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Der Goethebund

Er war echt deutsch als Stoß ins Leere, ein Zeugnis unseres kindlichen Sinnes, der sich vom Wesentlichen abgewandt am Aufbauschen und an klingenden Worten erfreute. Er war bezeichnend dafür, wie der erwachsene Deutsche um 1900 herum Politik trieb mit Schlagworten und Nichtigkeiten. Ein schöner Name: »Goethebund«. Er gab einem gleich das Bewußtsein, für allernobelste Kultur, für wertvollstes geistiges Besitztum einzutreten gegen – ja, gegen was?

Wir wußten am Ende, gegen was wir am Gründungsabende des »Goethebundes« protestierten. Gegen die sogenannte Lex Heinze, gegen den Versuch der Regierung, in berechtigte Sicherheitsmaßregeln einen dehnbaren Paragraphen gegen Pressefreiheit einzuschmuggeln.

Es war ein Akt äußerster Hilflosigkeit. Ein berliner Zuhälterprozeß hatte ein grelles Licht auf großstädtisches Unwesen geworfen, dem man zu Leibe gehen wollte. Mit scharfen polizeilichen Maßregeln hätte viel erreicht werden können, aber man wollte einen neuen Paragraphen ins Strafgesetzbuch haben, mit dem die viel beschrieene Zügellosigkeit in Wort und Bild getroffen worden wäre.

Diese Verquickung war kläglich, und der Protest gegen die Vorlage war nützlich und notwendig. Die Lex Heinze fiel durch.

Aber jener feierliche Abend im Münchner Kindlkeller hatte noch ein positives Ergebnis gehabt: die Anregung zur Gründung eines Goethebundes.

Max Halbe hatte das Wort in die Versammlung geschleudert. Es zündete. Tausend stimmten begeistert zu, und Tausende dachten sich nichts dabei.

Auch die Dutzende nicht, die hinterher den Einfall eines Augenblickes in einem breiigen Programme auseinandertraten und den neuen Bund gründeten.

Er schwor mannhaftes Eintreten gegen etwa sich erneuernde Versuche der Regierung oder der reaktionären Parteien, die Freiheit zu knebeln. Also gegen nichts, wenn diese Versuche nicht gemacht wurden. Eine Maschine war wieder einmal zum Leerlaufen überheizt worden.

Es war etwas geschehen für Freiheit, Manneswürde, und der deutsche Spießbürger konnte sich im stolzen Selbstgefühle die Zipfelhaube über die Augen ziehen und blind sein gegen wirkliches Unheil.

Als München seinen Goethebund hatte, durften die andern deutschen Kulturzentren nicht zurückstehen. Allüberall flammte es auf, allüberall tat man sich zusammen zum Goethebund.

Ich glaube, es gab Präsidenten, Ausschüsse, Mitglieder, Statuten; aber daß es am rechten Ernste und tätiger Arbeit fehlte, erkannte man schon daran, daß es keine Vereinsdiener gab. Ich wenigstens habe nie einen Goethebundsdiener mit dieser Inschrift auf der Mütze gesehen.

Von Zeit zu Zeit las man, daß ein Goethebund über uns lebe, sein Walten blieb uns unerforschlich.

Er hat sich nie mit irgend einer Kundgebung, einer Entrüstung, einem Lebenszeichen bemerklich gemacht.

Er existierte.

Nie hat ein Mensch zu mir gesagt, daß er Mitglied des großen Bundes sei, nie sah ich einen, der zu einer Sitzung des Bundes ging oder aus ihr kam.

Von dem einen und andern altern Herrn, der lange genug im Geruche freiheitlicher Gesinnung stand, nahm man an, daß er bei diesem wie bei allen andern Vereinen sei.

Nie war ein Bund geheimer. Es war spaßhaft und war doch ernst.

Wir spielten mit Nichtigkeiten und ließen mit unserer Sicherheit und unserer Existenz spielen.

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