Alfred Wolfenstein
Die gefährlichen Engel
Alfred Wolfenstein

 << zurück weiter >> 

Ein Henker

Der Henker von Havanna war ein Mörder, den man zu fünfzehn Jahren Kerker begnadigt hatte.

Dieser Rim Zayas erklärte sich bereit, die Stelle eines Henkers, die in jenen Jahren frei wurde, mit seiner Person auszufüllen und sich diesem gewissermaßen neuen Berufe zuzuwenden. Denn für jede Hinrichtung sollte er außer dem Geldlohn einen Nachlaß seiner Strafe erhalten.

So begann er seine Strafzeit abzuarbeiten. Als erster wurde dem ehemaligen Mörder ein gewöhnlicher Raubmörder übergeben. Für dessen Kopf wurde seine Haft um ein halbes Jahr kürzer gemacht. Bei einem Soldaten, der sich am Wirt der Schenke Al Pinar wegen verweigerten Whiskys tödlich gerächt hatte, verdiente er sich schon ein ganzes Jahr. Aber das Dreifache schrieb man ihm gut, als eine Frau folgte, eine junge Giftmischerin; ihr armer Gatte war Zollbeamter gewesen. Im umgekehrten Falle brachte ein Mann als Mörder seiner Frau nur das Doppelte ein, obwohl Rim ihm genau den gleichen Tod bereitete wie allen. Die nächste Zeit war dann besonders reich an kapitalen Verbrechen. So sparte er schon eine hübsche Summe von Jahren ein. Die Freiheit kam sehr nahe, als eine ganze Räuberbande gefangen wurde, die allwöchentlich einen Plantagenbesitzer auf dem Gewissen hatte.

Zayas dehnte seinen runden Schlächterleib, und die Kerkerzelle öffnete schon fast sichtbar ihre Wände. Arbeit für den 31 Staat ist das sicherste von der Welt. Nur ein Jahr fehlte noch: ein Attentat auf den Herrn Präsidenten gab den Ausschlag und drückte ihm zum letzten Male das Beil in die Hand.

Danach flog der Henker mit fröhlichem Schwung vor das eiserne Tor hinaus, in die selbstverdiente Freiheit, mitten ins schöne Havana. Mit strahlendem Grinsen sah er in die blaue Sonne: Millionen Kilometer war sie entfernt gewesen, als ihm der Tod drohte, aber mit jeder Tötung eines Mörders hatte sich das Licht ihm genähert.

Ganz in der Nähe lag die Hafenschenke Al Pinar. Es wunderte den Wirt und seine Mannschaft nicht, daß an diesem Abend auf Kosten des Zayas der halbe Vorrat an Drinks wegging. Heftiger wunderte sich der Pförtner des Gefängnisses, als man in der Nacht denselben Rim schon wieder zurückbrachte, und zwar in Ketten.

Denn der Herr Henker war den Matrosen nachgelaufen, die aus der Bar mit gewaltiger Schlagseite durch den Hafen taumelten, und als sie auf der Mole sein ganzes von ihnen versoffenes Geld erbrachen, stach er ohne jedes Urteil drei Mann nieder.

So stand er wieder am Anfang seiner Laufbahn, und es ist in dieser Geschichte eines natürlichen Kreislaufes unbekannt geblieben, ob in der Zwischenzeit ein anderer zum Henker bestellt worden war. Denn es könnte doch sein, daß man dem Mörder Rim Zayas jetzt eine neue Reihe von Verurteilten übergibt, damit er noch einmal die geschuldete Strafe mit Hinrichtungen abzahlt. 32

 


 << zurück weiter >>