Jakob Wassermann
Das Gold von Caxamalca
Jakob Wassermann

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24

  Die Ritter, zu denen auch Garcia und ich uns gesellt hatten, waren auf einer Seite der Halle zusammengedrängt, und ich glaube, daß selbst die Herzhaftesten einen Schauer verspürten, als sie die völlig versteinerten Peruaner erblickten.

Plötzlich erhob Atahuallpa die Augenlider und schien uns damit erst zu gewahren. Sein Blick war wie ein heißer Strahl, ich mußte die Augen in andere Richtung lenken, und sie blieben auf den geröteten fleischigen Ohren des Generals haften, der sich dicht vor mir befand. Atahuallpa stand auf, und in seinem Ebenmaß und seiner stolzen Würde war er unbeschreiblich schön anzusehen; das rote Licht der Fackeln umzuckte sein bräunliches Gesicht, und das scharlachne Kleid, das die schlanke Gestalt umschloß, verlieh der Erscheinung etwas Glühendes.

„Ihr Männer, sagt mir doch, wo kommt ihr her?“ begann er leise und mit grüblerischem Ausdruck; „was ist es für ein Land, in dem eure Heimat ist? Sagt mir doch, wie es beschaffen ist und wie ihr es anstellt, darin zu leben: ohne Sonne?“

„Wie denn, ohne Sonne?“ fragte Andrea della Torre verwundert; „meinst du denn, daß bei uns ewige Finsternis herrscht?“

„So muß ich annehmen, da ihr der Sonne den Krieg erklärt habt“, antwortete Atahuallpa.

„Du und die Sonne, ihr seid also eins?“ rief Don Almagro spottend.

„Seit vielen tausend Jahren“, nickte der Inka; „meine Ahnen und ich, seit die Kornfrucht in diesem Lande wächst.“

Es entstand eine Stille, in welcher wir den Pater Valverde draußen beten hörten.

„Meine Ahnen werden kommen“, sagte Atahuallpa geheimnisvoll; „die nicht zu Staub zerfallen sind, werden kommen und mich begrüßen.“

Alle schauten ihn erstaunt an.

„Aber ihr antwortet mir nicht“, begann er wieder und blickte rundum; „warum schweigt ihr auf meine Frage? Scheint denn bei euch dieselbe Sonne? Ihr müßt euch täuschen, es muß eine andre sein. Ist sie denn nicht erzürnt, wenn ihr die Kleinodien zerstört, die der Fleiß eurer Handwerker geschaffen hat? Verfinstert sie sich nicht, wenn ihr die geheiligten Frauen anrührt? Was habt ihr für Gesetze, was habt ihr für Bräuche? Gibt es Gestalten bei euch, die unberührbar sind? Kennt ihr denn das Unberührbare, da eure Hand doch vor nichts zurückschreckt und alles berührt?“

Er streckte beide Hände mit an den Leib gedrückten Oberarmen flach aus wie zwei Schalen, als wolle er die Antwort darin empfangen. Aber es kam keine Antwort. Es war ein so atemloses Schweigen eingetreten, daß es beinahe gespenstig wirkte.

„Ich wollte ergründen, was euch so stark macht“, fuhr er sinnend und mit gesenkter Stirn fort, „und ich glaube, ich habe es ergründet. Es muß das Gold sein. Das Gold verleiht euch den Mut, alle Dinge zu berühren und euch alle Dinge anzueignen. Und indem ihr die Dinge gewinnt, zerstört ihr jedes Dinges Form. Das Gold verwandelt eure Seele, das Gold ist euer Gott, euer Erlöser, wie ihr es nennt, und wer ein Stück davon besitzt, der ist gefeit, der meint die Sonne zu besitzen, weil er eine andere Sonne nicht kennt. Ich verstehe es nun genau, und ihr dauert mich, ihr Sonnenlosen.“

Der General drehte sich zornig um; Don Almagro erhob drohend den Arm; die Ritter murmelten unwillig. Draußen befahl Pater Valverde den Soldaten, daß sie den Scheiterhaufen anzünden sollten. Da geschah es, was zeit meiner Tage nicht mehr aus meinem Innern weichen wird, das grausig Geisterhafte.


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