Franz Adam Beyerlein
Jena oder Sedan?
Franz Adam Beyerlein

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XIV.

Nach anderthalbjähriger Dienstzeit war Gustav Weise zum Gefreiten ernannt worden. Hauptmann von Wegstetten glaubte, es mit dem früheren Sozialdemokraten versuchen zu dürfen, und der Gefreite Weise bekam noch das Recht, die Kapitulantenschnüre um die Achselklappen zu legen.

Aber es fehlte immer mehr an Unteroffizieren.

Sergeant Wiegandt war mit dem ersten April abgegangen, Wegstettens bester Unteroffizier und der überglückliche Gatte seiner strahlenden Frieda. Er wäre in allerkürzester Frist Vizewachtmeister geworden, aber nicht einmal diese Aussicht hatte ihn zu halten vermocht. Zu Michaelis lief die Kapitulationszeit von zwei anderen Unteroffizieren ab, Heppner war tot, Heimert saß im Irrenhaus, überall schon waren fremde Gesichter statt der altgewohnten, erprobten, aufgetaucht. Und trotzdem waren es nicht genug.

In dieser Verlegenheit besann sich der Batteriechef auf Vogt. Das war ein ehrlicher, braver Bursche, auf den man sich verlassen konnte. Alle Vorgesetzten lobten ihn, und außerdem mußte in dem Menschen doch auch ein Tröpfchen väterlichen Bluts fließen, er mußte doch wenigstens etwas von seinem Vater haben, von diesem wackeren, alten Feldwebel mit seinem Eisernen Kreuz und seiner Tapferkeitsmedaille. 586

Aber Vogt zeigte sich gar nicht übermäßig bereitwillig. Jeder Pflug am Wegrande und jede Sense, die er in der Hand eines Knechtes ihre scharfe Arbeit verrichten sah, erweckte in ihm das Heimweh nach seiner bäuerlichen Beschäftigung. Er trug den Soldatenrock froh und ganz gern. Das ging ja doch nicht anders, und das Gegenteil hatte ihm die Geschichte nur noch saurer gemacht. Aber länger als nötig darin zu bleiben, – dazu verspürte er wenig Lust.

Nun, Wegstetten wußte seine Leute zu nehmen. Er verstand es ausgezeichnet, dem Kanonier die Ehren und Vorteile der Unteroffizierslaufbahn mundgerecht vorzustellen und versäumte nicht zu erwähnen, wie sehr sich der Vater daheim freuen würde, wenn der Sohn gleich ihm die Tressen trüge.

Vogt fragte den Vater um Rat, und der Chausseegeldereinnehmer schrieb zurück: »Schlag' in die Hand ein, die Dir Dein Hauptmann hinhält. Mich freut's als alten Soldaten, daß ich auch meinen Jungen als Unteroffizier sehen soll. Um mich sorge Dich nicht. Die Freude, die Du mir bereitest, macht mich jung und stark, so daß ich ohne Hilfe das Feld in Ordnung halten kann, bis Du einmal zurückkehren willst.«

So kapitulierte Vogt auf ein Jahr.

Aber fast in dem Augenblicke, in dem er sich gebunden hatte, reute ihn auch sein Entschluß schon wieder.

Seit sein guter Kamerad Klitzing gestorben war, fühlte er sich in der Batterie ganz vereinsamt. Er hatte sich an keinen sonst recht anzuschließen vermocht, und immer hatte er sich gewünscht, nur erst wieder zu Hause, beim Vater, bei dem besten aller Freunde, zu sein.

Und nun hatte er kapituliert! Er sollte also noch ein ganzes Jahr so allein bleiben? – 587

Sie paßten ja alle nicht zu ihm. Truchseß war bei aller Gutmütigkeit ein gar zu träger, stumpfsinniger Mensch. Da war am Ende Graf Plettau noch ein anderer Kerl. Man wußte zwar manchmal nicht, ob er im Ernst oder im Scherz redete, aber man konnte wenigstens ein leidlich vernünftiges Gespräch mit ihm führen. Gleichwohl, – ein ehrliches, warmes Freundschaftsgefühl hegte Vogt für den Grafen nicht.

Plettau dagegen hatte an dem derben Burschen ein aufrichtiges Interesse. Bei diesem Bauern fand er eine von der seinen so grundverschiedene Lebensanschauung, daß er aus dem Staunen gar nicht herauskam. Er selbst floh geradezu jede Art von Seßhaftigkeit, und dieser Bauer war in allen Fasern mit seinem Boden verwachsen; er wäre zu Grunde gegangen, wenn man ihn aus seiner Erde gerissen hätte.

Der Graf erzählte ihm von den Bauern seiner westfälischen Heimat, die zum Teil schon Jahrhunderte hindurch auf ihren Höfen saßen und keinen besseren Stolz kannten, als nur Bauern zu sein.

Dann leuchteten die Augen Vogts. Diese Männer von der roten Erde waren Leute nach seinem Herzen.

»Ja,« sagte er, »so müßte es überall sein in Deutschland, Bauernhof an Bauernhof! Da hätte es keine Not!«

Graf Plettau dachte, daß es mit den Zukunftsplänen des armen Wolf, der jetzt im Festungsgefängnis hinter Schloß und Riegel saß, wohl noch gute Weile haben würde, solange es solche Leute gab wie Vogt. Ihm für sein Teil lag an dem Bestehen des Staates gar nichts. Es war ihm höchst einerlei, was oben und was unten war, er schlug sich schon durch, – aber die Männer vom Schlage Vogts, das schienen ihm gar nicht verächtliche Stützen des bestehenden Staates zu sein, Leute jedenfalls, die nicht mit einem Hauch von Worten umgeblasen werden konnten. 588

Und das war wohl eine Wallung des alten Aristokratenbluts in seinen Adern: er freute sich, daß es so war. Er suchte den Kameraden in seinen Anschauungen zu bestärken und gewann ihn schließlich sogar auf seine Art lieb.

Vogt war dem Grafen, der so klug und verständig mit ihm plauderte, seinerseits sehr dankbar, aber es blieb dabei: unmöglich konnte er in ihm einen Ersatz für einen so treuen Freund wie Klitzing finden.

Der arme Teufel fühlte sich mit jedem Tage einsamer und unglücklicher im Soldatenrocke.

Es kam dazu, daß er auch im Dienst Verdruß hatte.

Hauptmann von Wegstetten und Leutnant Reimers, die doch beide ihren Kram gewiß ganz ausgezeichnet verstanden, waren stets mit ihm zufrieden gewesen, aber da war nach Ostern ein neuer Oberleutnant, Brettschneider, in die Batterie gekommen. Der hatte beständig an ihm auszusetzen und zu mäkeln.

Von Kriegsakademie kam Oberleutnant Brettschneider, und die Unteroffiziere flüsterten untereinander, daß er ein neunmal Kluger sei. Nun, sonst mochte das mit der Klugheit seine Richtigkeit haben, – unfehlbar war der Oberleutnant darum doch nicht. Es liefen ihm beim Exerzieren ebenso gut Fehler und Versehen unter wie jedem andern. Aber eins stand fest: mächtig eingebildet war er. Er stand beständig steif und kerzengerade da, als ob er einen Ladestock verschluckt hätte, und konnte den sorgfältig frisierten Kopf kaum in dem hohen Kragen drehen. Und niemals verlor sein bartloses, rotbackiges Gesicht den hochmütigen Ausdruck.

Die Mannschaften gingen ihm so viel als möglich aus dem Wege, denn es kam selten einer an ihm vorüber. ohne daß er zurückgerufen und getadelt worden wäre, und alle, die Unteroffiziere nicht ausgenommen, waren erbittert über sein hochnäsiges Wesen. 589

Zum Teufel auch! Wegstetten und Reimers machten sich gewiß nicht gemein mit den Leuten, aber wenn einmal alles recht gut gegangen war, dann hatten sie doch ein lobendes Wort und ein anerkennendes Lächeln übrig. Selbst die scharfen, grimmigen Augen des kleinen Wegstetten konnten dann ganz gemütlich dreinschauen. Aber Oberleutnant Brettschneider blieb immer abweisend und hatte immer das Lineal verschluckt.

Das empörte den ehrlichen Vogt. Gewiß tat man im Grunde nur seine verdammte Pflicht und Schuldigkeit als Soldat, aber war man nicht zugleich ein Mensch, dem für sein ehrliches Bemühen auch eine kleine Anerkennung gebührte? Mindestens war das nicht die rechte Art, ein Band zwischen Offizieren und Mannschaften zu knüpfen, das auch in schweren Zeiten sich als dauerhaft erweisen sollte.

Wahrend der Schießübung wurde er von Oberleutnant Brettschneider mehrmals getadelt. Vogt tat seinen Dienst mit einer munteren Freudigkeit und ließ sich auch hie und da einmal ein halblautes Wort fröhlicher, kameradschaftlicher Aufmunterung entschlüpfen. Das rügte der Offizier, und er würzte seinen Tadel mit der Bemerkung, wie wohl einer, der nicht einmal die ersten Gebote der Disziplin beobachte, sich erdreisten könnte, Unteroffizier werden zu wollen.

Der Kanonier steckte die Schelte ein. Er hatte es gut gemeint, als er dem langweiligen Truchseß sein »So mach' doch voran!« zurief. Andererseits ließ sich nicht bestreiten, daß Brettschneider im Rechte war: es war verboten, außer dem Notwendigsten irgendwie zu sprechen, und »notwendig« war dieser Zuruf allerdings nicht gerade gewesen.

Trotzdem blieb in Vogt das bittere Gefühl zurück, daß er ungerecht behandelt worden war. 590

Er freute sich, als nach der Rückkehr vom Truppenübungsplatz wieder der Dienstzweig an die Reihe kam, in dem er sich etwas wirklich Besonderes zu leisten zutraute, – die Herstellungsarbeiten am Geschütz. Da wollte er dem Oberleutnant zeigen, was für ein tüchtiger Kerl er war. Und diesmal verwandte man eine größere Sorgfalt als sonst auf diese Übungen. – Der Oberst selbst wollte sie sich bei der sechsten Batterie ansehen.

Auf Haltbarkeit und Schnelligkeit kam es bei den Herstellungsarbeiten an. So wurden den einzelnen Geschützen bestimmte fingierte Schäden zugeteilt, und die Mannschaften wetteiferten nun darin, sie möglichst geschwind und dauerhaft auszubessern.

Bei Vogts Geschütz sollte die Deichsel zerbrochen sein. Im Nu hatte er die starken Vorratsschienen angelegt, die in Wirklichkeit mit Nägeln hätten befestigt werden müssen, und dann reihte er Schlinge um Schlinge die derben Bindestränge um die Bruchstelle, so daß sie wie in einen Panzer aus Stricken eingepreßt war. Eher brach die Deichsel darnach an einer anderen Stelle, als daß der Bruch noch einmal einknickte.

Er war eben fertig mit seiner Arbeit, da kam ein Kanonier gelaufen, das rechte Lafettenrad wäre so zerschossen, daß es durch ein neues ersetzt werden müßte.

Das war eine gehörige Schinderei. Drei Mann mußten die schwere Lafette auf der rechten Seite hoch halten und die beiden anderen das nicht minder schwere Rad auf die Achse schieben. Zu allem Pech quetschte sich der tolpatschige Truchseß beim Abnehmen des »zerschossenen« Rades, so daß nur vier Mann übrig blieben. Vogt rollte das Reserverad heran; nun wollte es nie klappen, daß die Nabe vor die Achse zu liegen kam. Für einen einzelnen Menschen war eben das schwere Rad gar zu unhandlich.

Der Schweiß lief Vogt in Strömen von der Stirn 591 und biß ihm die Augen. Aber er gab nicht nach, und schließlich hob er das Rad allein mit einer ungeheueren Anstrengung in die Höhe. Da endlich glitt es über die Achse. Nun galt es nur noch, schnell die Röhrscheibe und die Lünse über die Achse zu streifen und den Knopfriemen, der das Herausgleiten verhüten sollte, unten durch das Loch der Lünse zu ziehen. Das geschah mit bebenden Fingern.

Vogt richtete sich auf. Gottlob! von den anderen fünf Geschützen war noch keines so weit wie das seine. Und dabei hatte das seine die schwierigsten Aufgaben gehabt! Er ließ seine Leute stillstehen und rannte zum Oberleutnant Brettschneider hin, um ihm die Vollendung der Arbeit zu melden.

Brettschneider stand am Rande des Exerzierplatzes im Schatten des Heergeräteschuppens und unterhielt sich mit Oberleutnant Reimers.

Während des Laufens merkte Vogt erst, wie sehr er sich angestrengt hatte. Das Herz klopfte ihm zum Zerspringen, und die Beine zitterten ihm ordentlich. Mit dem Handrücken wischte er sich den Schweiß von der Stirn, und er zog noch den Fuß zu der vorschriftsmäßigen Stellung heran, da meldete er auch schon: »Sechstes Geschütz fertig. Deichsel geschient und Reserverad eingesetzt.«

Wie durch einen Schleier sah er, daß Oberleutnant Reimers, der in der jüngsten Zeit stets sehr ernst dreinschaute, ein wenig lachte, wohl über sein erhitztes Gesicht.

Dann hörte er plötzlich die scharfe, hohe Stimme Brettschneiders.

»Stellen Sie sich gefälligst erst anständig hin, Gefreiter Vogt, wenn Sie mir etwas zu melden haben!« schalt sie.

Vogt stellte sich zurecht und wiederholte seine Meldung.

Nun aber begann ihn der Oberleutnant erst zu 592 korrigieren. Er ließ ihn die rechte Schulter höher nehmen, die Mütze gerade rücken, die Spitzen der kleinen Finger an die Hosennaht pressen und die Füße weiter auseinander stellen.

Und alles das befahl er mit seiner hochnäsigen Miene, in seiner steifen Haltung, als ob er einen Ladestock verschluckt hätte.

»Drücken Sie die Kniee durch!« kommandierte er zuletzt.

Vogt fühlte, wie seine Beine zitterten. Gleichwohl hatte er gehorchen können. Aber er wollte nicht mehr.

Brettschneider befahl nochmals und lauter: »Gefreiter Vogt, drücken Sie die Kniee durch!«

Aber Vogt rührte sich nicht. Ein wilder Trotz war in ihm aufgestiegen. Diesem Laffen gehorchte er um keinen Preis.

Er hob den Kopf in die Höhe und sah dem Offizier mit einem Blicke voll offener Auflehnung ins Gesicht.

Nun schrie Brettschneider: »Gefreiter Vogt, ich befehle Ihnen, die Kniee durchzudrücken. Wissen Sie, daß Sie sonst eine Gehorsamsverweigerung, ein militärisches Verbrechen, begehen?«

Aber der Gefreite Vogt blieb unbeweglich, die trotzigen Augen fest auf den Oberleutnant gerichtet.

Brettschneider wartete noch ein paar Sekunden. Dann rief er mit gelassener Stimme einen Unteroffizier.

»Führen Sie den Gefreiten Vogt in Arrest!« befahl er.

Der Unteroffizier sah verständnislos erst Brettschneider und dann Vogt an.

Der Oberleutnant wiederholte seinen Befehl.

So nahm der Unteroffizier den Gefreiten an seine rechte Seite und verschwand mit ihm durch das Gatter im Kasernenhof. 593

Brettschneider stand wieder steif und unnahbar da und sah den Mannschaften zu, die sich immer noch bei ihren Verrichtungen mühten.

Während des ganzen Zwischenfalles hatte sich Reimers nicht gerührt. Allenfalls war er etwas blasser geworden.

Erst als der Unteroffizier und Vogt außer Hörweite waren, wandte er sich an den Kameraden: »War das nicht ein wenig zu hart, Brettschneider?«

Das bartlose Gesicht drehte sich langsam herum, und Brettschneider fragte kühl: »Wieso, lieber Reimers?«

»Aber das müssen Sie doch selbst wissen!« versetzte Reimers. »Der Mann hat sich ehrliche Mühe gegeben, er kommt zu Ihnen gelaufen und erwartet ein Wort der Anerkennung, – und er hat es auch verdient, Brettschneider! – und Sie lassen ihn so abfahren! Lust zum Soldatendienst erweckt man durch diese Art nicht gerade, meine ich.«

»Man wahrt aber die Disziplin und sorgt dafür, daß diese Bande nicht gänzlich verlottert.«

Reimers zuckte die Achseln.

»Vogt war der beste Soldat der ganzen Batterie,« beharrte er.

»Dann müßte es schlimm um die Batterie stehen!« erwiderte Brettschneider gereizt. »Der Mann begeht vor Ihren Augen eine unleugbare Gehorsamsverweigerung, und Sie verteidigen ihn noch? Danke schön!«

»Das ist mir nicht eingefallen. Ich habe nur meine höchst unmaßgebliche Meinung über die zweckmäßige Behandlung eines Soldaten geäußert.«

Darauf zog Brettschneider sein hochmütigstes Gesicht. Er lächelte sehr höflich und sagte höchst liebenswürdig: »Sie gestatten wohl, lieber Reimers, daß ich mir darüber meine eigenen Grundsätze bilde? Ja?« 594

Reimers legte die Hand an die Mütze und antwortete förmlich. »Aber selbstverständlich.«

Damit mußte diese Auseinandersetzung einstweilen für ihn zu Ende sein. Er schwieg, so gern er auch dem eingebildeten Kameraden die Wahrheit hätte sagen mögen, und sparte sich seine weiteren Einwände für die Gerichtsverhandlung auf. –

In Stube IX ging die Rede an diesem Abend lebhaft hin und her. Truchseß trug die Hand in einer Binde und wollte sich gar nicht zufrieden geben über diesen gemeinen Kerl, diesen Brettschneider. Alle waren empört über den hochnäsigen Patron, und wenn sie früher ohne viel Klage und Geschrei ihren Dienst getan hatten, so war jetzt auf einmal ein wahrer Widerwille gegen den Soldatenrock entstanden, ein wahrer Haß gegen das Militärleben, in dem man sich von jedem solchen Laffen schuhriegeln lassen mußte. Man zerbrach sich fast die Knochen dabei, und was bekam man dafür? Einen Fußtritt! Oder aber man flog ins Loch!

»Verbrenn' dir nicht das Maul, Brauer!« sagte Graf Plettau in seiner überlegenen Art zu Truchseß. »Das verstehen wir nicht. Das ist eben die feinere Erziehung zum Patriotismus! Herr Oberleutnant Brettschneider verdient eher eine Prämie, als daß ihr über ihn schimpft!«

Er selbst war außer sich über den haarsträubenden Unsinn, der vor seinen Augen geschehen war. Der bravste, pflichttreueste Mensch in der ganzen, großen Gesellschaft um einer widerwärtig albernen Kleinigkeit willen ins Unglück gejagt.

Zum Teufel! Wenn es ihm diesmal nicht sehr ernsthaft um ein Ende seiner langjährigen Dienstzeit zu tun gewesen wäre, dann hätte er gar zu gern mal diesem Herrn Oberleutnant einen Stoß in den Rücken versetzt, daß 595 der verschluckte Ladestock zerbrochen wäre, und darnach einen Schlag in das bartlose, hochmütige Gesicht. Aber nein. Das war zu dumm. In ein paar Tagen war er endlich frei; das wollte er sich nicht verscherzen.

Mit einem Male lachte er hell auf.

»Halt' euer Maul, Kerls!« sagte er. »Sonst fliegt ihr selber noch in den Kasten. Aber paßt auf! Wenn ich fertig bin mit meinen paar Tagen, dann will ich dem Herrn Oberleutnant den Orden verleihen, den er verdient.«

* * *

Der Chausseegeldereinnehmer Friedrich August Vogt betrachtete verwundert einen Brief, den ihm der Landbriefträger eben durch das kleine Schiebefenster hereingereicht hatte. Die Aufschrift trug die Hand des Jungen, aber der Stempel zeigte den Namen der Hauptstadt.

Wie kam nur der Junge dahin? Er hatte doch nichts von einem bevorstehenden Kommando geschrieben? Nun, – im Briefe mußte es ja wohl stehen.

Der alte Mann verstand das Schreiben zuerst gar nicht. Er las es zweimal und zum dritten Male durch. Endlich begriff er, was geschehen war. Er saß wie gelähmt auf seinem Stuhl und las immer wieder gedankenlos die letzte Seite des Briefes.

Der Sohn schrieb aus dem Festungsgefängnis, in das er als Untersuchungsgefangener eingeliefert worden war. Ehrlich und ohne Beschönigung erzählte er sein Vergehen.

»Heute ist mir die Anklageschrift zugestellt worden,« schloß er. »Sie lautet auf Gehorsamsverweigerung vor versammelter Mannschaft. Ich glaube, das ist ein Vergehen, das ziemlich streng bestraft wird, und ich weiß auch, daß ich nicht ohne Schuld bin. Aber vielleicht wirst du, lieber Vater, mich nicht ganz und gar verurteilen, vielleicht kannst Du Dir denken, wie mir da gerade zu Mute war. 596 Um Deinetwillen allein hätte ich mich beherrschen sollen. Verzeihe mir, bitte, daß ich es nicht getan habe!«

Plötzlich reckte sich der Chausseegeldereinnehmer aus seiner gebückten Stellung in die Höhe. Er warf den Brief heftig auf den Tisch und schlug hart mit der Faust darauf.

Er empfand einen ganz maßlosen Zorn gegen diesen Jungen, der ihm auf seine alten Tage, auf den Schluß eines ehrenvollen, makellosen Lebens, noch eine solche Schande häufte. Warum? Weil der Herr Musjöh nicht hatte Ordre parieren wollen! Weil er sich gekränkt geglaubt hatte! Ein Soldat fühlte sich durch den Tadel eines Vorgesetzten »gekränkt«! Das waren so die neumodischen Zeiten, in denen es keine Disziplin, keinen Respekt gegen Vorgesetzte und Obrigkeit mehr gab!

Und das war der Lohn für seine Mühe, den Jungen zu einem braven Kerl zu erziehen, – daß er nun einen Sohn im Festungsgefängnis hatte! Wenn die Nachbarn fragten: »Nicht wahr, Ihr Sohn steht bei der Artillerie?«, dann mußte er antworten: »O nein, das war einmal. Jetzt karrt er.« »Wie? Er karrt?« »Jawohl, in einem grauen Kittel karrt er Sand, mit vielen anderen Herrschaften in einer Reihe. O, sehr ehrenwerte Leute das! Vor ihm ein Dieb, hinter ihm einer, der es mit mein und dein nicht ganz genau nahm.« »Ihr Sohn, Herr Chausseegeldereinnehmer?« »Jawohl, mein Sohn, Herr Nachbar.«

Der alte Mann lief wie toll in dem Zimmer auf und ab. Er murmelte Verwünschungen zwischen den Zähnen und schüttelte die geballten Fäuste in die leere Luft. Umgebracht würde er den Sohn haben, wenn er ihn vor sich gehabt hätte.

Er lachte grimmig vor sich hin. Nun, das Gericht würde es dem aufsässigen Burschen schon zeigen! Dem 597 mochte nur getrost ein gehöriger Denkzettel aufgebrannt werden, daß er das nächste Mal seine übergroße Empfindlichkeit zu Hause ließ. Mochte er die Suppe nur ausessen, die er sich eingebrockt hatte! –

Wie lange würde der Junge wohl ungefähr sitzen müssen?

Der Chausseegeldereinnehmer griff nach dem Briefe, um sich den Fall nochmals zu veranschaulichen.

Nette Sachen waren das! Ganz richtig: Gehorsamsverweigerung vor versammelter Mannschaft! Da biß keine Maus ein Fädchen ab.

Aber dieser Oberleutnant Brettschneider, – Kreuzdonnerwetter! Das war nun auch nicht die rechte Art, wenn der Junge die Wahrheit schrieb! Das schien bei allem schuldigen Respekt vor einem Offizier ein recht sonderbarer Herr zu sein, ein richtiger Dämellack! Es gab ja mitunter solche ganz besondere Exemplare, die vor Stolz und Hochmut beinahe barsten und in einem Untergebenen kaum mehr einen Menschen erblickten. Was half das indessen? Gehorchen mußte ein Soldat. Wie sollte das sonst enden?

Und wieder griff er nach dem Brief.

Was der Junge schrieb, das war alles so klar und treuherzig, so schlicht und ehrlich gesagt. Man durfte ihm wohl glauben, was auf dem Papier stand. Und natürlich konnte man sich auch vorstellen, wie die Sache gekommen war. Es hatte doch am Ende jeder sein bißchen Ehrgefühl im Leibe, ein Kanonier so gut wie ein Oberleutnant.

Er stutzte und legte sich die Frage vor, wie er selbst sich in diesem Falle benehmen würde.

Den Teufel auch! Jetzt hätte er es um kein Haar anders gehalten als der Franz. Damals freilich, in seiner Soldatenzeit, stak ihm die Gedrücktheit der Waisenhauserziehung noch zu sehr im Kopfe, da waren ihm so 598 rebellische Gedanken gar nicht aufgestiegen. Aber der Junge hatte von je einen selbständigen, etwas starren Sinn gehabt. Man konnte ihm sein Vergehen schon nachfühlen.

Und im Grunde blieb es dabei, daß ein Ungeschick zuerst von dem Oberleutnant Brettschneider begangen war. Daraus, und aus einer unglücklichen Verkettung von Zufällen, wuchs erst die Schuld des Sohnes hervor, – wenn man alles gerecht betrachtete, eine nicht allzu schwere Schuld, die der arme Bursche trotzdem hart würde büßen müssen.

Wie ein Alp legte es sich über die Gedanken des Chausseegeldereinnehmers. Gehorsamsverweigerung vor versammelter Mannschaft – was konnte darauf wohl für Strafe stehen? Sie hatte so einen ungeheuerlichen, feierlichen Klang, die Benennung des Vergehens, als ob es um Kopf und Kragen ginge.

Er zersann sich den Kopf, wen er etwa um Auskunft fragen konnte. Aber es gab niemand im Dorfe. Und um in die Kreisstadt hinein zum Bezirksfeldwebel, zu seinem guten Freund, zu gehen, dazu war es viel zu spät. Er überlegte einen Augenblick. Warum sollte er nicht auch in der Nacht in die Stadt wandern? Der Freund mußte ja seine Sorge begreifen.

Aber er blieb schließlich mit seinen Zweifeln allein.

Wie würde ihn der Kamerad Bezirksfeldwebel anschauen, wenn er dann die Ursache des späten Besuchs erzählen mußte? –

Nach einer schlaflosen Nacht stand er entschlossen von seinem Lager auf. Er versorgte das Vieh und bat einen Nachbar, der ihm durch die verstorbene Frau weitläufig verwandt war, tagsüber den Tieren ihr Futter zu geben. Dann zog er seinen altväterlichen, schwarzen Kirchgangsanzug an und suchte den Cylinder hervor, den er nur bei der Kriegervereinsparade zu Königsgeburtstag trug. Auf 599 den Rock heftete er seine Orden und Ehrenzeichen. Sie bildeten auf der linken Brust eine stattliche Reihe, das Eiserne Kreuz voran, dann das Dienstauszeichnungskreuz und die Tapferkeitsmedaille, hinterher noch der Kleinkram, den jeder haben konnte. Darüber zog er den alten Mantel, ein paar Schnitten Brot und Wurst steckten in der Tasche, – er war reisefertig.

Auf dem Wege zum Bahnhofe kam er an einem Streifen Gerste vorüber. Das Getreide war schnittreif, und er hatte vorgehabt, an diesem Morgen mit dem Mähen zu beginnen. Was kümmerte ihn aber jetzt die Gerste? Er hatte für seinen Jungen zu sorgen und zu bitten. Er wollte sogleich vor die rechte Schmiede gehen: nach Franzens Garnison wollte er fahren und dort den Batteriechef des Sohnes, den Hauptmann von Wegstetten, aufsuchen.

Die ganze Fahrt hindurch war er allein in der Wagenabteilung. So früh reisten andere Leute nicht. Er sah gedankenlos durch das Fenster. Heute war es ihm einerlei, wie draußen die Felder standen, wie weit man mit der Ernte war. Er dachte daran, was er wohl für seinen Jungen sagen könnte. Vielleicht war es noch möglich, die ganze Anklage rückgängig zu machen.

In der Hauptstadt saß er anderthalb Stunden im Wartesaal, auf den Anschlußzug wartend. Er ließ sich eine Tasse Kaffee geben und zog sein Frühstück aus der Tasche.

Es war dumpf und heiß in dem großen Raum. Er vertrug diese eingesperrte Luft nicht, wie jeder, dem im Freien zu arbeiten vergönnt ist, und schlug schließlich den Mantel zurück, um etwas weniger beengt zu sein. Da gafften die Leute auf seine Orden, stießen sich an und ließen nicht mehr die Augen von ihm. Neugierig und respektvoll zugleich waren die Blicke auf ihn gerichtet. 600

Der Chausseegeldereinnehmer seufzte und knöpfte seinen Mantel wieder zu. O, wenn die Leute gewußt hätten, auf was für einem schweren Gang er war!

Es war eben acht Uhr, als er in der Garnison des Jungen ankam.

Im Grunde war das reichlich früh, um einen Besuch, noch dazu einen Bittbesuch, zu machen. Er hatte indessen keine Zeit zu verlieren und meinte, für einen Offizier beginne ja jeder Tag zeitig früh.

Der Bahnhofsportier wußte nicht, wo der Hauptmann von Wegstetten wohnte. Aber der Chausseegeldereinnehmer hatte Glück: vor dem Bahnhofe begegnete er einem Kanonier mit einer Aktenmappe in der Hand. Die Ordonnanz sagte ihm bereitwillig die Wohnung, – Marktstraße elf, zwei Treppen, – und wies ihm auch den Weg.

Die zwei Treppen fielen dem alten Manne sauer. Er mußte im ersten Stockwerk einen Augenblick stehen bleiben, um Atem zu schöpfen.

»Bin ich denn auf einmal alt geworden?« fragte er sich erstaunt.

Ein Bursche in einer roten Hausjacke öffnete ihm die Tür.

»Ist der Herr Hauptmann zu Hause?« fragte der Chausseegeldereinnehmer.

»Nein bedaure,« antwortete der Bursche.

»Können Sie mir vielleicht sagen, wo ich ihn treffe?«

»Das wird wohl nicht gut gehen. Der Herr Hauptmann ist verreist, – zu einer Gerichtsverhandlung.«

Der Chausseegeldereinnehmer zuckte zusammen.

»Ist die Gerichtsverhandlung vielleicht gegen den Gefreiten Vogt?« erkundigte er sich.

Der Bursche bejahte erstaunt und fragte weiter: »Wer sind Sie denn?« 601

»– – Der Vater von Vogt. Ich – ich wollte mit dem Herrn Hauptmann über meinen Sohn reden. Aber es ist ja schon zu spät, wie ich sehe.«

Er wandte sich mit einem »Ich danke Ihnen« zur Treppe. Im Dunkeln verfehlte er die erste Stufe und strauchelte. Da eilte ihm der Bursche nach. Er führte den alten Mann zum Geländer und sagte: »Sehen Sie, hier ist das Geländer. Halten Sie sich daran fest, daß Sie nicht stürzen! Es ist so dunkel im Flur. Und wissen Sie, Herr Vogt, die Leute draußen in der Batterie sagen alle: es ist eine Gemeinheit, was da mit Vogt passiert, eine richtige Gemeinheit.«

Aber der Chausseegeldereinnehmer schien ihn gar nicht zu verstehen. Er nickte nur und sagte immer wieder: »Ja, ja, ich danke Ihnen.«

Dann tappten die schweren Stiefel langsam die Stufen hinunter. –

Wahrend Friedrich August Vogt in dem Bahnhofe der kleinen Garnisonstadt auf den Zug wartete, der ihn wieder nach Hause zurückführen sollte, fand vor dem Divisionskriegsgericht die Verhandlung gegen seinen Sohn, den Gefreiten Franz Vogt der sechsten Batterie Osterländischen Feldartillerie-Regiments Nr. 80, statt.

Über den Tatbestand herrschte kein Zweifel. Die beiden Zeugen, Oberleutnants Brettschneider und Reimers desselben Regiments, sagten übereinstimmend bis aufs Haar das gleiche aus, und der Angeklagte gab die Richtigkeit der Tatsachen zu.

Die Verhandlung hätte darum sehr schnell zu Ende geführt werden können, wenn nicht eine Menge Leumundszeugen für den Angeklagten zu hören gewesen wären.

Hauptmann von Wegstetten als Batteriechef, Hauptmann Güntz als ehemaliger Batterieführer, Oberleutnant Reimers und Leutnant Landsberg als Batterieoffiziere, 602

Der Wachtmeister und einige Unteroffiziere der Batterie stellten Vogt sämtlich das allerbeste Zeugnis aus. Wegstetten hatte eine heftige Auseinandersetzung mit Brettschneider gehabt, nicht sowohl aus persönlicher Anteilnahme an dem Gefreiten, als vielmehr aus Ärger darüber, daß ihm der beste Unteroffizierskandidat vieler Jahrgänge durch ein albernes Geschick verloren gegangen war. Brettschneider hatte sich deshalb beschwert, aber er war überall mit seiner Beschwerde abgewiesen worden. Das allein sprach für den Angeklagten. Güntz und Reimers legten sich gleichfalls warm für Vogt ins Zeug, und selbst Leutnant Landsberg erinnerte sich des Mannes als eines ganz hervorragend willigen und famos diensteifrigen Soldaten.

Die Sache stand günstig für den Angeklagten.

Zu allem Überfluß fragte noch einer der Beisitzer, ein Pionierhauptmann: »Vogt, Sie hatten sich vorher tüchtig angestrengt, Sie hatten das schwere Rad allein gehoben und waren zu dem Herrn Oberleutnant Brettschneider schnell hingelaufen, – waren Sie da nicht erschöpft und außer Atem?«

»Zu Befehl, Herr Hauptmann.«

»Ich meine, daß es Ihnen da vor Anstrengung etwa vor den Augen geflimmert hatte?«

»Zu Befehl, Herr Hauptmann.«

»Und daß Sie vielleicht nicht recht gewußt haben, was Sie taten?«

Der Angeklagte zögerte mit der Antwort.

Wegstetten war mit Reimers im Zeugenraum geblieben. Er trat unruhig von einem Fuß auf den anderen. Wenn Vogt jetzt ja sagte, dann ließ sich am Ende eine momentane Störung des Bewußtseins herausklauben, und die Geschichte endete mit einer Freisprechung. 603

Aber der Gefreite antwortete: »Doch, Herr Hauptmann. – Ich wußte, was ich tat.«

Nun, das war ehrlich, aber dumm.

Die Miene des Anklägers erhellte sich. Es war ein verhältnismäßig sehr junger Mensch mit vielen Mensurnarben im Gesicht. Er saß in eine tadellose, funkelnagelneue Uniform gepreßt auf seinem Platze. Bisher hatte er gelangweilt ein silbernes Armband betrachtet, das er um das rechte Handgelenk trug.

Die Zeugenvernehmung war zu Ende. Der Verhandlungsleiter, ein dicker, gutmütiger Herr in reiferen Jahren fragte: »Haben Sie noch irgend eine Bemerkung zu machen, Gefreiter Vogt?«

»Nein, Herr Kriegsgerichtsrat.«

»Sie räumen also Ihre Schuld ein?«

»Zu Befehl, Herr Kriegsgerichtsrat.«

Der Verhandlungsleiter wollte in diesem Falle noch ein übriges tun und stellte noch eine Frage. Ihre Bejahung war ja selbstverständlich.

Er fragte: »Aber Sie empfinden doch Reue über Ihre Handlung?«

Der Angeklagte zögerte abermals mit der Antwort.

Jeder erwartete das ganz natürliche Ja, man brauchte ja gar nicht erst hinzuhören. Als dieses Ja nicht verlautete, richteten sich plötzlich aller Blicke auf Vogt.

»Nein,« sagte er deutlich.

Der Kriegsgerichtsrat horchte auf.

»Sie haben mich wohl nicht recht verstanden,« sagte er. »Ich habe gefragt, ob Sie Reue über Ihre Handlung empfinden?«

Abermals klar und deutlich: »Nein. Ich kann das nicht.«

Und hinterdrein etwas zaghafter: »Wenn ich die reine Wahrheit sagen soll.« 604

Die Anwesenden schauten sich verblüfft an.

Wegstetten stieß zornig den Säbel auf die Erde. Gottsdonnerwetter! War der Kerl ein Esel! Nun war sein Schicksal besiegelt!

Die Mitglieder des Gerichtshofes zogen krause Gesichter. Der Vorsitzende, ein Major vom Königsdragonerregiment, klopfte mit seinem goldgefaßten Bleistift leise auf die Tischplatte und wiegte mißbilligend das Haupt. Der jüngste der Beisitzer, ein Oberleutnant von den Leibgrenadieren, zwirbelte sich lebhaft den Schnurrbart; in seiner Miene stand geschrieben: »Na wart! Dir werden wir's zeigen!«

Der Staatsanwalt strahlte.

Er erhob sich siegessicher zu seiner Rede und beantragte »in vollkommener Würdigung der eigentümlichen mildernden Begleitumstände des Falles, aber auch in Anbetracht der offensichtlichen hartnäckigen Verstocktheit des Angeklagten« eine Strafe von neun Monaten Gefängnis.

Vogt wurde leichenblaß, als er diese Ziffer hörte. Das war doch unmöglich! Das konnte, das durfte nicht sein!

Der Gerichtshof bedurfte zur Beschlußfassung nicht langer Zeit.

Mit ruhiger, gleichmütiger Stimme verlas der Kriegsgerichtsrat das Urteil.

Der Angeklagte hing mit ängstlicher Erwartung an seinen Lippen. Endlich, – nach den vielen Formalien, – kam die Strafe, – fünf Monate Gefängnis.

Er stützte sich auf das Geländer, das zwischen seinem Sitze und dem Richtertische gezogen war. Das Holz knackte. Immer noch, als sich der dicke Herr längst schon wieder gesetzt hatte, horchte er nach ihm hin. Es mußte ja noch etwas anderes kommen, – eine Herabsetzung des grausamen Urteils. 605

Aber die Verhandlung war zu Ende.

Der Verurteilte wurde von dem Ordonnanzunteroffizier nach dem Gefangenenflügel zurückgeführt. Er ging tappend, mit unsicheren Schritten. Seine Augen starrten ins Leere.

Im Flur vor dem Verhandlungszimmer meinte er Wegstetten zu sehen. Der Hauptmann sprach mit einem alten Mann in bürgerlicher Kleidung.

Es gab Vogt einen Ruck, als er das von einem weißen Bart umrahmte Gesicht des Greises erblickte. Aber erst, als er um die Ecke des Ganges gebogen war, stieg ihm die Erkenntnis auf: mein Gott, das war ja der Vater!

Er blieb unwillkürlich stehen und wollte zurück.

Da faßte ihn der Ordonnanzunteroffizier am Arm und schob ihn voran, nicht unfreundlich oder rauh, aber so, daß der Gefangene seine Absicht sogleich aufgab.

»Sie Dummkopf!« raunte ihm der Begleiter zu. »Wenn Sie sagten, Sie waren windelweich vor Reue über Ihre Torheit, dann wären Sie mit vier Wochen davongekommen!« – –

Der Chausseegeldereinnehmer hatte sich nach unzähligen Fragen bis zu dem Gerichtsgebäude des Armeekorps durchgefunden. Er war durch endlose Reihen von Straßen gewandert. Das lebhafte Treiben der Hauptstadt hatte ihm den Kopf ganz wirr gemacht, und er war von dem ungewohnten Gehen auf dem harten steinernen Pflaster todmüde.

Er kam gerade in dem Augenblicke vor dem Verhandlungssaale an, als die Zeugen nach dem Urteilsspruche das Zimmer verließen. Sofort erkannte er den Hauptmann von Wegstetten, – der Junge hatte den kleinen Mann mit dem riesigen roten Schnauzbart und den funkelnden Augen ja oft genug geschildert, – und er scheute sich nicht, ihn sogleich anzusprechen. 606

Wegstetten war anfangs nicht sonderlich über dieses Zusammentreffen entzückt. Indessen, das ehrwürdige kummervolle Gesicht des alten Soldaten rührte ihn, und er hörte ihn geduldig an.

Was der Chausseegeldereinnehmer vorbrachte, war weiter nichts als eine eindringliche Vorstellung, wie gut sich der Sohn bisher geführt hätte und wie er so gern Soldat gewesen wäre, und eine bewegliche Klage, wie nur gerade so einem braven Menschen das habe geschehen können. Der Junge müßte reinweg nicht recht bei Sinnen gewesen sein.

Das alles sprach der Greis mit einer rührenden Bescheidenheit. Er gab sich beständig Mühe, eine militärische Haltung einzunehmen, und ließ keine der üblichen Respektsanreden weg, nicht anders, als wäre er noch in seiner alten Feldwebeluniform und stände vor seinem gestrengen Vorgesetzten. Dabei rannen ihm Tränen über die gebräunten und gefurchten Wangen in den schlohweißen Bart, und wenn er sich aus seiner gebückten Stellung aufzurichten versuchte, klirrten die Orden auf seiner Brust leise aneinander.

Wegstetten hatte wenig Trost für den alten Mann.

Er sagte ihm, wie dem Sohne von allen Seiten, von Offizieren und Unteroffizieren, in der Gerichtsverhandlung nur das allergünstigste Zeugnis ausgestellt worden sei, wie er als Batteriechef sich gefreut habe, einen so tüchtigen Unteroffizier für seine Batterie gewonnen zu haben, und wie allerdings nur das Ungeschick eines neu in die Truppe zurückgetretenen Offiziers den unangenehmen Vorfall veranlaßt habe.

Das Antlitz des Chausseegeldereinnehmers verklärte sich bei den Lobesworten des Hauptmanns. Er atmete auf. Gott sei Dank! Dann konnte es gar nicht schlimm 607 werden mit dem Jungen! Ein paar Wochen Arrest, – damit war die Sache abgetan.

Aber Wegstetten erzählte weiter von dem übel angebrachten Trotz des Soldaten, und schließlich mußte er wohl oder übel dem Vater des Verurteilten die verhängte Strafe mitteilen.

Fünf Monate Gefängnis!

Das traf den Chausseegeldereinnehmer wie ein Schlag. Er wankte, und der Hauptmann mußte ihn stützen.

Die Schwäche ging bald vorüber, und Friedrich August Vogt bat um Entschuldigung. Aber er hörte nicht mehr darauf, was der Batteriechef zur Begründung des harten Urteils anführte. Es war ihm ein zu klaffender, zu schreiender Widerspruch: hier das Vergehen, das geringfügige Vergehen, das ein so guter, braver Soldat, wie es sein Junge nach dem allgemeinen Urteil war, in einer augenblicklichen Aufwallung sich hatte zu schulden kommen lassen, in einer Aufwallung noch dazu, die zugestandenermaßen erst das »Ungeschick« des Vorgesetzten hervorgerufen hatte, – und da die ungeheuerliche Strafe von fünf Monaten Gefängnis! Dieser Gegensatz zwischen Verschuldung und Strafe wollte ihm nicht in den Kopf.

Er ging schweigend neben Wegstetten her, der lebhaft auf ihn einredete. Vor dem Tor des Gerichtsgebäudes blieb er stehen. Er nahm Stellung und wollte sich von dem Hauptmann verabschieden.

Da fragte der Offizier noch: »Vielleicht wollen Sie Ihren Sohn einmal sprechen? Ich will Ihnen gern die Erlaubnis vermitteln.«

Der Chausseegeldereinnehmer antwortete: »Zu Befehl, Herr Hauptmann. Wenn Herr Hauptmann die Güte haben wollten.«

Das war rasch getan. Wegstetten wechselte ein paar 608 Worte mit dem Vorstand des Festungsgefängnisses und kehrte mit dem Erlaubnisschein zurück. Er brachte selbst den alten Mann bis zum Tore der Gefangenenanstalt.

»Nehmen Sie es nicht allzu schwer, Herr Vogt!« sprach er beim Abschied. »Ihr Sohn hat eine menschlich erklärliche Verfehlung begangen und ist dafür sehr hart, aber gerecht bestraft worden. Ein ehrlicher Soldat bleibt er trotzdem.«

»Zu Befehl, Herr Hauptmann,« erwiderte der Chausseegeldereinnehmer.

Er sah dem kleinen Offizier finster nach. Was waren das alles für Redensarten?! Sollte das ein Trost sein, daß sein Junge wenigstens kein ehrloser Lump war? Er wußte am besten, was er an seinem Kinde hatte, er kannte es am besten! Bravheit und Ehrlichkeit, die waren untrennbar von dem Franz. Das brauchte ihm keiner zu sagen.

Aber hatten sie den armen Burschen nicht ebenso streng bestraft, als wenn er gestohlen hätte? Mancher Dieb kam glimpflicher weg als der Junge. Jawohl, so lief die Sache aus: sie hatten den Jungen zu einer entehrenden Strafe verurteilt; – warum? – weil er zuviel Ehrgefühl im Leibe gehabt hatte! – –

Er schellte heftig an der Eingangstür des Gefangenengebäudes. Ein Einlaßposten öffnete ihm, nahm ihm die Besuchserlaubnis ab und führte ihn in ein Wartezimmer.

»Ich werde den Herrn Hausinspektor benachrichtigen,« sagte er an der Tür.

Der Chausseegeldereinnehmer stand in dem kahlen, getünchten Raume. Zwei Rohrstühle befanden sich als einziges Mobiliar darin und – richtig! – in der Ecke noch der unvermeidliche Spucknapf. Das Fenster ging auf einen Hof hinaus, der rings im Viereck von hohen 609 Gebäuden umgeben war. Die Mauern ließen nur ein trübes Licht in das Zimmer fallen; es schien, als ob auch das Fenster des Warteraums, das hoch und breit war, klein und vergittert wäre wie diejenigen, die wie halbblinde Augen aus den kahlen Wänden herausstarrten. Im Hofe kehrte eine Anzahl von Häftlingen das Pflaster. Sie waren in graues Zeug gekleidet und hatten blaue Schürzen vorgebunden. Am Rande des Platzes patrouillierte ein Posten auf und ab. Die Gefangenen standen in einer Reihe und verrichteten taktmäßig ihre Arbeit. Die lange Zeile von Menschen nahm sich wie eine große Kehrmaschine aus.

Der Chausseegeldereinnehmer trat vom Fenster zurück. Er konnte den Anblick nicht ertragen. Fortwährend mußte er dabei an seinen Jungen denken, der vielleicht morgen schon mit in der Reihe kehrte. Diese Luft bedrückte ihm die Brust, – beinahe kam er sich selbst wie ein Gefangener vor.

Nun wurde die Tür des Wartezimmers geöffnet, und der Hausinspektor erschien auf der Schwelle, ein langer, dürrer Mensch mit einem lederfarbigen Gesicht. Er zog einen Hornklemmer hervor und prüfte den Erlaubnisschein. Von dem Papier wanderten seine Augen erstaunt zu den Orden auf der Brust des Veteranen. Er schüttelte mißbilligend den Kopf und gab zur Tür hinaus einen Auftrag.

Kurze Zeit darauf meldete ein Grenadier im Ordonnanzanzug: »Gefreiter Vogt zur Stelle.«

»Lassen Sie ihn ein!« befahl der Inspektor. Dann wandte er sich um und schaute zum Fenster hinaus.

Franz Vogt ging ruhig auf den Vater zu. Er sah ihm mit einem freien, offenen Blick in die Augen.

»Guten Tag, Vater!« sagte er einfach.

Der Chausseegeldereinnehmer griff mit beiden 610 Händen nach der Rechten des Sohnes und drückte sie lange und innig. Dabei traten ihm Tränen in die Augen, und er sah den Sohn nur wie durch einen Schleier. Gottlob trug der Junge noch seinen Artilleristenrock. Es blieb dem alten Manne erspart, ihn in der grauen Gefängnistracht zu erblicken.

Da der Vater schwieg, begann der Sohn zu reden. Er erzählte in seiner schlichten, treuherzigen Art, wie diese unglückselige Geschichte sich abgespielt hatte, er schilderte getreu, was zu seinen Gunsten sprach, aber er gab auch ohne weiteres seine Schuld zu.

»Weißt du schon, Vater,« schloß er, »wozu ich verurteilt bin?«

Der Chausseegeldereinnehmer nickte.

Franz blickte bekümmert zu Boden und fuhr leise fort: »Es scheint mir sehr hart, Vater.«

Er spürte einen heftigen Druck der Hand und sah den Vater wiederum bejahend den Kopf neigen.

»Ich hätte es mir selbst zuzuschreiben, sagte der Unteroffizier,« redete der Gefangene weiter. »Sie haben mich gefragt, ob ich die Sache bereute. Da hab' ich »nein« geantwortet. Das wäre dumm gewesen, meinte der Unteroffizier. Aber ich konnte nicht anders. Und ich würde auch jetzt wieder nein antworten müssen.«

Da tat der Chausseegeldereinnehmer zum ersten Male den Mund auf, seitdem der Sohn in das Zimmer getreten war.

»Recht hast du!« sagte er laut und scharf, so daß der Inspektor am Fenster ein wenig zusammenzuckte und sich räusperte.

Nachdem er sein Kind wiedergesehen hatte, diesen braven, ehrlichen Jungen, der ganz gewiß nirgends in seiner Bravheit und Ehrlichkeit nachgelassen hatte, war eine Wandlung in ihm vorgegangen. Der Junge war ein 611 williger, pflichttreuer Soldat gewesen, wie es williger und pflichttreuer keinen geben konnte, – das bezeugten ihm alle, – und trotzdem sperrten sie ihn wegen einer Lumperei fünf lange Monate ein! Ei zum Teufel! Was hatte es dann für einen Zweck, ein guter Soldat zu sein? Mit einem Male spürte er keinen Tropfen mehr von dem gehorsamen, respektvollen Soldatenblut des alten Feldwebels in seinen Adern, jetzt war er nur mehr ganz ein Bauer, der mit seinem harten Kopf auf dem besteht, was er für recht erkannt hat, ein Bauer, der sich mit blinder Hartnäckigkeit gegen jeden Einwand verschließt und mit der ganzen Person für seine Überzeugung eintritt.

»Recht hast du!« sagte er nochmals. »Und Recht hast du gehabt!«

Der Sohn war einsichtsvoller als der Vater, obwohl ihn die Strafe traf.

»Das ist dein Ernst nicht, Vater,« erwiderte er, »ich weiß, daß ich auch schuldig bin. Aber so, daß die Strafe so hart würde, doch nicht. Ich kann ja auch appellieren.«

Der Chausseegeldereinnehmer lachte leise auf.

»Daß du ein Dummkopf wärst!« versetzte er. »Daß sie dir noch mehr aufbrennen! Nein, Junge, wenn du auf mich hören willst, laß das, das Appellieren! Wenn sie dir unrecht gekommen sind, dann trage die Ungerechtigkeit mit Stolz, – auch diese Zeit geht vorüber! Aber bettle nicht um Gerechtigkeit!«

Franz Vogt senkte traurig den Kopf. Er hatte gehofft, das Oberkriegsgericht würde seine Strafe ermäßigen, aber was ihm der Vater riet, das mußte schon das Rechte sein.

Der Inspektor am Fenster drehte sich herum. Die Besuchszeit war abgelaufen.

Noch einmal umfaßte der Sohn die ehrwürdige Erscheinung des Vaters mit einem liebevollen Blicke. 612

»Und alle deine Orden hast du angelegt, Vater!« sagte er, ein wenig lächelnd.

»Jawohl,« erwiderte der Chausseegeldereinnehmer. »Mit allen meinen Orden bin ich zu dir gekommen.«

So laut, daß der Inspektor es hören mußte, wiederholte er: »Für dich habe ich sie angelegt, mein guter Junge, – nur für dich!«

Und zum ersten Male in seinem Leben umarmte er den Sohn. Er hielt den Kopf des lieben, guten Jungen zwischen seinen Händen und küßte sein Kind auf die Stirn.

Franz Vogt spürte die Berührung der bebenden Lippen auf seiner Stirn. Er stand und mußte sich das Weinen verbeißen.

Als ihn die Ordonnanz wieder den langen Gang zurückführte, drehte er sich um. Der Vater verschwand gerade im Tor. Ein Sonnenstrahl fiel von außen auf das ehrwürdige weiße Haar und bildete eine lichte, strahlende Stelle. Dann schlossen sich die Türflügel, und das graue, trübe Halbdunkel des Korridors herrschte uneingeschränkt. –

Die Bauern im Dorfe hatten den Chausseegeldereinnehmer von je für einen Sonderling gehalten. Seit seiner Reise aber galt er ihnen als ausgemacht verrückt.

Die alte Witfrau, die bisher im Einnehmerhäuschen die Weiberarbeit verrichtet hatte, setzte zuerst dieses Gerücht in Umlauf. Der Chausseegeldereinnehmer hatte ihr bedeutet, er brauche ihre Dienste nicht mehr. Damit war ihr ein leichter und ein einträglicher Verdienst verloren gegangen, und sie führte aus Rache ihre Zunge weidlich spazieren.

In der Tat spann sich der alte Mann immer mehr ein. Kein Mensch durfte sein Haus betreten. Mit dem Getreide- und Viehhändler verhandelte er vor der Haustür, und die Milch, die er für seinen Anteil an die 613 Molkereigenossenschaft lieferte, stand jeden Morgen und Abend in einer Nische des Hoftors, so daß sie der Molkereiknecht nur wegzunehmen brauchte.

Wenn er auf seinem Felde arbeitete, erwiderte er allenfalls den Gruß, den ihm die Nachbarn boten, aber weiterhin ließ er sich auf kein Gespräch ein, selbst wenn es sich um das schlechte Erntewetter oder um die niedrigen Getreidepreise drehte.

Die Bauern ließen ihn seiner Wege gehen. Das konnte jeder halten, wie er wollte. Wem das Reden nicht paßte, der tat eben das Maul nicht auf. Und was das Gezeter der gekündigten Witfrau anlangte, so hatte mancher von den Bauern ein Weib daheim, das er gern auf eine ebenso leichte Manier los geworden wäre.

Der Chausseegeldereinnehmer fing bereits an, ihnen eine gleichgültige Erscheinung zu werden, da lenkte er selbst noch einmal die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich.

Im Kreise wurde eine Ersatzwahl zum Reichstage ausgeschrieben; das Mandat des konservativen Abgeordneten war für ungültig erklärt worden. Der Abgeordnete war bei der ordentlichen Wahl erst in der Stichwahl durchgedrungen, die Stimmenzahlen der beiden Parteien hatten sich ungefähr die Wage gehalten, und auf den sozialdemokratischen Protest hin war jüngst die Wahl kassiert worden. Nun rüsteten sich die beiden feindlichen Parteien, die Konservativen und die Sozialdemokraten, von neuem zum Wahlkampfe.

Es handelte sich um jede einzelne Stimme. Die Agitatoren waren tüchtig an der Arbeit, Versammlungen über Versammlungen wurden abgehalten, und die Wahlaufrufe flogen den Wählern massenweise in die Häuser. Sie wurden in die offenen Fenster geworfen und über den Türschwellen durchgeschoben.

Der Name des Chausseegeldereinnehmers Friedrich 614 August Vogt hatte bisher stets, auch noch bei der Hauptwahl, unter dem Wahlaufruf für den konservativen Kandidaten gestanden. Die konservative Partei liebte es, unter den Unterschriften der Regierungsräte, Bürgermeister und Rittergutsbesitzer auf ihren Wahlaufrufen auch mit den Namen von »kleinen Leuten« zu paradieren. Es nahm sich so populär, so alle Kreise des Volkes umfassend aus, wenn unter den noblen Herren auch ein bescheidener Kupferschmiedemeister der Kreisstadt und auch »Friedrich August Vogt, Bauergutsbesitzer und Chausseegeldereinnehmer a. D.« stand.

Plötzlich kam die verläßlichste dieser kleinbürgerlichen Parteistützen, eben der Chausseegeldereinnehmer a. D. Friedrich August Vogt, und verlangte, daß dieser Name vom Aufruf gestrichen würde.

Der Vorsitzende des Wahlausschusses, ein Rittergutsbesitzer und Rittmeister der Landwehrkavallerie, versuchte ihn davon abzubringen. Er erkundigte sich nach den Gründen dieser plötzlichen Sinnesänderung, er fragte pathetisch, ob der alte Soldat denn mit einem Male der Devise »Mit Gott für König und Vaterland« untreu werden wollte, – Vogt blieb hartnäckig bei seiner Forderung. Auf eine Angabe von Gründen ließ er sich gar nicht ein.

Und wohl oder übel mußte der Name wegbleiben.

Am Tage der Wahl wurde der Chausseegeldereinnehmer von einer fieberhaften Unruhe gepeinigt. Wohl zehnmal setzte er die Mütze auf. Dann stand er, den derben Stock in der Hand, hinter der Haustür. Die Hand lag schon auf der Klinke, aber immer wieder trat er zurück.

Um sechs Uhr ging die Wahlzeit zu Ende. Kurz vorher raffte er sich zu einem Entschlusse auf. Er verließ hastig das Haus und lief zur Schenke, in deren Gartensaal die Wahl stattfand.

Vor der Tür standen die beiden Zettelverteiler. Sie 615 trugen die Wahlplakate auf der Brust und hatten nur noch wenige Zettel in den Händen. Müde lehnten sie an den Krippen, die vor dem Gasthause aufgestellt waren. Der eine davon, der die konservativen Zettel verteilte, war ein alter Hofarbeiter vom Rittergute, der andere mit den sozialdemokratischen Zetteln ein invalider Maurer, der bei einem Gerüstzusammenbruch ein Bein eingebüßt hatte. Sie schwatzten trotz der Gegnerschaft ihrer Auftraggeber gemütlich miteinander.

Der Einbeinige gab sich gleich gar keine Mühe, Vogt einen seiner Zettel anzubieten. Man kannte ja den alten Vogt. Dem war der Feldwebel niemals aus dem Blute gewichen, der war konservativ bis in die Knochen.

Der Hofarbeiter hielt ihm den konservativen Zettel hin und meinte: »Sie kommen beinahe zu spät, Herr Vogt. Hier ist Ihr Zettel.«

Aber der Chausseegeldereinnehmer kehrte sich finster ab. Er streckte die Hand nach dem anderen aus und heischte einen Zettel. Der Maurer beeilte sich, ihm das Papier in die Hand zu drücken.

Dann stapfte Friedrich August Vogt schwer die Stufen zum Wahllokal hinan.

Der Gemeindevorstand war Wahlvorsitzender. Neben ihm saßen der Kirchschullehrer und der Inspektor vom Rittergute. Seitwärts standen ein paar Bauern und ein Chamottearbeiter in seiner kalkbespritzten Arbeitskleidung.

Der Kirchschullehrer nannte den Namen: »Vogt, Friedrich August, Chausseegeldereinnehmer außer Diensten, Katasternummer einundvierzig.«

Dann machte er den Strich dazu.

Und der alte Mann reichte den zusammengefalteten Zettel hin, mit einer ruckweisen Bewegung. Der Gemeindevorsteher checkte ihn in den Blechkasten, der als 616 Wahlurne diente. Er nickte dabei dem Wählenden freundlich zu. Das war gottlob einer, der unbedingt eine Stimme für den Konservativen bedeutete.

Aber der Chausseegeldereinnehmer erwiderte den Gruß nicht. Er stand steif vor dem Tische und sah gedankenvoll den grünen Blechkasten an, in dem die Wahlzettel lagen. Mit einem Male sank ihm der straff aufgerichtete Körper gleichsam zusammen, und es war, als ob der Greis sich scheu aus dem Wahllokale hinausschlich, wie ein Übeltäter.

Im Dorfe war das Wahlresultat bereits in der siebenten Stunde bekannt. 153 Stimmen waren abgegeben worden, 77 für den Sozialdemokraten, 76 für den Konservativen.

Es war das erste Mal, das der Sozialist mehr Stimmen erhalten hatte als der Konservative. Die Sozialdemokraten hatten darum allen Grund zur Fröhlichkeit. Sie saßen in der kleinen Wirtschaft am Dorfende, die sich nur durch den politischen Gegensatz der Einwohner neben dem stattlichen Gasthof zu behaupten vermochte, und tranken auf den erhofften Sieg im ganzen Wahlkreise. Die Bauern hockten weniger lärmend im Gastzimmer des Dorfkruges. Sie trösteten sich gegenseitig: was war durch das Resultat eines kleinen Dorfes entschieden? Immerhin: es blieb eine Schande, daß der Roten nun mehr im Dorfe waren als der königstreuen Einwohner.

Am späten Abend stellte sich noch ein seltener Gast in dem Schankzimmer ein – der Chausseegeldereinnehmer Vogt. Er saß nicht mit am großen Tische, er hatte sich ganz hinten in eine halbdunkle Ecke gezwängt und nahm nicht am allgemeinen Gespräch teil. Aber er horchte gespannt, wenn die Resultate aus den nahen Dörfern verlesen wurden.

Gegen neun Uhr brachte ein Radfahrer die Zahlen 617 aus den städtischen Wahlbezirken, aus der Kreisstadt und den fünf kleineren Städten des Kreises: der Sozialdemokrat hatte eine Mehrheit von über tausend Stimmen.

Nun, das hatte man nicht anders erwartet. Das war auch bei der vorhergehenden Wahl nicht anders gewesen. Das platte Land würde schon dieses Weniger ausgleichen, es zählte ungefähr drei Fünftel der Wahlberechtigten des Kreises.

Die Sozialdemokraten zogen, die Arbeitermarseillaise singend, draußen auf der Dorfstraße vorbei. Vor dem Gasthause brachten sie ein Hoch auf ihren Kandidaten aus.

Die Bauern schimpften über diese Bande. Mochten sie sich immerhin den Spaß machen! Wer wußte, ob nicht der Spieß noch umgedreht würde. Wer zuletzt lacht, lacht bekanntlich am besten.

Allmählich wurde die ganze Runde müde. Ein paar waren auf ihren Stühlen eingenickt, andere hatten aus Langeweile ein Kartenspiel angefangen, die übrigen saßen stumpfsinnig nebeneinander und bliesen gewaltige Rauchwolken zur Decke. Einen Augenblick, als der Hausknecht die ausgebrannte große Hängelampe hinaustrug, um sie neu zu füllen, war es fast ganz finster in dem Raum. Die Kartenspieler zankten und nur die glühenden Cigarren leuchteten in der Dunkelheit. Hernach wurde das frischstrahlende Licht mit einem lauten Hallo begrüßt, so daß die Schläfer erschrocken in die Höhe fuhren. Sie rieben sich die Augen und sahen erstaunt um sich.

Trotzdem blieben noch alle zusammen. Der Rittergutsbesitzer hatte versprochen, beim Heimweg von der Stadt nochmals im Gasthofe vorzusprechen.

Nach Mitternacht wurde auf der Straße ein lebhafter Trab laut. Räder knirschten in dem frischaufgeschütteten Geröll, und gleich darauf trat der Rittergutsbesitzer ein. 618

Plötzlich waren alle wieder munter geworden. Alle redeten zugleich auf ihn ein, und er hatte Mühe, die einzelnen Frager von sich abzuwehren.

Schließlich bat er im lauten Kommandoton um Ruhe.

Er las: »Von Dubberau konservativ achttausendachthundertsiebenundachtzig Stimmen, Haubold, Sozialdemokrat, achttausendneunhundertzwölf Stimmen. Es fehlen noch drei ganz kleine ländliche Bezirke.«

Und er ergänzte sogleich diese Ziffern: es war trotz der sozialdemokratischen Mehrheit von fünfundzwanzig Stimmen Aussicht vorhanden, den Konservativen durchzubringen. Denn diese drei fehlenden Bezirke hatten bei der letzten Wahl zweihundert konservative und nur einige dreißig sozialistische Stimmen abgegeben. Freilich war unterdessen in dem einen der Dörfer eine Ofenfabrik gegründet worden, und eine Anzahl Arbeiter des Kreises war dahin übergesiedelt.

Gleichwohl, wiederholte er, bestand immer noch die Hoffnung, daß der Wahlkreis der staatserhaltenden Partei zufiele, wenn die Entscheidung auch schließlich auf einer einzigen Stimme beruhen konnte.

In dem allgemeinen Aufbruch verließ der Chausseegeldereinnehmer das Zimmer.

Am nächsten Morgen ging der Landbriefträger pfeifend und seinen Stock schwingend an dem Einnehmerhaus vorüber. Mit einem Male trat der alte Vogt in die Tür.

»Küntzel«, rief er, »wissen Sie vielleicht, wie nun gestern die Wahl ausgefallen ist?«

»Jawohl, Herr Vogt,« antwortete der Briefträger munter. »Hier haben Sie's schwarz auf weiß. Sie haben mir im Kreisblatt eine ganze Menge Extrablätter mitgegeben.« 619

Der Chausseegeldereinnehmer las nur flüchtig: »Gewählt: von Dubberau.«

Er versetzte: »Warten Sie doch einen Augenblick, Küntzel!« und lief ins Haus.

Mit einer Handvoll Cigarren kam er zurück

Er sagte: »Hier haben Sie, Küntzel! Ich hatte 's Ihnen so schon zugedacht.«

Der Briefträger schnalzte mit der Zunge und erwiderte: »Danke schön, Herr Vogt. Der Tag fängt fein an. Nochmals danke schön!«

Dann setzte er sich pfeifend wieder in Marsch.

Der Chausseegeldereinnehmer aber sah genauer hin. Das Extrablatt lautete:

von Dubberau, konserv.     9068 Stimmen.
Haubold, sozialdem.     8993 Stimmen.
Gewählt: von Dubberau.

* * *

Am 9. August sollte Plettau zur Entlassung kommen. Nach beinahe neunjähriger Dienstzeit.

Es konnte in diesen ersten Augusttagen keinen eifrigeren und pünktlicheren Soldaten geben als den Kanonier Graf Egon Plettau. Vor allem dem Oberleutnant Brettschneider gegenüber legte er eine ängstlich peinliche Vorschriftsmäßigkeit an den Tag. Wenn er vor ihm Stellung nahm, knallten seine Absätze laut schallend zusammen, und er stand steif und unbeweglich wie eine Bildsäule vor dem gestrengen Vorgesetzten.

Die Kameraden hatten Mühe, das Lachen zu verbeißen. Jedermann sah, daß der Graf den Oberleutnant verhöhnte, aber es ließ sich nichts dagegen sagen. Er übertrieb nirgends, er führte bloß jede Vorschrift bis ins kleinste aus und ließ nicht das geringste davon weg.

Brettschneider stellte sich, als ob er die heimliche Absicht des Kanoniers gar nicht bemerkte. Aber sein 620 bartloses Gesicht lief dunkelrot an, so daß man glaubte, er würde in dem hohen, steifen und engen Kragen jämmerlich ersticken.

Unteroffizier Käppchen hatte dem Reservisten Graf Plettau die Entlassungspapiere auszuschreiben.

»Wohin wollen Sie entlassen sein, Plettau?« fragte er.

Plettau überlegte. Dann antwortete er: »Ich bitte auf Wanderschaft, Herr Unteroffizier. Wenn man so lange seßhaft gewesen ist, wie ich, bekommt man Lust, sich wieder mal die Welt anzusehen.«

Käppchen lachte.

»Das geht nicht,« sagte er. »Sie müssen sich erst hier auf dem Bezirkskommando anmelden, und dann können Sie sich gleich auf Wanderschaft abmelden.«

Der Graf versetzte höflich: »Danke gehorsamst für die gütige Auskunft, Herr Unteroffizier. Und wenn Herr Unteroffizier gütigst noch eine Frage erlauben, wie ist das? Stehe ich am Entlassungstage noch unter den Militärgesetzen oder nicht?«

»Am Entlassungstage, ja,« antwortete Käppchen, »dann aber haben Sie mit uns nichts mehr zu tun. Sie haben doch nicht etwa irgend einen Streich vor?«

»Aber wie können Herr Unteroffizier gütigst so was denken!«

»Na, na!« meinte Käppchen.

Plettau aber zog ein gekränktes Gesicht und bedankte sich nochmals.

»Dann eben am Tage nach der Entlassung!« brummte er vor sich hin.

In der Frühe des 9. August verließ er wirklich die Kaserne. Dem Posten am Einlaßtor sagte er scherzend: »Mensch, wenn es mit rechten Dingen zuginge, dann müßtest du vor mir präsentieren! Neun Jahre bei der 621 Truppe! Es macht sich nicht leicht wieder einer so verdient um das Vaterland!« –

Am Vormittag fand die Vorbesichtigung der Batterie in den Herstellungsarbeiten am Geschütz statt. Wegstetten ließ sich die Übungen von Oberleutnant Brettschneider vorführen. Tags darauf wollte ihnen der Oberst beiwohnen.

In einer Exerzierpause ging ein Geflüster durch die Reihen der Mannschaften, und die Köpfe wandten sich nach dem Bergabhang zu.

Oben auf dem Ausblick stand ein Mann. Er trug eine große Papptafel in der Hand und schaute dem Treiben auf dem Exerzierplatze zu. Dann kletterte er ein wenig den Abhang hinunter. Er machte es sich im Grase bequem und begann auf die Papptafel zu malen.

Man konnte deutlich erkennen, wer sich da auf dem Rasen wälzte, immer noch die vielfach geflickte Entlassungsuniform auf dem Leibe, – Graf Egon Plettau.

Man hatte ihm auf dem Bezirkskommando bedeutet, daß die Reservistenjahre für ihn schon längst vorüber wären. Nun nannte er sich mit Stolz Landwehrmann. –

Der Morgen des 10. August, des Tages, an dem Plettau seit langen Jahren zum ersten Male wieder unter den bürgerlichen Gesetzen stand, stieg prangend herauf. In der Nacht hatte ein kleines Gewitter die Gegend gestreift. Die Hundstagshitze war erquickend abgekühlt, und an den Grashalmen perlte ein leichter Tau.

Es war einer jener Morgen, an dem es eine Lust ist, Soldat zu sein, an dem jede Militärperson dankerfüllt sich glücklich preist, daß sie in Gottes freier, frischer Natur ihr Tagewerk verrichten darf, anstatt hinter dem Schreibpult oder in der dumpfen Werkstätte sitzen zu müssen.

Die Besichtigung der Batterie war auf einhalb acht Uhr festgesetzt. Und von sechs Uhr an sah Oberleutnant 622 Brettschneider die Leute nach. Er verdarb allen nach Möglichkeit auch noch das letzte bißchen Lust und Laune. Hier entdeckte er einen Helm, dessen Beschläge dunkelgelb und dessen Schuppenkette hellgelb war, dort fand er einen Rock, dessen Ärmel viel zu lang waren, und anderwo entrüstete er sich über einen Schädel, dessen Haar nicht geschoren war. Alles das, während »Stillgestanden« kommandiert war, so daß die Mannschaften einen Krampf in die Beine bekamen und niesen mußten, weil sie die ganze Zeit über in die Morgensonne guckten.

Endlich stand die Batterie auf dem Exerzierplatz. Die Geschütze waren sorgfältig ausgerichtet und in haarscharf abgemessenen Abständen aufgefahren.

Die Sonnenstrahlen beschienen das stattliche, kriegerische Bild und freuten sich, daß sie sich in so vielen Helmen und Knöpfen spiegeln durften.

Oberleutnant Brettschneider überflog die Aufstellung noch einmal mit einem umfassenden Blick. Es konnte losgehen. Er war bereit, Ehre einzulegen.

Vom Kasernentor her nahte sich langsam der Oberst, auf der einen Seite von Major Schrader, auf der anderen von Hauptmann von Wegstetten begleitet. Die drei Herren waren im angelegentlichsten Gespräch begriffen.

Brettschneider eilte ihnen entgegen, um die Batterie zur Stelle zu melden. Unterwegs stolperte er mit seinen langen Beinen über den Graben, der den Exerzierplatz vom Wege trennte. Um ein Haar wäre er gefallen.

Major Schrader drehte sich um und lachte. Er mochte den steifen, übergelehrten Herrn nicht leiden.

Der Oberst nahm dankend die Meldung entgegen.

»Lassen Sie rühren, Herr Oberleutnant!« befahl er. Und als Brettschneider sein »Rührt Euch!« zur Batterie hinübergerufen hatte. schickte er sich an, ihm die Aufgabe zu stellen. 623

Da ereignete sich etwas sehr Überraschendes.

Ein Ruf wurde laut: »Holdrio – hoho!«

Und noch einmal: »Holdrio – joho – hohoo!«

Und zum dritten Male: »Holdrio – joho – joho – hohooo!«

Der Jodler schallte vom Bergabhang herüber. Jedermann blickte zur Seite, und wieder, wie am Tage vorher, erblickte man auf dem Ausblick den Wehrmann ersten Aufgebots Graf Egon Plettau, immer noch im Entlassungsanzug, in der grauen Drillichhose und in dem vielfach geflickten Rock

Auch seine Rockknöpfe blitzten.

Er schwenkte die Mütze zur Batterie hinunter.

Darauf aber senkte er seine Hände.

Gespannt folgten die Augen der Zuschauer jeder seiner Bewegungen.

Er zog die graue Drillichhose herunter und nahm im strahlenden Lichte der goldenen Morgensonne jene erleichternde Verrichtung vor, zu der auch die Skythen, die doch der griechischen Kunst die phantastische Vorstellung der Kentauren eingehaucht haben, entschieden den Pferderücken haben verlassen müssen.

Wenn Plettau wie Janus auch nach rückwärts hatte sehen können, würde er unten auf dem Exerzierplatze weit aufgerissene Augen und offene Mäuler erblickt haben.

Nach einer kleinen Weile richtete er sich wieder auf. Er griff ein großes weißes Pappschild vom Boden und zeigte es, indem er es hoch in die Luft schwang. Dann legte er es nieder.

Damit schien er fertig zu sein. Noch einmal jodelte er fröhlich von seinem erhabenen Platze aus: »Holdrio – joho – joho – hohooo!«

Er verneigte sich feierlich und war blitzschnell im Gesträuch verschwunden. 624

Unten auf dem Exerzierplatz sah man sich sprachlos an.

Die Mannschaften zogen dumme Gesichter. Am liebsten wären sie mit hellem Lachen herausgeplatzt, aber das konnte am Ende übel ablaufen. Daher gaben sie sich Mühe, so harmlos als möglich dreinzuschauen, als ob etwas ungeheuer Alltägliches geschehen wäre.

Wegstetten war außer sich vor Zorn und Empörung.

»Ich bitte, Herr Oberst,« sagte er, »dem Kerl ein paar Unteroffiziere nachschicken zu dürfen, damit sie ihn arretieren und gleich wieder dahin bringen, wohin er gehört. Das ist ja eine unerhörte Beleidigung der ganzen Armee, eine namenlose Verhöhnung!«

Um Falkenheins Lippen zuckte es. Diese Frechheit war auch ihm außer dem Spaße. Aber er hielt es wie der selige Großherzog von Oldenburg hinsichtlich der Majestätsbeleidigungen. Er meinte, ein Lump kann überhaupt nicht beleidigen. Und dann: die drastische Symbolik der Handlung dünkte ihm nicht wie Humor.

Deshalb versetzte er ablenkend: »Lieber Wegstetten, selbstverständlich werden wir Strafantrag gegen den Lümmel stellen. Aber wie soll ihn jetzt einer einholen? Wir blamieren uns bloß mit dieser Jagd.«

Wegstetten zappelte vor Zorn. Er wies nebenan auf den Platz, auf dem die Pferde der fünften Batterie bewegt wurden.

»Wenn wir ihm ein paar Berittene auf die Fersen setzen?« erwiderte er.

Der Oberst schüttelte den Kopf und antwortete. »Wie sollen die den Berg hinauf? Und ins Holz können sie ihm doch nicht folgen. Lieber Wegstetten, der ist schlau, der bleibt im Gebüsch und schlängelt sich zur Grenze durch. Da ist er ja sicher.«

»Jawohl,« bestätigte Major Schrader, der das 625 Lachen gar nicht verbarg, »er schlägt sich in die böhmischen Wälder, wie Karl Moor.«

Der Hauptmann wollte sich trotzdem nicht zufrieden geben.

»Ich kann den Lump nicht so laufen lassen,« wütete er. »Er muß mir her! Und wenn ich mich selber auf die Suche machen soll!«

Falkenhein legte ihn begütigend die Hand auf den Arm.

»Ruhig Blut, lieber Wegstetten!« sagte er. »Lassen Sie Ihren Grafen diesmal laufen! Schicken Sie lieber jemand hinauf zur Aussicht, einen verläßlichen Unteroffizier, der das Plakat herunterholt, ehe es einer von den Mannschaften zu Gesicht bekommt. Wer weiß, was der Kerl für eine Gemeinheit darauf gesudelt hat!«

Unteroffizier von Frielinghausen wurde abgeordnet und stieg den Berg in die Höhe. Unterdessen begann unten die Übung.

Frielinghausen fand die Papptafel, säuberlich an eine Bank gelehnt, – davor die letzten Spuren Graf Egon Plettaus.

Er stieg den Abhang wieder hinunter und schritt auf die drei Offiziere zu, indem er das Pappschild sorgfältig von der Batterie abgekehrt hielt.

Der Oberst nahm es ihm mit spitzen Fingern ab. Es war wenig darauf geschrieben.

»Herr Oberleutnant Brettschneider!« rief Major Schrader plötzlich. »Bitte bemühen Sie sich doch einmal her!«

Brettschneider eilte herbei: »Herr Major haben befohlen?«

Schrader wies auf die Tafel.

»Eine erklärende Unterschrift zu dem Bilde von vorhin offenbar,« sagte er, sich vor Lachen schüttelnd. 626

Aus dem Schilde stand in riesengroßen, sauber gezeichneten Buchstaben zu lesen, schön farbig mit rotem und blauem Buntstift ausgemalt: »Dem Oberleutnant Brettschneider einen Abschiedsgruß!«

»Dieser Graf Plettau ist nicht unbelesen,« sagte der Oberst, »ein Zitat aus dem ›Ekkehard‹. Allerhand Achtung!«

Major Schrader aber, der sich in seinen Mußestunden gern mit moderner Literatur beschäftigte, der in Berlin »Die Weber« und »Seine Kleine« gesehen hatte, der sogar und trotz allem im »Rosenmontag« gewesen war, flüsterte leise für sich: »Abschied vom Regiment.« 627

 

 


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