Willibald Alexis
Ruhe ist die erste Bürgerpflicht
Willibald Alexis

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Neunzehntes Kapitel.
Verfallene Wechsel.

Wer nicht beobachtet sein will, verhängt seine Fenster. Wer Geheimes schafft, verstopft auch die Schlüssellöcher. Das weiß ein Dummkopf, aber den Klügsten, welche den Luftzug berechneten, der durch ein Mauseloch dringen mag, passiert wohl, daß sie vergaßen, den Schlüssel in der Tür umzudrehen. – Weise sagen, wenn den Klugen das nicht zuweilen passierte, wär's in der Welt nicht auszuhalten; die Affekte, die sie unbesonnen handeln lassen, seien das Salz, welches das Leben vor der Fäulnis schützt. Behaupten doch noch Weisere: wenn alle Menschen verständig wären und Charakter hätten, müsse die Welt vor lauter Reibung in Flammen aufgehen.

Der Legationsrat von Wandel wollte heute gewiß nicht beobachtet sein. Er war in seinem Laboratorium, eine kleine, alte Küche nach dem Hofe hinaus, die, unbenutzt zum gewöhnlichen Gebrauch, an seine Zimmer stieß. Es war kaum nötig gewesen, die Fenster mit Matten zu behängen; durch ihre alle Farben schillernden, mit Staub und Spinneweben umzogenen Scheiben wäre kein Blick gedrungen. Hier durfte kein Diener Ordnung schaffen, keine Aufwärterin den Staub wegkehren. Es ward niemand eingelassen, außer bei besonderen Gelegenheiten der Assessor und Apotheker Flittner, der Geheimrat Hermbstädt und andre bekannte Chemiker.

Aber dann hatte die Küche ein etwas verändertes Ansehen. Um irgendein glänzendes Experiment zu zeigen, waren Töpfe, Tiegel fortgestellt, es war der übrige Apparat mehr theatralisch geordnet. Auch wurden ein Gerippe und zwei Frauenbilder, die an der Wand hingen, beseitigt. Wahrscheinlich saß auch der Legationsrat nicht ganz in dem Kostüm wie heute vor der Retorte – in Hemdsärmeln, weiten Unterbeinkleidern, um den Kopf einen turbanartigen Bund gewickelt, auf der Nase eine große Brille mit Ohrenklappen und mit einem seidenen Halstuch, daß über die Lippen und halb über die Ohren ging.

In dem einen Tiegel kochte ein Stoff. Er schob das Tuch höher und drückte den Turban tiefer in die Stirn, wenn er mit einem Span darin rührte, und neue Ingredienzien hinzutat. Alsdann schien er dem Kräuseln des Rauches, der sich in den Schlot verlor, mit Aufmerksamkeit zu folgen. Das erste Experiment mußte geglückt sein, das Residuum des Tiegels ward in eine Retorte getan, und der Legationsrat sah dem Entwicklungsprozeß des Gases mit einem stillen Vergnügen zu. Darauf deutete wenigstens der halb verzogene Mund und der schlaue Blick des halb schielenden Auges, während er auf dem Schemel zurückgelehnt saß, ein Bein über dem andern wiegend.

Sein Blick fiel aber auch auf die beiden Frauenbilder. Wie er mit den Augen zwinkerte, schien er mit ihnen ein eigentümliches Gespräch zu führen. Seine Lippen bewegten sich, er gestikulierte mit den Händen. Ein Diagnostiker hätte vielleicht bemerkt, daß ihm die Unterhaltung einige Anstrengung kostete. Wenn er noch schärfer sah, würde er aber auch bemerkt haben, daß Wandels Absicht war, sich zu etwas zu zwingen, was ihm Pein verursachte. Es gibt eine Wollust, die auch den Schmerz aufsucht.

Die beiden Bilder waren in Wasserfarben, beide schöne Frauengesichter. Die Ältere, blaß und kränklich, hatte einen schmachtenden Blick, die jüngere, Nußbraune, schaute mit ihren funkelnden Augen kecker in die Welt hinein. Wandel schien sich lieber mit der Älteren zu unterhalten, als einer genaueren Vertrauten. Wohl nickte er der jüngeren und warf ihr eine Kußhand zu, aber es war, als ob er das Funkeln ihrer Augen nicht lange ertrug. Er schlug zuweilen seine Augen nieder. Beide waren unzweifelhaft Schwestern, dem wohlhabenden Stande angehörig, wie ihre reichen Kleider, nach der Mode der vergangenen Jahrzehnte, andeuteten.

Seine Lippen flüsterten Laute, freilich nur für die Geister, welche im Sonnenstrahl als Stäubchen sich schaukelten, aber auch der Dichter darf sie hören:

Schöne Molly, warum ließest du nicht den Vorwitz! Deine Kohlenaugen funkelten vielleicht noch, munterer als auf dem Bilde, und dein Leib wäre so wonnig und voll, denn du hattest Anlage zum Embonpoint, als deine arme Schwester da täglich magrer und dürrer wird. Wenn ich nicht mit Draht hülfe, fiele sie auseinander. – Arme Angelika, dir konnte ich nicht anders helfen. Hadre mit der Natur, daß sie dir keinen bessern Brustkasten schuf. Du dankst mir auch, daß ich deine Schmerzen schneller endete. Ja, ich weiß es, Angelika, wir sind Freunde geblieben – wenn die Wolke durch den Mond streift, und du mir im Nebelgeriesel einen feuchten Kuß auf die Wange hauchst, es ist ein Kuß des Dankes und der Liebe. – Ich versichere dich auch, ich habe dich geliebt. Du warst sanftmütig, voller Ergebung, eine Schwärmerin freilich, aber klug genug, von einem Manne nicht mehr zu fordern, als er geben kann. Ein Mann hat viele Ausgaben, das sahest du ein. Und darum dein schönes Testament, das wahrhafte Zeichen einer schönen Seele, obgleich ich gestehen muß, daß ich es eigentlich diktiert hatte. – Um dieses Testamentes willen wirst du mir ewig unvergeßlich bleiben! – Nein, ohne Spaß, das andere seitdem ist alles Spaß, du gabst alles für mich auf, in Brüssel deinen Mann, in Paris dich selbst. Mit solcher Aufopferung, Entsagung, solchem Fanatismus hat mich keine geliebt. Um deswillen versprach ich dir, was du in der Fieberhitze des Totenbettes fordertest – das letzte heilige Gelöbnis, dich auch im Tode nicht von mir zu lassen. Vernünftige Menschen würden es eine unsinnige Plackerei nennen! Ich habe dich verstanden – nicht dein Geist, das ist eben Alfanzerei! – aber deine Materie, was sich von dir erhalten ließ, soll mich umschweben. Ein bescheidener Platz am Nagel. Nein, mehr. So hast du meinen Mut geliebt, der sich nicht scheute, dich schneller ausleben zu lassen, du wolltest, daß ich an diesem Anblick die Nerven immer stähle, wenn sie schwach würden, immer mehr Herr über jene Empfindungen würde, die der Mensch sein Erbteil nennt. Wenn du deine Augen aufschlagen könntest! Wie hat das Rézipé gewirkt. Ich schüttle deine Hand, klapperndes Gebein. Ich fürchte mich nicht vor dir, vor nichts!

Und doch schienen seine Knie beim Niedersetzen nicht ganz so fest, als das Totengerippe an der Wand noch hin und her rasselte, bis es die vorige Ruhe gewonnen. Er biß sich in die Lippen. Dann schlug er das Auge zum anderen Bilde auf:

Die Schelmin! – Noch sehe ich dich, du allerliebstes Geschöpf, wie ich dich am Schlüsselloch ertappte. War es denn Lüge, als ich dir die Kehle zuhielt und den Mund mit Küssen erstickte? Ich liebte dich ja, das war Wahrheit. Nur dir zuliebe hätte ich's! Was ging's dich an, ob das auch Wahrheit war? – Du wardst glücklich, selig in meinen Armen. Die tote Schwester hinderte es so wenig, als die kranke es gehindert hatte. – Sie wußte es, sie hat sehr viel gewußt, ehe sie starb, und mich darum nicht minder geliebt. – Eine Närrin, Molly, eine abscheuliche Törin warst du, du hättest noch lange glücklich sein können, wer weiß wie lange! Denn du hattest die Kunst, dich zu konservieren, du wärst witzig geblieben und hättest meinen Geist aufgefrischt – ich hätte es dir wirklich nachgesehen. Aber du bekamst Gewissensbisse – Torheit, es war zu spät, meine liebe Molly; es war auch nur die Angst, daß es dir wie Angelika erginge. Das wollte ich dir verzeihen, liebes Mädchen, aber so dumm zu sein, daß du es nicht bei dir behieltest, daß du es mir in einer schwachen Stunde vertrautest! Das war die größte Sünde, die der Mensch begeht, die Sünde gegen sich selbst, und du mußt gestehen, das verdiente schon die Strafe. Nachher ward der kleine Schelm pfiffig. Allen meinen Küssen, Seufzern widerstandest du, du wolltest kein Testament machen. Ich verdenke es dir nicht. Es verlängerte dein Leben, und mich zwang es zur Verschwendung. Mußte ich nicht meine ganze Liebenswürdigkeit auf dich ausschütten, mußte ich nicht allen zarten Saiten meines Daseins süße Töne entlocken, um dich nur zum Schweigen zu bewegen? Mein Kind, das hat mich viel Anstrengung gekostet, denn du warst mir sehr gleichgültig geworden, und mir entging darum eine schöne Irländerin, auf die ich mein Aug geworfen. Nachher schwiegst du nicht – du schriebst einen Brief – du schriebst dir selbst dein Urteil – darüber kannst du nicht klagen. Aber ich –

Er verzog das Gesicht und ballte die Faust gegen das Bild: Der Brief – den ich fand, ist zu Aschenstäubchen aufgelodert, aber es stand darin von einem andern Briefe, der meiner Wachsamkeit entschlüpft war – Molly! Molly! – Sein Gesicht bekam einen furchtbar häßlichen Ausdruck: die Zähne fletschten zwischen den zurückgekniffenen Lippen wie Hauer eines Ebers, die Augen sprühten das grünliche Feuer ein wilden Katze. Aber der Paroxysmus der Wut und Angst war schnell vorüber, die aschgraue Urnenruhe lagerte sich wieder auf dem gelben Gesichte, die Finger entklammerten sich. – Possen! In einem Dutzend Jahren und nicht zum Vorschein gekommen! Feuer – Regengüsse – Feuchtigkeit – Staub und dünnes Briefpapier! – Lacht ihr, daß ich mich zuweilen ängstigen kann! – Mes dames! was wollen Sie? Ich beweise Ihnen ja das vollste Vertrauen. – Ja, Sie sehen alles. Sie brauchen jetzt durch kein Schlüsselloch zu observieren, ich verhänge nicht einmal Ihr Gesicht. Was verlangen Sie mehr? Einige Galanterie? – Mes dames de Bruckerode, je vous assure, que tout ce que vous voyez n'est que moutarde après diner, rien qu'un dessert maigre après un repas délicieux. Meine Damen Bruckerode, ich versichere Ihnen, alles was Sie sehen ist nichts als Senf nach dem Essen, nichts als ein dürftiger Nachtisch nach einer köstlichen Mahlzeit. – Wirklich, Angelika – das waren andre Zeiten, andre Genüsse, voller Empfindung, Sympathien, Leidenschaften. Was ist es jetzt? Asche! Damals glühende Kohlen! Kalkulatorische Geschäfte! Wo sind deine süßschmollenden Lippen, meine Molly? So etwas gibt es nicht mehr. Deine ängstlichen Blicke, als du die Schokolade trankst, ich mußte vorher nippen und dann, oh, das war Wonne! Oh, und du, meine Angelika, du hattest nicht genippt. Fest mich anblickend, ohne Angst, Vorwurf, nur das tiefe Seelenverständnis im Auge, leertest du die Schale, und drücktest mit der feuchten, kalten Hand meine. Du hattest mich verstanden, ich dich. Ils sont passés, ces jours de fête!

»Schönen guten Morgen, mein lieber Herr Geheimer Legationsrat!« unterbrach eine heisere Baßstimme diese Schwärmereien des Einsamen, und vor ihm stand der Kaufmann van Asten.

Es war so – keine Erscheinung der Traumwelt. Der alte van Asten war der letzte Mann, der in ein Traumgewebe gepaßt hätte. Trotz seiner schweren rindsledernen Schnallenschuhe war er unbemerkt durch die beiden Zimmer gekommen und drückte jetzt die Tür hinter sich zu, während dem Legationsrat die Binde vom Kinn rutschte und er, aufspringend, an der Lehne des Stuhles sich hielt.

»Na, wie geht's Ihnen denn, mein lieber Herr von Wandel? Haben sich ja so lange nicht sehen lassen. Ist das Freundschaft?«

Der Turban und die Brille waren vom Kopf des Legationsrates verschwunden, eine Operation, die ihm Zeit ließ, seine Fassung wiederzugewinnen. So war es; man merkte nichts von Bestürzung, kein Zittern mehr, es war das feste, eiskalte Gesicht mit den durchforschenden Augen, als der Legationsrat den Kaufmann anredete.

»Wie kommen Sie hierher?«

»Durch die Türe. Herr Legationsrat hatte vergessen, den Schlüssel umzudrehen. Sehen Sie mal, liebster Herr von Wandel, in unsern unsichern Zeiten! Wieviel Gesindel schleicht um. Hätten ja Ihr Sofa forttragen können. Sie hätten's in Ihren Meditationen nicht gemerkt. Aber ich habe hinter mir zugeschlossen; wir können jetzt ganz sicher sein.«

»Tausendmal Vergebung, mein teuerster Freund, daß Sie mich in diesem Kostüm und hier – Kommen Sie in meine Wohnung. Diese unerwartete Freude –«

Er wollte ihn unter den Arm fassen; ebensoschnell aber hatte der Kaufmann einen Schemel vor die Tür gestellt und darauf Platz genommen. Wo van Asten einmal Platz genommen, hätte es anderer Kräfte bedurft, ihn wieder fortzubringen. Breitbeinig saß er, die Füße fest auf den Boden, die Arme auf den Stock gestützt. Der Stock schon hatte etwas Respektgebietendes, er schien mit Blei ausgegossen, als er auf die gebrannten Fliesen sank.

»Werde mich ja nicht unterstehen, Sie zu derangieren. Wo ich Sie finde, sind mir Herr Legationsrat lieb. Und Geschäfte sind Geschäfte.«

»Die können warten!«

»Wenn Sie nun auf dem Sprunge ständen, den Stein der Weisen zu finden. Da kommt's auf den Augenblick an. Silberblick heißt's ja wohl? Müßte ich mir den Vorwurf machen, daß ich die Menschheit um eine köstliche Erfindung betrogen hätte.«

»Wie Sie wollen!« sagte Wandel und nahm auf dem Stuhle Platz, so nachlässig, wie seine innere Aufregung erlaubte, den Rücken dem Herde zugekehrt, ein Bein über das andre streckend. Wie der Kaufmann in seiner Positur dem Rat den Weg durch die Tür versperrte, schien dieser den zum Herde zu verbarrikadieren. »Den Stein der Weisen suchen nur die Toren, und Gold –« – »Hat ein Philosoph nicht nötig. Und was Sie sonst präparieren, geht mich nichts an. Im Geschäft Geheimnisse unter Brüdern.«

»Doch nicht unter uns, Herr van Asten«, lächelte der Legationsrat. »Sie werden mich auslachen. Ich versuche, eine kostbare Schminke zu präparieren.«

»I, sehn Sie mal! – Sind eben aus Paris auf der Stechbahn ganze Kisten angekommen. Erschrak, wie ich bei Herrn Arnous den Preis auf dem Kontokorrent las.«

»Eben deshalb versuche ich, ob ich diese sogenannte Josephinenschminke billiger nachbilden kann. Die vornehmen Damen sind wie toll danach, der Preis ist nur zu exorbitant. Sie soll, doch das will ich erst versuchen, einen angenehmen, natürlichen Duft verbreiten, ohne der Haut schädlich zu werden. Deshalb haben die ersten Chemiker der Akademie sich für die Kaiserin Josephine an die Aufgabe gemacht. – Torheiten, nicht wahr, Herr van Asten, aber was wäre das Leben ohne Torheiten! Ich habe die Schwäche, daß ich meinen Freunden und Freundinnen zu gefällig bin; aber ich plaudre nicht gern davon, wenigstens nicht, bis es geglückt ist. Es ist auch eine kleine Überraschung damit im Spiel. Darum, auf Ihre Verschwiegenheit rechne ich.«

»Wie auf den Tod. Sie sind ein braver Mann, Herr Legationsrat.« Der Kaufmann ließ seine Augen im Laboratorium wandern. »Was sind denn das für Frauenbilder?«

»Wären Ihnen die Züge vielleicht bekannt?« fragte Wandel, ihn scharf fixierend.

»Kam nie aus Berlin heraus. Aber das sind keine deutschen Frauenzimmer.«

»Welcher Kennerblick! Die Ältere eine Schwedin, die Jüngere eine Italienerin.«

»So! so! Ich hätte sie für Schwestern gehalten, und sie kommen mir so niederländisch vor. Sie müssen nämlich wissen, ich bin auch aus flämischem Blute.«

Der Legationsrat verzog faunisch das Gesicht: »Ich strenge mich vergebens an, eine Ähnlichkeit zwischen Ihnen und den Damen zu entdecken.«

»So wenig, als zwischen mir und dem Skelett da. Wollen Herr Legationsrat das etwa auch schminken? – War auch wohl eine Dame?«

»Ich fahre es mit mir zu anatomischen Studien. Schon seit länger. Ich kaufte es einmal von einem Totengräber, ich erinnere mich wirklich nicht, wo.«

»Gleichviel! Der Tod ist jetzt umsonst und Leichen wohlfeil. Aber die italienische und die schwedische Schwester, das müssen ein paar hübsche Mädchen gewesen sein. Gönne es Ihnen, Rekreations der Jugend, geht mich nichts an.«

Die umschweifenden Blicke schienen je mehr und mehr den Legationsrat in eine unbehagliche Spannung zu versetzen. Er kämpfte sichtbar mit einem Entschluß, der ihm ebenfalls schwer ward, aber es brach heraus: »Was verschafft mir die Ehre Ihres Besuchs?«

»Eine kleine Geschäftssache.«

»Welche, teuerster Freund? Doch nicht –«

»Ein kleiner Wechsel –«

»Richtig!« Der Legationsrat schlug sich an die Stirn. »Der ist aber erst in acht Tagen fällig!«

»Freut mich, daß Sie sich so genau erinnern. Ich habe immer gesagt, Sie sind ein prompter Mann. Ja, in acht Tagen fünftausend Taler.«

»Die Sache ist mir sehr erinnerlich – zu Ende der Hundstage, aber ich glaubte, Sie hätten die Bagatelle längst abgegeben.«

»Auch geschehen, mir aber wieder zurückzediert. Hat viele Herren gehabt; das macht sich wohl so im Geschäft.«

Als der Kaufmann sein Taschentuch aus der Brust zog, wobei er aber etwas sorgsamer zu Werke ging als an jenem Abend, wo er die Wechsel vor dem Rittmeister auf den Tisch ausstreute, fiel Wandel ihm ins Wort.

»Aber lassen wir das nachher. Die Sache ist ja kaum der Rede wert. Wie geht es Ihnen jedoch? Sie sehen nicht ganz wohl aus. Daß die Partie Ihres Herrn Sohnes rückgängig ward, konnte Sie doch nicht tuschieren. Er ist im Gegenteil in sich gegangen und hat beim neuen Minister eine kleine Stellung angenommen. Ich pariere, er wird ein vernünftiger Mensch werden.«

»Kann sein. Söhne kosten immer Geld, so oder so, ob sie vernünftig sind oder toll.«

»In jenem Zustande wird er auch die vernünftige Partie, welche ein geliebter Vater für ihn ausgesucht, nicht länger von der Hand weisen.«

»Kann sein, kann auch nicht sein. So oder so. Hilft auch nichts, wenn Krieg wird. Es weiß niemand, wo den andern der Schuh drückt, mein Herr Geheimer Legationsrat.«

»Ich bin simpel Legationsrat«, lächelte Wandel.

»Sie sind ein geborner Geheimer. Ja, wenn Sie das wüßten, Sie müßten aber noch mehr wissen.«

Wandel hatte unverwandt das etwas schwer zu studierende Gesicht des Kaufmanns beobachtet und glaubte darin gelesen zu haben, was ihm Ruhe gab. Der Mann war innerlich bewegt. Plötzlich griff er nach seiner Hand oder vielmehr nach dem untern Arm, es ist aber möglich, daß der treuherzige Freundesdruck auch der Wucht des Stockes galt, den er mit dem Arm schüttelte und sehr schwer fand. Mit einer Stimme, der Widerhall eines vollen Herzens, sprach er: »Herr van Asten, Sie drückt etwas. Ich bedaure, daß es mir nicht gelungen, Ihr volles Vertrauen zu erwerben. Könnten Sie an der Brust eines Freundes Ihren Kummer ausschütten, schon das würde Sie erleichtern. Ein unbefangener Freund sieht aber oft klarer und Auswege und Mittel, die dem selbst Bedrängten entgehen. Mein Gott, sollte der drohende Krieg – aber ich schweige –«

Mit voller Ruhe erwiderte der Kaufmann: »Geheimes will ich Ihnen gar nicht sagen, aber was die ganze Börse erfahren hat, das können Sie auch wissen. Wir hatten für zehntausend Taler Weine aus Bordeaux bestellt –«

»Wir? – Ah, das ist das kleine Kompagnongeschäft mit Seiner Exzellenz. Sie exportieren dafür Holz und Bretter von Seiner Exzellenz Gütern.«

»Wissen Sie das auch? – Schadet nichts.«

»Das Schiff muß jetzt in Stettin angekommen sein.«

»Ist! – Mit Weinen, delikaten Weinen – volle Ladung zum Wert von hunderttausend Talern unter Brüdern.«

»Hunderttausend! Eine Null zu viel.«

»Da liegt es, das Geheime, mein Herr Legationsrat. Nur eine einzige Null zuviel bei der Bestellung. Der Kasus ist klar – ein Schreibfehler. Wer ihn beging, ist gleichgültig. Der Zufall kann einen Artillerielieutenant auf den Kaiserthron bringen und der Zufall ein großes Reich stürzen, warum nicht auch ein großes Handlungshaus.«

»Es beweist nur, welchen Kredit Ihre Firma in Bordeaux haben muß.«

»Es beweist, daß einem auch der Kredit den Hals zuschnüren kann.«

»Ich begreife Ihre Lage, die Ware ist für den Augenblick nicht abzusetzen, sie übersteigt weit den momentanen Bedarf. Alles schränkt sich ein. Indes wird jetzt Ihr Kredit sich beweisen. Ihre Freunde werden sich zeigen.«

»Haben sich schon gezeigt.«

»Sie werden Ihnen beispringen.«

»Sind schon gesprungen. Kommen lauter kleine Wechselchen zurück. Werden noch mehr kommen.«

»Exzellenz der Minister –«

»Pst! Exzellenz sind ja kein Kaufmann, lassen mich nicht vor. Verdenk's ihnen auch nicht, sind ja nicht in die Gilde eingeschrieben. Wollten nur gelegentlich eine kleine Chance mitmachen. Alles kordial, mündlich. Setzten großes Vertrauen in mich, was ich sehr ästimiere. Wenn wir den Profit gemacht, war's ja beim alten van Asten, ob er die Hälfte auszahlen wollte. Verklagt hätte er mich nimmer.«

»Aber er setzte den Wert seiner Hölzer aufs Spiel.«

»Wird kein Narr gewesen sein! Auf Höhe dessen hatte er sich vorher auf mein Haus in der Spandauer Straße intabulieren lassen. Jedes Kind sieht nun ein, daß ich mit Exzellenz nicht die Schuld eines Schreibfehlers halbieren kann, und Exzellenz haben zwar einen vortrefflichen Magen, aber die Hälfte von meinem Wein trinkt auch er nicht aus.«

Eine Pause trat ein. Der Legationsrat blickte mit verschränkten Armen vor sich nieder:

»Ihre Lage ist traurig, aber nur wer sich selbst aufgibt, ist verloren. Die Weine unter dem Steuerverschluß, gleichviel ob hier oder in Stettin, sind ein totes Kapital, welches das größte Haus ruinieren könnte. Darüber täusche ich mich nicht; täuschen Sie sich auch nicht, mein Freund. Wechselprolongationen auf den Kredit eines einmal erschütterten Hauses, Moratorien, die Ihre Gönner Ihnen verschaffen möchten, sind mißliche Auskunftsmittel. Selbst müssen Sie sich helfen.»

»Ich denke schon daran.«

»Nichts Kleines. Um Gottes willen das nicht. Ein Verschwender, der die Groschen zusammenzuscharren anfängt, ist verloren. Er muß aufs neue verschwenden, um die Verschwendung zu verstecken. Das tote Kapital muß flüssig gemacht, der Wein ausgetrunken werden. Das können Sie durch Ihre Verbindungen – ich sage Ihnen, es ist möglich.«

Der Kaufmann sah ihn pfiffig an: »Etwa eine Kabinettsorder extrahieren, daß jedermann zur Stärkung seiner Gesundheit täglich ein Viertelchen Medoc trinken soll? Medoc ist nicht Salz, Herr Legationsrat.«

»Noch heut das ausführbar, was unter Friedrich dem Großen noch möglich gewesen wäre. Aber andres ist ausführbar – größeres – erschrecken Sie nicht; man könnte indirekt die Leute zwingen, wenn man direkt auf das höchste Ziel lossteuert. Wäre Ihr Medoc nicht ein Kapital, das zwei-, dreihundert Prozent eintrüge, wenn Sie es an einer Nordküste lagern hätten, wo Napoleons Kontinentalsperre schon Kraft hat? Wird die Schiffahrt geschlossen, sind Sie wieder ein Krösus.«

»Alle Zeichen deuten, daß wir Krieg anfangen.«

»Alle Zeichen sind trügerisch, wo kein Wille ist. Noch schwankt die Waage. Die Kriegspartei scheint nur schwer, weil die Stimmen der Schreier das Feld behaupten. Mit Geschick ließen sich Stimmen gewinnen, die diesen Offizieren und Gelehrten die Wahrheit sagten, wohlverstanden, im Interesse des großen, wohlhabenden Bürgertums. Abschreckende Gemälde von den Drangsalen eines Krieges, wie er auf alle Stände zurückwirkt, Handel, Industrie, Ackerbau auf Jahrzehnte zurückbringt. Ihnen vorstellt, wie auch im günstigsten Falle der Bürger durch den Krieg nichts gewinnt als erhöhte Abgaben! Die Kriegspartei ist tätig mit ernsten und Spottliedern, mit Pasquillen, mit fulminanten Tiraden! Warum werfen die Freunde des Friedens nicht einige Tausende zum selben Zwecke hin, an die Zeitungsschreiber, die Journalisten. Man kann viel damit machen, ich versichere Sie.«

Der Legationsrat mußte schnell an den glotzenden Augen des Kaufmanns bemerken, daß er ihn auf ein Terrain geführt, wohin dieser ihm nicht folgte: »Die Schriftsteller machen nicht den Krieg.«

»Sie haben recht, man sagt, die Kabinette machen ihn. Wer sind die Kabinette? Menschen mit Neigungen, Schwächen, Leidenschaften, Ansichten. Balancierend hierhin, dorthin; bald auf die Stimme der Furcht, der Vorliebe, zuweilen auf die des Publikums hörend. Ihr gütiger Monarch will nicht den Krieg, das Kabinett auch nicht. Er wird beiden aufgedrängt von den leidenschaftlichen Parteien, vom Interesse früher alliierter Mächte. Preußen steht aber jetzt allein. Diese Alliierten sind innerlich erbittert, ihre Beihilfe zweifelhaft, der Krieg kann sehr unglücklich ausschlagen. Die Kabinettsräte sehen es ein, der König möchte den Frieden erhalten, und wenn sie doch das Wort Krieg aussprechen, ist's, weil sie gezwungen werden, weil sie keine Unterstützung gegen die jungen Schreier und Fanatiker finden. Mein Herr van Asten, warum treten denn nicht die Patrioten zusammen, ich meine die, welche Mittel haben, warum unterstützen sie nicht das Kabinett? Das ist noch möglich. Fragen Sie sich doch, was es gilt? Bleibt Friede, bleibt er nur durch eine Allianz mit Napoleon, es gibt nichts Drittes. Krieg mit ihm oder Anschluß. Im letzten Falle Beitritt zu seinem Kontinentalsystem, die Häfen sind gesperrt, und Ihr Bordeauxwein, ohne Konkurrenz, ist wenigstens dreihunderttausend Taler wert. Nun rechnen Sie, wenn Krieg wird, wenn es nur bleibt, wie es ist! Ihr Wein ein totes Kapital, Ihre Gläubiger lebendige Quälgeister, Ihr Haus erschüttert, vielleicht – Man schätzt Sie auf über zweihunderttausend, wenn indes Ihre Aktiva nichts werden, Ihre Passiva – ich schweige davon. Aber in solchem äußersten Fall muß der Mann das Äußerste wagen. Und sind Sie allein in dem Falle? Verabreden Sie sich, schießen Sie zusammen. Lucchesini, Haugwitz, Lombard, sie alle sind ja zugänglich, die freundlichsten Männer. Sie erwarten ja nur, daß man sie unterstützt, gewichtige Stimmen aus dem Publikum. Schaffen Sie, womit man Ihnen hilft, um den Schreiern den Mund zu stopfen. – Mit hunderttausend Talern übernehme ich's.«

Der Kaufmann verstand jetzt, aber er war sichtlich von einer Vorstellung betroffen, die ihn schwindlig machte. Das Argument des Legationsrates hatte etwas Verführerisches, die Verhältnisse waren, wie er sie schilderte, aber er erschrak zuerst vor dem Gedanken, daß ein einfacher Bürger sich unterfangen dürfe, in das Schicksal eines Staates einzugreifen, dann, daß er dies sein könnte; zuletzt, wenn er die angenehme Maske von der Sache fortzog, erschrak er, denn was war die patriotische Operation –? Van Asten war ein rechtlicher Mann.

»Mein teuerster Herr!« sprach der Legationsrat wieder mit der gewohnten Überlegenheit des vornehmen Mannes, und auch sein Kostüm hinderte ihn nicht, die Situation, die er liebte, einzunehmen, ein Bein über das andere, den Hinterkopf mit der Lehne, die Finger der rechten Hand mit sich selbst spielend. »Mein teurer Herr, wenn wir uns doch gewöhnten, die Verhältnisse zu betrachten, wie sie sind. Was sind die Menschen in ihrer Massenhaftigkeit anders als Herden zweibeiniger Geschöpfe, bestimmt, von anderen, die klüger sind, geleitet zu werden. Sie wären ja wie die Schafe, unglücklich, wenn sie keinen Bock hätten, der ihnen vorspringt. Oder huldigen Sie dem Perfektibilitätsglauben, daß dieses Konvolut von Dummköpfen einmal Vernunft bekommen kann? Daß sich dann alles von selbst machen werde, was jetzt die Gescheiten für die andern denken und abtun? Nicht einmal zu der Einsicht kommen sie, trotz der Erfahrung von so viel tausend Jahren, daß sie nicht klüger werden, als die vor ihnen waren. Lieber Herr, ich bitte Sie, wo hat die Menge denn ein Urteil, nur über die gewöhnlichsten Dinge? Sehn Sie ins Theater, wie sie ängstlich werden, bis eine Autorität den Mund auftut, damit sie sein Urteil nachsprechen können. Verständigen wir uns doch nur darüber, was sind sie denn weiter als unsere Packesel; und darüber ist allein die Frage, wer ihnen seine Last aufpackt und wer den Esel schlägt. Wozu stifteten sie Freimaurerorden, Gemeindeordnungen, eleusinische Geheimnisse, Konstitutionen, als zur Handhabe, wie man einen Lastträger am besten dressiert: die Fahne, die Feuersäule, das Schibboleth, darauf kommt's ja nicht an. Als der Herrschaft der Könige in Frankreich das Garaus gemacht schien, wäre nichts dagegen zu sagen gewesen, denn daß das Volk sich selbst beherrschen sollte, war nichts als eine schöne Chimäre, wenn nur die klugen Leute, welche die Könige vom Thron gejagt, sich untereinander verständigt hätten, wie sich in die Macht teilen! Das ist das Unglück, daß die Klugen darüber nie ins klare kommen. Fragen wir uns: Wer hat denn überhaupt in der Welt geherrscht? Einige wenige Könige, die Genies waren oder Feldherren aus Passion; das waren seltene Ausnahmen. In der Regel waren es kluge Minister, schlaue Favoriten, noch schlauere Mätressen. Sie herrschten um so sicherer, je feiner sie es zu verstecken wußten. Oder wollen Sie nach Klassen gehen? Die Hohenpriester fingen an, dann kamen die Könige, dann militärischer Adel, dann Priester, Könige und Feudalritter im bunten Gemisch, bis die Könige wieder glaubten, das Oberwasser zu haben; da nahmen es ihnen die Philosophen. Das Schibboleth, früher Glauben geheißen, hieß nun Aufklärung. Wer weiß denn, wenn die Klugen inzwischen nichts anderes erfinden, ob der Mystizismus, der Pfaffenglaube die Herrschaft der Aufklärung nicht wieder ablöst! Dem Volke kann das ganz gleichgültig sein. Bei allem diesem Wechsel bleiben sie und werden bleiben, was sie von Anbeginn waren, Herden, Knechte, Sklaven, Kontribuenten für die Regierer; aber bei allem diesem Wechsel, mein teuerster Freund, ist nur das beständig, daß die Pfiffigsten das Heft in der Hand behalten. Nun sehe ich aber nicht ab, warum die reichen Leute nicht einmal den Priestern, Rittern und Philosophen das Geschäft abnehmen, warum sie nicht auch einmal pfiffig sein und regieren wollen? Sie ahnen nicht, mein werter Herr, welche Macht in Ihren Kontorstuben, Ihren Wechseln, in Ihren Federstrichen ruht, durch welche Sie Weltteile verbinden. Im vollen Ernst, Ihnen, den großen Kaufleuten, Fabrikanten, blüht die künftige Weltherrschaft entgegen. Sie haben die ersten Kenntnisse von allen Vorfallenheiten, mit einiger Umsicht berechnen Sie, was in der Welt gilt und gelten wird, Sie haben die Sprache, die alle Welt versteht, das Geld. Geld brauchen die Staaten zum Kriege, zum Frieden. Wenn Sie nur etwas abgeben, sich etwas verständigen wollten, etwas mit den ackerbautreibenden Herrschaften, etwas mit den Herren von der Feder, es braucht da nur kleine Aufmerksamkeiten und Gefälligkeiten, ein klein wenig auch mit den Ideen, welche, was man so nennt, beim Volke im Schwunge sind, so prophezeie ich Ihnen, Sie, die Herren von der Industrie werden bald die wahre reelle effektive Universalmonarchie in Händen haben, wie die großen Handelsherren in dem kleinen Venedig ehedem, wie im großen England und im noch größeren Amerika jetzt schon und in Zukunft noch mehr. Sie, Teuerster, fingen ja schon an. Bravo! Ihre Associéschaft en commandite mit der Exzellenz war eine großartige Idee, nur muß man sich von den vornehmen Herren nicht übers Ohr hauen lassen. Wenn Sie geschickt agieren, haben Sie den Herrn ja noch jetzt in Händen, er muß jeden Eklat vermeiden, während Sie vis-à-vis de rien alles einsetzen müssen. Also Courage, für Frieden und Ruhe alles drangesetzt, Frieden und Ruhe, welche die Nation und Ihr König wünschen. Also, warum nicht frisch und kühn, ein Auge zugedrückt und in die Tasche gegriffen!«

Herr van Asten griff auch in die Tasche, aber nur, um seine Brieftasche vorzuholen. Er war während der langen Rede wieder seiner Herr geworden: »Weil mir ein Sperling auf der Hand lieber ist als eine Taube auf dem Dache. Weil mein Fuß zu dick ist, um ihn in Diplomatenschuhe zu stecken. Weil ich auf glattem Boden nicht gehen kann und weil ich in der Schule gelernt habe, daß, wer besticht, ebenso ein Schurke ist, als wer Bestechung nimmt. – Hier ist ihr erster Wechsel.«

Den Bleistift, welcher die Brieftasche verschlossen, zwischen den Zähnen haltend, zog der Kaufmann den Papierstreifen heraus.

»In acht Tagen stehe ich zu Dienst«, entgegnete Wandel, mit einem Versuch zu lächeln. »Pressiert es so, Herr van Asten?«

»Mich nicht. Glaubte vielleicht, daß es Sie pressieren würde, den Wechsel einzulösen.«

»Zeigen Sie. Sollt ich mich im Datum geirrt haben!«

Der Kaufmann hielt den Wechsel seitwärts in die Höhe. Sein Bein und Stock blieben die Barriere. »Sie haben ja wohl gute Augen. – Sehen Sie? Sie sehen vielleicht nicht alles. Ich auch nicht. – Die Schrift ist blaß. Herr Legationsrat, seit acht Tagen wird sie jeden Tag blässer, und in acht Tagen hätte ich einen weißen Papierstreifen in der Tasche. Ist das nicht kurios?«

Wandel hielt die Hand vors Gesicht, um besser zu sehen. Plötzlich drehte er sich auf den Hacken um und sank auf den Stuhl zurück mit einem lauten Auflachen. Van Asten verlor keine seiner Bewegungen aus den Augen.

»Das ist kurios.«

»Nur kurios, Herr Legationsrat?«

»Waren Sie besorgt, daß ich den Wechsel um deswillen nicht honorieren würde?«

»Besorgt eigentlich nicht, Herr Legationsrat, ich ließ nur, als ich's merkte, vom Notar eine vidimierte Abschrift nehmen und den kuriosen Fall ad protocollum vermerken.«

»Die Geschichte wird immer hübscher. Ich hatte damals eine sympathetische Tinte präpariert und tauchte wahrscheinlich aus Versehen die Feder beim Ausfüllen des Wechsels hinein. Wollen Sie gefälligst hergeben, der Schaden ist im Moment repariert.«

Er stellte eines der Kohlenbecken vom Herde auf den Fenstersims.

»Wie Sie wollen«, lächelte der vornehme Mann, als van Asten das Papier hinter seinen Rücken hielt. »Probieren Sie selbst, eine Sekunde leise über den Kohlendampf und die natürliche Schwärze ist wiederhergestellt.«

Der Kaufmann besann sich einen Moment. Er schien seine Position nicht verändern zu wollen, bei der Operation am Fenster hätte er dem Rat den Rücken wenden müssen. Er überreichte ihm den Wechsel, von dem er ja eine vidimierte Kopie besaß, strengte aber jetzt womöglich seine Augen noch mehr an, jede Bewegung des andern zu verfolgen. Wandel fuhr nur leicht ein paarmal über das Kohlenbecken und reichte den Wechsel, ohne ihn selbst anzusehen, zurück: »Prüfen Sie jetzt selbst.«

Die Schrift stand wieder schwarz da, aber das Papier schien sehr mürbe geworden.

»Soll ich Ihnen vielleicht einen neuen Wechsel schreiben? – Sie scheinen etwas ängstlich. – Ich vergebe Ihnen, ein Kaufmann soll vorsichtig sein. Mit dem größten Vergnügen.«

Er schob aus dem Winkel einen kleinen Tisch mit Schreibzeug hervor, bestimmt, um seine Notate bei den chemischen Experimenten zu machen, und – schrieb.

Van Asten hatte zu dem Anerbieten weder ja gesagt noch nein. Er benutzte den freien Moment, sich umzuschauen. Es war ein stiller Sonntagnachmittag, das ganze Haus schien ins Freie ausgeflogen, er war auf der Treppe niemand begegnet. Im Hofe knarrte nicht der Brunnen, keine Stimme; man hörte nur das Zwitschern der Sperlinge, in der Küche das Picken des Holzwurms in dem alten Gebälk. Van Asten war auch ein mutiger Mann, aber ihm war eigen zumute, wenn sein Blick auf das Gerippe fiel, auf die eisernen Gerätschaften, die ebensoviel Waffen werden konnten. Waren nicht auch vielleicht auf dem Herde, in den Tiegeln und Destillierkolben geheime Waffen! Wenn der Koch mit dem Löffel daraus auf ihn spritzte, mochte nicht eine Essenz darin enthalten sein, die ihn betäubte, ihn selbst im Augenblick blaß machte wie die Schrift auf dem Wechsel?

Waren nicht die Blicke, die der Schreibende seitwärts dann und wann auf ihn gleiten ließ, auch Waffen! Der Kaufmann stand hinter seinem Schemel, den daraufgestemmten Stock noch fester in die Hände pressend.

An einer schwarzen Tafel standen mit Kreide arithmetische Figuren, darunter Berechnungen, die des Kaufmanns Aufmerksamkeit anzogen, große Zahlen addiert. An der einen Ecke:

80 000 + 15 000 40 Jahr p. p. + + + zu viel
Summa: 95 000 40 Jahr p. p. + + + zu viel

an der andern:

90 000 + 28 Jahr Verstand.
p. p. 90 000
180 000 + 28 Jahr Verstand ???

Der Legationsrat war fertig und hielt ihm die Schrift hin: »Wollen Sie probieren – englische Immortelltinte, neueste Erfindung von Party – es ließe sich darin ein Geschäft machen. Um alle Simulation zu vermeiden, habe ich unter heutigem Datum akzeptiert.«

»Wollen Herr Legationsrat noch gefälligst darunter notieren: Duplikat des an dem und dem akzeptierten Solawechsels.«

»Wozu, teuerster Mann, wir tauschen die Papiere aus, und damit ist die Sache abgemacht.«

»Möchte gern den ersten Wechsel auch behalten, nur aus Kuriosität, von wegen der sympathetischen Tinte. Geschieht Ihnen ja kein Schade dadurch, lieber Herr Legationsrat. Können noch, der Sicherheit wegen, hinzubemerken: Duplikat und so weiter, wodurch der Primawechsel außer Kraft gesetzt ist. Weiter nichts. Bin ein Raritätensammler und trenne mich nicht gern von Seltenheiten.«

Wandel war in die Höhe gesprungen wie der Tiger beim Geräusch des herangeschlichenen Jägers. So funkelte auch sein Auge, als er krampfhaft die Stuhllehne preßte. Der Stuhl in seiner Hand hätte zur Waffe werden können, aber nicht gegen den, der ihm gegenüberstand. Die markigen Hände des Kaufmanns umklammerten den Stock, sein Kinn lehnte sich darauf, und seine hellblauen Augen fielen ohne Blinkern auf die gelbglühenden des andern.

»Was wollen Sie noch?« fragte Wandel.

»Sie haben noch einen Wechsel von mir akzeptiert, auf Höhe von zehntausend Talern.«

»Der am vierzehnten Oktober fällig ist, mein Herr.«

»Weiß es, wir könnten aber vielleicht noch ein Geschäftchen machen. Schreiben Sie mir noch ein solches Duplikat – der Wechsel wird auch blaß.«

Wandel verkniff die Lippen. Nach einer Pause sagte er: »Wie Sie wünschen.«

»Ist mir lieb, daß Sie so gefällig sind; den Verfalltag wünsch ich nur etwas anders. Schreiben Sie gütigst: akzeptiert zum ersten September.«

»Herr! Das sind nicht vierzehn Tage.«

»Weiß es.«

»Das könnte mich derangieren.«

»Würde mir sehr leid tun.«

»Das ist unverschämt.«

»Kann sein. Ein Kaufmann muß die Konjunkturen benutzen. Ist sich jeder selbst der Nächste, darin werden Sie mir recht geben.«

»Ihre Gründe, Herr van Asten! Durch das Duplikat verschwindet jede Besorgnis wegen der Tinte.«

»Gründe wollen Sie! Soviel Sie wollen: bis zum vierzehnten Oktober kann Krieg ausgebrochen, Sie können tot, bankerott, Sie können nach Asien und Sibirien gereist sein. Ich könnte Ihnen noch viel mehr Gründe sagen, der Hauptgrund aber ist, ich will mein Geld haben.«

»Das ist ein sehr verständlicher, mein Herr van Asten. Wenn ich mich recht besinne, könnte ich mich dazu bestimmen lassen. Ich erwarte Rimessen aus Thüringen, die jeden Augenblick eintreffen müssen. Indessen, Kaufmann gegen Kaufmann – dies unbeschadet unserer Freundschaft –, was geben Sie für die Gefälligkeit?«

»Die Wechsel fürs Geld.«

»Und die Prima für die Antizipation?«

Beide sahen sich durchdringend an. Beide waren Kaufleute durch und durch in dem Augenblick, die durchbohrenden Blicke wurden milder, die Drohung schmolz in ein Lächeln. Wandel schrieb auch den zweiten Wechsel um, und nachdem van Asten ihn sorgsam geprüft, tauschte er beide neue Wechsel gegen die beiden Primawechsel aus.

Von dem geschraubten Ton vorhin merkte man nichts mehr. Die Unterhaltung floß noch einige Augenblicke über gleichgültige Dinge, wie zwischen Geschäftsmännern, die eine unangenehme Disharmonie durch freundliches Entgegenkommen verlöschen wollen. Van Asten versicherte, daß er ihre Differenz schon so gut wie vergessen habe. Wandel lobte es, wer erfolgreich leben wolle, müsse an die Zukunft und sowenig als möglich an die Vergangenheit denken. Auch vor Raritäten müsse man sich hüten, sie würden am Ende ein totes Kapital, in welchem unser Lebensstock immer sparsamer, dünner wird. »Da!« – er riß aus einer Lade unter der schwarzen Tafel eine Partie Papiere hervor –, »was habe ich davon, daß ich diese Assignate zwölf Jahre aufhob, eine halbe Million und darüber!«

»Freilich jetzt nur Raritäten«, sagte nachdenklich der Kaufmann. »Kein Gläubiger ist mehr so dumm, sie für Aktiva anzusehen. Vor fünf bis sechs Jahren konnte man wohl noch etwas darauf erschwindeln.«

»Fidibus, Teuerster! Zum Feueranmachen brauche ich sie.«

»Über eine halbe Million! Na – sie werden Ihnen auch nicht so viel gekostet haben.«

»Es kommt darauf an«, entgegnete der Legationsrat mit einem eigenen Zucken um die Lippen.

»Was haben Herr Legationsrat denn da an der Tafel ausgerechnet? Taler und Verstand ist ein kurioses Additionsexempel.«

»Phantasiebelustigungen! Vielleicht Geschäfte, die ich vorhabe.«

»Das sind hohe Summen.«

»Ich habe größere Geschäfte gemacht.«

»Das Fazit des einen ist fünfundneunzigtausend, das des andern hundertundachtzigtausend ohne den Krimskrams dran von unbekannten und irrationalen Größen.«

»Sie sind ein unbefangener Mann, aber von glücklichem Takt. Beide Geschäfte kann ich nicht zusammen machen. Es gilt die Wahl. Zu welchem raten Sie?«

»Wenn ich hundertundachtzigtausend machen kann, ziehe ich sie fünfundneunzigtausend vor.«

»Ich auch«, lachte der Legationsrat. »Nur habe ich die achtzigtausend so gut wie in der Hand; beim andern Geschäft aber sind Schwierigkeiten zu überwinden; es ist, würde der Engländer sagen, ein Steeplechase mit Hindernissen.«

»Sie winden sich durch, Herr Legationsrat.«

»Ich nehme es als ein gutes Omen an«, lächelte Wandel. »Wir scheiden doch als Freunde.«

»Wie vorher.«

Der Legationsrat hatte den Kaufmann bis zur Tür begleitet.

»Nun sehen Sie, da wir als Freunde scheiden, und Sie sich so honett gezeigt, ist ein Dienst des andern wert. Sie haben mich gerettet, ich gesteh's Ihnen, für den Moment. Und aus purer Gefälligkeit! Der alte Asten ist aber kein Bettler. Er nimmt nichts umsonst. Also erstens dafür: tiefste Verschwiegenheit; von mir hört keiner eine Silbe. Zweitens eine Maxime – Ein Kaufmann darf nicht zu viel Spekulationen auf einmal vor sich haben. Wenn er zu lange wählt, entschließt er sich zu spät. Sieht er zu eifrig nach der Taube auf dem Dache, so fliegt ihm der Sperling aus der Hand. Merken Sie sich das; rasch zugegriffen. Und drittens ist mir schon lange für Sie was eingefallen. Machen Sie sich doch an Madam Braunbiegler. Das wäre eine Partie für Sie. So reich wie dick. Hundertzwanzigtausend unter Brüdern. Der alte Braunbiegler verstand's. Lauter solide Hypotheken und Pfandbriefe. Und die halbe Fabrik! Unter uns, hundertfunfzigtausend wenigstens. Und Sie mit Ihrer Chemie können das Tuch noch dünner strecken. Zugegriffen! Ein bißchen Schwierigkeiten, aber Sie kriegen sie.«

Die Treppen dröhnten unter den schweren Tritten des Kaufmanns, er sah nicht mehr die Blässe auf dem Gesicht des Legationsrates; nicht, wie er in die Küche zurückwankte, nicht, wie er, an der Türpfoste stehenbleibend, das kalte Gesicht mit beiden Händen bedeckte. Da verließ ihn seine Kraft. Ihn schwindelte, es drehte sich um ihn wie im Kreise, die Bilder, das Gerippe, die Retorten. Er fletschte die Zähne, die Augen traten aus den Höhlen, er ballte die Faust gegen die Bilder: »Lachen Sie nur, mes dames de Bruckerode!« Dann wankten die Knie. Der starke Mann sank auf den Schemel, es war auch ihm zu viel gewesen. Die Retorte fiel von der Erschütterung vom Gestell und verschüttete ihren Inhalt in die Kohlen, der Staub wühlte auf, die Bilder bewegten sich, das Gerippe rasselte an der Wand.


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