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Frank Wedekind

Ich kann nicht sagen, daß ich ihn gut kannte, und eigentlich habe ich mehr über ihn als von ihm gehört. Die Künstler des »Simplicissimus« nahmen ihn nicht so ernst wie die Literaten, mit denen ich sprach, wenn sie in die Redaktion kamen. Ich konnte bemerken, daß sie seine Genialität mit besonderer Schärfe hervorhoben, wenn ihre Beiträge abgelehnt wurden. Es war eben manches sonst Unfaßliche begreiflich, wenn statt eines kosmischen Genies ein altbayrischer Grobianus über Feingeistiges zu urteilen hatte.

Da sie es nicht geradeheraus sagen wollten, straften sie mich mit dem Lobe Wedekinds, der als Hieronymus Jobs denn doch anderes geboten hatte als Peter Schlemihl.

Wurden ihre Gedichte angenommen, so führte die Kurve von Jobs zu Schlemihl nicht so tief abwärts.

Es gab viele literarhistorische Anekdoten über den damals noch im kleinen Kreise gefeierten Satanisten, der mit steinerner Ruhe das Bizarrste sagte und über sexuelle Dinge mit einer souveränen Sachlichkeit sprach, als habe er sie erfunden und ihre richtige Anwendung zu überwachen.

Ich sah ihn vor seiner Flucht in die Schweiz, also vor 1898, einige Male in der Ludwigstraße; er saß auf dem Rade und hatte eine blendendweiße Kniehose, dazu lange, schwarze Strümpfe an. Dabei trug er die sieben Bärte, von denen seine Jünger zu sprechen liebten; neben einem Schnurr- und Knebelbarte hingen noch auf jeder Seite des Kinnes je zwei Haarbüschel herunter.

Es war sicherlich eigenartig.

Im November 1898 sah ich ihn auf der Bühne; sein »Erdgeist« wurde zum ersten Male im Münchner Schauspielhause, damals in den Zentralsälen, gegeben.

Er sprach den Prolog mit feierlich schnarrender Stimme, und ich habe den seltsamen Eindruck, den es auf mich machte, noch wohl in Erinnerung.

Das Publikum war von seinem Spiele wie von seinem Stücke befremdet und es gab herzhaften Widerspruch.

Niemand ahnte, daß es eine Abschiedsvorstellung des Dichters war.

Noch während der Aufführung war Holm hinter die Kulissen geeilt und hatte Wedekind eindringlich ermahnt, sofort abzureisen, da die Polizei ihn als Autor des Gedichtes auf die kaiserliche Palästinafahrt eruiert habe. Der Dichter hörte den letzten Pfiff aus dem Parterre nicht mehr; er saß schon in einer Droschke, die ihn zum Bahnhofe brachte. Wedekind blieb nicht lange in Paris; er stellte sich dem leipziger Gerichte und wurde für ein übermütiges, geistreiches Gedicht zu sieben Monaten Gefängnis verurteilt; man wandelte die Strafe in Festungshaft um, und er traf auf dem Königstein noch mit Heine zusammen, der dort oben sechs Monate eingesperrt war wegen einer Zeichnung, die in der gleichen Palästina-Nummer erschienen war.

Ganz gewiß hatte Wedekind Ursache, über die barbarische Strafe erbittert zu sein; er warf seinen Groll aber weder auf die Behörde, die seine Autorschaft durch eine ungesetzliche Handlung ausgeschnüffelt hatte, noch auf die Richter, die einen heiteren Spott mit verständnisloser Strenge beurteilt hatten, sondern auf Albert Langen.

Er glaubte steif und fest daran, daß die Majestätsbeleidigung, die er doch selbst begangen hatte, ein Geschäftskniff des Verlegers zur Hebung der Auflage gewesen sei, daß man seinen Namen dem Gerichte preisgegeben habe usw. Davon ließ er sich nicht abbringen.

In der Unterredung, die ich auf Ersuchen Langens mit ihm darüber pflog, versuchte ich ihn zu überzeugen, daß ein Verleger, der eine gerichtliche Verfolgung als gute Reklame erzwingen wolle, doch nicht so hirnverbrannt sein könne, als verantwortlicher Redakteur zu zeichnen. Er antwortete, ohne eine Miene zu verziehen: »Es gibt Hirnverbranntheiten, die sich besser rentieren als Klugheiten.«

Ich erinnerte ihn daran, daß das Gedicht doch seine eigene Ansicht zum Ausdruck gebracht habe. Wie hätte sie denn Langen erzwingen können? Und wieder kam wie auf der Bühne die Antwort zurück: »Mit der Hungerpeitsche kann man seine Dichter zu jeder Ansicht dressieren …«

Es war keine Unterredung und es war kein Streit, bei dem Behauptungen aufgestellt und widerlegt wurden, es war ein Dialog, bei dem ich lediglich die Stichworte zu fertigen Sentenzen gab. Es war mir unangenehm, einem Manne wie Wedekind gegenüber schlicht bürgerliche Rechtsbegriffe zu erläutern oder als Vertreter der Verlagsinteressen zu erscheinen, und wir brachen das Gespräch ab.

Er behielt, wie mir scheint, einen unangenehmeren Eindruck davon als ich.

In seinem »Oaha« hat er mich nicht bloß als Kirchweihlader, sondern auch als dozierenden Vertreter spießbürgerlicher Prinzipien gezeichnet.

Viele Jahre später saß ich nach der Aufführung meines Lustspieles »Moral« mit Freunden in der Torggelstube, als Wedekind auf mich zukam.

Wir hatten seit jenem geschäftlichen Diskurse nie mehr miteinander gesprochen, und »Oaha« hatte die Beziehungen auch nicht herzlicher gestaltet, und so war ich sehr überrascht, als der satanische Dichter den Mund auf tat und wiederum einen durchaus druckreifen Satz von sich gab.

»Herr Doktorr, ich grratuliere Ihnen zu Ihrem Stücke. Wohlgemerkt zu Ihrem Stücke, nicht zu Ihrem Erfolge …«

Schön. Ich merkte es mir wohl und dankte ihm.

Ich glaube aber, daß sein Entgegenkommen weder durch mein Stück noch durch meinen Erfolg verursacht war, sondern durch mein lobenswertes Benehmen in der Premiere seines Stückes: »Frühlings Erwachen«.

Ich hatte in der Direktionsloge fest Beifall geklatscht, und ich vermute, daß es Wedekind erzählt worden war.

Da hatte er gesehen, daß ich löbliche Ansätze zum Verständnis des Höheren machte, und er kam mir aufmunternd entgegen.

Er sprach mich späterhin noch einige Male an; ja, einmal sagte er zu mir, er bedaure, daß er Langen, Wilke und Reznicek vor ihrem frühen Tode gekränkt habe.

Meine Erwiderung, daß alle drei die Sache nicht so tragisch genommen hätten, war nicht geeignet, ihm zu gefallen.

Jedoch entzog er mir sein Wohlwollen nicht mehr.

Ich hätte ihm mit Wahrheit sagen können, daß ich sein Schaffen hochschätzte, und daß es mir immer gefallen hatte, wie unbeirrt er seinen Weg gegangen war. Unbeirrt durch kühle oder feindselige Ablehnung und auch durch die spontan einsetzende Bewunderung.

Er hat an sich geglaubt.

Das nahm zuweilen Formen an, die komisch wirkten, aber es hat ihn doch auch davor bewahrt, dem Publikum entgegenzukommen, dem er kaum mehr satanisch genug sein konnte, als er Mode geworden war.

Er starb in einer Klinik, die gerade gegenüber der Redaktion des »Simplicissimus« lag.

Wenn er in seinen letzten Tagen am Fenster saß, sah er vor sich die Büroräume des Blattes, dessen erste Nummer mit seiner »Fürstin Russalka« begonnen hatte.

*


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