Alfred Wolfenstein
Die gefährlichen Engel
Alfred Wolfenstein

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Der scheue Bettler

Unter den Almosenheischern, die unsere geordneten Straßen so dicht bevölkern, wie wir es früher nur vom märchenhaften Orient vernahmen, unter den Bettlern der großen Stadt war einer, der sich niemals in die offenen Hauptstraßen vorwagte.

Es war ein noch nicht alter Mann, und ihm fehlte nichts als Arbeit, doch eben deshalb fehlte ihm alles. Seine vom Hunger entkräfteten Glieder waren kaum zum richtigen Betteln brauchbar. Denn es ist anstrengend wie Schwerarbeit, auf allen Höfen zu singen, in allen Stockwerken zu klingeln, oder Tag und Nacht jedermann mit Streichhölzern und Schnürsenkeln anzufallen.

Noch hinderlicher als seine Schwäche war ihm seine Bescheidenheit. Und er hatte doch von vielen verwegenen Vorbildern unter den Zunftgenossen gehört, die sich mit erschreckenden Worten, mit gewaltig erfundenen Abzeichen oder mit blassen ausgemergelten Kindern den Leuten aufdrängen. Einer soll sogar ohne Arme und Beine an der belebtesten Ecke zu sehen sein, mit einem umgehängten Schild: »Ich nehme jede Arbeit an!«

Der Bettler Hubert jedoch stand in einer ruhigen Straße des Westens und er hielt zwar eine Hand hin, aber er wandte sich dabei halb dem Hause zu. Deshalb sah es aus, als warte er eigentlich nur auf einen Freund. Bei solcher zweifelhaften 56 Haltung gingen Die, auf die er wirklich wartete, vorbei. Sie wagten gar nicht, einem so unschlüssigen Menschen etwas zu geben. Außerdem ist man heutzutage froh, wenigstens dann und wann Einen unter so vielen Armen mit ruhigem Gewissen übersehen zu können. Dieser Eine war immer gerade Dieser, denn er machte es den Leuten leicht. Zuweilen lüftete er die Mütze, aber so versteckt, als grüße er jemanden. Murmelte er dazu ein bittendes Wort, dann konnte man nicht wissen, ob er nicht zu seiner Zerstreuung ein Lied vor sich hinsummte.

Da er bei solcher Aufführung täglich nur ein paar winzige Münzen heimbrachte, wurde das Gesicht seiner kümmerlichen Frau immer kleiner und schwärzer, wie ein Pfennigstück. Sie begann zu schimpfen, was sie in ihrer Jugend nie getan hatte. Sie äußerte einen Verdacht gegen seine Seele: Er suche sich wohl mit Absicht die friedlichen schönen Häuser aus, um sich von vornherein ebenso schön und friedlich benehmen zu müssen; vielleicht träume er, wenn er dort stehe, überhaupt nur davon, daß er als vornehmer Mann eigentlich hinein passe.

Diese Bemerkungen müssen den Bettler Hubert leider getroffen haben. Stumm lief er aus ihrem dumpfen Keller hinaus. Erinnerte er sich doch, daß er einmal wie in der Verfolgung eines Traumes hinter einem feinen Kind die schwellende Treppe »Nur für Herrschaften« emporgestiegen war. Jetzt hastete er die bröckligen Kellerstufen hinauf und schlug den Weg zur Hauptstraße ein.

Er stellte sich an die belebteste Ecke. Das große Gewimmel ging an ihm vorbei. In den feinen Straßen hatten ihn die Bewohner vielleicht für ihresgleichen gehalten, hier hielt man ihn nicht einmal für einen Bettler.

Aber er sah einen Anderen seinesgleichen arbeiten, und mit offenem Munde, fast lächelnd schaute er ihm zu. Es war 57 ein langer Mensch mit demütig stechenden Augen und einer wild um sich herumwimmernden Stimme. Allen, die da kamen, trat er in die Quere und kreischte: »Nur fünf Pfennige, ich hungere!« Dann blieb er in ihrem Wege stehen, und viele gaben ihm.

Lange verharrte Hubert, an die Wand gepreßt, mit leeren Händen, mit bewundernden Blicken. Plötzlich trat er dem großen Bettler in die Quere, er blieb in seinem Wege stehen und sprach zu ihm: »Nur fünf Pfennige, ich hungere!«.

Der andere unterbrach für eine Sekunde sein Geschäft. Angebettelt zu werden, das war dem Bettler neu. Dann deutete er mit dem Finger auf die Stirn und schob ihn beiseite.

Die Frau wartete an diesem Abend vergebens auf ihre Pfennige. Erst am nächsten kam er wieder und brachte noch etwas weniger. Denn von dem Schreck über seinen Streich erholte er sich nur durch ein noch scheueres Benehmen. 58

 


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