Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Achtzehntes Kapitel

Worin die Braut an mein Bett tritt, mich aus dem Fegfeuer weckt und mir einen betörenden Antrag macht, der meiner Moral heftig zusetzt.

 

Ich hätte meinen Lesern das folgende gern erspart. Da ich aber mit so vielen seltsamen und fremdartigen Gefühlsverstrickungen nicht hinter dem Berg gehalten habe, so kann ich auch diese Seltsamkeit nicht verschlucken, obwohl sie keineswegs die Welt angeht, sondern nur mich allein. Nur mich allein? Oft wird es mir so verwunderlich bewußt, daß es keine Menschenseele gibt, die nicht alles erlebt, was die Welt an Erfahrungen darbietet, äußerlich und innerlich. Ohne das gäbe es ja keine Gleichheit vor Gott. Der Unterschied der Seelen liegt nicht in ihrer Fähigkeit oder Unfähigkeit, die tiefsten Erfahrungen zu machen, sondern nur in dem Grade der Artikulation, mit welcher sie diese Erfahrungen zur Kenntnis nehmen dürfen. Selbst diejenigen, welche in ihrer Einfalt die geheimnisvolleren Zustände unserer Seele für »verstiegene Einbildungen« erklären, sind erfüllt und durchdrungen von ihnen. Immer wieder hofft man daher, daß selbst die unaussprechlichste innere Erfahrung einen Kenner findet, der brüderlich überrascht ausruft: »Genau dasselbe habe ich erlebt!«

In meiner begreiflichen Angst vor dem Schlaf hatte ich mich gestern mit Hilfe B.H.s die ganze Nacht wachgehalten. Heute, da bereits die zweite Nacht meines Aufenthalts im Fortschreiten war, hatte ich meine Angst vor dem »Verlorengehn« vergessen, oder besser gesagt, weil ich mir selbst nach dem tragischen Geschehn viel unwichtiger geworden, so war auch die Angst vor dem Verlorengehn zusammengeschrumpft.

Dies der Grund, warum ich kühn meinen Schwalbenschwanz ablegte, meine Schuhe auszog und mich aufs Ruhelager warf, die Augen dem offenen Fenster zuwendend, durch welches die künstliche Bergnacht, wie wir sie schon kennen, ins Zimmer sah, und dann und wann auch schwache, angenehme Windhauche mein Gesicht mit Kühlungen überliefen. Und es geschah, daß ich, der erst vor kurzer Zeit von B.H. aus dem Alphabet gestochen und durch die hochentwickelte spiritistische Praxis meiner neuen Zeitgenossen aus dem Abgrund des Todes physisch und psychisch neu zusammengesetzt worden war, wieder auseinanderfiel. Nein, das ist übertrieben, und man stellt sich gewiß unter dem Worte auseinanderfallen etwas Unrichtiges vor. Ich fiel nicht in mehrere Bestandteile auseinander. Ich ging nur entzwei. Genau gesagt, ich wurde doppelt, wodurch ich allen ausgebildeten Psychologen die Gelegenheit biete, mich für einen armen Schizophrenen zu halten und beruhigt aufzuatmen.

Es geschah also, daß ich in zwei Hälften zerfiel, die unendlich weit voneinander entfernt waren. Und jetzt muß ich um gütige Nachsicht bitten, da ich mit durchaus ungenügenden Worten einen Zustand zu beschreiben habe, gegen den jeder lichtfrohe, wache Sinn sich wehrt, auch der meinige. Ich zerfiel nämlich in einen Herrn F.W., der sich so gut wie nirgendwo befand und nichts von sich wußte, und in etwas anderes, etwas zweites, etwas sehr Fragmentarisches, etwas äußerst Begrenztes, das aus keiner andern Funktion zu bestehen schien, als daß es um jenen ominösen Herrn F.W. wußte. In Wirklichkeit war dieses andere, dieses zweite, das von Herrn F.W. wußte, keine Person mit Leib, Seele, Willen, sondern nichts als ein frei im Raume schwebender Gewissensbiß (konzentriertes jäh illuminiertes Bewußtsein einer Schuld) oder, wenn man will, eine frei im Raume schwebende Furcht, die Missetat werde schließlich und endlich doch herauskommen. Welche Missetat, Jesus Maria? – »In jeder wirklichen Missetat ist Mord enthalten.« – »Wer ist der Ermordete?« – »Herr F.W. natürlich.« – »Der bin ich doch selbst.« – »Nicht so ganz wie Sie denken.« – »Und wer hat Herrn F.W. ermordet?« – »Das, was von ihm weiß, das, was übrig geblieben ist, das, was sich fürchtet, daß es herauskommt.« – »Ich war nie ein Selbstmörder. Dazu war ich immer zu leichtsinnig, zu leicht sinnlich.« – »Niemand spricht von Selbstmord, es handelt sich um Mord.« – »Das könnte stimmen, denn ich habe ja nicht nur Herrn F.W. umgebracht, sondern auch A.B., A.C., A.D. und einige andere Ixypsilons.« – »Sind alle neben Herrn F.W. vergraben,« – »Ich bin doch nur ein Punkt von schmerzhaftem Wissen. Antworte ich mir selbst? Wer antwortet mir?« – »Hallo, hallo, hier spricht der Resonanzboden.« – »Soll das heißen, daß alles registriert wird von Ewigkeit zu Ewigkeit?« – »Überflüssige Frage. Zum Teufel mit eurem Polizeistaat! Kommt man niemals aus dem Polizeistaat heraus, von Ewigkeit zu Ewigkeit? Ich möchte der Teufel sein, wenn ich an die Dossiers der Kausalität denke.« – »Schon erfüllt, dieser Wunsch.« – »Aha! Das also ist die Hölle, in die ich vom Urlaub wieder zurückgekehrt bin. Ich weiß nicht wie und wo, aber ich hatte einen Urlaub.« – »Nein, das ist nicht die Hölle.« – »Natürlich ist es nicht die Hölle. Bitte verzeihen Sie mir, lieber Resonanzboden. Wie konnte ich nur so dumm sein? Die Hölle ist viel endgültiger. Ich hatte Urlaub nur aus dem Fegfeuer. Bittschön, kann ich mich vielleicht moralisch noch bessern?« – Keine Antwort. – »Kann ich vielleicht das corpus delicti und die anderen corpora delicti aus dem Wege räumen, die ich selbst vergraben habe, jetzt erinnere ich mich daran?« – »Vergraben heißt ja schon aus dem Wege geräumt haben!« – »Moralisch bessern aber heißt wieder ausgraben, wie?« – »Recht so: Erkennen. Auf den Weg machen. Suchen. Finden. Ausgraben.« –

Ich habe versucht, das, was in dem körperlosen Bewußtsein vorging, und was ich den frei im Raume schwebenden Gewissensbiß nenne, in der Form eines Dialoges darzustellen. Es war aber durchaus kein Dialog. Es war eine Art von Flut und Ebbe, ein rhythmisch atemartiges Hell- und Dunkelwerden in dem bewußten, doch beinahe abstrakten Teile meiner Existenz. Der unbewußte aber konkrete Teil, jener gewisse Herr F.W., lag weit entfernt, irgendwo nirgendwo. Aber einzig und allein um ihn handelt es sich und um sein Ermordet- und Vergrabensein. Ich glaubte mit immer schärferer Gewißheit zu erkennen, daß ich mich nicht mehr auf Urlaub befand, sondern in die große Absenz zurückgenommen worden war. Diese Absenz war wirklich und wahrhaftig das Fegfeuer, wie ich es immer geahnt hatte. Ich war wieder zu dem Zustand zurückgekehrt, den ich während meines Urlaubs ganz vergessen hatte, zu jener dumpfen Unruhe, die sich auf meine Person und ihre Missetaten bezog, die von mir abgetrennt waren. Das also ist das Fegfeuer, dachte ich, der Zustand, von dem die Menschen nichts ahnen, solange sie leben. Das Fegfeuer liegt nicht in den Intermundien und auch nicht im Grauen Neutrum. Es liegt außerhalb des Raumes in seinem eigenen Raum und außerhalb der Zeit in seiner eigenen Zeit. Das Schrecklichste am Fegfeuer war, daß es hier gar keine Ablenkung gab, daß man mit keinerlei Wesen in Beziehung treten konnte, daß es, soweit ich persönlich reden darf, in einer unaussprechlichen Einzelhaft bestand, daß hier der Egozentrismus des Lebens sich in einem jenseitigen Egozentrismus übergipfelte und bestrafte, der jede Gemeinschaft mit andern Existenzen ausschloß. Es gab vermutlich, wie schon Dantes Reisebericht feststellt, viele Arten von Fegfeuer. Da aber das Leben der Seele, was immer es sei, nichts anderes sein kann als Leben, so darf ihm das Hauptprinzip des Lebens nicht abgehn, die Veränderlichkeit. Als Mensch des zwanzigsten Jahrhunderts hatte ich natürlich ein ganz anderes Fegfeuer zu durchstehn als etwa ein Mensch des vierzehnten Jahrhunderts oder etwa gar einer des Elften Weltengroßjahrs der Jungfrau. Auch war die Einzelhaft, in der ich mich befand, wahrscheinlich nur für bessere Leute bestimmt, für die sogenannte »Intelligentia«, deren zentraler Fehler ja im Egozentrismus besteht. Etwas Gutes aber hatte das Fegfeuer, eine Chance, und ich wünschte mir, während ich als Gewissensbiß in der großen Verlorenheit schwebte, ein neuer Swedenborg würde kommen und den Menschen von dieser Chance künden. Ich wußte nämlich plötzlich mit ganz unaussprechlicher Tiefe, daß ich wandern und suchen und finden durfte. Ja, ich durfte nämlich jenen Herrn F.W. suchen gehen, und eine innerste Hoffnung sagte mir: in dem Augenblick, da ich ihn finden und ausgraben werde, wird er nicht mehr tot sein, sondern frei und munter samt allen seinen Opfern. Doch wie ihn finden? Da alles dunkel ist. In welcher Richtung suchen? Da es keine Richtung gibt. Los, sagte ich zu mir, und nun begann ich mich wirklich zu bewegen. Wie, das könnte ich nicht sagen. Schweben war's lange nicht mehr. Es war auch kein bequemes Gefahrenwerden. Es war ein ewiges Sichhinschleppen, manchmal das Kriechen eines Tausendfüßlers in wegloser Öde, von nichts belebt als von jener Hoffnung. Noch immer glaubte ich zu kriechen, als der milde Strahl schon lange auf meinem Gesicht lag, als ich längst nicht mehr in ein punktartiges Schuldgefühl und jenen fernen, vergrabenen, seiner selbst nicht bewußten Herrn F.W. entzweit war, sondern bestens zusammengesetzt wieder auf dem Ruhebette lag. Wo? In welchem Ruhebett? Bedford Drive? Oder in der Kammer von Madame Pozñanská? Um Gottes willen, das ist doch längst vorüber. Das war in dem Comptoir des Hochschwebenden. Inzwischen ist etwas Entsetzliches geschehen. Ein archaischer Revolver ist losgegangen. Io-Fra wurde aufgeopfert. Die Verlöbnisse sind gelöst. Ich protestiere. Nicht ich bin der Schuldige. Trotz des Tagesorakels. »Wer ist hier?«

Es war ein konventioneller Ausruf. So fragt etwa in kindlichen Geschichten ein erwachender Ohnmächtiger: »Wo bin ich?« Ich aber wußte schon eine ganze Weile lang, wer hier war. Und eine Frage lag mir auf den Lippen, die sonst eher in Opern und Operettentexten zu Hause ist als im wirklichen Leben: »Ist es ein Traum?« Nein, ich konnte darauf nicht mit hübscher Melodie trällern: »Es ist ein Traum, es ist ein Traum. O wonniges Entzücken!« Da ist schon eher der schwebende und kriechende Gewissensbiß in der Leere des Fegfeuers ein Traum gewesen, obwohl auch dies sich nicht einmal mit fünfundzwanzig Prozent Sicherheit behaupten läßt. Ich hielt den Mund und fragte zuerst gar nichts, sondern schaute und schaute. Die Braut, die an meinem Bette stand, die mich aus dem Fegfeuer gerettet hatte, war Wirklichkeit, war Fleisch und Blut, war Duft und Atem. Sie hatte ihr taubengraues Festgewand noch nicht abgelegt, obwohl ihr Hochzeitstag blutig zerstört worden war. Auf der linken Handfläche trug sie vorsichtig ein weißes Ding, das genau wie ein großes Ei aussah. Es war aber eine Nachtlampe, oder richtiger eine Lichtquelle, denn ohne daß dieses Ei selbst leuchtete, verbreitete es einen milden Schein um seine Trägerin. Das erste, was ich tat, war, meine Schleierdecke bis ans Kinn ziehen, denn es war mir unangenehm, in Hemdsärmeln dazuliegen.

»Verzeihen Sie«, murmelte ich verlegen.

Lala sagte überhaupt nichts, als verschmähe sie, trotz der astromentalen Erziehung zur feinsten, indirekten Konversation, in dieser Minute etwas Leeres und Förmliches zu sagen. Sie schaute mich an mit ihren herrlichen blauen Augensternen im regungslosen Gesicht. Somit war ich gezwungen zu reden.

»Ist etwas geschehen, Lala, ein neues Unglück?«

»Es geschieht viel«, entgegnete sie kurz und mehrdeutig.

»Kommen Sie deshalb zu mir?« fragte ich.

»Nein, nicht deshalb«, sagte sie.

»Ich glaube, Sie dürfen gar nicht zu mir kommen, Lala«, flüsterte ich, als sei Gefahr, daß man uns belausche, »zu mir, zu einem Todfremden. Sie sind doch noch immer Braut. Wozu gibt es die Kemenate im Hause? Was würde Ihr Vater denken, wenn er wüßte, daß Sie mich besuchen, so spät in der Nacht?«

Lala quittierte meine philiströse Frage mit einem sonderbaren leisen Lachlaut:

»Ich bin keine Braut mehr«, sagte sie trocken und nach einer ziemlich gedehnten Pause.

Ich aber verfiel, mir zum Abscheu, wieder einmal in den belehrenden Ton, wie er mir Lala gegenüber wider Willen schon mehrmals unterlaufen war:

»Daß Sie keine Braut mehr sind, das ist nur Ihre subjektive Auffassung, Lala. Wie aber ist die objektive Rechtslage?«

»Meine subjektive Auffassung ist die objektive Rechtslage«, sagte Lala mit dem erstaunlichen Witz, zu dem kleine Mädchen manchmal in kämpferischen Momenten fähig sind.

»Ist der Fiancé im Hause?« fragte ich mißtrauisch.

In Lalas Blick trat bei der Antwort eine Schärfe, die mich durchforschte.

»Io-Do hat seine Waffen gepackt und ist aus dem Hause gegangen.«

»Und Sie, Lala, wissen Sie, wohin er gegangen ist?«

»Zu schrecklichen Leuten, Seigneur.«

»Zu was für Leuten, Lala?«

»Zu den Verschwörern. Zu den andern Waffensammlern.«

»Sind das nicht harmlose Narren?«

»Sie träumen davon, ihre Waffen zu verwenden.«

»Tun Sie Ihrem Bräutigam nicht unrecht, Lala«, mahnte ich, »er hat weniger Schuld als Pech. Er hat nicht wissen können, und es ist auch absurd, daß in dem antiken Revolver der lebendige Tod steckte. Das übertrifft bei weitem die Gerstenkörner der Mumie, die man nach fünftausend Jahren einpflanzte, und die volle Ähren gaben.«

Lala schüttelte unzufrieden den Kopf:

»Es ist nicht ganz so, Seigneur. Io-Do hat den Bruder Io-Fra immer gehaßt und gequält. Und mich hat er betrogen, denn ich hab nichts von der großen Verschwörung gewußt ...«

Trotz dieser Enthüllungen gedachte ich, meine Verteidigung Io-Dos fortzusetzen bis zum Letzten.

»Lala«, sagte ich, »ich kenne den Menschentypus genau, zu dem Ihr Bräutigam gehört. Zu meiner besten Zeit stand er in Blüte. Als ich das erste Mal Io-Do und seine Waffensammlung sah, hab ich's sofort gespürt. Man nannte diesen weitverbreiteten Typus seinerzeit faschistisch.«

»Was bedeutet dieses Wort, Seigneur?«

»Faschisten, liebes Kind, das waren Parteimänner, welche die alte Weltordnung dadurch zerstörten, daß sie sie verteidigten. Aber lassen wir diese vermoderten Narreteien. Schließlich zerstörten auch die Antifaschisten ihre neue Weltordnung dadurch, daß sie sie errichteten. Leider wiederholt sich die Weltgeschichte wie das Wochenmenu einer kleinbürgerlichen Hausfrau. Sprechen wir lieber von Io-Do. Er wird zu Ihnen zurückkehren, Lala, durch das Unglück geläutert. Nach einem Jahre werden Sie ein neues Hochzeitsfest feiern, bei dem aber ich nicht anwesend ...«

Lala unterbrach mich, indem sie eine Geste machte, als wolle sie mir den Mund zuhalten. Ich aber ließ nicht ab davon, immer hartnäckiger Io-Dos Partei zu nehmen:

»Sie waren beide seit früher Kindheit füreinander bestimmt. Die Sternproben haben dem Bund nicht widersprochen. Infolgedessen wird und muß alles noch gut werden ...«

»Nie«, sagte Lala leise, aber nachdrücklich, und wiederholte zweimal »nie«.

Da gab ich's auf und lag still. Sie legte aber plötzlich ihre leichte, höchst mentale Mädchenhand auf meine Brust und ließ sie dort liegen, während sie mit der andern das lichtspendende Ei sanft meinem Gesicht annäherte. Ich fühlte sehr genau, daß dies ein kosmetisches Licht war, das mein Aussehen fälschte, indem es meine Falten glättete, mein Doppelkinn entfernte und mich um Jahre verjüngte.

»Ich hätte es nicht tun sollen, Lala«, stöhnte ich.

»Was hätten Sie nicht tun sollen, Seigneur?« fragte sie mit Schwebungen der Zärtlichkeit.

»Die Hand auf Ihr nacktes Herzchen legen, vorgestern ... aber Frau Ururgroßmama hat mich verführt.«

»Davon zu sprechen ist es jetzt zu spät«, sagte Lala und hatte plötzlich einen ähnlichen Mund wie GR3.

»Aber ich bin doch viel zu alt für Sie, Lala«, stammelte ich, ein seliges Entzücken von tausend Volt tapfer niederkämpfend.

»Sie sind doch erst fünfzig«, lächelte das Mädchen mich hell an.

»Etwas mehr als fünfzig«, versetzte ich höchst ungenau.

»Da passen wir doch glänzend zusammen, Seigneur«, sagte sie.

Ich schloß die Augen, um stark bleiben zu können:

»Wegen der dummen Fünfzig ist es ja gar nicht, Lala. In meinen Tagen und besonders hierzulande gab es genug ältere Esel als mich, Esel von sechzig und fünfundsechzig, die achtzehnjährige Fratzen heirateten, Warum nicht? Aber meine Fünfzig freilich sind antike Fünfzig und keine mentalen Fünfzig. Wir müssen daher eine kleine Proportionalrechnung anstellen, die wahrscheinlich auch falsch ist, da ich ein schlechter Arithmetiker bin, selbst im Vergleich zum Einfältigen des Zeitalters. Also ›hundertachtzig Jahre‹, das durchschnittliche Lebensalter, verhält sich zu Ihren ›sechsundzwanzig Jahren‹, Lala, wie mein zu errechnendes relatives Alter ›X‹ zu ›über fünfzig‹, meinem absoluten Alter. Was kommt heraus? O Gott, helfen Sie mir doch, Liebste.«

»Rund dreiundneunzig«, sagte Lala, ohne einen Augenblick nachzudenken. Gesegnetes Kopfrechnen der astromentalen Jugend! Und sie fügte hinzu:

»Ich kann nicht verstehen, was Sie mir damit sagen wollen, Seigneur ...«

»Ich will damit sagen, daß für mich ganz andere Gesetze gelten als für Sie, mein Kind.«

»Was gehen mich Ihre Gesetze an«, lachte sie.

»Sie gehen Sie etwas an, meine Gesetze«, bemühte ich mich um einen gefaßten Ton. »Der Altersunterschied zwischen uns ist wahrhaftig nicht wichtig, Lala, das gebe ich Ihnen zu. Ich fühle mich jung. Ich fühle mich sogar viel zu jung. Mit vollem Recht hat mich heute mein Freund B.H. infantil genannt, das heißt, ein bemoostes, aber unreifes Haupt. Ich habe keine Angst vor Ihnen, Lala. Was die Jugend anbelangt, werden wir glänzend zusammenpassen, ob ich nun über fünfzig bin oder dreiundneunzig. Es handelt sich um etwas ganz anderes.«

»Und was ist dieses ganz andere?« fragte sie singend, wobei sie sehr leicht mit ihrer Hand über meine Hemdbrust streichelte.

»Wissen Sie nicht«, stieß ich hervor, »daß ich nur ein Toter auf Urlaub bin? Wissen Sie nicht, daß ich im ältesten Altertum stecke, während Sie in der fernsten Zukunft leben? Schon am ersten Abend unserer Gemeinschaft, Lala, werden Sie die Lücken nicht ertragen, die ich in jedem Wort zu erkennen gebe. Und dann, wissen Sie nicht, daß ich nur auf Widerruf existiere? Muß ich Ihnen das alles erst sagen, Lala?«

Das Mädchen sah mich ruhig an. Meine Eröffnungen hatten sie nicht im mindesten erschreckt:

»Sie hätten gar nichts sagen müssen, Seigneur, denn ich weiß alles. Und es ändert nichts.«

»Wahnsinn, Lala«, schrie ich beinahe, »Sie wissen nichts, überhaupt nichts. Sie haben keine Ahnung, wie Ihre liebe süße Hand keine Linien hat.«

Sie zog schnell und tief beschämt ihre Hand von meiner Hemdbrust.

»Ja, ich habe keine Linien auf der Hand«, sagte sie, »aber ich habe etwas dafür, was niemand weiß außer Vater und Mutter. Und ich will mit Ihnen gehen, und ich bin glücklich, daß der Bräutigam fort ist ...«

»Sie wollen mit mir gehen, Sie wollen mit mir gehen«, flüsterte ich mit schwindender Fassung.

»Ja, wir wollen zusammengehn, Seigneur«, sagte Lala und reichte mir mit kindlich weiblicher Resolutheit meinen Schwalbenschwanz, den ich über den Liegestuhl gelegt hatte. Nicht wie jemand, der nur Schleierraffungen kennt, ergriff sie das phantastische männliche Ehrenkleid der Urzeit, sondern wie eine echte Frau, die schon wohl erfahren ist in der Garderobe ihres Gatten. Es war hold und rührend, doch ich hatte keine Zeit, darüber nachzudenken. Sie stand da, um mir in den Rock zu helfen, nachdem sie das Licht und Glätte verbreitende Ei irgendwohin fortgelegt hatte. Ich sprang vom Bett, trat in meine Schuhe und schlüpfte in den Schwalbenschwanz. Wie schrecklich, daß ich nicht einmal Kamm und Bürste besaß, ich schäbiger alter Bursche.

»Was haben Sie vor, Lala«, fragte ich, »wohin? ...«

»Gibt es einen andern Platz für mich als den einen?« erwiderte sie auch mit einer Frage.

Ich hatte versucht, mit den nackten Händen mein trocknes, zausiges Haar in Form zu bringen:

»Warum soll es für Sie, Lala, nur einen Platz auf dieser Welt geben«, rief ich empört aus.

»Aber es ist ja gerade der Platz, wohin ich will«, sagte sie mit Nachdruck und schloß viel leiser:

»Ist es denn nicht auch Ihr Platz?«

Nun wußte ich alles. Sie hatte den Dschungel gewählt. Und wenn sie sagte, es sei auch mein Platz, so sprach sie nichts als die volle Wahrheit. Der Dschungel war mein Platz. Er war das Refugium alles Vergangenen, Altertümlichen, Zurückgebliebenen, Primitiven, Traulichen, das in mir lebte. Es war sozusagen meine Zeit inmitten der fremdesten Zukunft. Auch schien er der einzige Weg zu sein, der mir offen stand, um den Abenteuern meiner Forschungsreise zu entkommen und weiter am Leben zu bleiben. Wir würden in einem der weißen Häuschen wohnen, wie ich sie gestern von der Brustwehr aus gesehen hatte, so überlegte ich unaufhaltsam. Es wird sich leicht machen lassen. Wir werden von Milch und Brot leben und vielleicht sogar auch von Eiern. Allmählich wird Lala sich ja auch an die Hühner gewöhnen. Ich könnte Schullehrer werden oder Märchenerzähler oder Ausrufer oder öffentlicher Schreiber, da der Dschungel gewiß von Analphabeten wimmelt. Mein Frack paßt zu all diesen Berufen ausgezeichnet. Im Dschungel war ich zu Hause, ohne Zweifel. Aber war Lala im Dschungel zu Hause? Welche Erniedrigung für sie!

»Lala«, hörte ich mich laut rufen, »seien Sie doch vernünftig. Sie gehören nicht in den Dschungel, in das säuische Getümmel der Urzeit ...«

Wie zur Antwort nahm das Mädchen den ebenholzschwarzen Haubenhelm mit einer seltsam entschlossenen Gebärde vom Kopf und ließ ihn drei Atemzüge lang über ihrem Scheitel schweben. Von einer Fülle schwarzen seidenfeinen Haares zu sprechen, wäre eine Grobheit. Es war eher eine Aura, ein Perisprit, eine Ahnung von dunklem Haar, das Lala zwei Augenblicke mich sehen ließ. Man wird aber begreifen, daß diese Selbstentblößung eines rührend mentalen Gebrechens mich um den letzten Rest meiner Fassung brachte. Nicht nur war für mich Lalas strahlende Schönheit noch unendlich schöner geworden, so daß die gebietende und entfernende Fremdheit durch die Aura von Frauenhaar hinwegschmolz; was geschah, war viel mehr als eine Steigerung des sinnlichen Reizes allein. Ich fühlte in einer unausdeutbaren Weise Lala mir historisch angenähert. Zwischen uns hatte sich eine neue süße Nachbarschaft erschlossen. Ich wußte von Lala, was nur Vater und Mutter von ihr wußten. Sie hatte ihr Geheimnis dahingegeben, um mir zu beweisen, daß sie mehr an meine Seite gehöre als zu Io-Do und den Gecken und Stutzern dieses Zeitalters. Inmitten dieser siriusfremden Welt, in die ich hineingeschneit war, blühte plötzlich eine Vertrautheit und eine Verschworenheit auf, wie sie nur das Weib dem fremden Manne schenken kann. Die Folge war: ich verlor den Kopf. Ich glaubte, es habe 1920 oder 1930 geschlagen. Ich zog Lala an mich, ich küßte sie und empfing ihren Kuß.

Um dieses Kusses willen muß ich hier leider den Roman unterbrechen, damit ich der Reisebeschreibung gerecht werde. Meine Pflicht gebietet mir ja, die wichtigsten Unterschiede zwischen den Anfängen der Menschheit und dieser sehr fernen Epoche festzuhalten. Niemand wird bestreiten, daß der Kuß ein gewiß nicht unwichtigeres Phänomen darstellt als etwa jenes Festmahl nach meinem ersten Erscheinen, dem ich im fünften Kapitel eine so eingehende Schilderung gewidmet habe. Zuvörderst wird es so manchen mit großer Befriedigung erfüllen, daß der Kuß zwischen Mann und Weib von keinerlei Berührungs-Hygiene abgeschafft worden war. Da ich die ganz unerwartete Ehre und das ganz unverdiente, ja schwindelerregende Glück eines Kusses von astromentalem Mädchenmund genossen habe, so darf ich mich billigerweise nicht mit der Schilderung des rein sentimentalen Vorgangs begnügen, sondern muß eine kurze, aber besonnene Analyse einschalten. Man war in diesen Dingen zu meiner Zeit eher heftig und unbeherrscht. Als ich aber Lala so unvermutet, so plötzlich in meinen Armen hielt, verging mir die mitgebrachte Heftigkeit schnell. Wiederum, wie so oft, fühlte ich mich, der ich eigentlich das Gespenst war, als den grobmateriellen und brutalen Part in dieser astromentalen Gemeinschaft. Der Mädchenkörper, der in meinen Armen lag, war so geisterhaft, so schwerelos, so seelenzart, so überfeinert wie es das Auge vorher gar nicht hatte voll erkennen dürfen. So war auch der Kuß nicht wie in der Vor- und Urzeit ein leidenschaftliches Ineinanderschrauben der Lippen usw., sondern nur hauchzarte, elfenmilde Kaum-Berührung der Münder, die der Seele zu empfinden überließ, was der Körper an direkter Befriedigung sich selbst versagte. Man wird mir den Vergleich vielleicht übelnehmen, im Kuß aber offenbarte sich dasselbe Prinzip, das ich im Hinblick auf die mentalen Säftchen und Süppchen schon auseinandergesetzt habe: die Unterschiedenheit von Materie und Substanz: So viel Substanz und so wenig Materie als möglich. Der Kuß selbst, solange er auch währte, war äußerlich wenig mehr als ein Verschmelzen des Atems, eine Annäherung der leiblichen Grenzen – der seelische Vorgang jedoch, der durch diesen keusch beschränkten Kuß ausgelöst wurde, war so übermächtig, daß ich endlich, eine Ohnmacht fürchtend, mich jäh von Lala losreißen und wegwenden mußte. Ja, ich wandte mich ab und schaute krampfhaft in die leere, falsche Nacht des Fensters, um das Mädchen nicht mehr zu sehen. Obwohl solche Geständnisse und gar bei Personen gesetzteren Alters recht peinlich sind, so muß ich doch bekennen, daß ich buchstäblich an meinem ganzen dubiosen Leibe zitterte. Wenn man noch im neunzehnten Jahrhundert auf die Welt gekommen ist, so mag es zur Not hingehen, daß man als mutiger Mann um 1950 herum ein Mädchen küßt; dasselbe aber im Elften Weltengroßjahr der Jungfrau zu tun, das ist absurd, das ist gottverboten.

Schon hatte das unsagbare Entzücken dieses Kusses sich in einen logisch brennenden Schmerz verwandelt. Ich warf mich der Länge nach wieder aufs Ruhelager, mein Auge mit aller Kraft wegzwingend von Schön-Lala, damit ich nicht verloren sei. Dafür aber hielt ich ihr eine lange lederne Rede, und alle Gründe, die ich ins Treffen führte, waren ebenso ausgezeichnet wie sinnlos:

»Ich darf Sie nicht ansehen, Lala«, begann ich, »weil ich sonst sofort mit Ihnen ginge. Aber darf ich mit Ihnen gehen? Denken Sie nach, bitte. Ich bin zwar nicht freiwillig in das Haus Ihrer Eltern gekommen, in das Haus der Hochzeit. Ihr Kreis hat mich zitiert, ohne vorher bei mir anzufragen, was meine Verantwortung aber nicht ganz aufhebt. Denn auch all das, was einem zustößt, steht mit auf der Schlußrechnung. Ich bin Gast in Ihrem Elternhause, ein entsetzlich fremder, befangener und genierter Gast. Wie weit meine Anwesenheit mit dem geschehenen Unglück zusammenhängt, weiß Gott allein. Ich aber war zu lange drüben in der Absenz, um nicht zu wissen, daß solche Zusammenhänge bei weitem nicht so ausgefallen sind, wie die kleinen, matten, sinnlich abgelenkten Geister es annehmen und wünschen. Das Diesseits ist ja der Schatten, den das Jenseits wirft und nicht umgekehrt. Doch ob nun mein Besuch mit Io-Dos Schuß zusammenhängt oder nicht, es wäre ein abscheuliches Betragen, der Nutznießer des Unglücks zu sein und dem flüchtigen Bräutigam die Braut zu entführen, noch ehe der Hochzeitstag aufdämmert. Sowas wäre äußerst unappetitlich gewesen, pfui Teufel noch einmal, selbst in den allerersten Anfängen der Menschheit, in den Epochen von Pfeil und Bogen, von Dolch und Degen, lang vor der geliebten Eisenbahn. Wenn ich von meinen Jahren spreche, Lala, dann lachen Sie Ihr silbern mentales Lachen. Aber ich habe nicht mehr das Recht, mein eigenes Glück und meine eigene Trunkenheit zum Mittelpunkt der Welt zu machen. Oh, ich hab's getan in meinem Leben immer und immer wieder. Ich verzichte nicht auf das Recht, in Sie verliebt zu sein, meine Lala. Das Recht aber, daraus egoistische Konsequenzen zu ziehen, hab ich nicht mehr. Als ein Revenant bin ich dazu verpflichtet, alles zu vergessen, was sich zwischen uns begeben hat, selbst den Kuß, den ich nie vergessen werde ... Es geht um Ihre Zukunft. Ein wenig ist mir aber auch um mich selbst angst und bange. Wissen Sie, was Sie vorhin getan haben, mit Ihrem leuchtenden Ei, süßes Kind? Sie haben mich direkt aus dem Fegfeuer geweckt. Dort scheint meine eigentliche Residenz zu liegen. Dort hänge ich teils als Gewissensbiß im Leeren, teils krieche ich herum als Tausendfüßler der Schuld, um mich und meine andern Mordopfer auszugraben, die ich irgendwo verscharrt habe. Wenn ich mit meinem Bäuchlein auch nicht ausschaue wie ein Verführer, Lala, glauben Sie's mir, man ist in der Urzeit mir nichts dir nichts zum Blaubart geworden. Auch jetzt haben nicht Sie mich verführt, wie ich Ihnen gerne weismachen möchte, sondern ich Sie, weil der Mann schon dadurch verführt, daß er begehrt. Ich will aber niemanden mehr verscharren müssen, niemanden mehr und am wenigsten Sie, Schön-Lala ...«

Während ich wirren Sinnes und schweren Herzens dieses Gestammel hervorbrachte, meine Augen auf die weiße Wand gerichtet, war mir's, als hörte ich viele Schritte. Sie schwiegen nicht, als ich meine Rede abbrach, sie wanderten auf und ab, draußen im Labyrinth und innen in mir. Hingegen schwieg sehr höhnisch der Raum, in dem ich lag. Plötzlich empfand ich eine wilde Angst, die göttlichste Gelegenheit meines Lebens verworfen zu haben.

»Gehen wir, Lala«, schrie ich beinahe auf und sprang vom Bette. Doch wo war Lala? Meine moralisierende, säuerliche Rede hatte sie mit Recht vertrieben. Die göttliche Gelegenheit war versäumt für immer. Meine Anständigkeit als Gast und gesetzter Ehrenmann blieb gewahrt.

 

Schlaflos starrte ich in die Luft. Gott weiß wie lange. Es wuchs in mir immer unwiderruflicher der Entschluß, meinem astromentalen Abenteuer ein Ende zu machen. Wie das geschehen sollte, das wußte ich nicht. Es gab nur eines: »Fortgehen«. Im Hause der Hochzeiter hielt es mich nicht länger. Ich werde einfach gehen und gehen und gehen und irgendwo hinkommen. So dachte mein strapaziertes Gehirn. Ich werde niemanden mehr sehen und sprechen, vor allem nicht B.H. Der Wiedergeborene nämlich, mein bester Freund, würde mich überzeugen, würde mich überreden, würde mich zwingen, hierzubleiben, obwohl mein Aufenthalt zwecklos geworden war für alle Teile, zwecklos für das zerstörte Hochzeitsfest und zwecklos für mich, denn ich hatte genug gesehen und gehört. Ich hatte in einer Handvoll Stunden alles gesehn, gehört, gefühlt, was neu und wesentlich war in dieser astromentalen Welt, vorzüglich aber den Djebel und das All, welches er umschloß. Das einzige, was ich nicht gesehn hatte, war jene Institution, die man dunkel und wahrscheinlich euphemistisch den »Wintergarten« nannte. Wenn ich meine geheimsten Empfindungen prüfte, so war ich noch immer neugierig, diese Institution kennenzulernen, in welcher sich die Epoche zu vollenden schien, wenn ich auch nicht im mindesten ahnte, wie. Doch nichts Sehens- und Wissenswürdiges dünkte mich nun, da Lala gegangen war, wertvoll genug, um mich neuen Lebenskonflikten auszusetzen und meine arme Seele, die es schwer genug hatte in ihrem gewohnten Fegfeuer, mit neu akquirierten Schwierigkeiten zu belasten. Unter all diesen wolkigen Überlegungen herrschte in mir eine qualvolle Unruhe, die ich nicht besser bezeichnen kann als: zielloser Fluchttrieb. Ich fühlte in meiner Tasche das Reisegeduldspiel, doch wollte ich es keineswegs benützen. Ich wollte gehen und gehen. Wenige Sekunden später schon stand ich im Garten unter den Lederlaubbäumen mit den regungslosen Wachsblüten. Die Riesenmotten gaukelten und zwitscherten erregt zu dieser Stunde. Ich trat durch die Gitterpforte ins Freie, das heißt ins Öde.

Es mochte fünf Uhr früh sein. Das erste Morgengrauen hob an, sich bemerkbar zu machen. Herzwürgend war diese Leere der astromentalen Erde. Es gehörte starke Einbildungskraft dazu, sich unter dem eisengrauen Rasen von Horizont zu Horizont das Labyrinth der lebendigen Panopolis mit ihren tausend Teilstädten vorzustellen. Ich selbst verlor fast den Glauben an die Existenz der Allstadt, obwohl ich soeben aus einem ihrer Häuser hervorgetaucht war. Noch niemals war mir die Erde so sehr als einsamer Planet erschienen wie in dieser Aprildämmerung. Trotz der Millionen Menschen und ihrer hochentwickelten Geistes- und Seelenkräfte tief unter der Rasendecke, auf der ich dahinschritt, kam Gäa oder Eva mir verlassener vor als Johannes Evangelist und Apostel Petrus. Wie gerne hätte ich jetzt zwei Melangeloi des Erdplaneten zu Begleitern gehabt. Die Engel drückten sich aber im Augenblick oder gaben sich nicht zu erkennen. Da dachte ich an den Dschungel. Vielleicht war der Dschungel wirklich ein neuer Besserungs-Versuch, den Gott mit den Menschen anstellte nachdem Experiment 7958 (Astromentalismus) wieder nicht geglückt war. Hatte Minjonmans Sohn recht, den Dschungel für die Grundlage der Erneuerung zu halten? Meine Hand zuckte nach dem Reisespielzeug. Der Dschungel war mein Platz. Lala hatte es richtig erkannt. Nein, nein, der Dschungel ist alter Mist. Mir standen ja drei andere Refugien offen, sollte es nötig sein. Der Großbischof und König Saul hatten sie mir angeboten, und der Hochschwebende würde mich gewiß nicht abweisen. Während meine Gedanken vertrauensvoll diese drei Persönlichkeiten suchten, hatten meine Füße zu meiner Freude einen schmalen, ausgetretenen Pfad im eisengrauen Rasen entdeckt. Den gingen sie morgendlich munter entlang, ohne zu wissen wohin.

Vor mir erhob sich ein silbriger Dunst, wie ich ihn noch nie erlebt hatte. Das war nicht der feuchte Dämmernebel, der einst vor Sonnenaufgang von der Erde aufzusteigen pflegte. Es war die Ausdünstung oder die Emanation des grauen Rasens, eine Art von elektrisch nervösem Tau, der ein wenig an den Qualm des Mare Plumbinum erinnerte, nur daß er viel feiner und langsamer emporschleierte. Ich hatte ja inzwischen schon lang Sinn und Aufgabe des allumspannenden Rasens kennengelernt. Wenn er, oberflächlich betrachtet, das liebe grüne Gras der Vorzeit zu ersetzen schien, so spielte er doch in Wirklichkeit eine weit wichtigere Rolle: Er war der gemeinsame »Stromleiter« aller Nervenregungen, Gedankenzuckungen, Empfindungswallungen und Willensballungen, welche die mentalen Menschen einander zusandten. Im Bereiche dieses dichten Rasens, der genau die graue Farbe der Nervensubstanz zeigte, war alles Menschliche miteinander seelenhaft verbunden. Die scharf eingestellten Wünsche gelangten mit Leichtigkeit zu den Zusammenstimmern, da der flaschengrüne Glasfluß des Geodroms alle Ströme, die ihm der Rasen zutrug, verstärkte und aufs deutlichste auseinanderhielt. Das war der Grund, weshalb man jenseits des eisengrauen Rasens, das heißt jenseits der Kulturwelt, die Ziele viel schwerer oder gar nicht auf sich zu bewegen konnte. Die Hügel und Berge der Dschungel zum Beispiel mußte man, wie wir es bald selbst erleben werden, mit eigener Kraft erkraxeln oder mittels Rad und Achse befahren.

Während ich so in dem silbernen Morgendunst der Panopolis dahinschritt, des Pfades nicht achtend und des Zieles völlig ungewiß, wuchs plötzlich, keine dreißig Schritte entfernt, gegen den immer helleren Horizont eine feine Gestalt auf, die mein Herankommen gelassen erwartete. Ich war durchaus nicht darauf vorbereitet, zu dieser Stunde der Ahnfrau im Freien zu begegnen. Ich muß gestehen, ich habe im Leben selten eine Schönheit angetroffen, die in solcher Harmonie mit Zeit, Ort und Licht gekleidet war wie GR3 im Hinblick auf diese Morgendämmerung. Sie war um und um in silberne Schleier gehüllt, als sei sie selbst nichts anderes als ein Sinnbild der mentalen Vortagsstimmung. Ich darf den hohen, stilisierten Hirtenstab nicht vergessen, auf den sie sich nonchalant stützte. Er war mit einem Bouquet der rostroten Strauchblumen geschmückt.

»Eure Elegance hat sich bereits erhoben«, verbeugte ich mich verlegen, »Madame schläft nicht mehr ...«

»Nein, Madame schläft nicht mehr«, erwiderte GR3 mit ihrem tiefen Alt, der farbigsten Stimme der astromentalen Welt, und wenn ich ihre Elegance recht verstand, meinte sie, daß mit rund zweihundert Jahren der Schlaf ganz und gar überflüssig geworden war.

»Ich möchte Madame bei Ihrem Morgenspaziergang nicht belästigen«, grüßte ich und wollte vorbeigehen, Io-Fagòrs Mahnung eingedenk, die Ahnfrau möge ihre Atmungsorgane schonen.

»Belästigen«, gurrte der satte Kontra-Alt, mich zurückhaltend. »Wer sich spät niederlegt und früh auf ist, weiß mehr als die andern und lebt mehr als die anderen.«

Ich erklärte mit etwas gezwungener Galanterie, daß Madame, würde sie sich auch nicht so spät hinlegen und so früh erheben, unvergleichlich mehr wüßte und mehr erlebte als alle anderen. Die jugendschöne Uralte sah mich an aus den tiefliegenden Augen in ihrem emailleglatten schattenlosen Gesicht. Ich konnte nicht unterscheiden, ob der Ausdruck in diesen Augen höhnisch, traurig, starr, böse oder nur überaus kurzsichtig war:

»Ich weiß zum Beispiel und habe erlebt«, sagte sie, »daß unser Kindchen auf und davon ist ...«

»Unser Kindchen? Wen meint Madame?« stammelte ich, obwohl ich genau wußte, wen Madame meinte.

Die Ahnfrau raffte ihren silbernen Schleier um den makellosen Leib zu einer neuen Faltenverteilung. Es war die charakteristische Attitüde der modernen Weltdame:

»Aus dem Zimmer Seigneurs ging das Kindchen auf und davon, so wie es war, aber vorher nicht gewesen ist ...«

Ich fühlte, wie ich erstarrte und blaß wurde:

»Lala«, stieß ich hervor. »Was soll das heißen, auf und davon? Wohin auf und davon?«

»Wozu fragen, wenn man sich's schon selbst beantwortet hat«, sagte die Ahnfrau, und ihre Stimme war ganz dunkelsamtig von heuchlerisch moralischer Entrüstung. »Es ist der Weg der feinen Kätzchen, es ist der Weg Melbas ...«

»Das darf nicht geschehn«, rief ich, »das kann man nicht dulden, das muß verhindert werden.«

»Wer soll es verhindern, Seigneur«, seufzte die Ahnfrau tief auf.

»Es bleibt nichts anderes übrig«, sagte ich, »ich muß sie zurückbringen. Ich werde sie zurückbringen ...«

»Brav, brav, brav«, gurrte die fürchterlich reizende Alte, »am besten bevor das Haus erwacht, bevor die Stadt erwacht, bevor die Ereignisse beginnen und enden ...«

Es war einer jener Augenblicke, in denen man herumirrt wie in einem Labyrinth. Die Ahnfrau wußte, daß die Braut einen Teil der Nacht in meinem Zimmer verbracht hatte. Sie ließ durchblicken, daß sie glaubte, die Braut habe das Zimmer als eine andere verlassen, als sie es betreten. Was sie wußte oder zu wissen glaubte, würde nach dem Erwachen das ganze Haus, die ganze Stadt zu hören bekommen. Unschuldig war ich somit zum ehrlosen Schurken geworden, der die Gastfreundschaft mißbraucht, der das Kind des Hauses, die jungfräuliche Braut eines andern in seinem Zimmer vergewaltigt, obwohl er nicht einmal den Anspruch darauf erheben kann, ein redlich lebendiger Mensch zu sein. All das war in den Worten von GR3 als erpresserische Drohung enthalten und ließ mir keine Wahl. Sie hatte mich in der Hand. Zugleich aber war etwas ganz anderes in ihren Worten enthalten und schwang mit in dem Ton, mit welchem diese gesprochen wurden. Es war die kupplerische Ermunterung, die göttliche Gelegenheit wahrzunehmen, Lala in den Dschungel zu folgen und dort mit ihr für immer zu verschwinden. Begreift man meine Lage? Ich hatte nur zwei Wege zur Wahl, einen moralischen und einen unmoralischen. Beide aber, der moralische wie der unmoralische, waren ein und derselbe Weg, denn beide führten zu Lala. Es hätte eines stärkeren Charakters bedurft als ihn Benoits Schuldner besaß, um in diesem Fall auch den moralischen Weg, als eine Maskierung des unmoralischen, zu vermeiden.

Die Sonne ging auf, den fremdartigen Dunst zerteilend. Niemals während meines ganzen Aufenthalts war ich mir weniger bewußt, in der vorweggenommenen Gegenwart einer spätesten Zukunft zu leben, als in dieser Minute. Es war reine fraglose Gegenwart um mich, denn Eros kennt keine andere Zeitform. Zugleich aber blinzelte ich zur Sonne auf: Wie wär's jetzt mit einer Herzattacke, mit einer Transparenz, oder noch besser mit der Selbstzerstörung gemäß Urslers erstem grundlegendem Paradoxon? Die Sonne reagierte nicht auf meine Einflüsterung.

Ich drehte mich um. Etwas hatte mich dazu gezwungen. Dort bewegte sich mit schwingenden Schrittchen am blumenbekränzten Stabe GR3 auf unsern Hausgarten zu. Sie glich im silbergrauen Schleierwurf, auf Kothurnen und mit hohem Kopfputz, schlank und geziert, den allbekannten Stichen des achtzehnten Jahrhunderts, auf denen griechische Göttinnen, Nymphen und Dryaden dargestellt sind. Ich schickte ihr eine starke, böse Regung nach. Diese starke, böse Regung traf sie mitten in den schmalen Rücken. Sie wankte vor Schwäche, die Zweihundertjährige, und ich dachte, sie würde umsinken. Doch weit gefehlt, sie sank nicht um. Ich hatte nicht gerechnet mit der willenskräftigen Eitelkeit der astromentalen Menschheit, die in Lalas Ururgroßmama verkörpert war. Die Jugendschöne erfing sich im Nu und verwandelte mit bewundernswerter Geschicklichkeit ihr Wanken und Taumeln in ein leichtgemutes, morgenfröhliches Tänzeln und Schwänzeln.

Sie blieb nicht einmal stehen, um Atem zu schöpfen.

Ich aber griff in die Tasche nach meinem Reisespielzeug.

Ende des Zweiten Teils


 << zurück weiter >>