Jakob Wassermann
Das Gold von Caxamalca
Jakob Wassermann

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Vom sechsten Tag ab übertrug mir der General die Bewachung des Inka, und zur Erfüllung dieses wichtigen Amtes erhielt ich den Befehl über fünfzehn der verläßlichsten Soldaten.

Ich konnte nun den Gefangenen zu jeder Zeit und aus nächster Nähe beobachten. Er seinerseits schenkte mir keinerlei Aufmerksamkeit; nur für einen einzigen unter uns schien er etwas wie Sympathie zu empfinden, nämlich für Hernando de Soto, der denn auch stets Zutritt bei ihm hatte. Der General sah es mit günstigen Augen, weil er auf diese Art
Gelegenheit erhalten wollte, sich über die Gedanken und Pläne des Inka zu unterrichten. De Soto gab sich viele Mühe mit ihm; seine Versuche, ihm unsere Sprache beizubringen und sich ihm verständlich zu machen, schlugen nicht gänzlich fehl.

Atahuallpa verbrachte die Nächte fast ohne Schlaf, mit gekreuzten Beinen auf den Fliesen kauernd. Es war, als geize er mit jedem Schritt und jeder Bewegung seiner Hand. Von den Speisen, die ihm vorgesetzt wurden, berührte er nur, was er zur Nahrung dringend bedurfte. Seinen Frauen schenkte er keinen Blick. Nur mit dem Prinzen Curacas sprach er bisweilen leise.

Der General erwies seinem königlichen Gefangenen eine überlegte Rücksicht und bemühte sich, den Trübsinn, der sich trotz des künstlichen Gleichmuts in seinen Mienen zeigte, zu verscheuchen. Bei seinem Kommen erhob sich der Inka und schaute ihn an, fragend, wartend, glühend, kalt.

Einmal geschah es, daß ihn Pizarro durch den Mund des Dolmetschers bat, sich von seinem Unglück nicht entmutigen zu lassen; zwar teile er das Los aller Fürsten, die sich den christlichen Männern widersetzt hätten, und dafür habe ihn der Himmel bestrafen wollen; aber die Spanier seien ein edelmütiges Volk und übten Gnade gegen die, die sich ihm reuig unterwürfen.

Da sah ich, und der General bemerkte es wohl ebenfalls, daß der Inka die goldne Schnalle an seinem Schuh betrachtete und daß das sonderbare Lächeln über seine Lippen glitt, von dem ich bereits gesprochen habe. Hierauf hob er ein wenig die linke Hand, und der Prinz Curacas, der neben ihm stand, ließ sich auf die Knie nieder und berührte die kaum ausgestreckten Finger bebend-zaghaft mit den Lippen.


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