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Wilhelm von Diez

Spätsommer 1896. Ich war damals Rechtsanwalt in Dachau und fand zwischen den Prozessen Zeit, ein wenig auf die Jagd zu gehen, ein wenig zu fischen und gemütlich zu leben.

Eines Tages schickte mir ein befreundeter Architekt eine Einladung zur Dachauer Bachauskehr. Ich fand mich pünktlich ein und traf etliche münchner Herren an, die mit Netzen die zappelnden, halb aufs Trockene gesetzten Fische herausholten.

Ein mittelgroßer, breitschultriger Mann mit buschigem Barte, der etwas finster und strenge durch seine Brille blickte und wie ein Landrichter älterer Ordnung aussah, wurde von den anderen mit achtungsvoller Höflichkeit behandelt.

Es war der Professor Wilhelm von Diez, den man im alten München, wo alles seinen Titel hatte, den berühmten Schlachtenmaler nannte.

Er verhielt sich wortkarg und zurückhaltend; was er sagte, war in sehr ausgeprägtem Altbayrisch gesprochen.

Abends nach dem Fischfang saßen wir im Freien und brieten stattliche Hechte, die, an abgeschälte Weidenruten gesteckt, ans offene Feuer gebracht wurden. Ein Faß Bier war aufgelegt, und der Abend im Moos am Rande eines kleinen Gehölzes war eindringlich schön.

Nach der zweiten Maß entspann sich ein echtes Münchener Gespräch über Kunst, mit kräftigen Worten gegen aufgeblasene falsche Größen und modernes Getue.

Der Herr Professor war so weit aufgetaut, daß er auch zuweilen eine derbe Bemerkung dazwischen warf, die ehrerbietig angehört und ausgesponnen wurde.

Die Fische waren vortrefflich gebraten, etwas stark gesalzen, was Durst machte, für den aber gesorgt war.

Bei sinkender Nacht traten wir den Heimweg an und nahmen Abschied von einander mit dem Bewußtsein, einen ungestörten altbayrischen Tag verlebt zu haben.

Bei mir kam noch das weitere hinzu, daß ich mit einer Berühmtheit zusammen gewesen war, eine Sache, nach der man geizt, und die man sich immer anders vorstellt. Eine gewisse Übereinstimmung von Persönlichkeit und Schaffen war mir aber doch einmal an diesem Tage aufgefallen. Ich hatte den ernsten Herrn Professor einmal recht herzlich und schallend lachen gehört. Das war, als einem jungen Kerl, der im Wasser herumsprang und die Fische zusammentrieb, die Hose über die blanken fünf Buchstaben herunterfiel. Er kümmerte sich in seinem Eifer nicht darum und sprang munter und flink im Bachbett herum. Die derbe Szene hatte etwas vollsaftig Niederländisches und konnte unserm Meister Diez wohl gefallen.

Als die Künstler des »Simplicissimus« im Verein mit Slevogt und Schlittgen und mit mir im Jahre 1900 daran gingen, ein Burenalbum zusammenzustellen, war gleich die Rede davon, daß Wilhelm von Diez um einen Beitrag angegangen werden müsse.

Sein ehemaliger Schüler Slevogt übernahm es, den knurrigen Herrn Professor zu überreden; er kam aber bald mit der Nachricht zurück, daß er sich umsonst bemüht habe.

Bruno Paul, dem ich erzählt hatte, daß ich den Alten von früher her kenne, redete mir zu, den Versuch zu wiederholen; er meinte, daß die Landsmannschaft vielleicht zu einem Erfolge führen könne. Es wurden damals in München allerlei Anekdoten über die abweisende Art des Herrn Professors erzählt. Neugierige Besucher, Kunstfreunde und Kunstbesprecher gelangten nicht ins Atelier; erreichte es einer nach hartnäckigem Klopfen, daß die verriegelte Tür geöffnet wurde, so fand er einen Mann, der den höflichsten Bewunderer wie einen Hausierer abfertigte.

Der alte Prinzregent soll mehrmals vergeblich den Versuch gemacht haben, bei Diez vorzukommen; wenn der Herr Professor merkte, daß das Staatsoberhaupt im Akademiegebäude war, schob er einen zweiten Riegel vor und hörte auf kein Klopfen. Meine Aussichten waren also nicht sehr günstig.

Ich machte aber eines Vormittags doch den Versuch; die Türe des Ateliers wurde zögernd geöffnet, und eine barsche Stimme fragte: »Was gibt's?«

»Grüaß Good, Herr Professa,« sagte ich herzhaft und frisch.

Da erweiterte sich der Spalt, und Meister Diez musterte mich vielleicht mit etwas verringertem Mißtrauen.

»Ich hab schon amal die Ehre g'habt, in Dachau drauß beim Fischen …«

»So? Kommen S' eina …« Ich folgte seiner Einladung und sagte ihm ohne viele Umschweife, was mich hergeführt habe; ich redete von der guten Sache der Buren und von unserm Vorhaben, ihr Heldentum zu feiern.

Da stimmte er ein.

»Dös san feine Kerl. Und Namen hamm s' … Schalk Burger … zum Beischpiel … dös hört si an wie a Stück aus'n Grimmelshausen Simplicissimus …«

Wir wurden wärmer und rühmten dies und das, und immer wieder kam ich auf unser Vorhaben zurück, wie schön das halt wäre, wenn wir auch eine Zeichnung von Diez bringen könnten.

»Ja, dös is freili was anders; an Slevogt hab i net richtig verstanden. Schad, daß Sie net glei komma san, aber jetz hab ich scho was anders in der Arbeit … Schad …«

Abgeblitzt war ich also doch, und ich wollte ihn nicht plagen und ihm nicht lästig fallen.

»No ja, in Gotts Nama, wenn's halt net geht …«

»Schad … schad … wia g'sagt, wenn i's früher g'wißt hätt …« Ich tat so, als ob ichs glaubte, und ihm war es sichtlich angenehm, daß ich den Angriff einstellte.

»Mögen S' Eahna was anschaug'n? Recht viel hab i net da … Aber zum Beischpiel, da is a Kloanigkeit …«

Er führte mich an die Staffelei, auf der ein kleines fertiges Bild stand.

Es stellte einen Bauern dar, der eben die Retirade, die neben einem Misthaufen stand, verlassen hatte und die Hosenträger einknöpfte. Die Stellung des Bauern, seine Erleichterung und sein Behagen, alles das war prächtig, mit sichtlicher Liebe gemalt; den Misthaufen roch man; greller Sonnenschein lag darauf, und man lebte diese stille Feierstunde mit.

Ich kam aus dem Lachen nicht heraus. »Gel …, g'fallt's Eahna? Ja, es is mir ganz guat wor'n. Wissen S', der ganze Kerl soll stink'n. Hat man den Eindruck?«

Ich beteuerte, daß ich ihn unbedingt hätte, und rühmte den Vorgang und seine Darstellung mit Worten, die dem Meister gefielen.

Ein größeres Bild, das an der Wand hing, war unvollendet. Panduren, die in ein feindliches Dorf einstürmen. Diez sagte, er habe vor, es fertig zu malen, komme aber immer wieder davon ab.

»Je länger so was um oan rum is, desto fader werd's oan. Es stimmt nix mehr, denn de Stimmung kummt nimma, de ma beim Anfang g'habt hat.«

Ich hatte überhaupt den Eindruck, daß er müde war, ohne die Freude, die Vollenden und neues Schaffen gewähren.

Begonnene Arbeit zurücklegen, erregt Zweifel an der eigenen Kraft, macht nervös; und wiederholt es sich öfter, so beginnt man schon ohne frohes Vertrauen.

Wenn es ein Rezept gibt für künstlerische Produktion, so ist es das: Durchbeißen. Das sagte ich nun freilich nicht zu dem Alten, der, wie mir nähere Bekannte von ihm erzählten, viel an mißmutigen Stimmungen litt.

Wir blieben beim Altbayrischen, und beim Abschied wiederholte er sein Bedauern:

»Schad, daß S' net früher komma san …«

*


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