Franz Adam Beyerlein
Jena oder Sedan?
Franz Adam Beyerlein

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III.

»Ich hab' mich ergeben
Mit Herz und mit Hand
Dir, Land voll Lieb und Leben,
Mein deutsches Vaterland!«
                                (Maßmann.)

Leutnant Reimers hatte sich beim Abteilungskommandeur und beim Regimentskommandeur gemeldet.

Beide Herren hatten ihn herzlich willkommen geheißen – jeder auf seine Art.

Major Schrader, der keine Gelegenheit, einen Witz zu machen, vorübergehen ließ, hatte seine Meldung erst sehr dienstlich aufgenommen und mit finsterer Miene versichert, er habe sehr ungern bestrafte Offiziere in seiner Abteilung, dann war er ihm fast um den Hals gefallen und hatte gefragt, ob es wahr sei, daß die Kaffernmädchen einen so scheußlichen Geruch an sich hätten.

Falkenhein, der Oberst, drückte ihm nur lange die Hand.

Aber Reimers las ihm die große Freude von den Augen ab.

Der Oberst war dem jungen Menschen zugetan wie einem Sohne; er hatte ihn vor einem Jahre mit schwerer Sorge gehen sehen, als die Ärzte ihn nach Ägypten schickten, einen Lungenkranken mit recht zweifelhaften Aussichten; jetzt, als er ihn wieder erblickte, war er dreifach froh. Reimers war kein 78 breitbrüstiger, rotbäckiger Kraftmensch geworden, aber aus dem tiefbraun gebrannten Gesicht war jede Spur der Krankheit verschwunden, und diese hageren Züge und der straff sich haltende, ein wenig magere Körper trugen das Gepräge jener dauerhaften Zähigkeit, die widerstandsfähiger ist als prahlende Wohlgenährtheit.

»Sie haben sich – gottlob! – gut herausgemacht, Reimers!« sagte er, indem er nochmals die Hand des Leutnants schüttelte. »Und haltbar scheint die Sache auch zu sein nach der Probe, die Sie gleich auf das Exempel gemacht haben.«

Der Leutnant antwortete: »Es war ein wenig va banque, Herr Oberst. Entweder – oder!«

»Das Entweder ist mir aber bedeutend lieber,« erwiderte Falkenhein.

Das war in einem so liebevollen, herzlichen Ton gesprochen, daß das überquellende Gefühl der Verehrung den Leutnant über die Schranken der steifen Form hinwegtrug. Er neigte sich rasch über die Hand des Obersten und küßte sie. Dabei standen Tränen in den Augen – Tränen einer großen, starken Freude; denn jetzt erst, seitdem er vor dem Oberst gestanden hatte, fühlte er sich wieder in der Heimat. –

Wie hatte er sich danach gesehnt, Tag für Tag in diesem Urlaubsjahre!

Zuerst, als ihn in Kairo die Anstrengungen der Reise auf ein neues Krankenlager geworfen hatten, war es eine wehmütige Trauer, mit der er der Heimat gedachte, aber als darnach seine Kräfte neu erstarkten, wuchs auch die Heimatssehnsucht verlangend in ihm empor; er litt darunter mehr als unter der allmählich zurückweichenden körperlichen Krankheit, und die Tatenlosigkeit des Kurorttreibens vermehrte seine Qualen. Niemals hätte er es über sich gebracht, diese langen 79 Monate im fremden Lande müßig zu sitzen, so wie in dieser ersten Zeit; und als er ein Parteigänger der Boeren wurde, geschah es nicht zuletzt aus dem Grunde, daß er nicht vor Heimweh nach Deutschland aufs neue erkranken und daran vergehen wollte.

Er liebte Deutschland mit einer starken, wilden Glut. Wie einer Geliebten brachte er diesem teuren Lande eine scheu bewundernde und zugleich inbrünstige Verehrung dar, und wie ein Liebender, der den Gegenstand seiner Sehnsuchten mit unwirklichen und unwahrscheinlichen Eigenschaften schmückt, sah er es von einem fast romantischen Schimmer umwoben, dessen lautere Helligkeit von keinem Flecken verdunkelt wurde. Die Begriffe der Größe, Macht und Herrlichkeit waren für ihn untrennbar mit dem Namen des Deutschen Reiches verbunden, aber vor allem begeisterte ihn die emsige, prunklose, in der Stille sich vollziehende, so zielbewußte Arbeit, die, von Stein, Scharnhorst und Boyen begonnen, durch schwere Konflikte hindurch zu dem herrlichsten Ende geführt hatte. Er schaute die Geschichte mit den Augen eines Soldaten, und diese Zeit von dem Zusammenbruch bei Jena bis zu dem letzten großen Kriege stellte sich ihm als eine ununterbrochen aufsteigende Linie dar, die auch durch die zeitweiligen politischen Niederlagen Preußens in ihrer zur Höhe strebenden Richtung nicht abgeändert wurde. Mit dem beispiellosen Siege von Sedan erreichte sie einen Gipfel der militärischen Machtentfaltung, von dem aus es kein Aufwärts mehr gab. Auf der ganzen Welt konnte er sich nichts Ehrenvolleres träumen, als dieser herrlichen Armee von Sedan anzugehören, und er trug sein Offiziersportepee mit einem Stolz, der, von jeglicher Eitelkeit weit entfernt, einer religiösen Verehrung sich näherte. 80

Schon als Knabe hatte er zu den gewaltigen Ereignissen, die ihn jetzt zu einer bewußten Begeisterung entflammten, nur mit einem ehrfürchtigen Schauer aufblicken können, und es war sein bitterstes Leid gewesen, daß er nach dem Willen der Mutter und nach dem Worte des Arztes nicht hatte Soldat werden sollen, Offizier wie der Vater, der im großen Feldzuge mitgekämpft hatte und etwa ein Jahrzehnt darnach infolge eines Sturzes mit dem Pferde gestorben war. Mutter und Arzt besorgten, er wäre zu schwächlich für diesen Beruf.

Um diesen Einwand hinfällig zu machen, unterwarf sich der Knabe einem heldenhaften Selbstzwang; er machte seinen Körper durch die strenge Befolgung eines allmählich fortschreitenden Übungssystems zu immer größeren Strapazen tüchtig und erreichte damit in der Tat, daß er diensttauglich befunden wurde. Von so viel Aufopferung besiegt, gab die Mutter schließlich ihre Zustimmung zu dem Plane des Sohnes. Aber nur wenige Male sah sie ihn die altvertraute Regimentsuniform des Vaters tragen, – sie starb, kaum vierzig Jahre alt.

Bernhard Reimers war damit eine Vollwaise geworden; aber er hatte noch weit mehr als den Tod einer Mutter zu beklagen. Mit der Verschiedenen war zugleich der einzige Mensch dahingegangen, der ihm Liebe geschenkt hatte, und der einzige, den er wiederum geliebt hatte.

Der rasche und frühe Tod des heißgeliebten Gatten hatte auf das Leben der Mutter einen bleibenden Schatten geworfen. Die einsame Frau vermißte die helle Sonne ihrer kurzen Ehe allzu schmerzlich, als daß sie je wieder hätte froh werden können. Auch die ungestüme Zärtlichkeit, die sie ihrem Kinde 81 entgegenbrachte, war durch diese Trauer verschleiert; das war nicht die laute Glückseligkeit, mit der die Mütter sonst ihre Kinder jubelnd auf ihren Armen zum Lichte emporheben, es war ein inbrünstiges, wortloses Anschauen mit Augen unendlicher Liebe, ein liebedurstiges Werben um die Kinderseele und ein eifersüchtiges Umfangen, das dieses Vermächtnis des geliebten Toten ganz allein besitzen wollte.

So vollständig war der Knabe von der Liebe der Mutter umgeben, daß das Bedürfnis, welches seine Mitschüler vom Gymnasium sich freundschaftlich zusammenschließen ließ, gar nicht an ihn herantrat. Überall, wo er ein Verlangen trug, etwas zu erfahren, einen Zweifel zu lösen oder ein Geheimnis anzuvertrauen, bot sich ihm die Zärtlichkeit der Mutter dar, erklärend, beruhigend und an den immer ernster werdenden Freuden und Leiden des heranwachsenden Jünglings teilnehmend. Etwas Frauenhaftes blieb an ihm aus diesen Verhältnissen haften, auch nachdem er mit dem Eintritt in das Regiment das Haus und die innige Gemeinschaft der Mutter verlassen hatte, eine Scheu vor allem Rohen und eine Zurückhaltung von allem Unschönen. Dieses instinktive Gefühl bewahrte ihn zwar nicht durchaus vor allen Verlockungen, aber es hinderte ihn, sich ihnen in einem Übermaße hinzugeben. Er machte die kleinen Trink- und Liebestorheiten der Fähnriche und jungen Leutnants aus kameradschaftlicher Solidarität mit; – von selbst wäre er kaum je darauf gekommen.

Und es ging ihm im Regiment wie auf der Schule: er hatte viele Kameraden, aber keinen Freund. Er sorgte sich nicht darum und entbehrte nichts, bis ihm die Mutter starb. Da merkte er, daß er ganz allein 82 war. Wenn er morgens auf dem Exerzierplatze die Herren begrüßte, gab es keinen, den nach der einen Nacht wiederzusehen er sich freute, und gleicherweise gab es keinen, dessen Augen freudig aufleuchteten, wenn er ihm die Hand reichte. Das machte ihn traurig, aber eigens nach einem Freund auf die Suche gehen – das mochte er nicht, da hieß es eben warten, bis eine glückliche Stunde ihm den Rechten in den Weg schickte.

Endlich fand er ihn.

Aber diese Freundschaft kam anders, als er es geträumt hatte, nicht plötzlich, wie eine Himmelsgabe einem in den Schoß fällt, sondern stetig und stark wuchs sie aus einem langsamen gegenseitigen Sichkennenlernen hervor.

Es konnte nicht leicht einen größeren Gegensatz geben als den zwischen Reimers und diesem Oberleutnant Güntz. Äußerlich und innerlich waren sie grundverschieden geartet, – Reimers groß, schlank, dunkelblond, mit einem schmalen, ehrlichen, aber immer ein wenig melancholischen Gesicht; Güntz klein, zur Korpulenz neigend, weißblond, mit einem roten, lebensfrohen Vollmondsantlitz; der eine überschwenglich und ein wenig phantastisch in seinen Empfindungen, der andere mit beiden Füßen in der trockenen Wirklichkeit wurzelnd.

Als tüchtige Offiziere waren sie beide geschätzt; wie man sich an Reimers in einer kriegsgeschichtlichen oder kriegswissenschaftlichen Frage zu wenden pflegte, so galt Güntz als Autorität in mathematischen, vor allem in artilleristisch-technischen Dingen.

Die beiden eigene Gründlichkeit und Gewissenhaftigkeit bildete das trotz aller Verschiedenheiten verwandte Element ihrer Naturen, und auf dieser 83 Grundlage rückten sie sich mit jedem Tage auch menschlich näher. Der offenherzige Güntz hatte bald jede Falte seines Innern vor dem Freunde ausgebreitet, Reimers dagegen hielt seine allerletzten, allerinnersten Gedanken noch ein wenig geheim vor dem anderen, – aus einer Art von Furcht heraus. Denn der Freund mit seiner Nüchternheit und seiner grausamen Logik mußte notgedrungen, wenn anders er sich ohne Heuchelei geben wollte, – und er konnte gar nicht anders –, die meisten von den Idealen und Illusionen zerstören, an denen er, Reimers, wiederum sich krampfhaft festklammerte, ohne die er nicht leben zu können glaubte.

Aber mit der Zeit fiel ein Stück dieser trennenden Wand nach dem andern, und das wachsende, gegenseitige Vertrauen mußte sie zuletzt ganz niederreißen.

Bereits empfand Reimers das Verhältnis auch in seinen nebensächlichen Ausstrahlungen als eine wohltätige Erquickung. Güntz hatte ihm als einziger von allen Kameraden das brüderliche »Du« angeboten; – was für eine Erholung bedeutete nicht das schon, nach der Steifheit der militärischen Verkehrsformen einen »Du« zu nennen! Wie wenn man einen zu engen Kragen lüftete, war das!

Die Freundschaft zwischen den beiden Männern war nahe bei der letzten, schönsten Vollkommenheit angelangt, da wurde Güntz zur Versuchsabteilung der Artillerie-Prüfungs-Kommission nach Berlin kommandiert. Das war eine Auszeichnung, aber ein jahrelanges Kommando.

Reimers hatte also den Freund nur gefunden, um ihn wieder zu verlieren.

Der Briefwechsel zwischen den Getrennten war gleich anfangs nicht besonders rege. Was im Gespräch in wechselseitigem Entgegenkommen augenblicklich 84 verstanden worden war, ließ sich auf dem Papier nur umständlich festhalten. Sie hätten einander wissenschaftliche Abhandlungen schreiben müssen, und dazu ermangelten sie der Zeit; der eine infolge der allzu strengen Hingabe an den Dienst in der Garnison, der andere lebhaft angezogen von den technischen Problemen, die in der Versuchskommission vorgelegt wurden.

Am Ende hatten sie alle beide nur noch das beruhigende Gefühl: da, so und so viel Meilen von dir entfernt, sitzt ein Mensch, der dir treu ergeben ist. Im übrigen mußte jeder suchen allein auszukommen, so gut es ging.

Reimers widmete sich mit um so hingebenderem Eifer seinem Beruf. Er vergaß darüber seine Einsamkeit und segnete seinen Stand, der ihm die Mitwirkung an der großen, stolzen Arbeit des deutschen Heeres erlaubte, dafür.

Auch die unbequemen Dienstleistungen verdrossen ihn nicht, und vor Allem stand er freudig bei seinen Rekruten, beaufsichtigend, nachbessernd und unterrichtend. Das war ja in der Friedenszeit die große, ernsthafte Aufgabe des jungen Offiziers, dieses spröde Menschenmaterial zu Soldaten zu erziehen, Soldaten, die nach der ersten rohen Ausbildung immer weiter vorangebracht werden mußten, bis sie schließlich das letzte Ziel – kriegstüchtig zu sein, – erreichten.

Daneben hieß es, um selbst voranzukommen, kriegswissenschaftliche Studien treiben. Aber er hätte sich geschämt, das eine Arbeit zu nennen; er kannte kein köstlicheres und edleres Vergnügen als dieses Studium. Am liebsten hätte er über den Plänen der Generalstabswerke nächtelang gesessen, – wenn er sich nicht selbst Einhalt geboten hätte, um am nächsten Morgen die gehörige – lächelnd meinte er manchmal für sich, die 85 vorschriftsmäßige – Frische für den praktischen Dienst zu haben.

Auf diese Art, von Güntz geschieden, kam er in Gefahr, ein wenig menschenscheu zu werden. Er mußte sich zuweilen redliche Mühe geben, den Anforderungen der Kameradschaft und insbesondre seinen gesellschaftlichen Verpflichtungen mit guter Manier gerecht zu werden. In die Zerstreuungen der guten Jahreszeiten fand er sich am ehesten; er spielte mit Passion Tennis, und auch an einem Ausflug zu Fuß oder zu Rad, mit einem Picknick hinterdrein, an den kleinen Regiments- und Brigaderennen oder an einer Jagd fand er nichts auszusetzen, das war gesunde Bewegung, ein wohltätiges Herauskommen aus der Enge der Garnison, ein frischer Sport. Aber namentlich der Winter mit seinen Pflichtdiners und Kasinobällen machte ihm Pein.

Er hatte sich einmal, in der Tür des Saales stehend, die Ohren zugehalten, so daß er keinen Ton der Musik mehr vernahm, – da waren ihm ernstliche Zweifel an der Vernunft dieser wie toll herumspringenden Männer und Frauen gekommen, und er hatte sich fast geschämt, die gar nicht mehr junge Majorin Lischke um den pflichtmäßigen Tanz zu bitten. Indessen die dicke Dame hing sich lächelnd in seinen Arm und ersparte ihm keine Runde.

Im Promenieren fragte er sie, ob er die Ehre haben würde, sie auch auf der Eisbahn zu begrüßen.

»Nein, das ist mir zu anstrengend,« antwortete sie und wischte sich die hellen Schweißtropfen von der Stirn. – –

Mit Wehmut gedachte Reimers des ehrlichen Güntz, der für diese Torheiten so prachtvolle Grobheiten bereit gehabt hatte, wenn sie im Gespräch sich 86 den Ärger von der Leber redeten. Er war doch ein Unglücksrabe. Oder war es nicht ein ganz ausgesuchtes Pech, daß gerade der einzige, den er zu verstehen gelernt hatte, ihm entführt worden war? Gern würde er seine letzten Träumereien daran gegeben haben, nur um den Freund wiederzusehen; das Leben zerstörte sie ihm ja ganz von selbst, und er wurde täglich mehr gewahr, daß es gar nicht des anderen dazu bedurfte.

Da warf ihm der Zufall eine Gabe in den Schoß, die ihn einigermaßen für den Verlust des Freundes entschädigen sollte; er führte ihn mit dem Oberst von Falkenhein zusammen, – die Ironie des Schicksals wollte es: gerade an einem von diesen gräulichen Ballabenden.

Reimers hatte sich nach Ableistung seiner Kommißtänze gestattet, eine Polka auszusetzen, und lehnte im letzten Raume der Kasinozimmerreihe am Fenster, da klopfte ihm plötzlich Falkenhein auf die Schulter.

Der Oberst langweilte sich, denn die älteren Herren, soweit nicht auch sie um die Damen beschäftigt waren, hatten sich zum Kartenspiel gesetzt, und er, ein Witwer, dessen einzige Tochter noch im Pensionat erzogen wurde, konnte Spielen nicht ausstehen und Tanzen erst recht nicht. Dieser Leutnant Reimers, der da einsam in die Nacht hinaussah, kam ihm daher gerade zupasse. Der junge Offizier hatte ohnehin sein Interesse wachgerufen; seinem dienstlichen Verhalten sangen die Vorgesetzten wahre Lobeshymnen, und auch außerdienstlich hob er sich durch eine wohltuende Reife von dem Durchschnittstypus der jungen Leutnants ab, ohne doch darum den Eindruck eines Duckmäusers zu machen. Duckmäuserei nämlich konnte Falkenhein noch weniger ausstehen wie Spiel und Tanz.

Der Oberst hatte die Gabe, mit wenigen Fragen 87 das Innere eines Menschen aufzuschließen, und verstand sich ausgezeichnet darauf, das Wesentliche und Wahrhafte von dem Zufälligen und Eingebildeten oder gar Vorgeschützten zu sondern.

Reimers stand ihm mit einer Offenheit Rede und Antwort, über die er selbst am meisten erstaunt war. In dem Augenblicke, in dem der Oberst sich zu ihm gesellt hatte, war es ihm gewesen, als sähe er seinen Vater vor sich, und es tat ihm unbeschreiblich wohl, wieder einmal sein Bestes zeigen zu dürfen, das er bisher niemandem außer der Mutter und nur teilweise dem Freund anvertraut hatte.

Falkenhein hörte ihm ruhig zu. Reimers war ein Mann nach seinem Herzen! Da war ein klarer, männlicher Ernst, der gerade auf ein hohes Ziel losmarschierte, bewußt und Schritt für Schritt, ohne gleich dicke Generalsepauletten an die Stelle der mageren, sternlosen Leutnantsachselstücke zu träumen, und daneben eine schöne Begeisterung, die ihn, den Fünfzigjährigen, rührte und ihm das Herz wieder warm machte. Das klang wie damals in den kriegsschwangeren Zeiten: »So stellt uns doch endlich auf die Probe! Lieber heute, als morgen!« – Mein Gott, er hatte inzwischen etwas anders über solche Dinge urteilen gelernt, aber immerhin – die Jugend mochte nur getrost so denken! Für sie war es so das Rechte!

Er kraute sich den Kopf: freilich – ein wenig überschwänglich war diese Begeisterung, wenigstens wie die Dinge jetzt lagen, – und auch ein wenig blind. Es waren eben nicht mehr die Zeiten von 1870/71 und von den Jahren, die danach folgten, als die an der Mosel vorgeschobene Wacht am Rhein so höllisch vor der Revanche von Westen her auf dem Posten sein mußte. Er konnte nicht mehr so von ganzem 88 Herzen in die stolze Freude des jungen Offiziers einstimmen.

Fast schalt er sich darum, und keinesfalls wollte er diese schöne Flamme mit einem kalten Guß auslöschen. Das war es ja, was dieser Zeit am meisten fehlte, – ein wahrhaft überzeugter Patriotismus, der fest und tief in der Brust saß und nicht mit einem Hurra abgetan war, und aus ihm hervorgehend diese strenge, ernste Auffassung des Soldatenberufs einzig als einer beständigen Vorbereitung für den Krieg. –

Von diesem Gespräch an begann Reimers herzhaft für seinen Oberst sich zu begeistern. Er schämte sich beinahe, den guten Güntz ein wenig darüber zu vergessen, – aber nein, sie konnten getrost miteinander teilen, keiner kam zu kurz. Der brave, treue Mensch in Berlin bei der Artillerie-Prüfungs-Kommission blieb sein lieber Freund, der Oberst war ihm ein zweiter Vater.

Die Zuneigung Falkenheins tat sich freilich nicht groß in Worten kund. Er ließ nur bei jeder schicklichen Gelegenheit durch kleine Zeichen den Untergebenen fühlen, wie wert er ihn hielt. Wenn das Ungefähr sie am Kasernentor zusammenführte, forderte er Reimers auf, ein Stück des Heimwegs ihn zu begleiten, jedesmal gab es für den Leutnant ein besonders freundliches Nicken beim Gruß, und selbst beim Abreiten der Paradeaufstellung verriet ein Aufleuchten der Augen dem vor seinen Zug haltenden jungen Offizier das herzliche Gefühl seines väterlichen Freundes.

Reimers fand für sein Teil noch weniger Gelegenheit, seinen Empfindungen der Dankbarkeit und der Verehrung Ausdruck zu geben, der Rangunterschied untersagte ihm eine Anrede, aber er war in 89 dem Bewußtsein, verstanden zu werden, zufrieden und begehrte nicht mehr.

So grau wie vorher verliefen seine Tage nun nicht mehr, sie wurden durch diese kleinen Freuden farbig beleuchtet, und das ganze Leben gestaltete sich ihm damit immer fröhlicher und lebenswerter.

Allein der Freund fehlte noch, um es ganz glücklich zu machen. Und der kam wohl auch bald, sein Kommando konnte nicht ewig währen.

Die Kameraden staunten, ein wie lustiger, fast ausgelassener Gesellschafter dieser sonst so stille Reimers jetzt sein konnte. Besonders war das während der Schießübungen und der Manöver der Fall, in den Zeiten, die sich vom Garnison- und Paradedrill am weitesten entfernten und dem Ernstfall des Krieges am nächsten kamen.

Da unterbrach seine Erkrankung den gleichmäßigen Gang der Dinge.

Als er sich zu dem aufgezwungenen Urlaub abmeldete, durchbrach zum ersten Male die Innigkeit, mit der ihm Falkenhein zugetan war, die Schranken der dienstlichen Form. Die klaren Augen des Obersts wurden feucht, und seine Stimme bebte ein wenig, als er sagte: »Kommen Sie gesund wieder, mein lieber Reimers! Kommen Sie mir wieder! Ich bitte Sie, tun Sie alles, daß Sie mir gesund wiederkommen!«

Hinter diesem Ausbruch trat selbst die ehrliche, herzliche Sorge zurück, mit der Güntz von Berlin aus dem Freunde seine Wünsche schickte. Der Dienst hielt ihn in seinem Kommando fest, er konnte Reimers nicht mehr vor der Abreise sehen.

So behauptete auch, in höherem Grade als der Abwesende, der Gegenwärtige – der Oberst – das Feld der Erinnerung. 90

Reimers war die Sehnsucht nach seinen treuherzigen Augen und nach seiner väterlichen, liebevollen Stimme in dem langen Jahre der unfreiwilligen Verbannung niemals los geworden. Diese Verehrung fügte dem starken, mächtigen Bande, das ihn an die Heimat knüpfte, ein persönliches hinzu, und allmählich wurde ihm Oberst von Falkenhein zu einem Symbol, das die großen Eigenschaften des Vaterlandes – Tapferkeit und Klugheit, Treue und Beharrlichkeit, Schlichtheit und doch den im Bewußtsein des eigenen Wertes begründeten Stolz – in sich verkörperte.

Als er nun endlich wieder vor dem verehrten Manne stand, überwältigte ihn die hohe Freude des Wiedersehens und er küßte ihm die Hand.

Der Oberst duldete diese absolut unmilitärische Ausschreitung mit einem gütigen Lächeln. Am liebsten hätte er diesen jungen Menschen, der ihm so teuer war wie ein Sohn, in seine Arme geschlossen, aber er durfte sich so eine Gefühlsdurchgängerei, wie sie dem Leutnant – zu seiner herzlichen Freude – untergelaufen war, als alter Soldat nicht gestatten. – –

Auf dem Vorplatz draußen schaute sich Reimers erstaunt um. Alles dünkte ihn anders, schöner geworden zu sein, und sogar der kahle, nüchterne Kasernenhof schien ihm nicht mehr aller Reize bar zu sein.

Er durchschritt das Tor und ging auf der Landstraße langsam nach der Stadt zu. Da wurde das frohe Gefühl, in der Heimat zu sein, erst recht lebendig in ihm.

Die Landschaft, die sich zu beiden Seiten des Weges breitete, war keineswegs durch besondere Anmut ausgezeichnet, und im Grunde war sie ihm in jeder 91 Einzelheit bekannt, wie eben der Fleck Erde, den man jahrelang täglich betreten hat, – aber in dieser Stunde machte er Entdeckungen in ihr und hatte Überraschungen in ihr.

Es war wohl auch eine Frucht der Trennung, daß er jetzt erst die bescheidenen Schönheiten der Heimat erkannte, und erst hinterdrein klärten und verdichteten sich die unbestimmten Sehnsuchten, die ihn im fremden Lande bedrückt hatten.

Nun wußte er, daß es die den Bachlauf säumenden saftigen Buchen und Erlen da zur Linken gewesen waren, die er zu sehen sich gewünscht hatte, als ihm in Kairo ein träger Palmwedel regungslos vor dem Fenster hing; dieser grünen Wiesenhänge hatte er auf den dürren Grasebenen Südafrikas gedacht, der milden Heimatsonne und des blauen deutschen Himmels im Glutenbrande des Roten Meeres, und diese kleine Lokomotive, die da eschperig und kurzatmig ihre Wägelchen auf der Sekundärbahn talaufwärts schleppte, zuweilen ihr Läutewerk in Gang setzend, wenn ein weidendes Schaf zwischen den Schienen promenierte, – sie war ihm angesichts der Welthandelsplätze, die er auf seinen Fahrten angelaufen hatte, in Sinn gekommen.

Gewiß war das bereits ein Stück Deutschland, wenn da einer dieser Schiffskolosse, die Millionenwerte in ihrem Bauche aufnahmen, die deutschen Farben trug, und er meinte, das Schwarzweißrot flattere viel stattlicher und stolzer vom Mast als die anderen Flaggen, – aber hier erst wehte die echte Luft der Heimat, hier war man ihr am nächsten.

Er atmete den frischen Wind, der ihm entgegenwehte, mit Behagen und ging aufrecht und mit leuchtenden Augen. Einmal nickte er lächelnd einem 92 verkrüppelten Pflaumenbaum zu, den vor Jahren eines seiner Zugsgeschütze angefahren hatte; der Stamm wuchs kläglich schief in die Welt hinein, aber er hatte ausgehalten.

Im Weitergehen dachte der junge Offizier an die Kameraden, denen er nun wieder begegnen würde.

In diesem Augenblick der Freude mochte er sie alle leiden. Die kleinen und großen Untugenden, die ihm sonst an ihnen mißfallen hatten, dünkten ihn harmloser als ehedem, und jedenfalls war es eine ganz außerordentliche Liebenswürdigkeit von den Herren und zugleich sehr ehrenvoll für ihn selbst, daß auf heute, gerade auf den Tag seiner Rückkehr, ein Liebesmahl angesetzt worden war. Er empfand allerdings daneben auch ein gelindes Grauen vor diesem Feste, dessen Ende nicht anders als üblich auslaufen würde, – in einer allgemeinen Betrunkenheit, – aber gut gemeint blieb die Veranstaltung, und den einen Vorteil hatte er wenigstens davon, daß er auf einmal wieder in alle Einzelheiten des Garnisonklatsches eingeweiht wurde, in Dinge, die man zwar recht gründlich verachten konnte, die man aber notwendigerweise kennen mußte, um nicht unwissentlich irgendwo anzustoßen. –

An der Tür der Wohnung wartete bereits der Kanonier, der ihm als Bursche zugewiesen war.

»Kanonier Gähler als Bursche des Herrn Leutnant!« meldete er.

Reimers sah sich seinen Mann an. Der Wachtmeister schien da recht gut für ihn gesorgt zu haben: Gähler war ein patentes Kerlchen, nicht eben groß, aber ebenmäßig gewachsen, und sehr sauber. Nur duftete sein Haar allzu stark nach Pomade, und am 93 modisch gesträubten Schnurrbärtchen war die Bartwichse nicht gespart.

Als Reimers sein Schlüsselbund aus der Tasche zog, um die Tür aufzuschließen, nahm es ihm Gähler zuvorkommend aus der Hand, öffnete und ließ seinen Leutnant vorangehen. Seinen Packen Zeug legte er geschwind auf einen Stuhl ab und war sogleich beim Abnehmen des Helms, des Bandoliers und der Schärpe behilflich.

Der Offizier lächelte belustigt über diesen unbändigen Eifer. »Gähler heißen Sie also?« fragte er.

»Zu Befehl, Herr Leutnant!« antwortete der Bursche.

»Wie kommt es denn, daß Ihnen das alles so von der Hand geht?« erkundigte sich Reimers weiter.

»Ich war eine Zeitlang Bursche bei Herrn Hauptmann Baron von Wegstetten.«

»So? Und warum denn nicht mehr?«

Gähler zögerte ein wenig; dann kam es wieder flott von seinen munteren Lippen: »Herr Leutnant dürfen da nichts Schlimmes denken. Es hatte da Differenzen gegeben; das Mädchen hatte mich verleumdet –, Herr Leutnant werden verstehen.«

Er stand verlegen da und polierte die Schuppenkette des Helms mit dem Rockärmel.

Reimers amüsierte sich über den Burschen, der sich so gewählt ausdrückte. »Also, Sie lassen die Frauenzimmer nicht in Ruhe?« fragte er. »Nun, bei mir werden Sie nicht in Versuchung geführt werden.«

Gähler wandte bescheiden ein: »Herr Leutnant verzeihen –, aber in dem Fall – –, ich war wahrhaftig ganz unschuldig.«

Der Leutnant lachte. »Schon gut,« meinte er, »aber vorher, was waren Sie da?« 94

Der Kanonier richtete sich stolz auf und erwiderte mit Würde: »Groom bei Herrn Rittmeister Graf Vocking in Dresden.«

»Aha! daher also!«

Reimers wunderte sich nun nicht mehr. Dieser gräfliche Rittmeister, bei dem sein Bursche offenbar in die Lehre gegangen war, galt für den reichsten und elegantesten Sportsmann in Deutschland.

Im ganzen glaubte er mit Gähler gut auszukommen. Ein wenig schwatzhaft schien er zu sein, aber dagegen hatte der Vorgesetzte ja die Mittel in der Hand, zumal das flinke Kerlchen dabei nicht eben zudringlich war. Es machte seine Bemerkungen mehr für sich und schaute immer ängstlich zu, ob der Leutnant nicht ein finsteres Gesicht zöge. Auf ein grobes »Halt's Maul!« ließ der Bursche es lieber nicht erst ankommen.

Zunächst hieß ihn Reimers die Hauslitewka bringen und darnach beim Auspacken der Bücherkiste helfen, die kürzlich nach langer Fahrt von Suez angekommen war.

Gähler reichte ihm die Bände zu und konnte die Bemerkung nicht unterdrücken: »Herr Leutnant haben aber kolossal viele Bücher!«

Der Offizier machte keine bösen Augen, – darum fuhr er fort: »Der Herr Graf hatten nicht so viele und solche gleich garnicht.«

Er vergewisserte sich abermals, daß er keinen Unwillen erregt hatte, und setzte schließlich hinzu: »Der Herr Graf hatten nur Bücher über Pferde und welche über Frauenzimmer und das Kavallerie-Exerzier-Reglement.«

Nun mußte Reimers lachen, und sein »Seien Sie still!« klang nicht allzu zornig. 95

Übrigens, wenn auch Graf Vocking weniger Bücher besaß, in anderen Dingen übertraf er doch den Leutnant ganz bedeutend.

Gähler meinte beim Aufräumen des Waschtisches: »Der Herr Graf hatten sehr viele Büchsen und Fläschchen, – mit echt silbernen Deckeln und feinen Parfüms.« Er sagte »Parfönx«

Und als er zum Frühstück aus der Wirtschaft im Erdgeschoß ein belegtes Brot und ein Glas Bier holen mußte, berichtete er: »Der Herr Graf führten eigene Küche und pflegten Burgunder zum Frühstück zu trinken.«

Dabei trat wieder eine gute Eigenschaft der Vöcking'schen Erziehung zu Tage. Der Bursche hatte im Nu den Tisch sauber gedeckt und das Besteck zierlich aufgelegt, und der derben Mamsell unten in der einfachen Küche war es sicher nicht beigekommen, die Bratenschnitte so hübsch mit Grünzeug und Radieschen zu garnieren. Es sah weit appetitlicher aus als sonst, und das war Gählers Werk.

»Woher haben Sie denn die Radieschen?« fragte Reimers.

»Die habe ich mir von der Köchin geben lassen, Herr Leutnant,« antwortete der Bursche.

»Also schon wieder angebandelt?«

Diesmal war Gähler nicht im geringsten verlegen, er erwiderte frank und frei: »Herr Leutnant verzeihen, die Köchin ist sehr alt und sehr dick, ich –«

Und Reimers schnitt ihm lachend ein weiteres ab. »Gut, gut! Ich kenne sie,« sagte er. – – –

* * *

Am Abend im Kasino wetteiferten die Herren, rangältere und gleichalterige, darin, ihm Angenehmes zu sagen. 96

Aber es erging ihm am Ende doch wieder genau so, wie es vor einem Jahr der Fall gewesen war: als alle ihn begrüßt hatten, blieb er allein in der Tür des Lesezimmers stehen.

Sein einziger Freund, Güntz, war noch immer in Berlin, und die anderen Herren schwatzten mit einander, in den übrigen Räumen des Kasinos in Gruppen zusammenstehend, die fast jedesmal einen engeren Freundschaftskreis bedeuteten. Die Zusammensetzung dieser Zirkel hatte sich kaum geändert. Die meisten waren auf ein gleiches Dienstalter gegründet, daneben gab es einige wenige, die durch andere Elemente zusammengehalten wurden. Da war die Gruppe Keyl-Möller, zwei Oberleutnants und ein älterer Leutnant, die gegenseitig doppelt verschwägert waren, indem zwei Herren Keyl je eine Möller und der Möller eine Keyl geheiratet hatte, ferner das Terzett der drei musikalischen Herren, von denen einer sang, Geige spielte und daneben Waldhorn blies, der zweite ein ausgezeichneter Klavierspieler war und der dritte nur –pfiff, allerdings in geradezu künstlerischer Weise, – da war endlich die philosophische Gruppe, in der der kleine Leutnant Dr. von Fröben den Ton angab. Er hatte nach ein paar Semestern den juristischen Heidelberger Doktor gemacht und war kurzerhand Offizier geworden, als ihm während des Einjährigenjahres die Lust zur Rechtswissenschaft abhanden kam. Den akademischen Grad trug er mit der Würde, die das Seltene immer verleiht; er galt für sehr modern und zuweilen für ein wenig überspannt. Jedenfalls betonte er selbst gern seinen »wissenschaftlichen Standpunkt« und pflegte zu sagen: »Aber meine Herren, Sie dürfen nicht so einseitig sein, Sie dürfen sich doch heutzutage nachgerade nicht mehr mit der Kriegskaste der Hindus 97 indentifizieren!« Zu seinen Freunden gehörten drei noch sehr junge Offiziere; der eine davon las viel Prevost und Maupassant, der zweite bekannte sich errötend als Dichter eines im Tageblatt gedruckten Hymnus zur Begrüßung der heimkehrenden Chinakrieger, – es waren vom Regiment ihrer fünf, den Hauptmann Madelung und den Unterlazarettgehilfen Müller IV eingeschlossen, gewesen – und der dritte hatte sehr aufmerksame Augen, die beim Zuhören viel Interesse verrieten. Im allgemeinen hielt man ihn für eine Schlafmütze, und er sagte meistenteils »nein«, wenn Dr. von Fröben nach einer längeren Auseinandersetzung »ja« erwartete, hinterher aber verbesserte er sich: »Aber natürlich, sehr richtig, – ja.«

Alles schien im Kasino beim alten geblieben zu sein. Es kam Reimers so vor, als sei er, wie heute, so gestern und Tag für Tag vorher zugegen gewesen, – dieses ganze lange Jahr seines Urlaubs hatte hier nicht das geringste geändert. Er sah sich um: alle waren wie ehedem, die gesetzteren Herrn, mit den starken Schnurrbärten und dem stellenweis sich lichtenden Haar, bereits die künftigen Batteriechefsorgen auf der Stirn, das Mittelalter, ungefähr seine Jahresklasse, sorglos und etwas nonchalant sich gebend, und die Allerjüngsten, tirés à quatre épingles und sehr korrekt. Und wie ehedem standen die drei Schwäger beieinander – zwei von ihnen waren allerdings inzwischen Väter geworden, nur die Keyl II, geborene Möller, war erst guter Hoffnung, – und schwatzten über ihre Onkels und Tanten; wie ehedem blätterte der singende, geigende und blasende Manitius am Pianoforte im Klavierauszug des »Trompeter von Säckingen« –»Behüet dich Gott« war seine Leibnummer, – und wie ehedem dozierte der kleine 98 rotblonde Dr. von Fröben, und Gretzschel hörte ihm verständnisvoll dreinschauend zu.

Nur waren ein paar neue dazugekommen, diejenigen, die während seiner Krankheit eingetreten waren und eben erst nach den Herbstübungen zu Leutnants befördert worden waren. Landsberg, der eine davon, hatte sich ihm sogar als Batteriekamerad vorgestellt.

Reimers war nicht sonderlich entzückt darüber. Der junge Mensch mit dem etwas aufgeschwemmten Gesicht und dem von Pomade spiegelnden Haar, der noch dazu ein Monokle ins Auge geklemmt trug, war ihm gar zu geschniegelt und geleckt vorgekommen. Aber Landsberg schien irgend ein Anliegen an ihn zu haben, er getraute sich offenbar nur nicht recht den älteren Kameraden anzureden.

Reimers glaubte zu ahnen, was kommen würde. Sicher war das wieder die Frage nach seinen Kriegserlebnissen, die er an diesem Abend schon mehr als zwanzigmal ausweichend beantwortet hatte. Er nahm die kleine Neugier keinem übel, denn diese Frage mußte ja jedem Offizier am Herzen liegen und besonders einem, der eben erst mit frischer Begeisterung nach dem Soldatenberuf gegriffen hatte.

Richtig kam auch Landsberg auf ihn zu.

Etwas zaghaft begann er: »Verzeihung! Gestatten Sie eine Frage? Ja?«

Reimers antwortete: »Aber natürlich, gern.«

Landsberg fuhr stockend fort: »Sagen Sie – ich möchte –, nämlich die Form Ihrer Stiefel imponiert mir kolossal; sie ist enorm modern, und ich – Sie würden mich nämlich kolossal zu Dank verpflichten, wenn Sie mir die Adresse Ihres Schusters geben würden.« 99

Reimers überlegte einen Augenblick, dann erwiderte er kalt: »Ich habe mir die Stiefel in Berlin auf der Durchreise gekauft.«

»Ja? Sehen Sie, das dachte ich mir! – die Dinger sehen nämlich prachtvoll aus, ja, wirklich! Und erinnern Sie sich vielleicht der Adresse?«

»Nein.«

»Schade! – Ach bitte, aber wenn Sie erlauben, schicke ich den Burschen zu Ihnen, daß er sie von der Strippe notiert. Ja?«

Wieder blieb Reimers einen Augenblick stumm, dann sagte er: »Meinetwegen – wenn Ihnen daran liegt.«

Landsberg klappte die Absätze zusammen, verbeugte sich und murmelte: »Sehr liebenswürdig. Werde nicht verfehlen.«

Dann entfernte er sich mit einem »Danke gehorsamst«.

Reimers kehrte sich ab. Es war ihm plötzlich zu heiß im Zimmer, und er erging sich ein wenig auf dem kühleren Flur.

Alle Türen waren offen. Im Speisesaal standen die Stabsoffiziere und die Hauptleute um die fertig gedeckte Tafel. Es war wenige Minuten vor einhalb acht Uhr. Nur der Oberst fehlte noch.

Der Oberstabsarzt Andreae nickte Reimers durch die Tür freundlich zu. Dieser junge Mann war sein Renommierpatient. Der Spezialist hatte die Achsel gezuckt, aber er, Andreae, hatte die Flinte nicht ins Korn geworfen. Im Grunde war die Sache ganz einfach: wie beim Militär brauchte man nur eines – Initiative. Möglichst zeitig die richtige Diagnose und dann ungesäumt die richtige Behandlung. Dann glückte die Sache, wie in diesem Falle. – wenn sie 100 eben nicht schief ging. Jawohl, dieser Patient war ein Triumph für ihn, vor dem die Kollegen vom Zivil, die den Militärarzt allenfalls bei Geschlechtskrankheiten und bei einem Knochenbruche für kompetent hielten, endgültig verstummen mußten.

Reimers hörte seine weitschweifigen Verhaltungsmaßregeln über die Akklimatisierung zerstreut an und schaute sich verstohlen nach den anderen Herren im Speisesaale um.

Auch bei ihnen schien sich nichts geändert zu haben.

Major Lischke und Hauptmann von Wegstetten lagen sich immer noch in den Haaren. Lischke polterte mit seiner lauten Stimme, und Wegstetten hatte sein spöttisches Gesicht aufgesetzt. Der Stabshauptmann von Stuckardt hörte ihnen halben Ohres zu; er war neuerdings in der Rangliste der allernächste zum Stabsoffizier und sah darum stets etwas versonnen drein. Denn schon die Führung einer Batterie war ihm schwer gefallen, und nun sollte er gleich drei kommandieren. Unbekümmert um den Streit saß der Hauptmann der 5. Batterie, Mohr, als einziger bereits am Tisch; er war stets durstig und hatte schon eine halbe Flasche Sekt hinuntergegossen. Zwischen ihm und den Disputierenden durch strich Madelung, der Ostasiate, mit seinen kleinen, nervösen Schritten auf und ab; im Vorübergehen streifte er die zwei Kampfhähne mit höhnisch-mitleidigen Augen, während er auf den stillen Zecher verächtlich herabblickte. Major Schrader und Hauptmann von Gropphusen kicherten und tuschelten in einer Fensternische miteinander. Sie hatten ein nie versagendes Thema – Weibergeschichten. Gerade wie die zwei unter dem Kronleuchter, die Chefs der 1. und 3. Batterie, Träger und Heuschkel, eins hatten – Pferdefütterung. 101

Die dritte Batterie nämlich hatte die dicksten Pferde im Regiment, der Oberst meinte allerdings, auch die faulsten, aber wenn der Inspekteur vom Kriegsministerium kam, war es ungemein angenehm, wenn die Hinterteile der Gäule so rund und glatt in die Stallgasse hinein glänzten.

»Möhren, Möhren!« rief Heuschkel. »Das ist das einzig wahre!«

Schließlich sollte ihm Andreae, der als Menschenarzt auch vom Tiermagen eine Ahnung haben mußte, die Vorzüglichkeit der Möhrenfütterung bestätigen.

Reimers war auf diese Art allein geblieben und schickte sich eben an, aus dem Speisesaal in die Gesellschaft der jungen Kameraden zurückzukehren, da trat Madelung auf ihn zu.

Der Leutnant blieb erwartungsvoll stehen. Er war ein wenig neugierig, denn das war beinahe ein Ereignis, daß Madelung einen ansprach.

Dieser magere schwarzhaarige Mensch mit dem dunklen, verkniffenen Gesicht und den tiefliegenden, messerscharfen Augen war unbestritten der unbeliebteste Offizier des Regiments. Er war als rücksichtsloser Streber verschrieen und gab sich nicht die geringste Mühe, diesen Ruf zu widerlegen. Als einzige Entschuldigung konnte man ihm zu gute halten, daß er, infolge des unverschuldeten Vermögensverfalls seines Vaters fast allein auf seine Gage angewiesen, nur unter den größten Entbehrungen und nur mit Hilfe eines Zuschusses aus der Königlichen Schatulle seine Stellung als Offizier hatte behaupten können. Das mochte ihn verbittert haben, so daß er sich von allem Verkehr zurückzog und ganz und gar in seinem Beruf aufging. Durch eisernen Fleiß hatte er sich die Aussicht auf eine glänzende Laufbahn erschlossen; er 102 war vom König für seine Leistungen auf der Kriegsakademie mit einem Ehrensäbel ausgezeichnet worden, und ein Kommando in den Generalstab stand ihm bevor. Es war selbstverständlich, daß er sich zum Eintritt in das ostasiatische Expeditionskorps meldete, und er war vor kurzem aus China zurückgekehrt, mit einem Orden geschmückt, noch magerer, noch verkniffener und noch unliebenswürdiger.

Reimers stand streng dienstlich vor ihm, denn der Hauptmann war unberechenbar.

Aber Madelung winkte ihm kurz ab und sagte, ihn scharf anblickend: »Sie sind also das andere exotische Wunderkind, das heute begossen wird.«

Er lachte trocken.

Der Leutnant erwiderte nichts, und Madelung fuhr hastig fort: »Dann will ich Ihnen sagen, daß ich Sie beneide!«

Reimers fühlte, wie der Hauptmann seine Hand suchte. Er empfand einen kurzen, heftigen Druck, aber ehe er etwas hätte antworten können, hatte sich Madelung abgekehrt und war an den Tisch getreten.

In diesem Augenblick trat der Oberst ein. Er begrüßte jeden der älteren Herren mit ein paar Worten und die jüngeren gemeinsam mit einem Nicken, nur Leutnant Reimers bekam am Tage seiner Rückkehr einen besonderen Gruß und einen herzhaften Händedruck.

Dann setzte man sich zur Tafel. Vom Mittelplatz des Obersts aus stuften sich Rang und Dienstalter nach den Tischenden zu ab. Der jüngste und letzte war ein Avantageur, der am ersten Oktober eingetreten war. Er hatte von morgens einhalb fünf Uhr an Stalldienst gehabt und mußte sich von Zeit zu Zeit einen Ruck geben, um nicht einzuschlafen. Endlich 103 stellte auch ihm die servierende Ordonnanz eine Flasche Zeltinger hin, – da wurde er munterer. –

Reimers hatte sich neben dem kleinen Leutnant mit der Doktorwürde einen Platz gesucht; das Kerlchen war ganz amüsant und schwatzte so flink drauf los, daß der Nachbar fast gar nichts zur Unterhaltung beizutragen brauchte.

Natürlich hatte Fröben angefangen: »Na, Reimers, nun schießen Sie mal los! Blättern Sie Ihr südafrikanisches Kriegstagebuch auf! Wir sind ganz Ohr!« – Aber Reimers hatte ihn bald davon abgebracht. Was er da unten bei den Boeren erlebt und geschaut hatte, das war für ihn selbst noch ein trübes, gärendes Chaos von Eindrücken, und es widerstrebte ihm, auch nur oberflächlich daran zu rühren, solange er nicht sich selbst darüber klar war.

Der kleine Doktor war es auch zufrieden, daß er anstatt dessen auf diese famose Deutsch-Ostafrika-Linie aufmerksam gemacht wurde, die einen für einen reinen Pappenstiel von Hamburg über Antwerpen, Oporto und Lissabon nach Neapel beförderte, und er verbreitete sich in einem längeren Vortrag über den erzieherischen Einfluß großer Reisen im allgemeinen und der Seereisen im besonderen.

Reimers hörte geduldig zu und ließ dabei seine Blicke die Tafel aufwärts wandern. Wiederum kein anderes Bild als ehedem! Die einzelnen Gruppen waren auch bei Tische zusammengeblieben, nur daß sie sich zur Fortsetzung ihrer Gespräche niedergesetzt zu haben schienen.

In der Mitte hörte Falkenhein belustigt zu, wie der Oberstabsarzt dem Stabshauptmann die uralte, neueste nervöse Krankheit, die Majoritis, erklärte. Madelung verzog nur ein wenig den Mund und ließ 104 fortwährend das silberne Rädchen der Messerbank schnurren. Neben ihm sah Mohr mit gläsernen Augen stumpf vor sich hin, und Schrader bog sich lachend auf dem Stuhl hintenüber, während Gropphusen noch auf ihn einredete.

»Der hat gut lachen!« sagte Fröben, seinen Vortrag unterbrechend, zum Nachbar.

»Wieso?« versetzte Reimers.

»Nun, sagen wir mal recht vorsichtig: Schrader hat mit der Gropphusen einen Flirt, – einen sehr intimen Flirt!«

Reimers erwiderte gleichgültig: »So?«

Da war ja schon ein Stückchen Klatsch, und merkwürdig – auch in dieser Beziehung war alles beim alten geblieben: es geschah nicht zum ersten Male, daß gerade Major Schrader und Frau von Gropphusen für Gesprächsstoff sorgten.

Leutnant Dr. von Fröben aber fuhr fort: »Nun dürfen Sie aber nicht denken, Reimers, daß ich in dieser Beziehung auf einem einseitig moralischen Standpunkt stehe. Die Begriffe der Moral sind ebenso Wandlungen unterworfen wie –«

Und er kramte aus, was ihm aus einem Zeitungsartikel, dessen Verfasser Nietzsche mißverstanden hatte, im Gedächtnis geblieben war. –

Nach dem Königshurra war eine kurze Stille eingetreten, die von dem vorhergegangenen Stimmengewirr fast befremdlich abstach. In diesem Schweigen fiel in der Umgebung des Obersten das Wort »China«. Aller Blicke lenkten sich unwillkürlich auf Madelung.

Er saß steif mit seinem kalten Gesicht an der Tafel, um seine verkniffenen Lippen spielte ein höhnisches Lachen.

»Gefahren!?« rief er mit seiner harten Stimme, 105 die wie ein Instrument ohne Resonanz schrillte, »Gefahren!? – Ich wüßte nicht.«

Er lachte trocken auf.

Hauptmann Heuschkel, der immer in Sorge um seine dicken Pferde war, erkundigte sich: »Nun, ja. Gegen einen solchen Gegner mußte wohl die Deckung in erster Linie in Betracht gezogen werden? Nicht wahr, Deckung ging da über Wirkung? Da wogen doch zehntausend so gelbe Kerls nicht einen einzigen Trainsoldaten auf?«

– »Und einen meiner Rappen,« setzte er in Gedanken hinzu. Er wäre imstande gewesen, Selbstmord zu verüben, wenn er einen seiner Gäule von so einem schmutzigen Chinesen erschossen hätte sehen müssen.

»Nicht wahr, auf gute Deckung kam es doch an?« fragte er dringlicher.

»Nein,« antwortete Madelung laut. »Es kam darauf an, nicht den Finger in den Mund zu stecken.«

»Was hatte es denn damit auf sich?« mischte sich der Stabshauptmann von Stuckardt ein wenig schüchtern ein.

Madelung verbeugte sich mit einer etwas ironischen Höflichkeit.

»Die Infektion mit Typhusbazillen,« erwiderte er, »war die Hauptgefahr in China, Herr Hauptmann von Stuckardt.«

Nach einer kleinen Pause sprach die schrille Stimme weiter: »Es lag da mit in unserem Kantonnement ein Oberleutnant, von irgend 'nem preußischen Grenadierregiment, ein flotter Kerl und soweit wohl auch – 'n ganz brauchbarer Offizier.«

Madelung hielt etwas inne, und wieder erscholl das trockene, spöttische Lächeln.

Dann fuhr er fort: »Der hatte 'ne komische 106 Passion. Er pflegte einen Fingernagel, den vom kleinen Finger der linken Hand, mit einer riesigen Sorgfalt. Er erinnerte darin etwas an einen chinesischen Mandarinen, – am Ende war der Nagel wohl einen vollen Zentimeter lang und durchstach ihm alle Handschuhe. Wenn sich nun in den Nagel ein kleines Stäubchen verfing, da hatte er die Gewohnheit, es mit den Zähnen zu entfernen. Das war ja nicht sehr schön, aber er hatte nun mal die Passion für den Nagel. Ich sagte ihm oft: »Verehrtester, lassen Sie Ihren Finger vom Munde! Ich sehe die Typhusbazillen nur so dran wimmeln.« Er gab sich auch Mühe, aber zuweilen dachte er doch nicht dran, und da ist er denn auch schließlich reingefallen.«

Die Blicke der Zuhörer ruhten fragend auf Madelung, und er antwortete: »Er ist am Typhus gestorben.«

Er trank einen kleinen Schluck Wein und sprach etwas leiser weiter: »Dabei glaube ich fest, daß es diesem Oberleutnant mehr Überwindung gekostet hat, den kleinen Finger seiner Hand nicht in den Mund zu bringen, als im dichtesten Feuer seinen Zug gegen eine von diesen chinesischen Lehm- und Dreckmauern zu führen.«

Dann erhob er wieder seine Stimme, als ob er um jeden Preis die geringe weichere Wendung seiner Worte widerrufen wollte, und schloß hart und schrill: »Übrigens ist es tatsächlich eine schlechte Angewohnheit, einen Finger in den Mund zu stecken.«

Und von neuem saß er stumm und steif da und drehte das silberne Rädchen seines Messerbänkchens.

Das Liebesmahl nahm darauf seinen üblichen Verlauf. 107

Ein Teil der Herren blieb nach Aufhebung der Tafel noch im Speisesaale bei Wein oder Champagner sitzen, ein anderer zog sich in das Lese- oder Rauchzimmer zu einem Schoppen Pilsener zurück. Im Saale ging es immer lauter und lärmender zu, in den Nebenzimmern dagegen verlief die Unterhaltung sanfter. Ein paar Kartenratzen setzten sich sogar noch zu einer Skatpartie hin, und im Billardzimmer machte Hauptmann Madelung, für sich spielend, eine Karambolageserie von hundert und mehr Bällen. Nach dem ersten Fehlstoße setzte er das Queue hin und wartete ungeduldig, bis der Oberst als erster aufbrach. Das war das Zeichen für das offizielle Ende des Festes. Madelung folgte Falkenhein fast auf dem Fuße, und die Mehrzahl der verheirateten Herren ahmte sein Beispiel nach.

Schließlich waren nur noch Leutnants da außer dem Major Schrader und Hauptmann von Gropphusen. Der dritte ältere Offizier, Hauptmann Mohr, zählte nicht. Er hatte sich den ganzen Abend noch nicht von seinem Platze wegbegeben und trank beharrlich mit dem Assistenzarzt weiter, einem ungeheuer dicken Menschen, dessen Mensurnarben dunkelrot glühten, als ob sie platzen wollten.

Damit war man unter sich, denn Schrader und Gropphusen waren keine Spielverderber.

Manitius sang nun sein »Behüet dich Gott«, etwas ungleichmäßig von dem angezechten Frommelt begleitet. Er hatte einen starken Erfolg, denn der junge Avantageur bekam über seinem Singen das graue Elend und verlangte heulend nach einer gewissen Martha, die er »so riesig liebe« und die er nun verlassen müsse, weil er wohl keinen Konsens zur Heirat mit einer Kellnerin erhalten würde. Da riß sich Schrader plötzlich die Uniform auf und bot ihm seine behaarte Brust 108 zum Saugen, und der Avantageur sank weinend in seine Arme.

Am Ende wurde die Komödie langweilig. Der Avantageur wurde nach Hause geschickt, und Frommelt mußte einen Kankan spielen, zu dem Gropphusen und Landsberg antraten. Gropphusen war gelenkig und flink, und ähnelte mit seinem blassen, hübschen, etwas verlebten Gesicht einer Type vom Montmartre, Landsberg dagegen wurde zur grotesken Figur, wie er die langen Schuhe in die Luft warf und dabei in dem unerlaubt hohen Kragen fast erstickte.

Immer weniger wurden es nach und nach, und zuletzt waren nur zwei Gruppen noch vorhanden.

Im Spielzimmer saß noch eine Zeitlang ein halbes Dutzend um einen Tisch. Es wurde getempelt, Landsberg war der Manager. Im Speisesaal hockten Hauptmann Mohr und der Unterarzt einander gegenüber. Sie unterhielten sich längst nicht mehr, nur zuweilen sagte einer von ihnen: »Prosit!«, dann tranken sie beide. Als sie endlich von ihren Stühlen aufstanden, fanden sie im Vorzimmer die Ordonnanz halb im Schlafe, halb im Rausche, vom Stuhle gerutscht und auf dem Boden schnarchend.

Der Unterarzt knurrte: »Besoffenes Schwein!« und stieß den Mann mit dem Fuß an, bis er in die Höhe fuhr.

Mühsam stand der Kanonier stramm.

Als die beiden Letzten das Kasino verlassen hatten, schloß er die Zugänge ab, trank einen Rest Champagner aus, der irgendwo stehen geblieben war, und legte sich auf dem Diwan im Rauchzimmer zur Ruhe.

Die Diwandecke war ein kleines Heiligtum, ein Geschenk, das ein Offizier der ostafrikanischen Schutztruppe, ein ehemaliger Regimentskamerad, dem Kasino 109 gemacht hatte, ein prächtiges Erzeugnis morgenländischer Industrie.

Die Ordonnanz fand die dicke Goldstickerei an der Backe dumm und störend, aber den Kopf konnte man sich schön damit kratzen. – –

* * *

Reimers hatte das Fest bei Zeiten verlassen.

Er war erstaunt, als er in seiner Wohnung den Burschen noch wach fand.

»Warum in aller Welt sind Sie noch nicht zu Bett gegangen?« fragte er.

Gähler antwortete bescheiden: »Herr Leutnant verzeihen, – in solchen Fällen hatte der Herr Graf zuweilen noch Befehle, – gingen noch manchmal aus.«

»Ich nicht. Merken Sie sich das!« brummte Reimers.

Der Bursche blieb noch stehen und fragte: »Befehlen Herr Leutnant noch einen Thee?«

Reimers blickte auf. Da hatte dieser Teufelskerl abermals eine ganz vorzügliche Idee! Zum Schlafen war er zu erregt, denn er hatte gar zu oft Bescheid trinken müssen, da war das ganz das Rechte, ein Glas Thee zu trinken, ein paar Seiten zu lesen und dann erst zur Ruhe zu gehen.

»Ja. Machen Sie mir Thee!« befahl er. »Aber nicht zu stark!«

Er legte den Überrock ab und zog die bequeme Litewka an. Gleich brachte auch Gähler den Thee und dazu einen Teller voll Weißbrotschnitten, mit Anchovis belegt.

Reimers lächelte; es hatte doch sein Gutes, den Groom des eleganten Rittmeisters als Burschen zu haben. Er nickte Gähler freundlich zu und sagte: »Ich 110 glaube, Gähler, wir werden ganz gut miteinander auskommen.«

Der Kanonier stand stramm. »Haben Herr Leutnant noch Befehle?« fragte er.

»Nein. Gute Nacht.«

»Gute Nacht, Herr Leutnant!« –

Reimers aß im Zimmer auf- und abgehend ein paar Bissen, dann trug er die grünbeschirmte Lampe auf den Schreibtisch und griff sich einen Band des Generalstabswerkes über den großen Krieg.

Er breitete die wundervoll exakten Karten aus und versenkte sich – zum wievielten Male! – in die Phasen seiner Lieblingsschlacht, der dreitägigen Kämpfe an der Lisaine. Das war die einzige große Verteidigungsschlacht in dem Feldzuge, klar und übersichtlich wie keine sonst in ihrer einfachen Taktik, fast an ein Schulbeispiel gemahnend, und doch welche lebendige Tat! Während fast zu gleicher Zeit in Versailles das deutsche Kaiserreich proklamiert wurde, kämpften vor Belfort Badenser mit Ostpreußen Schulter an Schulter, Regimenter von Schleswig neben oberschlesischen, Rheinländer neben Sachsen, – die herrlichste Veranschaulichung der neuerrungenen Einigkeit.

Seine Bewunderung für die zähen Sieger war eben so groß wie sein Mitleid mit dem tragischen Geschick der angreifenden Armee, die sich, vor Hunger fast vergehend, mit dem wilden Mute der Verzweiflung geschlagen hatte und ein ehrenvolleres Los verdient hätte, als auf diesen fürchterlichen Leidensweg nach der Schweizer Grenze gedrängt zu werden. Und nicht minder tragisch war das Geschick ihres Führers, von einer Tragik, die Bourbaki übrigens mit den anderen Heerführern der Republik teilte. Alle diese Generale, Aurelle de Paladine, Chanzy, Faidherbe, 111 Bourbaki, die mit dem tapferen, aber wenig widerstandsfähigen Aufgebot der Regierung der nationalen Verteidigung den Siegeslauf der deutschen Armeen aufzuhalten versuchten, waren zu ihren Niederlagen unweigerlich vorbestimmt, und selbst außerordentliche Eingebungen eines militärischen Genies hätten den Grundfehler nicht wettmachen können, daß man etwas Unmögliches für möglich gehalten hatte.

Reimers schaute mit glühendem Gesicht über das Buch hinweg. Er war dem Schmerzensweg der französischen Korps bis Pontarlier gefolgt. Das war für die Deutschen der Augenblick der letzten, weitesten Machtausdehnung: im Westen bestaunten die Rheinländer die winterlichen Wellen des Kanals, und an der Ostgrenze begrüßten Pommern den schweizerischen Grenzkordon.

Wo in der Welt gab es ein Volk, das reicher an Ehren und Siegen war?! – –

* * *

An den nächsten Mittagen stattete Reimers den Damen des Regiments seine Besuche ab.

Es war ein wenig langweilig, so oft dieselben Fragen über sich ergehen lassen zu müssen, und abermals stellte er lächelnd fest, daß gewissen Verhältnissen gegenüber die Zeit ganz machtlos zu sein schien. Zwar waren aus einigen jungen Frauen junge Mütter geworden, aber die meisten Regimentsdamen thronten unverändert in der soliden, reichlichen Behäbigkeit ihres Haushalts. Höchstens hatten sie mit mehr oder weniger Erfolg der Mode, die gerade das Schmale betonte, Opfer gebracht.

Die Reihenfolge ihrer Unterhaltung war fast wörtlich die gleiche,. und ihre Neugier war unbedingt ganz 112 ebenmäßig stark, nur daß sie sich bei Frau Hauptmann Heuschkel, der Vorstandsdame des Vereins vom Roten Kreuz, auf die Verwundetenpflege in Südafrika richtete, während die Vorsteherin des Vereins für innere Mission, Frau von Wegstetten, sich erkundigte, ob denn die Boeren wirklich so fromm seien.

Diese Gleichmäßigkeit war gewissermaßen das Ergebnis einer Zuchtwahl. Die Mehrzahl der Offiziere war sehr vorsichtig in der Wahl der Gattinnen gewesen, und das hatte zugleich eine schöne Übereinstimmung der Anschauungen ergeben, die sich sogar in der ein wenig lieblosen, tapezierermäßigen Ausstattung der Wohnungen ausdrückte.

Nur zwei Damen bildeten Ausnahmen von diesem Typus, – die Hauptmannsgattinnen von Stuckardt und von Gropphusen.

Frau von Stuckard, eine geborene von der Braache, galt als hochmütig. Zu Unrecht! Es war ihr nur schlechterdings unmöglich, in den Gedankenkreis der anderen Damen sich hineinzudenken. Sie war schon ein paar Jahre in einem adligen Fräuleinstift verkümmert, und ging bereits mit dem Plane um, in ein Kloster zu treten, als Stuckardt, ein entfernter Vetter, um sie warb. Im Grunde bereute sie die weltliche Regung, der sie damals nachgegeben hatte; sie glaubte mit ihrer Verheiratung die Kirche beraubt zu haben und fühlte beständig ihr Gewissen von dieser schweren Schuld bedrückt. Den Interessen der anderen Offiziersdamen stand sie ratlos gegenüber, doppelt, durch die Verschiedenheit der Konfession und der Erziehung, von ihnen getrennt, und wenn sie, dem Zwang der Geselligkeit folgend, einen Kaffee gab, so saß sie wie ein Wesen aus einer fremden Welt zwischen ihren Gästen, blaß und schmal, stets dunkel gekleidet, eine altersgelbe 113 Spitzenbarbe auf dem schlicht gescheitelten schwarzen Haar zwischen den rosigen, blonden, lustigen Frauen in ihren hellen Gewändern.

Den Damen gruselte es jedesmal vor einer solchen Veranstaltung, die Majorin Lischke nannte sie sogar »stinkig langweilig« oder »bockig«, indem sie als Dienstälteste von dem Recht einer kräftigeren Meinungsäußerung Gebrauch machte, aber ab und zu mußte man doch hingehen, wenn auch die Stuckardt, die sich selbst oft entschuldigte, so vernünftig war, eine Absage nicht übel zu nehmen.

Da war es bei der Gropphusen weit amüsanter. Man wußte zwar nicht genau, ob sie sich nicht über einen lustig machte, aber ganz sicher trug man jedesmal von ihr einen Packen Gesprächsstoff heim, der für Wochen reichte.

Äußerlich gaben Gropphusen und seine Frau ein prächtig zusammenstimmendes Menschenpaar ab, er, der eben mittelgroße, zartgliederige Mann mit dem feingeschnittenen blassen Gesicht, den lebhaften Augen, dem leicht gewellten, dunklen Haar und dem kleinen schwarzen Bärtchen, und sie eine von jenen zierlichen Blondinen, die gefrorener Sekt sind, ein wundervolles Figürchen mit den graziösesten Bewegungen, einem launischen, schmalen Näschen und stahlblauen Augen unter dunklen Brauen.

Im Anfang der Ehe war das auch eine Verliebtheit gewesen, die über alle Begriffe ging; aber als dann das Feuer verglüht war, kehrte Gropphusen bald wieder zu seinen alten Gewohnheiten zurück.

Die Wahrheit zu sagen, war er ein Liederjahn, dem es auch als Ehemann nichts ausmachte, wochenlang die Nächte in der Residenz zu durchbummeln; mit dem Frühzuge kam er dann zurück. Er schien 114 Nerven von Stahl zu haben, denn das mußte ihm der Neid lassen – im Dienst ließ er es darum nirgends fehlen. Dabei war er ein gescheidter Kopf und ein Künstler obendrein, ein ausgezeichneter Pferdemaler, dem die Fachleute zuredeten, den Säbel an den Nagel zu hängen und ausschließlich den Pinsel zur Hand zu nehmen. Aber er hatte sich noch nicht entschieden.

In seiner Wohnung war ein Atelier eingerichtet; da konnte es geschehen, daß er, zum Ausrücken fertig, im Reitzeug, den Helm auf dem Kopfe, noch ein paar Striche malte. Andererseits, wenn ihm etwas mißraten war, zog er wohl den Säbel und stach und hieb blindlings auf seine Arbeit ein, bis sie in Fetzen vor ihm lag. Dann rührte er wochenlang keinen Pinsel an.

Unregelmäßig in seiner ganzen übrigen Lebensführung, war er nur regelmäßig in seinen Ausschweifungen. Er war sehr reich, so daß er fast allen seinen Launen die Zügel schießen lassen durfte. In der Tat liefen einigermaßen phantastische Gerüchte, die allesamt ein wenig an Herzog Karl von Braunschweig erinnerten, über ihn um, das tollste von einem Ballet, das er sich von fünfzig nackten Tänzerinnen habe vorführen lassen. Manches war auch am Ende übertrieben.

Um seine junge Frau kümmerte er sich jedenfalls nicht mehr.

Hanna Gropphusen hielt sich auf ihre Weise kokettierend und flirtend schadlos, und der Klatsch über sie wuchs bald zu derselben Höhe an, wie der über ihren Gatten. Aber die Tuschelnden und Schwatzenden hatten ein schlechtes Gewissen, wenn sie diese 115 Gerüchte weiter trugen: – etwas Ernsthaftes ließ sich der jungen Frau nie vorwerfen. – –

Merkwürdigerweise hatte sich Reimers von den beiden Ausnahmeerscheinungen unter den Offiziersdamen stets mehr angezogen gefühlt, als von den typischen Vertreterinnen. Über den Grund dieser Empfindung wurde er sich nicht vollkommen klar. Es fiel ihm nur eine gewisse Ähnlichkeit zwischen der Stellung der Damen und der seinen auf: jene zwei – und er – waren anders als der Durchschnitt.

Im Gegensatz zu den Kameraden besuchte er Frau von Stuckardt gern. Sie redete nie von etwas Plattem, lieber schwieg sie, und immer war sie ein wenig Proselytenmacherin. Reimers hörte ihr gern zu, wenn sie mit halblauter Stimme die hohen Gnadenwunder des katholischen Glaubens pries; er war gewappnet gegen ihre Bemühungen, aber eine wohltuende Ruhe ging von dieser weltfremden Frau aus, und er konnte ihr nachfühlen, daß diese geistige Selbstentäußerung des Katholizismus eine weiche Ruhestatt für Lebensmüde war.

Die Gropphusen interessierte ihn. Sie wurde für oberflächlich und leichtsinnig gehalten, aber er mochte das nicht wahr haben. Es war zu viel System in ihrem Leichtsinn und in ihrer Oberflächlichkeit. Naiv und von Herzen leichtsinnig waren viel eher die anderen, z. B. diese drei jüngsten Damen, die zwei Keyl, geborenen Möller, und die eine Möller, geborene Keyl, die sich durch ihr glattes, sorgloses Leben lachten und kicherten wie junge Kälber, die im grünen Klee springen. –

Absichtlich hatte er sich diese beiden Besuche für zuletzt vorbehalten. Aber Frau von Stuckardt war verreist, und als er bei Gropphusen seine Karten 116 abgab, meldete ihm der Bursche, die gnädige Frau sei leidend, er wolle aber doch nachfragen.

Reimers ärgerte sich ein wenig und war schon im Umkehren, da kam der Kanonier zurück. »Die gnädige Frau läßt bitten,« sagte er.

Er ließ den Leutnant ein, führte ihn den Korridor entlang und flüsterte im Gehen: »Die gnädige Frau sind in ihrem Zimmer.«

Reimers trat in ein schmales Gemach, dessen einziges Fenster verdunkelt war. Frau von Gropphusen richtete sich von einem breiten Ruhebett halb auf. Sie trug ein loses Hauskleid von weicher Seide und hielt eine leichte Decke über die Kniee gebreitet.

»Willkommen, Herr Leutnant!« sagte sie und streckte ihm die Hand hin.

Reimers verneigte sich ehrerbietig und küßte die Spitzen der Finger.

Darauf ließ sich die junge Frau wieder auf den Diwan zurückfallen und schwieg einen Augenblick, indem sie mit der Hand über die Stirne strich.

»Mir geht es nämlich nicht gerade gut,« fing sie von neuem an, »aber abweisen mochte ich Sie doch nicht.«

»Nein, nein! Sie sollen bleiben!« wehrte sie, als Reimers Miene machte, sich sogleich wieder zu verabschieden. »Da! setzen Sie sich! Warten Sie, es geht schon vorüber.«

Reimers setzte sich auf einen Sessel und warf einen flüchtigen Blick im Zimmer umher. Das Ruhebett füllte es fast ganz aus, nur der Damenschreibtisch am Fenster mit seinen schönen, klaren Linien und ein paar Stühle hatten noch Platz darin. Über dem Diwan hing als einziges Bild ein schöner Stich des »blauen Knaben« von Gainsborough. 117

Frau von Gropphusen hatte sich inzwischen erholt. Ein etwas schmerzliches Lächeln erhellte ihr hübsches, blasses Gesicht, und sie begann leise: »Nein, wirklich, ich mochte Sie nicht gehen lassen!«

Sie richtete sich abermals auf, zog die Kniee unter der Decke zur Brust empor und schlang die Arme darum. Das alles geschah leicht und ganz selbstverständlich ohne jede Koketterie. Und nochmals streckte sie Reimers die Hand hin und sagte: »Sie, – den Boerenkämpfer!«

Dann stützte sie das Kinn auf ihre Kniee und fuhr fort: »Nun müssen Sie mir aber auch sagen, weshalb Sie für die Boeren gefochten haben.«

Als Reimers sich zu einer Antwort anschickte, unterbrach sie ihn: »Nein! Ich will Sie fragen. Warten Sie! Also aus Abenteuerlust?«

»Nein. – Mindestens ist das nicht der rechte Ausdruck. Ich wollte einmal den Ernst meines Berufes kennen lernen. Aber der Hauptgrund war das nicht.«

»Also – aus Ruhmsucht?«

Unwillkürlich ging Reimers von seinem Vorsatz, ausweichend zu antworten, ab und erwiderte: »Nein. Auch das ist schief. Für mich persönlich verlangte ich eigentlich gar nichts, höchstens die Probe zu machen wie ich mich zu der Praxis verhalten würde.«

»Aber der Hauptgrund war auch das nicht?«

»O nein.«

»Also war es doch die Empörung über den Stärkeren, der den Schwächeren mißhandelte?«

Reimers schwieg eine Weile. Dann antwortete er: »Vielleicht, gnädige Frau. Aber es kam noch anderes hinzu, vor allem Langeweile, und – ich wollte eine Entscheidung haben, ob ich leben würde oder nicht. Krank sein wollte ich nicht länger.« 118

»Aber der letzte, der Hauptgrund war doch ein Gerechtigkeitsgefühl, nicht wahr?«

»Nun ja, gnädige Frau.«

Hanna Gropphusen legte sich sachte wieder zurück. Zum dritten Male streckte sie Reimers die Hand hin.

»Ich freue mich so, wenn ich erfahre, daß es auch noch solche Leute gibt. Gar wenn ich einem begegne!«

Reimers hatte ihre Hand einen Augenblick in der seinen gehalten. Es war eine schmale, fast magere Hand mit schlanken Fingern. Er wurde an die milden Hände seiner Mutter erinnert, wie er sie sah.

Ehrfürchtig streifte er die schönen Finger mit seinen Lippen und stand auf.

Frau von Gropphusen hielt ihn nicht zurück.

»Am Ende ist es besser für mich,« sagte sie matt.

Als er schon in der Tür stand, fügte sie hinzu: »Aber ich habe mich herzlich gefreut, Sie wiederzusehen,« und sie verabschiedete ihn mit einem freundlichen Nicken.

Dann lag sie einen Augenblick mit geschlossenen Augen da, und wieder glitt ihre Hand über die Stirn, eine blasse, schlanke Hand, die in ihrer krankhaften Zartheit von einem verschwiegenen Leiden erzählte, über die Stirn, in deren junge, weiße Glätte eine Furche sich einzugraben begann. – –

Vor der Haustür blieb Reimers stehen und knöpfte seine Handschuhe nachdenklich zu.

Das war doch rein närrisch, daß ihn gerade die Frau, vor der sie alle heimlich sich bekreuzten, die allerachtbarste dünkte.

Nach diesem Besuch erst recht. Ihr allein hatte er geantwortet, und trotzdem sie kaum ein Dutzend 119 Worte gewechselt hatten, war zwischen ihnen keine Unklarheit zurückgeblieben.

Er wurde des Gefühls nicht ledig, daß ihre Seele der seinen verwandt war; beide sehnten sich nach dem Großen und Schönen im Leben. Die beklagenswerte Frau hatte Schiffbruch gelitten im Größten und Schönsten, zu dem das Weib geschaffen war – in ihrer Liebe, aber – gottlob! – ihm, dem Manne, strahlte es noch hell, umfassend und mächtig hinausragend über ein karges Einzelschicksal, das Größte und Schönste seines Lebens, – Deutschland.

Im Schatten jenes Zimmers hatte sich seiner bedrückend und lähmend ein düsterer Gedanke bemächtigt, eine unbestimmte Ahnung, daß auch sein Schicksal sich so wenden würde wie das der blassen Frau, aber er verscheuchte die finstern Wolken.

Sein Stern wechselte nicht das Licht und war nicht wandelbar wie der wankelmütige Sinn eines Menschen, – sein Stern strahlte gleichmäßig hell und wärmend und stand unverrückbar fest wie die Sonne. 120

 

 


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