Jakob Wassermann
Das Gold von Caxamalca
Jakob Wassermann

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Wir nahmen ehrerbietig Abschied von Atahuallpa und ritten mit ganz andern Empfindungen als noch vor Stunden zu den Unsrigen zurück. Wir hatten den Inka inmitten seiner Heeresmacht gesehen, gegen die zu kämpfen ein sinnloses Unterfangen war. Dreihundert waren wir an Zahl; weitere dreihundert erwarteten wir als Verstärkung aus San Miguele; was sollten sechshundert ausrichten wider die Myriaden? Das peruanische Lager hatte uns einen Glanz und Reichtum gezeigt, der unsre Bangigkeit erregte vor den Hilfsmitteln des bisher gering geschätzten Volkes; zudem eine Zucht und Gesittung, die einen ungleich höheren Kulturzustand verrieten als alles, was wir in den Gegenden der Küste erfahren hatten.

Gold hatten wir genug und übergenug erblickt. Meine Augen hatten nicht ausgereicht, es zu erfassen. Die Fama hatte wahrlich nicht gelogen und nicht einmal übertrieben; kein Zweifel, daß wir an das Ziel unserer glühenden Wünsche gelangt waren, als wir den Fuß in das Innere dieses Zauberlandes gesetzt hatten. Aber wie sollten wir uns des Goldes bemächtigen? War es nicht noch grausamer, einen Schritt vor der Verwirklichung des Traumes zu stehen und verzichten zu sollen, als mit der schimmernden Hoffnung zu spielen?

Wir brachten Mutlosigkeit ins Lager mit, und die Kameraden wurden davon angesteckt, ein Gefühl, das sich nicht verminderte, als die Nacht herabsank und wir die Wachtfeuer der Peruaner von den Berghängen herüberleuchten und so dicht wie die Sterne am Himmel blitzen sahen.

Da aber wurde uns erst die eigentümliche Kraft und Kühnheit des Generals zum festen Halt. Ihn erfüllte die Unentrinnbarkeit, in die wir uns begeben hatten, mit Befriedigung. Jetzt waren die Dinge soweit, wie er sie haben wollte. Er ging bei allen Leuten herum und redete ihnen in Gemüt und Gewissen. Sie sollten sich auf sich selbst und die Vorsehung verlassen, die sie schon durch so manche schreckliche Prüfung geführt habe, sagte er; wären ihnen die Feinde auch zehntausendfach an Zahl überlegen, was wolle das bedeuten, wenn der Himmel mit ihnen sei? Er rief ihren Ehrgeiz an und versprach ihnen unerhörte Reichtümer; indem er, wie schon so oft, das Unternehmen als Kreuzzug gegen die Ungläubigen darstellte, entfachte er den verlöschenden Funken der Begeisterung aufs neue.

Dann berief er die Offiziere zum Rat. Wir kamen in das Haus, das er mit seinen beiden Brüdern bewohnte, und da entwickelte er uns den verwegenen Plan, für den er sich entschieden hatte. Er wollte den Inka in einen Hinterhalt locken und ihn im Angesicht seines ganzen Heeres zum Gefangenen machen.

Wir alle erbleichten. Wir suchten ihn davon abzubringen. Wir nannten es ein höchst gefährliches, ja ein verzweifeltes Beginnen. Er aber hielt uns trocken entgegen, ob denn nicht auch unsere Lage eine verzweifelte sei? Ob uns nicht auf allen Seiten der Untergang drohe und es nicht viel zu spät sei, an Flucht zu denken, nach welcher Richtung wir denn fliehen wollten? Die Landschaft selbst habe sich ja in einen Kerker verwandelt. Ruhig zu verharren, sei nicht minder gefahrvoll; den Inka in offenem Felde anzugreifen, Tollheit; bliebe also nur übrig, sich seiner Person zu versichern; hievon erwarte er eine so außerordentliche Wirkung auf das Land, daß alle andern Mittel im Vergleich dazu geringfügig und schwächlich seien.

Ich sehe ihn noch vor mir, wie er düster fragend um sich schaute, die geballte Faust auf dem Herzen. Er erblickte nur gesenkte Stirnen, denn sein Vorhaben flößte uns die größte Besorgnis ein. Doch wußte er, daß er auf jeden von uns zählen konnte, in jedem Fall. Sein Wille war von unwiderstehlicher Gewalt.

Wir zogen uns in unsere Wohnungen und Zelte zurück, aber nicht um zu schlafen. Meine Augen wenigstens haben in jener Nacht von Schlaf nichts verspürt. Ich lag da und lauschte der dunklen Stimme der Erde und den Einflüsterungen des bösen Dämons in meiner Brust. Und so wird es auch mit den andern gewesen sein.


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