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4.

Es war am Morgen nach dem Konzert im Kurhause, in dem Aniane von Rainer und Roald Harnsen große Triumphe gefeiert. Noch lebte etwas von dem Rauschgefühl von gestern abend in Anianes Seele. Sie dachte an den schimmernden Saal mit den strahlenden Lichtern, den Hunderten von schönen Frauen aus aller Herren Länder und den glänzenden Kavalieren, die ihr zugejubelt. Das war ein Sieg, ein ehrlicher, überwältigender, der die Verwöhnte, Gefeierte doch einen Moment selig erschauern ließ in dem Hochgefühl, daß derjenige, der ihr einst so bitter weh getan, diesen Erfolg mit erlebte. Er auf den höchsten Höhen, und sie, auf die er einst so souverän herab geblickt, ihm gleich gestellt auf hoher Warte, zu welcher ihr Künstlerruhm sie emporgetragen. Und während sie gestern gesungen, da hatte sie unaufhörlich den forschenden Blick der grauen Augen des Fürsten gefühlt, der in den ersten Reihen des Parketts saß und ihrem Sange lauschte, als höre er sie heute zum erstenmal. Sie sah die Bewegung, die ihn ergriff, und sie sah sein Erbleichen, und ein stolzes Siegesgefühl erfüllte ihre Seele.

Lächelnd hatte sie sich vor den beifalljauchzenden Hörern verneigt, lächelnd hatte sie Roald Harnsen gedankt, unter dessen Künstlerhänden die Töne gleich Perlen emporquollen und süß und leise mitsangen, aber kein dankender Blick hatte den Fürsten getroffen, der wie rasend applaudierte. Aniane hatte auch gegen den Bildhauer an des Fürsten Seite grüßend das Haupt geneigt, als er, seine schönen Hände ineinander legend, ihr stürmisch seine Ovationen darbrachte. Und nach dem Konzert, als alles sich um Aniane scharte in dem großen Speisesaale, wo lauschige, kleine Tischchen mit kostbaren Blumen der schönen Frauen harrten, die in ritterlichem Geleit bei schäumendem Sekt noch ein wenig über das Konzert plaudern wollten, als Aniane von der Geheimrätin von Heimburger mit Beschlag belegt wurde, auch den Fürsten in deren Kreis fand, da hatte sie, ohne mit den Wimpern zu zucken, ganz kühl und förmlich seine Anerkennung über ihren herrlichen Gesang entgegengenommen, als wäre er ein Fremder, mit dem sie ein erstes Mal über gleichgültige Dinge sprach.

Die Geheimrätin war voll Feuereifer gewesen, eine gemütliche Tischecke zusammenzubringen, sie hatte Tante Malchen als ihre liebste Jugendfreundin, nach der sie sich schon lange gesehnt, umarmt, trotzdem sie Tante Malchen, die nebenbei die Schwiegermutter ihrer Tochter Maja war, nicht ausstehen konnte. Sie war ihr gar so unmodern, verabfolgte so derbe unangenehme Wahrheiten, ein Vorrecht, das die Geheimrätin gern für sich allein in Anspruch nahm. Aniane aber hatte Müdigkeit vorgeschützt und war, trotzdem Professor Schiemann und Roald Harnsen sie stürmisch zum Bleiben bestimmen wollten, am Arme Tante Malchens auf ihr Zimmer gegangen, ohne noch einmal den Blick zu wenden. Sie hatte aber gefühlt, daß ihr die ernsten, grauen Augen des Fürsten folgten, daß sie auch nicht von ihr wichen, als sie langsam die breite, mit Teppichen belegte Marmortreppe hinanstieg. Die ganze große Halle erstrahlte in einem Meer von Licht. Brillanten sprühten von schönen Armen und weißen Händen, und das heimliche Knistern von Seide rauschte um sie her. Langsam, nun doch müde und schwer, nahm sie jede Stufe. Das machte wohl der Duft der Tuberosen, die sie im Gürtel trug, der Duft betäubte sie. – – –

Als Aniane den ersten Treppenabsatz erreicht hatte, war sie einen Augenblick stehen geblieben, um Atem zu schöpfen. Sie hatte nicht den Blick zurückgewandt, aber sie hatte doch plötzlich mit heißem Erschrecken gefühlt, wie des Prinzen Augen ihr noch immer folgten. Daran hatte sie die ganze Nacht gedacht, und noch heute am Morgen lastete die Erinnerung wie ein bleierner Druck auf ihrem Herzen. – –

Aniane schritt von der Wendeltreppe des Kurhauses, wo sie am Brunnen ihren Becher gefüllt, an dem internationalen Bazar mit seinen bunten Auslagen vorüber, in den Kurgarten hinein. Die Musik spielte mit seltener künstlerischer Vollendung, aber Aniane dünkte es nur ein verworrenes Geräusch von Tönen.

Sie wußte, nun würde wieder eine Begegnung unvermeidlich sein.

Einen Augenblick hatte sie daran gedacht, abzureisen, gleich noch in der vergangenen Nacht, aber etwas wie Trotz in ihr bäumte sich dagegen auf. Sie war es nicht, die nötig hatte, die Augen niederzuschlagen. Wenn der Prinz den Mut behielt, ihr zu begegnen, so mochte er es. Sie sollte es nicht kümmern. Sie hatte keinen Teil und kein Interesse an dem Manne, der einst etwas getan, was sie zwang, ihn zu verachten.

Langsam, den Becher in der Hand, wandelte Aniane durch den taufrischen Morgen. Schick und vornehm sah sie aus in dem weißen Brunnenkleide von weicher Wolle, eine weiße Lodenmütze auf dem blonden Haar. Grübelnd verfolgte sie ihren Weg durch die Anlagen. Es war noch verhältnismäßig leer im Kurgarten, denn die Gäste von St. Moritz, die gewöhnlich bei Spiel und Tanz die Nächte durchschwärmen, sind fast alle Langschläfer.

Aniane atmete in durstigen Zügen die erquickende, klare Morgenluft, und langsam kehrte die Farbe in ihre blassen Wangen zurück. Ihre Augen suchten die Berge, die so gigantisch da drüben emporwuchsen. Dort der Piz Languard und die Piz Julia mit ihrem schimmernden Schneemantel, hier nach Süden der Piz Surlei mit seinen gefährlichen Gletschern, und ganz in der Ferne nach Maloja zu der herrliche Piz della Margna.

»Wie aus einem Feenmärchen,« dachte Aniane, und ihr Auge wurde hell und licht, und ein Lächeln sonnte ihre Lippen.

»Gott zum Gruß, schönste Frau,« lachte da plötzlich eine tiefe Stimme an ihrer Seite. »Das muß ja ein Glückstag für mich werden, wenn er schon so herrlich beginnt.«

»Ei, ei, Herr Professor, so früh auf, und wie ich sehe, für eine Hochtour gerüstet?«

»Ja, es drängt mich hier alle Tage auf die Berge,« entgegnete Professor Schiemann, der im Lodenanzug, Bergstecken und den kleinen Tiroler Hut in der Hand, vor Aniane stand und sie strahlend anblickte. »Ach, Sie haben ja gar keine Ahnung, wie schön es da oben ist, wenn Eis und Schnee sich um uns breitet und wir herniedersehen in das lachende, grüne Tal mit seinen blauen Seen. Sie müssen mal mit mir hinauf in die schöne Bergwelt, wo man sich so frei und seinem Schöpfer so nahe fühlt.«

»Wenn Sie mich einmal mitnehmen wollen, Herr Professor?«

»Sie wollen, Baronin? Ach, wie glücklich machen Sie mich. Wann soll unsere Tour vor sich gehen? Morgen gleich? Ich bitte Sie.«

»Langsam, langsam, werter Freund. Wenn es Ihnen paßt, ja, dann gleich morgen. Aber Sie müssen mir versprechen, meinen Freund Roald Harnsen auch an dem Ausflug teilnehmen zu lassen. Wir sind zwar beide keine geübten Bergsteiger, aber es wird schon gehen. Wollen Sie?«

Ein Schatten huschte über das freie, offene Gesicht des Künstlers, und seine braunen Augen verloren ihren leuchtenden Glanz.

»Er steht Ihnen nahe, dieser Mann, dessen Spiel gestern, ich gestehe es, mich seltsam erschüttert hat. Es muß jemand eine große und tiefe Seele haben, um Chopin so spielen zu können,« fuhr er fort, ohne eine Antwort abzuwarten, »wie Ihr Freund, aber Sie dürfen mir nicht zürnen, Gnädigste, wenn ich bekenne, daß ich lieber mit Ihnen allein den Aufstieg, sagen wir auf die Tschiervahütte, machte, statt noch in Gesellschaft dieses Dritten, der mir die Minuten kürzt, die mir von Ihnen ohnehin so kurz bemessen sind.«

Aniane lächelte, ein stilles Lächeln.

»Wenn Sie wieder in Ihren alten Fehler verfallen, lieber Professor, dann lassen wir die Partie. Sie kennen doch unsere Abmachung?«

»Ich weiß, meine gnädige Frau,« versetzte er unsicher, und ein düsteres Feuer glomm in seinen Augen auf, »daß ich schweigen muß, und ich werde schweigen, aber eine einzige Frage beantworten Sie mir noch, ohne zu zürnen: Was ist Ihnen der Pianist? Nur Ihr Freund?«

Eine leise Röte des Unwillens stieg in Anianens Gesicht, aber sie entgegnete ruhig:

»Er war einst mein Verlobter, und ich habe ihm einmal sehr weh tun müssen.«

Der Bildhauer wurde ganz bleich. Die bärtigen, frischen Lippen preßten sich fest aufeinander, und die Hände umschlossen krampfhaft den Bergstock, als wollten sie ihn zerbrechen.

»Sie lieben ihn noch immer,« rief er erregt. »Er ist schuld daran, daß Sie sich mir nicht neigen können?«

Aniane lächelte trübe.

»Nein, Freund, Sie irren, ich liebe Roald Harnsen nicht. Aber er ist mir lieb und wert. Er ist mir ein Stück Heiligtum aus vergangenen Tagen. Aber nun kommen Sie, und blicken Sie wieder freundlich drein, und verderben Sie uns nicht den schönen Morgen durch Grillenfangen. Uebrigens bin ich sehr erstaunt, Sie auf diesem schönen Erdenfleck zu sehen. Wie kommen Sie denn eigentlich ins Engadin? Ich glaubte, daß Ihre »Sehnsucht« Sie noch lange an Paris fesseln würde?«

Ein dunkler Blick des Künstlers traf die blonde Frau, die sich mühte, den Ton leichter Konversation anzuschlagen.

»Mein Freund, der Fürst, rief mich, und da ich wußte, daß auch Sie in St. Moritz weilten, trotzdem Sie, Baronin, heimlich gegangen, da litt es mich nicht länger in der Enge meines Ateliers, und ich folgte dem Rufe.«

»Ist das der Freund, von dem Sie mir erzählt, trotzdem Sie nie seinen Namen nannten, daß er schuld daran war, daß Ihre Kunst verflachte?«

Der Bildhauer fuhr mit dem feinen Batisttuch über sein erhitztes Gesicht. Die breite Stirn krauste sich in tiefe Falten, und ein dunkles Feuer glomm in seinen braunen Augen auf.

»Es ist eine elende, erbärmliche Schwäche von mir, aber ich liebe diesen Mann, dessen Gunst, ich muß es zu meiner Beschämung gestehen, mich zu Anfang meiner Künstlerlaufbahn emporgehoben hat, weit über Verdienst und Würdigkeit. Unter seiner Huld wurde ich berühmt, unter seiner Gunst schaffte ich, was die blöde Menge verlangte. Als dem Günstling des Fürsten standen mir alle Tore offen. Aufträge über Aufträge fielen mir zu. Ich war Mode geworden, und jedes neue Werk von mir wurde mit Enthusiasmus begrüßt. Da kam etwas wie Ekel über mich, grenzenloser Ekel über meine Treulosigkeit gegen mein besseres Ich, aber trotzdem hatte ich nicht die Kraft, mich aufzuraffen. Voll innerer Zerrissenheit und Qual verbrachte ich meine Zeit, und eines Tages erkannte ich endlich voll Grauen, daß es nicht mehr zum einfachsten, ehrlichen Kunsthandwerk bei mir langte, daß ich zu Ende war mit meinem Können. Da trat ich zu dem Fürsten und bekannte ihm offen: Gib mich frei! Laß mich meinen Weg ziehen, laß mich das, was ich innerlich verloren, wiederfinden.

Der Fürst war bewegt, fast erschüttert.

»Du hast recht, lieber Freund,« sagte er mit müder Stimme. »Der Platz da oben bei uns ist eine gefährliche Stätte, die euch so oder so ins Verderben reißt. Wir müssen eben einsam sein, ganz einsam.«

Und dann bin ich gegangen, ein freier Mann und ein freier Künstler. Als ich nach Paris kam, mußte ich wieder von vorn beginnen. Oft glaubte ich, mich nie wieder finden zu können, aber langsam begann meine Arbeitskraft zu wachsen. Mein erstes Werk, das ich im Pariser Salon ausstellen durfte, »Frau Sorge«, zeigte, daß bei ernster Arbeit doch noch etwas aus mir werden konnte. Sie wissen ja selbst, wie rastlos ich arbeitete, wie ernst ich vorwärts strebte. Meine »Hoffnung« trug schon meinen Namen in alle Welt ohne Fürstengunst, und meine »Sehnsucht« verspricht das zu werden, was ich mit meinem sehnenden Herzen der edlen Form einhauchen möchte, echtes, wahrhaftiges, glutvolles Leben.

Die drei Jahre in Paris haben mich eine andere Bahn geführt, als die war, auf welche ich dazumal am Hofe zu Büsingen geriet, wo ich schöne Hofdamen modellierte und Reiterstandbilder auf Befehl des Fürsten schuf.«

»Und doch sind Sie abermals dem Rufe des Fürsten untertänig, nach St. Moritz gekommen, um die alten Beziehungen wieder anzuknüpfen?« entgegnete Aniane, und es war, als zitterten ihre Lippen in leichter Bitterkeit.

»Der Fürst telegraphierte mir, daß es meine Freundespflicht erheische, ihm gegenwärtig nahe zu sein, darum möchte ich die Kurzeit hier mit ihm verbringen. Unsere Wege hatten sich in den letzten Jahren äußerlich soweit getrennt, daß ich glaubte, dem Fürsten diesmal seinen Wunsch nicht abschlagen zu dürfen. Und da meine Nerven wirklich sehr herunter waren und ich –« er zögerte ein wenig – »vermutete, daß Sie, gnädigste Frau, Ihre Schritte ebenfalls nach St. Moritz gelenkt, darum bin ich hier.«

Aniane hob leise abwehrend die Hand.

»Sie können sich denken, wie erstaunt ich war,« fuhr Schiemann fort, »als ich sah, daß Sie den Fürsten schon früher gekannt, und daß etwas zwischen Ihnen steht, was sich meinem Urteil entzieht, was mich aber ängstigt und quält. – Ich liebe den Fürsten, ich kenne seine Fehler, aber ich kenne auch sein reiches, einsames Herz, und der Gedanke, daß er Ihnen einst wehe getan haben könnte, macht mich unruhig und unsicher. Erlösen Sie mich von dieser Qual, und sagen Sie mir das eine: Was steht zwischen Ihnen und dem Fürsten?«

Eine Weile herrschte ein dumpfes Schweigen.

»Was steht zwischen Ihnen?« fragte der Künstler noch einmal.

»Eine Tote,« entgegnete Aniane, und wieder flog das verräterische Zucken um ihre erblaßten Lippen.

Schiemann atmete auf. Stolz, wie befreit, fast übermütig warf er den braunlockigen Kopf zurück, die Sängerin aber sagte, während langsam wieder die Farbe in ihre Wangen stieg:

»Und nun, lieber Freund, wollen wir die alte Sache begraben und vergessen.«

Am Ende des Kurgartens waren Aniane und ihr Begleiter wieder umgekehrt, beide schritten langsam zurück. Sie hatten es kaum bemerkt, daß sich der Kurgarten immer mehr gefüllt, und daß sie schließlich in einem Gewoge von eleganten Herren und Damen dahinwandelten, die in allen Sprachen der Welt untereinander redeten. Sie merkten auch nicht, daß vieler Blicke aufmerksam dem hochgewachsenen Künstlerpaar folgten und einen Gruß von ihnen zu erhaschen strebten.

Der schöne Mann, den man seit einigen Tagen immer in der Begleitung des Fürsten von Büsingen bemerkt, von dem man erzählte, daß er ein bedeutender Bildhauer sei, war den Kurgästen schon besonders aufgefallen, und daß man ihn nun an der Seite der berühmten Sängerin sah, die gestern alle in einen förmlichen Rausch des Entzückens versetzt, machte ihn nur noch interessanter.

Immer enger wurde der Kreis um die Beiden, und als Plötzlich Aniane ganz verwirrt aufsah, da blickte sie gerade in die halb zugekniffenen Augen des Fürsten, der mit dem Kammerherrn von Türkheim und jenem persönlichen Adjutanten, dem Rittmeister von Toska, ihnen langsam entgegenkam.

Eine dunkle Röte stieg in Schiemanns Gesicht.

Grüßend wollte er mit seiner Begleiterin vorüber, aber schon vertrat der Fürst ihnen den Weg.

»Ich bin sehr glücklich, meine Gnädigste,« hub er mit einem unnachahmlich hochmütigen Ton an, ganz der souveräne Fürst, der eine Gnade erteilt, »daß ich so schnell Gelegenheit finde, Ihnen noch einmal meine Bewunderung zu Füßen zu legen. Sie würden mich glücklich machen, wenn Sie mir vergönnten. Sie wieder einmal im Hoftheater in Büsingen zu hören. Wenn Sie gestatten, würde ich mich gern gleich mit unserm Intendanten in Verbindung sehen.«

Wie Zorn loderte es einen Augenblick in den Augen der stolzen Frau auf, dann aber entgegnete sie gelassen, ein überlegenes Lächeln um die Lippen:

»Durchlaucht haben meinen Abschied von Büsingen vergessen, denn sonst würde die Zumutung, in Büsingen zu singen, zu einer unerhörten Beleidigung für mich.«

Der Kammerherr und der Flügeladjutant standen wie erstarrt in respektvoller Entfernung. Sie hatten jedes Wort vernommen. Der Fürst aber sah mit hochmütigem Blick über die Frau hin, die es wagte, ihm zu trotzen.

»Sie haben recht, Gnädige, ich vergaß. Es ist so lange her. Acht Jahre, glaube ich, da ist so vieles meinem Gedächtnis entfallen. Irgend eine Differenz mit dem Intendanten, es fällt mir jetzt ein. Verzeihen Sie mein schlechtes Gedächtnis.«

»So will ich Durchlaucht zu Hilfe kommen. Fürstliche Ungnade schwebte damals über meinem Haupte,« entgegnete Aniane, und ein Lächeln, das fast grausam schien, umspielte ihre Lippen.

In das bartlose, streng verschlossene Gesicht des jungen Fürsten stieg der Zorn, als jetzt Aniane, den respektvollen Gruß des Kammerherrn übersehend, ohne von dem Fürsten Notiz zu nehmen, sich der Geheimrätin von Heimburger zuwandte, die mit weitausholenden energischen Schritten, zur einen Seite ihre Tochter Maguhild, zur andern die Nichte Dodo, auf die Gruppe zusteuerte.

»Liebste Aniane,« rief sie mit Emphase, »ich muß Sie umarmen. Wie herrlich haben Sie gestern gesungen! Wer hätte das gedacht, Durchlaucht,« wandte sie sich an den Fürsten, der, sein Augenglas einklemmend, mit einigem Staunen die ihm kordial entgegengestreckte Hand ergriff, »als wir damals in Leipzig die kleine Aniane Rainer protegierten.«

»Knixt doch,« flüsterte sie ihrer Tochter und Dodo zu, die nun auch pflichtschuldigst einen Augenblick vor dem Fürsten bis zur Erde versanken.

»Meine Maguhild haben Durchlaucht ja schon öfter seit den alten Leipziger Tagen gesehen, aber hier meine Nichte Dodo brennt darauf, Durchlaucht vorgestellt zu werden.«

»Ich hatte schon Gelegenheit, das gnädige Fräulein beim Tennis zu bewundern,« entgegnete der Fürst artig, »wir sind also alte Bekannte.«

Dodo strahlte.

»Durchlaucht spielen aber auch brillant,« rief sie mit leuchtenden Augen, »Donnerwetter, ich war ganz baff, als Sie Ihre Gegnerin so schlankweg kalt stellten.«

»Dodo!«

Die Geheimrätin war einer Ohnmacht nahe.

»Verzeihen Durchlaucht, meine Nichte ist ja ganz unkultiviert. Sie ist eine kleine Landpomeranze, die mein verstorbener Schwager wie einen Jungen erzogen hat.«

Dodos frisches Gesicht wurde knallrot. Nun hörte doch wirklich alles auf, daß die Tante sie hier so blamierte. Was hatte sie denn so schrecklich Unpassendes gesagt?

Der Fürst aber lächelte lustig, und rief leutselig seinem Adjutanten zu:

»Lieber Toska, wollen Sie nicht mal dem gnädigen Fräulein auseinandersetzen, welch ein schlechter Tennisspieler ich bin, und dabei gleich eine Partie verabreden, vielleicht für heute nachmittag, wenn es Fräulein von Heimburger paßt? Sie kann sich dann gleich von meinem Unwert überzeugen.«

»Abgemacht, Durchlaucht. Aber geschenkt wird nichts.«

»Nein, Auge um Auge, Zahn um Zahn,« lachte er zurück, dann wandte er sich Maguhild zu, die im eifrigsten Gespräch mit Aniane stand. Sofort trat Aniane zurück, als der Fürst sich ihnen näherte. Sie sah noch, wie böse er die schmalen Lippen aufeinanderpreßte, dann gesellte sie sich zu Frau von Heimburger, die eifrigst auf Schiemann einredete und ihm taktlos auseinandersetzte, daß Dodo eigentlich ein schreckliches Kind sei, und daß sie sich schäme über Dodos ungebildetes Benehmen.

Schiemann tröstete sie und Dodo und Herr von Toska lachten fröhlich und schritten plaudernd den Kurgarten entlang, so daß die Geheimrätin gar nicht aus dem Erstaunen herauskam über dieses kleine Ungeheuer von Pflegetochter, die all ihre Erziehungskünste zuschanden machte.

Na, sie wollte es ihr nachher aber anstreichen. Toll war es ja, daß sie bei diesem Benehmen noch den Fürsten zum Tennispartner gewonnen hatte. Eine ungeheure Ehre. Die Geheimrätin reckte sich und sah triumphgeschwellt um sich. Und jetzt wandelte nun der Fürst an Maguhilds Seite im eifrigsten Gespräch vor ihnen her, und ihre Maguhild war gar nicht so still wie sonst.

Gewiß sprach sie von Wigbert, der ja der einstige Gespiele des Fürsten gewesen und seine Jugendjahre mit ihm verlebt hatte.

Ein unbehagliches Gefühl überkam die energische Dame, wenn sie an ihren Schwiegersohn dachte.

Jetzt würde nun der Fürst am Ende gar zu Maguhild Gutes über Wigbert auskramen. Das fehlte auch noch, daß ein unbedachtes Wort all die Saat wieder vernichtete, die sie, wie sie meinte, sehr weise ausgestreut.

In der Nähe des Kurhauses blieb der Fürst plötzlich stehen.

Sein Auge suchte die Sängerin, die er im Kreise der anderen wähnte.

Ganz im geheimen hatte er gehofft, daß sein völliges Nichtbeachten ihrer Anwesenheit Aniane gezeigt haben würde, daß ihm jedes Interesse für sie, an das sie etwa noch geglaubt, fehle. Aber des Fürsten Auge suchte die hohe, blonde Frauengestalt in der kleinen, ihm folgenden Gruppe vergebens.

Ueber die Züge des Fürsten flog eine Wetterwolke, und der Gruß, mit dem er sich übereilt und flüchtig von den anderen verabschiedete, zeigte wenig von der gerühmten Leutseligkeit, mit der er so oft die Herzen bezwang.

Der Kammerherr von Türkheim mußte die schlechte Laune des Fürsten büßen. Er rächte sich dadurch, daß er lächelnd ein Telegramm aufsetzte, das er wieder und immer wieder sorgfältig prüfte, ehe er es selber ins Dorf zur Post beförderte. Es trug die Adresse der Fürstin von Büsingen.


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