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6.

Fürst Dolf Dietram von Büsingen saß am Schreibtische seines luxuriös eingerichteten Arbeitszimmers des Hotels »Kurhaus« in St. Moritz und rauchte in hastigen Zügen eine Zigarette. Kammerherr von Türkheim stand in leicht dienstlicher Haltung vor ihm und erstattete Bericht.

Professor Schiemann sei schon beim Morgengrauen nach Pontresina aufgebrochen, wohin sich auch heute die Baronin von Rammelsburg, – äh – Frau von Rainer mit ihrer Tante und dem blonden Pianisten begeben.

»Glauben Sie denn, bester Türkheim, daß die Fahrt des Professors nach Pontresina in irgend einem Zusammenhang mit der Abreise der Frau von Rammelsburg steht?« fragte der Fürst anscheinend gleichgültig, als berühre er die nebensächlichsten Dinge, obwohl eine fliegende Röte auf seinem Antlitz zeigte, daß er merkwürdig erregt war.

»Ich kann mir natürlich darüber kein Urteil erlauben, Durchlaucht,« entgegnete der Kammerherr, seine blassen Augen fest auf das Antlitz des Fürsten richtend, aber wie ich im Hotel erfuhr, ist ein Aufenthalt von einigen Tagen in Pontresina geplant.«

»Ganz recht,« bemerkte der Fürst, »Professor Schiemann sprach zu mir, als er sich gestern abend flüchtig verabschiedete, von einer Besteigung des Piz Bernina oder des Piz Rosegg, ich weiß nicht mehr genau. Ich hatte nur keine Ahnung, daß die Baronin allem Anscheine nach die Partie mitmacht.«

Der Kammerherr zuckte die Achseln.

»Man sollte allerdings an ein gewisses Einverständnis glauben.«

Ein zorniger Blick aus den sinnenden Augen des jungen Fürsten ließ ihn erschreckt verstummen.

»Glauben Sie bitte nichts, bester Türkheim, und kombinieren Sie auch nicht. Hören Sie, ich wünsche es nicht! Es ist ungeheuer langweilig in St. Moritz,« fuhr der Fürst mit angenommener Gleichgültigkeit fort, sich eine neue Zigarette anzündend, »Sie sollten etwas auf Abwechslung sinnen, bester Türkheim.«

»Wenn ich Durchlaucht einen Ausflug nach Maloja vorschlagen darf oder eine Fahrt ins Fextal?«

Der Fürst winkte abwehrend mit der Hand.

»Bergkraxler sind Sie wohl auch nicht?« fragte der Fürst spöttisch, »sonst könnten wir ja einen Versuch machen, über die Fuorcla Surlei nach Pontresina zu kommen.«

»Durchlaucht, Barmherzigkeit, die Tour, die Durchlaucht im Auge haben, dauert mindestens sieben Stunden! Bei meinem zunehmenden Alter!«

»Schon gut,« winkte der Fürst ungeduldig ab, dann aber sagte er: »Wollen Sie mir noch Kenntnis von den eingegangenen Depeschen geben.«

Das gelbliche Gesicht des Kammerherrn verzog sich zu einem Grinsen, als er sich einen Moment abwandte, die Depeschenmappe zu holen, die abseits auf einem kleinen Tischchen lag.

»Wenn Durchlaucht gestatten?«

»Lesen Sie, und berichten Sie möglichst kurz.«

Der Fürst lehnte sich in den hohen, weichen Ledersessel zurück, der schmale Kopf grub sich tief in die Polster, und eine leichte Blässe lag auf der schmalen Stirn.

»Minister von Borghammer bittet um Direktionen. Die neuen Reichstagswahlen verlangen eine umfassendere Propaganda.«

»Er ist ein Angsthase,« entgegnete der Fürst.

»Exzellenz von Borghammer hält es gegenwärtig für gewagt, so wichtige Veränderungen im Staatsrat vorzunehmen. Er schlägt vor, die Sache nach Rückkehr Euer Durchlaucht nochmals eingehend zu besprechen.«

»Er ist ein Pedant,« rief der Fürst erregt. »Er kennt meinen unerschütterlichen Willen. An dem ist nichts zu deuten! Noch etwas?«

»Exzellenz von Borghammer bittet dringend, das Todesurteil gegen den Muttermörder Kögler nicht zu unterzeichnen, sondern Gnade zu üben, das höchste Vorrecht walten zu lassen, das Fürsten eigen.«

»Borghammer, immer Borghammer,« rief der junge Fürst, hastig aufspringend. »Seit wann spielt er sich denn auf den Mitleidigen heraus? Der Kerl, der Kögler, hat den Tod hundertfach verdient. Er bittet für einen Unwürdigen. Haben Sie das Todesurteil bei der Hand?«

»Zu Befehl, Durchlaucht.«

»So geben Sie her, es soll sofort erledigt werden.«

Schweigend reichte der Kammerherr seinem Gebieter das Schriftstück.

Einen Augenblick ruhte es in des Fürsten Hand. Ein harter, finsterer Zug flog über das bartlose Gesicht des jungen Herrschers. Er tauchte die Feder ein. Einen Moment ruhte sein Auge auf dem Urteil, das ein einziger Federstrich von ihm vollstreckbar machte, und plötzlich stieg vor seinen Augen ein Frauenbild auf, still und rein, das hob bittend die Hände zu ihm auf und sah ihn so still und ernst an. Hauchte es nicht leise: »Du sollst nicht töten?«

Scheu blickte der Fürst um sich. Aber es war ja töricht, sich von einem Wahngebilde narren zu lassen. Da drüben stand Türkheim mit seinem zerknitterten Gesicht, und sonst war niemand im Zimmer. Der Fürst atmete erleichtert auf, dann aber schrieb er mit fester Hand unter das Todesurteil: »Zu Zuchthaus begnadigt«.

Was sollte denn diese Schwäche? War das der Fürst Dolf Dietram, wie er ihn kannte?

»Weiter, Türkheim,« gebot der Fürst. »Ich dächte, wir sind bald zu Ende.«

»Der Erzieher des Erbprinzen meldet gehorsamst, daß seine Durchlaucht, der Erbprinz, sich sehr wohl befinden und mit großem Vergnügen an den Exerzierübungen seiner kleinen Freunde teilgenommen hätte.«

Ein Lächeln huschte um die Lippen des Fürsten, ein Lächeln, das sein strenges, vornehmes Gesicht sonnig verklärte.

»Finden Sie nicht, lieber Türkheim, daß der Erbprinz für seine Jahre noch überaus kindlich ist?« fragte er mit einem glücklichen Vatergefühl, in dem es doch wie letzte Sorge klang.

»Seine Durchlaucht, der Erbprinz, sind ein ungewöhnlich begabter Knabe,« gab der Kammerherr mit einem tiefen Bückling zurück.

»Das wollte ich nicht hören,« warf der Fürst scharf dazwischen. »Haben Sie sonst noch etwas?«

Der Kammerherr zögerte einen Augenblick. Nun lag doch etwas wie eine leichte Verlegenheit auf seinem vergilbten Gesicht.

»Ich weiß allerdings nicht, wie Durchlaucht meine Mitteilungen aufnehmen werden,« kam es zögernd von seinen Lippen. »Das Telegramm hier meldet aber die Ankunft Ihrer Durchlaucht, der Fürstin Geraldine mit der Baronin von Wuthenow.«

»Und das melden Sie mir nicht sofort?« rief der Fürst, erregt aufspringend, einen flackernden Zorn in den Augen, der seine regelmäßigen Züge krampfhaft verzerrte. »Ist es denn glaublich, wie elend ich bedient bin!«

Der Kammerherr rührte sich nicht. Er kannte die impulsiven Zornesausbrüche seines Herrn zur Genüge, und er wußte, daß sie eben so schnell wieder verrauchten.

»Wenn Durchlaucht mir mitteilen wollen, was geschehen soll, um die Ankunft Ihrer Durchlaucht zu verhindern?«

Der Fürst richtete sich stolz auf. Ein eisiger Blick traf den Kammerherrn, der unter diesem Blick wie ein Taschenmesser zusammenklappte.

Allerhöchste Ungnade! Das fehlte noch.

»Sie werden ungeschickt, Türkheim,« bemerkte der Fürst mit kalter Ironie. »Ich vermute, Ihre Durchlaucht, die Fürstin, werden hier, wie ich, Stahlbäder gebrauchen wollen. Und die Baronin Wuthenow,« fuhr er fort, »wird die Fürstin begleiten? Da wird ja für Abwechslung gesorgt sein.«

»Kammerherr von Nidda befindet sich auch im Gefolge der durchlauchtigsten Frau,« bemerkte Türkheim schüchtern.

Der Fürst ging mit großen Schritten aufgeregt im Zimmer auf und nieder. Der weiche, lichtgrüne Smyrnateppich dämpfte seine Schritte, aber Türkheim war es doch, als dröhnte der Boden unter seinen Füßen.

»Wann kann die Fürstin hier sein?«

»Morgen, im Laufe des Tages, Durchlaucht.«

»Gut, so werde ich morgen eine Tour über die Fuorcla Surlei machen,« sagte der Fürst, noch immer ein leichtes Zittern in der Stimme. »Herr von Toska wird mich begleiten. Verabreden Sie alles mit dem Führer. Morgen früh, ehe der Tag anbricht. Sie, bester Türkheim, werden inzwischen Ihre Durchlaucht, die Fürstin, empfangen und ihre Befehle entgegennehmen.«

Der Kammerherr verbeugte sich schweigend.

»Ich wünsche heute abend nicht mehr gestört zu werden,« gebot der Fürst, und als Türkheim sich nach einer abermaligem Verbeugung zurückziehen wollte, fragte er leichthin, ohne dem Kammerherrn anzusehen:

»Haben Sie eine Ahnung, was die Fürstin zu einer so plötzlichen Abreise veranlaßt haben kann?«

»Nicht die geringste, Durchlaucht.«

»Na, aber ich. Ich will es Ihnen sagen. Man hat der Fürstin von hier aus wieder etwas berichtet, was sie, wie so oft schon, veranlaßt hat, meinen Spuren zu folgen. Es muß also jemand in meiner Umgebung sein, der den Kundschafter spielt.«

»Das ist ja ganz unmöglich, Durchlaucht. Nur erprobte, treue Diener sind im Gefolge.«

»Das wird sich zeigen. Aber wehe, wenn ich den Verräter entdecke. Mein Zorn wird ihn zermalmen, ohne jede Nachsicht und Rücksicht, wer es auch sei. Merken Sie sich das, mein Herr Kammerherr

Mit schlotternden Knien hatte Herr von Türkheim das Gemach verlassen.

Der Fürst klopfte leicht seine Hände ineinander, als wolle er etwas Unangenehmes, Unsauberes abschütteln. Ein verächtliches Lächeln stand auf seinem Gesicht. Das erlosch, als er gedankenvoll ans Fenster trat und hinausblickte in den verglühenden Tag.

Die beschneiten Höhen, die noch soeben im purpurnen Gold geleuchtet, werden blasser. Blauweiß schimmern die Gletscher. Ein rosiger Duft breitet sich über die Berge, der mehr und mehr erstirbt, bis er in ein sanftes Violett übergeht, das sich wie ein dunkler Mantel über die Berge breitet. Noch glänzen die Gletscher in einem grünen, kalten Licht. Der letzte purpurne schmale Streifen am Himmel verblaßt, und langsam ziehen die Sterne auf.

Der Fürst steht noch immer und blickt wie gebannt hinaus in die Sommernacht.

Sein Zorn ist verraucht. Durch seine Seele zieht ein leises Erinnern. »Aus der Jugendzeit« klingt es herauf, und er sieht sich in der Tanzstunde von Tannenrode, dem kleinen, grauen, romantischen Städtchen, in dem er das Gymnasium besuchte. Er hört sich mit Witta von Monbert, der späteren Baronin von Wuthenow, unbarmherzig lachen über die kleine, schüchterne Aniane von Rainer in der unmöglichen Toilette, und er sieht sich als Tänzer Anianens, sie mitten im Saal brüsk stehen lassend, weil Witta von Monbert ihn bei der Damenwahl begehrte. Er sieht das Zucken um den süßen, kleinen Mund dieser Aniane. Er sieht die großen, in Tränen schimmernden Augen so stolz und so befehlend auf sich gerichtet, und er schämt sich im innersten Herzen, daß er sich von der schönen Witta immer wieder verleiten läßt, Aniane zu kränken.

Und dann tauchte noch ein anderes Frauenbild in seiner Erinnerung auf, ein Frauenbild, das er lange vergessen und an das er nicht denken will. Weshalb kam jetzt die Tote? Was wollte sie von ihm? War sie nicht schuld daran damals, als Aniane Primadonna der Hofbühne in Büsingen und er nahe daran war, das schöne, stolze Weib in seine Arme zu zwingen, daß noch in letzter Stunde sein Plan vereitelt wurde? Warum bestürmten ihn jetzt all die Erinnerungen?

Der Fürst strich mit der feinen Hand das schlichtgescheitelte, dunkelblonde Haar von der Stirn. Ueber der scharfgebogenen Nase standen drohend ein paar böse Falten, und in den stahlharten, grauen Augen glomm ein fester, beharrlicher Wille.

Mit leisem Flügelschlage kam die Nacht. Vom Kirchlein in Celerina drang Abendgeläut herüber, und drüben, weit über dem See, gerade dort, wo Pontresina lag, wo Aniane jetzt weilte, flimmerte gleißend ein großer, glänzender Stern.

Der Fürst sah ihn ruhelos auch in seinen Träumen vorüberziehen.

Was wollte die Vergangenheit?

Warum störte sie seinen Schlummer?

Mit wirrem Angesicht fuhr er aus schwerem Traum. Er lag still und lauschte in das schweigende Dunkel, und zählte mit bangem Angstgefühl seines Herzens Schläge. Was wollten die Toten, die lange vermodert, die er doch vergessen sollte und vergessen wollte?

Er wollte schlafen und träumen von einer, die sich von ihm gewandt, und die seiner nur noch voller Verachtung gedachte. Aber der erquickende Schlaf und der holde Traum, die der Fürst ersehnte, blieben aus. Ein dumpfer Bann knechtete und knebelte ihn, daß er schmerzhaft stöhnte.

Erst als der graue Morgen nahte, sank der junge Fürst in kurzen, unruhigen Schlummer.


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