Franz Adam Beyerlein
Jena oder Sedan?
Franz Adam Beyerlein

 << zurück weiter >> 

XVI.

(Zapfenstreich.)

Oberleutnant Reimers vertraute sich dem Oberst in einer erbetenen Unterredung an. Er sprach lange mit einer traurigen, hoffnungslosen Stimme und verschwieg nichts.

Im Grunde hatte er auch nichts zu verbergen. Die unbedachte Handlung, die für ihn von so grausamen Folgen gewesen war, gehörte zu den Sünden, die dem gesellschaftlichen Herkommen gemäß für durchaus erlaubt gelten. Nur vor sich selbst klagte er sich eines Treubruchs an Marie Falkenhein an, der er sich im Innersten schon verlobt hatte, als er in jener leichtsinnigen Laune sich hinreißen ließ.

Nachdem Reimers geendet hatte, saß der Oberst lange Zeit schweigend in seinem Stuhle. Er hielt den Kopf in die Hand gestützt und sah düster vor sich hin. Seiner Tochter war in der inhaltsschweren Aussprache mit keiner Silbe Erwähnung getan worden, aber aus jedem Wort, das der junge Offizier sprach, klang der Schmerz um ein heiß ersehntes, verlorenes Glück. 661

Mit einem Male brachen diese schönen Zukunftspläne in sich zusammen, die auf einem so sicheren Grunde aufgebaut zu sein schienen. Es tat ihm bitter weh, diese freundlichen Bilder so unbarmherzig ausgelöscht zu sehen, und er wußte, daß seinem Kinde damit ein schweres Leid geschehen würde.

Endlich brach er das Schweigen.

»Mein armer Freund,« sprach er, »wenn ich nur wüßte, was ich Ihnen zum Troste sagen soll! Denn irgend einen Vorwurf mag ich Ihnen gleich gar nicht machen. Sie haben genug an dem Mißgeschick zu tragen, das Sie sich in einem Augenblick der Sorglosigkeit zugezogen haben. Sie haben sich viel von ihrem Anteil an menschlichem Glück verscherzt, Sie müssen als ehrenhafter Mann darauf verzichten, eine Familie zu gründen, – das sagten Sie selber, und das ist nun nicht zu ändern. Immerhin – seien Sie tapfer, beißen Sie die Zähne zusammen und überwinden Sie! Lassen Sie sich nicht unterkriegen! Sie haben Ihren schönen, stolzen Beruf, und Sie sind darin ein wirklich Berufener. Suchen Sie da Ihren Trost!«

Die vor innerer Bewegung zitternde Stimme brach ab.

Reimers flüsterte scheu: »Ich danke gehorsamst, Herr Oberst.«

Darauf saßen die beiden Männer einander wiederum eine Weile stumm gegenüber.

»Nach diesem schweren Schlage,« fuhr schließlich der Oberst ein wenig stockend und mühsam fort, »werden Sie vermutlich den Wunsch haben, lieber Reimers, sich möglichst bald ein wenig zu verändern, sich loszureißen. Ich schlage Ihnen deshalb vor, Sie machen im Winter Ihr Examen zur Kriegsakademie. Es ist ja kein Zweifel, 662 daß Sie es bestehen. Diese Arbeit wird Sie abhalten, allzu sehr Ihren Gedanken nachzuhängen, und hernach Berlin und die Sommerkommandos, die neuen Verhältnisse, – alles wird Ihnen heilsam sein.«

Die Stimme Falkenheins wurde immer leiser, und er schloß die Augen hinter der stützenden Hand verbergend, kaum hörbar flüsternd: »Es ist ja dann sehr plausibel, daß Sie sich gesellschaftlich ein wenig zurückziehen. Auf besonders dringliche Fragen freilich müssen wir eine Notlüge erdenken. Ich meine, es ist das beste, wir sagen, Ihr altes Lungenleiden lege Ihnen erneute Schonung auf. – Sind Sie es einverstanden?«

Schluchzend stieß der Oberleutnant hervor: »Herr Oberst sind wie ein guter Vater!«

Er war aufgestanden und wollte sich schweigend entfernen.

Da schloß ihn Falkenhein plötzlich in seine Arme. Der reife, klare Mann mußte gewaltsam die Tränen hinunterschlucken.

»Ich habe Sie längst schon lieb wie einen Sohn, Reimers,« sprach er. »Und daß nun auf einmal alles so ganz anders hat kommen müssen, als ich mir's dachte, das tut mir leid, furchtbar leid. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie sehr!«

Reimers ging.

Der Oberst sah ihm nach, bis die Türvorhänge hinter ihm zusammenfielen.

Was war nun daran schuld, daß da einer gesenkten Hauptes und unglückbeladen von dannen ging, anstatt daß er strahlenden Auges als ein erhörter Bräutigam das Zimmer verließ? Was war daran schuld, daß das Glück zweier junger Menschenkinder in Scherben zerbrach?

Er saß vor seinem Schreibtische und ließ die Fäuste in ohnmächtigem Grimm auf die Platte niedersinken. 663

Er wußte nicht einmal, gegen wen oder gegen was sich sein Zorn richtete. Es war etwas Unbestimmtes und scheinbar Unvermeidliches, zugleich eine Verkehrtheit und eine Notwendigkeit der herrschenden Weltordnung, die die Schuld trug.

Dann fing er an nachzusinnen. Wie sollte er Mariechen diese schlimme Botschaft beibringen? Er hatte aus feinen, kaum merkbaren Kleinigkeiten die Überzeugung gewonnen, daß sie den unglücklichen jungen Offizier liebte. Es war ein zartes Einverständnis, wie ein unausgesprochenes Verlöbnis, zwischen ihnen gewesen. Wie sollte er ihr nun Reimers' plötzliche Zurückhaltung erklären? Diese Ausreden von dem Examen zur Kriegsakademie und von der schonungsbedürftigen Gesundheit waren doch nicht stichhaltig genug, um eine ehrliche Neigung mit einem Male gleichsam zu widerrufen. Er mußte sich vielmehr etwas ausdenken, das die Tochter ganz unerbittlich zwang, ein für alle Mal ihrem Liebestraum zu entsagen. Eine gründliche, wenn auch schmerzhafte Heilung war in diesem unseligen Falle das Beste.

Der Oberst legte sich einen wahren Feldzugsplan zurecht. Die Geschichte war umständlich genug, – aber wenn einem nichts Besseres einfiel, klang sie immerhin nicht ganz unwahrscheinlich.

Es gab da in der Verwandtschaft einen Vetter, Otto von Krewesmühlen, der im Fränkischen ein Majorat besaß. Der arme Teufel war Zeit seines Lebens mehr in Meran und Cannes als am roten Main gewesen, aber geheiratet hatte er trotzdem, um des Majorats willen. Unglücklicherweise eine Bekanntschaft von der Riviera, die sich auch nicht allein um des Vergnügens willen am Mittelmeer gesonnt hatte. Zwei Knaben wurden geboren, aber Otto von Krewesmühlen war nicht lange Zeit danach gestorben. Der älteste Junge folgte ihm nach, im 664 Majorat und im Tode, und die Witwe und der zweite Sohn glichen zwei Flämmchen, die der Wind des Lebens nur noch aus Gnade und Barmherzigkeit flackern ließ.

Der Vetter mußte herhalten, um das arme Mariechen auf eine einigermaßen erträgliche Manier die junge Liebe vergessen zu machen. Es traf sich gut, daß sie den Briefwechsel mit der fränkischen Base zu führen hatte.

»Was ich dich fragen wollte, Mariechen,« begann Falkenhein beim Abendtisch, – »ach, ganz recht, hast du eigentlich von Tante Krewesmühlen wieder mal Nachricht bekommen?«

»Nein, Vater,« antwortete das junge Mädchen, »seit dem letzten Briefe, den du kennst, nicht.«

»Ich besinne mich gar nicht recht. Woher war der doch?«

»Aus Cannes, glaube ich. Es kann auch San Remo gewesen sein.«

»Wieder von da unten her?«

»Ja, leider. Und Tante schrieb recht verzweifelt.«

Jetzt war der gesuchte Anknüpfungspunkt gegeben. Aber die ganze so fein erdachte Geschichte erschien dem Oberst mit einem Male unsäglich albern und grausam zugleich. Trotzdem durfte er sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen.

»Das tut mir herzlich leid,« fuhr er fort.

Seine Stimme klang ihm selbst tonlos, grell und blechern in das Ohr wie ein verstimmtes, mißtönendes Instrument. Aber er sprach weiter, gepreßt und gequält, indem er den Kragen krampfhaft mit den Fingern lockerte. »Es war doch eigentlich ein Verbrechen von Otto von Krewesmühlen, zu heiraten. Es ist ein ganzer Berg von Leid und Kummer, den er damit verschuldet hat. Er hätte besser und schöner gehandelt, wenn er auf das Glück der 665 Ehe verzichtete. Man fragt sich: war diese Ehe nicht viel eher ein Unglück?«

Er hielt inne. Mariechen schaute ihn nachdenklich an.

In dem hohen Speisezimmer war es ganz still. Der Oberst meinte, seine Worte müßten wie Trompetenschall von den Wänden widerhallen, und er dämpfte seine Rede zu einem Flüstern.

»Freilich gehört Kraft dazu, und Überwindung, da, wo man liebt, zu entsagen. Aber ein rechter Mann hat beides. Er ist gleich beklagenswert und achtenswert. Und denke dir, Mariechen, – liebes Mariechen, – einer unserer besten Freunde, – Oberleutnant Reimers, – dem geht es ganz so, – ganz so wie dem armen Otto Krewesmühlen, – aber er – entsagt, – der brave Mensch.«

Falkenhein atmete auf. Gottlob! Der Henkerdienst war getan.

Er sah angstvoll zu Mariechen hinüber. Ihr Gesicht war weiß geworden, weiß wie das Tischtuch. Er fürchtete eine Ohnmacht. Aber nein, das Kind nahm sich zusammen. Die zitternde Hand legte die Gabel nieder, daß sie leise auf dem Teller klirrte, und sank matt auf den Tisch.

Die gefräßige Tante Amalie, die sich seit ihrer Erkrankung nie durch sonderliches Taktgefühl ausgezeichnet hatte, meinte zwischen zwei Bissen: »Das hab' ich mir schon längst gedacht. Er ist so lang und schmal, so aufgeschossen, und er aß viel zu wenig.«

»Übrigens,« sprach sie kauend und schlingend weiter, »ich habe eine Geschichte gelesen, da heiraten sie sich trotzdem. Und sie sterben natürlich alle beide, in derselben Stunde. Die Geschichte war sehr schön. Aber nichts für ein junges Mädchen, Mariechen. Sonst könntest du sie mal lesen. Sie war wirklich schön.« 666

Falkenhein wünschte das Unglückswesen an das Ende der Welt.

Nun sagte sie auch noch: »Willst du denn auch krank werden, Mariechen? Du ißt ja gar nichts. So iß doch!«

Aber endlich war sie doch satt. Sie stand auf und lief zu ihren Leihbibliotheksbüchern.

Der Oberst trat leise zu seiner Tochter hin und strich ihr sanft über das schöne, hellblonde Haar. Mariechens Schultern begannen zu zucken, und plötzlich warf sie sich ihm bitterlich weinend an die Brust.

Der Vater war sich nicht recht klar, was er wohl am besten bei diesem Ausbruche tun sollte. Er wollte gar nicht erst mit deutlichen Worten an den Schmerz des Kindes rühren. Da fiel ihm ein Mittel ein, mit dem er Marie früher, als sie noch zur Schule ging, stets zur Ruhe gebracht hatte.

Wenn das mutterlose Kind irgend einen Kummer vom Herzen zu weinen hatte, dann nahm er sie in seine Arme, ein so großes Schulmädel sie auch war, und trug sie tröstend und schmeichelnd zusprechend im Zimmer auf und ab, bis das wilde Schluchzen endlich verstummte.

Nun war sie beinahe zwanzig Jahre alt, aber das alte Mittel verfing gleichwohl noch. Sie ließ sich willenlos in die Arme nehmen und lehnte das Antlitz an die Wange des Vaters. Dem Oberst liefen selbst die hellen Tränen in den Bart, und er flüsterte ihr immer nur leise zu: »Ja, weine nur, Mariechen! Immer weine nur, mein Kerlchen!«

Und wie sich vor Jahren die kleinen Schmerzen des Schulmädchens besänftigt hatten, so wurde auch jetzt der erste große Schmerz des jungen Weibes stiller. Der Oberst trug die Tochter behutsam in ihr Mädchenzimmer und legte sie auf ein Ruhebett nieder. Mit einer scheuen Gebärde drückte sie die Augen in die Kissen. Noch einmal 667 glitt ihr die Hand des Vaters tröstend über den Scheitel, dann ging er auf den Fußspitzen hinaus.

Die Zeit mußte hier die Ärztin sein, die die Wunde heilte und schloß.

Falkenhein horchte noch einen Augenblick an der Tür: Mariechen weinte noch immer fort in sich hinein. Aber eine Beruhigung glaubte er schöpfen zu dürfen. In diesem tränenreichen Schmerzensausbruch, so unbändig er auch gewesen war, lag doch noch ein Teil des Ungestüms eines Kindes. Die Schläge, die mitten ins Herz treffen, die ein ganzes Leben unerbittlich in Trümmer schlagen, werden anders empfangen und ertragen, mit einem schweigenden, starren Schmerz. Er hatte die Spuren eines solchen Schmerzes in Reimers' hoffnungslosen Augen gefunden, – für sein Kind durfte er eine Genesung hoffen.

Es wäre nur heilsam gewesen, Mariechen in eine andere Umgebung zu bringen. –

Wie jedes Jahr wurde er beim Aufgehen der Hühnerjagd zur Hofjagd befohlen. Beim Frühstück fragte ihn die alte Majestät: »Nun, Falkenhein, wie wär's? Der lange Friesen aus dem Ministerium kriegt die Niederlausitzer Brigade, wie wär's mit dem Abteilungschef?«

Der Oberst zögerte mit der Antwort.

»Ich weiß genug,« sprach der alte Herr weiter. »Ich kenne Ihre Abneigung gegen alles, was nach Bureau riecht, wenn sich auch fünfzehnhundert andre alle zehn Finger darnach lecken.«

»Majestät verzeihen allergnädigst,« erwiderte Falkenhein, »ich gehe überall hin, wohin Majestät befehlen.«

Der Fürst sah ihn prüfend an.

»Wirklich?« fragte er.

»Zu Befehl, Euer Majestät. Nur, ich bitte alleruntertänigst um Verzeihung, – nicht allzu lange.« 668

»Na, selbstverständlich, – bis Sie meine Artillerieleibbrigade kriegen.«

Die Majestät hatte gerade ein silbernes Becherchen voll Kornschnaps in der Hand.

»Prosit, Falkenhein!« sagte sie. »Auf Wiedersehen bei mir zu Hause in der Residenz!« –

Der Kriegsminister hatte natürlich ganz andere Pläne mit dieser Stellenbesetzung gehabt. Es war auch alles schon in die Wege geleitet, die Majestät hatte fast schon ihr Ja und Amen dazu gegeben, und der überglückliche Aspirant war schon unter der Hand benachrichtigt. Diese plötzliche Schwenkung war höchst fatal. Aber der liebenswürdige alte allerhöchste Herr gab so selten persönliche Wünsche zu erkennen, daß man diesem nicht gut widersprechen konnte, zumal da sachliche Gründe gegen eine Ernennung des Obersten von Falkenhein zum Abteilungschef im Kriegsministerium nicht vorlagen.

Die Ernennung für den ersten Oktober stand nach dem Manöver im Militärwochenblatt.

Es gab sicherlich keinen Offizier im Osterländischen Feldartillerie-Regiment, von Hauptmann Güntz und Oberleutnant Reimers gar nicht zu reden, der Falkenhein nicht mit wirklichem Bedauern gehen sah. Die Reden beim Abschiedsessen im Kasino waren von einer ehrlichen Empfindung getragen und wirkten auch ohne große Worte, so daß die gewohnte ausgelassene Stimmung weit später als sonst bei solchen Gelegenheiten eintrat. Ganz durfte sie nie fehlen, darauf hielt auch Falkenhein. Er liebte keine Kopfhängerei. Kehrt doch der Soldat auch vom Begräbnis eines Kameraden mit einem fröhlichen Marsch zurück.

Aber die Gemüter gaben sich bald zufrieden. Es war im Militärleben der alltägliche Lauf der Dinge, daß einer ging. Wie sollte sonst Platz für die Hintermänner werden? Und auch ohne die Versetzung ins 669 Kriegsministerium hätte es doch höchstens noch anderthalb bis zwei Jahre gedauert, dann bekam der Oberst eine Brigade, und das Regiment mußte sich auch darein finden.

Es war viel wichtiger für die Offiziere des Regiments zu wissen, wer als neuer Herr kam, als der alte ging.

Major Mohbrinck war mit der Führung des Regiments beauftragt, der bisherige Kommandeur der reitenden Abteilung im Leibartillerieregiment. Er war den Osterländern eine unbekannte Größe, denn er gehörte zu einem anderen Armeekorps; aber der Armeeklatsch wollte wissen, daß er in keinem günstigen Rufe stand.

Dann erhielt der kleine Dr. von Fröben von einem Kriegsschulkameraden, der bei der reitenden Abteilung stand, ein Telegramm. Es lautete: »Gesangbuch Nr. 521.«

Nummer 521 des Gesangbuchs war die Verdeutschung des ambrosianischen Lobgesangs und hob an: »Herr Gott, dich loben wir, Herr Gott, dir danken wir.«

Nun, das war am Ende ein Leutnantswitz.

Schwerer wog es schon, daß Hauptmann von Wegstetten von seinem Schwager, dem Chef der ersten reitenden Batterie, einen Brief erhielt, der merkwürdigerweise auch mit ambrosianischen Zungen redete.

Der Schwager schrieb:

»Ich kann Dir sagen, wir zwei reitenden Batteriechefs danken unserm Herrgott kniefällig, daß wir diesen Mohbrinck los sind. Die Freude darüber erstickt sogar vollkommen mein schwägerliches Mitgefühl mit Dir, der Du nun diese Gottesgeißel von einem Kommandeur zu ertragen hast. Übrigens – Du kannst ruhig sein, wie ich es sein durfte. Wir sitzen ihm beide zu fest, dank unseren günstigen Beziehungen nach oberhalb. Mohbrinck sucht sich absolut wehrlose Opfer aus, um seine Befähigung zu dokumentieren. Er hält es 670 nämlich für die vornehmste Friedensaufgabe eines Kommandeurs, ›das Heer von unfähigen Elementen zu säubern.‹ Im Vertrauen: er verdiente am ehesten, hinausgesäubert zu werden. Wie denn wissende Leute von ihm behaupten, er habe vom Fähnrich an Kameradschaft stets nur als das feste Zusammenhalten aller interpretiert: um einen Vordermann wegzubeißen. Wir von der Reitenden begleiten ihn mit dem innigsten Wunsche, ihn nie wiederzusehen, – es sei denn im wohlgebügelten Zylinderhut.

Und nun zu der einen großen Freude noch die zweite: zwei Tage nach der Abschiedsfeier für unsern teuren Kommandeur erfreute mich Deine liebe Schwester durch die Geburt eines wohlgestalten Mädels, so daß wir nun ein Pärchen haben. Die kleine Dame soll, Deine eheherrliche Genehmigung vorausgesetzt, das Patenkind Deiner lieben Frau sein. Mutter und Kind befinden sich u. s. w.«

Wegstetten faltete den Brief nachdenklich zusammen und steckte ihn wieder in das Kuvert.

Teufel, mußte das ein unangenehmer Patron sein, dieser Mohbrinck! Wenn der Schwager sogar über der Freude, den ekligen Kommandeur los zu werden, die Meldung von der Geburt einer Nichte an die zweite Stelle schob! –

Mohbrinck kam.

Er floß über von Liebenswürdigkeit und betonte in einem fort das »Glück, seine schwache Arbeitskraft, – allerdings unterstützt von so tadellosen Helfern, – einer so ausgezeichneten Truppe widmen zu dürfen.«

Die Rede, mit der er das Regiment begrüßte, hielt die Mitte zwischen einem theatralischen Erguß und einer Predigt. Sie war mit pomphaften Bildern geschmückt und enthielt zahlreiche Verherrlichungen der Dynastie. 671 Christliche Demut und Gottes Hilfe spielten eine große Rolle darin und wechselten mit grimmigen Vorstößen gegen den an den Stützen von Thron und Altar rüttelnden inneren Feind ab. Das Ganze nahm sich, von der giftigen, kreischenden Stimme das Majors vorgetragen, unbeschreiblich komisch aus.

Die wackeren Artilleristen bekamen ganz verwirrte Köpfe, lahme Kniee und steife Hälse, weil sie die lange und gedankenreiche Leistung im »Stillgestanden« anhören mußten.

Darnach ließ sich Major Mohbrinck das Offizierskorps des Regiments des näheren vorstellen.

Das mußte man sagen: er besaß eine gute Witterung für das Nützliche und zugleich Wohlfeile. Er hatte sich gründlich unterrichtet und bereits Auslese gehalten, bevor er in der Garnison eintraf.

Mit seinem Adjutanten Kauerhof schien er bereits ein Herz und eine Seele zu sein. Das machte: Frau Regimentsadjutant Marion Kauerhof war die geborene von Lüben, die Tochter des Vorstands der Abteilung für persönliche Angelegenheiten im Kriegsministerium.

Der Adjutant stellte ihm die Herren dem Dienstalter nach vor.

Zuerst kamen die beiden Majors daran. Lischke erhielt eine gemessene, höfliche Ansprache, Schrader wurde schon weit liebenswürdiger apostrophiert, – war doch der flotte Junggeselle auf den Hofbällen ein gesuchter Tänzer, der sogar oft von den Prinzessinnen zum Tanze befohlen wurde, man sagte, er erzähle den allerhöchsten Damen Geschichtchen, die sie sonst nicht zu hören bekämen.

Dann näherte sich der Stabshauptmann von Stuckardt dem gestrengen, neuen Herrn. Er sah sich sehr kühl aufgenommen. Was sollte man noch Umstände mit jemand machen, der einem als ein prädestinierter toter Mann vom 672 Vorgänger überliefert war? Stuckardt trat geknickt zurück.

Träger, Gropphusen und Heuschkel erhielten neutrale Händedrücke, Gropphusen für alle Fälle, – weil er von Adel war, – einen etwas kräftigeren.

Kauerhof fuhr fort in der Vorstellung: »Und hier, Herr Major, der Chef der sechsten Batterie, Herr Hauptmann von Wegstetten.«

Mohbrinck schürzte seine Lippen zu einer honigsüßen Grimasse. Denn Wegstetten hatte einen um sieben Ecken herum verwandten Onkel, eine richtige Berühmtheit, weniger infolge von Kriegstaten, als dadurch, daß er, achtundneunzig Jahre alt, der älteste Soldat der Armee und noch dazu ein verwaister Generaladjutant der hochseligen Majestät war. Im übrigen saß Onkel Ehrenfried, ausgetrocknet wie eine Mumie, nur noch mühsam im Rollstuhl aufrecht, und ein vernünftiges Gespräch war seit langen Jahren nicht mehr mit ihm zu führen. Aber der beinahe Hundertjährige verlieh noch dem Batteriechef von Wegstetten im Osterländischen Feldartillerie-Regiment ein außerordentliches Relief. Mochte nun die Mumie wirklich hundert Jahre alt werden oder sterben, in jedem Falle, bei dem Geburtstag oder beim Begräbnis, wurden die Verdienste derer von Wegstetten um das Herrscherhaus in eine geradezu bengalische Beleuchtung gerückt, deren Reflexe ein kluger Mann wie Mohbrinck nicht unbeachtet ließ.

Der kleine Wegstetten lächelte zufrieden unter seinem großen roten Schnauzbart. Vor dem Kommandeur brauchte ihm nicht bange zu sein.

»Hauptmann Madelung, der Chef der vierten Batterie,« stellte Kauerhof weiter vor.

Mohbrinck geriet ganz außer dem Häuschen.

»Ah!« rief er. »Einer unserer ruhmbedeckten 673 Chinakrieger! Ich freue mich, ich freue mich, die Ehre zu haben.«

Er drohte schalkhaft mit dem Finger: »Aber nun möchten Sie wohl nicht abermals gen Osten ziehen, mein verehrter Herr Hauptmann? Wie ich höre sind Sie eben erst einen äußerst glücklichen Herzensbund eingegangen.«

Madelung verneigte sich; er hatte kurz vor dem Manöver das ältliche Hoffräulein geheiratet.

Mohbrinck fuhr fort: »Und wie ich weiter höre, mein sehr verehrter Herr Hauptmann, begegnen wir uns auch in einer privaten Neigung. Es ist mir von der christlichen Zucht zu Ohren gekommen, die Sie in Ihrem Hause eingeführt haben. Sehen Sie in mir einen aufrichtigen Gesinnungsgenossen, dem es eine unendliche Freude bereiten wird, Ihnen und Ihrer verehrten Frau Gemahlin auch bald persönlich recht nahe zu treten.«

Madelung dachte: »Was für ein widerwärtiger Kerl! Und ein Schwätzer dazu!«

Aber er versicherte seinen herzlichen Dank für das ungemein liebenswürdige Interesse. Man mußte die Trümpfe nehmen, wie und von wem sie einem in die Hand gegeben wurden. Er hatte sich am Ende diese »christliche Zucht« in seinem Hause auch nicht träumen lassen. Seine Gattin hielt da täglich mit ihm, mit dem Hausburschen, dem Pferdewärter und dem Dienstmädchen, Morgen- und Abendandachten, die manchmal eine Stunde währten. Das war wirklich keine kurzweilige Geschichte. Die Burschen und das Mädchen fielen vor Müdigkeit beinahe von den Stühlen, denn sie mußten natürlich früh aufstehen und später zu Bett gehen, um alles in Ordnung zu halten, wie es der Hauptmann und die Gnädige verlangten, – wenn sie nicht der Teufel holen sollte. Und er, der Hausherr, entrüstete sich über die fürchterliche Zeitverschwendung. 674 Ganz abgesehen davon, daß er von den Postillenpredigten seiner Frau kein Wort glaubte.

Der jüngste Hauptmann des Regiments kam an die Reihe, – Güntz.

Major Mohbrinck legte das übliche liebenswürdige Lächeln an, und es kam scherzend von seinem Munde: »Ei, ei, der jüngste Hauptmann, und schon so dick?«

Güntz sah an sich hinunter. Nun ja, er gehörte nicht eben zu den Schlanken, aber sprang man einem mit diesem Gegenteil von einer Schmeichelei geradezu ins Gesicht?

Er hatte die größte Lust zu antworten: »Wenn ich meinen Dienst pflichtgemäß tue und tun kann, geht es Sie den Teufel an, Herr Major, ob ich einen etwas dickeren Bauch als der Normalmensch habe.«

Major Schrader überhob ihn einer Antwort. Er klopfte ihm spaßhaft auf den Leib und versetzte: »Nun ja, hat sich ein Bäuchlein angemästet, als wie der Doktor Luther. Aber das hindert ihn nicht, in dem Dreigestirn meiner Batteriechefs zu glänzen.«

Mohbrinck wandte sich zu ihm und erwiderte süß: »Das wollte ich auch niemals gesagt haben, mein lieber Major. Ich kenne sehr wohl die Verdienste des Herrn Hauptmann Güntz.«

Dabei tippte er an Güntz' kleinen roten Adler, seine eigene Brust war noch ordenfrei.

Güntz verneigte sich. Schrader aber legte seinem Schützling die Hand auf die Schulter und nickte ihm freundschaftlich zu. »Sei nur getrost!« war in dieser Gebärde ausgesprochen, »ich halte dir schon die Stange!«

Gleichwohl hatte es bei dieser Vorstellung eine Klarheit gegeben: dem neuen Kommandeur waren dicke Offiziere nicht sympathisch. Der klapperdürre Hauptmann Träger atmete auf. Nun konnte er seiner gewichtigen 675 Gattin, die beständig über seine würdelose Magerkeit spöttelte, mit einem stichhaltigen Beweis den Mund schließen. Einen Sündenbock mußte es in jedem Regiment unter den Batteriechefs geben, – das war nun unweigerlich der dicke Güntz. –

In der Armee erzählte es ein Artillerist dem anderen, daß das Osterländische Feldartillerie-Regiment unter Falkenheins Kommando eine wahre Mustertruppe geworden war. Es wäre daher am gescheitesten gewesen, wenn der Dienstbetrieb auch unter dem neuen Führer der alte geblieben wäre. Aber dann glaubte Mohbrinck möglicherweise als ein Offizier ohne militärische Eigenart, vielleicht sogar ohne Entschlußfähigkeit, zu erscheinen.

Die Regimentsbefehle brachten mit der Zeit eine Unmenge selbständiger Anordnungen. Meist lagen ihnen die früheren Hinweise Falkenheins zu Grunde, aber es war alles kleinlicher und umständlicher geworden. Die geringe Verfügungsfreiheit der Batteriechefs wurde durch diesen Kleinkram immer mehr eingeengt, und das Schlimmste war, daß diese Anordnungen alle auf eine möglichst gleichmäßige Zustutzung für die Besichtigungen hinstrebten. Die Ausbildung der Truppe wurde dadurch nicht allein mühevoller, auch die kriegsgemäße Erziehung trat ungebührlich hinter der Arbeit für diesen bloßen Schein zurück.

Mohbrinck schien die Launen und Liebhabereien des Brigadekommandeurs haargenau studiert zu haben. Er hatte sich vorgesetzt, der General sollte bei der Besichtigung an seinem Regiment kein Tittelchen auszusetzen haben, und wenn monatelang alles Wichtigere beiseite geschoben und nur auf einen kleinen Wunsch des gestrengen Brigadiers vorgedrillt werden mußte.

»Meine Herren, ich weiß, unser hochverehrter Herr Brigadekommandeur legt Wert auf dies und auf jenes,« 676 war seine immerwiederkehrende Redewendung bei den Offiziersbesprechungen.

Wenn aber einmal der General einer anderen Ansicht zuzuneigen anfing, hatte es Mohbrinck sofort erfahren.

Es hieß dann: »Meine Herren, es ist mir zu Ohren gekommen, daß der Herr General, unser hochverehrter Herr Brigadekommandeur, zur Zeit über dies und das andere Anschauungen hegt als früher.«

Er zog dabei ein sehr pfiffiges Gesicht, etwa als wollte er sagen: »Seht, wie klug ich bin, und wie gut ich vorsorge! Freut euch, daß ihr so 'nen Kommandeur habt!«

Aber in den Dienstbetrieb der Batterien fuhr eine nervöse Unsicherheit. Die Batteriechefs sollten auf allzu viele Einzelheiten und Kleinigkeiten Wert legen und kamen plötzlich mit der Ausbildungszeit kaum mehr aus. Nur so hervorragend tatkräftige und umsichtige Offiziere wie Wegstetten und Madelung vermochten beiden Anforderungen, den allgemeinen militärischen und den höchstpersönlichen des Regimentsführers und Brigadekommandeurs, gerecht zu werden. Gropphusen ließ seine Batterie laufen, wie es gerade ging, er war ohnehin wieder einmal in einer besonders tollen Periode, Träger und Heuschkel aber verloren ganz den Kopf und wußten nicht mehr, wo aus und wo ein. War denn durch den neuen Kommandeur die ganze Welt umgestürzt worden? Sie waren doch eben noch sehr brauchbare Batteriechefs gewesen! Ein Falkenhein hatte ihnen das jährlich ein paar Mal versichert!

Güntz bekam die Sache satt.

Auf die Art, wie es Mohbrinck verlangte, schnitt man bei der Besichtigung vor dem Brigadekommandeur, – aber auch nur gerade vor diesem einen, der zufällig 677 diese Stellung innehatte, – sicherlich glänzend ab, aber was so eine Batterie im Ernstfalle wert war, das mochte der Teufel wissen. Er für sein Teil machte nicht mehr mit. Er hatte die Aufgabe, brauchbare Soldaten für das Vaterland und für den König zu erziehen, nicht aber für den Major Mohbrinck und den Generalmajor Hausperg.

Mohbrinck, der beständig in den Batterien herumschnüffelte, wie ein Gespenst plötzlich an der unvorhergesehensten Stelle auftauchend, merkte es sofort, daß in der fünften Batterie nicht mehr nach seinem Rezept gewirtschaftet wurde.

Er stellte Güntz und fragte in seiner glatten Art: »Mein lieber Herr Hauptmann, ich hatte vor einiger Zeit einige Anordnungen erlassen, die Ihnen ja nicht unbekannt geblieben sind, nicht wahr?«

»Zu Befehl, Herr Major,« antwortete Güntz, »sie sind mir bekannt.«

»Und warum, möchte ich fragen, verehrtester Herr Hauptmann, – warum richtet man sich in Ihrer Batterie so wenig darnach?«

»Herr Major verzeihen, ich bin diesen Anordnungen nachgekommen, soweit es mir mit den Forderungen des Dienstes vereinbar schien, aber nach pflichtmäßigem Ermessen muß ich Herrn Major ganz gehorsamst zur Erwägung geben, ob nicht diese Anordnungen einem Passus der Allerhöchsten Einführungsordre zu unserem Exerzier-Reglement zuwiderlaufen.«

Major Mohbrinck kniff die Lippen zusammen und wurde ganz blaß. Es blieb unklar, ob das vor gerechter Empörung geschah, weil ihm ein Untergebener zu widersprechen wagte, oder vor Entsetzen, weil ihm einer ein Zuwiderhandeln gegen eine Allerhöchste Ordre unterstellte.

»Wieso?« fragte er mühsam lächelnd. »Welchen 678 Passus meinen Sie, mein hochverehrter Herr Hauptmann Güntz?«

»Den Passus, demzufolge es untersagt ist, zur Erzielung gesteigerter äußerlicher Gleichmäßigkeit Zusätze zu dem Reglement zu erlassen.«

Mohbrinck sprang beinahe in die Höhe.

»Aber habe ich denn das gewagt?« rief er. »Niemals wäre ich dieser Dreistigkeit fähig! Ich habe nichts anderes als zarte Direktiven, Hinweise gegeben, die ich für die Herren Batteriechefs in ihrem eigenen Interesse für nützlich hielt. Und natürlich, Sie haben das Recht, davon das abzulehnen, was Sie nicht verantworten zu können meinen. Es sind ja nur beiläufig an die Hand gegebene Hinweise, um Gotteswillen keine befehlenden Zusätze.«

Nun schüttelte er Güntz sogar die Hand.

»Es ist sogar im höchsten Maße ehrend für Sie, mein werter Herr Hauptmann,« schloß er, »daß Sie sich nicht blindlings meinen gutgemeinten Vorschlägen angeschlossen haben. Es verrät das ein selbständiges Denken, es gefällt mir von Ihnen, Herr Hauptmann Güntz.«

Er drückte Güntz nochmals die Hand und ging.

Am Stabsgebäude machte ein Fahrer eine etwas nachlässige Front vor ihm. Er schnauzte ihn fürchterlich an, so daß es über den Kasernenhof wegschallte. Plötzlich blickte er nach dem Faustriemen: Schieber rot, Kranz rot, – fünfte Batterie, Batterie Güntz.

Da brummte er dem armen Teufel drei Tage Mittelarrest auf. –

Hauptmann Güntz war ein Jahr Batteriechef. Die Probezeit war vorüber. Zugleich hatte er seine Pläne zur Rohrrücklauflafette so weit gefördert, daß er sie der rheinischen Waffenfabrik zu einem praktischen Versuche vorlegen zu können glaubte.

Nach einer ernsten Beratung mit Frau Kläre fügte 679 er seinem Begleitschreiben noch einen Schlußsatz hinzu. Er schrieb:

»Ich bitte Sie also, sehr geehrter Herr Kommerzienrat, meine Arbeiten einer recht eingehenden Prüfung zu unterziehen. Für den Fall, daß Sie meine Pläne als verwertbar anerkennen, will ich nicht zu bemerken verfehlen, daß ich Wert darauf legen würde, die eventuellen praktischen Versuche persönlich zu überwachen.«

»Dickerchen,« sagte Frau Kläre, »der letzte Satz ist ein geradezu fürchterliches Deutsch!«

Güntz saß vor dem Brief und schaute nachdenklich auf seine Unterschrift hinab, – »Güntz, Hauptmann und Batteriechef im Osterländischen Feldartillerie-Regiment Nr. 80.«

»Weißt du, meine Kläre,« versetzte er, »er ist mir auch höllisch schwer gefallen.«

Die Antwort auf das Schreiben blieb lange aus, Kläre fand, ungebührlich lange. Aber der Gatte tröstete sie: »Denkst du denn, daß man etwas in einer Woche gründlich beurteilen kann, wozu ich viele Jahre gebraucht habe?«

Endlich kam der Brief mit dem Firmenaufdruck der Waffenfabrik.

Güntz war gerade dabei seinen Überrock mit der Hauslitewka zu vertauschen.

Er durchflog das Schreiben und las Kläre halblaut die wichtigsten Stichworte vor: »Pläne von zwei Ingenieuren als ungemein aussichtsreich bezeichnet, – Konstruktion selbstverständlich sobald als möglich in Angriff zu nehmen.«

Dann folgte ein glänzendes Anerbieten für den Fall, daß Güntz geneigt sei, in eine leitende Stellung der Fabrik einzutreten. Im Vergleich zu der bescheidenen 680 Hauptmannsgage zweiter Klasse war das angebotene Gehalt von fünfzehntausend Mark märchenhaft hoch.

Frau Kläre war eine ungemein praktische Natur und hatte oft über das miserable Einkommen der Offiziere gezetert, von dem noch dazu die vielen Standesausgaben abgingen, aber jetzt entfuhr es ihr doch: »Mein Gott, Dickerchen, ist denn das nicht viel zu viel?«

Güntz hatte ihren Ausruf gar nicht gehört. Er war dabei, seinen Überrock auszuziehen. Er hielt ihn lange in der Hand und strich immer wieder liebkosend über die Achselstücke. Endlich hing er ihn sorgfältig über eine Stuhllehne.

»Ich nehme natürlich an,« sagte er, auf den Brief weisend, mit einer Stimme, die ganz ruhig sein sollte, in der aber eine tiefe Erregung widerklang. »Ich hoffe, so meinem Vaterlande und meinem König besser zu dienen, als in dem lieben, alten Rock da.«

Kläre reichte ihm schweigend die Hand. Dann ging sie leise aus dem Zimmer. So etwas machte ein Mann am besten mit sich allein ab.

Der rheinische Kommerzienrat schien ein sehr mächtiger Herr zu sein.

Was sonst einen ungeheuren Aufwand von Zeit und Schreiberei erfordert hätte, erledigte sich unter seiner Fürsprache rasch und glatt. Hauptmann Güntz erhielt schon für Ostern den erbetenen Abschied.

Major Mohbrinck sprach bei dem Abschiedsdiner von dem herzlichen Bedauern, mit dem das Regiment einen so lieben Kameraden und einen Offizier von so glänzender Zukunft scheiden sehe, und von den Wünschen, mit dem das Offizierkorps ihn an die Stätte einer neuen, ausgezeichneten Tätigkeit begleite. Das kam ihm wirklich von Herzen. Wer konnte wissen, ob man nicht einmal als Oberstleutnant oder Oberst außer Dienst bei der 681 Waffenfabrik um ein Unterkommen in dem riesigen Betriebe vorstellig werden mußte? Einen Mann »in leitender Stellung« mußte man sich stets warm halten.

Güntz hatte alle wehmütigen Anwandlungen überwunden, als er von dem kleinen Bahnhofe der Garnison abreiste. Frau Kläre schluckte bereits im rheinisch-westfälischen Industriegebiet den Dampf der unzähligen Essen. Er war frei.

Einen einzigen, den er lieb hatte, ließ er zurück, – Reimers.

Er sah ihn vom Fenster aus auf dem winzigen Bahnsteig stehen und dem enteilenden Zuge nachschauen. Das hagere Gesicht mit den traurigen Augen wurde allmählich undeutlich, und schließlich erkannte er kaum noch die schlanke, ein wenig vornübergeneigte Gestalt.

Er nahm sein Tuch und winkte zum letzten Male. Der Freund sah es wohl nicht, er stand unbeweglich.

Nun lief der Zug um eine Felsecke, der Wagen schwankte ein wenig, und der kleine Bahnhof war verschwunden.

Güntz setzte sich seufzend in seiner Ecke zurecht. Er hatte dem Freunde auch keinen Trost geben können, nur einen guten Rat: arbeite!

* * *

Der kleine Dr. von Fröben bereitete sich gleich Oberleutnant Reimers auf das Examen zur Kriegsakademie vor.

»Man kann ja nur durchfallen,« pflegte er zur Entschuldigung zu sagen, wenn er wegen seiner Vermessenheit geneckt wurde.

Besonders wenn er seine Kenntnisse mit denen des Kameraden Reimers verglich, wollte ihm selber seine Meldung zur Prüfung als eine bodenlose Frechheit erscheinen. 682

Und dieser Reimers studierte immerfort, mit einem nie erlahmenden, fast fieberhaften Eifer.

»Bester Reimers,« meinte der kleine Doktor, »es gibt ja schließlich auf der Kriegsakademie gar nichts mehr, was Sie noch lernen könnten, wenn Sie so fortochsen. Stop, stop, my dear!«

Mit dem Kameraden zusammen hatte er einen Kursus im Russischen.

Das war eine verteufelte Sprache. Er hatte sich doch auf dem Pennal durch Demosthenes und Äschylos durchgefressen, und wie der stolze Doktortitel bewies, hatte er sogar die Pandekten mit Erfolg attackiert, – aber dieses Russisch! Schon die Buchstaben verhöhnten einen, – es waren nämlich allemal nicht diejenigen aus dem Griechischen Alphabet, denen sie so ähnlich sahen.

»Ich geb's auf,« seufzte Fröben. Er beschaute sich kopfschüttelnd die ersten Seiten seiner sauberen Grammatik und hörte staunend zu, wie sich Reimers flott mit dem Lehrer unterhielt.

»Nikolai Wladimirowitsch,« sagte er, »warum jagen Sie den Oberleutnant nicht fort? – Er weiß ja alles.«

»Plaît-il, monsieur le baron?« fragte der Professor.

»Ich meine: spricht der Oberleutnant nicht wie ein Wasserfall? Comme un chute d'eau? N'est-ce pas?«

Der Russe, ein alter Herr mit einem langen weißen Patriarchenbart, nickte seinem ausgezeichneten Schüler herzlich zu.

Und Reimers lächelte aus Höflichkeit ein wenig. –

Sein Erfolg machte ihm keine Freude. Er trieb seine Studien nicht mehr mit der inbrünstigen Hingabe, die ihn ehemals beseelt hatte. Nur das starke Pflichtgefühl, das ihm ganz und gar in Fleisch und Blut übergegangen 683 war, stachelte ihn noch an, sich ihnen zu widmen. Im Grunde fragte er sich oft: »Wozu nur das alles?«

Eigentlich bestand ja kein greifbares Hindernis, das sich ihm in den Weg hätte stellen können, – trotz allem, was ihn betroffen hatte, war er sehr wohl imstande, sich eine glänzende, militärische Laufbahn zu erschließen. Aber er wurde des dumpfen Gefühls nicht ledig, daß es noch eine vergebene Mühe war, der er sich da unterzog.

Gewiß, es bereitete ihm einen kleinen Triumph, die Schwierigkeiten der fremdartigen Sprache überwunden zu haben, und er befaßte sich nach dem Russischen bereits mit einer zweiten slavischen Sprache, mit dem Polnischen, aber er vermochte nicht recht daran zu glauben, daß er jemals Gebrauch von seinen Kenntnissen machen würde.

Zuweilen verspürte er die größte Lust, die Bücher zuzuklappen und in die Ecke zu werfen, und es erschien ihm als das Wünschenswerteste und Köstlichste auf der ganzen Welt, alles zu vergessen, nichts mehr zu wissen, Ruhe zu haben.

Dann wieder, nach den Augenblicken der mutlosesten Niedergeschlagenheit, erfaßte ihn von neuem der alte schöne Rausch, die Begeisterung für das wundervolle deutsche Heer, dem anzugehören sein Heiligtum und sein Stolz war. Augen voll Hingerissenheit starrten auf die Seiten der Generalstabswerke hinab, und zum soundsovielten Male begleitete er die Armeen auf ihren Siegeswegen.

Mit einem Male hielt er inne.

War das Heer von heutzutage, dessen Glied er war, denn noch die alte ruhmgekrönte Armee?

Güntz hatte ihm jene Zusammenstellung von Gründen, die Rechtfertigungsschrift seines Abschieds, eingehändigt, die er einstmals vor dem Duell mit Landsberg niedergeschrieben hatte. Es war nicht nötig gewesen, etwas hinzuzufügen oder zu streichen. 684

»Lies mit Verstand, mein Junge,« hatte er dabei mit seiner ehrlichen Stimme gesprochen, »aber bleib' dabei immer eingedenk, daß das alles höchst subjektive Ansichten eines einzelnen sind, die durchaus nicht Anspruch auf Allgemeingültigkeit erheben!«

Vordem hatte sich Reimers wohl gewünscht, die Ansichten des Freundes schwarz auf weiß vor sich zu haben, um sie ebenso, schwarz auf weiß, Punkt für Punkt, zu widerlegen, glänzend zu widerlegen. Es war wie eine wahre Gier in ihm gewesen, zu Worte zu kommen, sobald der Freund sich nur klipp und klar ausgesprochen hatte, so, daß man ihn packen konnte, und daran hatte er nie einen Zweifel gehegt, daß Güntz ganz und gar von seiner, Reimers', Meinung überzeugt werden mußte.

Nun hielt er Güntz' Meinung greifbar und deutlich in den Händen. Aber wohin war sein früherer Mut geraten? Da war nirgends mehr der ungestüme Drang vorhanden, vorwärts zu stürmen und die Beweisgründe des Gegners, einen nach dem andern, einzureißen und über den Haufen zu rennen wie Feldschanzen und Schützenlinien in einer fröhlichen Offensivschlacht. O ja, es ließ sich noch vieles gegen den Freund vorbringen, aber er hatte das Gefühl, daß er sich auf eine vorsichtige Verteidigung beschränken mußte, wenn es sich nicht gar um ein Gefecht zur Deckung des Rückzugs handelte.

Er verglich Güntz' Ausführungen mit den Auszügen aus den Unterhaltungen mit Falkenhein, die er während seiner kurzen Adjutantenzeit niedergeschrieben hatte. Es stimmte vieles zusammen, und diese Übereinstimmung bestürzte ihn. Es waren zwei grundverschiedene Männer, deren Urteile da zusammenliefen, beide ausgezeichnet durch Klarheit des Blicks und gründliche Kenntnis der Verhältnisse und legitimiert durch eine Vergangenheit, die jede Voreingenommenheit ausschloß. Der eine, ein erprobter, 685 glänzend begabter Führer, eng verwachsen mit den Überlieferungen der alten sicheren Zeit, wies nur mit überlegener Ironie auf die Schäden des Systems hin, als auf nicht allzu tief gehende Fehler einzelner Glieder, ohne doch an der Gesundheit des gesamten Körpers zu zweifeln, der andere, ein tüchtiger Offizier, dessen Verdienste trotz der Jugend nicht zu verkennen waren, sah mit dem unbefangenen Blick seiner nüchternen Natur die Grundlagen des Gebäudes angefault und das ganze System vor einem unvermeidlichen Zusammenbruche, wenn nicht eine Umgestaltung von Grund aus vorgenommen wurde.

Hatten sie aber nun nicht beide recht? Der eine mit seiner leichten Unruhe, der andere mit seiner schweren Sorge?

Reimers konnte sich den Zweifeln der beiden Männer nicht verschließen. Höchstens vermochte er Güntz zu erwidern, daß diese Übelstände nicht in dem Maße vorhanden seien, wie es der Freund behauptete.

Dieses Hinneigen zum äußeren Prunk zum Beispiel war ein allgemeines Zeichen der Zeit, nicht nur in Deutschland.

In Frankreich ritten die Kavalleriedivisionen eine Attacke gegen die Tribüne, auf der der Präsident neben dem Zar saß. War das nicht noch theatralischer, als wenn im deutschen Manöver unmögliche Reiterevolutionen in Szene gesetzt wurden?

Aber diesem Trost stand wieder die alte Erfahrungsweisheit entgegen, daß ein besiegtes Volk die unerhörtesten Anstrengungen macht, die Scharte auszuwetzen. Die Opferfreudigkeit Preußens im Jahre 1813 war fast ohne Beispiel in der Weltgeschichte, und doch verrichtete die empfindliche, so hart niedergeworfene französische Nation gewiß eine ähnlich emsige und durch ihre jahrzehntelange Ausdauer um so rührendere Arbeit. 686

Frankreich hatte außerdem den Vorteil für sich, daß tatsächlich ein Teil des französischen Volkes infolge einer künstlich genährten Erbitterung für einen Krieg mit dem östlichen Nachbar sich begeisterte. In Deutschland aber kannte niemand mehr den »Erbfeind« von 1870. Man hatte keinen Grund mehr zum Groll, nachdem die letzte Auseinandersetzung so glücklich verlaufen war. Man fühlte sich mit Frankreich in dem Fortschreiten der Wissenschaften und in den Ausstrahlungen der Kunst eng verwandt. Deutschland hatte Frankreich gleichsam untergefaßt und marschierte nun Arm in Arm mit ihm an der Spitze der Zivilisation.

Und man wollte Frieden haben.

Der Deutsche war nicht gerade unkriegerisch geworden, aber infolge seiner germanischen Gründlichkeit und Nüchternheit war er am tiefsten von der Notwendigkeit und Nützlichkeit des einzig Vernünftigen, des Friedens, durchdrungen. Nachdem die Gefahr der Revanche von Westen her einigermaßen verblaßt war, war jeder Krieg in Deutschland unpopulär, – ausgenommen etwa der gegen England, der als Seekrieg die Masse der Bevölkerung weniger unmittelbar beunruhigen würde, – und jedermann in Deutschland hatte das Gefühl, daß kriegerische Verwickelungen nie durch den unwiderstehlichen impulsiven Ausbruch einer Volksstimmung heraufbeschworen werden konnten, sondern nur durch politisches oder dynastisches Ungeschick.

Dahin, als einen Mangel an kriegerischer Begeisterung, verstand Reimers den Mangel an Patriotismus, den Güntz als das schwerste innere Gebrechen des Heeressystems bezeichnete.

Er hatte sich nie sonderlich um Reichstag und politische Parteiungen gekümmert, – der Offizier sollte sich ja von jeder politischen Betätigung fernhalten –, daher lag 687 es ihm fern, den Einflüssen der revolutionären Parteipolitik ein so großes Gewicht beizumessen, wie es der Freund tat.

Der Schaden war ohnedies groß genug. War nicht ein Heer, das ohne Begeisterung in den Kampf ging, schon vor der Schlacht geschlagen? –

Und die Gedankenreihen, die er an die weiteren Bedenken des Obersts und des Freundes anknüpfte, liefen alle zu einem ähnlichen Schlusse aus! Es kam ihm vor, als stünden sie wie riesige warnende Wegweiser an der Straße, auf der die deutsche Armee marschierte, und alle, alle trugen den einen verhängnisvollen Namen auf der ausgestreckten, weisenden Hand – Jena.

Er sah im Geiste die Schlacht sich vollziehen. Das Heer des großen Friedrich war zur Stelle und hatte keine der bewährten Formeln zu Hause vergessen. Die alten ruhmreichen Regimenter warteten auf neue Lorbeeren. Die Warnungen des unglücklichen Feldzuges in der Champagne hatte man leichtfertig abgeschüttelt, und wieder kommandierte der Herzog von Braunschweig, der Besiegte von Valmy, aber auch der erfolggekrönte Führer der läppischen Expedition gegen Holland. Den Preußen war es leer im Magen und im Herzen. Sie waren ins Feld gerückt, weil es ihnen ihr König – im allerverkehrtesten Augenblick – befohlen hatte. Und ihnen gegenüber die Franzosen! An der Spitze der Mann, der das Genie Friedrichs des Großen geerbt hatte, die Untergenerale nicht weniger talentlos als die preußischen, einen taktischen Fehler nach dem anderen begehend, aber mit dem frischen Unverstand des Dilettanten drauflosstürmend, die Soldaten nicht weniger hungernd und frierend als ihre Gegner, aber satt und warm durch ihren jungen Ruhm von Italien und von Austerlitz und von der hinreißenden Begeisterung der alten Revolutionsheere getragen, trotzdem – 688 ein seltsam widerspruchsvolles Schauspiel! – einer der rücksichtslosesten Gewaltherrscher sie ganz nach seiner Willkür lenkte.

Bei Auerstedt und Vierzehnheiligen nahmen die Dinge ihren naturnotwendigen Verlauf, und das ganze Unheil wurde in dem Namen Jena zusammengefaßt.

Das düstere Wort verfolgte Reimers wie ein Gespenst. Es war da, wenn er sich zu seinen Büchern setzte, und wenn die helle Sonne die stattlichen Reihen der exerzierenden Batterien mit ihrem mutigen Glanze bestrahlte, fiel es als ein dunkler Schatten auf seine Zuversicht.

Nirgends konnte er dem quälenden, schrecklichen Gedanken entgehen.

Unwillkürlich zog es ihn zuweilen nach der Waisenhausstraße. Dort, bei den Güntz' und bei Falkenhein, unter diesen klaren, sicheren Menschen, hätte er vielleicht auch jetzt Beruhigung gefunden, – aber in die Güntzsche Villa war ein Steuerrat vom Hauptzollamt eingezogen, die Wohnung Falkenheins hatte Major Mohbrinck, der neue Kommandeur, übernommen. Die jungen Leutnants erzählten, er lauere hinter dem wilden Wein der Laube, um diejenigen zu ertappen, die ohne Urlaub und natürlich in Zivil nach der Residenz zu fahren sich erdreisteten.

Die alten Freunde waren weit weg, und wenn Reimers sich genau prüfte, mußte er sich eingestehen, daß er darüber nicht trauern konnte. Es war ihm gerade recht so. Die schöne, innige Gemeinschaft zwischen jenen lieben Menschen und ihm war schon vorher leise und allmählich zerrissen.

Dabei bedrückte ihn der Gedanke an Marie Falkenhein noch am wenigsten. Nachdem er den ersten, herbsten Schmerz über sein Unglück verwunden hatte, gedachte er ihrer seltsamerweise mit keinem Gefühle einer verzweifelnden Sehnsucht, eher mit einem Gefühl der Scham. Das 689 junge Mädchen war nicht dasjenige, zum Leben unmittelbar Notwendige, das ihm von da an gebrach.

Das lag in einem ganz anderen Felde.

Und um dessentwillen war er froh, daß Falkenhein und Güntz die Garnison verlassen hatten. Es sollte keiner mit zusehen, wie der Leitstern, nach dem er all seine Jahre hindurch gelaufen war, verbleichend unterging, – es sollte keiner dabei sein, wie sein ganzes Leben Schiffbruch litt. – –

Das Osterländische Feldartillerie-Regiment war im Begriffe, nach dem Truppenübungsplatz abzumarschieren, um die Schießübungen abzuhalten.

Ein paar Tage vor dem Aufbruch befahl Reimers dem Burschen, den Koffer zu bringen. Er wollte sich überzeugen, ob das alte, wackere Stück, das ihn noch überall hin begleitet hatte, in der gehörigen Ordnung war.

Es war nichts daran auszusetzen.

»Soll ich die Zettel abkratzen?« fragte der Bursche. »Vielleicht kann man dann den Koffer mit Lederlack ein bißchen auffrischen.«

Es klebten eine Menge Hotelschilder und Begleitzettel auf dem Koffer, allein die Reise nach Ägypten lieferte eine schreiend buntfarbige Auslese.

Reimers stand in Gedanken versunken.

Plötzlich erblickte er den wartenden Burschen.

»Ja, natürlich,« sagte er, »sehen Sie zu, daß Sie das Zeug herunterbringen.« –

Er hatte an seine Rückkehr von diesem langen Urlaub nach dem Süden gedacht.

Welche frische Kraft hatte er damals in seinen Gliedern gespürt! Mit welchem Jubel hatte er den Fuß auf die Mauer des Strandquais im Hamburger Hafen gesetzt, auf das erste Stückchen deutschen Bodens nach einem 690 langen Jahre in der Fremde! Er wäre dem ersten Kanonier vom Regiment, der ihm begegnete, am liebsten um den Hals gefallen, und er hatte die Zeit gar nicht erwarten können, in der er den schlichten Rock wieder anlegen durfte, der ihn das herrlichste Ehrenkleid der Welt dünkte, und in dem er zum ersten Male wieder den alten, lieben, langweiligen Dienst tun sollte.

Zu diesem trüben Ende also war der so hochgemute Anfang ausgelaufen?

Er erinnerte sich, daß ihn schon damals, mitten im Jubel der Heimkehr, eine schlimme Ahnung geängstigt hatte, ein Traumgesicht, das nun grausam verwirklicht vor ihm stand.

Während des Besuchs bei der leidenden Frau von Gropphusen hatte ihn die ahnende Angst überfallen. Er sah das Zimmer wieder vor sich, das von den verhängten Fenstern ein düsteres Licht empfing und von Trauer und Hoffnungslosigkeit angefüllt schien. Die kranke Frau lag matt auf dem breiten Ruhebett unter dem Bilde des »blauen Knaben«. Sie zog die seidene Decke mit ihren schönen, blassen Händen bis zum Kinn herauf und schaute ihn mit ihren wunderbar traurigen Augen lange an. –

Plötzlich wußte er, warum er an Marie Falkenhein nur mit dieser sanften Resignation zu denken vermochte, mit diesem milden Schmerze, der ihm selbst als der Trauer um eine wahrhafte Neigung unebenbürtig erschienen war, – er hatte niemals aufgehört, Hanna Gropphusen zu lieben.

Die Liebe zu ihr war in ihm lebendig gewesen wie eine jener Opferflammen, die köstlich duftend in weitbauchigen Räucherschalen brennen und die man zudeckt, um an der Kostbarkeit des Gewürzes zu sparen. Aber wenn der Deckel wieder emporgehoben wird, lodert die 691 Glut ungezügelt empor und will mit ihren blauen Zungen den Himmel küssen.

Waren seine Augen mit Blindheit geschlagen gewesen? Was hatte ihn geblendet, daß er so in die Irre gegangen war? Und wenn er wachend ein Tor war, die Sehnsucht seiner Träume hätte ihn von seiner Torheit heilen müssen.

Nun packte ihn die Leidenschaft mit den Krallen eines hitzigen Fiebers. Seine Seele war frei von jeder anderen Empfindung. Die Begeisterung für das Vaterland, für seinen Stand, war daraus geschwunden. Sein ganzes Gefühlsleben war widerstandslos dieser Liebe preisgegeben, und es wurde von ihr mit der Gewalt eines Sturmwindes fortgerissen.

Er lebte einzig noch in dem Gedanken an Hanna Gropphusen.

Wie lange war es doch her, daß er sie zum letzten Male gesehen hatte!

Er mußte weit zurückgehen und gelangte bis zum Anfang des verflossenen Winters. Da war sie auf einem der ersten Bälle des Kasinos die Schönste gewesen. Ihr Antlitz strahlte in verlockendem Liebreiz, ein schwarzes Flitterkleid war wie ein dünner, glitzernder Schleier um ihre schlanke Wohlgestalt gegossen und ließ die weiße Zartheit ihrer Schultern und Arme frei. Sie trug die Krone der Schönheit, und alle huldigten ihr als einer Herrscherin. Und wie er müßig in dem entferntesten Zimmer gesessen hatte, ein grämlicher Zuschauer des bunten Treibens, da war sie auf ihn zugeschritten, leuchtend und wie eine Glücksbringerin, sie hatte mit ihm gesprochen, wenige Worte nur und gleichgültige Dinge, mit einer hastigen, aufgeregten Stimme, aber in ihren Augen war wieder jener Ausdruck einer unbedingten Hingebung gewesen, der ihn 692 damals im Frühling, bei den Heimwegen vom Spielplatz, selig gemacht hatte.

Er hatte, die Schultern von seinem Mißgeschick gebeugt, vor ihr gestanden und hatte nicht gewagt, die Augen zu ihr zu erheben.

Seit jenem Balle war Frau von Gropphusen den ganzen Winter über verschwunden gewesen, zu den Eltern verreist. Der Klatsch trug es von Ohr zu Ohr, nach einer fürchterlichen Szene mit ihrem Gatten. Und in diesem Falle standen merkwürdigerweise selbst die Damen auf der Seite ihrer schönen Geschlechtsgenossin. Denn Gropphusen trieb es immer toller. Es konnte gar nicht fehlen, daß in allerkürzester Frist gegen ihn ein ehrengerichtliches Verfahren wegen seiner schmutzigen Skandalgeschichten eingeleitet wurde.

Vor wenigen Tagen war dann die beklagenswerte Frau zurückgekehrt, wohl um einen letzten, mühsamen Schein ihrer Ehe aufrecht zu erhalten. Gropphusen selbst verließ ja zu den Schießübungen die Garnison, sie war dann wenigstens wieder einmal dagewesen. Aber sie ging nicht aus, und es hatte sie noch niemand zu Gesicht bekommen.

Reimers wurde von einer wütenden Ungeduld verzehrt, die geliebte Frau zu sehen. Er hatte zu viel Zeit versäumt, um nun noch zu zaudern.

Dann wieder warf ihn ein fürchterlicher Zweifel in eine dumpfe Untätigkeit zurück. Wie konnte er daran denken, sich Hanna Gropphusen zu nähern? Er, der Gezeichnete, der Verdammte!

Da log er sich tausendmal vor und schrie es sich insgeheim zu, daß es alle Stimmen übertönte: – er begehrte ja nichts, er wollte ja nichts anderes als nur in ihrer tröstlichen Ruhe sein dürfen. 693

Er zersann sich den Kopf nach einem schicklichen Vorwande, um sie zu besuchen. Es gab keinen.

Er richtete seine Gänge am Tage so ein, daß er unauffällig an der Gropphusenschen Villa vorüberkam. Am Morgen stand Hannas Zimmer stets weit offen. Der Wind zauste die zartroten seidenen Vorhänge auseinander, und Reimers meinte zuweilen den schlichten Mahagonirahmen des englischen Stiches zu erblicken. In dem Raume daneben aber blieben die Jalousien bis tief in den Tag hinein herabgelassen; dort vergaß sie wohl noch auf einen glücklichen Augenblick des Schlafs ihr uneingestandenes Leid.

An den Nachmittagen hatte dann das Bild gewechselt. Die zartroten Vorhänge waren dicht zusammengezogen, aber nebenan sah man zwischen maisgelben Gardinen eine helle, gelblich getönte Wand, und manchmal baumelte ein schneeweißes Eisbärenfell den dicken Kopf zum Fenster hinaus.

Und in den Nächten endlich spaltete ein rötlicher Lichtstrahl, zwischen den Fransen der Vorhänge hindurchschimmernd, das dunkle Fenster des schmalen Zimmers, eine ruhig brennende, unermüdliche Flamme, die oft erst vor der Morgendämmerung erlosch.

Reimers umschlich das Haus stundenlang, festgehalten von der törichten Hoffnung, die Geliebte zu erblicken. Vielleicht trat sie an das Fenster, um einen Atemzug von der reinen Nachtluft zu trinken, um die heiße Stirn in dem frischen Winde zu kühlen, oder um die tränenmüden Augen durch einen Blick zu dem sternenprangenden Himmel zu erquicken.

Er wartete stets vergebens.

Aber Hannas Gatten sah er eines Nachts zurückkehren in sein flottes, graues Zivil gekleidet, den modischen Überzieher über dem Arm, den Kehrreim eines 694 Gassenhauers trällernd. Gropphusen gähnte laut, als er das Haustor aufschloß. Dann wurde es am entgegengesetzten Ende der Wohnung hell, einen Augenblick nur, und der abenteuerliche Schwelger war in Schlaf gesunken.

Reimers trug sich mit unsinnigen Plänen, und eine rasende Eifersucht trieb ihn immer mehr voran.

Hieß es nicht der Geliebten den besten Dienst erweisen, wenn er sie von diesem Manne befreite?

Er hatte an dem Fall Güntz-Landsberg gesehen, wie leicht es war, ein Duell zu provozieren. Gropphusen gegenüber, der eine spitze Zunge führte und keine malitiöse Bemerkung unterdrücken konnte, noch tausendmal leichter, als gegenüber dem ruhigen, ehrlichen Güntz. Freilich war Gropphusen ein ausgezeichneter Pistolenschütze, und wenn sich auch Reimers in seiner tollen Leidenschaft nichts sehnlicher wünschte, als für Hanna sterben zu dürfen, so kam es doch darauf an, mindestens gleichzeitig den Gegner unschädlich zu machen.

Er besaß einen kleinen Revolver, eine überaus exakte Waffe, die er da unten in Südafrika als letzten Notbehelf stets in der Joppentasche getragen hatte. Damit begann er nach der Scheibe zu schießen, und er freute sich über jeden Schuß, der das Mittelschwarz traf. Zuweilen wollte es ihn dünken, als hätte er nicht das Zentrum der Scheibe, sondern eines der dunklen, kecken Augen Gropphusens durchbohrt.

Dann wieder erschien ihm dieses Verfahren als zu ungewiß. War es nicht einfacher und weit sicherer, Gropphusen aufzulauern, wenn er wieder einmal von einem seiner nächtlichen Ausflüge heimkehrte? Er würde ihn stellen und niederschießen: »Da hast du deinen Lohn, Lump!« Und für ihn selber blieb ja dann noch immer eine Kugel übrig.

Aber am Morgen des Ausmarsches nach dem 695 Truppenübungsplatze fehlte Hauptmann von Gropphusen, der Chef der zweiten Batterie.

Major Lischke schickte seinen Adjutanten nach der Gropphusenschen Villa und ließ die gnädige Frau um Auskunft bitten. Der Leutnant kam mit der Meldung zurück, Hauptmann von Gropphusen sei am vergangenen Abend, wie schon oft, nach der Residenz gefahren und bisher nicht zurückgekehrt.

Lischke brummte: »Der Liederjahn hat natürlich den Frühzug verpaßt. Er hätte aber wenigstens telegraphieren können.«

Natürlich konnte man auf Gropphusen nicht warten. Oberleutnant Frommelt übernahm die Batterie, und das Regiment setzte sich in Marsch.

Auch im ersten Marschquartier stellte sich der Vermißte nicht ein, und nun kam auch die Aufklärung aus der Residenz. Der Klub, dem Gropphusen angehörte, war von der Polizei aufgehoben worden. Gerüchte von perversen und verbrecherischen Ausschweifungen gingen von Mund zu Mund. Einem Teil der Mitglieder, darunter Gropphusen, war es geglückt, zu entkommen, ein anderer Teil saß im gerichtlichen Gewahrsam.

Daraufhin erließ das Regiment einen Steckbrief, in dem alle »Behörden pp. angewiesen wurden, auf den unten näher beschriebenen, der Fahnenflucht dringend verdächtigen Hauptmann und Batteriechef im Osterländischen Feldartillerie-Regiment Nr. 80 Arthur Jost von Gropphusen zu fahnden und ihn im Betretungsfalle u. s. f.« Das war natürlich nur eine Formsache, denn Gropphusen hatte sicherlich längst das Reichsgebiet verlassen.

Oberleutnant Frommelt wurde mit der Führung der Batterie beauftragt, und weil Leutnant Weißenhagen, der andere Offizier des Truppenteils, zur Übernahme der 696 Baracken und Ställe nach dem Truppenübungsplatz vorausgereist war, wurde Oberleutnant Reimers noch während des Marsches der zweiten Batterie bis auf weiteres zugeteilt.

Reimers hatte aufgeatmet, als ihm das Gerücht von Gropphusens Verschwinden zu Ohren gekommen war. Gleich einer Binde fiel es ihm von den Augen, auf wie ungeheuerliche Abwege ihn seine Leidenschaft beinahe geführt hätte.

Nach dieser klärenden Erfahrung fühlte er sich freier. Er war glücklich darüber, daß die geliebte Frau durch diese günstige Wendung von ihrem Peiniger befreit war, und er freute sich, durch die Abwechslung der Marschtage der Umgebung entrückt zu werden, in der seine Gedanken so von Grund aus verwirrt worden waren.

Und zuletzt glimmte eine schwache Hoffnung in ihm auf: – vielleicht fand er dort auf dem Truppenübungsplatz, wo die Tüchtigkeit des Heeres auf die schärfste Friedensprobe gestellt wurde, einen Teil seines alten Glaubens an die untadelige Herrlichkeit der deutschen Armee wieder.

Er grüßte die flachere Landschaft mit frohen Augen. Die ebene Fläche kam ihm wie ein Meer vor, dessen aufgeregte Wogen zur Ruhe gekommen sind und das selbst in seiner glatten Stille Ruhe um sich verbreitet.

Die Batterie überschritt einen Fluß, eines von jenen unscheinbaren Gewässern der Ebene, die träge zwischen ihren sandigen Ufern hinschleichen und unter ihrer harmlosen Oberfläche tiefe Löcher und gefährliche Rinnen verbergen.

Von rückwärts trabte ein Zug Husaren heran. Sie waren offenbar in einer Aufklärungsübung begriffen. Die Brücke war als zerstört angenommen, so suchten sie eine passende Stelle zum Übergang über den Fluß. Der Offizier trieb zuerst sein Pferd in das Wasser. Das Tier 697 versank sofort bis über den Kopf, aber es begann zu schwimmen und hatte bald das jenseitige Ufer erreicht. Die Husaren folgten schneidig und rasch. Am anderen Ufer ging der Trab weiter, der Zug hinterließ eine nasse Spur auf dem hellen Sande des Bodens. Der Offizier galoppierte näher an die marschierende Batterie heran.

Reimers erkannte einen Kriegsschulkameraden.

»Ottensen, du?« rief er. »Was für ein Zufall!«

»Nicht wahr?« erwiderte der Husar. »Nur schade, hab' keine Zeit. Kerls müssen aufklären lernen.«

Sie wechselten einen Händedruck und der Kavallerist gab seinem Halbblüter die Sporen. Er verschwand in einer gelben Sandsäule.

Kurz darauf begegnete die Batterie den Husaren zum zweiten Male. Die Reiter waren am Saum eines alten Fichtenbestandes abgesessen. Die Mannschaften und die Sattel zeigten noch nasse Spuren vom Durchschwimmen des Flusses, aber die Pferde waren in der Sonne bereits wieder trocken geworden. Ein Husar nach dem andern mußte die Klettereisen anschnallen, einen Stamm erklettern und oben vom Wipfel aus mit dem Glase Ausschau halten.

Der Leutnant examinierte sie, indem er sich nach der Karte orientierte.

»Lange nicht gesehen, Reimers!« lachte er, als die Batterie vorübermarschierte. »Sieh mal, Kerls klettern wie Affen!«

Reimers nickte dem lustigen Kameraden fröhlich zu. Es war in der Tat eine Lust, den flinken Husaren zuzusehen.

»Weißt Du,« sagte Ottensen, »ich reite noch 'n bißchen mit.«

Er fragte Oberleutnant Frommelt »gehorsamst Erlaubnis« und hieß einen Unterwachtmeister die Husaren 698 zurückführen. Dann schloß er sich der Batterie an, immer munter in seiner drollig abkürzenden Art plaudernd und ab und zu einmal mit seinem Gaul den Straßengraben nehmend.

Er saß prachtvoll auf seinem ausrangierten Steepler, mit seinem mageren, geschmeidigen Körper das Bild eines echten Reiteroffiziers.

Reimers sah ihm mit ehrlichem Vergnügen und mit einer aufrichtigen Bewunderung zu.

»Ihr Husaren seid doch schneidige Kerls!« sagte er.

Ottensen lächelte geschmeichelt und versetzte: »Na, macht sich.«

»Klettert sogar auf Bäume!« fuhr der Artillerist fort.

»Jawohl!« erwiderte Ottensen. »Bäume, Getreidefeimen, Kirchtürme, Hausdächer, Telegraphenstangen, was Teufel sonst noch, – hervorragende Felsgruppen, – na ja. Letztere gibts in hiesiger Gegend schon nicht mehr.«

»Dafür aber im Manöver.«

Der Husar ließ sein Einglas fallen und zog ein erstauntes Gesicht.

»Manöver, Verehrtester?« fragte er. »Nee, da geht man sicherer.«

»Wieso? Sicherer?«

»Verabredet Rendezvous mit Kamerad von Gegenpartei, womöglich mit gleichzeitiger Frühstücksgelegenheit. Ergibt die feinsten Meldungen.«

Der kleine Husar fing plötzlich laut zu lachen an.

»Reimers! Verehrtester!« rief er. »Zieh' doch nicht so 'ne Trauerparadenmiene! Hast du nicht gewußt? Nicht? Na, danke!«

Reimers fragte: »Ja, was hat denn aber das Manöver dann noch für Zweck?«

»Zweck? Sehr viel!« versetzte Ottensen. 699

»Zweck des Manövers ist doch aber die möglichste Annäherung an kriegsmäßige Verhältnisse.«

»Zweck is Unsinn!« meinte der Husar. »Du bist doch noch ganz der alte Federfuchser, Haarspalter von Anklam. Zweck des Manövers ist todsicheres Zusammentreffen der beiden feindlichen Parteien, nicht Aufklärungsübung für jugendliche Kavallerieleutnants. Zweck wird bombensicher erreicht durch gegenseitige Aussprache. – Jawoll, war auch mal so 'n unschuldiger Knabe wie du, Bester. Werd's nie vergessen. Meine erste Offizierspatrouille, auf Wort ohne Rendezvous. Ich reite los, bis es dunkel wird. Kein böser Feind zu sehen. Was ich zu hören bekam! 'ne ganze Winterfelddienstübung futsch, zwei Regimenter Infanterie mit ellenlangen Bahntransporten, vier Batterien, vier Schwadronen! Und alles fröhlich aneinander vorbeimarschiert, 'ne gute halbe Stunde Zwischenraum! Kein Schuß gefallen! Danke, nie wieder!«

An einem Seitenwege verabschiedete sich Ottensen. Aus der Ferne winkte er noch einmal mit seiner tadellos behandschuhten Rechten.

Reimers ritt schweigsam weiter.

Am Horizont tauchten die weißen Mauern der Baracken und Ställe und der Wasserturm des Truppenübungsplatzes auf.

Es war ein böses Andenken, das ihm der Kriegsschulkamerad zuletzt mit auf den Weg gegeben hatte, ein neuer Beweis für ihn, wie sehr im Heere auf den glatten Schein hingearbeitet wurde. Wie sollte er jetzt nicht hell auflachen, wenn ihm einer von kriegsmäßigen Verhältnissen im Manöver sprach? Ein abgekartetes Spiel wurde da getrieben, damit nur ja kein Mißklang die wohlvorbereitete Harmonie der Vorstellung störte.

Und es war jammerschade, was für schönes 700 Offiziersmaterial durch dieses gefahrvolle System entwertet wurde. Ottensen war sicherlich kein genialer Soldat, auch kein Muster eines militärischen Erziehers, aber ein leidlicher Kopf, ein schneidiger Reiter, ein furchtloser Draufgänger und, von einer angeborenen Findigkeit unterstützt, das vorbestimmte Ideal eines Patrouillenführers. Und doch konnte es nicht ausbleiben, daß diese prächtigen Eigenschaften dem äußern Schein zuliebe und aus Mangel an Übung verkümmerten. Ein guter Reiteroffizier weniger, das war am Ende nicht schlimm. Aber hatte Ottensen nicht wie von einem allgemein üblichen Gebrauch gesprochen? Es gewann beinahe den Anschein, als ob diese rein äußerliche, unkriegerische Zustutzung von der Armee zu einer Art Grundsatz erhoben worden sei. – –

Der erste Tag auf dem Truppenübungsplatz wurde durch das Einrichten in den Quartieren vollauf in Anspruch genommen. Am Abend um sechs Uhr fand die Tafel statt. Die meisten Offiziere waren von dem Laufen, Ändern und Anordnen redlich erschöpft und zogen sich gleich nach der Aufhebung des Tisches in ihre Stuben zurück, um erst noch ein Stündchen zu schlafen, ehe sie den Abendschoppen zu sich nahmen.

Reimers verließ das Lager durch das rückwärtige Tor und ging langsam am Saume des Waldes nach den Zielen zu.

Die Sonne war am Untergehen und lastete mit dem unteren Rande ihrer rötlichen Scheibe beinahe schon auf der dunklen Wipfellinie des Forstes. Die Heide blühte und leuchtete in dem Strahlenschimmer mit einem farbensatten Rot.

Von den Zielen her kamen ihm Mannschaften mit Schanzzeug auf den Schultern entgegen. Hinter ihnen her mühte sich ein Brettwagen mühsam durch den Sand. 701 Auch die Drillichröcke der Soldaten erschienen in der abendlichen Beleuchtung rot gefärbt.

Der berittene Kommandoführer saß ab und meldete vorschriftsmäßig: »Zielbaukommando auf dem Marsch ins Barackenlager. Ein Unteroffizier, vier Gefreite, zweiundzwanzig Kanoniere und Fahrer.«

Reimers nickte. Er hatte gar nicht gehört, was der schwarzbärtige Mensch gesagt hatte. Er kehrte sich um und sah hinter dem kleinen Trupp her, wie er sich langsam nach dem Lager zu bewegte. Die Kanoniere sangen gedehnt und schleppend ein altes Lied:

Drei Lilien, drei Lilien, die pflanzt' ich auf mein Grab, siehstewohl,
Da kam ein stolzer Reiter und brach sie ab,
Da kam ein stolzer Reiter und brach sie ab.
                                    —
O Reitersmann, o Reitersmann, laß doch die Lilie stehn, siehstewohl,
Sie soll'n ja mein feins Liebchen noch einmal sehn,
Sie soll'n ja mein feins Liebchen noch einmal sehn.
                                    —
Und sterbe ich noch heute, so bin ich morgen tot, siehstewohl,
Dann begraben mich die Leute ums Morgenrot,
Dann begraben mich die Leute ums Morgenrot.

Ein paar pfiffen die zweite Stimme dazu. Durch die Entfernung gedämpft klang es ganz hübsch, und die Sentimentalität der Melodie schien zu der Dämmerungsstimmung zu gehören, die allgemach die Heide einhüllte.

Reimers schritt weiter.

Ein gelbsandiger Querweg durchschnitt das rotblühende Erikafeld. Achtlos schlug er ihn ein. Es war die Straße, die ehemals aus dem Forst nach dem in Trümmer geschossenen Dorf geführt hatte. Jetzt hatte sie 702 keinen Zweck mehr, und man ließ sie verfallen. Die Ränder bröckelten ab und füllten zu beiden Seiten die Gräben aus, und das karge Gras, das im Schußbereich an die Stelle des Heidegestrüpps trat, schickte sich an, die Fahrbahn mit seinen dürftigen Halmen in Besitz zu nehmen.

Der einsame Wanderer näherte sich der verwüsteten Stätte.

Die Sonne hatte sich hinter dem Walde verborgen, und ein kühler Schauer, der Vorbote der Nacht, strich über die Ebene.

Grob behauene Steine waren von den verfallenen Feldmauern herabgestürzt und versperrten den Weg. An anderen Stellen waren die plumpen Einfriedigungen von den Granaten verschont geblieben, ein zäher Lehm hielt die Steine zusammen. Fette Henne und Taubenweizen wucherte darauf.

Im Dorfe selbst drohten die Häuserruinen mit ihren grämlich geneigten Giebeln auf den zerwühlten Weg herab. Die Straße führte gradlinig zwischen den Gehöften durch und verlief am Horizont in einer Schneise.

Gerade trat die Sonne in die Lücke zwischen den beiden Waldmauern, eine tieferglühende Scheibe, die alles mit ihrem roten Licht übergoß.

Reimers trat durch einen Flur auf den Hof des stattlichsten Besitztums. Ein herabgeworfener Essenkopf lag inmitten eines Beetes, das von wild emporschießendem Buchsbaum eingerahmt war. An der Hauswand breitete ein Rosenstrauch seine Zweige aus. Die ehemals hundertfältig gefüllten Centifolien waren verwildert und glichen mit ihren wenigen zarten Blütenblättern und ihren gelben Stempeln großen Heckenrosen.

Alles war in das rote Licht der Abendsonne getaucht. Durch die leeren Fensterhöhlungen meinte Reimers in eine Feuersbrunst zu sehen. Die weißen Rosen schimmerten 703 rötlich, und eine Lache, vom letzten Gewittergusse herrührend, glänzte wie frischvergossenes Blut.

Der verwüstete Garten, die kahlen Fensterhöhlen, die rauchgeschwärzten Mauern, die Feuersbrunst am Himmel und die rote Lache am Boden, – das war das Bild des Krieges, der die Menschen unter blühenden Rosen hinstreckte. so daß sie mit ihrem Blut die Wurzeln tränkten.

Es fehlte nichts als das Wabern der Flammen und das Prasseln des stürzenden Gebälks, das Geschrei der Kämpfenden und das Ächzen der Sterbenden.

Da tauchte die Sonne unter dem Horizont hinunter, und der öde Hof versank in schwarzen Schatten.

Reimers stolperte durch den schuttbedeckten Flur und über die geborstene Schwelle auf die Dorfstraße hinaus und wanderte nach dem Lager zurück.

Vorher war alles in ein Rot getaucht gewesen, das an Feuer und Blut gemahnte, jetzt hüllte ein leises Grau die Gegend in einen allmählich immer dunklere Falten schlagenden Mantel ein.

Er schritt mit nach innen gerichteten Augen durch die hereinbrechende Finsternis.

Das Bild des zerstörten Gehöftes hatte seine südafrikanischen Erlebnisse wieder aufgeweckt.

Er sah, wie hinter den fliehenden Reitertrupps die behäbigen Farmen aufflammten. Die Männer schüttelten die Fäuste nach rückwärts und schickten ingrimmige und zugleich kindliche Gebete zu einem patriarchalischen Gott, auf den sie sich allzu vertrauensvoll verlassen hatten. Aber sie hielten nicht stand und flohen immer weiter, von der unwiderstehlichen Panik jener unglücklichsten Kriegszeit nach Cronjes Gefangennahme fortgefegt. Die Werke von Pretoria, die Millionen gekostet hatten, wurden nicht einmal des Widerstandes einer Viertelstunde für wert 704 erachtet. Es schien, als ob der Sturmwind des Schreckens die Boeren bis über die Grenze ihres Landes wehen würde.

Nur zuweilen taten sich ein paar kühne Burschen mit einigen Ausländern zusammen, um an einem Passe, an einer Furt, einen kurzen Widerstand zu leisten.

Das waren die einzigen Erlebnisse auf diesem unaufhörlichen Rückzuge, deren er sich mit einer gewissen Genugtuung erinnern durfte.

Er hatte wie die anderen im hohen Grase oder hinter einem Felsblock gelegen und seinen Mann aufs Korn genommen. Und neben ihm war ab und zu ein Halm von einer Kugel geknickt worden oder die Steinsplitter spritzten ihm vor den Augen.

Das waren ehrliche, frische Scharmützel gewesen, und er hatte sich kein Gewissen daraus gemacht, dem Engländer so viel als möglich zu schaden. Er wußte nicht, ob er einen Gegner getötet oder auch nur verwundet hatte. Es war wohl möglich. Aber brachte nicht der Krieg diese Notwendigkeit mit sich?

Zuletzt freilich hatte er ein Erlebnis, das sich mit einem Male schwer auf seine Seele legte.

Nahe der portugiesischen Grenze war das, auf einer weiten Grasebene, ähnlich der Heide des Truppenübungsplatzes. Man schickte sich an, auf das neutrale Gebiet überzutreten, um der englischen Gefangenschaft zu entgehen. Eine tiefe Flußrinne lag nur noch vor den verfolgenden Lancers, flach und träge breitete sich auf ihrem Grunde der sommerliche Rest des Gewässers aus.

Der englische Offizier ritt sorglos hinein, ein zarter, blutjunger Bursche. Den Karabiner hatte er an den Sattel gehängt und sorglos schwippte er eine Gerte durch die Luft auf seine hellbraunen, ledernen Reitgamaschen. Er war auf Sprechweite nahe, seine Mannschaft trottete weit hinter ihm. 705

Da parierte einer der Ausländer, ein hagerer Ire, seinen abgetriebenen Gaul. Mit einem wilden Ausdruck des Hasses hob er sein Gewehr. Er zielte und schoß. Der Engländer fiel schwer auf den Rücken seines Pferdes zurück und plumpte in das seichte Wasser.

Der Ire geriet im Fortgaloppieren an Reimers' Seite. Der zerlumpte Rock und das braungegerbte Gesicht verrieten einen erprobten Parteigänger.

»Ein guter Schuß, Kamerad!« sagte er.

Reimers sah ihn von der Seite an und erwiderte nichts.

Der andere wurde verlegen und fuhr hastig fort: »Verdammt, Herr! Vor dreißig Jahren saß mein Vater in der Grafschaft Waterford auf einem Pachtgut, das seinesgleichen suchte. Er ist in Philadelphia gestorben und hatte nichts als ein zerrissenes Hemd auf dem Leibe, und die Knochen durchbohrten ihm fast die Haut. Das sind alte Schulden, die ich da bezahlt habe.«

Reimers konnte nicht anders, er nickte nun zustimmend. Der Mann war einer der vielen Fenier, die in die Reihen der Boeren eingetreten waren, von dem seit Jahrhunderten vererbten wütenden Hasse des Irländers gegen den Engländer beseelt; von seinem Standpunkt aus hatte er recht gehabt. Man war im Felde, und warum war der feindliche Offizier sorglos wie ein Knabe vorgeritten?

Trotzdem erfüllte die Tat den Deutschen mit einem unbestimmten Grauen.

Und plötzlich, in dieser nächtlichen Stunde auf der blühenden Heide, angesichts der undeutlich in der Nacht verschwimmenden Dorfruinen, in der Erinnerung an das ausgetrocknete Flußbett an der Grenze der Transvaalrepublik, ging ihm das Schreckliche des Krieges klar und bestimmt auf: Menschen, die sich rasenden Tieren gleich 706 anfielen und zu töten suchten, Blut und Feuer, Tod und Verwüstung.

Tausend Gedanken durchkreuzten sein Gehirn. Wer war schuld daran, daß es diese uralten Schrecknisse noch gab, daß sie sogar durch Gesetze geschützt waren? Wer wollte noch den Krieg? Waren es die Völker, von Rassen- und Nationalitätenhaß gegeneinander gehetzt? Waren es ruhmsüchtige Fürsten? Ehrgeizige, habgierige Diplomaten? Geheime, aber um so mächtigere Unterströmungen wie jesuitische Umtriebe? Kriegslustige Generale, die ihre Existenzberechtigung nachweisen wollten? Wer wagte es angesichts dieser Schrecken noch, dies Verantwortung für ein so ungeheures Verbrechen an der Menschheit auf sich zu nehmen?

Diese Erwägungen erschreckten ihn, und er scheute sich, ihnen bis auf den Grund nachzudenken. Er geriet dabei auf Folgerungen, vor denen er sich in seinem Innersten entsetzte, weil sie ihm von Jugend an als verabscheuenswürdig und verbrecherisch vorgemalt worden waren. Furchtsam wandte er sich von ihnen ab.

Eines stand ihm jedenfalls bestimmt und scharf umrissen vor Augen: der Krieg, der nun einmal im Leben der Völker eine Notwendigkeit zu sein schien, heischte ganze, stahlharte Männer. Menschen, die, wie er, im Innersten gebrochen waren, waren unnütz, untauglich und verloren für den Offiziersberuf. Ein Soldat ohne die frische, überzeugte Begeisterung für seinen Beruf stellte nichts als eine hohle, säbelrasselnde Figur vor.

Es dünkte ihn, er wäre ein solches Zerrbild eines Offiziers, eine Karikatur, wie er sie von je verabscheut hatte. Eine überlegt melancholische Abart des gänzlich gedankenlosen Typus vielleicht.

Was aber hatte er darnach noch auf der Welt zu suchen? – – 707

Am nächsten Morgen kam Oberleutnant Frommelt, der interimistische Führer der zweiten Batterie, vor dem Abrücken eilig auf Reimers zu.

»Bester Reimers,« sprach er, »ich muß Sie um einen großen Gefallen bitten. Sie müssen heute gleich nach dem Dienst nach Hause, nach der Garnison fahren. Wissen Sie, irgendwo in Gropphusens Wohnung treibt sich noch das Strafbuch der Batterie herum, und ein paar notwendige Meldungen dazu. Der Wachtmeister hatte sie ihm am Abend vor dem Abmarsch hingeschickt, und jetzt brauchen wir die Sachen. Ja? Wollen Sie so gut sein?«

Reimers antwortete: »Aber selbstverständlich, lieber Frommelt.«

Und der in seiner neuen Würde ganz zappelige Batterieführer fuhr fort: »Wissen Sie, ich würde ja Weißenhagen als jüngsten Batterieoffizier geschickt haben, aber Sie kennen ihn ja: er ist manchmal ein bißchen tolpatschig, und ich traue ihm nicht die erforderliche Delikatesse zu, mit einer Dame über Dinge zu verhandeln, die mit dem eben durch die Lappen gegangenen Herrn Gemahl in sehr engem Zusammenhang stehen.«

»Das wird also nötig sein?« fragte Reimers.

»Ich denke wohl. Bis jetzt sind die Dinger nicht zu finden gewesen. Sie müssen die Bücher eben beschreiben, – Sie kennen ja den gebräuchlichen Einband, – und dann muß tüchtig gesucht werden.«

»Schön, ich werde also fahren.«

Reimers sah dem Schulschießen, bei dem übrigens der tolpatschige Leutnant Weißenhagen eine recht gute Leistung lieferte, tief in Gedanken versunken zu. Bei jedem Schusse zuckte er im Sattel zusammen, und als die Batterie einen Stellungswechsel vornahm, vergaß er ganz, seinen 708 Gaul anzutreiben. Aber der brave Braune trabte von selbst an.

Der Reiter klopfte ihm lobend den Hals und richtete sich straff auf. Die Freude, die ihn anfangs gleichsam betäubt hatte, ließ ihn froh und stolz um sich blicken.

Ganz zuletzt, noch kurz vor dem Ende des ganzen Mißgeschicks, lächelte ihm noch einmal das Glück, – er würde Hanna Gropphusen wiedersehen. –

Es war Mittagszeit, als er in der Garnison ankam.

Alle die braven Spießbürger saßen jetzt am gedeckten Tische. Die Straßen waren fast menschenleer, und die kleine Villenkolonie des Offiziersviertels schien ganz und gar ausgestorben zu sein. Der schottische Schäferhund der Frau Regimentsadjutant Kauerhof räkelte sich faul im Schatten. Er hob den Kopf, als er Sporen klirren hörte.

Die Gropphusensche Villa lag mit ihren herabgelassenen Rollladen wie schlafend da, aber Hannas Zimmer war nur von den zartroten Gardinen verhüllt.

Reimers durchschritt den Vorgarten und trat in den Flur ein. Die Tür fiel hinter ihm wieder ins Schloß.

Einen Augenblick zauderte er.

Er horchte, – nirgends wurde ein Geräusch laut.

Dann läutete er.

Die elektrische Glocke schrillte in die tiefe Stille hinein. Aber alles blieb ruhig. Er vernahm nur das Klopfen seines Blutes.

Er schellte zum zweiten Male, – und wiederum blieb es lautlos still.

War denn die unglückliche Frau etwa zu ihren Eltern zurückgekehrt? War der Haushalt schon aufgelöst?

Da ging innen eine Tür, und leichte Schritte näherten sich. Eine Sicherheitskette wurde abgenommen und ein Schloß geschlossen. 709

Hanna Gropphusen trat auf die Schwelle, einen müden Ausdruck in dem blassen Gesicht, in ein lose herabfließendes Gewand von dünner weißer Seide gekleidet. Es war, als ob ihre Schultern nichts Schwereres, Festeres, zu tragen vermöchten als dieses zarte, lustige Gewebe. Ihr schmaler Kopf war ein wenig nach hinten geneigt, er schien die Last des Haares nicht mehr halten zu können.

Ihre Augen taten die erstaunte Frage: »Was willst du hier?« Und sie trat unschlüssig einen Schritt zurück

»Ich komme in dienstlichem Auftrag,« stotterte Reimers.

Da öffnete Hanna die Tür und ließ ihn eintreten. Mit einer leichten Gebärde der Hand hieß sie ihn folgen. Ihr geräuschloses Schreiten ging ihm voran und führte ihn in das kleine Zimmer.

Sie setzte sich auf den Rand des Ruhebetts und deutete auf einen Stuhl.

»Ich bitte,« sagte sie leise dabei.

Reimers blieb stehen und sah auf die geliebte Frau hinab. Endlich war er ihr nahe. Er sah die Ersehnte und hörte ihre Stimme.

Nun hob sie die Augen zu ihm auf, fragend, warum er nicht niedersitze.

Und ihre Blicken begegneten, grüßten und küßten einander, in einer ersten scheuen Berührung der Liebe.

Der Mann warf sich vor der Frau nieder, bedeckte ihre Füße, ihr Gewand, ihre Hände, ihre Kniee mit Küssen und schluchzte ihr das erlösende Bekenntnis seiner Liebe zu, immer wieder, unaufhörlich: »Ich liebe dich, ich habe dich lieb. Ich liebe dich, ich habe dich lieb.«

Hanna ließ ihn gewähren. Ein namenloses Glücksgefühl legte sich lähmend über sie, Tränen strömten ihr die Wangen herab, und wie aus weiter Ferne vernahm sie 710 diesen tröstlichen Laut der Liebe. »Ich liebe dich, ich habe dich lieb.«

Sie nickte glückselig und liebreich zu ihm hinab, ihre stahlblauen Augen schimmerten dunkel und tröstlich wie der Nachthimmel.

»Hanna, ich habe dich lieb. Und immer, immer hab' ich dich geliebt. Nur dich, Hanna, nur dich!«

Ihre schöne Hand goß ihm Kühlung auf die heiße Stirn.

»Ich weiß,« flüsterte sie.

Und er beteuerte: »Auch als ich um Marie Falkenhein warb, warst du's, die ich liebte. Du, nur du! Hanna, glaubst du das?«

Sie nickte: »Ich weiß.«

Mit einem Male erstarrten ihre Mienen, und an die Stelle der überschwänglichen Seligkeit trat ein harter, bitterer Ausdruck.

»Ich weiß auch,« fuhr sie leise fort, »warum du von Marie Falkenhein gelassen hast.«

Das hastige Wort traf Reimers wie ein Schlag. Er prallte zurück und strebte von ihr loszukommen. Aber die schlanken Finger hielten seine Hand krampfhaft fest, daß sie schmerzte.

»Du?« stieß er hervor. »Wie kann das sein?«

Hanna war ruhig geblieben. Sie strich ihm zärtlich über das Haar.

»Wie kann das sein?« wiederholte sie. »Du Liebster! Wenn eine Frau etwas will, dann erreicht sie es auch. Und ich wollte den Grund wissen, damals, und ich weiß ihn.«

In bitterer Scham brach der Mann zusammen. Er küßte den Saum ihres Gewandes und wollte zur Tür.

»Verzeih'! Verzeih!!«

Aber die schönen Hände ließen ihn nicht frei, und ganz nahe an seinem Ohr raunte eine zitternde, gepreßte 711 Stimme: »Bleib', du Liebster! Denn wir gehören zusammen. Ich bin, was du bist. Wir sind verdammt, eines wie das andere. Bleib'!«

Reimers schaute sprachlos zu ihr auf, die Augen zu einer entsetzten Frage weit aufgerissen.

Hanna Gropphusen stand auf. Alle Müdigkeit war von ihren Schultern gefallen, hochaufgerichtet stand sie da, eine düstere Hoheit im Antlitz.

Sie wies nach rückwärts, nach dem Teile der Wohnung, in dem einst ihr Gatte gehaust hatte.

»Durch den da,« sprach sie anklagend, »bin ich zertreten. Er hat mein Leben zertrümmert, daß ich bin, – was ich bin.«

Sie blickte zu dem knieenden Manne nieder, und plötzlich wich der wilde Haß und die starre Strenge aus ihren Zügen.

»Und jetzt,« – fuhr sie milde fort, »wie es sich jetzt gefügt hat, könnte ich ihn fast segnen, daß er's getan hat.«

Eine herbe, ironische Bitterkeit mischte sich in ihre Stimme: »Übrigens hat er als galanter Mann Abschied von mir genommen. Er ist in Paris, will ganz Maler werden.«

Dann aber floß von neuem die Klage von den Lippen, eine jahrelang auf dem Herzen getragene Beichte, die sie mit einer erhabenen Offenheit ablegte.

»Siehst du, Lieber,« sprach sie, »als er mich damals zur Frau nahm, da war es wie ein Taumel über mich gekommen. Wir lebten in einem immerwährenden tollen Rausche. Die Stunden, in denen wir nicht beieinander waren, verwünschten wir, und es gab damals nichts, um das er mich vergebens gebeten hätte. Er setzte meine Sohle auf seinen gebeugten Nacken und hieß mich Königin, Göttin. Und ich schenkte ihm meine Schönheit.« 712

Sie trug das Haupt wie eine Herrscherin, und ein strahlendes Lächeln des Stolzes schürzte ihre Lippen.

»Ich war eine Verschwenderin,« fuhr sie fort, »hüllenlos habe ich vor ihm getanzt, und da unten im Garten ließ er ein Zelt bauen. Die Menschen haben niemals gewußt, wozu das Leinengerüst diente. Da habe ich nackend auf seiner irischen Goldfuchsstute ›Lady Godiva‹ gesessen. Und er sank weinend auf die Kniee und betete mich an. Er wünschte sich tausend Augen, um die doppelte Schönheit zu trinken, meine und die des edlen Tieres, und er gelobte nicht zu murren, wenn seine Augen mit Nacht geschlagen würden, nachdem er uns gesehen hatte.«

Sie hielt einen Augenblick inne. Die ewige Macht der Schönheit leuchtete als eine unsichtbare Krone um ihre Stirn.

Dann neigte sie den Kopf, und ihre Rede klang gedämpft.

»Das alles hab' ich ihm geschenkt. Ich war nicht geizig. Darnach aber kamen die Tage, in denen ich meine Freigebigkeit bereute. Ich litt, als er sich von mir wandte, aber Eifersucht kannte ich nicht. Vielleicht war es meine Schuld, daß ich nicht sogleich meinen ganzen Stolz wiederfand. Aber durch meine Liebe hatte er mich gelehrt, daß es schmerzlich ist, die Liebe zu missen.«

Sie schwieg.

Ihre Züge erstarrten, und in ihre glatte Stirn grub sich eine tiefe Furche.

»Und dann,« sprach sie weiter, – »dann war der Augenblick der schrecklichen Erkenntnis da. Ich weiß nicht, wie ich mich gebärdet habe. Ich war wie von einem Blitzstrahl erschlagen, ich war zertrümmert. Ich wollte fort von ihm. Aber das gaben sie daheim nicht zu, und ich – ich konnte ihnen ja nicht sagen, was er mir getan hatte. Willenlos habe ich mit mir tun lassen, was man mich 713 hieß. Ich lag wie eine Tote ohne Bewegung und ohne Empfindung, und dann wieder tobte ich und mußte ängstlich bewacht werden. Und er – er krönte seine Tat dadurch, daß er sich mir von neuem näherte. Ich war ihm eine Andere, Begehrenswertere geworden. Aber ich spie ihm ins Gesicht. Er bettelte und flehte, kriechend und auf den Knieen. Ich schlug ihm in die Augen und trat mit dem Fuße nach ihm.«

Sie führte die krampfhaft geballten Fäuste an die Stirn und schüttelte sie wider einen Unsichtbaren. In ihren Augen blitzte der glühende Haß, und ihr Atem ging keuchend.

Nun löste sich die unnatürliche gespannte Haltung. Sie glitt sacht auf das Ruhebett und beugte sich zu dem Geliebten hinab, der sein Antlitz in der Seide ihres Gewandes barg.

»Liebster,« flüsterte sie mit unendlich sanfter Stimme, »damals, gerade als ich von meinem Wahnsinn genesen war, kamst du zurück. Als ich dich wiedersah, hier in diesem Zimmer, da ahnte ich, daß wir zusammen gehörten, und ich meinte, du könntest nicht anders fühlen als ich.«

Reimers blickte zu ihr auf und ergriff zaghaft ihre Hand.

»Jetzt weiß ich,« sprach er, »daß ich dich schon damals liebte, und ich wußte, daß wir ein Schicksal haben würden. Aber ich wehrte mich dagegen, weil ich mich vor deinem Unglück fürchtete.«

Hanna schüttelte leicht den Kopf.

»Lieber,« bat sie, »sprich nicht von Unglück! Liebe ich dich nicht, und liebst du mich nicht? Sind wir nicht glücklich?«

Und sie neigte ihre Lippen zu seinem Munde und küßte ihn lange.

»Ich wußte ja nicht ein und aus in meinen 714 schlimmen Zweifeln,« fuhr sie fort. »Was konnte ich dir sein? Unrein und zertreten! Aber es war nur eine große Sehnsucht in mir, – du solltest mich lieb haben. Und was war der trunkene Rausch meiner Mädchentorheit gegen das Glück, als ich gewiß wurde, daß du mich liebtest? Damals, Liebster, hätte es nichts gegeben, worum du mich vergebens gebeten hättest. O, wie war ich glücklich!«

Sie lächelte sanft vor sich hin, in eine zarte Erinnerung versunken. Reimers fühlte, wie ihre leichte Hand schmeichelnd sein Haar liebkoste. Er ergriff diese schöne Hand und berührte sie ehrfurchtsvoll mit seinen Lippen.

»Ja, wie war ich glücklich!« wiederholte Hanna mit einem Seufzer. »Hinterdrein freilich blieb mir der Sturz aus meinen seligen Himmeln nicht erspart. Da lernte ich die Eifersucht kennen, und ich habe Marie Falkenhein gehaßt, aus vollem Herzensgrunde gehaßt. Siehst du, Lieber, das tut sehr weh, wenn man ertragen muß, wie der Geliebte über einen wegschaut nach einer anderen. Besinnst du dich noch auf den Abend, als ihr zu Kläres Geburtstag in Falkenheins Laube saßt? Da war ich nicht mehr da für dich. Ich hätte vor dir knieen mögen und dich bitten mögen: siehst du mich denn nicht mehr? Aber du hattest nur Augen für Mariechen, und als ich in die Nacht hineinfuhr, standet ihr nebeneinander an der Brüstung, wie ein Brautpaar. Das Glück leuchtete aus euren Augen. Auch aus deinen, Liebster!«

Reimers küßte die Hand der angebeteten Frau.

»Verzeih'!« schluchzte er. »Verzeih', du Liebste, Ärmste! Es zog ja meine Augen zu dir hin, aber ich wendete sie gewaltsam zu Mariechen. Jetzt weiß ich, daß ich auch damals nur dich liebte. Im Traume und selbst im Halbwachen, wenn ich mich gehen ließ, warst du es nur, nach der ich mich sehnte. Liebste, Ärmste, verzeih'!« 715

Hanna schüttelte leise den Kopf und sah ihm liebreich in die flehenden Augen.

»Sei gut!« flüsterte sie. »Es war ja auch unrecht von mir, und ich verwand es ja auch. In der Nacht, nachdem ich euch so gesehen hatte, hab' ich's mit mir ausgetragen. Ich hab' eingesehen, daß es häßlicher Egoismus von mir war, dir dein Glück zu mißgönnen, und daß ich dich ganz anders, selbstloser, lieben müßte. Aber, das darfst du mir glauben, schwer ist es mir gefallen. Von da an gewann ich Mariechen Falkenhein lieb; es war, als ob ich du wäre, ich trug ein ganz unsinniges Verlangen nach ihr, heißer wahrscheinlich als du jemals. Was du klug und liebenswert an meinem Denken und Reden fandest, das hätte ich ihr eingeben mögen, und was mir von meiner Schönheit geblieben war, das hätte ich ihr schenken mögen, und vor allem hätte ich ihr das Feuer meiner großen Liebe in die Adern gießen mögen, damit du ganz beglückt und entzückt würdest. Ich selbst hätte dir die Braut geschmückt und zugeführt, und ich hätte gewacht, daß nichts Profanes euch Glückliche weckte.«

Inniger umschlangen die Arme der Frau den Hals des Geliebten, und ihre Worte jagten sich hastiger.

»Mit einem Male war alles anders, verwandelt, und ich war es nicht weniger. Ich konnte nicht traurig sein, wenn ich Mariechens verweinte Augen sah. Ich ahnte, daß etwas Schreckliches geschehen war, aber ich tappte im Finstern, bis ich aus dem guten Andreae die Wahrheit herauslockte. Da hab' ich geweint vor Schmerz, weil dein Lebensglück zerstört war, und ich habe geweint vor Freude, weil du nun ganz mein geworden warst. Nun bist du doch mein?«

Reimers riß die angebetete Frau stürmisch an sich.

Sie schmiegte sich erschauernd in seinen Armen.

Ihre Lippen boten sich den seinen und sie flüsterte 716 ihm zu: »Und wenn dich heute nicht ein Zufall zu mir geführt hätte, – dann hätte ich zu dir gehen müssen. So sehr liebe ich dich.«

* * *

Am Spätnachmittage schellte Frau von Gropphusen der Kammerzofe.

Das Mädchen war von dem gewährten Ausgange noch nicht zurückgekehrt. Auf das zweite Glockenzeichen eilte der Diener aus dem Stalle herzu. Erstaunt blieb er auf der Schwelle stehen. Die Gnädige hatte ihr Haar gelöst und stand im Sonnenschimmer wie in einem goldenen Mantel da.

»Betti ist noch nicht da?« fragte sie.

»Nein, gnädige Frau.«

»Nun, das tut nichts. Satteln Sie ›Lady Godiva‹ für mich.«

»Zu Befehl. Aber gnädige Frau mögen bedenken, daß ›Lady Godiva‹ schon drei Tage nicht geritten ist, nur bewegt. Sie wird unruhig sein.«

Frau von Gropphusen lächelte und antwortete: »Seien Sie unbesorgt! Ich werde mit ihr fertig.«

»Soll ich gnädige Frau begleiten?«

»Nein, ich reite allein.«

Lässig steckte sie vor dem Spiegel das Haar auf. Ihre blassen Wangen waren leise gerötet, und ihre Lippen schimmerten feucht und purpurn.

Sie schlüpfte in ihr Reitkleid und nestelte das Hütchen fest. Als die Hufe der Fuchsstute auf dem Pflaster klirrten, war sie gerade bereit.

Die Zofe begegnete ihr an der Tür des Vorgartens und erging sich in wortreichen Entschuldigungen.

Frau von Gropphusen erwiderte leichthin: »Schon gut, schon gut.« 717

»Lady Godiva« trat ungeduldig hin und her. Sie schnaubte freudig, als ihr die Hand der Gebieterin die weichen Nüstern streichelte.

Der Diener hob die gnädige Frau in den Sattel.

»Nehmen gnädige Frau lieber heute etwas mehr Trense!« mahnte er.

Hanna Gropphusen nickte.

Die Stute bäumte sich, als ihr die Reiterin nicht sogleich den Kopf freigab. Endlich durfte sie antraben, und sie zeigte in ihren koketten Gängen die ganze Grazie ihres edlen Blutes.

Die wunderschöne Frau auf ihrem Rücken aber glich einer Braut, die dem Geliebten entgegeneilt. –

Hanna Gropphusen schlug den Weg nach dem großen Regimentsexerzierplatz ein. »Lady Godiva« wieherte hellauf, als sie die bekannte Straße entlang trabte. Die gelinde Steigung, die sie dabei zu nehmen hatte, machte ihrer lange zurückgedämmten Ungeduld nichts aus.

Der Platz, ein großes Rechteck, lag auf einer Hochebene. Im Tale unten stockte die heiße Luft, hier oben wehte ein leichter Wind und strich der Reiterin mit linden, schmeichelnden Fingern die blonde Haarsträhne von der leuchtenden Stirn.

Auf dem dürftigen Rasen des flachen Platzes gab Hanna Gropphusen der Stute den Kopf frei, und das Tier trug sie in einem flüchtigen gleichmäßigen Galopp bis zum anderen Ende des Platzes.

Ein schmaler Wirtschaftssteg führte daran entlang. Die trägen Bauerngespanne zogen darauf die schwerbeladenen Erntewagen nach der Chaussee. Die kleine Straße führte immer geradeaus bis zum Rande der Hochfläche, in deren Kalkstein sich an dieser Stelle tiefe, steilwandige Steinbrüche eingenagt hatten. Für den Fall, daß ja 718 einmal ein Ackergaul einen Koller bekam, war der Weg mit einem derben Balken gesperrt.

Für eine totsichere Springerin wie »Lady Godiva« war der Balken ein lächerliches Hindernis. Sie nahm es in einem herrlichen, gestreckten Sprunge.

Nach dem Landen gab ihr Hanna Gropphusen ein wenig Gerte zu fühlen.

Die Stute legte die Ohren zurück und verstärkte das Tempo. In einiger Entfernung winkte ein zweites Hindernis, eine Weißdornhecke. Es sah wie eine Hürde aus.

»Lady Godiva« schien mit den Hufen kaum den Boden zu berühren. Goldig schimmernd schwammen Mähne und Schweif in der weichen Abendluft. Aus dem reifen Getreide schreckte ein Wachtelpaar empor.

Nun hob sich die Stute auf den Hinterfüßen zum Sprunge.

Mit einem Male schien sie eine jähe Wendung machen zu wollen. Hinter dem Weißdorn gähnte ein Abgrund.

Aber der Sturm der Bewegung riß sie fort, und eine feste Faust hielt ihr den Kopf geradeaus. – –

Als sich in der Frühe des nächsten Morgens die Steinbrecher an ihre Arbeitsstätte begaben, fanden sie auf der Sohle des Bruches eine tote Frau und ein totes Pferd.

Äußere Verletzungen waren nirgends, weder an der Frau noch an dem Tiere, wahrzunehmen. Die Gewalt des Sturzes mußte die beiden getötet haben. Die Fuchsstute schien entsetzt ins Leere zu starren, die Augen der Frau – oder es war wohl ein Mädchen – waren geschlossen, und ihre schmalen, feinen Hände hielten die Zügel noch fest.

Der Bruchmeister schickte einen jungen Burschen zum Ortsvorsteher, die anderen Arbeiter standen in einem stummen Kreise um die Verunglückten herum.

»Leite,« sagte der Bruchmeister schließlich, »es is 719 ganz kloar, hie kann keens mehr helfen. Macht drum, daß mer an unse Arbeet kumm'!«

Ein hagerer, bärtiger Mann widersprach: »Aber es geheert sich, daß mer vorher fier das oarme Frauenzimmer ä Voaterunser bäten.«

Denn die Steinbrecher sind fromm; sie stehen stets mit einem Fuß im Grabe, herabrollende Steine, stürzende Wände und zu früh explodierende Sprengpatronen bedrohen ihr Leben, und der Staub des Kalksteins legt sich ihnen auf die Lungen, daß sie früh sterben.

Der Bärtige zog den Hut und betete. Und alle beteten entblößten Hauptes mit.

Nach dem »Erlöse uns von dem Übel« schob er noch eine Bitte ein: »Und gib der oarmen Frau, die de dahier einen schrecklichen schnellen Tod gestorben is, deine ewige Seligkeit. Ja, das tu, o Herr! Denn dein is das Reich, und die Macht und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Oamen.«

Ein einziger war schon an seine Arbeit gegangen, ein Greis, der mit zitternden Knieen einen Karren voll Steingeröll vor sich herschob. Er war selbst dem Tode zu nahe, um in dem Anblick der Toten etwas Außerordentliches zu erblicken.

Als er die anderen beten sah, setzte er seine Last nieder.

Sein welker, zahnloser Mund stammelte die Worte mühsam hervor.

»W– was bät't 'r denn,« sprach er, »d– daß 'r unser Herrgott d–de ewige Seligkeit schenkt? S–seht se doch an! I–is 'r nich d–de ewige S–seligkeit o of'n Gesichte g–geschrieb'n?«

* * *

Reimers langte auf dem Truppenübungsplatze wieder an, als die Kameraden zum Mittagstisch im Kasino waren. 720

Erst beim Aussteigen aus dem Krümperwagen besann er sich auf Frommelts Auftrag. Ein klein wenig erschrak er doch über diese Pflichtvernachlässigung. Aber kamen solche Kleinigkeiten noch in Betracht? Er mußte nur darüber lächeln, daß er überhaupt daran gedacht hatte.

In seinem Barackenzimmer warf er sich auf das harte Feldbett. Es war dumpf in der kahlen Stube, trotzdem das Fenster weit offen stand. Die getünchten Wände schienen näher zusammenzurücken, und er meinte ersticken zu müssen.

Müde schloß er die Augen. Da verschwand die quälende Vision, und er hatte das befreiende, erlösende Gefühl, als sei er über den Raum hinausgewachsen und fliehe und zerfließe in der unbegrenzten Weite des Weltalls.

Vor dem Fenster ritt die Forstschutzpatrouille vorbei.. Der Mann hatte es sich auf dem Gaul bequem gemacht, so daß die lose herabhängenden Bügel mit den Sporen zusammenklangen. Im Näherkommen hörte man das Knarren des Sattelzeugs. Allgemach verhallten die Geräusche wieder. Nur das metallische Aneinanderklingen war noch lange vernehmbar.

Vielleicht war der helle Ton auch nur die Vorspiegelung einer Sinnestäuschung.

Dann kamen Stimmen vom Kasino her, die helle Krähstimme Wegstettens und der behäbige Baß des Majors Lischke.

Der kleine Hauptmann entrüstete sich über das Essen.

»Nein, nein, Herr Major,« zankte er, »die Kasinoverwaltung setzt uns einen Saufraß vor, dabei bleibt's. Dieser erste Gang – Ochsenfleisch mit Bouillonkartoffeln! Pö! Es war altes, mageres Kuhfleisch, zäh wie Sohlenleder! Und Bouillon? – Wasser mit Liebig und Maggi!« 721

»Aber, lieber Wegstetten,« begütigte Lischke, »bedenken Sie die Transportschwierigkeiten! Zwei Stunden per Achse, und zu teuer soll's doch auch nicht sein.«

Wegstettens Widerrede verklang im Hausflur.

Reimers richtete sich schnell vom Bett auf. Er hatte Sorge, daß Frommelt ihn aufsuchen möchte und daß er dann noch irgend eine Notlüge erfinden müßte.

Er nahm seinen kleinen Revolver aus dem Schubfach und sah nach der Walze. Sie war mit fünf Patronen geladen. Er war schon oft dabei gewesen, die Waffe zu entladen. »Wozu?« hatte er dann stets gedacht, »wer weiß, wann man sie einmal brauchen kann?« Und die Sicherung war ja verläßlich.

Er eilte die Treppe der Offiziersbaracke hinunter und lief hastig die Lagergasse entlang zum Tore. Die Schildwache versah sich um diese Stunde keiner Ehrenerweisung. Mit offenem Munde schaute sie hinter ihm drein. Dann schritt sie auf ihren Platz neben dem Schilderhaus und holte das versäumte Präsentieren ernsthaft nach, denn so wollte es die Vorschrift.

Ein Stück vom Lager entfernt mäßigte Reimers seine Eile. Schließlich ging er ganz langsam.

Seine Schritte waren tastend, wie ins Leere tappend. Er hörte sich nicht auf dem Boden auftreten, und seine Augen waren starr voraus ins Weite gerichtet wie die eines Nachtwandelnden. Alles schien ihm weit fortgerückt zu sein, der sandige Weg, auf dem er schritt, und der dunkle Wald und die blühende Heide zu den Seiten. Und seltsam leicht war es ihm, als ob er schwebe und fliege.

Über die Ruinen des verwüsteten Dorfes sank die Nacht herab.

Reimers fand sich mühsam in den Trümmerhaufen der Dorfstraße zurecht und gelangte strauchelnd durch den 722 Flur des stattlichen Hauses in den Hofraum, in dem er am Tage vorher geweilt hatte.

Die weißen Rosen des Strauches an der Hauswand leuchteten noch ein wenig in der Finsternis. Er bog den hochwuchernden Buchsbaum zur Seite und setzte sich auf das brandmürbe Mauerwerk des herabgefallenen Essenkopfes.

Irgendwo in einer Mauerlücke der Ruinen schrie ein Käuzchen. Der Ruf klang ganz in der Nähe.

Reimers lächelte. Der Altweiberaberglaube sagte: wo ein Kauz schreit, da wird bald ein Toter sein. Diesmal behielten die alten Weiber recht.

Er stützte den Kopf in die Hand und sann.

Mit einer verwirrenden Schnelligkeit glitten allerlei Bilder aus seinem Leben an ihm vorüber, aus dem unklaren, kindischen Drange der Knabenzeit, aus der Begeisterung des Jünglingsstrebens, aus dem hochgemuten Stolze des Mannesalters und aus der letzten Zeit der schlimmen Zweifel.

Es war ihm, als ob er bereits über die Irrungen des Erdentreibens hinaus in ein klareres Licht erhoben sei.

Die ungestümen, über das Ziel hinausschießenden Gedankenfolgen, die ihn am Tage vorher verwirrt hatten, blieben seinem ruhigen Erwägen erspart. Was half es, sich gegen die Übermacht einer unerbittlichen Notwendigkeit anzustemmen? Gewiß, der Krieg war eines der furchtbarsten Schrecknisse, die jemals über die Erde verhängt worden waren, und der war der neue Heiland, der die Welt von diesem Übel erlöste. Aber wann kam dieser Messias?

Bis dahin galt es vorzusorgen.

Die Völker brachen fast unter der Last der Rüstungen zusammen, aber keines wollte den Anfang damit machen, die drückende Bürde abzuwerfen. Und das deutsche Volk, 723 das sich der Weltgeschichte eigens als Probiergegenstand dargeboten zu haben schien, das sich sein Schicksal so wechselvoll und widerspruchsvoll gestaltet hatte, wie kein anderes Volk, – das deutsche Volk, das zugleich so großdenkend und so kleinlich, so stolzerhaben und so würdelos, so urkräftig und so schwächlich sein konnte, das Kulturwerte ohnegleichen geschaffen hatte und sich doch niemals seines Wertes bewußt wurde, das von allen gehaßt und trotzdem immer in sich uneins war, – das deutsche Volk hatte am wenigsten Grund, den Anfang zu machen.

Es mußte, seufzend wie die anderen Nationen, seine Zuversicht auf ein starkes Heer setzen.

Aber nun kam das Erdrückende: – das war heute nicht mehr jenes deutsche Heer, das sich einstmals in einem ruhmvollen Kriege die widerwillige Bewunderung der ganzen Welt erzwungen hatte.

Reimers nahm einen schmerzlichen Abschied von diesen heißgeliebten, teuren Kämpfern, den so schlichten Helden einer so gewaltigen Zeit. Er begleitete die deutschen Truppen noch einmal auf ihrem Siegeslaufe. Jeder Name klang ihm liebvertraut ins Ohr: Saarbrücken, diese Plänkeleien, denen noch der Ernst des Krieges fehlte, die sich wie lustige, übermütige Neckereien ausnahmen, Weißenburg und Wörth, wo die Bayern mit den Norddeutschen die Waffenbrüderschaft schlossen, Spicheren, wo sich ein leichtes Nachhutsgefecht zu einer Schlacht auswuchs, Metz, das dem Feinde die eine der beiden Feldarmeen kostete und das unzählige deutsche Mütter weinen machte, Beaumont, das Vorspiel zu der Riesentragödie von Sedan, endlich Paris und die verbissenen Raufereien der alterprobten Krieger mit der jungen Begeisterung der republikanischen Entsatzheere bei Orleans, Beaune la Rolande, Le Mans, St. Quentin und an der Lisaine. Er sah die Armee lorbeerbekränzt aus dem Feldzuge 724 zurückkehren, und darnach hob jene stille, unermüdliche Tätigkeit an, die auf dem Erworbenen nicht ausruhte, sondern weiter baute, um das Erworbene zu schützen und festzuhalten.

Dann schaute er auf die Gegenwart und mehr noch auf die Zukunft.

Jetzt war noch ein gut Teil jener bescheidenen, stillen Hingabe an die Pflicht im Heere lebendig, aber verdrängte nicht mit jedem Tage das neuzeitliche, hohle, geräuschvolle Gleißen und Prunken die gute, alte Art, die sich ihrer Kraft ohne große Worte bewußt war? An die Stelle der auf solche Mittel stolz verzichtenden früheren Schlichtheit traten Tändeleien und Äußerlichkeiten. Und das in einer Zeit, die sich durch solche Torheiten weniger als irgendeine gefangen nehmen ließ!

Und je weiter die Armee auf dieser Bahn vorschritt, desto mächtiger wuchs in ihren eigenen Reihen das Verderben heran. Die unaufhaltsam um sich greifende sozialistische Gesinnung der Mannschaften und die wachsende Unlust zum Dienste vollendeten von innen aus die Zerstörung, die von außen bereits an dem festen Gefüge des Heeres rüttelte. Mit blinden Augen ging dieses Heer, dem die überzeugte Begeisterung für einen Kampf mehr und mehr mangelte, das immer weniger zum Kriege, immer mehr zur Parade erzogen wurde, seinem Verderben entgegen. In der Ferne loderten bereits die Flammen der Vernichtung, dröhnte schon der Zusammenbruch, – die Erben der Sieger von Sedan marschierten stracks darauf los, steif, mit durchgedrückten Knieen, im feierlichen Parademarsch, – die Wegweiser an der Heerstraße wiesen nach Jena.

Reimers stöhnte in seinem ingrimmigen Schmerze.

War denn nirgends Rettung?

Er blickte empor und starrte in die schwarze Nacht.

Rings um ihn war Finsternis. Der wolkenverhangene Himmel hob sich eine geringe Spur heller von den dunklen 725 Mauern ab, und nur die blühenden weißen Rosen belebten die tiefe Trostlosigkeit der Nacht mit helleren Farbenflecken.

Ein leiser Wind strich über die öde Stätte hin. Er trug den Duft der blühenden Heide und die harzige Würze des Nadelwaldes auf seinen Flügeln.

Und von den Schollen des Gartenbeetes stieg ein anderer Geruch auf, der sich mit dem Wehen des Windes mischte, ein herber Geruch der Kraft, der Geruch des Bodens, der heimatlichen Erde.

Er goß eine starke Zuversicht in das verzweifelnde Herz des einsamen Mannes und richtete seinen gesunkenen Mut auf.

Die heimatliche Erde war die niemals absterbende Wurzel, aus der das deutsche Volk sich immer von neuem verjüngte. Dank der Liebe zur heimatlichen Erde konnte es niemals untergehen.

Das war ja die immerwährende unbewußte Sehnsucht des Volkes, die die Arbeiter an den Feiertagen aus den Riesenstädten herauslockte, so daß das Grün der Wiesen und Wälder von den bunten Sommerkleidern der Frauen und Kinder mit farbigen Tupfen gesprenkelt wurde, die Sehnsucht, die die kleinen Leute trieb, ein paar Geviertfuß Landes zu erwerben, um nur auf eigenem Boden zu stehen und Früchte zu bauen, die an Wohlgeschmack alle gekaufte Nahrung himmelweit überragten, – die große lebendige Liebe zur heimatlichen Erde.

Und mit einem Male hatte Reimers ein Traumgesicht.

Er sah von einem erhabenen Standpunkte aus auf die Erde hinab. Deutschland lag unter ihm, als ob er aus der Gondel eines Ballons hinabschaute, in den wohlbekannten Umrissen, die die Karten der Atlanten angaben, – und trotzdem meinte er jedes Dach der Städte und jeden Baum der Wälder zu unterscheiden. Alles Land trug 726 Frucht, Moore, Watten und Heiden waren in fruchtbare Felder oder in stattliche Forsten verwandelt, aber die riesigen Breiten des Großgrundbesitzes waren verschwunden. Vom Haff bis zu den Vogesen, von den Marschen Schleswigs bis zu den bayrischen Alpen reihte sich ein Bauerngut an das andere. Die Städte wuchsen nicht mehr an, denn ein neues, glücklicheres Geschlecht bebaute den Boden, ein starkes Geschlecht, von dem aus ein Strom der Kraft erneuernd in die Städte flutete, ein freies Geschlecht, das sein Vaterland mit einer geläuterten, freiwilligen und bewußten Liebe liebte. Und die Sonne strahlte heiter und mütterlich über diesem Lande des Friedens und des Glückes.

Das freundliche Bild versank, und wiederum starrten seine Augen in das Dunkel.

Von fern her, aus dem Barackenlager, wehte der Nachtwind die Töne des Zapfenstreiches heran. Er lauschte gedankenlos. Die Entfernung dämpfte die helle Fanfare, und der feierliche, verhallende Schluß erstickte gleichsam in der tiefen Melancholie der Finsternis.

Zapfenstreich – das hieß zur Ruhe gehen.

Er dachte an die blasse, schöne Frau, die er liebte, die ihn den seligen Überschwang des Lebens noch einmal vor dem Sterben hatte kosten lassen.

War sie wohl auch schon zur Ruhe gegangen? – –

Die kleine Waffe gab einen schwachen Knall.

Nur das Käuzchen flatterte aus seinem Mauerloche auf.

Es strich mit ängstlichen Flügelschlägen über das verwüstete Dorf hin und stieß seinen klagenden Schrei aus. 727

 

 


 << zurück weiter >>