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Kambodscha

Zwiegespräch

›Wenn du da bist, erzittern meine Hände
Und meine Lippen und mein ganzes Wesen,
So wie die Zweige eines Apfelbaumes,
Durch dessen Glanz der Wind des Frühlings weht.‹

»Des Apfelbaumes Zweige zittern nicht,
Geliebtes Mädchen, – sie erschauern nur
Unter der Zärtlichkeit des Windes, der
Berauscht ist durch den feinen Duft der Blüten.

Komm mit mir, Liebste, heute abend unter
Den Apfelbaum: wie seine Zweige sollst du
Erschauern unter meinen Zärtlichkeiten,
Und deiner Küsse Duft soll mich berauschen,
So wie der Wind an Blüten sich berauscht.«

›Ich werde kommen. Was wirst du mir schenken
Für meine Küsse?‹ »Immer Küsse, Küsse.«
›Und für mein Herz?‹ – »Mein eignes Herz, Geliebte.«
›Und was für meine Liebe?‹ – »Deiner Liebe
Weih ich mein ganzes Leben bis zum Tod.«

›Wohlan, Geliebter! Küsse, Herz und Leben,
Ich nehm sie an und gebe mich dafür
In deine Hände, und noch heute Nacht
Werd ich mit Zittern kommen, meine Küsse
Dir darzubieten unterm Apfelbaume,
Durch den der Lenzwind mit Frohlocken fährt,
Berauscht vom feinen Duft der jungen Blüten.‹

Volkslied

siehe Bildunterschrift

Die Freundinnen.
Indien, 18. Jahrhundert

Die Sehnsüchtige

Dreimal geliebter Freund! Wenn du dies Blatt
Des Palmenbaums mit meinen Liebesworten
Erhalten hast, so wisse, daß mein Sinnen
Dich ganz umfängt, so wie der Duft die Blüte
Einhüllt, aus der er gnadenvoll entstieg.

Seitdem du fort bist, ist mein Kummer groß,
Ich denke immer nur an dich, die Sehnsucht
Vernichtet mich, – sieh, meine goldnen Spangen
Sind schon für meine Arme viel zu weit.

Was könnte mich denn trösten? Die Erinnrung
An unsre Liebe mehrt nur meine Qualen
Und steigert meine Angst und läßt die Tränen
Gleich Bächen rinnen aus umflortem Aug.

Denkst du an mich? Kannst du denn andres tun
Als an mich denken? Immer ruft mein Herz
Nach dir, nach dir! Trotz meines großen Kummers
Bin ich noch schön wie nur die schönste unter
Den Jungfraun ist, – du würdest mich begehren,
Wie an dem ersten Tag, da du mich sahst.

Ich bringe meine Tage hin mit Liebe
Und Andichdenken und mit großem Leide,
Und meine Sehnsucht hüllt dich schmeichelnd ein,
So wie der Mond von seinen Silberstrahlen
Umschmeichelt wird auf seinem nächtigen Lauf.

Volkslied

* * *


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