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Sechsundzwanzigstes Kapitel

Worin ich aus dem Munde des Großbischofs die andere Hälfte der Wahrheit erfahre und eine ganz unerwartete Gelegenheit zur Rückkehr bekomme.

 

Ich weiß nicht, warum man gerade mir den schnellatmenden, in nasse weiße Schleier gewickelten Knaben in die Arme gelegt hatte. Ich trug ihn, so schwer er war. Und ich trug ihn schnellen Schrittes, während mir Hunderte in hellen Haufen folgten. Ich weiß noch, daß sich unter meiner Gefolgschaft auch Dschungelbauern in beträchtlicher Zahl befanden. Dicht an meiner Seite aber schritt der gramgebeugte Lehrer, mich zur Eile mahnend. Der astromentale Aberglaube, daß von mir irgendwelche urtümlichen Kraftströme ausgingen, mochte der Grund sein, daß man mir Io-Knirps zu tragen gab. Eine unbeschreibliche Mischung von Schmerz und Verlegenheit war in mir, wenn ich auf sein rundes, fiebergerötetes Gesicht sah, das die Augen geschlossen hielt.

Wir eilten durch eine der Torruinen der »Ehemaligen Unterstadt«, denn unser Ziel war König Sauls Haus. Daß der jeweilige Jude des Zeitalters ein ärztlicher Tausendkünstler war, der die Fähigkeiten und Kenntnisse der Schulmedizin weit übertraf, das wußte jedes Kind. Die Schulmedizin oder Leibesgärtnerei (weil meist vorbeugender Pflege und Wartung gewidmet) hatte in einer Epoche der Hundertachtzigjährigen, in der es kaum mehr Krankheiten und am Ende des Lebens nur den freiwilligen Weg zum Wintergarten gab, ihren Rang und ihr Ansehn verloren. Ihr widmeten sich zumeist subalterne Typen, den Badedienern des Wintergartens ähnlich, die in der allgemeinen Schätzung nicht gerade hoch standen. In einem ernsteren Fall, der selten genug vorkam, brachte man den Kranken oder Verletzten zum Arbeiter oder holte (was man meist geheim hielt) einen der Animatoren ans Tageslicht. Das höchste Vertrauen auf diesem Gebiete aber ward Saul Minjonman und den andern Minjonmännern zusamt ihren Söhnen und Enkeln zuteil, soweit diese ernst, scheu und weich waren, also nicht wie Io-Joel. Das konnte nicht wundernehmen, besaß Minjonman doch die älteste und stetigste Erfahrung des menschlichen Leidens, und mehr als sie, die älteste und stetigste Aufmerksamkeit, die mit gerührter Identifikation auf dieses Leiden gerichtet war. Der Lehrer zum Beispiel glaubte fest, daß Minjonman über Zauberkräfte und Mittel verfügen müsse. Es war für mich erschütternd zu sehen, wie Chronosophen, die geistig und wissensmäßig so hoch über mir standen, angesichts des Leidens und des Todes sich in hilflose Kinder verwandelten.

»Schneller, Seigneur, schneller«, hetzte er. »Der Io-Saul, der hat alles. Der wird ihn eins, zwei, drei herausreißen ...«

König Saul hatte nicht nur die Tafel »Auf Wanderschaft« von seiner Gartenpforte fortgenommen, sondern er erwartete uns vor ihr, tief traurig und feierlich. Er hatte alles vorausgesehn, nein, er hatte es gesehen. Ich wiederhole hier aus Angst vor Verwechslungen zum Überdruß, daß es sich bei dieser Art von Sehen nicht um irgendwelche plumpe Television des Altertums handelte, sondern um die längst erworbene Fähigkeit des astromentalen Bewußtseins, sich mit entfernten Bildern und Ereignissen in empfangenden Kontakt zu setzen. Insofern mochte die astromentale Zivilisation schon die logische Vorstufe einer noch höher entwickelten, späteren sein, der isochronischen, für die der Schuljunge hier starb, den ich in meinen Armen trug. Aber davon weiß ich nichts mehr.

Der Jude des Zeitalters stand zwischen zweien seiner Enkel. Es waren Knaben an der Grenze des Jünglingstums, noch nicht voll erwachsen. Sie trugen weiße Burnusse, mit welchem nicht ganz zutreffenden Ausdruck ich die Gewandung der Mühseligen und Beladenen schon weiter oben bezeichnet habe. Beide hatten unruhig forschende Schwarzaugen und zeigten ein verschämtes, sanftes und etwas tolpatschiges Wesen. Sie waren die Heilgehilfen Saul Minjonmans, dazu hatte er sie ausgewählt und erzogen. Zu solchen Diensten hatte früher sein Io-Joel, der Goldjunge, nie getaugt. Der Stamm Minjonmans zerfiel übrigens in zwei charakteristische Gruppen. Die Aufmerksamkeit beider Gruppen war in continuo auf das menschliche Leiden gerichtet; die harmlosere beschäftigte sich mit der Heilung des heilbaren Leidens, die andere, gefährlichere, mit der Wiederherstellung der unheilbar verletzten Gerechtigkeit. Wurde ein neuer Minjonman geboren, so wußte der Stammvater schon nach wenigen Tagen, ob er zum ärztlich-ausgleichenden oder zum juristisch-querulierenden Typus à la Io-Joel gehörte.

Die Menge, die uns folgte, Astromentale, Dschungelleute, Kinderreiche, Mühselige und Beladene, war zu Tausenden angewachsen. Ich konnte in den Augen König Sauls einen geheimen Ausdruck von Furchtsamkeit und Abscheu vor der Menge bemerken. Er ließ den Lehrer und mich durch einen schmalen Spalt der Pforte eintreten, die er sofort hinter uns zuschloß. Er vergaß jedoch nicht, obwohl es durchaus den Tatsachen widersprach, das Täfelchen »Auf Wanderschaft« unter sein Namensschild zu hängen. Im Zeitalter des Reisegeduldspiels war der Begriff »Wanderschaft« natürlich sinnlos, wenn man unter ihm nicht innerliche und willensmäßige Abwesenheit verstand.

Io-Saul führte uns tief hinab in sein Haus. Wir mußten eine ganze Flucht von vollgepfropften Räumen durchqueren, ehe wir in ein Gemach gelangten, das ich frei heraus das Ordinationszimmer nennen will. Es herrschte hier ein grell künstliches Übersonnenlicht, das an den Lichtgrad des Johannes Evangelist erinnerte. Der Raum war ganz leer, bis auf den großen glasartigen Tisch in der Mitte. Die astromentale Medizin, nicht einmal die erinnerungsreiche Medizin Minjonmans, kannte keine Apparate mehr, keine Instrumente, keine Flaschen, Fläschchen, Schläuche, Gummiwaren, Eprouvetten usw.

Die beiden halbwüchsigen Heilgehilfen legten den bewußtlosen Knaben auf den Tisch, nachdem sie mit unglaublich zartem Schmerzverständnis die nassen Schleier abgenommen hatten. Da lag er nun, vom Hals bis zu den Füßen mit schrecklichen Brandwunden zweiten und dritten Grades bedeckt, von denen meine Augen sich feige wegwandten. Minjonman aber blieb sehr lange stumm über diese Wunden gebeugt, dann sagte er:

»Das Schlimme ist, daß ich den Schmerz nicht wegnehmen kann.«

Der Planetenlehrer flehte ganz ernsthaft und naiv:

»Nehmen Sie ihm die Schmerzen fort und geben Sie mir die Schmerzen...«

Einer der Enkel hatte eine Schale mit einem honigartigen Balsam hereingebracht. Es war sonderbar, wie aus Minjonmans vollgeschöpften Händen dieser Balsam auf die Wunden träufelte und sie in suchenden Rinnsalen langsam zudeckte, als handle er selbst vernünftig und willensvoll. Leider kam der Sternentänzer während dieser Behandlung zu sich und begann leise zu wimmern. König Saul aber flüsterte in unnachahmlich suggestiver Weise mit ihm, so daß der Knabe ruhig wurde und nach einer Weile sagte:

»Aber ich hab doch geglaubt, es wird eine ganz große Hetz sein und eine extra Extravaganz ...«

»Da haben Sie's«, brach der Lehrer los, ohne das Schluchzen in seiner Stimme ganz beherrschen zu können. »Nichts als Allotria, Aberwitz und Übermut ...«

Saul Minjonman wandte den Kopf erstaunt dem Pädagogen zu:

»Kennen Sie«, fragte er, »einen bessern Grund für eine pathetische Tat als Übermut?«

Der Knabe aber versuchte trotz der Höllenschmerzen, sich zu entschuldigen:

»Ich bin doch der Kleinste und Dümmste. Ich mußte es doch tun. Ein andrer wär gar nicht durchgeschlüpft, nicht einmal der Io-Schram ...«

»Nicht reden«, mahnte König Saul.

Doch Io-Knirps machte einige rasche Atemzüge und stieß hervor:

»Und ein andrer hätte das Ding im Comptoir auch gar nicht bekommen ...«

Nach diesen Worten brach er in lange Schreie aus, denn die Qualen überwältigten ihn. Mein Blick krampfte sich an Minjonman fest. Wird er leben? fragte mein Blick. Die wirkliche Antwort war auch nur ein Blick. Doch er sagte alles.

»Die Schmerzen werden bald vorüber sein«, murmelte Io-Saul.

Inzwischen hatten die Heilgehilfen den Knaben auf eine leichte Tragbahre gelegt und mit einem kühlenden wachsartigen Stoff zugedeckt. Ohne daß ein Wort fiel, verstanden sie genau die Befehle Minjonmans. Der Knabe aber rang wieder nach Worten:

»Herr Lehrer ... Herr Lehrer«, stöhnte er.

Der Lehrer kniete neben ihn hin. Ich sah, wie er tapfer gegen seine Tränen und um eine ungerührte Pädagogenmiene kämpfte:

»Hier bin ich. Schütten Sie Ihr Herz aus, Schüler Io-Knirps ...«

»Werde ich hundertmal an die Tafel schreiben müssen: ›Ich soll nicht‹ ...?«

»Nicht hundertmal, sondern zehntausendmal, mein Liebling, Gott wird mich erhören ...«

»Was geschieht?« fragte ich leise Minjonman.

»Man wird ihn dahinbringen, wohin er gehört.«

»Und wohin gehört er?«

»Zu seiner Religion, zu seiner Väter-Rückverbindung ...«

»Ich verstehe, Sie meinen, er gehört hier ganz in die Nähe, zum Großbischof ...«

Ehe König Saul noch etwas drauf sagen konnte, wurden wir unterbrochen.

Io-Joel Hainz stand vor uns. Und nun erfolgte von allen schwerwiegenden Gesprächen, die in der menschlichen Geschichte je stattgefunden haben und je stattfinden werden, das kürzeste. Ja, man kann von diesem Dialog ruhig behaupten, daß es einen einsilbigeren seiner Art nie wieder geben wird, denn er bestand genau aus zwei Silben:

»Froh?« fragte Saul.

»Teils«, sagte Joel.

In dem langgezogenen, zugleich schweren wie spöttischen Klang von Sauls »froh« steckten freilich so manche unausgesprochenen Sätze: Bist du froh und zufrieden, mein Sohn, daß die Umwälzung, die du so lange gepredigt hast, nun über uns gekommen ist? Deine Rolle war, wie ich genau weiß, nicht besonders erhebend. Ein Agent, ein Dolmetsch, ein Kiebitz? Und wie sieht es mit der Erneuerung aus? Wer ist erneuert? Deine Erneuerung ist nichts als eine schmutzige Vermischung. Es sind erniedrigt, die es verdienen, und es sind erhöht, die es nicht verdienen. Statt einer kläglichen Ordnung haben wir eine kläglichere Unordnung, die schnell zur bösen Erstarrung werden wird. Und morgen schon ist das Neue wieder das Alte und ein Grund für dich, nach einem neueren Neuen zu streben. Froh?

Diese Worte ungefähr entnahm ich der einzigen Silbe und dem traumsamtenen Spottblick des Vaters.

Io-Joel, der Sohn, war übernächtig blaß. Seine wimperlosen Augen waren sehr rot und auf der leicht albinösen Gesichtshaut traten viele Sommersprossen und Flecke hervor. Sein einsilbiges »teils« hatte er mit pedantischer Gleichgültigkeit vor sich hingesprochen, ohne den Vater anzusehn. Mir aber blieben folgende Geständnisse, die dieses »teils« enthielt, nicht verborgen: Ich werde dir nicht die Freude machen, alter Jude, mich geschlagen zu geben, obwohl ich mich so seekrank fühle, als hätte mich selbst eine Erfüllungs-Enttäuschung getroffen. Ich werde dir auch nicht die Freude machen, dir zu zeigen, daß ich diesen ganzen Tag um dein Leben gezittert habe. Außerdem ist nichts verloren, wenn man ein Realist ist und die Menschen für das hält, was sie sind: ein böses Pack, dessen größte Lust es ist, den andern Unlust zu bereiten. Ich bin genau dasselbe. Und deshalb muß die Welt auch nach der soeben stattgefundenen Erneuerung weiter erneuert werden. Es lebe die Verwandlung.

Dieses Gespräch dauerte nur so lange als zwei gedehnte Silben dauern. Io-Saul Minjonman aber richtete sich auf und befahl seinem Sohn mit einer Autorität und Würde, die keinen Widerspruch möglich, machte:

»Tritt hinter mich und folge mir!«

Die Heilgehilfen nahmen die Tragbahre mit dem Knaben auf. Voran schritt König Saul. Der Lehrer und ich gingen rechts und links von dem Stöhnenden. Io-Joel Hainz beschloß den Zug. Während wir uns durch die mit antiken Erinnerungen vollgestopften Räume des Hauses zwängten, murmelte König Saul, indem er seinen Mantel über den Kopf zog, ein Gebet, von dem ich wellenweis hier und da eine Strophe verstand:

»Unser Vater, unser König!
Ich gehe voran, und ich folge der Bahre aller Zeitgenossenschaften.
Denn ewig währt Deine Gnade, die mich absondert.

Unser Vater, unser König!
Sie hassen und verachten mich von Abraham bis auf diesen Tag,
Sie schauen zur Seite und möchten mich los sein,
Denn ewig währt Deine Gnade, die mich absondert.

Unser Vater, unser König!
Und trotzdem bin ich ihr Arzt, und mein Sohn müht sich für ihre
Gerechtigkeit von Abraham bis auf diesen Tag.
Denn ewig währt Deine Gnade, die mich absondert.

Unser Vater, unser König!
Du wirst ihre Unruhe enden und ihnen Frieden geben, am Tage aller
Tage. Und dann, als Letzten nimm auch mich in Deinen Frieden auf,
Denn ewig währt Deine Gnade, die mich absondert.«

Diese und andere Worte eines ururalten Gebetsanges trafen wie aus weiter Ferne wellenweise mein Ohr, da unser Zug ins Freie gelangte und den kleinen Hausgarten durchquerte, in dem die wächserne Flora der fortgeschrittenen Zeit anämisch lauschte und die Riesenmotten und Falter über unsern Köpfen gaukelten. Die Nacht war noch immer sehr dicht. Das bläuliche Geisterlicht der Sterne aber war noch dichter. Und alle Sterne schienen himmelweit mit atemlosem Fleiß an einem Spinnweb zu wirken, das nichts anderes war als das wachsende Bewußtsein vom Morgen. Die Menge der »Ehemaligen Unterstadt« hatte sich verdoppelt. Sie umschloß uns mit ihrem ausgesparten Schweigen, in dem nichts zu hören war, als das klagende Weinen des Leidenden.

Auch der Großbischof wartete, umgeben von seinem Klerus. Er wartete vor seiner Kirche, die mit erleuchteten grünen Fenstern halb aus der Erde ragte. Ein Teil der Geistlichen trug Kerzen. Fast machte es den Eindruck, als sei ein nächtlicher Gottesdienst unterbrochen worden, ein Bußgebet oder ein Umgang. Dennoch, der Kirchenfürst wartete auf den sterbenden Sternentänzer, um ihm die Ehre zu geben und durch Priesterhand die letzten Hilfen angedeihen zu lassen.

Ich kann nichts Authentisches über das Verhältnis zwischen Djebel und Kirche berichten. Daß es lange nicht so gespannt war, als um die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts das Verhältnis zwischen Kirche und Wissenschaft, das wage ich ohne besondere Kühnheit zu behaupten. Der Lehrsatz »Vom unendlich verschiebbaren Mittelpunkt aller erdenklichen Umläufe« sowie die siebenundzwanzig Paradoxa Urslers, von denen wir nur den kleinsten Teil kennengelernt hatten, bildeten eher eine Brücke zwischen Religion und Wissenschaft als einen Abgrund zwischen beiden. Auch die Kirche war nicht mehr ganz dieselbe wie einst. Sie war, wie Joachim de Floris es im dreizehnten Jahrhundert prophezeit hatte, längst schon in ihre dritte dauernde Phase getreten, als »Ecclesia spiritualis«, als Kirche des Heiligen Geistes oder vergeistigte Kirche. Daß in letzter Zeit solche Ordensgemeinschaften wie die »Brüder vom kindhaften Leben« oder »Die Herde der Armen im Geiste« zu hohem Ansehn gelangt waren, mochte als bedeutsames Zeichen gelten, daß die Kirche sich gegen den Mentalismus, den Intellektualismus und die Gefahr symbolischer Verflüchtigung innerhalb ihrer eigenen Mauern zur Wehr setzte. Das Geistliche hatte sich zum Geistigen hin entwickelt, wie das Geistige zum Geistlichen. Zwischen beiden aber stand nach wie vor die unüberschreitbare Grenze, die Glauben und Forschen trennt. Waren die Chronosophen auch reine Mystiker, so verkleinerten sie durch ihre kühnen Raumfahrten doch den Himmel der Bischöfe und waren, recht besehen, gefährlicher als die altmodischen Sophisten Io-Sum oder Io-Clap mit ihren Gottesbeweisen und Gottesgegenbeweisen. Für die Chronosophen sprach freilich, daß sie den Wintergarten verschmähten. Daß der Großbischof den verunglückten Sonnentänzer in eigener Person erwartete, war eine Ehre, die er weniger dem zerstörten Djebel erwies, als der selbstlosen Opfertat eines Kindes. Wie selten waren solche Taten geworden in einem Zeitalter der äußersten Bequemlichkeit und des körperlichen Nicht-Bemühens. Vielleicht aber wollte der Kirchenfürst auch dem Djebel Ehre erweisen, der von sinnlosen und frechen Narren in ein Trümmerfeld verwandelt worden war.

Ich sah, wie er in Mitra und zartfarbigem Ornat mit hochaufgehobenen Händen auf uns zuschritt, gefolgt von einigen Klerikern. Mitten auf seinem feierlichen Wege aber blieb er plötzlich stehen, denn folgendes geschah. Kaum hatte ich es selbst recht zur Kenntnis genommen, daß die Eltern des Knaben, mentalerweise von dem Unglück herbeigerufen, schon eine ganze Weile neben der Bahre gingen. Ein zierlicher junger Mann und ein hübsches Frauchen im Goldkopfschmuck, die, gehorsam der Kulturforderung nach verhaltenem Ebenmaß, selbst angesichts der schlimmsten Katastrophe, ihrem Schmerz keinen Ausdruck gaben. Ich bemerkte die beiden erst deutlicher, als ich mich über ihre tadellose Haltung zu ärgern begann. Diese Wohlerzogenheit beim Anblick ihres sterbenden Kindes erschien mir, dem antiken Menschen, dessen Seele voll war von Schreckensschreien und Schmerzensrufen wie eine griechische Tragödie, als die empörendste Kälte und Herzlosigkeit. Dazu kam noch, daß diese beiden in ihren besonders eleganten durchscheinenden Schleierraffungen sich immer wieder über die Bahre beugten und erbarmungslos auf den Kleinen losredeten, der dann immer lauter zu wimmern begann, durch die Eltern auch noch in seinen Schmerzen gestört. Vergebens mischte sich der Lehrer ein. Als der Großbischof in Sicht kam, erzwang es das astromentale Paar durch seine sonderbar kühle Energie, daß die Heilgehilfen mit der Bahre haltmachten und wir andern zusamt der riesigen Gefolgschaft stehen blieben. Dies war der Augenblick, wo sich das ganz Unerwartete ereignete, das, meiner Ansicht nach, während der ganzen Geschichtsepoche von Djebel und Wintergarten auf der Erdoberfläche ohne Präzedens war. Aus der dichten Menge arbeiteten sich plötzlich drei weiße Gestalten heran, eine kleine, etwas schiefe, und zwei plumpe Riesen, so recht Kolosse auf tönernen Beinen, verschnittenen Haremswächtern ähnlich. Nein, nein, unser Animator war's nicht, ich habe ihn wenigstens nicht in diesem erkannt, noch auch waren es Badediener Nummer Eins und Zwei. Es waren zwei andere Badediener, und sie schleppten eine Badebutte mit schwarzer Erde herbei, die sie aus der Tiefe des Hohlraums mitgebracht hatten. Dicker langsamer Schweiß stand ihnen wie Stearintropfen auf der Stirn, denn mühsam und erschöpfend war für Funktionäre des Wintergartens der Aufenthalt und körperliche Arbeit unter dem wirklichen Himmel. Allen dreien, besonders aber dem Animator, klapperten vor Eiseskälte die Zähne; die Temperatur einer normalen Frühlingsnacht bedeutete für sie ein arktisches Abenteuer, das sie nur um der großen Sache willen auf sich genommen hatten. Der Animator, der hier in der frischen Luft nur einzelne Worte auszustoßen fähig war, wies mit einer weiten einladenden Gebärde immer wieder auf den Badebottich mit dem retrogenetischen Humus hin, zwei Worte wiederholend:

»Kühl, gut, kühl, gut ...«

Knirpsens Vater aber, selbst ein zierlicher, kleiner Mann, richtete sich so hoch auf, als es möglich war und sprach mit lauter Stimme, die das gespannte Schweigen durchdrang:

»Mein liebes armes Söhnchen, du weißt aus deiner Kinderzeit und den Geschichten, die man dir erzählt hat, was diese hier sind, und was dieses gute kühle Bad ist, das deine Schmerzen sofort heilt ... Du bist ja orientiert ...«

»Orientiert?« höhnte der Elementarlehrer beiseite. »Er ist das Genie der Orientation. Der Himmel ist nicht groß genug, daß er sich in ihm verirren könnte ...«

Es entstand eine Pause, die ganz der aus weiten Fernen erwachenden Aufmerksamkeit des Knaben gehörte. Dann fragte seine sehr matte, beinahe schon schlafumsponnene Stimme:

»Ist es so weit mit mir?«

»Es ist so weit mit uns dreien, mein Herzensschatz«, sagte die junge Frau, ohne sich eine schmerzliche Schwebung zu gestatten.

»Deine liebe Mutter hat recht«, nickte der Mann. »Wir werden dich in das dunkle Bad betten und deine brennenden Schmerzen sind vorbei. Dann geleiten wir dich an den Ort, wo man auch uns neben dir ins dunkle Bad betten wird. Tausende und aber Tausende haben es getan, viele unserer Verwandten und Freunde. Und wir drei werden beisammen sein ...«

»Keine Schmerzen mehr«, wimmerte der Knabe.

»Kühl, gut, kühl, gut«, stieß der Animator hervor und wies mahnend mit beiden Händen auf den Bottich, der nun ganz dicht neben der Tragbahre stand.

Der Sterntänzer begann aber plötzlich unruhig zu werden. Seine Augen suchten:

»Herr Lehrer, Herr Lehrer ...«

»Hier bin ich, mein lieber schlimmer Schüler ...«

»Und ich, Herr Lehrer? Bin ich ein Chronosoph? Oder bin ich's noch nicht?«

»Ich hätte es nie ausgesprochen vor den bösen Ohren der Welt. Jetzt aber spreche ich's aus. In Ihnen, meinem kleinsten Schüler, den ich von jetzt an nicht mehr Io-Knirps nenne, in Ihnen sehe ich den Hochschwebenden des nächsten ...«

»Aber es gibt keinen Djebel mehr«, unterbrach eine scharfe Stimme.

Der Sterbende aber hatte die Hände des Lehrers gepackt und versuchte sich mit einer wilden Anstrengung aufzurichten:

»Ich will nicht ins Kühle und Gute«, schrie er, »ich will nicht ...«

»Aber deine brennenden Schmerzen«, schluchzte nun endlich die Mutter auf und warf sich fassungslos auf die Knie.

»Dann lieber die brennenden Schmerzen, viel lieber ...«

Der Knabe keuchte und sank zurück. Schnell und überaus deutlich hob und senkte sich seine wunde Brust. Alle aber, die diesen Vorgang gesehn und verstanden hatten, wurden von einer erstickenden Erschütterung gepackt, so daß man das Weinen der Frauen, Schneuzen, Husten und schluchzend scharfe Ausrufe hörte über den ganzen Platz.

»Oremus«, sang der Großbischof unterm Baldachin, langsam dem Sterbenden sich nähernd. Ein Gebetmurmeln der Priester respondierte: »Respice, quaerimus, Domine, famulum tuum parvulum in infirmitate sui corporis ...«

Ich aber bedeckte meine Augen. Auch mir war die Kehle zugeschnürt von einem fast unausdrückbaren Wissen und Empfinden. In der Neuannahme des natürlichen Todes und Schmerzes durch den kleinen Sternentänzer hatte eine neue Zukunft die alte Zukunft abgelöst. Kein Wunder, daß ich wankte. Es war ein bißchen zu viel für einen einzigen Beobachter. Doch schon fühlte ich mich von freundlichen Armen gestützt und geführt ...

 

Ich saß im Sephirodrom, in der Bibliothek des Großbischofs, in demselben Lehnstuhl wie das letzte Mal. Auf dem niedrigen Tisch lag immer noch der uralte Quartband, betitelt »Fortalitium Fidei«, Stärkung im Glauben. Es war selbstverständlich nicht das Original, die Inkunabel, die um so viele hundert Jahre älter war als ich, sondern ein viel späterer Nachdruck, der aber auch schon ein recht hübsches Alter von einigen zwanzigtausend Jahren auf dem Rücken trug. Die Befestigung im Glauben. Vor mir aber schimmerte in einem hohen, schöngeformten Stengelglase der duftende Wein der hierarchischen Pflanzungen, den ich schon kannte. Ich mußte übrigens bereits mehrere Gläser genossen haben, denn trotz der wunden Erschöpfung in meiner Brust fühlte ich zugleich eine wirre und schwimmende Behaglichkeit, die alles milderte. Als ich aufsah, saß der Hochwürdige Großbischof mir gegenüber in seinem hohen, thronartigen Stuhl. Diesmal war er ganz in Zivil, das heißt in ein schwarzes gewöhnliches Habit gekleidet, nicht sehr verschieden von seinen Amtsbrüdern rund hunderttausend Jahre zuvor. Ich nahm mich zusammen und sagte:

»Es ist sehr gnädig von Euer Lordschaft, mir zu dieser Stunde Audienz zu gewähren und mich zu bewirten ...«

»Aber Sie wünschen ja gar keine Audienz, mein Sohn, sondern etwas ganz anderes«, lächelte der Kirchenfürst schwach über sein weißes, großes Gesicht, und seine blauen Augen ruhten auf mir:

»Natürlich will ich viel mehr als eine Audienz«, gestand ich. »Man wird sich ja huldvollst erinnern, daß man mir für den Notfall ein Refugium angeboten hat ...«

»Dieses Refugium wurde aber nicht in Anspruch genommen, als der Notfall gegeben war«, lächelte der Großbischof noch immer, aber in seinen Worten schwebte eine leichte Rüge mit.

»Ich gestehe, daß ich am vergangenen Tage noch zu versponnen und neugierig war. Auch erliege ich sehr leicht interessanten Titelworten. Das Wort ›Wintergarten‹ hat auf mich eine magische Anziehungskraft ausgeübt ...«

»Und jetzt sind Sie nicht mehr versponnen und neugierig?« fragte der Erzpriester, und eine ganz ferne Amüsiertheit durchschimmerte seinen Ernst.

Etwas zwang mich, meinen Kopf zu senken:

»Nein, Großbischöfliche Gnaden, ich bin nicht mehr neugierig. Obwohl mich Ihr goldener Wein ein wenig tröstet, bin ich sehr, sehr traurig. Ich habe meinen besten Freund verloren. Und jenes Kind dort oben stirbt oder ist schon tot ...«

»Dann kann Ihnen auch meine Zuflucht nicht mehr genügen, mein Sohn.«

»Offen gesagt, nein!«

»Und welches Anliegen haben Sie auf dem Herzen?«

»War es gestern, Senor Gran Obispo, – ist es möglich, daß es nicht früher als gestern war, da Sie zu mir sprachen: ›Sie waren niemals tot, mein Herr‹?«

»Sie waren auch niemals tot, mein Herr.«

»Ist das ganz sicher, Hochwürdiger Vater?«

»Wenn man Ihre ebenso lebendige wie falsche Darstellung des Totseins in Betracht zieht, so ist es ganz sicher.«

»Bin ich aber nicht tot, so lebe ich. Wie? Oder gibt es noch eine andere Alternative?«

»Sie leben, ohne Zweifel, Sie leben ...«

»Und wo lebe ich, Euer Lordschaft?«

»Dasselbe frage ich Sie, mein Sohn. Wo, denken Sie wohl, daß Sie leben?«

»Ich habe dann und wann während meines Aufenthalts hier über diese Frage ganz jähe blitzhafte Erleuchtungen gehabt. Eine Modellwelt vielleicht, eine vorausgespiegelte Modellwelt, gemäß irgendeinem der Urslerschen Paradoxe über die Lichtbahnen, die Raum und Zeit der verschiedensten Grade und Dichtigkeiten schaffen ...«

»Bedenken Sie, mit wem Sie reden, liebes Kind ... Darf ich nun Ihr Anliegen hören ...«

Langsam trank ich den Rest meines Weines aus:

»Ich hab's satt«, sagte ich, noch das Glas in der Hand, »ich bin müde. Ich möchte fort ...«

»Hm. Sie haben's satt. Sie möchten fort. Wie aber stellen Sie sich das vor ...?«

»Ich bin durch irgendein Tor eingetreten. Es muß doch dieses oder ein anderes Tor geben ...«

»Mit Toren hab ich nichts zu schaffen«, erklärte der Großbischof, offensichtlich ein bißchen gekränkt.

»Es muß durchaus kein Tor sein, Euer Lordschaft«, beeilte ich mich vorzubringen. »Jede Art von Passage ist mir recht. Ich kann nur nicht mehr sehr lange in zwei Welten leben. Mein armer Freund B.H. hat mir vorgeworfen, daß ich mich zu sehr ausdehne, daß ich aus lauter Erlebnisgier stets in Gegensätzen zu existieren trachte. Er meint, das sei erstens unmoralisch und zweitens ungesund ...«

»Ihr Freund hat doppelt recht«, nickte der Großbischof.

»Ich bin ein Verirrter und habe niemanden als den Hochwürdigsten Vater, der mir in dieser ganz vertrackten Situation helfen könnte. Ich bitte um Ihre Hilfe.«

Der Großbischof schien versöhnt, denn sein großes bleiches Gesicht lächelte wiederum schwach:

»Wir werden nachdenken«, sagte er.

»Ich habe diese Güte nicht verdient«, atmete ich auf. »Meine Anwesenheit hat keine nützlichen Folgen gehabt, wenn ich mich auch einer bewußten Schuld kaum zeihen kann ...«

Der Großbischof sandte mir einen langen Blick zu: »Ihre Ausdrucksweise ist nach wie vor kompliziert, mein Herr ...«

»Das kommt daher, weil ich ein schwerer Sünder bin und folglich im stetigen Anklagezustand und folglich mich in jedem Satz verteidigen muß ...«

»Dadurch wird's nicht besser«, schüttelte der Erzpriester traurig den Kopf. »Doch gleichviel, wir werden nachdenken. Wir haben sogar schon den Auftrag gegeben, nachzudenken.«

»Oh, wie mich das beruhigt, Euer Lordschaft. Jetzt aber wird es geboten sein, daß ich mich zurückziehe, um nicht länger zu stören. Der Morgen kann nicht fern sein ...«

»Nein, nein, Sie bekommen keinen Urlaub, lieber Sohn«, lachte der alte Mann in sich hinein. »Ganz im Gegenteil. Sie haben jetzt den Preis für unser Nachdenken zu zahlen.«

»Mit Vergnügen. Fordern Sie alles, worüber ich verfüge ...«

Der Großbischof schenkte mir bedächtig ein neues Glas voll. Der Kristall summte wie eine Glocke unter dem Weingold. Ich hatte mich nach dem Trank gesehnt, aber nicht gewagt, ihn zu erbitten.

»Der Preis geht nicht über Ihr Vermögen, mein Kind«, sagte der Hochwürdige. »Ich erbitte Ihren Eindruck summa summarum.«

Fortalitium Fidei. Ich nahm den Schmöker in die Hand und ein weihrauchähnlicher Duft umschwebte meinen Kopf. Ich lehnte mich weit zurück und redete mit geschlossenen Augen:

»Vor allem, Euer Lordschaft, mein ehemals undeutlicher Glaube an die Erbsünde, an den Fall des Menschen durch Ungehorsam, hat sich durch die Erfahrungen meines Aufenthaltes tief befestigt. Ich konnte den unerklärbaren Zwang beobachten, der den Menschen immer wieder verführt, sein mühsam errungenes Gleichgewicht zu vernichten. Im gegenwärtigen Fall sogar sinnloser und unbegreiflicher als früher. Ich gehe aber weiter. Im Djebel hat man mir freundlichst die Lösung einiger Welträtsel anvertraut. Ich ahne, daß nicht nur Adam, der Erdenmensch, gefallen ist, sondern vor ihm der Himmelsmensch, das erste Ebenbild ... Diese Lehre wäre zwingender, ohne daß sie unsere Voreltern reinwäscht ...«

Der Großbischof trommelte nervös mit den Fingern auf der Armlehne und sah zur Seite. Weder liebt es ein Musiker, wenn ein Laie mit ihm über den Kontrapunkt spricht, noch ein Theologe, wenn ihn ein Laie mit metaphysischen Spekulationen erschreckt, von denen er schon beim ersten Worte weiß, daß sie längst widerlegte Ketzereien sind und nichts anderes sein können. Dieser verflixte Valentinus, dachte der Großbischof wahrscheinlich. Laut sagte er aber, und zwar hörbar ennuyiert:

»Bleiben wir auf der Erde, mein Sohn! ... Sie haben hier in diesem Raum von der Welt ohne Ökonomie geschwärmt. Halten Sie Ihr Urteil aufrecht?«

»Die Welt ohne Ökonomie ist ein Paradies. Was aber hilft es, da der Mensch nicht paradiesisch ist? Er gießt sich selbst als Inhalt in jede Form. So sind am Ende alle Formen unwesentlich, weil sie das unabänderliche Maß menschlichen Ungenügens umschließen. Ich weiß nicht, ob der Höhlenmensch glücklicher gewesen ist als der Bewohner eines New Yorker Wolkenkratzers um 1930, und ob letzterer glücklicher war als mein Gastfreund Io-Fagòr in seinem unterirdischen Hause voll Lichtphantasien, dynamischen Tapeten, stellar hergestellten Familienrezepten und vielen anderen Wundern. Ich weiß nur, daß ein Hochhaus oder ein Cottage um 1930 unendlich viel wohnlicher und praktischer war als die Kalkhöhle eines Primitiven und daß die schlechteste Heimstätte der Panopolis ihrerseits unvergleichlich zivilisierter ist als eine Magnatenvilla meiner Lebenszeit, ganz zu schweigen von den morgenwolkenumkreisten Bürodolomiten und Kommerzwaben von Manhattan. Der Mensch bringt Großes zustande, bloß ein obskuranter Dummkopf kann das leugnen. Nur eines hat er noch nicht zustande gebracht, sich selbst!«

»Das läßt sich hören«, murmelte der Großbischof, ziemlich zufrieden. Er schien vor meinen Formulierungen eine schamhafte Furcht zu empfinden.

»Die Welt ohne Ökonomie«, fuhr ich fort, »steht höher als die Welt mit Ökonomie, das heißt richtiger gesagt, sie ist höher entwickelt, wie zum Beispiel eine elektrische Hotelküche höher entwickelt war als das nackte Feuer, an dem der Wilde seine Jagdbeute briet, und die Zubereitungen des Arbeiters ihrerseits höher entwickelt sind als jene altertümlich-elektrische Hotelküche. Das will aber durchaus nicht heißen, daß die höher entwickelte Speise auch vortrefflicher schmeckt. Mich würden die raffinierten mentalen Suppen und Cremes auf die Dauer ermüden, und ein Kongreß von Gourmands dürfte ohne Zweifel feststellen, daß auf nacktem Holzfeuer der Braten am besten gerät. So liegt es im Leben, daß jeder Gewinn auf einem Verlust beruht und umgekehrt. Ich hoffe, daß trotz des Dschungelsieges die ökonomielose Welt aufrecht erhalten bleibt. Sie ist eine bessere Welt, obwohl der Mensch in ihr nicht besser ist. Doch wenn der Mensch moralisch auch nicht besser ist, er ist ästhetisch schöner geworden. Er ist nicht nur schöner geworden, sondern auch erkennender, dafür aber auf der Verlustseite wieder matter und kälter: War der Mensch früher schuldig-unschuldig, so ist er jetzt unschuldig-schuldig mit seinen leeren Handflächen ...«

Während ich an Lala in der Dorfkirche dachte, ergriff mich eine längere Geistesabwesenheit, so daß ich erst den Schluß dessen hörte, was der Großbischof mir zu sagen hatte:

»... Sie vielleicht zurückkehren, da wird man Sie ausfragen. Werden Ihre Zeitgenossen alles glauben, was Sie ihnen wahrheitsgemäß zu berichten haben?«

»Danke, Euer Lordschaft«, sagte ich beglückt, indem ich ein weiteres Glas in Empfang nahm. »Meine Zeitgenossen werden sich kaum darüber wundern, daß der Arbeiter und sein Clan aus den Strahlen der Sonne und anderer Lichtgestirne die vereinfachten vergeistigten Gebrauchsartikel einer numerisch zusammengeschrumpften Menschheit herstellt und auf kürzestem Wege in die Häuser transportiert. Das zwanzigste Jahrhundert war die frühe und plumpe Wiege jener späteren kosmischen Industrie, die auf der Ausnützung der stellaren Grundkräfte beruht. Der populärwissenschaftliche Journalismus meiner Zeit warf schon mit Alpha-, Beta-, Gammastrahlen um sich. Die altmodischen Fernsubstanzzertrümmerer waren zwar noch nicht erfunden, aber der primitivsten Zertrümmerungsart gewisser Atome und der Entbindung der ungeheuren Weltallskräfte war man schon auf der Spur. Auch die Einrichtung des Djebels wird meiner Meinung nach nicht auf unüberwindlichen Zweifel stoßen. Daß die tellurische Gesinnung der Menschen sich zur kosmischen Gesinnung hinentwickeln muß, das ahnten die feineren Geister aller Zeiten. Mir persönlich aber wird man Feigheit vorwerfen, weil ich nur Planeten besucht habe und mit der untersten Schulklasse aufgefahren bin, anstatt mich mit Sternwanderern, Verwunderern und Fremdfühlern in die höheren und höchsten Intermundien zu wagen. Was schließlich den ›Wintergarten‹ betrifft, so werden viele trotz der schönen Margueritenfelder abgestoßen und entsetzt sein von der stygischen Lokalität und dem ganzen Louche von schmuddeligem Umweg ums Sterben. Genau so wie ich es war. Wer weiß aber, andere wieder werden es nicht nur glaubhaft, sondern sogar praktisch finden, daß man das Leben zurückzudrehen gelernt hat, wie man eine Filmrolle und somit ein abgebildetes Leben zurückdrehen kann vom Ende zum Anfang hin ...«

»Ich hoffe«, lächelte der Erzpriester, »daß Sie die Bereitschaft Ihrer Zeitgenossen, über die ich kein Urteil habe, nicht überschätzen. Nun aber verraten Sie mir, mein Freund, was man Ihnen bestimmt nicht glauben wird.«

»Bestimmt nicht glauben wird man mir«, entgegnete ich, »daß Euer Lordschaft und der Jude des Zeitalters existieren.«

»Ja, warum wird man Ihnen diese bescheidenste aller Tatsachen nicht glauben?«

»Weil gerade diese bescheidenste aller Tatsachen ohne übernatürlichen Glauben nicht zu glauben ist. Ohne den Glauben an die erstletzte und endgültige Offenbarung der unbeweglichen Wahrheit durch das Alte und Neue Testament, ist die Annahme, daß die Kirche Christi und Israel durch die Jahrhunderttausende fortbestehen, nicht nur ein Ammenmärchen, sondern ein Ärgernis. Den echten übernatürlichen Glauben besitzen aber nur die wenigsten meiner Zeitgenossen. Die andern werden sagen: Wenn alle primitiven Religionen durch fortschreitende Erkenntnisformen abgelöst worden sind, so kann die Kirche Christi mit ihren geschichtsbedingten Mythologien und Dogmen die fortschreitenden Erkenntnisformen nicht überlebt haben.«

»Aber werden die standhaften Juden nicht glauben, daß sie die Zeiten überlebt haben?« fragte der Großbischof mit umwölktem Blick.

»Ein paar fromme Orthodoxe vielleicht. Die werden's glauben, aber gar nicht wissen wollen. Die modernen Juden jedoch werden meinen Bericht von Minjonman und seinem Sohn ungern hören, weil ihr Ziel die nationale Normalisierung ist, das heißt das Verschwinden.«

»Mein Sohn, Sie übertreiben. In den Anfängen der Menschheit hat es mehr gute Christen gegeben als heute. Diese guten Christen werden sich mit Ihrem Bericht freuen ...«

»Die Protestanten und national-christlichen Sekten werden sich kaum darüber freuen, daß die katholische Kirche das Rennen gewonnen hat ...«

»Aber die Katholiken ...«

»Die Katholiken werden bittern Anstoß nehmen, daß ich Euer Lordschaft mit dem Titel ›Großbischof‹ bedenke anstatt Sie Erzbischof zu nennen, obwohl Sie doch wirklich als Oberhirte von mehreren Großdiözesen der Panopolis ein Großbischof sind ...«

»Es tut mir leid, daß Sie in Schwierigkeiten geraten werden, wenn unser Nachdenken ein gutes Resultat hat ...«

Weiter kam der Kirchenfürst nicht, denn unmerklich war durch eine kaschierte Tür ein Ordensgeistlicher eingetreten, ein hochgewachsener Hagerer, der wie die personifizierte Lautlosigkeit an der Bücherwand stehen blieb. Ich hielt diesen Schattenhaften im ersten Augenblick für den Pater Exorzist. Er war's aber nicht, obwohl er zu demselben Orden gehörte, der unsern Dominikanern entsprach.

Der Großbischof erhob sich:

»Dies ist«, stellte er vor, »der hochwürdige Vorstand unseres angelogischen Seminars ...«

»Wie das«, erschrak ich, weil ich das Wort angelogisch zuerst für eine sprachwissenschaftliche Bezeichnung hielt.

Der Bischof, der mein Nichtverstehen bemerkte, erklärte:

»Oh, es ist ein altehrwürdiges Institut, unser Seminar für Engelforschung.«

Fast hätte ich in die Hände geklatscht vor Entzücken.

»Aber da habe ich selbst Erfahrungen ...«, rief ich aus und brach jäh ab, denn es war weder die Stunde noch der Ort, von Melangeloi und andern Kommunikationen zwischen dem, was in der Welt und außerhalb der Welt ist, zu sprechen.

Der Großbischof trat nahe an den Angelogen heran, und sie begannen halblaut miteinander zu verhandeln. Obwohl ich fühlte, daß der Gegenstand ihres Gesprächs niemand anderer war als ich selbst und meine Zukunft, so spitzte ich doch nicht die Ohren.

Ein überschwengliches Verlangen nach einem neuen Glase Wein, Gott weiß das wievielte, hielt mich in Bann. Ich konnte mich nicht beherrschen und spähte wie ein Dieb nach dem Kristallkrug, um mir verstohlen eins einzuschenken, denn die Priester kehrten mir den Rücken. Langsam griff ich nach dem Kruge.

»Es ist die einzige Gelegenheit«,hörte ich den Engelforscher flüstern. Das Wort »Gelegenheit« war in dem Sinne von Transportmittel gebraucht. Postkutschen nannte man ja einst »Gelegenheiten«. Ich hielt den Krug vorsichtig in der Hand.

»Damit bin ich einverstanden, und es ist auch sinnvoll«, erwiderte der Großbischof leise. Der Angeloge aber zog ein winziges Büchlein hervor, in dem er, es nahe an die Augen haltend, zu blättern begann. Es sah so aus, als blättere er in einem Fahrplan. Alle Menschen, die in einem Fahrplan blättern, machen sorgenvolle Mienen. Ich habe niemals in einem Fahrplan geblättert, da ich ein Deserteur alles Sorgenvollen bin. Ich habe stets mit kalter Interesselosigkeit andere für mich im Fahrplan blättern lassen, ich, ein ungezogenes Kind der Eisenbahn. So auch jetzt. Ich näherte den Krug meinem Glase. Da aber ... ich war ertappt. Denn der Großbischof drehte sich um:

»Was ist Ihre genaue Adresse, mein Sohn?« fragte er und ließ sich nichts anmerken.

»Nummer 610 North Bedford Drive«, erwiderte ich stramm, indem ich über und über rot wurde.

»Und befindet sich in der Nähe dieser Adresse eine Kirche, ein Kirchlein, eine Kapelle? Das wäre hilfreich, nicht nur als Wahrzeichen«, erkundigte sich der Großbischof und sah mich nicht an, vielleicht um mir Gelegenheit zu geben, mich ungeniert zu bedienen.

»Aber natürlich«, rief ich krampfhaft dienstfertig, »eine hübsche mexikanische Kirche ›Zum guten Hirten‹. Gegenüber von ihr liegt ein prächtiger Kakteengarten.«

Der Großbischof wandte mir nachdrücklich wieder den Rücken zu. Ich schenkte mir vom Weine ein, wenn auch nur ein halbes Glas. Undeutlich vernahm ich währenddessen:

»... ein Genie der Orientation ...«

»... Absetzen Ecke North Bedford Drive und April 1943.«

Während ich aber mit größtem Genuß auf einen Zug den Wein leerte, machte ich mir keine Gedanken über diese abgerissenen Gesprächsfetzen. Zudem war durch eine andere Tür ein dienender Bruder in die Bibliothek getreten, hatte sich tief vor den beiden Hochwürdigen verbeugt, ein großes Stundenglas auf den Tisch gestellt und dabei gemurmelt:

»Es ist vollbracht.«

Das halbe Glas Wein war genau um ein halbes Glas zu viel. Der Kopf drehte sich mir. Ein unsäglicher Seelenschmerz stieg in die Kehle. Ich verstand, was vollbracht war, und wer es vollbracht hatte. Zugleich aber begann ein Ausspruch des Großbischofs, den er bei unserer ersten Begegnung getan hatte, quälend in meinem Gehirn zu rotieren. Es geschieht zuweilen in tiefer Nacht in einem Wellental zwischen Schlaf und Schlaf, daß irgendein Wort, irgendeine Handlung, die wir am Tage ohne Kritik hingenommen haben, sich plötzlich als Lüge oder als Untreue grell entschleiert und unsere leidende Seele ganz überwuchert. Ähnlich ging es mir jetzt mit jenem Ausspruch des Großbischofs. Ich litt aber nicht um meinetwillen, sondern um des Knaben willen, um des Toten willen, der soeben dort oben das Seine vollbracht hatte. Nein, ich konnte nicht schweigen, so spät es auch war, und so fröhlich der Raum sich auch um mich drehte. Der Großbischof hatte den Engelforscher mit seinem Fahrplan entlassen und trat zum Tisch, ohne sich niederzusetzen, wodurch auch ich gezwungen war, mich zu erheben.

»Ich habe das Wichtigste noch auf dem Herzen«, stammelte ich.

Der Erzpriester nahm das Stundenglas vom Tisch und betrachtete es. Der größte Teil des Sandes war schon durchgelaufen:

»Sie haben nur noch wenige Minuten, mein Sohn«, mahnte er, »genau so viel, wie zwischen Erstarrung und Befreiung liegt.«

»Und wenn ich nur noch eine Minute hätte, ich kann nicht anders. Sie haben mir gesagt, daß die Welt jetzt und hier um hunderttausend Jahre böser, sündiger, das heißt von Gott entfernter ist, als zu meiner Zeit. Wenn das wahr ist, kann man nicht leben, ich nicht ...«

»Habe ich das wirklich gesagt«, lächelte der Großbischof.

»Sie haben es gesagt.«

»Dann hab ich nur eine halbe Wahrheit gesprochen.«

»Ein Großbischof spricht keine halbe Wahrheit.«

»Richtig, mein Kind. Aber es kommt vor, daß ein Großbischof manchmal nur die Hälfte der Wahrheit spricht.«

»Was aber ist die andere Hälfte?«

Er näherte mir seinen großen, weißen Kopf, der eine einzige Freundlichkeit war:

»Die andere Hälfte der Wahrheit ist sehr einfach, mein Sohn: Wir entfernen uns nicht nur von Gott durch die Zeit, sondern wir nähern uns auch Gott durch die Zeit, indem wir uns vom Anfang aller Dinge weg und dem Ende aller Dinge zu bewegen ...«

Und nun erging es mir ähnlich wie es mir auf Johannes Evangelist ergangen war, als ich angesichts der neunfachen Sonnengewalt gelernt hatte, daß die Energie eines Gestirns größer sein kann als sie selbst. Das Zimmer drehte sich nicht mehr um mich, und ein geistiges Glück ohnegleichen entzückte mein Bewußtsein. Heute verstehe ich nicht mehr mit derselben Deutlichkeit und Intensität, was ich in jener Minute verstand. Ich verstand, daß wir aus der Wärme fort in die Kälte gehen und doch zu gleicher Zeit aus der Kälte in die Wärme, und ebenso aus dem Licht in die Finsternis, wie gleichzeitig aus der Finsternis ins Licht. In dieser unbegreiflichen Doppelbewegung bewegt sich die Geschichte des Menschen und die Geschichte der Menschheit. Die Gerade der Zeit beugt sich in jeder ihrer Sekunden vor dem Schöpfer in anbetender Krümmung. Und so sind wir geborgen, weil die Entfernung nichts anderes ist als eine Form der Annäherung.

Der Großbischof hatte das Stundenglas auf den Tisch gestellt. Ich bemerkte kaum, daß er meine Hand ergriff und daß wir nun über die mühsame Asketentreppe, die ich schon kannte, langsam emporstiegen.

Der neue Tag war noch nicht da, aber es konnten nur noch ein paar Minuten fehlen, und dann würde die Sonne aufgehen. Der Himmel war lichtgetränkt, doch man sah noch den blassen Morgenstern und zwei andere Planeten. Oh, wie ich sie kannte, diese Sterne in dem kleinen gemütlichen Universum, welches das unsrige ist. Und jetzt tauchten wir in die kühle Frühluft. Und jetzt standen meine Füße zum letztenmal auf dem eisengrauen Rasen der astromentalen Menschheitsepoche. Das Nächste, was ich sah, war die ziemlich ferngerückte, dichtgedrängte Menge, die in weitem Kreis den leeren Platz umgab; Astromentale und Dschungelleute kunterbunt vermischt. Ich erkannte es an den roten Zipfelmützen, die wie blutige Flecke aus dem Schleiergewoge hervorbrannten. Aber konnte ich meinen Ohren trauen? Das war ja ein zögerndes Singen, ein kindlich einstimmiges Chorsingen, ein einfältiger Choral von allen Seiten. Die Dschungelleute gaben den hochnäsigen Kulturmenschen, die über das innere Singen das äußere Singen verlernt hatten, die erste Gesangstunde. Gut so! Jeder Verlust ist ein Gewinn. Es klang sehr dünn und schülerhaft. Es klang wie nach einer Krankheit. Und da gewahrte ich den Toten. Er lag auf einem schmalen einfachen Katafalk.

Sein Kopf war sehr hoch gelagert. Seinen zierlichen Leib hatte man mit einem Schleier zugedeckt. Zu seinen Füßen war der zusammengebrochene Lehrer eingeschlummert. Zu seinen Häupten wachten einige der ältesten Fremdfühler, darunter der Unerschütterliche, der das Isochronion um die Stirn gebunden trug. Ich erkannte es, weil die Kapsel spiegelartig im Zwielicht leuchtete. Die Eltern waren fort. Zweifellos hatten sie längst den Wintergarten aufgesucht.

Ich sah fragend den Großbischof an, der stehen geblieben war, eine viel schwerere und mächtigere Figur als ich gedacht hatte. Er schlug ein rhythmisch großes Kreuz über meinen Kopf; dann winkte er mir zu gehen. Ich wußte, daß ich nichts anderes zu tun hatte, als zu gehen. Zwischen mir und dem Toten lagen ungefähr dreißig Schritte. Während ich die ersten Schritte machte, war ich unsicher und fürchtete, durch einen Fehltritt oder falschen Gedanken alles zu verpatzen. Ich mußte zum Beispiel folgendes denken, ohne zu wissen, ob ich es denken durfte: Er hat das Isochronion aus der Tiefe geholt, weil er selbst das Isochronion ist, die Gleichzeitigkeit der Welt. Ängstlich blieb ich stehen. Aber niemand sagte: »Falsch! Noch einmal!«

Hingegen verstand ich plötzlich die Bedeutung des Geflüsters und warum man meine Adresse erfragt hatte, und daß Io-Knirps beauftragt war, mich an der Ecke von Bedford Drive und im April 1943 abzusetzen oder abzuwerfen, denn um sich dem Ende zu nähern, mußte er zum Anfang zurückfliegen in unserm kleinen gemütlichen Universum. Und irgendwo im ersten Viertel oder bestenfalls Drittel, vom Anfang gerechnet, lag der Bedford Drive.

Interessant, interessant, sprach ich zu mir selbst, während ich schneller und sicherer ausschritt, umschleiert vom kindlich zaghaften Choral untrainierter Stimmen. Schon sah ich deutlich das Gesicht des Toten. Es war aber nicht ein Gesicht, sondern zwei Gesichter. Verfluchter Astigmatismus! Wo ist meine Brille? Ich tastete alle Taschen meines Fracks nach der Brille ab, obwohl ich wußte, daß man sie mir fortgenommen hatte. Es waren aber wirklich zwei Knabengesichter übereinander. Ein graues totes oben und ein blühend lächelndes darunter, etwa so, wie bei Abziehbildern ein graues Häutchen die Farbenpracht darunter zudeckt. Das graue Gesicht wurde immer undeutlicher, das blühende immer deutlicher, je näher ich kam. Nur keine Extravaganzen, Junge, oder mit Gott, alle Extravaganzen, die du willst, so kicherte mein ganzes Leben in mir. Mein ganzes Leben aber war eine leichte, luftige, durchleuchtete Freudigkeit, deren man ohne Tränen nicht gedenken kann. Jetzt war ich dem Lächeln des Sternentänzers schon ganz nahe. Er betrog alle, denn ich sah zwischen den halbgeöffneten Lidern seinen verschmitzten Blick. Und in diesen Blick schritt ich hinein, bis ich nichts mehr wußte.


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