Franz Adam Beyerlein
Jena oder Sedan?
Franz Adam Beyerlein

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XII.

»Was nützet mi-a-ir
Ein schönes Mädchen,
Wenn andre mit ihr
Spazieren gehn?
Und küssen i-a-ihr,
Und küssen i-a-ihr,
Und küssen ihr
Die Schönheit ab.«
        (Soldatenlied.)

Am Tage nach der Rückkehr aus den Herbstübungen suchte Gustav Weise seine »Braut« auf. Nicht Liebessehnsucht trieb ihn zu ihr, sondern sein Vorrat an Zigarren war erschöpft. In dem Laden der Angebeteten gedachte er ihn zu ergänzen.

Die Türschelle klingelte, und der glücklich heimgekehrte »Bräutigam« betrat den Verkaufsraum. Der Laden war leer. Weise wartete an die Ladentafel gelehnt. Eine freudige Erwartung spiegelte sich in seinem Antlitz wider, und er schaute gespannt nach der in die Wohnräume führenden Tür, deren Scheiben mit roten Vorhängen verhangen waren.

Aber nicht die Dame seines Herzens erschien auf der Schwelle, sondern ein Mann, ein großer Kerl mit einem dicken, roten Gesicht, in dem ein mächtiger schwarzer Vollbart wucherte. Eine üppige Lockenfülle zierte den umfangreichen Schädel, und die vierschrötige Gestalt füllte fast die ganze Tür aus. 482

Weise war geneigt, ihn für einen Kommis zu halten, den die Geschäftsinhaberin sich zur Unterstützung engagiert haben mochte.

Der Kommis trug einen sehr niedrigen Klappkragen, der den derben, fleischigen Hals fast gänzlich bloß ließ. Unter dem Kragen fiel ein blutroter Flatterschlips auf die Hemdbrust herab. Der starke Oberkörper steckte in einem braunen Sammetjackett, die Beine in weiten Hosen, die an den Knöcheln zu einem engen Bund zusammenliefen. Im ganzen glich er dem Direktor eines wandernden Zirkus mehr als einem Ladengehilfen, und höchst befremdlich war eine offenbare Vorliebe für blutrot; auch das Taschentuch, das aus der Tasche des Sammetjacketts herauslugte, zeigte diese Farbe.

Weise fühlte sich von ein paar blitzenden, südlich-dunklen Augen streng gemustert und verlangte ziemlich kleinlaut »fünf Zigarren zu vier«.

Der Kommis entnahm sie finster schweigend der Kiste, die, wie Weise sich genau erinnerte, diejenigen zu zweieinhalb Pfennigen das Stück enthielt, und strich das Geld würdevoll ein.

Dann wiesen die Blicke des Schwarzbärtigen verständlich mahnend nach der Tür.

Aber der Soldat faßte sich ein Herz, hielt stand und fragte: »Könnte ich wohl einmal Frau Pätzold sprechen?«

– Pätzold hieß nämlich die Ladeninhaberin, und obwohl sie ein lediges Fräulein war, wurde sie zuvorkommend Frau genannt, weil sich im Laufe der Zeit drei Kinder zu ihr gefunden hatten. –

»Warum, mein Herr?« fragte der Kommis mit einem drohenden Rollen der »R« zurück.

»Ich kannte Frau Pätzold gut,« erwiderte der 483 Kanonier. »Mein Name ist nämlich Weise, – Gustav Weise.«

Der andere verzog höhnisch die derben Lippen inmitten des schwarzen Bartdickichts.

»Gustav Weise –«, wiederholte er, »Gustav Weise –? – Sie kannten Frau Pätzold, nicht wahr? Wie meinen Sie das?«

»Ich – ich – ich war ein entfernter Verwandter von ihr.«

»So? Ein entfernter Verwandter? So, so? – Nun, Herr Gustav Weise, – ich bin der Verlobte Pauline Pätzolds und binnen wenigen Tagen ihr Gatte. Soll ich ihr etwas ausrichten von Ihnen, Herr Gustav Weise? Mein Name ist Bialapolski, Anton Bialapolski.«

Weise dankte: »O, nein, das ist durchaus nicht nötig.«

Bialapolski aber schritt um die Ladentafel herum und näherte sich dem Soldaten, der Schritt für Schritt nach der Tür retirierte.

»Eine Aufklärung aber, Herr Gustav Weise,« sprach er, »bin ich Ihnen im Namen meiner Verlobten schuldig.«

Der Kanonier stand nun schon auf den Treppenstufen. Bialapolski trat in die Tür und rief ihm mit einer wahren Löwenstimme nach: »Eine Pauline Pätzold zieht es vor, einem Manne der Freiheit die Hand zum ewigen Bunde zu reichen. Den uniformierten Tyrannenknecht verschmäht sie.«

Die Schiffsarbeiter und Kohlenschlepper, die gerade nach Arbeitsschluß vom Flußhafen her die Straße heraufkamen, blieben stehen und lachten, – – im Grunde über beide, über den Soldaten, der wie ein begossener Pudel abzog, und über den komischen Kauz 484 in der Tür, der wie Bosko, der Zauberkünstler vom Jahrmarkt aussah und so hochtrabende Salbadereien im Munde führte.

Weise hätte dem Schwarzbart gar zu gern ein »Hanswurst!« ins Gesicht geworfen. Wenn der Mensch nur nicht so derbe Fäuste gehabt hätte! So verbiß er seinen Groll und trollte wieder nach der Kaserne.

Der Kanonier stieß einen Fluch aus. Zum Teufel! Seit wann konnten einem denn die Leute in den Kopf schauen? In weiser Voraussicht hatte er zu keinem Menschen von seinen heimlichen Plänen gesprochen, und nun hatte sich doch einer in das mollige Nest gesetzt, das er sich für sich ausgesucht hatte.

Und was für ein Kerl! Ein richtiger Possenreißer!

Weise trauerte Pauline Pätzold aufrichtig nach, weniger dem Verlust ihrer etwas in eine behäbige Korpulenz zerfließenden Person, als dem des einträglichen Ladens und der drei sauberen, fertig eingerichteten Stuben hinter den mit roten Vorhängen verhangenen Scheiben. Die unwiderstehlichen Reize des exotischen Bialapolski hatten ihm einen derben Strich durch die Rechnung seiner ganzen Zukunft gemacht.

Mißmutig zog er die Tüte mit den fünf Zigarren hervor. Er hatte sich nicht getäuscht: es waren die strohgelben zu zweieinhalb Pfennigen, und dieser Lump im Laden hatte sie noch dazu so stark gedrückt, daß die Deckblätter überall losbröckelten.

Eine einzige brannte zur Not, die anderen waren nur als Pfeifentabak zu rauchen.

Weise wählte zur Rückkehr nach der Kaserne den einsamen Fußsteig über das Schützenhaus. Er bewegte einschneidende Pläne in seinem Kopfe. Auf keinen Fall wollte er wieder als Schlosser in die Maschinenfabrik 485 eintreten; er verspürte nicht die geringste Lust, sich wieder so wie vor dem Dienen zu plagen. Aber was dann?

Nachdenklich sah er zu, wie die Zigarre trotz aller Mühe nur auf der einen Seite schwelend und kohlend in Brand kam. Schließlich warf er das widerspenstige Ding weg. –

Am Abend beim Dienstverlesen las Wachtmeister Heppner an erster Stelle: »Nachdem gestern die Mannschaften zu reiflicher Überlegung aufgefordert worden sind, sollen nun, – nach dem Wegtreten, – diejenigen sich melden, die Lust und Beruf in sich verspüren, unter Aussicht auf eine spätere Beförderung weiterzudienen.«

Dann kam noch eine Menge anderer Dinge, der Arbeitsdienst für den nächsten Tag, die Liste der Wachmannschaften und dergleichen Kleinkram.

Drei Mann meldeten sich nach dem Wegtreten beim Wachtmeister, zwei, mit denen Hauptmann von Wegstetten schon früher unterhandelt hatte, und – – Gustav Weise.

Heppner machte große Augen und hatte eine erstaunte Bemerkung auf der Zunge, aber er sagte nur ganz kurz: »Ich werde es dem Herrn Hauptmann vortragen, daß Sie sich gemeldet haben.«

Am nächsten Morgen meldete er dem Batteriechef den ungewöhnlichen Fall.

Wegstetten war, mit einem österreichischen Orden geschmückt, von seinem Kommando zurückgekehrt. Als er von dem Unfall im Manöver und von dem Attentat Findeisens unterrichtet worden war, hatte er kopfschüttelnd bemerkt: »Tja, – wenn man nicht selbst dabei ist!« Nun stürzte er sich mit neuem Eifer in die Dienstgeschäfte. 486

»Wie? Was?« zeterte er. »Dieser Kerl, der Weise, will Unteroffizier werden? Dieser rote Revolutionär? Die Meldung allein ist schon eine Frechheit! Daraus wird aber nichts, mein Bürschchen!«

Der kleine Offizier konnte sich über diese Dreistigkeit gar nicht beruhigen. Sein Gesicht war rot vor Zorn, der Schnurrbart sträubte sich, und die Augen funkelten hinter den Kneifergläsern. Aufgeregt lief er im Dienstzimmer hin und wider.

»Sagen Sie mir, Wachtmeister,« begann er von frischem, und die Stimme schnappte ihm vor Erregung über, »wie kommt der Lümmel bloß in aller Welt dazu, an so was überhaupt nur zu denken?«

Heppner zuckte die Achseln.

»Ich wunderte mich auch,« antwortete er. »Freilich, – Herr Hauptmann verzeihen, daß ich so rede, – es ist ja möglich, daß er sich geändert hat, in seiner Gesinnung und so. Denn – ich habe nämlich Wiegandt und seinen Geschützführer, den Einjährigen Landmann, gefragt, – sie sagen beide, er wäre sehr anstellig und flink und zeigte auch wirklich Interesse. Und der Einjährige – bei dem hat nämlich Weise seit Ostern geputzt, – der meint, wenn man sich mit ihm unterhalten hätte, da wäre er gar nicht auf den Kopf gefallen gewesen und hätte sich leicht überzeugen lassen, daß er eben früher ganz auf dem Holzwege gewesen wäre. – Und – und schließlich, Herr Hauptmann verzeihen, es wird knapp bei uns mit den Unteroffizieren. Diesen Oktober geht ja nur einer weg, aber Keyser ist doch hin und nächstes Jahr verlieren wir drei auf einmal. Und wer weiß, ob wir Ersatz kriegen?«

Wegstetten hörte die unbeholfene Rede seines Wachtmeisters geduldig an. Er sah Heppner sinnend ins Gesicht und stellte sich dann schweigend ans Fenster. 487 Seine Mienen erheiterten sich und trugen schließlich einen offenkundigen Triumph zur Schau. Mit einem Male nahm sich der Fall Weise ganz anders aus. Dieser Sozialdemokrat war eben bekehrt worden, – die strenge und zugleich gerechte Zucht der sechsten Batterie hatten den Mann seine Irrtümer einsehen lassen, und er, Wegstetten, durfte sich diesen Gewinn für die staatserhaltenden Parteien anrechnen.

Er drehte sich um und sprach gutgelaunt zu Heppner: »Wachtmeister, Sie könnten recht haben! – Natürlich muß man dem Burschen auf den Zahn fühlen. Lassen Sie ihn mal ranholen!«

Weise hatte diese Unterredung erwartet und war mit sich zu Rate gegangen, wie er am besten dabei abschneiden könnte. Die glatte Gewandtheit, die ihm sonst eigen war, beschloß er fallen zu lassen und lieber die Maske eines derben, biederen Burschen vorzuhalten.

Der Hauptmann rieb ihm die Vergangenheit kräftig unter die Nase: man habe wohl erfahren, daß Weise sich draußen im Zivil an sozialdemokratischen Machenschaften beteiligt hätte. Nun wollte Wegstetten wissen, wieso Weise denn so plötzlich anderen Sinnes geworden wäre.

Der Kanonier antwortete: »Das Soldatsein gefällt mir, Herr Hauptmann. Ich bin sehr gern Soldat, Herr Hauptmann.«

Der Batteriechef nickte befriedigt und fuhr fort: »Aber das ist nicht genug, Weise. Jeder Soldat, und wie viel mehr ein Unteroffizier, der die Ehre hat, Tressen am Kragen zu tragen, muß auch seinem Könige treu ergeben sein. Sind Sie das?«

»Zu Befehl, Herr Hauptmann.«

»Und weiter: er muß mit Verachtung auf dieses 488 vaterlandslose Gesindel hinabblicken, das aufrührerisch an Thron und Altar rüttelt! Tun Sie das?«

»Zu Befehl, Herr Hauptmann.«

Diese Antworten verstanden sich ganz von selbst und bewiesen gar nichts. Deshalb tat Wegstetten die Zwischenfrage: »Warum erst jetzt? Warum nicht schon früher?«

Wenn nun der Kanonier mit einer Phrase von Bekehrung und Reue antwortete, dann war die Geschichte erlogen. Es mußte eine ganz naive, einfache Erwiderung kommen.

Und Gustav Weise versetzte in dem treuherzigsten Tonfall, der ihm zu Gebote stand: »Herr Hauptmann verzeihen, es sind draußen im Zivilleben alle so – so – Sozialdemokraten. Das gehört eben mit dazu, und man sieht es gar nicht anders.«

»Und jetzt?«

»Jetzt – ja, wenn man anderes sieht, dann wird man eben auch anders.«

Wegstetten sah dem Soldaten lange mit seinen messerscharfen, funkelnden Augen ins Gesicht. Aber Weise schlug den Blick nicht nieder.

»Ich will's mit Ihnen versuchen,« sagte endlich der Hauptmann.

Und der Kanonier antwortete: »Zu Befehl, Herr Hauptmann.«

Gustav Weise wurde zum Gefreiten ernannt. Eine Vorsichtsmaßregel glaubte der Batteriechef aber gleichwohl treffen zu müssen. Denn so über alle Zweifel erhaben war die Gesinnungstüchtigkeit des Soldaten denn doch nicht. Er beauftragte den am Schluß des Manövers zum Unteroffizier beförderten Freiherrn von Frielinghausen mit der delikaten Aufgabe, Weise ein wenig zu überwachen und gleichzeitig auf seine 489 Gesinnung in staatserhaltendem Sinne möglichst einzuwirken.

Unteroffizier von Frielinghausen traktierte infolgedessen den Gefreiten Weise mit mißverstandenen Brocken seiner halbvergessenen Sekundanerweisheit. Er konnte stets nur von erfreulichen Fortschritten des früheren Revolutionärs auf dem Gebiete der vorschriftsmäßigen Gesinnungstüchtigkeit berichten.

* * *

In der Weihnachtswoche ließ sich Wachtmeister Heppner ganz in der Stille mit seiner Schwägerin Ida trauen.

Es war nötig, um nicht am Ende eine Taufe vor der Hochzeit zu feiern.

Das rohe Ungestüm des rücksichtslosen Mannes war durch den schrecklichen Tod seiner Frau einigermaßen gemildert worden. Den Herbst über bis tief in den Winter hinein schien er wie umgewandelt zu sein. Er hielt sich still zurück, und seine grobe Stimme dröhnte nur selten durch die Flure der Kaserne. Dabei kam er seinen Dienstgeschäften gewissenhaft nach, und das Triebwerk des inneren Dienstes der Batterie befand sich in tadelloser Ordnung.

Hauptmann von Wegstetten schalt sich zuweilen selbst. Er durfte mit seinem Wachtmeister in jedem Falle zufrieden sein, und doch vermochte er der Antipathie, die er einmal gegen Heppner gefaßt hatte, nicht Herr zu werden. Ein gewissermaßen vertrauliches Verhältnis, das auf die gemeinsame Sorge um die anvertraute Truppe gegründet war, dünkte ihn ganz ausgeschlossen. Er konnte es nicht über sich gewinnen, ein unbedingtes Zutrauen in die ehrenhafte Gesinnung Heppners zu hegen. 490

Der Wachtmeister dagegen meinte, so wie es geschah und nicht anders müßten sich er und der Hauptmann vertragen. Wenn er manchmal recht sorgfältig seine Pflicht getan hatte, wurde es ihm ganz eigen freudig und warm ums Herz. Er war ordentlich stolz auf sich und gelobte sich im Stillen, nie wieder in die alten Torheiten zurückzufallen.

Die Notheirat war ja recht peinlich für ihn, aber gottlob schien ihm niemand die Geschichte groß übelgenommen zu haben. Die Leute dachten wohl, es hätte so kommen müssen. Zwei junge, kräftige Menschen in einem Haushalt und zwischen ihnen ein totkrankes Weib, – war es nicht entschuldbar, daß die beiden sich hatten hinreißen lassen?

Da hätte er selbst weit eher Grund gehabt, mit seinem Schicksal unzufrieden zu sein. Wenn er noch zu Lebzeiten seiner Frau sich vorgestellt hatte, wie er sich sein Leben nach ihrem Tode einrichten würde, dann war er nie auf die Idee gekommen, sogleich wieder unter ein Ehejoch zu kriechen. Er hatte frei sein und seine Freiheit ungezügelt ausgenießen wollen, ohne Rücksicht und bis zum letzten Rest, und falls er sich ja noch einmal binden sollte, da hatte er vorgehabt, eine strenge Auswahl vorzunehmen und weitum eine Umschau zu halten nach derjenigen, die durch Schönheit und Geld das Opfer seiner Freiheit aufwöge.

Nun hatte sich auf einmal alles ganz anders gefügt: er ging auch seine zweite Heirat ein, ohne sie im Grunde recht gewollt zu haben.

Am Ende war er es trotzdem zufrieden. Ein so übermütiger Draufgänger wie früher war er ja doch nicht mehr. Er bäumte sich nicht mehr so ungestüm gegen etwas auf, das ihm wider den Strich lief. Die 491 Erschütterung bei Julies Tode hatte es ihn merkbar spüren lassen, – er war eben über die erste Jugend, über die überschäumenden zwanziger Jahre, hinaus.

Und außerdem hatte er die Ida auf seine Weise wirklich gern. Sie war eine stattliche Person, hielt ihm seinen Kram gut in Schuß und schien von den Mucken der Schwester ganz frei zu sein.

Die Ruhe, die nun in der Wohnung herrschte, dünkte ihn etwas ganz ungewöhnlich Schönes. Er begann seine Lebensführung allmählich zu ändern. Anstatt an den Abenden in die Wirtschaften zu laufen, machte er es sich zu Hause bequem. Ida hatte, um Heizung zu sparen, die Küche wohnlich eingerichtet; der Wachtmeister setzte sich dann in Juliens Lehnstuhl, sah durch die Luke der Ofentür in das flackernde Feuer und streckte sich behaglich aus. Vor Nacht ging er noch einmal durch die Ställe. Warm und feucht schlug ihm der beizende Dunst entgegen. Die Pferde standen in den Abteilungen, hielten die Köpfe gesenkt und schliefen. Die Stallwache löste sich aus dem Dunkel irgend einer Ecke los und machte ihre Meldung. Der Wachtmeister nickte, schritt ein Mal die Stallgasse auf und nieder und ging wieder. Nach der dunstigen Wärme ließ ihn der starke Frost der Herbstnacht an allen Gliedern erschauern, so daß er sich fest in seinen Mantel hüllte. Und von neuem setzte er sich in den Stuhl am Ofenfeuer. Er sah der Frau zu, wie sie das Kleinkinderzeug mit geschickten, flinken Händen neu vorrichtete.

In diesen Augenblicken, müde vom redlich vollbrachten Tagewerk, hielt er sich für einen sehr guten und braven Menschen. –

Nebenan in die ehemalige Wohnung der Schumanns waren im Laufe des Sommers Albina Worzuba 492 als Frau Vizewachtmeister Heimert eingezogen. Die Ehe des jungen Paares verlief ungemein glücklich. Albina floß über von Zärtlichkeit für ihren Gatten, und Heimert konnte sich in galanten Zuvorkommenheiten gegen sein Weib gar nicht genug tun.

Alsbald spielte die Frau Vizewachtmeister in der abgeschlossenen kleinen Welt der Kaserne eine dominierende Rolle. Die Unteroffiziersfrauen lauschten mehr oder minder zweifelnd der romanhaften Erzählung von ihrer Herkunft und mißgönnten ihr allesamt gewaltig das Geld, über das Frau Heimert zweifellos verfügte. Denn man bekam nicht nur bei ihr einen reinen Bohnenkaffee, ohne Karlsbader Kaffee-Gewürz, vorgesetzt, nein, sie trug sich auch stets nach der neuesten Mode, meist sogar die Röcke auf Seide gearbeitet, so daß sich die Leute nach dem Knistern und Rauschen umdrehten, wenn sie vorüberschritt. Daß sie etwas auffällige Roben bevorzugte, hielten ihr die braven Weiber als Böhmin, als Ausländerin, zu gute. Und Leibwäsche besaß erst die junge Frau! Rot- und gelbseidene Hemden und Beinkleider, mit duftigen Spitzen daran! Und niedliche Schmucksachen hatte sie! O ja, die Frau Vizewachtmeisterin mußte schon von gutem, reichem Herkommen sein. Das sah man an allem, an der Einrichtung, an Kleidern und an Wäsche. Ganz ungerechnet das kostbare Moschusparfüm, dessen scharfer Geruch durch die Ritzen der Flurtür hindurch noch die Treppe nach den Mannschaftsräumen hinaufdrang.

Und Albina verwaltete die ihr gebührendermaßen zugefallene Würde einer kleinen Königin mit gutem Anstand. Sie geizte nicht mit Liebenswürdigkeit und reinem Bohnenkaffee und trug ihre feinen Kleider, die sie »in einem der ersten Ateliers der Residenz 493 arbeiten« ließ, mit einer leichten Koketterie. In Wahrheit kaufte sie die Roben einer alten »Freundin« ab, die von Berufs wegen genötigt war, sich immer nach der letzten Pariser Mode zu kleiden.

Die Unteroffiziersfrauen neideten einander die Gunstbezeugungen der Vizewachtmeisterin und suchten sie in Haltung und Benehmen nachzuahmen. Nur die kleine Berliner Rüschennäherin Frieda, das blonde Schätzchen des Sergeanten Wiegandt, hatte an der Dame zu mäkeln. Ein einziges Mal, bei dem Sommerfest der Unteroffiziere des Regiments, hatte diese Gans, die nebenbei im Verdacht stand, eine rote Sozialdemokratin zu sein, Albina Heimert gesehen, und da hatte sie sich erdreistet zu sagen: »Die? – Otto! Det is ja 'ne –, nee, ick will det häßliche Wort man lieber nich in' Mund nehmen. Aber solche Jeschöpfe kenne ick janz jenau. In gewissen Sachen seid ihr Mannsvolk doch dumm und blind wie neujeborene Katzen!«

Als dann Albina von Leutnants und Unteroffizieren wie toll umschwärmt wurde und beim Tanz aus einem Arm in den andern taumelte, entrüstete sich Frieda ordentlich.

»Otto!« sagte sie. »Wenn du ein einziges Mal mit der da tanzst, denn is alles aus zwischen uns. Det is ja, wie wenn Fliegen off' nen Sirupkuchen torkeln!«

Und Wiegandt gab den schon gefaßten Vorsatz auf, Frau Heimert zum nächsten Rheinländer aufzufordern; er führte Frieda zum Reigen und darnach einen heimlichen Laubengang entlang, in dem sich das Pärchen zuweilen mit anderen, ebenso eng umschlungenen, kreuzte.

Sie plauderten von der Zukunft, die jetzt recht klar vor ihnen lag. Wiegandt hatte nicht nochmals 494 kapituliert. Im nächsten Herbst wurde er Schutzmann mit dreizehnhundert Mark Gehalt, freier Wohnung und hundertzwanzig Mark Kleidergeld. Der Bürgermeister des Städtchens hatte als Oberleutnant der Reserve eine Übung bei der sechsten Batterie abgeleistet und sich seinen Mann selbst herausgesucht. Wegstetten war wütend, seinen besten Unteroffizier zu verlieren, und drang in Wiegandt, bei der Fahne auszuharren. Aber der Sergeant blieb unerschütterlich und wartete ungeduldig auf den Ablauf seines letzten Dienstjahres. Als Schutzmann mit solch einem stattlichen Auskommen konnte er schon die Heirat riskieren.

»Selbst wenn Kinder kommen sollten,« flüsterte er seinem Schätzchen zu.

Die kleine Näherin nickte altklug und flüsterte zurück: »Es werden wohl welche kommen, glaube ich.« –

Albina Heimert aber merkte in ihrer Erhabenheit gar nichts von der Nichtachtung der unbedeutenden und unscheinbaren Person. Endlich, als Frau Vizewachtmeisterin, fühlte sie sicheren, soliden Boden unter sich.

Sie schritt erhobenen Hauptes über den Kasernenhof und verwaltete ihr Hausfrauenamt mit einer schönen bürgerlichen Würde.

Trotz dieser reichlich zur Schau getragenen Solidität ging es ihr ein wenig wie einer Hündin, die beständig ein Gefolge von sich beißenden und beknurrenden Anbetern hinter sich hat. Wo die Seide ihrer Röcke raschelte und wo der durchdringende Moschusduft vorüberstreifte, drehten die Männer, Unteroffiziere und Mannschaften, die Köpfe und sahen ihr mit eigentümlich glänzenden Augen nach. Und Albina faßte 495 ihre knappen Röcke scharf zusammen und schützte die Säume ängstlich vor dem Schmutz der Gasse.

Selbst die Rohesten blieben nicht unberührt. Inoslawski, der den Pferdemist andächtig vom Pflaster in einen Schubkarren sammelte, leckte sich die derben Lippen und sagte zu dem Kameraden, der ihm zur Unterstützung beigeordnet war: »Panna Vizzewachtmeestärra – strammärr Kärrrl!«

Übrigens quittierte Albina Heimert jeden bewundernden Blick, selbst wenn er vom allerdürftigsten Ökonomiehandwerker ausging, mit einem undefinierbaren Lächeln. Es war durch dieses leichte Schürzen der Lippen nichts gesagt, aber man war darnach gewiß, daß die gezollte Bewunderung eine dankbare Statt gefunden hatte.

Venus triumphierte über Mars. –

Derjenige, den die Reize der schönen Vizewachtmeisterin am kältesten zu lassen schienen, war seltsamerweise Wachtmeister Heppner.

Albina hatte ihm einmal auf dem Flur gesagt: »Damals, als ich Sie kennen lernte, Herr Heppner, – Sie wissen, bei Grundmann, – da waren Sie ganz anders, viel stattlicher und schneidiger! Ich glaube beinahe, Sie werden alt, Herr Heppner.«

Und sie war in ein grelles, erkünsteltes Lachen ausgebrochen, das einem fast widerwärtig ins Ohr gellte.

Heppner hatte sich nicht um die Bosheit geschert.

Wenn er von seinem Lehnstuhl am Ofen aus Ida, dieses hübsche, gesunde, derbe Ding, mit der Frau von nebenan verglich, dann wollte ihn zuweilen vor dem betäubenden Parfüm, das sich drüben in allen Ecken festgesogen hatte, ein wahrer Ekel erfassen. Er verzog die Lippen zu einer verächtlichen 496 Grimasse, wenn Albina mit ihren radgroßen Hüten rauschend an ihm vorüberging, und grüßte mit einer nachlässigen, fast unhöflichen Gebärde.

Aber mit dem Frühjahr kam die alte Unrast über den Wachtmeister. Im Mai erwartete Ida ihre Entbindung. Sie hatte für nichts mehr Anteilnahme als für das Kind.

Heppner begriff auf einmal nicht mehr, wie er im Winter so ein Stubenhocker und Philister hatte werden können. Er meinte, seine Glieder seien wie eingerostet und sein Kopf sei ganz verdummt. Nun wollte er sich wieder einmal austoben und sich andere Luft und andere Gedanken durch den Schädel fegen lassen. Er fand sich mit Leichtigkeit wieder in das altgewohnte wilde Leben hinein und verstand immer weniger, wie er Monate hindurch ein so ganz anderer hatte sein können.

Die alten Zechgenossen nahmen ihn mit freudigem Hallo auf, und es währte nicht lange, so setzte er sich auch mit zu den Karten. Das Versprechen, das er einstmals dem Einjährigen gegeben hatte, legte er sich nach seinem Gutdünken aus: er wollte keinesfalls gewisse Grenzen überschreiten. Immerhin kam es vor, daß er dagegen fehlte, und dann mußte er notgedrungen kleine Anleihen bei der Batteriekasse aufnehmen. Denn Ida hielt die Hand fest auf den Beutel, und ihr gegenüber brachte er es nicht fertig, das Haushaltsgeld herauszutrotzen.

Dazwischen kamen wieder Tage, an denen er Glück hatte, Tage, die ihm sogar ganz beträchtliche Überschüsse brachten; aber er hielt es damit wie jeder Spieler: er rechnete die Gewinne nicht gegen die Verluste auf, sondern betrachtete sie als Extrazuschüsse, die getrost bei allerhand Extravaganzen draufgehen 497 durften. Im allgemeinen machte er stets ein neues Loch auf, um das alte zu verstopfen.

In dieser Zeit sprach ihn Frau Albina Heimert abermals an.

»Gottlob!« sagte sie. »Sie haben sich doch aufgerappelt, Herr Heppner. Ich dachte schon, Sie würden ganz und gar verbauern.«

Der Wachtmeister sah ihr nachdenklich nach, wie sie mit ihrer herausfordernden Haltung in der Tür der Heimertschen Wohnung verschwand.

Zum Teufel! Das war spaßhaft! War ihm im Winter dieses prachtvolle Frauenzimmer nicht einmal sehr zuwider gewesen? Er besann sich genau, daß er damals diese Empfindung gehabt hatte. Da mußte es wohl wahr sein: alles zusammen, Kopf, Augen, und alle anderen Sinne waren ihm damals verloren gegangen. Sonst hätte so ein handgreiflicher Unsinn nicht unterlaufen können.

Seine Frau stand in der Küche am Herd, durch ihre Schwangerschaft bis zur Unförmlichkeit entstellt.

– Und die war ihm schöner erschienen als jene? –

Von nun an erwies er Albina kleine Aufmerksamkeiten. Er begleitete sie ein Stück, wenn sie über den Hof nach ihrer Wohnung schritt, er nahm ihr wohl auch ein Packet ab, dann ließ er sie mit einer höflichen Verbeugung die Stufen voransteigen und öffnete ihr die Tür. Sobald er sie erblickte, erkundigte er sich angelegentlich nach ihrem Befinden, und als sie einmal über Kopfweh klagte, brachte er ihr allerhand Heilmittel in Vorschlag und gebot den Mannschaften strengste Ruhe und das leiseste Auftreten, wenn sie an der Flurtür vorüberstapften.

Aber Albina spielte nun ihrerseits die Spröde. Sie ließ sich die Aufmerksamkeiten des Wachtmeisters 498 mit einer kühlen Miene gefallen und kürzte die Gespräche mit ihm eher ab, als daß sie ihn zu einer längeren Unterhaltung ermutigte. Dabei schauten ihm ihre Augen mit einem Ausdruck spöttischen Triumphes ins Gesicht, und ihre Blicke schienen im Gegensatz zu dem hochmütig abweisenden Munde eine lockende Sprache zu reden.

Heppner gab seine Sache keineswegs verloren. Mit dem Aufgebot seiner ganzen Liebenswürdigkeit blieb er geduldig um die Vizewachtmeisterin bemüht. Unmerklich steigerten sich die Beweise seiner Galanterie, und die so heiß Umworbene ließ sich zusehends erweichen.

Schließlich wurde Albinas Gatte auf den Verkehr aufmerksam. Seine Eifersucht witterte sogleich in Heppner einen Rivalen. Die Sorge, daß ihm der Flurnachbar ins Gehege kommen könnte, hatte ja schon vor seiner Heirat schwer auf ihm gelastet. Es war daher wie ein Alp von ihm gewichen, als der Wachtmeister sich gar nichts mehr aus Albina zu machen schien. Und jetzt verkehrte sich diese Abneigung plötzlich wieder in das gerade Gegenteil! Heppner war hinter Albina her, das mußte jeder Dummkopf merken.

Der argwöhnische Ehemann suchte mit allen Mitteln ein Zusammentreffen der beiden zu verhüten. Aber war das möglich? Ihn, den Vizewachtmeister, hielt oft ein Kommando stundenlang auf dem Exerzierplatz draußen, eine halbe Stunde Wegs entfernt, fest. Das wußte Heppner nur zu gut, er als Wachtmeister hatte ihn ja erst hinkommandiert. Konnten sie da nicht ungestört zusammenkommen, so oft und so lange es ihnen beliebte?

Heimert zog dann bei den Unteroffizieren, die 499 in der Kaserne Dienst getan hatten, Erkundigungen ein, was wohl der Wachtmeister den Vormittag über angefangen habe. Er tat es vorsichtig und unauffällig, wie er meinte. Die Kameraden indessen merkten recht wohl, wo der Hase im Pfeffer lag, daß den jungen Gatten die Eifersucht plagte, und Heimert wurde mit seiner Pein ein Gegenstand des Hohnes und Spottes für sie.

Käppchen, der kleine Batterieschreiber, machte sich ein Vergnügen daraus, den Vizewachtmeister in Zweifeln zappeln zu lassen.

»Können Sie mir vielleicht sagen, Herr Vizewachtmeister,« sprach er, »was jetzt neuerdings mit dem Wachtmeister los ist? Er ist manchmal stundenlang am Vormittage aus dem Bureau verschwunden. Was er nur drüben so notwendiges zu tun hat?«

Heimert zog die Brauen ingrimmig zusammen und antwortete, ganz dunkelrot im Gesicht, grob: »Wie soll ich das wissen?«

Und der Batterieschreiber setzte scheinheilig hinzu: »Richtig, – vielleicht sieht er nach, ob nicht das Kind mal plötzlich angekommen ist. Die Frau Wachtmeisterin erwartet es, glaube ich, jetziger Zeit.«

Am Ende kam der Vizewachtmeister auf eine ganz absonderliche Idee. Er wollte die beiden gerade recht oft zusammenbringen, in seiner Gegenwart natürlich. Wenn sie wirklich etwas vor ihm geheim zu halten hatten, dann mußten sie sich irgend ein Mal, in einem unbedachtsamen Sichgehenlassen, verraten.

Er lud Heppner ein, um der guten Nachbarschaft willen am Abend zu einer Zigarre und einer Flasche Bier ab und zu herüberzukommen.

Der Wachtmeister stellte sich ein. Ein paarmal brachte er Ida mit, dann, als die näherrückende 500 Niederkunft der Frau größere Schonung auferlegte, kam er auch allein.

Heimert beobachtete ihn und Albina in jedem Worte, in jeder Bewegung und beinahe in jedem Blicke. Aber sein Argwohn wurde nicht bestätigt. Heppner gab sich galant und zuvorkommend und stets ganz unbefangen, und Albina war um kein Haar anders wie sonst. Sie schwatzte viel und ließ sich die Huldigungen des Gastes mit einer hoheitsvollen Gelassenheit gefallen. Gegen ihn, den Gatten, legte sie sogar eine ungewöhnliche Zärtlichkeit an den Tag, solange der Wachtmeister mit am Tische saß.

Das gab Heimert einen Teil seiner Ruhe wieder. Wenn Heppner sich verabschiedete, schlang der Vizewachtmeister vertraulich seinen Arm um Albinas Taille. In dieser Gebärde und in dem Ausdruck seiner Augen, die den Gast mit einer spöttischen Sicherheit maßen, lag es wie eine Herausforderung: »Sieh doch, das Weib ist mein! Ich habe es und halte es, und du bekommst es nicht, so sehr du auch danach begehrst! Das ist nun einmal das Recht des Besitzenden! Und es bleibt so, wenn du mich auch tausendmal für einen mordshäßlichen Kerl hältst und dich für einen unwiderstehlichen Eroberer. Es bleibt so! Hernach, wenn du fort bist, nehme ich mir mein Recht, und das Weib muß mir zu Willen sein.«

Der Wachtmeister las diesen Hohn deutlich in Heimerts Miene. Er machte, daß er in seine Wohnung hinüberkam, und schwur sich insgeheim zu, nun erst recht dem Kameraden ein paar Hörner aufzusetzen.

Drüben warf er beim Auskleiden sein Zeug unwirsch durcheinander. Maulend und murrend streckte er sich auf sein Bett. Was hatte nicht der von nebenan für ein fabelhaftes Glück! Dieser Klown mit seiner 501 Riesengurke von Nase, der sich im Zirkus gar keine Maske hätte zu schminken brauchen! Ein so schönes, statiöses Weib, das noch dazu einen Batzen Geld besaß, der nicht zu verachten war, gehörte diesem Nasenkaiser, dem die Kinder auf der Gasse nachspotteten! Und, was auch sein Gutes hatte, ein Weib, das nicht gleich jeden Tag schwanger wurde, wie zum Beispiel seine Frau da!

Er streifte Idas Bett mit einem bösen Blick und drehte sich wütend nach der Wand herum.

Aber Heimert sollte doch der Blamierte werden! –

Mitte Mai gebar Ida ein Kind, einen dicken, von Gesundheit und Kraft strotzenden Knaben. Neun Pfund war der Bursche schwer, ein stattliches Gewicht für einen Neugeborenen.

Der Wachtmeister schickte sich merkwürdig gut in die Rolle des Vaters. Dieser dicke Knabe war gewissermaßen ein Abbild seiner eigenen Kraft. Man konnte sich sehen lassen mit ihm.

Das war etwas anderes als das schwächliche Würmchen, das ihm einst Julie geschenkt hatte, das wohl von der Jammergestalt der Mutter sein dürres Körperchen und die welke graue Haut geborgt hatte. Es war wohl das Gescheiteste gewesen, daß es sich nach einem kurzen Jahre wieder dahin aufgemacht hatte, von wannen es gekommen war. Jetzt lag ein strammer, runder Bengel in dem Kissen, mit derben Gliederchen und einer weiß und roten Haut.

Jawohl! Die Weiber, die da vorsprachen und einen Wochenbesuch abstatteten, mochten nur die Mäuler aufreißen und die Hände vor Staunen über dem Kopfe zusammenschlagen! Da lag Kraft und Saft drin! Ganz wie im Vater.

Und er sah im Geiste bereits den Jungen 502 erwachsen. Natürlich mußte er auch Soldat werden, Artillerist, und auf den Gaul wollte er ihn bei Zeiten setzen, damit der Bengel auf dem Pferderücken firm und heimisch wurde. Und wehe dem Lümmel, wenn er auch nur ein bißchen Angst zeigen würde!

Ida war über alle Maßen glücklich. Es konnte keine zärtlichere und fürsorglichere Mutter geben. Die Mutterschaft schien eine Menge schöner Eigenschaften in dem derben Weibe geweckt zu haben, die bis dahin in einem nur allzu tiefen Schlummer gelegen hatten.

Heppner fand ihr Getue weibisch und albern. Einstweilen gedieh ja der Bube an der nährenden Brust der jungen, starken Mutter ganz ausgezeichnet, aber später mußte er ihn Ida bald aus den Zähnen rücken, damit der kleine Kerl nicht etwa ein Hasenfuß wurde, der sich ewig an den Rock der Mutter hängte.

Das hatte indessen noch seine gute, geschlagene Zeit.

Allmählich wurde es dem Wachtmeister langweilig, sich mit dem Kinde zu beschäftigen.

Ganz sicher fing der Bengel zu quengeln und zu quarren an, wenn man einmal Ruhe haben wollte, und wenn man andrerseits Lust hatte, mit ihm zu spielen, ihn unter den dicken Ärmchen zu kitzeln und ihn hoch durch die Luft zu schwenken, dann schlief er ganz sicher, und Ida trat wie eine Schildwache vor und ließ ihn nicht anrühren.

Überhaupt –, es war, als ob sie nur mehr Mutter wäre. Daß sie nebenher noch Frau war, das schien sie ganz vergessen zu haben.

So machte sich Heppner von neuem an die Vizewachtmeisterin.

Albina mochte kleine Kinder nicht leiden und wollte auch mit seinem Prachtknaben keine Ausnahme 503 zugeben. Das fand er dumm, im übrigen jedoch hatte ihm die Böhmin bald wieder den Kopf verdreht.

Er stellte sich nun uneingeladen bei den Heimerts ein. »Um mit dem Vizewachtmeister eine kameradschaftliche Zigarre zu rauchen,« gab er vor. Beinahe schamlos ging er auf sein Ziel los. Er sagte Albina die ungeheuerlichsten Schmeicheleien und trieb gewagte Scherze mit ihr.

Heimert saß dabei, fast vor Wut erstickend. Er wußte selbst nicht recht, warum er diesem Ehebrecher, der da auf dem Sofa mit Albina zweideutige Späße anstellte, nicht an die Kehle sprang. Aber die beiden hatten ja eine vortreffliche Ausrede. Waren das denn nicht alles harmlose Neckereien? Nein, – so rasende Eifersuchtsqualen er litt, er mußte warten, bis er sie auf frischer Tat ertappte.

Und mitten in das Lachen hinein drang über den Flur weg, durch die dünnen Türen zuweilen das Schreien des Säuglings, und wenn gerade die laute Lustigkeit auf einen Augenblick verstummte, wohl auch ein halblaut gesungenes Lied, das den Knaben in Schlummer wiegen sollte.

Aber Albina wollte ihre Rache voll ausgenießen. Der Wachtmeister hatte sie im Winter wie eine x-beliebige behandelt, jetzt mochte er nur noch ein Weilchen schmachten. Sie verschwendete alle ihre Lockmittel, um seine Leidenschaft noch mehr anzustacheln, und es bereitete ihr eine halb grausame, halb lüstern vorgenießende Freude, ihn vor Ungeduld vergehen zu sehen.

Eines Abends nützte Heppner den Augenblick, in dem er mit ihr allein zu sein glaubte. Er bekam sie wie rasend beim Kopfe zu fassen und drückte ihr einen wilden, tollen Kuß auf den Mund. 504

Albinas trotziger Widerstand brach plötzlich zusammen. Sie erwiderte den Kuß, ebenso wild und toll.

Heimert stand in der dunklen Küche, vom Schatten der offenen Tür verdeckt, und sah alles. Er hatte eine Flasche Bier holen wollen, aber sie war im Schranke nicht zu finden gewesen.

Nun trat er in das Zimmer, mit einem Male ganz gelassen.

»Es ist kein Bier mehr da, Albina,« sagte er, »du mußt dich geirrt haben.«

Er setzte sich gemächlich an den Tisch und trommelte leicht mit den Fingern auf die Platte. Die beiden Schuldigen waren von ihrer Umarmung noch wie betäubt. Sie ahnten nicht, daß der betrogene Gatte sie beobachtet hatte. Sie erwiderten nichts auf seine Worte und schienen gleichsam aus Raum und Zeit entrückt zu sein. Sie merkten nicht einmal, daß eine lange schwüle Stille eintrat, in der die Lampe auf dem Tisch dunkler zu brennen und das Zimmer in schwarze Schatten zu versinken schien.

Der Vizewachtmeister zog seine Uhr hervor und fuhr fort: »Übrigens ist es auch Zeit, zu Bett zu gehen. Morgen ist ja auch ein Tag.«

Heppner und Albina erwachten endlich aus ihrer Entrücktheit.

Der Wachtmeister hatte es eilig und verabschiedete sich schnell.

Ebenso geschwind bereitete sich Albina zur Nachtruhe vor. Sonst pflegte sie allerhand umständliche Manipulationen vorzunehmen, die dazu dienten, ihre Reize frisch zu erhalten; sie fettete sich die Haut mit Lanolin ein oder streute Puder darüber, damit sie glatt 505 und geschmeidig blieb, sie zog Handschuhe über die mit wohlriechendem Creme bestrichenen Hände, damit sie ihre Weiße trotz aller groben Arbeit bewahrten, – an diesem Abend strählte sie sich nur das Haar, dann war sie im Nu unter ihre Decke gekrochen.

Heimert lag schlaflos auf seiner Bettstatt. Stunde für Stunde hörte er die Turmuhr schlagen, und die kurze Mainacht dehnte sich ihm zu einer endlosen Ewigkeit aus.

Das Weib neben ihm war in einen tiefen Schlummer gesunken. Zuweilen ging ihr Atem schneller und wurde fast keuchend, und die Schlafende warf sich wie in einem lebhaften Traume hin und her. –

Als der Morgen heraufdämmerte, hatte Heimert seinen Entschluß gefaßt.

Immer noch nicht mochte er an eine Schuld Albinas glauben. Er war ja selbst Zeuge gewesen, daß Heppner sie mit seiner Umarmung geradezu überfallen hatte, und auch die erste unwillkürliche Bewegung der Abwehr war ihm nicht entgangen, mit der sich Albina gegen die ungestüme Frechheit des Wachtmeisters verteidigt hatte. Und darin irrte sich der Vizewachtmeister nicht einmal. Nur wußte er nicht, daß es Albina mit jener Gebärde zumeist um ihre kunstreiche Frisur zu tun gewesen war.

Wie er das Geschehene auffaßte, hatte Heppner seiner Frau einen Schimpf angetan, gegen den sich die Überfallene, wohl in der Lähmung der Überraschung, gar nicht recht hatte wehren können. Von Rechts wegen hätte sie ihm, dem Gatten, den Vorfall erzählen müssen. Daß sie es nicht getan hatte, das konnte tausenderlei Gründe haben. Albina kannte seine Eifersucht und wollte vielleicht einen Skandal vermeiden, der dann ohne Zweifel entstanden wäre. Oder sie 506 wollte ihm die Sache erst berichten, wenn sie selbst ruhiger darüber geworden war. Oder sie gedachte, den Wachtmeister persönlich in seine Schranken zurückzuweisen. Oder auch – sie begann bereits der Versuchung zu unterliegen.

Das mochte nun sein, wie es wollte, – jedenfalls haftete der Schimpf, der der Frau zugefügt war, auch am Manne, und er, Heimert, wollte sich schon Genugtuung verschaffen.

Ganz in der Stille, ohne daß die Klatschmäuler etwas davon erfuhren, wie es sich in einer so heiklen Angelegenheit geziemte.

Und wie es unter Männern üblich war.

– In einem Duell.

Die Herren Offiziere hatten ja das Beispiel deutlich genug vorgezeichnet, und was ihnen recht war, durfte einem Unteroffizier, noch dazu einem, der auch das Offiziersseitengewehr an der Seite trug, schon auch billig sein. Nur diesen Formelkram von Ehrengericht und Sekundanten brauchte man unter einfachen Leuten nicht. Allein, ohne Zeugen, Mann gegen Mann, sollte der Zweikampf ausgefochten werden.

Der Vizewachtmeister dachte an den Säbel als Waffe. Aber die Klingen waren nicht geschliffen, und es hätte Aufsehen gemacht und Ungelegenheiten bereitet, wenn man sie hätte schärfen lassen. Außerdem dünkte es ihn angemessener, in diesem Falle, in dem die Ehre einer Gattin angetastet war, Schußwaffen zur Hand zu nehmen.

Er sah in einer alten Zeitung nach, die er sich vergilbt und fast zerbröckelnd zwischen den Briefen seiner Eltern aufhob. Ein kurzer Bericht über den Tod seines ersten Batteriechefs stand darin; Hauptmann Ursinus war im Duell gefallen, auch ein Verteidiger der 507 Familienehre. Auf zehn Schritte Distanz und dreimaligen Kugelwechsel hatten damals die Bedingungen gelautet.

Heimert hielt eine Milderung für erlaubt. Jener Zweikampf war um eines weit schwereren Vergehens willen entstanden. Zehn Schritte Entfernung und einmaliger Kugelwechsel, – das war wohl für seinen Fall eine ausreichende Sühne.

Und da Pistolen nicht vorhanden waren, taten es am Ende auch Revolver, – die schweren Armeerevolver, die die Handwaffe des Feldartilleristen bildeten.

Es traf sich ausgezeichnet, daß er sich vor Jahren einmal ein paar scharfe Patronen aufgehoben hatte. Sie waren durch einen Zufall übrig geblieben; irgend einer von den Mannschaften war verhindert gewesen, seine vorgeschriebenen sechs Schüsse abzugeben, da hatte man etwas Beliebiges in die Schießlisten eingetragen, und die Patronen hatte er sich zur Erinnerung aufbewahrt. Das war natürlich streng verboten, aber es war ganz gang und gäbe unter den Unteroffizieren, sich über solche Vorschriften hinwegzusetzen, genau so wie man gern einen Zünder oder gar einen ganzen Blindgänger aus den Schießübungen nach Hause schmuggelte.

Mit einer grimmigen Zufriedenheit betrachtete er die kleinen Dinger. Ganz so winzig wie die Infanteriegeschosse waren sie allerdings nicht, denn der Armeerevolver hatte ein Kaliber von reichlich zehn Millimetern. Die messingenen Hülsen waren vom langen Liegen ein wenig blind geworden. Er rieb und putzte sie, bis sie blitzblank glänzten.

So fehlte nichts mehr. Das Duell konnte vonstatten gehen. 508

Die einzige Schwierigkeit boten Ort und Zeit.

Aber auch dafür fand Heimert bald Rat. Oben auf der Höhe hinter der Kaserne lief der Weg eine ganze Strecke lang schnurgerade am Abhang hin, bis er zu dem kleinen Ausblick einbog. Man vermochte sich gar keinen besseren Kampfplatz zu denken. Und in der Nacht mußte natürlich die Sache ausgetragen werden. Er sah auf dem Abreißkalender nach: zwei Tage später war Vollmond. Da genügte die Helligkeit vollauf, einander auf zehn Schritte deutlich zu erkennen. Der Mond ging kurz vor zehn Uhr auf und mußte um Mitternacht schon hoch am Himmel stehen. –

Den Tag über kam der Vizewachtmeister gelassen und pünktlich, wie es stets seine Art war, den Dienstgeschäften nach. Er vermied es nur, mit Heppner in Berührung zu kommen. Erst am Abend, oder noch besser in der Nacht, so daß der Zweikampf gleich darauf vor sich gehen konnte, wollte er ihn herausfordern. Er wußte, der Wachtmeister würde sich nicht weigern, er würde sich ihm zur Verfügung stellen, – ohne weiteres. Feige war Heppner nicht.

Albina gab sich wie sonst auch. Von dem Kuß erzählte sie ihm nichts. Im Grunde war das ja auch gleichgültig.

Am Vormittag schlug das Wetter plötzlich um. Die Sonne, die an den vorhergehenden Tagen fast zu heiß für den Mai geschienen hatte, versteckte sich hinter grauen Wolken, ein kalter Wind setzte ein, und Nachmittags prasselten kurze, heftige Regenschauer nieder. Noch in der Abenddämmerung war der Himmel dicht umzogen. –

Heimert sah mürrisch in das trübe Wetter hinaus. Am Ende wurde in dieser Nacht doch nichts aus seinem Plane. Wenn der Mond nicht hervorkam, wenn die 509 Nacht stockdunkel wurde, konnte man sich auch nicht schießen.

Aber es schienen nur Ausläufer eines fernen Frühlingsgewitters gewesen zu sein, die die Gegend gestreift hatten. Mit der hereinbrechenden Dunkelheit klärte sich der Himmel auf.

Er hörte nach dem Dienstverlesen vom Stall aus, wie sich Heppner mit Blechschmidt, dem Wachtmeister der fünften Batterie, ins »Weiße Roß« verabredete.

Das war ausgezeichnet. Nun würde er ihn beim Nachhausekommen abfangen, und die Angelegenheit war in ein paar Minuten erledigt.

Schweigend nahm er sein Abendbrot ein. Albina dachte: er hat irgendwie mit dem Hauptmann oder mit sonstwem einen Ärger gehabt, und fiel ihm nicht mit Fragen lästig. Nachdem sie den Tisch abgeräumt hatte, las sie den Kriminalroman, der sich als einziger Feuilletonartikel in allabendlichen Fortsetzungen von drei halben Spalten durch das kleine Tageblättchen der Garnisonstadt wälzte. Beim Lesen verschlang sie ein gut Teil Pralinées. Dann machte sie ihre Nachttoilette und ging zur Ruhe. Es machte ihr nichts aus, daß die Uhr noch nicht einmal neun Uhr wies. Albina lag gern im Bett.

Kurz nachdem der Regulator die neun Schläge getan hatte, ging drüben der Wachtmeister aus. Auf dem Treppenflur erwischte er irgend einen von den Mannschaften, der ohne Mütze herumlief, und putzte ihn kräftig herunter. Darnach klapperte sein Säbel die Stufen hinunter, und es wurde still.

Heimert trug die Lampe in die Küche und machte sich den Tisch am Fenster zum Schreiben zurecht. Er hatte die Geschützbücher der Korporalschaftsführer eingefordert, um den Hufbeschlag in seinem Verzeichnis 510 nachzutragen. Das war die passendste Beschäftigung, um die Zeit bis zu Heppners Heimkehr hinzubringen.

Mit seiner langsamen, aber sauberen Handschrift reihte er schwerfällig Buchstabe an Buchstabe. Er schrieb

Roderich, hinten 3. 5.
Satan, vorn und hinten 3. 5.
Windsbraut, hinten 8. 5.
Witz, vorn 10. 5.

und so weiter bis zu

Eidechse, vorn 3. 5. und
Frundsberg, vorn und hinten 10. 5.

Er war mit solchem Eifer bei seiner Arbeit, daß er den Zapfenstreich ganz überhörte. Als er sich von seinem Buche aufrichtete, war es elf Uhr vorüber.

Damit war nicht viel gewonnen. Der Wachtmeister kam sicher nicht vor Mitternacht heim, wahrscheinlich noch weit später.

Heimert öffnete das Fenster.

Der Regen schien die Sprossen und Knospen draußen erst voll entfaltet zu haben. Ein Hauch von frischem, jungem Grün drang in das Zimmer und bewegte die kattunenen Vorhänge gemächlich hin und her. Der Mond stand über dem Dach und warf die scharfen Schatten des Gebäudes auf die Erde. Das helle Viereck des erleuchteten Fensters fiel mitten in das Dunkel hinein. Gerade traf der Schein der Lampe die weiß- und grüngestrichene kleine Laube, die der Vizewachtmeister in seinem Gärtchen für Albina zurechtgezimmert hatte. Darüber hinweg lagen die anderen kleinen Gärten und weiterhin der ebene Rasenplan bis zum Fuße der Anhöhe im Schatten.

Aber der Wald und der Bergabhang waren vom klaren Mondenlicht beschienen. Wie ein helles Band 511 klomm der Fußsteig die Höhe hinan, bis er im Schatten des Gehölzes verschwand. Eine Gruppe junger Birken zog sich längs des Abhangs hin. Die weißen Stämme schimmerten, und die glänzenden Blätter, die vielleicht noch vom Regen naß waren, gleißten, als ob sie von Silber wären.

Der Vizewachtmeister starrte gedankenlos in die Pracht der Mainacht hinaus. Er freute sich, daß der Mond so hell schien. Bei diesem Licht konnte man schon seinen Mann treffen.

Er holte seinen Revolver herbei und hielt gegenüber auf die Tafel ab, die »das Betreten der fiskalischen Kasernen und Gebäude, sowie der Exerzierplätze, Unbefugten bei einer Geldstrafe bis zu 60 Mark oder Haft bis zu 5 Tagen« verbot. Die weißgestrichene Tafel war mit einem riesigen Nagel an den Stamm einer Buche geheftet. Auf den Kopf dieses Nagels, der sich scharf von der hellen Tafel abhob, zielte er.

Und befriedigt setzte er die Waffe wieder ab.

Von neuem kehrte er zum Tische zurück. Plötzlich fuhr er auf. Er leuchtete auf den Flur. Richtig, Heppners Revolver hing wie gewöhnlich am Dienstwehrgehenk. Er nahm die Waffe mit in die Küche und setzte sich wieder auf den Stuhl. Er zog die Uhr hervor, – gleich Mitternacht. Die zwölf Schläge schallten in langsamer Folge von der großen Kasernenuhr herüber, gleich darauf schneller, im Gegensatz zu der Trägheit der Turmuhr in einer fast atemlosen Hast, vom Regulator in der Nebenstube.

Heimert wartete.

Schließlich sank ihm der Kopf auf die Tischplatte hinab. Er schlief ein.

Sonderbarerweise träumte er von Julie Heppner, der ersten Frau des Wachtmeisters, deren Einsamkeit 512 er zuweilen geteilt hatte. Er war an jenem Septembermorgen in der Eile des Aufbruchs nur flüchtig einmal an das Bett der Toten getreten. Der Ausdruck einer namenlosen, entsetzlichen Qual hatte auf dem fahlen Antlitz des unglücklichen Weibes gelegen.

Jetzt sah er dieses verzerrte, leidensvolle Gesicht zum andern Male im Traum. – –

Einhalb drei Uhr kehrte Wachtmeister Heppner nach Hause zurück. Im »Weißen Roß« war ihm übel mitgespielt worden: er hatte über hundert Mark verloren, und diese Summe fehlte nun in der Batteriekasse.

Im Anfang war alles so gut gegangen. Er gewann wohl an die vierzig Mark und war schon auf dem Sprunge, mit dem schönen Gewinn in der Tasche zu verschwinden, da kam irgendeiner auf die Idee, die Sätze zu verdoppeln. Im Augenblick war der Gewinn hin, und als er weiter spielte, um den Verlust wieder einzuholen, gingen auch noch die hundert Mark aus der Kasse flöten. Er hatte mit einem Male nicht einen roten Pfennig mehr im Beutel und mußte den Kameraden Blechschmidt bitten, die Zeche einstweilen auszulegen.

Das plötzliche Unglück hatte ihn ganz niedergeworfen. Wie betäubt tappte er seinen Weg nach der Kaserne. Er sah kaum, wohin er trat; zuweilen stolperte er über seinen Säbel oder er verfing sich in den Sporen. Als er am Tor um Einlaß geklingelt hatte, wollte er zornig auffahren. Er meinte, das heisere Gebimmel der Schelle nicht gehört zu haben, und entrüstete sich über diese Schlamperei, einen zerrissenen Glockenzug nicht sogleich wiederherzustellen. Aber der wachthabende Unteroffizier öffnete ihm. Also war die Schelle in Ordnung, und ihm mußte das 513 Klingeln entgangen sein. Strauchelnd schritt er über die Schwelle.

Der Wachthabende schaute verwundert hinter ihm drein. Schlief der Wachtmeister oder war er wach? Mit weit offenen, starren Augen war der Mann vorübergetaumelt, wie ein Schlafwandelnder. Vielleicht war er auch bloß betrunken.

Heppner kam am Stalle vorüber. Es war Unruhe darin. Zwei Pferde bissen sich offenbar, eines davon stieß einen quiekenden Schmerzenslaut aus. Er hätte darauf gewettet, daß es die dicke »Caroline« war, die von ihrem Nachbar, dem alten, bissigen »Urian«, gezwickt wurde. Die Stallwache fluchte und trieb die Gäule mit Prügeln auseinander.

Der Wachtmeister ging vorbei. Mochte geschehen, was da wollte, er hatte nur eine Sehnsucht, – nicht mehr an sein Unglück zu denken, sich niederzulegen und zu schlafen, – lange, lange.

Im Flur trat ihm Heimert entgegen. Er sah verstört aus, als ob er eben erst aus dem Schlafe erwacht wäre. Mit einer Gebärde winkte er ihn in die Küche.

Heppner trat ein und zog die Tür hinter sich zu. Das Licht blendete ihn. Er blinzelte träge und glaubte im Schein der Lampe zwei blinkende Revolver auf dem Tische liegen zu sehen.

»Du hast gestern meine Frau geküßt?« fragte der Vizewachtmeister halblaut. »Nicht wahr?«

Heppner nickte. Ja, ja. Was wollte der törichte Mensch nur jetzt damit? Natürlich hatte er die Frau geküßt. Und er gedachte, es gelegentlich abermals zu tun. Und noch mehr.

»Deshalb mußt du dich mit mir schießen,« fuhr der andere fort. »Mann gegen Mann! Willst du?« 514

Wiederum nickte der Wachtmeister stumm. Warum auch nicht? Die vornehmen Leute hielten es ja auch so.

»Ist es dir recht, wenn wir die Sache gleich abmachen?«

Heppner nickte zum dritten Male. Es war ihm alles recht, wenn er nur bald zur Ruhe kam.

Heimert faßte die Kolben der beiden Revolver mit der einen von seinen großen Händen. Mit der anderen zeigte er über die Schulter hinter sich nach dem Fenster.

»Wir werden da hinaufgehen,« sprach er. »Da ist Platz genug. Und hier, unsere beiden Revolver werden wir nehmen. Sieh her, ich lade sie, jeden mit einer Patrone.«

Dicht vor Heppners Augen führte er die Patronen in die Walze ein. Der blanke Messingboden der Hülsen glänzte inmitten des matten Stahls. Darnach sicherte er die Waffen wieder.

Er packte sie bei den Läufen und hielt dem Wachtmeister die Kolben hin.

»Nun wähle!«

Heppner griff langsam mit der Rechten nach dem Revolver, den der andere in der linken Hand hielt.

Der Vizewachtmeister hielt die ihm gebliebene Waffe in den Schein der Lampe und las die Nummer ab.

»Ich habe deinen,« sagte er, »du hast meinen. Und nun wollen wir warten, bis der Posten um die Ecke ist.«

Er beugte sich vorsichtig aus dem Fenster hinaus und hielt Umschau.

Der Mond stand fast im Zenit des Himmels. Häuser, Bäume und Sträucher warfen nur ganz kurze Schatten. Die Schildwache bummelte langsam am 515 Zaune des Sprunggartens hin. Sie hatte das Seitengewehr in die Scheide gesteckt und die Hände tief in die Hosentaschen vergraben. Im Gehen pfiff sich der Lümmel eins. Ab und zu blieb er stehen, um einen Stein vom Wege zu schnellen oder um laut zu gähnen. Dann hob er den Kopf empor, und der Mond schien ihm in den weitoffenen Mund.

Endlich verschwand der Posten um die Ecke des Stabsgebäudes.

»Jetzt!« flüsterte Heimert. »Geh du voraus! Bind' aber erst den Säbel ab!«

Und gehorsam schnallte Heppner sein Wehrgehenk ab. Er schob den Revolver behutsam in die Rocktasche und schwang sich aus dem Fenster. Es geschah nicht zum ersten Male, und für einen einigermaßen gewandten Menschen war der Sprung von der etwa mannshohen Mauerleiste auf den weichen Rasen hinab ein Kinderspiel. Übrigens konnte man sich auch an dem starken Eisenband des Blitzableiters hinablassen, das neben dem Küchenfenster mit starken Diebeln in die Mauer eingefügt war.

Heppner sprang rückwärts ab und taumelte schwerfällig ein paar Schritte zurück.

Der Vizewachtmeister hatte im Nu die Lampe gelöscht und folgte ihm.

Nebeneinander, wie zwei gute Kameraden, stiegen die beiden Wachtmeister den Pfad zur Höhe hinan, Heimert ruhig und gleichmäßig ausschreitend, Heppner mit unsicheren Knieen und keuchender Brust, unwillkürlich mit dem anderen Schritt zu halten suchend.

Sie tauchten in dem tiefen Schatten des Gehölzes unter und traten nach kurzer Zeit oben auf der Höhe in den hellen Mondenschein hinaus. Die strahlende Scheibe stand ihnen gerade zu Häupten. 516

Der Vizewachtmeister ging bedächtig den Weg entlang bis zu der Stelle, wo jede Steigung aufhörte und der Boden ganz eben verlief.

»Hier ist, dächte ich, der beste Platz,« sagte er.

Er zog mit dem schweren bespornten Absatz seines Reitstiefels eine Furche in die lehmige Erde.

»Willst du hier stehen bleiben?« fragte er den Wachtmeister.

Heppner trat wortlos an den Strich heran. Er richtete sich sorgfältig ein, so daß seine Fußspitzen gerade den aufgewühlten Boden berührten.

Heimert aber schritt die zehn Schritte ab, nicht Sprungschritte, wie es nach den Duellregeln geschehen muß, sondern einfache, mäßig große Gehschritte, etwa fünfundsiebzig Zentimeter weit. Nach dem zehnten Schritt machte er Kehrt, und sein Absatz ritzte abermals die Erde.

Die beiden Gegner standen sich gegenüber, durch den grauenhaft winzigen Zwischenraum von kaum acht Metern getrennt.

»Spann' den Hahn, Heppner!« rief Heimert hinüber.

Und der Wachtmeister tat, was der andere befohlen hatte. Er wußte nicht, daß es hier um Tod und Leben ging. Er handelte wie im Traume.

Mit einem Male stieß Heimert einen Fluch hervor. Da stellte sich zuguterletzt ein Hindernis ein, an das er gar nicht gedacht hatte, das aber den ganzen Plan über den Haufen werfen mußte!

Wie sollte man schießen?

Nach Zählen doch jedenfalls. Er hatte vorgehabt zu zählen »eins«, dann nach der Uhr ein paar Sekunden, »zwei«, wieder ein paar Sekunden, »drei.« Und zwischen eins und drei durfte man schießen. Aber 517 zum Teufel! Er konnte doch nicht zielen, wenn er die Uhr in der Hand hielt und die Sekunden vom Zifferblatt ablesen mußte!

Unschlüssig schaute er auf die Uhr hinab. Das war doch rein zum Tollwerden, dieser Streich, der ihm da gespielt wurde!

Plötzlich kam ihm ein Gedanke. Der Zeiger zeigte gerade zwei Minuten vor drei Uhr. In zwei Minuten mußten also die drei Stundenschläge von der Kasernenuhr herüberschallen. Das war dann so gut, als wenn gezählt wurde.

Mit lauter Stimme sprach er zu dem Gegner hinüber: »Paß' auf, Heppner, was ich jetzt sage! In zwei Minuten schlägt es drüben drei, dreimal, nicht wahr? Beim ersten Schlage dürfen wir den Revolver hochnehmen, vorher halten wir ihn zu Boden gerichtet. Zwischen dem ersten und dritten Schlage dürfen wir schießen, auf den dritten schon nicht mehr. Hast du verstanden, und ist es dir recht?«

Zum ersten Male gab der Wachtmeister einen Laut von sich. Er antwortete: »Jawohl!«

Seine Stimme klang heiser, und er räusperte sich hinterher ein wenig.

»Schön,« versetzte Heimert, »dann sind wir im reinen.«

Er stellte sich an seinen Platz und blickte unverwandt geradeaus.

Der Mond strahlte vom klaren Himmel herab. Eine einzige lichte Wolke schwamm auf dem dunklen Grunde. Sie sah wie ein milchweißer Nachen aus.

An das Ende der Wolke hatte sich ein ganz dünner Nebelstreifen angeheftet, er zog beständig hinter ihr drein, wie das Kielwasser eines Kahnes.

Heppner sah der Wolke nach. Er suchte zu 518 überlegen, wie er hierher an diesen Ort gekommen war, auf die Höhe, in den Wald, so mitten in der Nacht. Er konnte sich nicht zurecht finden. Und vor allem lastete eine bleierne Müdigkeit auf ihm. Er hätte sich niedersetzen mögen, und wenn es auf die blanke Erde sein mußte.

Rings lag die schweigende Nacht.

Die Sekunden schlichen träge voran.

Plötzlich schrie ganz in der Nähe in einem Baumwipfel ein Nachtvogel, und gleich darauf dröhnte der erste Schlag der Uhr von der Kaserne herüber.

Der Wachtmeister fuhr jäh in die Höhe. Mit plötzlich erwachten Sinnen blickte er um sich. Ihm gegenüber stand Heimert, den Revolver in der Hand, und er selbst fühlte auch einen Kolben in seiner Rechten.

Aber das war ja alles Torheit! Das war ein Verbrechen! Er wollte »halt!« rufen. Jetzt war diese Narretei unmöglich. Wenn ihm etwas geschah, dann war er verloren. Es fehlte ja Geld in der Batteriekasse. Mindestens mußte er das erst ersetzen.

Schon der zweite Schlag. Halt! Halt!! – Warum war ihm die Kehle zugeschnürt?

Heimert sah ihn sich aufrichten. Er meinte, der Gegner wolle schießen und hob schnell seinen Revolver empor. Der Zeigefinger zuckte nach der Zunge des Abzugs. Der Schuß knallte, und fast gleichzeitig schlug drüben die Uhr zum dritten Male.

Heppner stand noch einen Augenblick. Der Revolver klirrte zu Boden, die linke Hand griff tastend nach der Brust. Dann stürzte die hochaufgereckte Gestalt wie eine leblose Masse schwer vornüber.

Im Liegen lief ein heftiges Zittern durch die Glieder. Der Körper bäumte sich und streckte sich, 519 drehte sich um sich selbst und fiel dumpf auf den Rücken.

Darnach war alles still.

Heimert stand immer noch an seinem Platze. Die Hand mit dem Revolver war ihm langsam niedergesunken und hing nun schlaff am Körper herab. Von dem Leichnam drüben glitt sein Blick zu dem Barrierenstrich vor seinen Füßen. Er hatte ihn nicht überschritten.

Es war alles nach Gebrauch und Recht zugegangen.

Endlich löste er sich aus seiner Erstarrung. Er überwand sich, die kleine Furche in dem lehmigen Boden zu überschreiten und trat zu dem Gegner hin. Seine Schritte waren schwer und tappend. Es schien ihm, als ob seine Sohlen an der Erde hafteten.

Der Wachtmeister war tot. Daran war nicht zu zweifeln. Aus der linken Brust sickerte ein wenig Blut. Nur ein ganz winziges Loch hatte es gegeben. Der Kopf war zurückgeworfen. Die weit offenen Augen des Toten starrten in den Mondschein.

Heimert drückte ihm leise die Lider zu. Er verweilte noch eine Zeitlang mit gefalteten Händen bei dem Leichnam und murmelte ein stilles Vaterunser. Dann schickte er sich zum Abstieg an.

Aber er schien sich auf etwas besonnen zu haben. Er tauchte wieder aus dem Schatten der Bäume hervor und kniete zu dem Wachtmeister nieder. Sorgfältig legte er seinen abgeschossenen Revolver an die Stelle der noch geladenen Waffe, die Heppner im Falle entglitten war.

Als er aufstand, huschte ein unsicherer, verschmitzter Ausdruck über sein Gesicht.

Zwischen den weißen Stämmen des jungen 520 Birkenholzes hindurch spähte er nach der Schildwache aus. Sie mußte durch den Knall aufmerksam geworden sein, und es galt verdoppeltes Aufmerken, um ungesehen wieder in die Kaserne zurückzugelangen.

Der Posten schaute angestrengt nach dem Walde hinüber, in dem der Schuß gefallen war. Den Kopf immer nach dem Abhang gewandt, schritt er zum Tor. Er wartete auf die Ablösung.

Als der aufführende Gefreite und die Ablösung erschienen, machte er seine Meldung. Er wies dabei ein paarmal auf den Wald. Der Gefreite zuckte die Achseln und fragte zurück. Schließlich verschwand er mit dem abgelösten Posten hinter dem Tor. Die Flügel klappten aufeinander, und das Schlüsselbund klirrte beim Schließen.

Die neue Wache lauschte eine Weile hinter den Schritten der Kameraden her. Dann bummelte sie gemächlich ihren Weg entlang, zuweilen nach dem Abhang hinüberspähend. Sie nahm sich Zeit auf ihrem Patrouillengang, und es währte endlos lange, bis sie um die Ecke des Stabsgebäudes bog.

Heimert nützte die günstige Gelegenheit. Geschwind war er den Pfad nach der Kaserne hinabgerannt. Er zog sich mit ein paar Klimmzügen am Blitzableiter in die Höhe, die Füße erreichten die Mauerleiste, und gleich darauf stand er aufatmend in der Küche.

Er brauchte kein Licht anzustecken. Der Mond war über das Gebäude vorgerückt und warf helle Lichtstreifen durch das Fenster. Die kleinen Gärten dicht an der Mauer, Albinas weißgestrichene Laube und darüber hinaus das Birkengehölz und der bewaldete Abhang, – alles war hell beschienen.

Ein Mondstrahl traf auf etwas Glänzendes, das 521 lose wider die Lehne des Küchenstuhls gestützt war. Heppners Säbel war es.

Heimert nahm ihn vorsichtig auf und hängte ihn im Flur an den Haken.

Einen Augenblick lang stand er lauschend still. Bei den Heppners weinte das Kind. Man hörte deutlich das beruhigende »psch, psch« der Frau.

Auf den Fußspitzen schleichend trat er zurück. Er zog die Tür geräuschlos ins Schloß und machte sich hastig an das Auskleiden. Behutsam legte er sich auf sein Lager; er regte sich nicht, damit nicht etwa die Bettstelle stöhnte oder knarrte.

Seine Vorsicht war überflüssig; Albina hatte einen festen Schlummer. Ein Erdbeben konnte neben ihr eine Welt zertrümmern, ohne daß sie erwachte.

Der Vizewachtmeister lag und lauschte. Nur das Klopfen seines Herzens hörte er, und von drüben klang das Weinen des Kindes durch die Türen gedämpft herüber.

»Witwe und Waise« kam ihm in den Sinn.

Die klägliche Stimme verklang allmählich. Der Knabe war wohl eingeschlafen. Vielleicht hatte ihn auch die Mutter an die Brust genommen.

Der Vater aber lag oben auf dem Wege, mit dem mächtigen Körper die ganze Breite des Pfades sperrend.

Das Licht des Mondes verblich in der Morgendämmerung, und die Sonne stieg hinter den Hügeln jenseits des Tales auf.

Überall verbreitete sie Licht und Leben, Glanz und Schönheit.

Auch in dem Antlitz des toten Mannes verrichtete sie ihr freundliches Werk. 522

Das Entsetzen, das in der Nacht darauf ausgeprägt gewesen war, milderte sich in ihren Strahlen und machte im warmen Tageslicht einem fast friedlichen Ausdrucke Platz. – –

Der dicke Regimentszahlmeister Schellhorn, dem Oberstabsarzt Andreae die alljährliche Karlsbader Frühlingskur verordnet hatte, fand bei seinem gemächlichen Morgenspaziergang den Weg plötzlich durch den Leichnam verlegt.

Er eilte zur Kaserne und schlug Lärm.

Nach Feststellung des Tatbestandes wurde der Tote aufgehoben. Vier Kanoniere trugen auf einer Krankentrage den schweren Körper den Berg hinab und legten ihn in der Wohnung auf das Bett.

Das arme Weib sah ihnen mit irren Augen zu.

Man konnte über den Fall gar nicht im Zweifel sein. Es handelte sich um Selbstmord. Die Schußrichtung, die bei der Sektion des Leichnams festgestellt wurde, sprach mindestens nicht gegen diese Möglichkeit. Aber das untrüglich Beweisende lag darin, daß der Beweggrund zur Tat nur zu klar war. In den verschiedenen Abteilungen der von dem Toten verwalteten Kasse fehlten insgesamt etwa einhundertundzwanzig Mark.

Wachtmeister Heppner hatte sich aus Furcht vor Entdeckung erschossen.

Und nachts drei Uhr war die Tat geschehen. Das war durch die Meldung festgestellt, die sich im Wachtbuche fand: »Der Posten am hintern Tor, Kanonier Vieweg, meldet, daß er beim Schlage drei Uhr im Wäldchen hinter der Kaserne einen Schuß hat fallen hören. Irgendwelche Geräusche vor- oder nachher hat er nicht vernommen.« 523

Der Oberst, Major Schrader und Hauptmann von Wegstetten kamen überein, den Fall, abgesehen von dem unerläßlichen Bericht an die höheren Kommandostellen, nicht laut werden zu lassen. Schrader ersetzte stillschweigend die fehlende Summe.

Die Spielkumpane Heppners wurden ernstlich verwarnt. Wachtmeister Blechschmidt, der am stärksten belastet schien, erhielt die dienstliche Mitteilung, daß er auf weitere Kapitulation nicht rechnen dürfte.

Der Witwe endlich redete man vor, ihr Mann habe sich in einem Anfall geistiger Umnachtung das Leben genommen.

Die kräftige Frau schickte sich mutig in ihr Los. Sie hatte zwei starke Arme, und auf dem Lande wartete immer irgend eine Arbeit. Wer sich nicht scheute herzhaft zuzugreifen, der fand da sicher ein Unterkommen, und bei einer so tüchtigen Wirtschafterin, wie sie es war, nahm man auch gern ein Kind mit in Kauf.

Und aufrechten Hauptes schritt sie durch das Kasernentor. Das Kind trug sie im Arm.

Um die Zukunft war ihr nicht bange.

* * *

Vizewachtmeister Heimert rückte wenige Tage nach dem Begräbnis in die Stelle Heppners auf.

Es machte ihm eine ganz ungeheure Mühe, sich in die neuen Obliegenheiten einzuarbeiten, und doch konnte es nicht leicht einen Menschen geben, der seinen Geschäften eifriger und gewissenhafter nachkam.

Hauptmann von Wegstetten verging manchmal vor Ungeduld, wenn ihm sein Wachtmeister so gar nicht entgegenkam. Mit bloßen Andeutungen oder Hinweisen war dem schwerfälligen, wohl auch etwas beschränkten Kopfe Heimerts zu viel zugemutet. Man mußte ihm 524 alles bis in das Kleinste darlegen und zeigen. Wenn er aber einmal etwas begriffen hatte, erwies er sich als der verläßlichste und pünktlichste Ausarbeiter.

Am liebsten saß der Wachtmeister im Dienstzimmer vor seinem Schreibtische. Um Albina kümmerte er sich seit seiner Beförderung wenig. Er legte ein sonderbares, scheues Betragen gegen sie an den Tag und vermied es, mit ihr länger als nötig allein zu sein. Die Frau ließ ihn bei seinen seltsamen Launen und entbehrte die früher nur allzu häufigen Zärtlichkeiten des ungeliebten Gatten ohne Bedauern.

Noch lange nach Zapfenstreich brannte die Lampe im Batteriedienstzimmer. Die Schildwachen blieben stehen, wenn sie unter dem erleuchteten Fenster vorüberpatrouillierten, und dachten verwundert: braucht denn dieser Wachtmeister mit der Riesennase gar keinen Schlaf?

Und Heimert schrieb, stundenlang, bis tief in die Nacht hinein, langsam Buchstaben an Buchstaben, Zahl an Zahl reihend.

Die Listen und Meldungen von seiner Hand stellten zugleich kalligraphische Meisterwerke vor.

Käppchen, der Batterieschreiber, der doch selbst auf seine saubere Handschrift stolz war, betrachtete sie mit Bewunderung.

»Alle Achtung, Herr Wachtmeister,« sagte er, »das sieht wahrhaftig aus, als ob es gestochen wäre.«

Heimert nickte und antwortete gleichgültig: »Nun ja, wenn man sich Zeit nehmen kann.«

»Aber Herr Wachtmeister sollten doch in der Nacht nicht solange wach bleiben!« fuhr Käppchen fort: »Herr Wachtmeister sehen schlecht aus!«

»Wieso?« 525

»Nun, um die Augen und so. Herr Wachtmeister müßten sich mehr Schlaf gönnen.«

»Ich brauche nicht mehr,« erwiderte Heimert.

Nun, wenn der Wachtmeister guten Rat nicht annehmen wollte, – Käppchen war es zufrieden. Er konnte sich keine bequemere Zeit wünschen. Heimert schrieb am liebsten alles selbst und ließ sich ohne Widerstreben immer noch mehr Arbeit zuschieben. Um so mehr durfte sich dann der Batterieschreiber auf die faule Haut legen.

Allmählich gelangte Käppchen zu der Meinung, bei dem Wachtmeister müßte irgendwo im Kopfe eine Schraube oder ein Schräubchen locker sein. Ein vernünftiger Mensch rieb sich doch nicht so ohne Not auf.

Und dann hatte Heimert gewisse Schrullen. Er konnte rasend werden, wenn man ihm den buntbemalten Federhalter hinlegte, den noch Heppner benutzt hatte, oder wenn das Erbstück Heppners, der Briefbeschwerer aus dem Bodenstück einer Granate, vor ihm auf dem Pulte lag. Einen richtigen Wutanfall bekam er dann. Gleichwohl rührte er die Gegenstände nicht an. Der Hilfsschreiber mußte sie fortnehmen, und er verbat sich streng, daß der Halter oder der Briefbeschwerer noch einmal auf seinem Platz zu liegen kämen.

Käppchen indessen machte sich zuweilen den Spaß, ihm zu einer eiligen Unterschrift »aus Versehen« den bunten Federhalter in die Hand zu spielen. Der Wachtmeister sah mit den wütenden Augen und mit dem geröteten Gesicht, in dem die Nase der dunkelroteste Punkt war, gar zu drollig aus. –

Aber die Tage waren dem Wachtmeister immer noch zu lang. 526

Am Ende war auch einmal das Schreibwerk erledigt, und es blieb doch noch müßige Zeit.

Er war nicht verlegen um einen Ausweg.

Beim Bespanntexerzieren hatte er bisher als Vizewachtmeister den dritten Zug geführt. Nun fiel ihm als Wachtmeister ein ganz anderer Platz in den Formationen zu. Die Sache war eigentlich viel leichter als vorher. Aber es schien, als begriffe er in dieser letzten Zeit doppelt schwer. Er wußte zuweilen nicht, wohin er gehörte, und wenn ihn dann Wegstetten tadelte, drückte ihn das schwer darnieder. Machte es nicht auch einen ganz miserablen Eindruck, wenn nicht einmal der Wachtmeister, der älteste Unteroffizier der Batterie, seinen Kram verstand?

Wenn er, mit zugehaltenen Ohren und tief über das Buch geneigt, im Exerzierreglement büffelte, liefen ihm die Gedanken bald wirr durcheinander. Er konnte sich kein rechtes Bild von allen diesen Bewegungen machen. Deshalb griff er zum Schnitzmesser und formte sich mit unendlicher Mühe aus weichem Holz kleine Gebilde, die in groben Umrissen die Geschütze, die Munitionswagen und die einzelnen Reiter darstellten. Diese zierlichen Figuren malte er verschiedenfarbig an, so daß sie nicht mehr zu verwechseln waren, den Batteriechef, die Zugführer, den Wachtmeister, die Trompeter, den schließenden Unteroffizier und den Wagenführer. Und nun ließ er sie auf der Tischplatte exerzieren, aufmarschieren und wieder abbrechen, Zugskolonnen bilden und schwenken, und immer richtete er das Hauptaugenmerk darauf, daß sich der gelbgestrichene Wachtmeister am rechten Platze befand.

Wegstetten hatte wirklich nach kurzer Zeit nicht mehr über den Wachtmeister zu klagen, er fand ihn 527 beim Exerzieren stets an der richtigen Stelle. Heimert aber spielte weiter mit seinen Figuren. Für diese hölzernen Geschütze und Reiter war er nun Batteriechef. Er ruhte nicht, bis er seine winzige Truppe in ebenso tadelloser Verfassung sah wie der Hauptmann die sechste Batterie, und er verteilte Lob und Tadel nach Verdienst. –

Albina schüttelte den Kopf zu dem Treiben ihres Gatten.

Der Mann war krank, das stand bei ihr fest. Sie redete ihm anfangs zu, sich vom Arzte untersuchen zu lassen, aber Heimert wies sie rauh zurück.

»Gott sei Dank!« sagte er. »Mir fehlt es nirgends. Wenn nur jeder so gesund wäre wie ich!«

Da ließ sie ihn in Ruhe. Nach ihrer Ansicht zehrte eine schleichende Krankheit an ihm. Über kurz oder lang mußte das Leiden zum Ausbruch kommen.

Heimert nahm kaum mehr Speise und Trank. Er war von je rechtschaffen häßlich gewesen, aber jetzt schrak man vor diesem Gesicht zurück. Die ehedem gesundfarbige Haut war fahl und grau geworden, die Augen lagen tief in den Höhlen und hatten einen stechenden Blick angenommen, und mitten aus diesem aschfarbenen Gesicht sprang die schreckliche Nase hervor.

Albina seufzte. Wahrhaftig, mit diesem Manne konnte man keinen Staat machen. Es war nur ein Glück, daß er sich von ihr fern hielt.

Aber dabei langweilte sie sich auf die Dauer fürchterlich.

Rein aus Langeweile fing sie an, sich frisieren zu lassen.

Der Barbier, der den Wachtmeister jeden Morgen rasierte, hatte sich dazu erboten, indem er eine 528 schmeichelhafte Bemerkung über das prachtvolle, gar nicht genügend zur Geltung kommende Haar der »gnädigen Frau« einfließen ließ.

Albina war bisher stolz an ihm vorübergegangen. Ein Barbier war eigentlich Luft für sie. Nun betrachtete sie sich ihn genauer. Er schien ihr ein höflicher, angenehmer junger Mensch zu sein.

Dichte dunkle Locken zierten sein Haupt. Auf der einen Seite war die Fülle des Haars zierlich hochgekämmt, auf der anderen sorgsam mit Pomade an den Kopf geschmiegt. Diese Frisur hatte etwas Apartes, besonders inmitten der kurz geschorenen Unteroffiziers- und Soldatenköpfe. Ein Paar flotte Backenbärtchen erinnerten ein wenig an Albinas österreichische Heimat. Dazu trug sich der junge Mann stets sehr elegant. Die Wäsche und die Kleider waren nur nicht immer ganz sauber, – mein Gott, das war bei einem Barbier am Ende kein Wunder! Wie leicht spritzte nicht eine Flocke Seifenschaum aus dem Becken heraus?

Und unterhaltend war er.

Er besaß einen Erlaubnisschein vom Regiment und kam überall in der Kaserne herum. Von allen möglichen Leuten wußte er die interessantesten Dinge zu erzählen.

»Nicht wahr, gnädige Frau,« pflegte er zu sagen, »ein Barbier gehört doch halb und halb zur Familie? Er sieht die Leute gewissermaßen im Negligé. Da erfährt man so manches, ganz sonderbare Sachen zuweilen. Aber natürlich verbietet einem die Berufsehre, das alles wieder auszuplaudern. Nur so kleine, belanglose Sächelchen darf man doch weiter erzählen? Es macht den Kunden Spaß. Das ist doch erlaubt? Nicht wahr, gnädige Frau?« 529

Albina pflichtete ihm gern bei.

Das war doch wenigstens ein Mensch, mit dem man ein vernünftiges Wort reden konnte. – –

Eines Morgens sprengte der Hauptmann beim Exerzieren an den Wachtmeister heran.

»Sie müssen sofort nach Hause, Wachtmeister!« rief er. »Der Major will die Verpflegungsausweise vom letzten Manöver auf die Abteilung haben. Es stimmt da irgend was nicht. Suchen Sie die Papiere heraus und schicken Sie sie sofort hinüber.«

»Jetzt gleich?« fragte Heimert.

»Ja doch, ja doch! Machen Sie, daß Sie fortkommen!«

Der Wachtmeister trabte nach Hause. Mit dem Helm auf dem Kopfe und mit dem Säbel an der Seite ging er ans Suchen. Käppchen trug die Ausweise auf das Abteilungsdienstzimmer.

Darnach betrat Heimert seine Wohnung.

Im Schlafzimmer traf er Albina mit dem Barbier zusammen. Das schamlose Weib hatte sich so sicher gefühlt, daß es nicht einmal den Riegel vor die Tür geschoben hatte.

Der Galan entwich gewandt durch das Fenster.

Albina war nicht so flink. Heimert packte sie und schleifte sie so, wie sie gerade war, nur mit der Nachtjacke und einem dünnen Unterrock bekleidet, durch die Tür.

Die Jacke zerriß. Nur die Fetzen blieben ihm in der Hand.

Da faßte er ihr in den dicken Haarschopf. Sie schrie. Aber er stieß sie vor sich her auf den Flur.

An einem Haken hing eine Klopfpeitsche. Im Vorübergehen riß er sie herunter, und nun sauste ihr die lederne Schlaufe in rasenden Schlägen auf den 530 Kopf, auf die nackten Schultern und darüber hinweg auf die entblößte Brust.

Das Weib stieß ein gellendes Wehgeheul aus. Die wenigen Mannschaften, die vom Exerzieren zurückgeblieben waren, liefen herbei und sahen mit offenem Munde zu.

Die Peitsche zog dunkelrote Striemen in die glatte Haut, und immer schneidender klang das Geschrei der Frau.

Aber Heimert schleppte sie die Treppe herunter auf den Kasernenhof. Sie stolperte auf den Stufen und verlor die Schuhe.

Gleichviel. Sie mußte weiter.

Wenn sie nicht gehen wollte, klatschte ihr die Peitsche um die Füße, an die Knöchel und in die Kniekehlen.

Heulend duckte sie sich nieder. Mit den vorgehaltenen Armen wollte sie die Schläge abwehren.

Der Mann riß sie wieder in die Höhe. Sie stürzte, und abermals wurde sie von der erbarmungslosen Faust am Haar emporgezogen.

Von den Schultern floß Blut, und immer noch sausten die Hiebe hageldicht herab.

Endlich, am hinteren Tor, löste sich der eiserne Griff, der ihr beinahe die Kopfhaut vom Schädel zerrte. Ein letzter, rasender Schlag zerriß ihr das Hemd, spaltete ihr die Haut und tränkte die herabhängende weiße Leinwand blutrot. Sie stand, die zerschundenen Hände über dem Kopf gefaltet, die Augen geschlossen und mit zitternden Knieen.

Plötzlich fühlte sie sich frei. In langen Sprüngen erreichte sie den Waldsaum.

Heimert war stehen geblieben und blickte ihr starr nach. 531

Am Abhang drehte sich das Weib noch einmal um. Der nackte Oberkörper glänzte im hellen Sonnenlicht, und das zerraufte Haar hing ihr tief in die Stirn. Sie schüttelte die bloßen Arme wild gegen den Wachtmeister und schrie ihm eine gräßliche Verwünschung, ein entsetzliches Schimpfwort, ins Gesicht.

Dann verschwand sie im Gehölz.

Heimert schaute mit stumpfen Blicken hinter ihr drein, bis in dem grünen Laub nichts mehr von ihrem weißen Zeug zu sehen war.

Dann kehrte er mit festen Schritten in seine Wohnung zurück. – –

Wegstetten befahl, ihn für diesen Tag nicht zu stören. So etwas machte ein Mann am besten mit sich allein aus.

Aber als sich der Wachtmeister auch am nächsten Tage nicht sehen ließ, schickte er Käppchen nach ihm aus.

Der Batterieschreiber kam verstört zurück und meldete: »Herr Hauptmann verzeihen, – ich glaube, der Wachtmeister ist verrückt geworden.«

»Mensch, Sie sind's selber!« fuhr der Hauptmann auf.

Er ging selbst hinüber in die Wohnung.

Heimert saß am Tische und hatte seine hölzernen Kanonen und Reiter vor sich. Mit lächelnder Miene ließ er sie exerzieren. Er selbst gab die leisen Kommandos dazu.

Seinen Batteriechef schien er nicht zu erkennen. Als Wegstetten ihn ansprach, sah er stumpfsinnig zu ihm auf.

»Kennen Sie mich nicht, Wachtmeister?« fragte der Hauptmann. 532

Heimert blickte ihn lächelnd an und zeigte auf die Pferdchen.

»Ich frage Sie, Wachtmeister, ob Sie nicht Ihren Batteriechef kennen?« fragte Wegstetten noch einmal.

Der Wachtmeister schüttelte grinsend den Kopf. Dann setzte er sich einfach nieder, und die Geschütze mußten aufmarschieren, eins vom andern in gleichem Abstand und die Zugführer und Einzelreiter an ihrer Stelle. – –

Heimert wurde in die Landesirrenanstalt gebracht.

Nur wenn ihm Frauen zu nahe kamen, begann er zu toben. Im übrigen war er ein sehr gutartiger Kranker.

Er kannte nichts Lieberes, als mit einem hölzernen Spielzeug zu spielen. Es war ihm von außen mitgegeben worden und stellte Kanonen und allerlei Reiter vor. 533

 

 


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