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Salzburg

Die Stadt war für mich Österreich. Nicht als bestimmter, fest umrissener Begriff von Land, Staat, Volk, sondern als etwas Unklares, sehr Schönes, das mir aus Vorstellungen, die irgendwoher stammten, vertraut war. Etwas, was ich suchte und nie ganz fand, was mir Verheißungen gab, die sich nie ganz erfüllten, und nach denen ich gerade darum immer Sehnsucht behielt. Alt-Österreich. Vielleicht war es zerrüttet, morsch, ganz so, wie man es in recht ernsthaften Büchern liest, ich sah es nur als Heimat einer freundlichen, abgeklärten Kultur, und mir kam es vor, als könnten Dinge und Zustände, die mir daheim hart und unerträglich schienen, dort drüben lange nicht so drückend, ja nicht einmal so ernsthaft sein …

Für mich klangen heitere, graziöse Melodien um den Namen Österreich, und es roch nach reifem Obst, nach Virginiazigarren und wundervollem Kaffee.

Man kann eine Stimmung nicht erklären und zergliedern; sie ist da und ist viel eindringlicher als klares Wissen. Ich hatte sie von früher Kindheit her.

Irgendwie hingen Gedanken und Träume mit dem freundlichen Österreich zusammen, wuchsen mit mir auf und wurden Wünsche und Erwartungen, die sehr stark und sehr unklar blieben.

Ich war Gymnasiast, als ich zum erstenmal nach Salzburg und also nach Österreich kam; in tiroler Grenzorten war ich freilich schon gewesen, aber das war etwas ganz anderes, nicht einmal sehr eigenartiges.

Aber Salzburg!

Nahe der Stadt fuhr der Zug an langen Parkmauern vorüber, die von kleinen Türmen unterbrochen waren, dann kam eine Biegung, und mit einem Mal lagen Strom, Stadt und Festung vor dem entzückten Blicke.

Ein blauer Himmel wölbte sich darüber, die tiefen und hohen Töne vieler Glocken klangen bald mächtig anschwellend, bald leise verhallend aus der Altstadt, als ich durch zierlich verschnittene Laubgänge des Mirabellgartens schritt.

Oder bummelte.

Denn hier ging und schritt man nicht; eine selige Faulheit überkam einen sogleich, und man mußte sich nicht erst vorhalten, daß Hast und Eile nicht hierher paßten.

Ein schönes altes Bürgerhaus legte sich quer über den Platz, auf den man hinauskam, und riesige, vergoldete Buchstaben, die darauf angebracht waren, verkündeten: Mozarts Geburtshaus.

Da war nun gleich die Stimmung.

Hier war der Urquell einer von aller Erdenlast befreienden Musik, und Sonne, Himmel und weiche Luft gaben einem die fröhliche Bestätigung.

Wie war es warm und behaglich süddeutsch, und wie war es wieder italienisch in den engen Gassen, wo hinter den flachen Dächern der Häuser steile Felswände aufragten!

Und wie katholisch nach alter, nicht neuer, händelsuchender Art; fröhlich, barock und zopfig, mit Posaunen blasenden, jubilierenden Engeln über den Portalen der Kirchen, in denen es still und einladend kühl war, wenn die Plätze draußen unter greller Sonne lagen.

Das Rauschen der Bäume tönte herein, und dem Besucher, dem hier der farbenfrohe Wunderglaube ans Herz rührte, fielen die Augen zu. Trat man wieder hinaus ins grelle Licht, dann tummelten sich Putten und Götter und Rosse noch einmal so lebhaft im frischen Quellwasser, und von den bronzenen Leibern rannen die funkelnden Tropfen.

Und wirklich, vor dem Dome standen in langer Reihe rotbemalte Sänften, Symbole der Zeit, die sich hier erhalten hatten, Symbole einer Faulheit, die hier berechtigt schien.

Erst Jahre später verdrängte sie ein neumodischer Lift, der die Passagiere zum Festungsberge hinaufbeförderte, aber damals standen die zierlichen Dinger, die man sonst nur in Museen sah, auf dem Domplatze.

Ganz so wie Anno Mozart, als sich Ihro Liebden zum Konzerte tragen ließen.

Nun suchte und fand ich aber in Salzburg keine Sehenswürdigkeiten, von denen man sich abwendet, um zu anderen zu gelangen, ich befriedigte keine Schaulust und Neugierde, ich stillte eine Sehnsucht und fand nicht mancherlei, sondern ein Einheitliches: mein selbst geschaffenes oder erträumtes Bild vom alten Österreich.

Dort gewährten mir auch materielle Genüsse eine besondere Freude. Mir hat allezeit eine derbe Knackwurst so viel und zuweilen auch mehr gegolten wie eine Delikatesse, von der ein Hamburger mit Augenaufschlag sprechen kann, aber für den Stil, den Essen und Trinken haben können, hatte ich Sinn.

Eine Flasche Champagner in einer aufgeputzten Bar bot mir nichts, jedoch der goldgelbe Kloster-Neuburger im Peterskeller in Salzburg war ein Genuß, der in der Erinnerung nachhielt. Man mußte über einen weiten Klosterhof gehen, um das kleine, viereckige Loch aufzusuchen, das auf drei Seiten von Klostergebäuden, auf der vierten von einem hohen Felsen eingeschlossen wurde.

Darin standen etwa ein Dutzend Tische mit Bänken davor, und man saß gemütlich eng beieinander, ein kleines Stück blauen Himmels über sich, zu dem die duftenden Wölklein der Virginias emporkräuselten.

Geistliche, Bürger, Offiziere bildeten die Gesellschaft, in der man sich flüchtig fand und doch gleich zusammengehörte. Wer kam, suchte sich nicht einen leeren Tisch, sondern setzte sich neben die anwesenden Gäste und tat nicht vornehm reserviert.

Mir hat dabei einmal ein alter Salzburger Schlossermeister Erinnerungen an seine münchner Gesellenzeit zum besten gegeben, die sich wie Kulturbilder aus längst vergangenen Tagen anhörten. Seine Schilderung der Kürassiere, die von ihren Übungen mit schmetternder Musik so frühzeitig heimkehrten, daß die Herren Wachtmeister immer rechtzeitig zum Frühschoppen eintrafen, klang auch als Urteil über die verflossene Bundestagszeit anregend und reizvoll.

Ein anderes Mal flüsterte uns der Kellner zu, der alte Herr mit den ehrwürdigen weißen Haaren am Tische neben uns sei der berühmte Wiener Professor Hyrtl, der große Anatom und beste Kenner der lateinischen Sprache.

Alle Anwesenden, unter denen es wie ein Lauffeuer herumging, bezeigten in unaufdringlicher Weise ihren Respekt, raunten sich zwischen Gulasch und Zigarre verständnisinnig zu, daß ihr Hyrtl der größte lebende Lateiner sei, und die Hausierer gingen mit tiefen Verbeugungen um den Tisch herum, an dem der Alte saß. Ich kannte ihn zufällig und wußte, daß er Maler und Tapezierer – ich glaube in Altenmarkt bei Trostberg – war. Ich gab aber mein Geheimnis nicht preis, um die netten Leute nicht um ihre landsmannschaftliche Freude zu bringen. Der Herr Tapezierer, dessen lange, schneeweiße Locken wirklich Irrtümer erregen konnten, trat umstrahlt von einer ihn angenehm berührenden Gloriole ab, und mancher der Zurückbleibenden trank noch einen Schoppen Nußberger oder Kloster-Neuburger zu Ehren dieses denkwürdigen Zusammentreffens.

Unweit vom Peterskeller war eine andere Heimstätte echten Österreichertums: das Café Tomaselli.

Hier gab es alle Nuancen des braunen, herrlich duftenden Getränkes, und sein durchdringender, alle Räume erfüllender Wohlgeruch vermengte sich mit dem guter türkischer Zigaretten.

Man saß an schönen Tagen im Freien und sah das elegante Salzburg vorbeiflanieren, kokettierende Leutnants von unwahrscheinlicher Schlankheit, und Damen, denen die gütige Natur zu engen Taillen entsprechende Molligkeiten verliehen hatte.

Typisch war die ruhige, vornehme Heiterkeit, die von ihnen wie von allen Menschen und Dingen dieser Stadt ausstrahlte. Wenn nach einem wohlig verfaulenzten Tage die vielen Turmuhren melodisch zusammenklingend die Feierabendstunde schlugen und die Strahlen der Sonne an den Mauern der Festung verglühten, ging ich dem Bahnhofe zu.

Wo ich an Kasernen vorbeikam, saßen Soldaten in weißen Waffenröcken vor den Toren und schmauchten aus Schwanenhälsen den k. k. Kommißtabak. Auch sie Sinnbilder des Behagens und einer alten Zeit. Kirchen, Häuser und wieder Kirchen spiegelten sich im Strome, wenn ich über die Brücke schritt, und dann führte mich der Zug zurück in die derbe Nüchternheit einer altbayrischen Kleinstadt.

*


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