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Tatarisch

Die Rhapsoden des Landes nennt man Dschangardjis, sie fehlen bei keiner Festlichkeit und pflegen die Überlieferung der alten, nicht niedergeschriebenen Volkspoesie, der Liebeslieder sowohl wie der größeren heldischen Gesänge.

Hochzeitsgesang

O Weib! Auf dich und deine Sippe mögen
Die Segnungen des Herrgotts niedertauen,
Der Segen aller guten Himmelsgeister,
Die Segnungen der Greise unsres Stamms.

Dein Nachwuchs sei so zahlreich wie die Halme
Der Gräser, die in warmer Regenzeit
Auf unsern unbegrenzten Steppen sprießen,
Wo ungezählte Herden weiden gehn.

Dein Nachwuchs sei so zahlreich wie die Herden
Der Lämmer, die wir züchten, wie die Scharen
Der Rosse, zahllos wie der Silbersand,
Der wirbelnd in der Wüste Gobi weht.

Dein Nachwuchs soll aus lauter Heldenmenschen
Bestehn, die ihre Schwerter, ihre Büchsen
Als Meister führen, tollkühn in der Schlacht,
Und unsrer Rasse stets den Sieg verleihn.

Und du sollst leben, bis die ganze Fülle
Unsres Geschlechtes in die Erde sank
Und bis das kommende Geschlecht versank:
Das höchste Alter werde dir beschert.

Die Schätze dieser Welt sollst du besitzen,
Und solche Gnade werde dir zuteil:
Wenn deine Hand um einen Stein sich fügt,
So quelle Milch aus seinem Innern vor.

Dschangardji Tschack

* * *

Der Honig

Wenn du den Honig kosten willst,
Der an des Messers Schneide klebt,
Und deine Zunge gleitet auf
Der Schneide hin, so wirst du dir
Abschneiden deine Zunge!

Wenn du den Honig kosten willst,
Der auf dem Kusse einer Frau
Verwirrend lockt, so koste ihn
Nur flüchtig von dem roten Mund,
Sonst reißt du dir das Herz entzwei!

Volkslied

* * *


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