesen, ohne daß jedermann wußte, was sie las, keinen stillen Wunsch hegen und sich selbst erfüllen; sie vermochte keinen Schluck Wasser zu trinken, ohne daß man ihn ihr reichte. Es gab keine Freiheit und keine Heimlichkeit in ihrem Leben, keinen Willen und keine Entschließungen.

Aber allmählich hatte sie sich an dies Anrecht, das ihr Leiden den Menschen an sie gab, gewöhnt. Und ganz unmerklich dehnte sie es ihnen selbst noch aus, indem sie ihnen auch ihre Seele offen preisgab.

Sie verlernte zu schweigen. Da es im Leben Christinens nur gute, reine Dinge und Gedanken gab, so richtete sie mit ihren unschuldigen Vertraulichkeiten niemals Unheil an.

Aber sie war nicht nur vertraulich, sie war auch neugierig. Es unterhielt sie doch immer ein wenig, von Dora zu hören, ob der Kutscher auf Flieders wirklich die Lina heiraten wolle und daß die Topper schon wieder was Kleines erwarte und daß der Löbell vorigen Sonntag betrunken gewesen; daß die Leute auf Dolac sagten, Hörstel und Dolac kämen doch noch in eine Hand, und die Frau Baronin werde dennoch den Dolacer Calatin nehmen. Und Dora wußte immer alles aus der ganzen Gegend und hatte so eine wichtige, etwas mütterliche Art, ihrer Herrin alles zu erzählen, während sie im Zimmer hantierte.

Auch die letzte Pflegeschwester, eine graue von den katholischen Elisabethschwestern, war sehr heiter und unterhaltend gewesen. Von sich selbst freilich erzählte sie der Kranken nichts, das durfte sie nicht. Aber sonst war ihr jedes Thema recht, und es hatte so ein stiller Glanz bescheidener Lebensfreude über ihr gelegen; sie war sogar auf eine kindliche Art witzig gewesen und all die unendlich prosaischen und peinlichen Arbeiten der Krankenpflege hatten oft genug ein helles Lachen zur Begleitung gehabt. Ein Ordensbefehl rief diese Schwester nach einem andern Wirkungskreis.

Christinens Kummer über den Abschied hatte Alexandra von Königsegg auf den Gedanken gebracht, eine protestantische, weltliche Schwester vorzuschlagen. Wenn man sich dann abermals so innig aneinander schloß, brauchte kein Ordensbefehl die Pflegerin der Kranken zu nehmen.

Die neue Schwester war nun sehr schweigsam, und alle ihre tadellose Dienstbeflissenheit hatte beinahe etwas Programmmäßiges. Aber zunächst fühlte Christine sich vollkommen entschädigt durch die Schönheit der Pflegerin.

Sie fand es sehr interessant, eine solche Persönlichkeit um sich zu haben. Sie dachte sich schon allerlei Romane aus. Eine Geschichte mußte Schwester Kleopha haben, das stand bei ihr fest. Wenn man so aussah und dennoch Kranke pflegte, hatte man eine unglückliche Liebe hinter sich, ein gebrochenes Herz, war Opfer von Verrat und andern Schändlichkeiten. Sie wagte aber nicht zu fragen, weil ihr die grauen Schwestern mit sanfter Entschiedenheit gesagt hatten, sie sprächen nie über ihre Herkunft und Schicksale.

Mit Alexandras Versicherung, sie könne hier gern fragen, war nun die Neugier ins Riesengroße gewachsen.

Aber Christine hatte das unbestimmte Gefühl, daß man erst Vertrauen zeigen muß, ehe man es fordern darf.

»Nicht wahr, Schwester, die Baronin von Königsegg ist doch eine wunderschöne Frau?« sagte sie mit ihrer leisen, freundlichen Stimme.

»Gewiß.«

Die Schwester saß aufrecht, die Hände im Schoß gefaltet, vom Glanz der Lichter überflimmert, und antwortete immer sofort, aber mit einer ungemeinen Knappheit.

»Früher, als ihr Haar noch sehr rot war, was manche interessanter fanden, erschien sie mir nicht so schön. Sie hat sich fabelhaft konserviert. Sie ist auch sehr gesund. Das macht viel. Denken Sie, Schwester, sie ist schon achtunddreißig Jahr. Sieht man das?«

»Nein, durchaus nicht.«

»Es ist meine beste Freundin. Früher, als ihr Mann noch lebte, verkehrten wir schon viel. Aber seit er tot ist, seit zwölf oder zehn Jahren – zwölf, doch glaube ich ... nein, doch zehn ... ach, die Zahlen und die Zeiten ... das verschwimmt mir so ... na, ja seitdem kommt sie jede Woche ein- oder zweimal. Und immer hat sie etwas für mich: ein Buch, eine Mappe mit Bildern, was zu naschen und so.«

»Das ist reizend.«

»Ich liebe sie auch, nächst meinem Mann und Hartard, am meisten von allen Menschen. Mein Mann stellt sie auch sehr, sehr hoch. Ach, Schwester, wenn man, wie ich, so ganz auf die Güte der Nächsten angewiesen ist, empfindet man alles doppelt.«

»Sicherlich – das glaube ich.«

»Sie werden sich hier auch einleben, hoffe ich, Schwester. Kennen Sie das Landleben?«

»Wenig.«

»Wenn sie doch etwas persönlicher werden wollte mit ihren Antworten,« dachte Christine.

Und nach einer Pause begann sie von neuem:

»Ich sagte: Hartard. Und Sie wissen noch nicht, wer es ist. Es ist mein Sohn. Er kommt übermorgen. Mein Mann hat vorhin einen Brief gehabt.«

»Eine große Freude für Sie,«

»Ja, aber doch mit Sorge verknüpft. Hartard ist auch Landwirt. Was sollen die beiden Männer zusammen auf Rethen? So groß ist es ja nicht. Hartard scheint sich auf einmal seinen Papa als alten Herrn vorzustellen. Ich sorge mich sehr, Schwester.«

»Das müssen Sie nicht, gnädige Frau.«

»Das Verhältnis zwischen erwachsenen Kindern und Eltern ist immer oder doch oft sehr voll Gefahren. – Haben Sie noch Eltern, Schwester?«

»Nein.«

»Haben Sie Geschwister?« fragte Christine, die es nun nicht mehr aushalten konnte.

»Einen Bruder.«

»Einen älteren?«

»Einen jüngeren,« sagte Kleopha kurz.

»Wo ist er denn?«

»Sprechen Sie nicht so viel, gnädige Frau?« fragte Kleopha ermahnend. Christine war in Zweifel, ob die Frage nach dem Verbleib des Bruders gehört worden war.

»Sprechen macht mir gar nichts,« behauptete Christine, die in ihrer stillen, geraden Haltung dalag, die Hände, ihrer Gewohnheit gemäß, auf der Bettdecke flach ausgestreckt. Sie verwandte keinen Blick von dem Gesicht der Schwester.

»Wie heißen Sie, Schwester?«

»Kleopha.«

»Das ist doch ein angenommener Name,« sagte Christine. Ihre Grauen Schwestern hatten Ephrema und Priscilla gehießen. Für so einen heiligen Kalendernamen hatte sie auch Kleopha angesehen.

»Ich bin so getauft,« versetzte die Schwester.

»Ach, wie merkwürdig. Der Name ist selten. Paßt er denn zu Ihrem Nachnamen? Ich finde immer, zwischen Vor- und Nachnamen muß ein musikalischer Zusammenhang sein. Albrecht Michael von Fronhofen – nicht wahr, das klingt? Die Mama von Lexe – ich nenne meine Freundin Lexe – die heißt: Lise von Stechow. Das klingt nicht. Darf ich fragen, wie Sie heißen?«

Kleopha besann sich. Es schien, als würde sie blaß.

Dann sah sie Christine an, die Augen zu kleinem Spalt schließend, um keine Miene auf dem Gesicht der Fragenden zu verlieren. Dies gab ihr einen so hochmütig ablehnenden Ausdruck, daß Christine erschrak.

»Muß ich es sagen?« fragte sie laut. »Ist es nicht gleichgültig, ob ich Müller oder Meier heiße? Bürgt nicht mein Kleid für mich und bürgt nicht die Anstalt, aus welcher die Gräfin Klingsberg mich hergeschickt hat?«

»Gewiß, Schwester – gewiß. Bitte, vergessen Sie meine Frage. Aber ich dachte ... ich meinte,« sie wußte nicht, was sie sagen sollte.

»Mein Gott – dies Mädchen hat sicherlich eine Geschichte. Vielleicht eine so traurige und so bekannte, daß sie ihr nur entrinnen kann, wenn sie ihren Namen verbirgt,« dachte Christine aufgeregt, »was wird Albrecht sagen?«

Einige Minuten verrannen in Schweigen. Christine hatte auf ihrem Bette jede Weltgewandtheit verloren, das war eine Verkehrswaffe, deren sie ja nie bedurfte. Man nahte sich ihr immer nur mit Offenheit. Und was sie nicht wissen sollte, das deutete man ihr auch nicht einmal von fern an. Sie lebte in einer völligen Unbefangenheit dahin.

Nun, in diesem Augenblick, der ihr schon wie ein Erlebnis vorkam, wußte sie nicht gleich, wie sie ein harmloses Gesprächsthema schnell beginnen konnte.

Endlich sprach sie leise und bittend:

»Ach, lesen Sie mir doch die Zeitung vor ... nur die Familiennachrichten und die Geschichte. Politik mag ich nicht wissen. Und Mord und Raub auch nicht.«

So fand Albrecht die beiden Frauen, und er war selbst betroffen von dem schönen Bild.

»Ach – da ist mein Mann,« sagte Christine freudig. »Komm, setz dich ... was sprachst du noch mit Lexe, und wie weit gingst du mit und wie war der Abend ...?«

Albrecht nahm den Stuhl, auf dem die Lesende gesessen hatte.

»Ich ging bis zur Mühle mit. Sebald war muksch, daß er warten mußte. Und wir sprachen von dem morgenden Geburtstagsessen,« erzählte er fröhlich. »Der Abend war stockduster, trotz der Sterne.«

»Ach ja – morgen – Frau von Stechow!«

»Darf ich mich zurückziehen?« fragte die Schwester, die in wartender Haltung neben dem Kopfende stand.

»Bitte, Schwester. Mein Mann kommt auch gleich nach zum Essen. Ich will nur noch drei Worte mit ihm reden. Dann schicken Sie Dora.«

Schwester Kleopha machte ihre Kopfbewegung, die man für Zustimmung oder für eine Art, sich zu beurlauben, nehmen konnte, und ging hinaus.

Kaum hatte Christine sich so lange bezwingen können.

»Denke dir, Albrecht,« flüsterte sie, »mit dem Mädchen ist etwas los.«

»Na nu ...« sagte er und machte große Augen.

»Ja – ich hab' es gemerkt,« erzählte sie eifrig, »ich sprach so allerlei mit ihr – von Lexe – von Hartard – um sie zutraulich zu machen, weißt du ...«

Albrecht lächelte nachsichtig. Er wußte, was seine arme Frau im stande war, alles zu sprechen.

»Das hab' ich denn herausgekriegt: sie ist Waise und hat nur einen Bruder, der jünger ist, als sie.«

»Darin finde ich weder etwas Romantisches noch etwas Verdächtiges,« sagte er.

»Auch darin nicht, daß sie schlankweg ablehnte, mir ihren Vatersnamen zu nennen?« fragte Christine beinah triumphierend.

»Halloh ...« rief Albrecht, »das ist merkwürdig. Aber,« fügte er lachend hinzu, »meine arme Christine, es thut mir leid, dich um einen Roman zu bringen – das gibt's heutzutage nicht: Namen verweigern. Binnen acht Tagen hab' ich den neuen Hausgenossen polizeilich anzumelden. Und da sie keiner Kongregation angehört, sondern einem weltlichen Krankenpflegerverband, muß sie mir Farbe bekennen.«

Christine sah beinahe enttäuscht aus. Er stand auf und küßte ihr die Stirn.

»So – und nun will ich essen. Trotz dem Thee hungert mich. Und gleich gute Nacht, Christine! Ich habe noch viel zu thun.«

Christine hielt noch seine Hand fest. Es war ihr gewohnheitsmäßig ganz unmöglich, kurz sich jemanden verabschieden zu lassen. Sie hatte immer noch Fragen und Wünsche.

»Wenn sie dir ihren Namen sagen muß, dann frage sie doch jetzt gleich beim Abendessen. Dann kannst du es mir gleich morgen sagen,« bat sie.

»Das wäre unzart, nach eurem Gespräch,« sagte er.

»Ach ja – das wäre unzart. Und was ich auch noch fragen wollte ...«

Er gab ihr den zweiten Gutenachtkuß auf die Stirn.

»Du willst immer noch fragen und fragen, wenn man weggeht,« schalt er zärtlich. »Ich hab' kaum Zeit, einen Happen zu essen, und muß noch stundenlang schreiben.«

Aber sie hielt seine Hand fester. Ihren Hinterkopf tiefer in ihre Kissen drückend, wandte sie ihm die Stirn und die Augen mehr zu.

»Das sag' noch, wer alles morgen auf Hörstel ist.«

Albrecht hatte es schon wieder vergessen. Er wußte nur, daß Roderich von Calatin da sein werde.

»Calatin natürlich. Sonst wohl alle Nachbarn. Ich weiß nicht.«

»Hat sie es dir nicht gesagt?«

Er zitterte beinahe vor Ungeduld.

»Herzchen,« sagte er liebevoll, »hier hast du den dritten und letzten Gutenachtkuß. Ich muß noch arbeiten.«

»Ach, wie schade.«

Und sie dachte: »Nun, übermorgen kommt Hartard. Dann kann Albrecht ihm doch viel, viel überlassen und noch mehr bei mir sein.«


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