Jakob Wassermann
Faber oder Die verlorenen Jahre
Jakob Wassermann

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21

Christoph hatte drei schulfreie Tage vor sich. Es war eine Scharlachepidemie ausgebrochen; man hatte die Schule geschlossen. Christoph fand, daß Scharlach eine lobenswerte Institution sei. Er begriff den Schrecken nicht, den das wohllautende Wort verbreitete.

Er war leicht durch Worte zu betören, die schön klangen. Sogar am meisten dann, wenn er keinen bestimmten Sinn mit ihnen verbinden konnte. Er erfand solche Worte; Palufan zum Beispiel. Palufan: der Sonntagsanzug. Die allgemein gültige Sprache hatte dafür keinen Ausdruck; er hatte einen.

Im übrigen war er nicht gut gestimmt.

Seit die Mutter von der Reise gekommen war, den zweiten Tag nun, hatte er sie im ganzen nicht mehr als eine halbe Stunde gesehen. Wohl hatte sie ihn geküßt und in lebhafter Weise geherzt; aber das mochte er nicht leiden; es dünkte ihn nicht vereinbar mit seinen Erfahrungen und seinen Jahren. Zudem war in ihren Liebkosungen etwas gewesen, was ihm zu denken gab, wie wenn sie sich vor ihm hätte verstecken wollen. Er hätte es vorgezogen, wenn sie sich ernsthaft mit ihm auseinandergesetzt hätte. Dazu ließ sie sich nicht herbei. Er kannte das. Sie glaubten das Klügste zu tun und taten das Dümmste. Er sah alles. Er durchschaute sie alle. Man mußte stets auf der Hut sein vor der Heimlichkeit, mit der sie alles betrieben. Die einzige, die ehrlich mit ihm verfuhr, war Fides. Jedoch auch mit Fides war seit einigen Tagen eine Veränderung vorgegangen. Sie wandte immer den Blick weg, wenn er mit ihr redete.

In den Zimmern war es ungemütlich. Niemand kümmerte sich um ihn. Niemand hatte acht auf ihn. Er hörte die Stimme der Mutter am Telephon. Dann ging sie fort. Dann kam, wie gestern schon, ein Mann, der nach dem Vater fragte. Dann kamen Leute, die nach der Mutter fragten. Dann kamen noch zwei Männer und gingen in das Zimmer des Vaters, wo schon jener erste war. Ihre lauten Stimmen drangen bis herüber. Dann kam die Mutter wieder zurück, und Fides war lange bei ihr.

Es hatte etwas Auffallendes, das alles. Man merkte es Christoph an, daß er sich den Kopf darüber zerbrach. Er ließ sich in ein Gespräch mit dem Küchenmädchen Emma ein, die er sonst nicht leiden mochte. Er hielt sie für albern. Er gab ihr zu verstehen, daß er sich in Bälde unabhängig machen werde. Er wolle ausziehen, um ein Abenteuer zu bestehen. Welches? Nun, im Kürschnerhof nebenan schmachte eine Kröte im Keller, die werde er entzaubern. Aber das sei das geringste; ein Anfang.

Nach einigem Nachdenken sagte er vor sich hin: »Eines möcht ich wissen, ob es das wirklich gibt: China, oder ob sie nur so davon reden. Das müßte man mal aus ihnen herauskriegen.«

Plötzlich lauschte er. Herrn Schadenbachs Stimme erschallte im untern Treppenflur. Es klang wie das Gekläff eines bösen alten Hundes. Christoph runzelte die Stirn, öffnete die Korridortür und lauschte. Herr Schadenbach schrie herauf. Er könne sichs absolut nicht gefallen lassen, daß über seinem Zimmer fortwährend Leute herumgingen und laut redeten. In der Tat sprachen die Männer in Vaters Stube sehr geräuschvoll. Aber die Unziemlichkeit und Grobheit der Beschwerde des Herrn Schadenbach erregte Christophs Zorn aufs äußerste. Lange genug hatte sich etwas Entscheidendes in ihm vorbereitet. Er stieg Stufe um Stufe hinab, bis er dicht vor dem Gehaßten stand, legte die Hände auf den Rücken, beugte den Oberkörper nach vorn und schrie seinerseits so stark er konnte: »Tolanzel! Tolanzel! Tolanzel!« Diese vollkommen sinnlose Lautverbindung schien ihm ein solches Maß von Beschimpfung und Verachtung auszudrücken, daß er danach sofort wieder kehrt machte und mit erhobenem Haupt in sein angestammtes Stockwerk zurückstieg. »Das wird er sich merken«, murmelte er befriedigt, »das wird er sich hinter die Ohren schreiben.«

Herr Schadenbach, vor Staunen gänzlich starr, blickte ihm mit hervorquellenden Augen nach so lang er konnte, dann brach er in schmetterndes Gelächter aus. »Lach du nur, Tolanzel«, höhnte Christoph, indem er die Tür zuschlug, »lach du nur; was du bekommen hast, nimmt dir doch keiner weg.«

Etwas später steckte er eine von den Schokoladestangen zu sich, die ihm die Mutter mitgebracht, und ging aus. Er ging in den Kürschnerhof, wo man gewöhnlich Spielgefährten fand. Es war aber nur ein vierzehnjähriger Knabe da, den er kaum kannte und der aus einer Pfütze voll gestautem Regenwasser eine Abzugsrinne grub. Eine schmutzige Arbeit, und schmutzig war auch der, der sie vollbrachte.

Mit studiert unbeteiligter Miene setzte sich Christoph auf einen Prellstein und schaute zu. Da der andere perfid genug war, sich zu stellen, als bemerke er ihn nicht, entschloß er sich, das Gespräch in Gang zu bringen und sagte leichthin: »Heute hab ichs dem Schadenbach ordentlich gegeben.«

Der andere schielte herüber. »Wer?« fragte er geringschätzig; »du? was für einem Schadenbach?«

»Na, dem Dicken, der in unserm Haus wohnt«, erwiderte Christoph in einem Ton, wie wenn er überhaupt nicht wisse, was prahlen sei, zog die Schokolade aus der Tasche und löste bedächtig das Staniolpapier ab.

Der andere räkelte sich träg, machte ein paar gewichtige Schritte, nahm Christoph seelenruhig die Schokolade aus der Hand und verschlang sie. Darauf verfügte er sich wieder an sein Geschäft.

Dies gab Christoph einen hohen Begriff von der Machtgewalt der Vierzehnjährigen. Er war so erschüttert, daß er sich jedes Einspruchs enthielt und stumm einen neuen Interessenkreis aufsuchte.

Er legte sich bäuchlings vor die Kellertür, worin der Vermutung nach die auf ihre Menschengestalt harrende Kröte hauste, aber während sich sein Auge nach unten zu in die Finsternis verlor, begann es über ihm heftig zu regnen, und da es außerdem dämmerte, machte er sich auf den Heimweg. Fides, zum Ausgehen angekleidet, kam ihm entgegen und sagte, sie werde wahrscheinlich erst spät abends nach Hause kommen, sie habe die Emma gebeten, daß sie so lange in der Wohnung bleibe, Christoph möge vernünftig sein, solle ein Buch zur Hand nehmen und um neun Uhr zu Bett gehen. Damit küßte sie ihn auf die Stirn und verschwand.

Christoph schüttelte den Kopf, als er allein war. Es mußte ihm seltsam vorkommen. Noch nie war es geschehen, daß ihn Fides am Abend verließ. Und kaum jemals hatte ihn Fides auf die Stirn geküßt. Derlei Vertraulichkeiten lagen nicht in ihrer Beziehung zueinander. Auch die dunklen Schatten in ihrem Gesicht waren ihm nicht entgangen, die Betrübnis nicht in ihrem Blick. Er dachte nach. Die Stille rings umher wurde ihm lästig, und er fing an, ein bißchen vor sich hinzusummen. Von einer Wohnung im ersten Stock klangen die Akkorde eines Klaviers herauf; dann wurde es abermals ganz still. Dann hörte er die Emma in der Küche mit Geschirr klappern; und wieder Stille. Der Regen hatte eine Weile ausgesetzt; nun plätscherte es von neuem auf die Blechsimse vor den Fenstern, was die Stille nur noch unheimlicher machte.

Christoph saß am Fenster, den Ellbogen aufgestützt, die Wange in die Hand geschmiegt und sah, wie die Regenfäden aufblitzten, wenn sie durch das beleuchtete Fensterviereck schossen. Dies unterhielt ihn einige Zeit, hierauf beschloß er, eine Arche Noah zu bauen. Er stellte vier Stühle so zueinander, daß ein quadratischer Innenraum entstand. In diesen Raum schleppte er seine Bilderbücher, seine Schulhefte, den Mantel, ein Paar Stiefel und als Proviant eine Schachtel. Die verschiedenen Tiere, die in der Arche untergebracht werden sollten, trieb er mit lebhaften Zurufen vor sich her, das heißt, er bildete sie sich nur ein, ärgerte sich aber dabei etwa über den Eigensinn des Kamels oder über das unfolgsame Geflügel. Aus dem Vorzimmer holte er einen alten zerrissenen Regenschirm, klappte ihn auf und befestigte ihn als Dach über der Arche. In die begab er sich selber schließlich, und nun konnte die Sintflut beginnen. Nach einer Weile schien ihn aber dies zu langweilen; er seufzte, nahm den Regenschirm von der Arche herab und marschierte mit ihm in der Stube herum, viele Male auf und ab, wobei er, unter dem Schirm fast verschwindend, einem wandernden schwarzen Pilz glich. Plötzlich sagte er in einem singenden, predigerhaften, unheilvollen Ton: »Das Meer ist da. Große Überschwemmung. Alles fortgerissen. Keine Häuser mehr; keine Menschen mehr. Niemand mehr auf der Welt, bloß ich und der Regenschirm.«

Ein spöttisches Greinen ließ ihn verstummen. Emma war mit dem Abendessen eingetreten. Er runzelte die Stirn, und als sie, während er am Tisch saß und den Reisbrei löffelte, ein Gespräch mit ihm anknüpfen wollte, zeigte er sich ablehnend. Sie war beleidigt und ging.

Und wieder war Stille, und die Zeit lief. Er schaute lange und mit außerordentlicher Gespanntheit auf das Zifferblatt der Pendeluhr, so lange, bis der große Zeiger von halb neun auf neun vorgerückt war. Er hatte, zu seiner Befriedigung, die ruckartige Fortbewegung deutlich beobachten können; aber den kleinen Zeiger gleichsam zu erwischen, das gelang ihm nie. Ragun hieß diese Pendeluhr in seinem Privat-Idiom, ein Versuch, ihre im Grunde sehr geheimnisvolle Beschaffenheit phonetisch wiederzugeben.

»Kannst du nicht mit mir reden, Ragun?« sagte er zu der Uhr hinauf.

Der große Zeiger kroch weiter; Ragun erwiderte nichts. Da schob Christoph einen Stuhl zur Wand, stieg hinauf und brachte das unermüdliche Schwinggewicht zum Stehen. Er erschrak, wahrscheinlich, weil durch das plötzliche Aufhören des Uhrgeräusches die Stille auf einmal ungeheuer wurde. »Jetzt ists aus mit dir, Ragun«, sagte er mit ein wenig furchtsam klingender Stimme; »jetzt bist du tot, jetzt gibts keine Zeit mehr.«

»Was tust du denn, Christoph?« fragte eine andere Stimme, und er drehte sich so jäh um, daß er beinahe vom Stuhl gefallen wäre. In seinem Eifer hatte er nicht gehört, daß sein Vater die Tür aufgemacht hatte. Er war eben heimgekommen und hatte durch die Türritze noch Licht bei Christoph gesehen.

Wunderliches geschah. Christoph, dieser starke Charakter, Feind jeder Gefühlsschwäche, stürzte dem Vater an den Hals, klammerte sich fest an ihn an und schluchzte aus innerster Brust.

Faber, dem es, seinem Aussehen nach zu schließen, selbst nicht übermütig zu Sinn war, erschrak. Der Zusammenhang zwischen diesem heftigen Ausbruch von Schmerz und dem Hantieren an der Uhr, bei dem er den Knaben betroffen, war ihm nicht ohne weiteres klar. Anscheinend dachte er über die tiefere Ursache nach, und seine Miene wurde schuldbewußt. Mit weicher Hand strich er Christoph über das Haar, indem er das tränengebadete Gesicht an sich drückte. »Na, mein lieber Bub«, sagte er, »was ist denn gar so schlimm? Du mußt nicht weinen. Warum bist du denn nicht ins Bett gegangen? Wo ist denn Fides? Warst du denn allein?« (Nicken.) »Ganz allein?« (Nicken.) »Das ist freilich übel, aber deshalb mußt du nicht weinen. Schau, wir Männer weinen nicht, auch wenn uns noch so miserabel zumut ist. Wir müssens hinunterschlucken; wir müssen tapfer sein. Die Welt verlangt es von uns. Na ja, ich weiß, du bist ja ein tapferer kleiner Gesell, das ist allbekannt, und mir scheint, ich und du müssen zusammenhalten, viel mehr, als wirs bis jetzt getan haben. Ob du mich brauchen wirst, das kann ich natürlich nicht sagen, aber ich werde dich auf jeden Fall brauchen.«

Unter solchen Worten und noch andern, die Christoph sichtlich sehr beglückten, so daß durch seine Tränen sehr bald ein halb stolzes, halb neugieriges Lächeln schimmerte, zog ihm Faber die Schuhe, den Anzug, die Strümpfe, das Hemd aus, ließ ihn in das Nachthemd schlüpfen, brachte ihn zu Bett und blieb, die Hand des Kindes in seiner haltend, am Bettrand sitzen, bis es eingeschlafen war. Dann drehte er das Licht aus und verließ das Zimmer. Eben als er an der Eingangstür vorbeiging, drehte sich der Schlüssel draußen, und Fides kam. Trotz des Schirms, den sie mitgehabt, war ihr Mantel naß vom Regen, auch die Handschuhe waren naß.

»So spät?« fragte Faber.

»Ja ... spät«, erwiderte sie und stellte den Schirm weg. »Schläft Christoph?«

Faber nickte. Erst nahm er einen Anlauf, um zu berichten, was mit Christoph gewesen war, dann unterließ er es.

»Ist etwas geschehen?« erkundigte sich unruhig Fides, die sein Mienenspiel beobachtet hatte.

Er verneinte zögernd. »Nichts von Belang wenigstens«, erwiderte er. »Die Einsamkeit in der leeren Wohnung hat ihm wohl bang gemacht. Ich bin auch erst vor kurzem gekommen. Ich habe nicht geglaubt, daß er so sensitiv ist. Möglich, daß es nicht bloß die Einsamkeit war. Möglich, daß er noch anderes dabei gespürt hat.«

»Einsamkeit, sagen Sie? Emma hat mir versprochen, ihn nicht allein zu lassen ...«

Es erwies sich, daß das Mädchen nach Hause gegangen war. Zehn Minuten später pochte Fides an der Wohnzimmertür. »Ich muß um Entschuldigung bitten«, sagte sie eintretend und blieb an der Tür stehen, »muß mein Fortgehen erklären. Ich war draußen bei der Fürstin. Ich wollte sie sehen. Nur sehen. Nur ein paar Stunden in ihrer Nahe sein. Bei ihr sein, das gibt Kraft. Ich hätte sonst nicht genügend Kraft gehabt für ... für das alles.«

Sie hatte sich in der kurzen Zeit umgekleidet. Sie trug ein dunkelbraunes Hauskleid mit großen Stoffknöpfen und einer weißen Halskrause, so daß sie Ähnlichkeit mit den Frauen auf Bildern von van Eyck hatte, ein Eindruck, der noch verstärkt wurde durch das Oval ihres Kopfes und die unmodern glatte Frisur, die aber die Stirn freigab und sie wie eine Elfenbeinplatte leuchten machte.

»Wollen Sie sich nicht setzen?« fragte Faber, an ihrem Gesicht vorbeisehend.

Sie schüttelte den Kopf und fuhr fort: »Ich habe den heutigen Abend dazu gewählt, weil ich wußte, daß Martina den ganzen Abend beim Minister ist, um das neue Bauprojekt mit ihm zu besprechen. Es sind auch verschiedene Sachverständige und zwei englische Herren dort; die Sitzung wird wahrscheinlich bis in die Nacht dauern. Martina bringt die Erklärungen und Vollmachten der englischen und amerikanischen Brudergesellschaften mit. Da konnte ich also, wenn ich Glück hatte, mit der Fürstin allein sein, und ich hatte Glück. Sie war noch müde von der Reise und hatte sich zurückgezogen, aber als sie hörte, daß ich da sei, ließ sie mich in ihr Zimmer kommen.«

Sie erzählte dies in eigentümlich mattem Ton, wie für sich hin, blickte kaum einmal empor, und ein seltsam befangenes Lächeln, eine Andeutung von Lächeln nur, zuckte bisweilen um ihren Mund. »Ich hatte die Fürstin schon viele Wochen nicht gesehen«, begann sie wieder; »ich hatte schon ganz vergessen, wie wunderbar es ist, wenn man bloß in ihr Gesicht schauen darf. Ich fragte sie: darf ich eine halbe Stunde dableiben? Sie lag auf einem Feldbett und forderte mich auf, ich solle mich neben sie setzen. Das tat ich auch und saß da und schwieg, und sie hatte nichts dagegen, daß ich schwieg. Nach langer Zeit nahm sie meinen Kopf zwischen ihre Hände und sagte: du bist in einer Not, Kind, in einer großen Not, kommt mir vor. Ja, sage ich, in einer recht großen Not. Erleb es zu Ende, sagte sie, erleb es so wahr als du irgend kannst zu Ende; wenn du ganz aufrichtig, ganz ohne Lüge gegen dich selbst bist, kannst du nicht fehlgehen. Das will ich tun, sag ich und bitte sie nur, mich noch bei ihr zu lassen. Sie hat ein kleines Harmonium in ihrem Zimmer, und sie beherrscht das Instrument wie eine Meisterin. Selten spielt sie, das weiß ich; heute hat sie sich hingesetzt und hat leise gespielt, eine alte italienische Kantate. Darnach küßte ich ihr die Hand und ging.«

Faber schaute vor sich nieder und sprach nicht. Auch Fides schwieg nun. Aber es war, als erwarte sie eine Frage von ihm. Die Frage kam auch, obschon erst nach geraumer Weile. »Und Martina?« fragte er dumpf.

»Martina, gewiß«, nickte sie. »Mein Gott, was für zwei Tage waren das! Ich hatte ein Gefühl wie vor schwerer Krankheit; noch jetzt, noch jetzt. Sie ist doch das allermerkwürdigste Wesen auf der Welt. Kein Zweifel, sie hat alles gewußt, alles gespürt, sobald sie nur die Schwelle überschritten hat. Ich kann nicht ausdrücken, wodurch ich es so bestimmt empfunden habe und was es eigentlich an ihr war, aber es war eben. Ich kenne sie so genau; ich kenne jeden Zug an ihr, jeden Schatten an ihr, und ich täusche mich nicht.«

»Mir ist es ebenso gegangen«, sagte Faber, und plötzlich loderten seine Augen mit einer scheuen, tiefen Glut zu ihr auf; »aber Sie waren doch mit ihr, Fides, Sie haben doch mit ihr gesprochen ...«

Fides, kaum merklich die Schultern zurückziehend, als wolle sie sich verbergen vor seinem Blick, antwortete: »Gesprochen, ja; das heißt, sie hat mich gefragt, was ich während ihrer Abwesenheit gemacht habe, wie ich mirs eingerichtet habe, wollte alles bis ins kleinste wissen, den Küchenzettel sogar. Aber nur solche Dinge. Da war kein Herankommen. Als stünde man vor einem eisernen Tor. Wenn ich dann anfangen wollte, etwas von dem nur anzudeuten, was mir auf der Seele brannte, nur den leisen Versuch machte, von dem zu reden, was nun zwischen uns liegt und was ich lieber nicht wüßte, nie hätte erfahren mögen, so wartete sie das zweite Wort nicht ab, erzählte gleich von der Reise, von der Fürstin, und wie man die geehrt, von den komischen Sitten in England, von einem Lord, der sich in sie verliebt, und so weiter; alles mit dem sonderbaren Flirren in den Augen und mit dem ganz hohen Lachen, das sie hat, wenn sie sehr erregt ist und es um keinen Preis merken lassen will. Auch schaute sie sich oft so fremd im Zimmer um, in ihrem eigenen Zimmer, sah mich so fremd an, und wars auch bloß eine Sekunde lang, es war doch beinah unheimlich. Gestern schon, und heute wieder. Dabei erwähnte sie Sie nicht ein einziges Mal, während sie früher in jedem unserer Gespräche, wo sich der geringste Anlaß bot, mit einem Scherz oder einem Seufzer Ihren Namen genannt hat. Es war ihr ganz selbstverständlich, zu sagen: und Eugen. Begreifen Sie, was ich meine? und Eugen. Dieses Und; als wärs nicht mehr da, das Und.«

»Kann schon sein, daß es nicht mehr da ist«, sagte Faber mit Bitterkeit. »Das Schicksal hats vielleicht ausgestrichen.«

»Und Sie ...«

»Nein«, fiel ihr Faber ins Wort, denn er erriet, was sie sagen wollte. »Nein. Nicht eine Silbe. Wir haben uns begrüßt. Sie war sehr lieb mit mir; sehr lieb. Stand vor mir da, die Arme waren ihr so schlaff, oder schiens mir nur so. Sprechen? Aussprechen? nein. Womit beginnen? Die Barrikade wird immer höher. Die ungesagten Worte liegen darauf wie Leichen. Ich habe mich aus dem Staub gemacht. Feigling. Verliert ein Mann seinen Vorteil, wird er gleich zum Feigling. Helden sind wir nur allenfalls mit der Faust. Handeln Sie für mich, Fides, sonst weiß ich nicht, wies enden soll.«

»Enden?« fragte Fides verstört zurück; »hat es nicht schon geendet? oder kann da noch ein Anfang sein?«

Sie schraken beide gleichzeitig zusammen; draußen ging die Tür; leichte rasche Schritte; Martina kam herein.

Sie behielt die Klinke in der Hand; ein blitzschneller Blick der lohbraunen Augen zu Faber hinüber, ein anderer zu Fides hinüber, dann erst kam sie ganz ins Zimmer. Die beiden Blicke hatten etwas Auffälliges nur bei schärfster Beobachtung; es lag schwerlich in Martinas Absicht, eine Regung der Verwunderung, der Neugier oder gar des Befremdens zu zeigen, obschon die Art, wie Fides und Eugen einander gegenüberstanden, das sichtliche Verstummen, das Martinas Eintreten bewirkt, ungewöhnlich und hintergründig in jedem Fall erscheinen mußte. Während sie die Tür schloß, den Mantel abstreifte, den Hut abnahm, schaute sie nicht empor, und man konnte auch nichts von ihren Zügen ablesen, die etwas Gesammeltes und Gedankenvolles hatten.

»Ach, dieser Fleming«, plauderte sie mit leisem Lachen, »was er alles redet. Ihr müßt nämlich wissen, er hat mich nach Hause begleitet. Und er war galant, o wie galant. Er war mit beim Minister; als Dolmetsch für unsere Engländer; er spricht ja glänzend englisch. Er übertreibt sogar. Ich glaub, in England selber sprechen sie nicht so gut. Überhaupt ein Mann, der alles ausgezeichnet macht, was er macht. Wirklich. Ja, die Fürstin hat ihn gebeten, unser Dolmetsch zu sein, und die englischen Herren waren ganz weg. A charming fellow, haben sie gesagt. Das ist doch das höchste, was ein Engländer sagen kann. Nicht?« Und wieder lachte sie.

»Hast du gegessen, Martina?« erkundigte sich Fides; »das muß man bei dir immer fragen. Willst du etwas? Tee? Tee und Biskuit?«

»Nein, Liebste; ich bitte dich, nichts, gar nichts«, antwortete Martina beschwörend; »im Tee, das kannst du dir denken, bin ich dort drüben in England beinahe ertrunken. Ach, wie müd, wie müd!« Mit komischer Schwerfälligkeit fiel sie in einen Fauteuil. Aber je länger sie sprach, je angeregter schien sie, nur der Blick gewann immer mehr etwas Verlegenes, ja etwas Leeres. »Daß ichs nicht vergesse«, wandte sie sich an Eugen, »er läßt dich übrigens bitten, dein Freund Fleming, ob du ihn nicht morgen nach Tisch erwarten möchtest. Er sagt, er hat etwas Wichtiges mit dir zu reden.«

»So? etwas Wichtiges? Was mag denn das sein?« versuchte Faber zu scherzen.

»Mein Gott, ja, er hat mirs gesagt; es ist da in einer Zeitung ein Aufruf erschienen. Ein Aufruf gegen die Kinderstadt. Philanthropisches Theater heißen sie es, sagt Fleming ganz entrüstet. Da soll auch dein Name dabei sein. Sie finden, es ist eine sündhafte Geldverschleuderung. Blendwerk, finden sie. Hast du das gehört, Fides? Eine Zeitung schreibt so etwas! Ist es möglich, Eugen, daß da dein Name dabei ist? Gelt, nein?«

Wiederzugeben, mit welcher Miene sie das vorbrachte, mit äußerer Leichtigkeit und Belustigung und innerer verhaltener Angst, und wie dabei die biegsame, mädchenhafte Stimme bald in hohe, bald in tiefe Lagen glitt, wäre vergebliche Mühe. Faber verfärbte sich und gab keine Antwort.

Martina schaute ihn erstaunt an; hinter dem Erstaunen war Kummer; dann senkte sie den Kopf. »Jetzt geh ich schlafen«, rief sie plötzlich, sprang empor und schüttelte über die Stirn gefallene Haare zurück; »gute Nacht, Fides; gute Nacht, Eugen.« Damit eilte sie hinaus, fliehend fast.

Fides und Faber sahen einander an. Aber es wurde kein Wort mehr zwischen ihnen gewechselt. Sie trennten sich sogar ohne Gruß.


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