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Achtes Kapitel

Worin ich endlich vor der Braut erscheine und im Laufe einer längeren Unterhaltung durch die Hand der jugendschönen Ahnfrau zu einer Handlung verführt werde, die verhängnisvolle Folgen nach sich ziehen wird.

 

Hier werden die zunächst noch wenig dramatischen, aber zur Entschädigung durchaus denkwürdigen Ereignisse aufgezeichnet, die mir bei der Heimkehr »nach Hause« begegneten. Als wir vor der gewissen Baumgruppe an der Gartenpforte landeten – das Sternlicht war noch immer hell, jedoch viel gedämpfter als überm Geodrom –, wartete Io-Fagòr, der Hausherr und Brautvater unser bereits mit großer Ungeduld. Der, wie ich hoffe, noch immer freundliche Leser weiß genau, daß die hier niedergeschriebenen Sätze den Tatsachen nicht genau entsprechen, wiederhole ich doch sonst mit Absicht sehr oft, und vielleicht bis zum Überdruß, alles Neue und Ungewohnte, das ich auf meiner Reise kennenlernte. Der Leser weiß infolgedessen, daß nicht wir vor der heimischen Gartenpforte landeten, sondern daß wir dieselbe mitsamt der interessanten Persönlichkeit Io-Fagòrs auf uns zu bewegten, durch das Geduldspiel die kinetischen Geister der im Kreise gelagerten Zusammenstimmer in Bewegung setzend, so daß diese unsern scharf eingestellten Reisewunsch mit dem von tausend andern Reisenden mittels einer meinen Verstand hoch übersteigenden, jedoch klaglos funktionierenden Supra-Mathematik in Harmonie brachten. So, und von jetzt an werde ich, was immer ich auf mich auch zu bewege, des Mentelobols und seiner Funktion kaum mehr Erwähnung tun, in der Voraussetzung, daß die hochentwickelte Einbildungskraft des Lesers mir die Mühe abnehmen wird, bei jeder Ortsveränderung den ebenso wohlvertrauten wie unerklärten Vorgang immer wieder darzustellen.

Io-Fagòr empfing uns, nicht ohne dem Wortführer einen leichten Vorwurf zu machen. Als er aber an meinem linken Handgelenk die veilchenfarbene Schleife bemerkte, die der Major Domus Mundi aus seinem eigenen Schleiergewand gerissen hatte, um mich auszuzeichnen, da neigte der Brautvater anerkennend sein noch immer goldenes Haupt vor mir:

»Sie haben meinem Hause große Ehre gebracht, Seigneur. Ich habe mit Stolz den Verlauf der Dinge in den ›Abendsternen‹ verfolgt. Ihr Preisspruch war von echtem spielerischen Geiste und feinem Takt bestimmt. Ich gratuliere Ihnen zu der höchsten Klasse der Handgelenkschleife, die unser Weltoberhaupt zu vergeben hat.«

Ich sah wieder einmal an mir herab, mit innerlichem Mißbehagen die alten Flecken auf dem Seidenrevers meines Frackes bemerkend, den armselig herabbaumelnden Orden und die aufgerauhte linke Manschette, die ich unbewußt über die violette Ehrenschleife gezogen hatte, um sie zu verdecken. Ich zuckte die Achseln. Es war keine Gebärde des Hochmuts, sondern nichts als peinliche Verlegenheit.

»Ich weiß, Seigneur«, lächelte Io-Fagòr und sagte mit Nachdruck, »daß Ihnen solche Erhöhungen und Ruhmeszeichen nicht nur nichts bedeuten, sondern vermutlich eher lästig sind ...«

»Nein, nein, mein Gastfreund«, widersprach ich, »dem ist leider nicht so. Nachdem ich die wirklich lebhafte Erfahrung gemacht habe, daß nicht nur unser menschliches Ich samt seinem Körper unzerstörbar ist, sondern sogar der abgetragene Frack, in dem er steckt, bin ich unangenehmerweise gezwungen, Ihnen zu beichten, daß auch die Eitelkeit dieses Ichs unzerstörbar ist. Ich bin viel stolzer auf die Schleierschleife Seiner Exzellenz des Geoarchonten, die ich mir durch einen mäßigen Scherz verdient habe, als auf dieses Metallding hier, für welches ich unvergleichlich mehr Arbeit leisten mußte ...«

»Es war gar kein so mäßiger Scherz, Seigneur«, sagte Io-Fagòr ernst, »sondern es war die erstaunliche Anpassungsfähigkeit, die wir an Ihnen alle so hochschätzen. Ihre Leistung erscheint mir um so größer, wenn ich bedenke, wie lange Sie pausiert und nur die leeren Takte des ›Tacet‹ in der Zeitlosigkeit gezählt haben ...«

Io-Fagòr, ein begabter Mann durch und durch, hatte dieses musikalische Bild gebraucht, das meiner Erfahrung nicht entsprach, obwohl es recht geistreich war. Er verglich die Pause zwischen Sterben und Wiederbelebtwerden mit den leeren Takten einer Partiturstimme, während welcher diese schweigen muß, weil ihr der Autor das »Tacet« vorschreibt; der Musiker aber, der diese Stimme im Orchester zu spielen hat, ist verpflichtet, die leeren Takte auszuzählen, damit er den Einsatz nicht versäumt. Ich hatte bisher noch zu wenig Muße gehabt, um über den Zustand meines Ichs nachzudenken, wie ich ihn zwischen einer undeutlichen letzten Nacht und meinem Auftauchen auf dem eisengrauen Rasen vor wenigen Stunden erlebt hatte. Einer musikalischen Pause, in der man Takte zählt und womöglich auf den Kapellmeister starrt, war er keinesfalls zu vergleichen.

»Die Zeitlosigkeit«, bemühte ich mich, Unerklärliches zu erklären, »ist durchaus keine Pause, keine Leere, kein Loch, sie ist überhaupt keine Absenz von etwas, das ohne sie fortbesteht. Sie bleibt weder stehen, noch geht sie vorüber. Sie ist wie ein erstarrter Blitz, ein Augenblick, der ununterbrochen davonstürzt ohne zu verschwinden. Sie ist ...«

»Überarbeiten Sie sich nicht, Seigneur«, unterbrach mich Io-Fagòr besorgt. »Sie werden blaß und transpirieren, wie immer, wenn Sie zu viel von Ihrem Existenzinstrument fordern. Ich selbst habe an den Wundern der Zeitlosigkeit ein wenig herumgenascht, vor Jahren habe ich am höheren Laienkurs der Chronosophen, und zwar der ›Sternwanderer‹ teilgenommen. Ich werde dafür sorgen, daß Sie in die Lamaserien der Chronosophen eingeführt werden ...«

»Das wäre sehr gütig von Ihnen«, hauchte ich.

Herr Io-Fagòr blinzelte mir bedeutsam zu. Wir ließen die andern vor uns durch die Gartentür treten. Schwarz starrte das Lederlaub im Sternlicht. Weißlich bewegungslos hingegen dazwischen die krankhaften Riesenmagnolien, denen die Nacht ihren mattrosa oder gelblichen Farbanhauch geraubt hatte. Meine Augen aber glaubten jetzt viel mehr Blütenarten zu erkennen als früher. Um diese stygische Flora der mentalen Welt gaukelten die vogelgroßen, mottenflüglichen Nachtfalter und erzeugten irgendein nicht unangenehmes zwitschriges Geräusch, das sich manchmal zu einer Art von trockenen Trillern und raschelndem Schluchzen verstieg. Es stand im Verhältnis zu Vogelgesang wie tonloses Lachen zu echtem Gelächter. Ich hörte vermutlich den Nachtigallenschlag des mentalen Zeitalters.

»Haben Sie etwas bemerkt?« fragte mich leise, aber angelegentlich der Brautvater.

»Warum, was hätte ich bemerken sollen?« flüsterte auch ich, damit die andern nichts hörten.

»Sie haben doch die Mononation kennengelernt, dort auf dem Geodrom ...«

»Was bedeutet das, Mononation?«

»Ich meine natürlich die Menschheit, die Populace unsres Planeten ...«

Er gebrauchte das Wort »Populace« als französisches Fremdwort. Das gab mir den Mut, ihn in derselben Sprache als »Gevatter« anzusprechen:

»Ach so, mon Compère, die Menschheit von heute meinen Sie. Leider habe ich schlechte Augen. Aber Ihre Menschheit, Ihre Populace hat mir ganz ausgezeichnet gefallen. Ein Gewoge von Schleiern in mattem Changeant, und man klatscht und stampft Beifall wie eh und je, und die kleinen Kinder auf den Armen ihrer Mütter oder Bonnen weinen sogar. Das hat mir am besten gefallen. Das hat mich ausgesprochen heimisch berührt ...«

Io-Fagòr blieb stehen und sah mich sonderbar schwermütig an:

»Ich habe nicht gefragt, Seigneur, ob Ihnen unser Planetenvolk gefallen hat. Ich habe gefragt, ob Sie etwas Bestimmtes an diesem Volk bemerkt haben?«

»Ich verstehe Sie nicht ganz genau ...«

»Ob Sie nicht eine Spannung bemerkt haben, Seigneur? Eine beängstigende Bitterkeit, eine höhnische Dissatisfaktion unterm matten Changeant?«

»Nicht im geringsten, aber auch keinen Schatten davon«, erklärte ich nach bestem Wissen und Gewissen. »Die vergeistigte Populace, die mentale Menschheit, scheint mir in schönster Ordnung zu sein. Keinerlei Chaos mehr ... Das heißt, wenn ich aufrichtig sein soll, so finde ich bisher nichts anderes außergewöhnlich als die Vorliebe Ihres künftigen Schwiegersohns für alte Kriegswaffen ...«

Io-Fagòr seufzte tief auf und hob ein wenig seine gelblich edle Rechte, um mir das Wort abzuschneiden. Man machte im mentalen Zeitalter meist nur sparsame Gebärden:

»Oh, schweigen Sie, Seigneur«, flüsterte er. »Kein Wort darüber ...«

Ich hatte keine Zeit mehr, mir Io-Fagòrs tiefen Seufzer zu deuten, denn soeben war Io-Fra aufgetaucht, der Mutarianer, und hatte in vollkommener Stummheit dem Bräutigam etwas zu verstehen gegeben.

Io-Do wandte sich zu uns um, sichtbar verstört:

»Sie sollten sich beeilen, Seigneur«, mahnte er. »Soeben vernehme ich, daß Lala, meine herrliche Braut, in Tränen aufgelöst ist, weil Sie sich ihr so lange entziehen. Sie erwartet Sie schon seit dem Ende des Festmahls. Und nun geht die erste Vigilie der Nacht zu Ende.«

»Es ist nicht meine Schuld, Fiancé«, verteidigte ich mich. »Ein Fremder meiner Art gehorcht dem Programm, das seine Gastfreunde für ihn entwerfen ...«

»Es ist meine Schuld allein«, sagte Bräutigam Io-Do, »und das ist das Schlimme daran.«

 

Die Herren, samt Bräutigam Io-Do, mußten alle zurückbleiben. Das Betreten des Frauenhauses war ihnen verboten, und zumal während dieser Festtage, die der feierlichen Vereinigung von Mann und Weib vorangingen. Man wird sich gewiß darüber wundern, aber es gab heutzutage, in dieser entferntesten und aufgeklärtesten Zukunft wieder abgesonderte Frauengemächer oder Kemenaten, wie bei uns im ritterlichen Mittelalter und im islamitischen Orient. Das mochte in der strengeren Moral seine Ursache haben oder in der raffinierten Absicht, die süße Spannung zwischen den Geschlechtern zu vergrößern. Ich hatte mir den Wiedergeborenen zum Begleiter ausgebeten. Wenn der Jugendfreund nicht an meiner Seite war, fühlte ich mich in unbeschreiblicher Weise verlassen, obwohl ich mich mit meinem Anpassungsvermögen, dessen Io-Fagòr vorhin lobend Erwähnung tat, bereits in ziemlichem Grade an Zeit und Zeitgenossen gewöhnt hatte. Man machte also mit B.H. eine Ausnahme von Brauch und Sitte und erlaubte ihm, mir voranzugehen in die Gemächer der Braut. B.H., der Wiedergeborene mit allzuviel Erinnerung, gehörte ja nicht ganz dazu. Er war, wie wir schon wissen, nicht Vollbürger, sondern nur Anrainer der Epoche. Wenn er auch schon hundertundsieben Jahre mit den andern lebte, so zählte er doch zu den »geborenen Junggesellen«, zu welchen ich als eindeutiges Gespenst auch zählen würde, falls sich mein Aufenthalt hier über längere Zeit ausdehnen sollte. B.H. durfte mir also ins Brautgemach voranschreiten, das am Ende eines langen, nach Buchenlaub duftenden Korridors lag.

Als wir die Schwelle überschritten, umfloß uns fülligstes Juli-Mondlicht, das, wie durch Blätterwerk gegittert, auf Wänden und Fußboden zitterte. Es war bereits das Licht des Honigmonds, das in der übernächsten Nacht die jungen Getrauten umschmeicheln würde, wenn sie das Hochzeitslager bestiegen. Dieses Hochzeitslager, höher und breiter als alle Couches im Hause, erhob sich in der Mitte des Gemaches. B.H. hatte mir den Vortritt gelassen. Eine plötzliche Schüchternheit, eine scheue Bangigkeit, oder war's irgendein tieferes Vorgefühl, hielten mich nahe der Türe fest, wo auch B.H. neben mir stehen blieb. Bevor ich noch in dem unbeschreiblich angenehmen, aber nicht sehr deutlichen Mondlicht ohne Mond die einzelnen Personen im Raume genau unterscheiden konnte, geschah es, daß der Hund Sur auf mich zusprang und mich durch eine Ansprache beehrte, deren Enträtselung und gleichzeitige Abwehr meine Aufmerksamkeit eine ganze Weile lang in Anspruch nahm. Es war wiederum ein forciert naives Geplapper, hinter welchem sich Unbehagen und Angst vor mir nur ungenügend verbargen:

»Bitt um Entschuldigung, Sösur (er konnte natürlich Fremdwörter wie Seigneur nicht aussprechen), ich fürcht mich nit. Gar nit hat Sur Angst. Gun'n Abend, Gut Nacht. Hoffentlich wird lang geblieben. Noch ein Schmaus und noch ein Schmaus, dann ist's aus. Wir übersiedeln, Sur mit Papachen und mit dem großen Mamachen. Das kleine Mamachen weint, sehn Sie nur, Sösur. Das kleine Mamachen ...«

»Halt endlich deine Schnauze, Sur«, ließ die Brautmutter Io-Rasa ihre Stimme vernehmen. Sie stand am Fußende des Hochlagers und arrangierte darauf einen Strom jener rostroten, tragantartigen Strauchblumen, die mir als Stellvertreterinnen unsrer Rosen schon beim ersten Anblick der umfriedeten Baumgruppe aufgefallen waren:

»Treten Sie näher, Seigneur«, fügte Io-Rasa dem Verweise hinzu, der den eloquenten Hund veranlaßte, sich murrend irgendwo zu verkriechen, denn ich machte ihn trotz seiner gegenteiligen Versicherung außerordentlich nervös.

»Treten Sie nur ganz nahe, Seigneur, mit Ihrem liebenswerten Freund«, ertönte noch eine Frauenstimme. Sie konnte aber nicht die Stimme der Braut sein. Es war ein prachtvoller Kontra-Alt, auf dem ein vernehmlicher Schatten lag, nicht etwa vom Alter, sondern von bewußter, lüsterner und lästerlicher Verlebtheit, die nur mehr durch die stärksten, die schamlosesten Würzen zur Genußfähigkeit gesteigert werden kann. Unnötig zu sagen, daß dieser Kontra-Alt der Ahnfrau angehörte, Io-Fagòrs Madame Urgroßmama, und somit der Ururgroßbrautmutter. Die alte Dame, deren untadelige Jugendlichkeit und Schönheit uns schon wohlbekannt ist, stand an der Wand, nahe dem mächtigen Brautbette, das heißt sie stand nicht, sondern sie lehnte, ja sie lag beinahe auf einer bügelbrettartigen Vorrichtung, die nach Wunsch aus der Wand hervorgeklappt werden konnte und eigens für diejenigen bestimmt zu sein schien, welche unsern müden, gebrechlichen und alten Leuten entsprachen. Es war eine sehr angenehme Stütze. Man stand und lag zugleich. Ich, mit meinen zerschlagenen Knochen, beneidete Madame Ururgroßmama außerordentlich.

Ich muß hier noch, ehe ich mich der wahren Heldin meines Berichtes zuwende, einige Worte der Wand widmen, aus welcher die erwähnte Stütze hervorgeklappt wurde. In den Gemächern, die ich bisher betreten hatte, war meine Aufmerksamkeit viel zu ausschließlich auf die Menschen gerichtet gewesen, als daß ich sie auch auf die Gegenstände und Dinge hätte voll einstellen können. Nicht einmal Fiancé Io-Dos wandausfüllende Waffensammlung hatte mir ins Auge gestochen. Der eilige Leser pflegt in einem handlungsreichen Roman sehr oft die schönsten Landschafts- und Wohnungsschilderungen zu überschlagen, welche der Autor ja weniger ihm, als seiner eigenen pedantischen Ehrlichkeit zuliebe über das richtige Maß ausdehnt. Wie kühn hingegen behandeln die großen Dramatiker der Vergangenheit das Problem der Beschreibung, der Bühnenanweisung. Calderon, Lope de Vega, Shakespeare schreiben einfach hin:

»Nacht. Burghof«, und wenn es sich bei letzterem um »Macbeth« handelt, muß der Dichter gar nicht erst hinzufügen: »Wolkenzerrissener Himmel, Wind. Ein Käuzchen klagt.« In den beiden Worten »Nacht. Burghof« ist das alles vorhanden, und noch manches dazu. Jedes Wort mehr würde des Dichters Größe vermindern. Mit dem Reiseschriftsteller freilich, den ich hier vorzustellen berufen bin, muß man schon einige Nachsicht haben. Nicht Handlung, Verwicklung, Intrige und Lösung des Konflikts sind sein Hauptgeschäft, sondern, schrecklich zu sagen, Beschreiben und immer wieder Beschreiben. Einem Forschungsreisenden zum Beispiel, der über die Antarktis berichtet, ist es nicht vergönnt, sich auf den seelischen Eindruck zu beschränken, den die beiden Vulkane Terror und Erebus in ihm hervorrufen. Er ist verpflichtet, in sachlichen Worten und genauen Ziffern ihre geographische Lage, ihre absolute und relative Höhe, ihre geologische Gestaltung und den Zyklus ihrer Tätigkeit zu vermelden. Dies ist die Aufgabe eines Forschungsreisenden im Raum, wo sich alles unbeweglich und nachprüfbar an Ort und Stelle befindet und dem Beschreibenden überdies eine Menge von Kartenwerken zur Verfügung stehen, die er zu Rate ziehen kann, wenn er seinem Gedächtnis nicht traut. Diese Hilfen und Gedächtniskrücken besitzt der in die Zeiten vorausgesandte Berichterstatter mitnichten. Es gibt keine Nachschlagwerke über das Elfte Weltengroßjahr der Jungfrau auf Erden, und die Schneewüste des Franz-Josefs-Landes unterhalb des Nordpols ist weit belebter als das Geodrom, die zentrale Plaza, auf der sich Zehn- und Hunderttausende drängen. Das soll nicht bedeuten, daß ich mich meiner schweren Aufgabe wegen selbst bedaure, sondern es soll dem nervösen Leser erklären, warum ich immer wieder in das verhaßte Genre der Beschreibung verfalle, ohne imstande zu sein, in zwei Worten ein shakespearisches Bild zu malen. Ein Bild ist nur dann verständlich, wenn es ein Nachbild von Vorbildern ist. Habe ich aber ein Vorbild – man möge mir's zugeben –, welches das Elfte Weltengroßjahr der Jungfrau darstellt?

Die mondbemalten vier Wände des Brautgemaches waren beunruhigend lebendig. War es eine stets wechselnde dynamische Tapete, die sie bedeckte? Oder wurde ein endloser Film von irgendwoher projiziert, ein hauchartiger Film, der immer dieselbe Landschaft zeigte, die nur durch Wind, Licht und Schatten stetigen Verwandlungen unterlag? Nein, beide Erklärungen trafen nicht zu, so entschieden meine Augen. Im Hintergrunde der rings um die vier Wände laufenden Bilder hoben sich mehrere Bergketten voneinander ab, die nur durch das heller oder dunkler nuancierte Blau unterschieden waren, in welches der Mond sie tauchte. Woher aber kam die Erinnerung dieser Bergketten und dieser nächtlichen Tinten in die unterirdische Wohnung hier? Seit Jahrtausenden hatte der eisengrau beteppichte Planet vergessen, daß ihm solche Bergketten je entwachsen waren, und daß sich ein Blau hinter dem anderen in immer dunstigeren und helleren Schichten abheben konnte. Und mehr als das: Es waren die Berge meiner Erinnerung, die Berge, unter welchen ich zwanzig Jahre meines verhältnismäßig kurzen Lebens geatmet und gearbeitet hatte. Wie kam diese Landschaft als visionäre oder dynamische Tapete an die Wand von Io-Las bräutlicher Kemenate? War's eine Ovation des mentalen Zeitalters für mich, wo ein jeder mehr vom innern Leben des andern wußte als gut sein konnte? War ich es selbst, der aus meinem innern Schatz die teuere Landschaft an die weiße Wand warf und zugleich eine kleine verzagende Bewegung machte, um meinem nostalgischen Erstaunen einen schwachen Ausdruck zu verleihen? Im Vordergrund der visionären Wandtapete, deren Tiefenperspektive jede stereoskopische Photographie an Plastik übertraf, spielten die Schattenmuster der biegsamen Lärchenzweige im leichten Nachtwind, und da stand auch die morsche Aussichtswarte des Kreuzberges ...

»Siehst du dasselbe wie ich, B.H.«, flüsterte ich, »dort an der Wand?«

»Was siehst du, F.W.?« lächelte er. »Wir haben jeder eine andere Tapete, damit mußt du rechnen ...«

Da wußte ich plötzlich, daß der Mensch während der hunderttausend Jahre meines Todes die Fähigkeit gewonnen hatte, seine innern Bilder zu entwickeln, stetig zu machen und an die Wand zu projizieren. Das blasse Durcheinander des ehemaligen Vorstellungslebens hatte unendlich an Kraft, Unterscheidungsschärfe und ausgearbeiteter Deutlichkeit gewonnen. Jedermann war sein eigener Maler und Dichter und konnte seine Visionen in klarster Abgehobenheit von den Zimmerwänden des unterirdischen Hauses lesen. Das künstliche Mondlicht und der artifizielle Waldesduft hatten mächtige Erinnerungen in mir erweckt, die mich nun als dynamische Wandtapete vollbildhaft begrüßten. Das Geistige war also stofflich, wie das Stoffliche geistig war.

»Man sieht Sie dort schlecht, Seigneur, weil Sie im Schatten stehn«, ließ sich der satte Kontra-Alt vernehmen. »Nur näher getreten, bitte, immer nur näher. Mein Ururenkelkindchen hat sich's um Sie verdient, mit Tränen. Nicht wahr, Lala? Man hat dir eine originelle Unterhaltung versprochen, und die originelle Unterhaltung läßt stundenlang auf sich warten an deinem Ehrenabend ...«

Nach diesen Worten lachte die jugendschöne Ahnfrau sonderbar golden und doch klanglos. Ich aber trat verlegen und, weiß Gott warum, auf Zehenspitzen zum mächtigen Brautlager. Io-Rasa hatte ihr Werk inzwischen vollendet. Das Bett war von oben bis unten zugeschüttet von der starren, duftlosen Lebensblume und Ersatzrose dieses Zeitalters. Darunter lag die Braut, man kann's selbst im mentalen Stil nicht anders bezeichnen auf dem Bauche. Sie hielt ihr Gesicht in den Armen vergraben und manchmal schien es, daß ihr unter dem traditionell taubengrauen Schleiergewand glorios leuchtender Rücken von trotzigem Schluchzen geschüttelt wurde.

»Mein eigensinniger Liebling«, schmeichelte Io-Rasa, »mein Lalachen, du mußt uns nicht mehr quälen. Seigneur ist gekommen. Seigneur steht sogar neben dir ...«

»Steht er wirklich neben mir?« ertönte der Braut Stimme, ziemlich dumpf und abgerissen, unter der Armverschränkung hervor:

»Ist er wirklich da, oder wollt Ihr mich wieder nur foppen?«

»Wir haben dich nie gefoppt, Lalalein«, sagte die Brautmutter mit zärtlichem Vorwurf. »Wir haben gelitten unter deiner Wildheit und Nervosität, die zum heiligen Brautstand gar nicht paßt. Mein Herz ist sehr bedrückt. Sei nicht mehr so kindisch, wenn du auch noch verzweifelt jung bist.«

»Bitte nicht sagen, daß ich jung bin«, grollte Lalas Stimme dumpf. »Du weißt, ich will und will und will das nicht hören.«

»Viel zu jung«, tadelte die Ahnfrau erbarmungslos, »noch keine Sechsundzwanzig alt. Zu meiner Zeit hat man die Sechsundzwanzigjährigen noch in den ›Park des Arbeiters‹ gejagt, damit sie wachsen, anstatt sie zu verheiraten ...«

»Sei nicht unhöflich, Lalachen«, fiel die Brautmutter ein, »und dreh dich endlich um. Du kannst Seigneur nicht immer nur deinen Rücken zeigen.«

»Er hat mich ja so lange warten lassen«, erklang Lalas Stimme von unten, und es war wirklich und wahrhaftig Gekränktheit in ihrem Ton und ein unterdrücktes Schluchzen.

»Mein liebes und verehrtes Fräulein«, hörte ich mich mit meiner verlegensten Höflichkeit sagen, »ich bin neu hier. Sie verstehen: ein ganz grüner Neuling und ein Urfremder, der nur sehr schwer mitkommt. Ich bin ganz unschuldig daran, daß Sie bis zu Ende der ersten Vigilie warten mußten. Man hat mich aus dem Alphabet gestochen und hierherzitiert, ohne daß ich's wußte und wollte. Ich bin vollkommen abhängig. Ihr Herr Vater und Ihr Herr Fiancé bestimmen mein Programm, nicht ich selbst. Es tut mir leid, daß ich Sie ungeduldig gemacht habe. Aber ich muß diesseits, ich meine jetzt und hier, jede Verantwortung ablehnen, nicht nur für meine Verspätung, sondern auch für alles andre, was sich noch ereignen könnte ...«

So sprach ich in gesetzter Rede, wobei ich ein bitteres Mißgefühl über mich selbst nicht loswerden konnte. Ich kam mir vor wie ein pedantischer Schubiak, der sich mit ledernen Feststellungen einer Frau gegenüber für begangene und noch zu begehende Gemeinheiten reinwaschen möchte.

»Also sind Sie wirklich da, neben mir«, sagte Lala in ihre Arme hinein, doch der Tonfall klang verändert.

»Ja, er ist wirklich da«, flötete die Brautmutter mit übertriebenem Entzücken, und es klang so kindisch lockend, als spreche sie zu einer Fünfjährigen und nicht zu einer Sechsundzwanzigjährigen, »und jetzt wird uns mein Kindchen nicht länger kränken, sondern sich umdrehen ...«

»Es wäre eine Ehre für mich«, erklärte ich nicht minder steif und ledern als vorhin. Zugleich fühlte ich widerstrebend, daß Lala mich mit in den Kampf gezogen hatte.

»Wer sagt, daß ich mich nicht fürchte, Sie zu sehen«, erklärte die Braut plötzlich, indem sie die hölzerne Schlummerrolle an sich zog, und es klang aufrichtig und kleinlaut zugleich.

Surs, des Hundes, verkrochene Stimme winselte von irgendwo unten herauf:

»Fürchten, natürlich, ja, ja, Lala, fürchten, kleines Mamachen, Sur versteht's.«

Io-Do, der Bräutigam, wird's nicht leicht haben. Die Sache begann mich zu langweilen, nein, schlimmer, zu sekkieren. Auf der einen Seite, dachte ich, lassen sie die Sterne durcheinander hüpfen und projizieren ihre dynamischen Tapeten an die Wand. Auf der andern Seite sind ihre Frauen so altmodisch hysterisch wie die unsern etwa zur Zeit des Fin de Siècle gewesen sind. Sechsundzwanzig, da waren unsre Mädchen schon in hoher Vollreife. Freilich, dieses Alter entspricht jetzt unsern Fünfzehnjährigen, oder noch jüngeren Backfischen. Man muß deshalb auf weitere kindliche Ungezogenheiten gefaßt sein. Hätte der Fratz eine Pflicht und überhaupt etwas zu tun, er würde räsonabler sein. So ist das höchste was sie erreicht haben, die Überwindung der Arbeit, dem Anschein nach ihr tiefster Fluch. Es muß ein historisches Gesetz geben, kraft dessen der Mißlungenheitskoeffizient des Lebens, das was die Religion das »Übel« nennt, unter allen Formen, Zuständen und Veränderungen stets in der gleichen Quantität und Intensität erhalten bleibt. Dieser wichtige Gedanke begann mich zu bedrängen. Meine Augen aber starrten auf die Wand, wo die visionäre Tapete immer blasser und blasser zu werden begann. Als ich den Blick wieder dem Hochlager zuwandte, hatte die Braut sich längst umgedreht.

Wenn es an irgendeiner Stelle dieser Erzählung empfehlenswert ist, die Muse um Beistand anzurufen, so hier. Jedweder erfahrene Leser, der ja zumeist eine Leserin ist, weiß recht wohl, daß des Autors gedruckte Behauptung, irgend jemand, ob Mann, ob Frau, sei wunderbar schön, nicht viel bedeutet und sich nur recht blaß auf die Einbildungskraft überträgt, und zwar um so blässer, je größer der Aufwand entzückter und um die Schilderung der Schönheit bemühter Worte ist. Schönheit ist nicht einmal für Gott eine unbeweglich unbewegte Tatsache. Für den Menschen gar ist sie ein lebhafter Vorgang, der sich zwischen der schönen Erscheinung und ihrem Betrachter abspielt. Sie ist ein ähnlicher Vorgang wie der zwischen Sonne und Brennglas. Nur wenn der Sonnenstrahl in den Fokus des Brennglases tritt, entsteht eine Flamme. Dies aber soll nicht heißen, daß ich Feuer fing an der Schönheit des Mädchens Lala. Ich war ein temporärer wiedererweckter Toter, ein Revenant, den man durch die frevelhaften Künste eines unglaublich hochentwickelten Spiritismus wieder in den Besitz seines Körpers gesetzt hatte. Dieser Körper funktionierte nicht schlechter als früher, und doch, konnte ich seiner ganz sicher sein? Wenn ich auch nicht alt war, so war ich doch nicht jung, nicht mutig, nicht unmoralisch, nicht geschmacklos genug, um mit der bestürzten Verwunderung, mit der mich der Anblick der Schönheit erfüllte auch nur jene vagen Wünsche zu verbinden, die jede hübsche, frisch auf der Straße dahinstöckelnde Frau im normalen Manne erweckt. Ich kann sogar mit ruhigem Gewissen versichern: das Gegenteil geschah. Ich war gänzlich leer, gänzlich teilnahmslos und ohne jede sinnliche Aspiration. (Es sollte überflüssig sein, dieses Selbstverständliche niederzuschreiben.) Ich empfand keinerlei Zuneigung zu Lala, weder eine väterlich noch onkelhaft verkleidete. Meine Gleichgültigkeit war nur von jener bestürzten Verwunderung beleuchtet, daß in diesem Zeitalter der jugendschönen Ahnfrauen sich ein Mädchenantlitz dennoch so unbegreiflich hold abheben könne. Wenn es in mir auch keine Flamme gab und geben konnte, so hatte der Strahl doch den Brennpunkt berührt. Ich habe schon einmal davon gesprochen, daß unter all den alterslos schönen Menschen, die mir bisher begegnet waren, sich doch keine einzige »strahlende Schönheit« befand. Hier hatte ich sie vor mir.

Wie Bräutigam Io-Do einen Goldhelm, so trug Io-La, die Braut, einen enganliegenden, ebenholzschwarzen Helm, der die Wellen und Locken jugendlichen Haars stilisierend nachahmte. Die Farbe ihres Gesichts war blaß und weiß. Ihr fehlte der nachgedunkelt elfenbeinerne Ton der allgemeinen Pigmentierung, der darauf hinwies, daß auch farbige Rassen in der planetaren Populace aufgegangen waren. Der Major Domus Mundi, der Seleniazuse, hatte dunkle Wunderaugen, die ich nicht vergessen konnte. Lalas Wunderaugen waren blau, und wenn ich jetzt hinzufügen wollte »blau wie«, würde die vorhin beinahe angerufene Muse die Nase rümpfen. Eines aber hatten diese großen Zyanenaugen, lange und echte schwarze Wimpern, während man sonst trotz aller Universalschönheit sehr vielen albinösen Gesichtern begegnete, deren Brauen gemalt und deren Wimpern geklebt waren. Lalas ebenholzschwarzer Haarhelm, die hohen Brauenbögen unter der blassen Kinderstirn, die langausstrahlenden Wimpern, ein eher zu großer, frischer Mund bildeten einen betörenden Gegensatz zum illuminierten Augenblau, dessen Licht wie Flut und Ebbe sich annäherte und verfernte. Das bedeutsamste Element aber lag für mich nicht in des Mädchens Schönheit, obwohl diese sofort den Brennpunkt in mir traf, sondern es lag darin, daß Lalas schönes Gesicht mir weniger fremd war, ja mich heimatlicher berührte als alle andern Menschengesichter. Ich schließe daraus, daß gewisse menschliche Werte, zu denen die Schönheit nicht als letzter gehört, weniger der Zeit, der Entwicklung und der Geschichte unterworfen sind als vieles andere. Schon dadurch, daß Lala so schön war, erinnerte sie mich an die Schönheit, deren Anblick mir einst den Atem geraubt hatte. Wie merkwürdig! Damals, in meinen Jünglingsjahren, hatte mich der Anblick von Frauenschönheit mit verzagendem Fremdheitsgefühl erfüllt. Jetzt erfüllte er mich mit verzehrendem Heimatsgefühl.

Lala blickte mich aufmerksam an. Meine ungewöhnliche Herkunft schien ihr keinen Eindruck zu machen. Es fiel mir auf, daß sie mir nicht einmal die Ehre weiblicher Eitelkeit erwies. Sie wischte nämlich nicht von ihrer Wange die Spuren der Tränen, die sie vorhin in ungezogenem Zorne vergossen hatte, das verwöhnte Geschöpf. Die tiefblauen Augen betrachteten mich zunächst mit leicht zurückweisendem, prüfendem Ernst. Dann aber ernüchterten sie sich deutlich, und ich bemerkte mit Schreck und Scham, daß sie sich mit einer Heiterkeit füllten, die mir immer mehr aus Spott, Übermut und Amüsement gemischt erschien. Plötzlich aber brach Io-La, die herrliche Braut dieser Tage, in ein langes, unbezwingbares Gelächter aus, das ohne Zweifel meiner Erscheinung im Frack galt, so daß Io-Rasa und selbst die abgebrühteste aller eleganten Ururgroßmamas in Verlegenheit gerieten. Dabei war's durchaus nicht eine schrill hysterische Reaktion, sondern das kindlichste, natürlichste, gesündeste Gelächter, wie es der Anblick einer komischen Leichenbitterfigur hervorzurufen pflegt.

Gerade darin aber bin ich leider empfindlich und eitel, das muß ich offen gestehen. Ich bin einige wenige Male während meines Lebens in die peinliche Lage des unfreiwilligen Komikers geraten. Wenn ich an diese Augenblicke zurückdenke – sie gehören zumeist meiner Jugend an –, so tritt mir noch heute der kalte Schweiß auf die Stirn, und ich stampfe mit dem Fuß auf und presse die Augen zu und stoße sinnlose Worte der Beschämung hervor. Ich bin kein Rousseau und will mich nicht besser und schlechter hinstellen als ich bin, aber dieses »Register der kleinen Blamagen«, die mich zur Zielscheibe der Lächerlichkeit machten, bildet für mich eine grausamere Erinnerung als mein »Register der großen Sünden«, für die mich Gott vielleicht von der »Mors Aeterna«, dem Ewigen Tode, einst nicht befreien wird.

Lala lachte noch immer, trotz des Zuspruchs ihrer Mutter, welche die Situation retten wollte und heuchlerisch so tat, als gelte die verletzende Heiterkeit nicht meiner lächerlichen Erscheinung, sondern habe eine der vielen unergründlichen und unberechenbaren Grillen ihres Töchterchens zur Ursache. Ich aber sah, mit dem peinlichen Gefühl, blutrot geworden zu sein, an mir herab, ob etwas nicht in Ordnung sei. Vielleicht waren meine Fingernägel – es wäre ja nach einem Weltalter der Ungepflegtheit kein Wunder – lange, abscheuliche, schwarze Krallen. Nein, sieh da, die kalifornische Pompe Funébre-Firma hatte mich sogar maniküren lassen; meine Fingernägel glänzten und zeigten einen rosa Anhauch. Beste Arbeit war geleistet worden. Was sonst? Vielleicht ein Toilettefehler? Nein. Vielleicht war mein Haar zu lang und ungekämmt? Das Haar soll ja noch im Grabe weiterwachsen. Ich fuhr mir in die Haare. Sie waren nicht sehr dicht, aber fühlten sich sonst normal an. Wahrscheinlich aber waren es doch die Haare, die mich unmöglich machten. Hätte ich wenigstens eine meiner Baskenmützen mitbekommen. Das Gefühl der Beschämung lief mir den Rücken herab. B.H. stand immer bescheiden in der Tür. Ich rief ihn an, laut und pointiert:

»Habe ich das nötig gehabt, lieber Freund? Laß uns jetzt gehn.«

»O nein, bitte, Seigneur, gehn Sie nicht«, sagte Lala sehr schnell, und das Lachen auf ihrem Antlitz versiegte jäh zu einem tief erschrockenen Ausdruck. Dieser befriedigte mich ungemein. Es war ein prächtiges Gefühl des Sieges, das mich durchwärmte, und ich wollte den Sieg auswalken, um ihn noch länger zu genießen. Darum stellte ich mich in Positur und hielt eine kleine verlogene Ansprache:

»Ich weiß, daß ich nicht viel wert bin, meine junge Dame. Ich weiß, daß nicht nur mein Gewand hier voll Flecken ist und daß einige Knöpfe abgesprungen sind und daß ich altmodische Haare auf dem Kopfe trage und daß all dies zusammen komisch wirken mag. Meine ganze Existenz ist leider voll solcher Flecken und abgesprungener Knöpfe, die sich nicht rechtfertigen lassen. Auch sind meine Haare, was sie sind. Haben Sie aber das Recht, sich darüber zu mokieren? Hat nicht ein zu Ende gelebtes Leben Anspruch auf einige Achtung? Und außerdem, Fräulein, sind Sie hundsjung, und ich bin, wenn nichts anderes, doch ein älterer Mensch ...«

Io-La hatte Tränen in den Zyanenaugen, als sie mich noch immer erschrocken ansah. Ich genoß diesen Blick außerordentlich.

»Ich hab mich nicht über Sie mokiert, Seigneur«, stammelte sie. »Ich hab Sie schrecklich hergewünscht und mich schrecklich vor Ihnen gefürchtet. Gelacht hab ich ja nur, weil Sie nicht fürchterlich sind. Ich habe sehr große Lust, Ihr Gewand anzurühren, Seigneur. Darf ich das?«

Ohne meine Antwort abzuwarten und ganz gegen die Usancen der Zeit streckte sie ihre langfingrige Hand aus und begann den brüchigen Stoff meines Schwalbenschwänzlers zu befühlen. In einer Epoche, wo es nur hauchige Schleiergewänder gab, mußte es eine eigenartige Sensation sein, diese schwere, grobe Textilie aus den Anfängen der Menschheit zwischen den Fingern zu reiben. Lala hielt ihre Augen geschlossen. Sie schien mit der Hand in dem Stoff zu lesen wie eine Blinde.

»Älterer Mensch«, wiederholte die Ahnfrau spöttisch, die auf ihrem herausgeklappten Bügelbrett lehnte, »warum ein älterer Mensch, Seigneur? Man darf dergleichen nicht fragen, befiehlt die Sittenlehre, ich weiß das wohl. Was aber dürfte eine Ahnfrau nicht fragen? Wie alt also sind Sie oder waren Sie, wenn Sie das noch wissen sollten?«

»Ich bin oder ich war um die Zweiundfünfzig«, sagte ich, und es war ein klein wenig ungenau zu meinen Gunsten, denn wäre die Zeit für mich nicht stehen geblieben, so hätte ich meinen dreiundfünfzigsten Geburtstag damals in wenigen Wochen feiern müssen. Ich ärgerte mich über diese kleinliche, weibische Korrektur. Zu welchem Zwecke wollte ich jünger erscheinen, fragte ich mich, und noch dazu am andern Ufer der Zeit?

»Zweiundfünfzig Jahre« – der Kontra-Alt zog diese Worte sehnsüchtig in die Länge, »zweiundfünfzig Jahre; da gehören Sie ja noch zur strammen Jugend in bester Kondition. Sie sind ja noch ein Aikmetant, Seigneur ...«

»Und ein Eumelieur«, fügte die Brautmutter Io-Rasa hinzu.

Lala aber repetierte mit ironischer Melodie, das Seidenfutter meines Rockes streichelnd:

»Sie sind ein Aikmetant, Seigneur, und ein Eumelieur ...«

Diese beiden Fremdwörter der Monolingua habe ich mir genau gemerkt. Sie gehören gewissermaßen zu den ganz wenigen objektiven Dokumenten, die ich von meiner Reise gerettet und heimgebracht habe. Die philologische Durchdringung der genannten Ausdrücke nahm nach meiner Heimkehr – in den Tagen, da ich dieses niederschreibe – viel Zeit und Mühe in Anspruch. Ein Freund, der meine Unruhe sah, schenkte mir zu diesem Zwecke ein ehrwürdig moderduftendes Lexikon, betitelt »Griechisch-Deutsches Schulwörterbuch von Doktor Gustav Eduard Benseler, Siebente verbesserte Auflage, besorgt von Doktor Georg Authenrieth, Rektor des Gymnasiums in Zweybrücken, gedruckt zu Leipzig 1882«. Dieses Wörterbuch ist an die tausend Seiten stark und weist eigens darauf hin, daß es den Wortschatz folgender Autoren enthalte: »Homer, Herodot, Aischylos, Sophokles, Euripides, Thukydides, Xenophon, Plato, Lysias, Isokrates, Demosthenes, Plutarch, Arrian, Lukian, Theokrit, Bion, Moschos und das Neue Testament«. Alles was gut und teuer ist, wie man sieht. Und doch, mein fleißiges Suchen und Forschen war vergebens. Keiner der obgenannten unsterblichen Autoren, zu denen ich die mir schmählich unbekannten Bion und Moschos auch rechne, hatte einen Aikmetos oder einen Eumelios unter seiner Fracht. Doktor Gustav Eduard Benseler führte mich in der Irre umher. »Aikálloo« hieß »ich schmeichle«, »Aiké« hieß der »heftige Andrang«, der »Impetus«. Hierin schien mir ein bedeutsamer Hinweis zu liegen. Aber dieser Hinweis wurde sofort durch das Wort »Aikia« verwirrt, das »unziemliche Behandlung und körperliche Schmach (contumelia)« bedeutet. Nicht anders erging es mir mit dem »Eumelieur« der Brautmutter. Der große Benseler erwies sich auch hier als ein Labyrinth. Da ich aber sicher war, daß diese beiden Fremd- oder Lehnwörter der Monolingua griechischen Ursprungs waren und nicht sinnlose Silbenfratzen sein konnten, begab ich mich zu einem neunundachtzigjährigen emigrierten Professor der Universität Tübingen, der erstaunlich rotbäckig und rüstig seinen Victoria-Garten bestellte, nachdem er siebzig Jahre von seinen neunundachtzig nichts andres getrieben hatte als homerische Wörterkunde. Der niedlich bewegliche Greis weckte meinen Neid, denn seine pfiffige Frische bewies mir, wie gesund es ist, sich auf ein enges Fach zu beschränken, nein, zu konzentrieren, zu sammeln. Auch Einseitigkeit, Fixe Idee, oder wie immer man's nennt, ist die Kunst, in den Brennpunkt zu treten, während der freischweifende Universalismus deshalb so gefährlich ist, weil ein unbescheidener Geist außerhalb des Fokus bleibt. Schon an der Gartenpforte rief ich dem Alten entgegen:

»Was ist das, ein Aikmetos und ein Eumelios?« – »Ein doppelter Blödsinn«, erwiderte der Homergreis. Plötzlich aber stützte er sich nachdenklich auf seinen Spaten und begann mit einer hohen engen Stimme zu buchstabieren: »Sie meinen vielleicht einen Alpha-Iota-Kappa-Mi-Epsilon-Tau-Eta-Sigma, einen Aikmetés, und einen Epsilon-Ypsilon-Mi-Epsilon-Lambda-Iota-Eta-Rho, was ein Eumelieur wäre. Heh, wie?« – »Und diese zwei gibt es wirklich, lieber Professor?« – »Diese zwei sind sogar ein und dasselbe!« – »Wie, hab ich recht verstanden, Professor? Aikmetés und Eumelieur bezeichnen dieselbe Sache?« – »Keine Sache, Sie altphilologischer Barbar, sondern ein und dieselbe Person, einen Speerkundigen, einen Mann, der seinen Speer zu gebrauchen versteht. Noch was?« – Und er stach seinen Spaten mit dem Fuß wieder ins Gemüsebeet, die Brille auf die Stirn geschoben.

Im mondscheinerfüllten Brautgemach wußte ich freilich nicht, was die Damen unter einem Aikmetanten und Eumelieur verstanden, und daß sie einem mehr als fünfzigjährigen Kämpfer die Ehre antaten, ihn für besonders speerkundig zu halten. Wie aber kam ein homerischer Begriff in eine Brautkemenate dieses hochfeinen mentalen Zeitalters, das des Krieges nur mehr in Form eines zerbeulten Himmelsglobus gedachte? Müßige Fragen. Die Damen hielten mich jedenfalls für speerkundig. Hätt ich's kapiert, hätt es mir wohlgetan, und mein geschwächtes Selbstbewußtsein bedurfte solcher Wohltaten. Soviel aber begriff auch ich, daß unter Hundertdreißig- bis Hundertneunzigjährigen ein rund Fünfzigjähriger beinahe noch in den Flegeljahren steckte.

Lala streichelte noch immer mit aufmerksamen Fingern das Seidenfutter: »Dieses Innere«, stellte sie fest, »fühlt sich sehr angenehm an, wie ... wie ...« Sie fand den Vergleich nicht. Natürlich. Sie hatte ja auch noch niemals Seide berührt. Ich entzog ihr behutsam den Schwalbenschwanz:

»Und dabei bedenken Sie gar nicht, verehrteste Braut, daß, als dieser schäbige Rock geschneidert wurde, die offizielle Jahreszahl vier Stellen hatte, während sie jetzt sechs Stellen zeigt, und die Zauberei, diesen Rock mit Naht und Faden und Flecken aus dem Nichts in Ihr Haus zu zitieren, diese Zauberei scheint jetzt etwas ganz Alltägliches zu sein ...«

»Wer zaubert? Wir zaubern nicht. Wir sind eine aufgeklärte Epoche«, sagte die Ahnfrau.

»Ich weiß, Madame, es ist eine Kühnheit und ganz uns gehörig, Ihnen zu widersprechen«, versetzte ich. »Aber ist der Arbeiter, der alles zentral produziert, kein Zauberer? Und was ist das Mentelobol mitsamt seinen Zusammenstimmern auf ihren Ruhelagern? Und was ist der Uranograph, dem die Sterne parieren wie dem Typographen das Blei in der Setzmaschine? Und was ist das Anrufen mit dem nackten Gedanken? Wir haben zu diesem Anrufen Telephonapparate mit dicken Kabeln gebraucht oder zumindest Radioröhren samt den dazugehörigen kurzen und langen Wellen ...«

»Mein lieber F.W.«, mischte sich B.H., der noch immer an der Tür stand, ins Gespräch, »dein Telephon und Radio würde den Herrschaften hier als eine größere Zauberei erscheinen als ihr Mentelobol. Nichts, woran man sich gewöhnt hat, ist Zauberei.«

Er schwieg plötzlich und fügte dann verlegen hinzu: »Von Radio und Telephon weiß ich einiges wenige durch meine Studien.«

»Unsinn und leeres Gerede«, sagte die Ahnfrau mit dem grauenhaften Eigensinn und der Bosheit alter Leute, die nichts anerkennen, nicht einmal die Argumente, die zu ihren Gunsten sprechen. »Wir zaubern nicht, wir sind zu fortgeschritten, zu aufgeklärt und überlegen dazu. Gezaubert haben Sie, Seigneur. Wenn Sie zum Beispiel, wie man's in der Schule lernt, bei Anbruch eines neuen Jahres um Mitternacht ihrem hundsköpfigen Hausgott ein Glücksferkelchen opferten. Dann haben Sie sich im Blute des Tierchens gewaschen und es danach mit Haut und Knochen aufgefressen, wobei Sie immer wieder ›Prosit Neujahr‹ riefen. Das gab Ihnen aber auch Glück und Kraft, und das nenne ich Zauberei. Ist das nicht so?«

»Das ist entschieden eine Übertreibung, Madame«, entgegnete ich und wandte mich an meinen Freund: »Gib's zu, B.H.«

Der Wiedergeborene zuckte nur die Achseln und schwieg.

»Das sagt die Wissenschaft«, erklärte hartnäckig die schöne GR3, wie man Lalas Ururgroßmama mathematisch ausdrücken kann, da sie selbst einer aufklärungsgläubigen und wissenschaftlichen Generation angehörte. Und sie schloß: »Weil es die Wissenschaft sagt, muß es wahr sein.«

»Zu meiner Zeit«, verbeugte ich mich, »war Wissenschaft oft nur ein Spiel mäßiger Phantasie unter der Maske exakter Trockenheit. Die Menschen bleiben einander so ziemlich gleich, und doch, ich sehe, niemals kann eine Epoche die andere verstehen ...«

Lalas Augen sahen mich groß an. Es war aber keine Spur von Abscheu in ihnen:

»Ist das wahr, Seigneur, daß Sie sich mit Tierblut besprengt haben, um ein gutes neues Jahr herzuzaubern?«

»Ich schwöre Ihnen, mein Fräulein«, verteidigte ich mich erbittert, »das ist ganz und gar nicht wahr. Ich habe mich weder am Silvesterabend noch sonstwann mit Tierblut besprengt.«

»Aber getrunken haben Sie's, Seigneur?« fragte die Braut mit auffälliger Neugier.

»Bei solchen festlichen Gelegenheiten haben wir Champagner getrunken«, entgegnete ich. »Ich wäre sehr glücklich, wenn ich den Damen ein Glas davon kredenzen dürfte. Es ist ein prickelndes Getränk, das heiter und positiv macht, zum Beispiel Pommery oder Mumm Sec oder Brut oder Goût Américain ...«

»Interessant wär's schon«, lächelte Lala versonnen, »und ich möcht's gern probieren, besonders dann, wenn ein Tröpfchen Ferkelblut drin wär ...«

»Aber Lala«, rief die Brautmutter empört, »nicht einmal im Spaß sagt man sowas Schreckliches. Und du sagst es am ersten Abend deiner Hohen Zeit.«

Lala beachtete diesen Verweis ihrer Mutter gar nicht. Sie wandte ihre Augen von mir. Unbehagen und Unruhe schienen sie zu durchzittern. Sie runzelte ihre Stirn. Plötzlich machte sie eine unwillige Bewegung mit ihrem ganzen Körper, der hell unterm taubengrauen Schleiergewand hervorleuchtete:

»Ich hasse diese Blumen«, stieß sie hervor.

Und sie schüttelte den Strom der rostroten, tragantenen Strauchblüten von sich, mit denen Io-Rasa sie überschüttet hatte, damit sie ihrer Schönheit zur Folie dienten.

»Ich verstehe Sie genau, Fräulein«, sagte ich, »Sie haben recht. All diese Blumen sind wie künstlich. Das muß ich aufrichtig gestehen, obwohl ich bereits weiß, daß es ungehörig ist, im Negativen aufrichtig zu sein. Aber wie wünsche ich mir, meine Damen, daß Sie unsere Rosen gekannt hätten, eine zarte, herzrote La France, eine Maréchal Nil, eine gelbliche Teerose; die duftet nur für stumpfe Sinne nach Tee, sie duftet in Wirklichkeit nach leise faulendem Laub, nach der traurigen Essenz sonniger Herbsttage. Aber was wissen Sie von Jahreszeiten?«

Ich weiß nicht, warum ich mich gerade wegen der Rosen so sehr in Eifer geredet hatte, so daß ich die Flächen meiner Hände aufgeschlagen hielt wie ein Prediger. Da klappte das Bügelbrett, die Stütze des Alters, in die Wand zurück, und die Ahnfrau bewegte sich mit ihrem sieghaft schwingenden Schritt auf mich zu. Welch ein Göttinnengang, dachte ich, wenn man von diesem Schritt die unangenehme Bewußtheit derer abzieht, die alles gehabt hat. Die Ahnfrau bedeutete mir, ich möge meine aufgeschlagenen Hände nicht zurückziehen. Sie unterwarf die Handflächen einer genauen Betrachtung. Von Rechts wegen hätte sie ein Lorgnon zücken müssen oder, um der Elegance willen, sogar ein Monokel einklemmen, eine Brille wage ich gar nicht zu erwähnen. Seit wann aber und wohin waren diese archaischen Plumpheiten verschwunden? Selbst hundertneunzigjährige Augen waren im mentalen Zeitalter so erleuchtet, daß sie keine Hilfe vom Optiker brauchten. Bisher war es mir gelungen, die violette Ehrenschleife zu verbergen. Nicht aus Schamhaftigkeit versteckte ich sie, sondern aus Unlust, die ganze Geschichte immer wieder erzählen zu müssen. Mein Ärmel über der aufgerauhten Hemdmanschette aber war jetzt zurückgerutscht, und die Auszeichnung trat zutage oder, besser, in den bleichen Schein des künstlichen Mondes.

»Io-Do wird nie in seinem Leben die violette Handgelenkschleife davontragen«, meinte Lala träumerisch.

»Eine Braut sollte solchen Stimmungen gar nicht nachgeben, verzeihen Sie«, wies ich ihre im gleichgültigsten Ton hingeworfene Bemerkung zurück. Was war mit mir? Immer wieder Leder? Und ich hörte mich weitersprechen:

»Der Fiancé ist ein aktiver junger Mann voll allseitiger Interessen und ein großer Connaisseur der Waffenkunde und der Geschichte der Armatur. Man muß einer solchen Braut zu einem solchen Bräutigam gratulieren, wie auch umgekehrt.« (Was war mit mir, was war mit mir? Wie es aber so oft geschieht, verwickelte ich mich weiter ins staubtrockene Lob.) »Überdies ist der Bräutigam des Tags die Ursache dieser Auszeichnung, denn nur seiner Energie habe ich es zu verdanken, daß ich das Geodrom betreten, den Preisspruch gesprochen und dem Major Domus Mundi meine Aufwartung gemacht habe...«

»Da seht nur seine Handflächen«, unterbrach mich die Ahnfrau, die ihr Studium beendet hatte. »Welches Gestrüpp und Labyrinth von Linien, kreuz und quer, groß und klein!«

»Ist das bei den Herrschaften anders?« fragte ich verwundert.

Die Ahnfrau, Io-Rasa und Lala öffneten ihre Handflächen und zeigten sie mir. Sie waren wächsern und beinahe unbeschrieben wie bei Schaupuppen. Sie zeigten kaum mehr als die drei Haupteinzeichnungen: eine stark ausgezogene Kopflinie, eine sehr schwache Herzlinie und eine ganz lange Lebenslinie, die sich bis in den Unterarm fortsetzte. Sonst traten nur die Götterberge an den einzelnen Fingerwurzeln hervor und die Einbuchtungen dazwischen. Die puppenhafte Leere der Handfläche dieser mentalen Menschen, die mir und meinen Zeitgenossen so hoch überlegen waren, berührte mich recht sonderbar. Die Ahnfrau bat mich noch einmal um meine Hand, die ich auch dann der Brautmutter und der Braut zeigen mußte.

»Sie haben ja Blitze in Ihrer Hand, Seigneur, und Rutenstreiche und Straßen und Tabellen und Anagramme... Was bedeutet das alles?« fragte Lala.

»Das bedeutet«, nahm B.H. an der Tür jetzt das Wort, »daß er in seiner Lebenszeit viele Schicksale zu überwinden hatte, körperlich, seelisch und geistig. Auf der gegenwärtigen Erde gibt es aber kaum ein Schicksal mehr.«

»Warum gibt es auf der gegenwärtigen Erde kaum ein Schicksal mehr?« fragte Lala, und die Frage klang äußerst kritisch.

»Preisen Sie Gott, mein Kind«, entgegnete B.H., der während mancher Wiedergeburt auch sein Teil abbekommen hatte. »Prometheus hat beinahe das Schicksal besiegt.«

»Ist das wirklich so gut, wenn es wahr ist?« zweifelte die Braut. »Und was ist das überhaupt, Schicksal?«

»Das, was beim Dividieren nicht aufgeht und was zurückbleibt«, brummte B.H. »Wolke, Staub, Sturm, Erkältung, Dschungel und ähnliches...«

Die Ahnfrau bat, meine Hand anfassen zu dürfen. Ich überließ sie ehrerbietig ihren eisig glatten Fingern, die, so untadelig sie aussahen, sich erschreckend anfühlten.

»Welche Ströme, welche Wellen, welche Kräfte sind in einer solchen Hand«, schwärmte GR3. »Das wogt und pulst und geht in einen über wie die Medizinalstrahlen, die der Arbeiter ins Haus sendet. Und alles kommt von der Reibung mit dem Schicksal, wie Ihr lieber Freund es nennt. Würden Sie nichts dagegen haben, Seigneur, daß ich täglich ein paar Minuten Ihre Hand halte, solange Sie uns beehren?«

Ich verbeugte mich stumm. Die reizende Uralte gab mich noch immer nicht frei. Da sah ich etwas in ihren tiefliegenden Augen aufglitzern. Es waren für mich jetzt zweifellos alte Augen in dem sonst jugendglatten Gesicht. Was aber war es, was da aufblitzte? Eine Lüsternheit? Eine Bosheit? Der hexenhafte Wunsch eines alten Weibes, zuerst Verwirrung zu stiften, dann der Verwirrung zuzuschauen, sich zu wärmen an ihr, sich zu rächen, weil der Tag doch, trotz aller mentalen Kosmetik, für immer und ewig zu Ende ist, und nichts mehr bevorsteht als jener »freiwillige Gang zu Fuß«? Ich kann diese Frage nicht beantworten. Ich kann nur wiederholen, daß etwas in der Ahnfrau tiefliegenden Augen aufglitzerte, was am ehesten einer bösartigen Lüsternheit glich.

Ihre eisig schlüpfrigen Finger zogen mich näher ans Brautlager.

»Die Urströme aus den Anfängen der Menschheit sind noch in Ihrer Hand, Seigneur«, schwärmte sie. »Schenken Sie uns etwas davon. Lassen Sie uns ein bißchen davon kosten, dann kommt mehr Spaß ins Leben. Legen Sie zum Beispiel der lieben Kleinen da Ihre Hand aufs Herz für ein paar Minuten. Dann wird sie kräftiger und glücklicher werden durch Ihren Segen...«

»Ich bin bereit, jedem Befehl zu gehorchen«, sagte ich unsicher und fühlte, daß ich erblaßte. »Doch werde ich nur das tun, was Fräulein Braut selbst wünscht.«

Die lächelnde GR3 entblößte mit gezierter Langsamkeit Lalas Brust mit einer Hand, während ihre andre mich noch immer festhielt. Das Mädchen sah mich unbewegt an und sagte ruhig:

»Ich weiß nicht, ob Ihre Urströme aus den Anfängen der Menschheit gut oder schlecht für mich sind, Seigneur.«

»Ich werde tun, was Sie wünschen«, wiederholte ich noch einmal und fühlte, wie meine alte Charakterschwäche mich beherrschte, die heute allen Entscheidungen und Verantwortungen ebenso aus dem Wege zu gehen trachtete wie damals in den Anfängen der Menschheit. Eine innere Stimme aber warnte mich immer lauter davor, dem Augenglitzern der Alten gehorsam zu sein.

»Der Segen und die Berührung Seigneurs wird sicher einen guten Einfluß haben«, zögerte die Brautmutter diplomatisch. »Soweit kennen wir Sie schon... Sollte man aber nicht zuerst den Vater ins Vertrauen ziehn?«

»Den Vater... Den Vater...«, höhnte die Ahnfrau und war ganz zornig. »Was weiß ein Vater, ein Mann mit noch goldenem Haar, von solchen Frauendingen?«

»Legen Sie mir Ihre Hand aufs Herz, Seigneur«, sagte Lala mit souveräner Gleichgültigkeit. Die Ahnfrau aber zog meine Hand mit leichtem, jedoch unnachgiebigem Druck langsam herab, wie gegen einen Widerstand, den ich nicht leistete, und legte sie vorsichtig, ja fast zärtlich zwischen die nackten, festen Brüstlein der Braut. Die duftende und doch irgendwie schon entfleischte Hand beeilte sich noch immer nicht, die meine loszulassen. Sie schien den Kontakt mit mir, dem Hunderttausendjährigen, und der kaum erblühten Jugend Lalas vibrierend zu genießen wie eine verbotene Sensation.

»Die Herzberührung war eine alte sakrale Sitte islamitischer Derwischorden«, sagte ich in idiotisch belehrendem Ton, wie zur Entschuldigung, Abschwächung und Rechtfertigung, während ich die unendlich zarte und kühle, die mentale Haut des Mädchens unter meiner rauhen Pratze fühlte, gleich einem lieblichen Vorwurf. War's aber wirklich ein Vorwurf? War's nicht etwas anderes? Ich fühlte – nicht glaube ich zu irren oder im Rückblick die Wahrheit zu fälschen –, ich fühlte, wie der unendlich zarte und kühle, der astromentale Leib des Mädchens sich in meine harte, von hundert Schicksalsrunen verwundete Handfläche hineinbog, hineinatmete, hineinschmiegte. Im selben Augenblick aber runzelte Lala ihre klare Stirn und rief ärgerlich:

»Nehmen Sie Ihre lästige Hand fort. Sie ist so schwer und heiß.«

Ich zog mich sofort zurück, aufrichtig gekränkt, denn soeben hatte ich mir eine Art von Segensspruch zurechtgelegt gehabt. Ich führte meine schwere und heiße Hand an die Stirn:

»Es ist ja gar nicht wahr, daß meine Hand so heiß ist, liebe Braut«, rief ich. »Sie sind sehr ungerecht, denn ich fiebere längst nicht mehr...«

Irgendwo unten begann Sur, der Hund, überstürzt zu winseln und zu keifen. Ich verstand keines seiner klatschbasenhaften Worte.


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