Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Zwölftes Kapitel

Worin mir der Jude des Zeitalters folgt, mich einlädt, bewirtet und mit seinem Sohn bekannt macht.

 

Jede Welt und jedes Weltalter enthält neben einer geringen Minderzahl wahrhaft neuer Erscheinungen eine unberechenbare Mehrzahl von Wiederholungen, Abwandlungen und Widersprüchen. Die mentale Epoche machte keine Ausnahme von diesem historischen Gesetz, das in den Grenzen menschlicher Kombinationsfähigkeit begründet ist. Der Leser, der mich freiwillig bis hierher begleitet hat – ich beginne, in ihm schon einen hochgesinnten Freund zu sehen, der meine geistige Neugier ebenso teilt wie meine Verachtung für journalistische Mätzchen –, dieser Freund weiß nicht nur, daß, sondern auch warum die mentale Wohnkultur unterirdisch war und sein mußte, das heißt, sein wird und wird sein müssen. Trotzdem war ich gezwungen, schon eine ganze Menge Ausnahmen von dieser Regel anzuführen: das Schilderhaus des Geoarchonten, die Glaskuppel der Zusammenstimmer, die Schattenarchitektur, die das Geodrom umringte, die Privatkapelle des Großbischofs, ganz zu schweigen von der Lebensweise des Arbeiters und seines Clans, die sich durchwegs in freier frischer Luft abspielt, welcher kecke Übermut freilich im weiten grünen Park und in der Mulde der Quellen und Kräfte sich nicht nur als gefahrlos, sondern auch als kraftfördernd erwies. Dies aber, was ich jetzt sah, hatte ich nicht zu sehen erwartet, als ich, aus dem großbischöflichen Palais über eine endlose, enge und steile Kellertreppe emporsteigend, endlich das Tageslicht erreicht hatte. Diese steile Kellertreppe, die aus asketischen Gründen die geistliche Macht zu erklettern gehalten war, entsprach genau dem niedrigen Schilderhaus, in welchem um der Demut willen die weltliche Macht des Geoarchonten oder Seleniazusen hausen mußte. Ich hatte den Großbischof eingehüllt von gramvollen Gedanken verlassen, wobei ich mir sein Geleite verbat und es auch verhinderte, daß er einen seiner Patres mit mir schickte, wußte ich doch genau, wie ungehörig es für ihn und seinen Klerus war, sich mit einem seltsam kostümierten Resultat spiritistischer Machinationen zu affichieren.

Etwas atemlos von dem mühsamen Aufstieg stand ich auf der Erdoberfläche. Ich mußte eine ganze Weile meine Lider geschlossen halten vor dem erbarmungslosen Sonnenlicht, dessen ultraviolette Strahlungskraft, wie ich jetzt nicht mehr zweifeln konnte, sich seit der Transparenz vervielfacht hatte. Als ich sie wieder öffnete, traute ich meinen Augen kaum, denn ich stand vor einem ziemlich hohen, leeren Torbogen, auf dessen romanischer Rundung in breiten, mir wohlbekannten Lettern die Worte gemeißelt waren: »Ehemalige Unterstadt.« Der Boden war teils mit zersprungenem Asphalt, teils mit morschen Holzstöckeln, ja sogar mit Pflastersteinen bedeckt, zwischen denen der eisengraue Rasen durchbrach wie einst das grüne Unkraut. Manche Stellen waren gänzlich ungepflastert und schlammig, so daß sie die Fußstapfen der Vorübergehenden aufbewahrten.

Das Sonderbarste aber, es gab zwei richtige Ströme von Passanten in entgegengesetzten Richtungen. Die Leute besaßen aus irgendwelchen Gründen kein Reisegeduldspiel, oder sie verschmähten dessen Gebrauch, da sie ihre nahegelegenen Ziele zu Fuß erreichen konnten. Welcher Art aber die Ziele dieser Passanten sein mochten, blieb mir unerklärlich. Der eine dieser Menschenströme entsprang nicht weit von der Torruine, unter der ich mich gegenwärtig befand, der andre Strom nicht weit hinter dem Gegentor, das ungefähr tausend Schritte entfernt lag und seinen leeren Rundbogen grell gegen den Mittagshimmel hob. Zwischen diesen beiden Toren, jenseits derer der auffällige Verkehr sogleich verebbte, zog sich etwas hin, das man gut als altstädtisches Schachergäßchen oder als orientalischen Bazar hätte bezeichnen können, wären rechts und links verfallene Häuser, Häuschen, Baracken oder auch nur wacklige Kaufbuden gestanden. In Wirklichkeit wurde diese romantische Gasse mit ihren Lauerecken, Zwinkerkurven und sonstigen Winkelzügen nur von zwei langen, ziemlich niedrigen Mauerparallelen gebildet, die dem Anschein nach völlig zweck- und sinnlos waren. Ich konnte nämlich, wenn ich mich auf die Fußspitzen stellte, ohne Anstrengung über die Mauer hinweggucken, und was ich da zu sehn bekam, war nichts als endloser eisengrauer Rasen, nur in der Ferne von einigen spärlichen Hausgarteninseln unterbrochen. Dennoch konnte ich mich des Eindrucks nicht erwehren, ich stünde auf und im dichtest bewohnten Stadtbezirk, in einem Whitechapel, Ottakring, Wedding, Saint Cloud oder auf der Lower Eastside der astromentalen Metropole. Dieser Eindruck wurde noch durch die menschlichen Gesichter und Gestalten verstärkt, die an mir vorüberstrichen, ohne, wie es die gute Zeitsitte gewollt hätte, einander zu grüßen. Sie sahen ziemlich ernst und mürrisch aus und hielten die Blicke auf den Boden geheftet. Es war klar, ich hatte es in dieser ehemaligen Unterstadt mit den Mühseligen und Beladenen zu tun, das heißt natürlich nur mit den relativ Mühseligen und Beladenen. Schwächt aber das hinzugesetzte Wörtchen »relativ« die Tatsache der Mühseligkeit und Beladenheit wirklich ab? Hatte die ewige Jugend oder Alterslosigkeit, hatte die Herstellung aller Lebensgüter durch den Arbeiter, hatte die Ausschaltung jeglichen Mangels und wahrscheinlich der meisten Krankheiten, hatte die Erweiterung des Lebens bis an die Grenzen des Überdrusses die statistische Summe menschlichen Unglücklichseins tatsächlich herabgesetzt? Oder waren diese hier, wie sie düster hineilten, obwohl sie die Natur in einer für uns unfaßbaren Weise meisterten, ebensowenig glücklicher, als wir glücklicher waren als die Steinzeitmenschen? Dies mochte vielleicht die zweitgrößte Streitfrage aller Zeiten sein. Der Großbischof hatte sie vorhin beantwortet. Doch er war durch sein Amt zu dieser Antwort verpflichtet.

Es war, solange ich lebe – Verzeihung, solange ich lebte – stets einer meiner größten Genüsse gewesen, mich vom Menschenstrom treiben zu lassen, sei es durch die Prachtavenuen der Metropolen, sei es durch das finstere und verrufene Gassenwerk der Alt- und Unterstädte. Ohne die bewußte Absicht, Beobachtungen zu sammeln, sprangen in meiner Seele zehntausend Mosaiksteinchen menschlichen Schicksals zusammen. Ohne nach Abenteuern zu jagen, begegneten mir solche beim Bummel auf Schritt und Tritt. Auch hier, auf diesem abseitigen Korso der mentalen Welt, ergriff mich sogleich die alte, elektrische Lust, mich ins Getriebe zu mischen. Diese Lust hatte ich auf der zentralen Plaza, dem Geodrom, nicht empfinden dürfen, da ich dort gezwungen war, die Rolle einer Rarität zu spielen. Hier hingegen schien nicht einmal das lächerliche Festgewand des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts auffällig genug zu sein, um die Blicke auf sich zu lenken. Welch eine Erholung war es nun und hier, daß mir niemand unter den Dahineilenden die geringste Aufmerksamkeit schenkte. Das mochte daher kommen, daß die Männer und Frauen in den beiden Strömungen auch nicht »normal« gekleidet waren, das will sagen, keine schleierigen oder batistenen Raffungen über ihrer verwischt leuchtenden Nacktheit trugen, sondern in stumpferes, gröberes und gewissermaßen traurigeres Zeug gewandet gingen. Es stimmt nicht ganz, aber man könnte diese Gewandung noch am ehesten mit beduinischen Burnussen vergleichen, meist dunkelbraun oder sandfarben oder aschgrau. Dazu kam noch, daß ich keinen der goldenen oder silbernen Kopfaufsätze zu sehen bekam, mit denen sich die bürgerliche Welt schmückte. In der ehemaligen Unterstadt zog man einfach das Gewand über den Kopf, wodurch nicht nur der Eindruck des Orientalischen vollendet wurde, sondern auch der Verdacht sich regte, daß diese Unglücklichen noch immer über reichliche Behaarung verfügten, die sie auf einer unteren Stufe der menschlichen Rangordnung festbannte. Ohne Zweifel lebten auch hier die verachteten Kinderreichen, deren Natur, schrecklich zu denken, so plump geblieben war, daß ihre Frauen mehr als zwei Kinder austragen konnten. Nur das sonnige Riesengeschlecht des Arbeiters durfte sich seine gewaltige Fruchtbarkeit gestatten, da es ja in jeder Weise eine mythische Ausnahmestellung innehatte.

Ich versuchte, mir die Gesichter der Vorübergehenden einzuprägen, obwohl die meisten davon gesenkt waren. Ihre Farbe, leicht bräunlich oder kupferrötlich, unterschied sich von der Elfenbeinblässe meiner Hausgenossen. Die Herkunft der Einheitsrasse aus weißen und farbigen Verschmelzungen trat hier in der Unterstadt deutlicher hervor; jedoch entdeckte ich keinerlei Mangel in der allgemeinen Schönheit und Alterslosigkeit, wenn ich von dem melancholischeren, schwerfälligeren und dann und wann auch zornigeren Lebensausdruck absehe. In der Nachbarschaft dieses Lebens wohnte der Großbischof, und irgendwo hier in der Umgebung stand auch – vermutlich halb unter der Erde – sein metropolitanes Münster. War die Kirche nur dem evangelischen Wort gehorsam, wenn sie die Nähe der Mühseligen und Beladenen suchte, die es selbst in diesem Zeitalter ohne Ökonomie und soziale Reibungen noch gab? Oder drückte sie dadurch, daß sie die ehemalige Unterstadt zu ihrem Sitz erwählte, nur jene erhaben reaktionäre Gesinnung aus, die nach den Worten ihres Großbischofs in der astromentalen Kultur eine Verschärfung des Sündenfalls und eine weitere Entfernung von Gott sah und sich deshalb jenen anschloß, welche »zurückgeblieben« waren? Diese Fragen gingen mir gerade durch den Kopf, als ich durch ein leichtes Unruhigwerden meiner Rückennerven bemerkte, daß mich jemand hinter mir scharf ansah. Ich blieb stehen und drehte mich um. Der Jemand hinter mir blieb auch stehn. Es war ein Mann von kleiner, schmaler Gestalt, in einen schwarzen mantelartigen Stoff gehüllt, mit dem er in rituell feierlicher Art etwa bis zur Hälfte sein sehr blasses Gesicht bedeckte. Ich ging weiter. Er ging weiter. Ich blieb stehn. Er bewegte sich langsam an mir vorbei. Nachdem wir so, beinahe schleichenderweise, etwa dreißig Schritte zurückgelegt hatten, – wobei ich das Gefühl nicht loswerden konnte, er führe mich zu einem bestimmten Ziel – blieb er wiederum unvermutet stehen. Wenn ich nicht dasselbe Manöver wie vorhin wiederholen wollte, so mußte ich mich jetzt an ihm vorüberbewegen. Ich tat's auch ziemlich nachdrücklich, das Auge fest auf ihn gerichtet. Da enthüllte er wie ein Verschwörer für ein paar Sekunden sein blasses Gesicht, blasser als das meiner Hausgenossen, seine eingefallenen Wangen und einen dünnen schwarzen Bartanflug, der wirkte wie gemalt. Gramumflorte Augen, ich muß mich gewissenhaft verbessern, relativ gramumflorte Augen versenkten sich in die meinen. Es war Rembrandts König Saul, derselbe, der von Jung-Davids Gesang erschüttert, seine Tränen verbergen will, indem er einen Vorhang an seine Augen zieht. Eine solche Gebärde hatte er jetzt nicht nötig, da hier weder ein junger Held sang noch auch Tränen in seinen Augen standen. Es ist selbstverständlich, daß Rembrandts König Saul in dieser mentalen Welt weit aufgehellter sich präsentierte als im Original. Es waren nicht Mond- und nicht Sonnenaugen, mit denen er mich gramvoll ironisch betrachtete, sondern Sternaugen. Sie zwinkerten mir zu, wie ich dicht an ihm vorbeistrich, so daß ich mich gezwungen fühlte, ihn flüsternd zu begrüßen: »König Saul, Friede sei mit dir ...«

»Sehr richtig«, flüsterte er noch leiser zurück, »mein Name ist Io-Saul Minjonman.« Als ich aber eine Unterhaltung beginnen wollte, winkte er mir verschwörerisch ab und gab mir einen deutlichen Wink, ich möge in seiner Nähe bleiben, doch unbekannt tun. Ohne seine Lippen zu öffnen, zischte er:

»Sie werden von allen Seiten beobachtet. Bemerken Sie's doch endlich! Was brauchen Sie sich mit dem Juden dieses Zeitalters herumzutreiben?«

»Aha«, dachte ich, »wieder ein umgekehrtes Pluraletantum und daher in Amt und Würden!« König Saul stieß mich beim Vorübergehen leicht an. Er summte zwischen den Zähnen:

»Hundert Schritte, dann links. Folgen Sie unauffällig.«

 

Selbstverständlich war niemand arm. Das Wort Armut hatte ja seinen Sinn verloren, soweit es den Mangel an äußern Gütern und Lebensnotwendigkeiten beinhaltet. Auch in diesen Labyrinthen der »Ehemaligen Unterstadt«, wo ich mich jetzt befand, konnte jedermann seinen Appetit mit den raffiniertesten Substanzen befriedigen, sofern er Feinsinn genug besaß, sie zu genießen. Auch hier konnte er die zartesten, hauchdünnen Textilien aus den himmlischen Quellen und irdischen Kräften des Arbeiters beziehen, sofern ihm grobe und stumpfe Stoffe nicht lieber waren. Auch hier in den mentalen Slums waren die Wohnungen ebenso geräumig wie in der prächtigen Villa meiner Hochzeiter, die Ruhelager ebenso luxuriös, die Beleuchtungen ebenso phantasiereich, die Zimmerwände ebenso bereit, dynamische Tapeten, das heißt die Projektionen innerer Bilder, zu reflektieren. Und doch, trotz alles gleichgearteten, verfeinerten Komforts fühlte ich genau, daß ich mich hier unten in den dichtbewohnten Schlupfwinkeln der Armen und Verachteten befand, die sich hier zusammenschlossen, weil sie dort nicht dazugehörten, weil sie Wärme, Nähe, Enge suchten und unter dichter Nachbarschaft weniger litten als die andern. Mir ging eine Erkenntnis auf, für welche mein Geist zu Lebzeiten viel zu oberflächlich und positivistisch gewesen ist: Armut ist weit mehr als eine Folge von Mangel, welche mit diesem sofort verschwindet. Armut ist eine karmatische Begrenztheit der Seele, die auf der Ungleichheit alles dessen beruht, was ins Leben tritt. Armut und Reichtum sind viel weniger die individuellen Ergebnisse der Ökonomie als ihre Ursachen. Die wahren Armen und Reichen sind arm und reich geboren, im Sinne von Konstitution, wie man blau- oder braunäugig geboren ist, sanft oder jähzornig. Mit einem Wort, – und es ist wichtig für die Erkenntnis aller wirtschaftlichen Revolutionen – die Armut bleibt, auch wenn sie abgeschafft wird.

Schließlich war auch der Einfältige dieses Zeitalters wirklich einfältig, wennschon er es bis zum binomischen Lehrsatz und zum Differentialkalkül gebracht hatte, worin er die meisten von uns übertrifft.

Mit all dem soll nicht gesagt werden, daß Minjonman, der Jude dieses Zeitalters, zu den Armen, zu den Mühseligen und Beladenen gehörte. Er gehörte zu diesen ebensowenig wie er zu den andern gehörte, zu den Io-Fagòrs, Io-Dos, den Wortführern und Beständigen Gästen.

Das große Zimmer, in das er mich führte, unterschied sich von allen Zimmern, die ich bisher kennengelernt hatte, dadurch, daß es vollgepfropft war mit Erinnerungen. Ist das ein Wunder nach mehr als hunderttausend Jahren historischer Kontinuität? Ich war nicht im mindesten erstaunt darüber, denn daß ich bei Rembrandts König Saul Schriftrollen, altertümliche Folianten, siebenarmige Leuchter, Gewürzbüchsen mit kupfernen Fähnlein, Teppiche, braune Gemälde, antike Stoffe und dergleichen in Hülle und Fülle finden würde, das hatte ich vorausgewußt; ich möchte fast sagen, das hatte ich vorausinszeniert. Freilich, daß über allem eine dichte Staubschicht lag, wo es doch im mentalen Klima keinen andern Staub geben konnte als den der Jahrtausende, und daß es stark sowohl nach Moder als auch nach Kampfer roch, das hatte ich nicht vorhergewußt.

Schön war es jedenfalls, daß Saul Minjonman mir einen Lehnstuhl hinschob wie vorhin der Großbischof, und daß hier nicht erst ein snobistisches Bügelbrett zum Anlehnen aus der Wand geklappt werden mußte, wenn man müde war. Ich ließ meine Glieder behaglich in den Fauteuil sinken und gab mich dem Genuß der gebrochenen Linie hin. Der Jude des Zeitalters verschwand inzwischen in einen Nebenraum, von wo er nach einer Weile mit einer antiken Silbertasse auftauchte. (Sie hätte aus dem Stiftszelt von Silo sein können, so altertümlich sah sie aus.) Zwei weiße Krüge aus Porzellan standen darauf. Er setzte die Opfertasse auf ein niederes Tischchen, das zwischen uns stand, und begann in einer zugleich bitteren, witzigen, vorwurfsvollen und selbstironischen Art zu sprechen, wie es nicht nur ich, sondern auch jeder andere Fachmann von ihm erwartet hätte. König Sauls Nebensätze waren manchmal wie schattige Seitentäler, in denen sich der aggressive Sinn der Hauptsätze selbst verdunkelte:

»Sie kommen gerade vom Großbischof, nicht wahr, Doktus? Sie bemerken, ohne Zweifel, daß ich Sie Doktus nenne und nicht Seigneur. Seigneur ist schwachsinnig und ein Ausruf hoffnungsloser Unbildung. Doktus gibt es zwar auch nicht mehr, aber es klingt wenigstens stilvoll. Also, Doktus, Sie waren beim Großbischof in seinem Sephirodrom. Vorher waren Sie in seiner Kirche, und man hat Sie ein bißchen für den Scheiterhaufen präpariert. Verschweigen Sie mir nichts, erzählen Sie mir nichts, es ist mir schon zu viel, was ich selbst weiß. Hat er Ihnen mit einem Imbiß aufgewartet?«

»So ist es«, nickte ich, »ich habe zwei Becher herrlichen Weines getrunken und nach mehr als hunderttausend Jahren wieder am irdischen Brote geknabbert ...«

»Wär's nur simpel irdisches Brot«, seufzte Io-Saul zweideutig mit einem Blick von unten: »Hat Ihnen Brot und Wein gemundet?«

»Ausgezeichnet«, versetzte ich, »ebensogut wie mir vorher der Käse des Arbeiters geschmeckt hat.«

»Es ist Ziegenkäse«, bemerkte Minjonman, mit sichtbarem Abscheu die Handflächen nach außen kehrend. »Heidnischer, epikuräischer, ungebildeter Ziegenkäse. Wem dreht sich dabei nicht der Magen um?«

»Ist das nicht ein gewisses Vorurteil, Rabbi Saul«, fragte ich, »und Sie scheinen sogar gegen Brot und Wein voreingenommen zu sein?«

»Nicht im geringsten, Doktus«, zwinkerte er. »Brot und Wein ist das Zweitbeste, was es auf Erden gibt. Das einzige, was ich gegen Brot und Wein habe, ist, daß beide nicht allgemein erhältlich sind ...«

»Ich glaube Sie zu verstehn, Io-Minjonman«, nickte ich. »Auch Sie kommen von den Anfängen der Menschheit her wie ich. Mein Freund B.H. mag daran gar nicht erinnert werden. Verzeihen Sie mir also, denn eine allzu alte Herkunft scheint nicht gerade ein Adelstitel zu sein. Die mentalen Suppen und Cremes sind zwar wohlschmeckender und inhaltsreicher als alles, was man seinerzeit vorgesetzt bekam, aber indem sie den Gaumen erfreuen, beschäftigen sie zugleich die geistige Vorstellungskraft und vermindern dadurch die alte animalische Lust des Schnabulierens. Brot und Wein aber, sehen Sie, bleibt Brot und Wein, nicht mehr und nicht weniger ...«

Minjonman sah mich mit einem samtigen Vorwurfsblick an, wobei ein unterdrückter Spott um seinen Mund zuckte, und er seine Handflächen mit einer viel zu großen Gebärde nach außen kehrte.

»Brot und Wein ist Brot und Wein«, sagte er singend, »wenn es nicht zufällig gerade Leib und Blut ist ...«

»Sind Sie damit noch immer nicht fertig geworden?« lächelte ich. »Nach so vielen Weltzeiten?«

König Saul zog den schwarzen Burnus fester an seinen schmalen Körper. Er blickte an mir vorbei, die Achseln zuckend:

»Fertig geworden, ich? Wieso ich? Ich habe ja niemals angefangen damit. Jene sind damit nicht fertig geworden. Na, der abstruse, unausrottbare Aberglaube ist lange nicht das Ärgste an ihnen. Finden Sie's aber geschmackvoll, einen Fremden, den man kurz vorher als häretischen Abgesandten Satans exorzisiert hat, sogleich darauf mit der potentiellen Materie des Sakraments in beiderlei Formen zu bewirten?«

»Wem würde je so etwas einfallen, wenn er Wein trinkt und Brot ißt«, schüttelte ich den Kopf. »Was aber finden Sie das Ärgste an ihnen?«

»Gar nichts«, wich mir Minjonman aus. »Ich komme mit den Leuten ganz gut vom Fleck. Sie haben mich oft gegen die Ziegenkäseesser geschützt, nachdem es ihnen langsam, langsam bewußt ward, daß sie ohne mich keinen zulänglichen Gott gefunden hätten ...«

»Wollen Sie mir nicht sagen, Saul Minjonman«, fragte ich hartnäckig, »was nach Ihrer Meinung schlimmer ist als Aberglaube?«

»Man muß sich vertragen, Doktus«, sagte der Jude des Zeitalters. »Man muß miteinander auskommen, lebt man doch seit unendlichen Zeiten in nächster Nachbarschaft.«

Nach diesen Worten blickte er sich mißtrauisch um, nicht anders als vorhin der Großbischof. Dann fuhr er leise fort:

»Ich will Ihnen sagen, Doktus, was das Schlimmste ist: Der Selbstbetrug, der sich rechtfertigt, anstatt sich zu berichtigen. Jene bauen von Anfang an die kompliziertesten Stützgerüste um ihren Glauben, anstatt der Wahrheit wegen das Fundament neu zu legen. Die Wahrheit haben sie von uns bekommen, groß und einfach und unverzwickt und leicht und glaubwürdig, ebenso für Kinder wie für Weise. Sie aber haben die Wahrheit vermischt und vermanscht mit den Ausgeburten von Moab und Edom ...«

»Und was ist diese Wahrheit?« fragte ich ein wenig gereizt.

»Der Herr ist unser Gott«, sang er in hebräischer Melodie, »und Gott ist einheitlich und einzig.«

Ich neigte mich vor, so daß ich nahe an sein Gesicht kam: »Betet die Kirche«, sagte ich, »nicht heute noch, nach hunderttausend Jahren, in der Messe zum Gotte Abrahams, Isaaks, Jakobs, zu unserm Gott somit, der einheitlich und einzig ist?«

Rembrandts König Saul drückte sein Kinn mit dem Bartanflug in charakteristischer Weise gegen die Brust.

»Wie bitte«, fragte er, »seit wann kann, was einheitlich ist, drei Einheiten haben, und was einzig ist, mehrere Personen umfassen?«

»Daß jede Einheit eine Union ist und daß selbst eine unteilbare Ganzheit verschiedene Aspekte besitzt«, so sagte ich, »das wird Ihnen der Pater Exorzist viel besser beweisen können als ich.«

König Saul nickte mehrere Male leidenschaftlich mit dem Kopf, während er sprach: »Er kann nicht nur beweisen, Doktus, er muß beweisen. Das ist seine Schwäche. Immer und immer wieder muß er mit Worten beweisen, daß die Unmöglichkeit die Wahrheit ist. Ich muß gar nichts beweisen. Er kann die vollkommene Weltjenseitigkeit meines Gottes, den ich ihm schenkte, nicht ertragen. Das ist seine größte Schwäche. Ich kann sogar auf den Heiland mit meinem ganzen Leben warten und zugleich wissen, daß er nicht kommt. Das ist meine größte Kraft ...«

Io-Minjonman hatte diese Worte entgegen seinem sonstigen müden Ton mit einer großen Glut gesprochen. Sogar seine Sternaugen röteten sich. Unversehens war ich somit in dieser fernfernsten Zukunft in eine mittelalterliche Disputation geraten, in ein Religionsgespräch, wie es zwischen Dominikanern und Juden im Spanien des vierzehnten Jahrhunderts abgehalten zu werden pflegte. Mir war, ohne daß ich's beabsichtigt hatte, die Rolle des kirchlichen Sprechers zuteilgeworden, anstatt umgekehrt. König Saul seinerseits gebrauchte dieselben Argumente, die seine spanischen Vorfahren mit unvergleichlich größerer Vorsicht ins Feld geführt hatten, denn ihnen ging's zu jener Zeit an den Kragen ...

»Kann etwas, was in sich nicht wahr ist«, nahm ich noch einmal die toledanische Disputation auf, »die Zeiten überdauern, wie es die Kirche tut?«

König Saul wiegte, bedächtig lächelnd, den Kopf hin und her.

»Schon wieder muß etwas bewiesen werden, Doktus«, sagte er, »sogar durch Dauerhaftigkeit. Jeder Stein ist zweimillionenmal dauerhafter als die Kirche. Und was heißt das ›in sich wahr‹? Auch das Schachspiel hat alle Zeiten überdauert, weil es in sich wahr ist, und obwohl es außer sich weder wahr noch unwahr ist ...«

Nach diesen Worten stand er auf und nahm von einem Bord eine henkellose Schale, einen Quirl und dazu einen großen und einen kleinen hölzernen Löffel.

»Die Kirche wird so lange leben«, fuhr er während seiner Tätigkeit fort, »wie wir leben, um zu zeugen für Abraham, Isaak und Jakob, die den wahren Gott zuerst erkannten ...«

»Meines Wissens, Saul Minjonman«, versetzte ich, »formuliert es die Kirche genau umgekehrt. Sie meint, Israel werde so lange leben, wie sie lebt, also bis zum Ende der Dinge, um für den Messias zu zeugen ...«

»Dann ist uns beiden geholfen«, blinzelte Minjonman versöhnlich unversöhnlich. »Unendliche Strecken sind gleichlang, und wir können's ruhig abwarten, wer für wen zeugen wird ... Mein Willkommenstrunk aber kann nicht länger warten ...«

Damit brach er entschlossen die Disputation ab und goß umsichtig aus dem einen Krug dicke Milch oder Sahne in die Schale. Aus dem andern Krug mischte er goldenen Seim bei, der sich wie ein Faden langzog, und den er mit dem Finger abschnippen mußte.

»Milch und Honig?« fragte ich gespannt.

»Milch und Honig«, bestätigte er, »die Milch des reinen Tiers, in das kein Dämon fährt, und der Honig der kleinen Schafferinnen, nicht etwa der unverschämten Melissen aus dem Park des Arbeiters. Ich biete Ihnen an, Doktus, unsere mystische Erdenspeise Milch und Honig, die von Gott konsekriert ist und in nichts anderes verwandelt werden kann.«

»Milch und Honig«, fragte ich, »etwa aus dem Lande, wo Milch und Honig fließt?«

»Ja«, nickte er, »wir bewahren an der geheiligten Stelle noch einige zehntausend Hufen Landes im strengen, alten Zustand ... Das haben unsere Väter durchgesetzt, als die ganze eingeebnete Welt und Menschheit zusammenfloß, grau in grau.«

König Saul quirlte die Milchspeise mit dem Holz, so daß sie immer dicker wurde und zu schäumen begann. Währenddessen sprach er träumerisch vor sich hin:

»Wissen Sie, was unsere Weisen von der Milch sagen? Was für ›Erez‹, die unbeseelte Natur, das Quellwasser, das ist für ›Odom‹, die beseelte Natur, die Milch. Sie ist das Quellwasser des atmenden Lebens. Und wissen Sie, was sie vom Honig sagen? In ihm, in diesem zusammengetragenen Blühen der Erde, gibt Gott uns den Gedanken zu essen, der ihn bewog, den Sommer zu schaffen ...«

König Saul hob die Hände über die Speise und murmelte den vorgeschriebenen Segensspruch, der noch tiefer in die Anfänge der Menschheit zurückreichte als ich selbst. Dann schob er die Schale vor mich hin und gab mir den kleineren Holzlöffel in die Hand. Mir war aber ganz feierlich zumute, als ich den süßen, honigdurchsetzten Schlagrahm zu kosten begann, und ich fühlte mich wie ein Konfirmationskind. Auch verstand ich plötzlich zum erstenmal den tiefen Sinn der religiösen Speisegesetze, den Sinn der »Reinheiten« und der »Unreinheiten«, und daß die Aufnahme von Nahrung die Einverleibung göttlicher Schöpfungsgedanken durch die menschliche Natur sein sollte.

Minjonman sah mir befriedigt zu, wie ich dem Genuß mich hingab. Er wollte nicht stören, er redete nicht zu mir, sondern wartete, bis ich meinerseits das Gespräch wieder aufnahm.

»Sie nennen sich den Juden dieses Zeitalters«, sagte ich, »hat die Einzahl dieselbe Bedeutung wie im Falle des Arbeiters?«

»Schon die Bedeutung des Wortes zeigt«, so belehrte er mich, »daß es immer zehn zugleich sind, die den Namen Minjonman tragen. Sie repräsentieren, was durch Gottes Willen nicht vergehn darf ...«

»Und warum zehn, Io-Saul?«

»Zehn machen die Gemeinde und das Gebet der Gemeinde. Zehn ist die äußerste Zusammendrängung gemeinsamer Frömmigkeit.«

»Verzeihen Sie meine Neugier, Io-Saul«, forschte ich weiter. »Sind es zehn einzelne und unabhängige Persönlichkeiten oder zehn Familienvorstände?«

»Zehn einzelne Personen«, erwiderte er, »zehn ausgewählte Personen, die Männer von Frauen und Väter von Kindern und Söhne von Müttern und Brüder von Brüdern und Schwestern und Schwäger und Schwiegerväter und Vettern und Oheime und Neffen sind ... Ich freue mich, Doktus, daß Ihnen mein Imbiß auch ohne Alkohol geschmeckt hat.«

»Es schmeckt mir so innig, so innig«, sagte ich ganz träumerisch, »ich werde noch um ein viertel Schälchen bitten.«

Nachdem er mich neu bedient hatte, nahm ich den Faden wieder auf:

»... Männer von Frauen, Väter von Kindern, Söhne von Müttern, Brüder, Schwestern, Schwäger, Schwiegerväter, Vettern, Onkel, Neffen, etwas viel Familie, mein ich ...«

»Viel Familie«, sagte König Saul ernst, »das war immer unsere Spezialität.«

In diesem Augenblick war ich unbewußt ganz und gar Reiseberichterstatter und Interviewer und fragte weiter, obwohl's schon zweifellos zudringlich war:

»Und was ist der Endzweck, daß in einer eingeebneten und grau in grau zusammengeflossenen Welt, wie Sie es nannten, diese zehn Familien Minjonman sich absondern und ihr Leben sich selbst erschweren?«

»Gibt es einen andern Endzweck auf Erden, als die Gebote halten und ...«

Er brach ab und machte eine Pause, so daß ich gezwungen war, neugierig zu wiederholen: »Und?«

»Und warten«, sagte König Saul, und sein Antlitz lächelte melancholisch.

Ich aber lehnte mich zurück und dachte nach über dieses Wort »warten«. Es schien mir übereinzustimmen, sowohl mit der Zeiterfahrung, die ich als Knabe am Fenster meines Ferienzimmers gemacht, wie auch mit meiner Existenz im Tode, die freilich der Großbischof als unecht verworfen hatte. Warten ist nackte, das heißt völlig entblößte Zeit. Diese aber ist die Verbindung zweier entlegener Raumpunkte, auf deren Linie die vollkommene Ruhe im Vehikel der vollkommenen Bewegung einherfährt. Aber selbst die Ruhe des Todes (ich hatte es erlebt) kann tief innen glauben, sie werde auf den richtigen Punkt hinbewegt. Dann ist das Warten König Sauls mehr als Warten, nämlich Hoffnung, dann ist die nackte Zeit eine fromme Zeit, dann ist die bewegte Ruhe des Todes ein eingeschmiegtes Schlummern in Gott. Ja, sie sind wahrhaftig das Volk der frommen Zeit und daher der Hoffnung, die zehn Minjonmans. Versunken in solche Gedanken, die auf tiefsten Erfahrungen beruhn und daher durch die sprachliche Fassung verdunkelt werden wie Nachtlampen an Krankenbetten, die man mit Tüchern verhüllt, vergaß ich, wo ich war und merkte nicht, daß Minjonman hinter meinen Lehnstuhl getreten war. Plötzlich flüsterte er mir scharf von hinten ins Ohr:

»Glauben Sie ihnen nicht. Ich kenne sie alle. Und wie ich sie alle kenne. Glauben Sie keinem. Ich warne Sie!«

Vor dieser Stimme fuhr ich zusammen. Soeben hatte ich noch in Saul Minjonman das unzerbrechliche Gefäß der Hoffnung bewundert, ihn, der an das Kommen des Erlösers glaubt, obwohl er von seinem Nichtkommen überzeugt ist, ihn, der die nackte Zeit des Wartens zur frommen Zeit macht, als ich plötzlich auf den gegenteiligen Saul Minjonman stieß, einen Hochnervösen und Hochungeduldigen, der wie ein erstickender Fisch im Netz des Zeitablaufs zappelte.

»Wissen Sie, Doktus, wann unser Unglück begann?« fragte er mit beinahe irren Augen. »Als die Menschen dummerweise anfingen, ihre Schriften von links nach rechts zu richten anstatt wie wir von rechts nach links. Da verkehrte sich für uns das Leben. Hören Sie gut zu: Die Griechen nannten das Leben Bios. Wir aber mußten verkehrt lesen Soib oder Sob, was bekanntlich ›Schluchzen‹ heißt. Als wir später fast zweitausend Jahre unter den Germanen siedelten, lasen wir Leben umgekehrt als ›Nebel‹, also Qualm und Dunst, und es stimmte genau. Dann entführte uns Gott durch das Mittel einer gewaltigen Verfolgung in die weltbeherrschenden Reiche der englischen Sprache. Sie können sich selbst umdrehen, was wir lasen, wenn wir auf das Zeitwort to live stießen ...«

»Es ist mir bekannt, daß evil das Übel, das Böse bedeutet«, sagte ich gehorsam, ließ ihn aber nicht mehr zu Worte kommen aus Furcht, ich würde noch fünfzehnhundert andere Vokabeln für Leben umdrehen müssen.

»Vor wem warnen Sie mich«, fragte ich ziemlich scharf, »wem soll ich nicht glauben? Dem Großbischof etwa?«

»Großbischof hin, Großbischof her«, murmelte Minjonman und duckte sich in seinem Lehnstuhl zusammen.

»Ich meine alle jene. Ich meine jene alle ...«

Jetzt hatte er wirklich die Augen des biblischen Saul, der vom nächtigen Geiste zerstört wird. Mit einer übergroßen Gebärde schien er die ganze Welt von sich zu drängen. Mit einem Mal aber bäumte sich's in diesen Augen auf, wie ein Pferdegespann vor einem Blitz. Minjonman starrte auf die Tür:

»Und glauben Sie auch ihm nicht«, murmelte er, »und seien Sie auch vor ihm gewarnt, obwohl er ein bedeutendes Goldköpfchen ist.«

Die dunkle Tür öffnete sich.

 

Saul Minjonman hatte seine ironische Traurigkeit sofort zurückgewonnen, als er den Eintretenden vorstellte:

»Io-Joel Hainz, mein ältester Sohn, kein Minjonman, denn er hat sein Erstgeburtsrecht abgetreten, und zwar um weniger als ein Linsengericht.«

Was mir zuerst an dem jungen Mann auffiel, der sonderbar genug aus irgendwelchen vergessenen Traditionsgründen auf den preußisch forschen Namen Hainz hörte, war die Tatsache, daß er nach der allgemeinen mentalen Mode gekleidet ging, die den nackten Leib verwischt durchschimmern ließ, und nicht etwa einen über den Kopf gezogenen Mantel trug wie sein Vater und die andern Mühseligen und Beladenen zwischen den beiden Torruinen der »Ehemaligen Unterstadt«. Er hatte sogar einen jener schmalen, schöngewellten Goldaufsätze aus leuchtendem Material über den Kopf gestülpt, wie die Jugend sie im Gegensatz zu den barocken Perücken der höheren Jahrgänge bevorzugte. Neben einer ausladenden Stirn und kurzsichtig verkniffenen, beinahe wimperlosen Augen, die geradezu nach scharfen Gläsern schrien, war es eine sonderbar forcierte Farblosigkeit und erkünstelte Indolenz, die den jungen Menschen charakterisierte. Ein extrem Assimilierter, dachte ich, der auf der Hut sein muß, der seinen Emotionen Zügel anzulegen gewöhnt ist. Was für Emotionen aber? Es war für mich nicht schwer, hinter der betonten Farblosigkeit der Fassade den gequälten Hochmut, den verbissenen Willen zur Überlegenheit zu entdecken, wie er nur aus der Wurzel eines beinahe schon physiologischen Gekränktseins aufschießt. Warum war Io-Joel in den Tiefen seines Wesens gekränkt? Sein Vater war es nicht. König Saul war ein wenig schwermütig, ein wenig spöttisch und dann und wann salbungsvoll. Er zeigte keinen Hochmut, sondern nur den Stolz dessen, der eine Absonderung freiwillig auf sich nimmt. Io-Joel Hainz hatte allem Anschein nach diese Last abgeworfen, um eine andere aufzunehmen. Wohnte er überhaupt noch im Hause seines Vaters, unter den Mühseligen und Beladenen, oder kam er nur auf Besuch, er, ein Mentaler durch und durch? Fast möchte ich letzteres annehmen. Diese und viele ähnliche Fragen kreisten mir durch den Kopf, während ich Vater und Sohn leidenschaftlich beobachtete. Io-Joel sah mit gemachter Kälte an Saul vorbei, während dieser seinen Sprößling mit einem unbeschreiblichen Blick verzehrte, in welchem Angst, Liebe, Vaterstolz, Abweisung, Empörung und manchmal sogar Haß auf das widerspruchsvollste gemischt waren. Angesichts dieser beiden fielen mir schon nach wenigen Minuten der liebe Herr Io-Solip und sein Sohn ein, der Bräutigam des Tages, mein junger Hausgenosse. Und ich weiß nicht, warum ich sofort in Io-Do und Io-Joel zwei Antithesen erfühlte, die sich aufs Blut bekämpfen müssen, weil sie in Wahrheit zwei Identitäten sind.

»Na, wieder einmal die Welt nach ihren Fehlern abgelaust, mein Sohn?« begrüßte Minjonman den Kömmling hämisch, und ich spürte, wie ein unheimlicher Zwang ihn wider Willen hinriß, stichelnde und beleidigende Worte zu wählen, die ihn zugleich selbst mit Schmerz erfüllten. Kein Zucken in Io-Joels leicht albinösem Antlitz bewies, daß er sich durch den altgewohnten spöttischen Empfang seines Vaters gereizt fühlte.

»Sie müssen wissen, Doktus, er ist ein radikaler Analytiker«, fügte König Saul hinzu, und man wußte nicht, ob es ihn stolz machte oder wütend.

»Wer verändern will, muß zuerst erkennen und definieren«, sagte Io-Joel mit trockenem Pedantenton, der viel aufreizender klang als des Vaters passionierter Spott. Konnte er wissen, daß ich diese Maxime verstehen würde? Ich verstand sie allerdings bis auf den Grund, war sie doch ein mir wohlbekannter Wahlspruch derjenigen gewesen, die sich um neunzehnhundertzwanzig für Revolutionäre hielten. Ah, wie kannte ich diesen naseweis eisigen Tonfall, der einerseits behauptete, der menschliche Geist sei nichts als eine Blase, welche die materielle Entwicklung wirft, und andererseits forderte, diese hilflose Blase habe der allbeherrschenden materiellen Entwicklung zu Hilfe zu kommen. Es war nicht logischer, als vom Ozean anzunehmen, er fordere das Dröhnen im Innern der Muscheln auf, ihn beim Sturm zu unterstützen. Also das gab's auch noch in der astromentalen Welt, wunderte ich mich, diese Rachsucht des grundlosen aber unersättlichen Hochmuts hinter der Lügenmaske der Weltverbesserung?

»Dies hier ist Doktus«, stellte Minjonman mich endlich seinem Sohn vor, »den jene auch Seigneur nennen.«

»Ich hatte schon das Vergnügen, Doktus und Seigneur im Parke des Arbeiters beim Freitanz der Bräute zu observieren«, erklärte Io-Joel mit seinem steifen und überhöflichen Ernst, von dem ich anfangs nie wußte, ob er nicht Frechheit war. Später wußte ich's. Er war's nicht.

»Was hat unsereins im Park des Arbeiters zu suchen«, brauste Minjonman auf, und braune Röte der Wut und des Ekels überzog die antike Blässe seiner eingefallenen Wangen.

»Ich ergehe mich«, antwortete Joel-Hainz mit pedantischer Ruhe, nicht seinem Vater, sondern mir, »ich ergehe mich gerne dort, wo man Informationen aus erster Hand bekommt.«

»Informationen von den Ziegenkäseessern«, knurrte der Vater, beruhigte sich, machte eine Pause und schloß mit einem krampfhaften Witz: »Es wäre besser, du würdest dich im Park des Arbeiters nicht ergehen, sondern hier im Vaterhause niedersetzen ...«

»Ich pflege nicht zu sitzen«, erklärte Io-Joel kurz und mit flacher Stimme.

»Was deinem Vater recht ist, das ist dir also zu schlecht, wie?« fuhr Minjonman von neuem auf.

»Man soll sich nicht à tout prix in Kleinigkeiten unterscheiden wollen«, wandte sich der Sohn mit größter Höflichkeit wieder an mich, »und außerdem ist Sitzen eine reaktionäre Haltung.«

»Deine Dschungel aber sind nicht reaktionär«, stieß König Saul hervor. Ich fühlte, wie er beinahe vergeblich um seine Selbstbeherrschung rang.

»Die Dschungel sind Stützpunkte der gesellschaftlichen Erneuerung und der Überwindung des Mentalismus, wie sie die natürliche Entwicklung uns selbst bietet.« Also sprach Joel-Hainz mit dem pedantischsten Gleichmut, und seine Gabe für knusperige Formulierungen reizte mich so sehr, daß ich mich einmischte, was ich gar nicht gewollt hatte:

»Mein Aufenthalt hier ist viel zu kurz«, sagte ich, »als daß ich die Dschungel, die Sie erwähnen, hätte selbst besuchen können. Soweit ich aber von diesen Dschungeln gehört habe, bedeuten sie ein absonderliches Rückgreifen der Natur, inklusive des menschlichen Phänomens, auf überwundene Zustände. Ich verstehe nicht, inwiefern säuisches Getümmel auf ehemaligem Sumpfboden, Hühnerhöfe, Jahrmarktsbuden, Ringelspiele und dergleichen mehr, Stützpunkte der gesellschaftlichen Erneuerung sein können. Ich fürchte mich nicht vor dem Worte ›reaktionär‹. Es kann unter Umständen etwas recht Sympathisches ausdrücken. Ich sehe aber nicht ein, warum jene Ringelspiele weniger reaktionär sind als zum Beispiel die schönen Lehnstühle, auf denen wir hier in Ihres Vaters Haus sitzen? König Saul und König David und alle Cäsaren und späteren Kaiser saßen auf Thronen, die Päpste alle, und auch gewiß der heutige Papst, sitzen auf der Sedia gestatoria, und selbst Gott der Herr wurde von den Malern beim Jüngsten Weltgericht sitzend, also in gebrochener Linie dargestellt. Wenn Sie den Mentalismus überwinden wollen, warum erkennen Sie ihn dann gerade in diesem einen mehr oder weniger snobistischen Detail an, das die gebrochene Linie für eine reaktionäre Haltung ansieht?«

»Da hör nur zu, wie er's dir gibt«, kicherte Minjonman entzückt.

»Und warum wollen Sie überhaupt den Mentalismus überwinden?« fragte ich zum Schluß.

»Alles was ist, muß überwunden werden, damit das Neue sein kann«, dekretierte der Sohn. Und diesmal klang's nicht ganz sicher, und der kühle junge Mann erschien unreif.

»Ein scharfes Goldköpfchen«, murmelte König Saul, und man konnte nicht wissen, ob's Lob war oder Spott. Ich aber nahm die Schwäche des Gegners wahr:

»Was Sie da gesagt haben, ist ein inhaltsloser, rein formalistischer Grundsatz, der die Tatsache des leeren Nacheinanders zum moralischen Wert erhebt. Dieser Grundsatz wurde schon zu meiner Zeit von dem eitlen, faulen und gefühllosen Pack der politischen und künstlerischen Bohème erfunden. Es waren jene Leute, die alles leicht überwunden haben, was ihrer Eitelkeit im Wege stand, nur sich selbst nicht.«

»Haben Sie ähnlichen Grundsätzen nicht auch gehuldigt, Doktus und Seigneur, vor mehr als hunderttausend Jahren?« fragte Io-Joel, der seine aufreizende Apathie wieder voll zurückgewonnen hatte.

»Leider«, versetzte ich nach einigem Zögern ziemlich betroffen, »leider, wenigstens eine Zeitlang. Doch ich bin überzeugt davon, daß wir zu unsren Zeiten mit größerem Recht Revolutionäre waren. Damals beutete der Mensch den Menschen erbarmungslos aus. Man lebte, wenn man ein Herz besaß, nicht viel länger als fünfzig Jahre. Sehr viele erreichten aber nicht einmal dieses Alter, denn immer wieder wurden sie in den Krieg gejagt, und wenn sie krank waren und mit Frauen und Kindern daheim blieben, verendeten sie unter den Trümmern ihrer Häuser oder auf den Landstraßen umherirrend an Hunger und Seuchen. Heute aber ...«

Und ich begann, wie ich's schon einige Male mit mehr oder weniger Verve getan hatte, das Lob der astromentalen Welt und ihrer Errungenschaften zu singen. Io-Joel wandte den kurzsichtigen Blick seiner blassen Augen nicht von mir und ließ mich erbarmungslos zu Ende sprechen. Dann erst fragte er:

»Somit also war's das Mitleid mit den Menschen und die Empörung gegen ihre Quäler, weshalb Sie die bestehenden Zustände in Ihrer Jugend bekämpften, Doktus und Seigneur?«

Ich bekenne, daß mich Minjonmans Sohn unsicherer gemacht hatte als ich ihn:

»Ein Teil unserer revolutionären Gesinnung«, erwiderte ich zögernd nach einer Pause, »beruhte gewiß auf sentimentalen und generösen Empfindungen, in denen wir uns in dem Hochmut, bessere und höhere Menschen zu sein, eitel sonnten. Der gehässige Hauptimpuls von uns Revolutionären aber gründete sich auf die dunkle Empfindung des verwehrten Lebensanspruchs, unter dem so viele junge Leute litten.«

Joel-Hainz faltete mit deprimierender Geduld die Hände zusammen, während Rembrandts König Saul uns neugierig betrachtete, als lieferten wir ein Wettspiel.

»Verzeihung, Doktus und Seigneur«, fragte der Sohn mit unveränderlicher Höflichkeit, »ist Ihre Kenntnis der astromentalen Welt so umfassend, daß Sie diese für endgültig und unverbesserbar erklären? Glauben Sie etwa, weil Essen und Trinken kein Problem mehr ist, und weil man nicht mehr auf schmutzige Weise dahingeht, daß nicht auch wir an vereiteltem Lebensanspruch leiden?«

»Ich sehe nirgends«, versetzte ich heftig, »die politische Macht oder Einrichtung, die man für diesen vereitelten Lebensanspruch zur Verantwortung ziehen könnte. Und außerdem gibt es ihn ja gar nicht in einer Welt, deren Ideal das zwecklose Spiel ist ...«

»Ist nicht das Leben selbst ein vereitelter Lebensanspruch?« fragte der Sohn, ohne einen Muskel seines Gesichts zu bewegen. Diese Frage ist ein Wechselbalg Satans, dachte ich, obwohl irgend etwas daran richtig ist. König Saul war von der Klingenführung seines gehaßten Lieblings so begeistert, daß er durch ein langes Gelächter die Diskussion zerstörte.

»Werden Sie mit ihm fertig, Doktus, mit diesem kalten, vertrackten, abgebrühten Goldköpfchen! Er leidet, obwohl er es gar nicht muß, haha, er leidet aus purer Zudringlichkeit. Die anderen hören sofort auf zu leiden, wenn der Schmerz eine Pause macht, er aber leidet weiter ...«

»Die Dschungel sind und bleiben daher die Stützpunkte der Erneuerung«, resümierte Io-Joel trocken und unberührt vom Lachen seines Vaters. »Sollten Sie Ihren Besuch ausdehnen, Doktus und Seigneur, werden Sie vielleicht selbst noch Zeuge dessen sein.«

»Keine Angst«, murmelte Minjonman, der wieder ernst geworden war, »er verspricht es täglich, das Goldköpfchen ...«

Plötzlich aber stockte er und sank im Lehnstuhl zusammen, und sein Gesicht schien einzuschrumpfen, als er mit prophetischer Düsterkeit zu mir sagte:

»Er verspricht's nur, aber die andern werden es erfüllen.«


 << zurück weiter >>