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Albert Langen

Im Herbste 1897 war mein erstes Buch »Agricola« erschienen, und durch Bruno Paul, der es illustriert hatte, war ich mit den Künstlern des »Simplicissimus« bekannt geworden. Wir saßen damals fast allabendlich im Café Heck mit den Mitarbeitern der »Jugend« zusammen und glaubten an unsere alles Veraltete verdrängende Bedeutung. Ich hörte öfter von Albert Langen erzählen als von einem smarten, über reiche Mittel verfügenden Verleger. Ihn selber lernte ich erst ein halbes Jahr später kennen, als ich ihn auf seine Einladung hin in der Redaktion des »Simplicissimus«, zu jener Zeit in der Schackstraße, besuchte.

Wir gefielen einander bei diesem ersten Zusammentreffen nicht.

Er war etliche Jahre jünger, aber viel gewandter wie ich, sehr schick angezogen, ein bißchen absichtlich pariserisch aussehend mit seinem kurz gehaltenen, wohlgepflegten Vollbart.

Er sprach rasch, fragte viel und gab sich gleich selber die Antworten; dabei musterte er mein Äußeres, das bei weitem nicht so pariserisch war und in dem sicherlich allerhand gegen sakrosankte Regeln verstieß.

Ich fürchte, daß er mich sehr bajuwarisch-bürgerlich einschätzte und mir höchstens eine gewisse einseitige, für Weltliteratur nicht in Betracht kommende Begabung zutraute. Wenn er mir überhaupt etwas zutraute.

Ich nahm ihn für einen verwöhnten reichen jungen Mann, der Allüren hatte, mit denen ich innerlich auf einem grimmigen Kriegsfuße stand.

Kurz, wir befremdeten einander, und das sickerte auch in dem kurzen Gespräche durch.

»Hören Sie mal, Herr Thoma … Sagen Sie mal, Herr Thoma …«

Das klang so von oben herab und verletzte mich.

Ich konnte mich über jeden Bauern freuen, der mich duzte, aber hier erschien mir das Weglassen des Doktortitels als Absicht, die es keinesfalls war.

Es entsprach einer rheinländischen Gewohnheit, die ich nicht kannte.

Obendrein erregte Langens Vorschlag, ich solle ihm für den »Simplicissimus« die Reproduktion der Paulschen Illustrationen ohne Entgelt gestatten, auch nicht mein Wohlgefallen.

Er kam mir allzu smart vor. Ich sagte ihm, daß das Sache des Verlegers sei, und daß man es diesem kaum zumuten könne.

Wir nahmen höflich auf ziemlich lange Zeit Abschied voneinander.

Im »Simplicissimus« erschienen wohl ab und zu Beiträge von mir, über die ich aber nur mit Korfiz Holm als Chefredakteur verhandelte. Und obwohl ich täglich mit Wilke, Paul, Thöny, Reznicek zusammenkam, sah ich Langen, der nicht ausging, fast ein ganzes Jahr nicht mehr. Kurz vor seiner Flucht in die Schweiz, die er nach dem Erscheinen des Wedekindschen Gedichtes über die kaiserliche Palästinafahrt ergriff, traf ich ihn mehrmals und ärgerte mich stets über seine sprunghafte Art, zu denken und zu sprechen. Meine Warnung vor dem Erscheinen der Palästinanummer beachtete er nicht, und er gab mir als kleinem Rechtsanwalt zu verstehen, daß er sich darüber denn doch von einer Autorität – dem alten Rosenthal – Rat erholt hätte.

Die Sache kam, wie sie unschwer vorauszusehen war. Der »Simplicissimus« wurde damals in Leipzig gedruckt. Die sächsische Staatsanwaltschaft griff mit gewohnter Schärfe ein und zitierte Langen nach Leipzig. Er reiste sehr rasch nach Zürich ab in die Verbannung, die fünf Jahre währte und ihm viele Sorgen bereitete.

Ein Jahr später trat ich in die Redaktion des »Simplicissimus« ein. Noch im Sommer 1899 hatte mir Langen aus Paris geschrieben, daß ich ihm zu ausgesprochen süddeutsch und auch politisch nicht einwandfrei erschiene. Er halte mich für einen Anti-Dreyfusard. Diese Abwertung eines Deutschen von einem Deutschen war echt und recht bezeichnend für die törichte und kindische Art, Politik zu treiben, an der man in Deutschland krankt.

Bei uns hat jener ekelhafte Prozeß, über den in jeder Zeitung, auf jeder Bierbank und in jedem demokratischen Debattierklub das gleiche dumme Zeug geschwätzt wurde, die Gemüter nur darum erregen können, weil dem Allerweltsmichel Takt und politischer Verstand fehlten.

Es war das gleiche plappernde, sein eigenes Interesse nie verstehende Pack, das sich jahrzehntelang für die Polen begeistert hatte, und das sich nunmehr über die internste französische Schweinerei unglücklich gebärdete.

Ich hatte Langen gegenüber kein Hehl daraus gemacht, wie dumm und verächtlich mir die deutschen Spießbürger vorkämen, die monatelang die Namen Henry, Picquart, Esterhazy, Labori und Worte wie bordereau nicht mehr aus den ungewaschenen Mäulern brächten, und ich hatte ihm eröffnet, daß mir jeder Zwetschgenbaum in Deutschland unendlich interessanter sei wie ein Pariser Prozeß.

Die Tatsache, daß der Franzose von Zeit zu Zeit die Bestie spielen müsse, könne man auf jedem Blatte seiner Geschichte finden.

Aber Langen lebte in Paris, lebte im Umgange mit Björnson, der die oberste Revisionsinstanz in Sachen Dreyfus war, und so wirkte die Erinnerung an meine Ketzerei bei ihm nach.

Im März 1900 brachten es die Verhältnisse mit sich, daß ich mit Geheeb die Leitung der Redaktion übernahm.

Vorher fand große Beratung im »Anker« zu Rorschach statt, wohin Langen von Paris aus gereist war. Sie begann gemessen, ernst und feierlich, nahm aber bald, wie sichs für junge Leute schickte, einen fröhlichen Verlauf.

Dabei gefiel mir Langen gleich besser, als ich ihn sorglos und heiter sah, und gar, als ich erfuhr, daß er ziemlich leichtsinnig seine Sache auf nichts gestellt hatte.

Die Erzählungen von seinem großen Reichtum waren Märchen, über die er herzhaft lachen konnte.

Woher war das eigentlich gekommen, daß ganz München in ihm einen Krösus sah?

Zuletzt doch nur von seiner eleganten Kleidung. Er selber meinte, daß seine »chaussure« viel dazu beigetragen habe. Man sieht den Menschen viel mehr auf die Stiefel, als sich's harmlose Gemüter träumen lassen. Und Langen trieb einen wahren Kultus mit elegantem Schuhwerk.

Kam nun der Kredit davon, oder von was anderm, jedenfalls war er sehr nützlich und half dem jungen Verleger nicht viel weniger als ein großes Vermögen. Mich aber berührte es sympathisch, als ich sah, daß Langen tapfer und sorglos ein Unternehmen, das doch für viele etwas bedeutete, angefangen hatte.

Es kamen gefährliche Momente, bei denen unser gemeinsames Schiff sehr hart an Klippen vorbeigesteuert wurde. Aber es ging.

Bei unsern schweizer Kongressen, die bis 1903 regelmäßig im Frühjahr und im Herbste zu Zürich im Hotel »Baur au Lac« stattfanden, drängten sich zuerst mancherlei Bedenken auf, die aber rasch einem festen Vertrauen und einer unbekümmerten Heiterkeit wichen.

Am Ende war es in diesem Kreise von jungen Künstlern, die Vertrauen auf sich haben durften, nicht anders möglich.

1902, nach der ersten Preiserhöhung, gewannen wir schon hohe See und waren über die schlimmsten Untiefen weg.

Langen feierte den Anbruch einer besseren Zeit durch einen Ausflug an den Vierwaldstätter See. Als wir in Altdorf auf dem Bahnhofe standen, um nach Zürich zurückzukehren, wurde gerade der Gotthard-Expreß gemeldet. Ein fragender Blick? Das wäre doch fein, durch den Gotthard an den Lago Maggiore fahren! In der nächsten Minute stand Langen am Schalter und löste die Billette nach Locarno. Ohne Gepäck, ohne Wäsche, so wie wir waren, hinein in den Speisewagen des eleganten Schnellzugs, der eben angelangt war.

Das war reizvoll, so unbekümmert ins Land der Sehnsucht hinein zu fahren! Eine laue Frühlingsnacht in Locarno, ein fröhliches Suchen nach Quartieren, Freude an allem, was man sah, und Freude an uns selber. Am nächsten Morgen fuhren wir über den blauen See; die Sonne brannte herunter, bunte Farben überall, weiße Häuser zwischen immergrünen Büschen. Auf Isola bella blühten die Blumen. Wie war das schön!

In irgendeinem Neste, ich glaube, es hieß Laveno, mußten wir Texte zu einigen Zeichnungen finden, die sofort nach München geschickt wurden.

Es war eine heitere Redaktionssitzung beim Chianti.

Vor der Osteria tanzten Mädchen zu den Klängen eines Orgelklaviers.

Am Abend, als die Sonne auf den Gletschern des Mont Cenis verglühte, stiegen wir in den Zug, der uns am nächsten Morgen nach Zürich zurückbrachte.

Auf dieser Fahrt, der schönsten in meiner Erinnerung, lernte ich Langen als heiteren, guten Kameraden kennen. Ich reiste mit ihm nach Paris und war zwei Monate sein Gast.

Im täglichen Verkehr lernte ich ihn erst recht schätzen.

Er war ein kluger Mensch, den allerlei Erlebnisse etwas mißtrauisch oder nervös gemacht hatten.

Dazu bedrückte es ihn schwer, daß er jetzt im Aufblühen und Wachsen seines Unternehmens zuletzt doch untätig oder hilflos in der Fremde weilen mußte.

Wie viele Pläne hatte er geschmiedet, wie viele hatte er als zwecklos wieder aufgeben müssen!

Ingrimmig erfuhr er, daß der Leipziger Staatsanwalt alle sechs Monate die Verjährung der Strafverfolgung durch irgendeine Maßnahme verhinderte, und einmal kam er auf eine groteske, echt Langensche Idee.

Er wollte sich nach Norwegen auf das Gut seines Schwiegervaters Björnson zurückziehen und von dort aus die Meldung von seinem Tode verbreiten lassen. Er ließ sich verunglücken, in einem Fjord ersaufen, von einem Berge abstürzen, die Zeitungen sollten es ausführlich melden, und außerdem hätten Todesanzeigen in Kölner und Münchner Blättern erscheinen sollen.

Gegen den verstorbenen Albert Langen würde dann der eifrige Sachse in drei Teufels Namen die Verfolgung aufgeben. Er lebte sich in die Idee ein, gab den abenteuerlichen Plan aber zuguterletzt doch auf und verzehrte sich weiter in Sehnsucht nach der Heimat und nach der schönen anregenden Tätigkeit.

So wie er war, jeden Tag mit neuen Vorhaben beschäftigt, litt er immer schwerer unter dem unfreiwilligen Aufenthalte in Paris.

Endlich schlug die erlösende Stunde.

Ein einflußreicher Herr aus Sachsen, der mit der Familie Björnson befreundet war, vermittelte die Einstellung des Verfahrens.

Langen mußte dreißigtausend Mark erlegen und durfte nach Deutschland zurückkehren. Das war im Frühjahre 1903.

Er lebte auf und erschien mir nach kurzer Zeit gänzlich verändert.

Keine Spur mehr von Aufgeregtheit; sein lebhaftes Wesen, das er beibehalten hatte, wirkte erfrischend, und er, der nie Sinn für behagliches Stillsitzen gehabt hatte, war ein ruhiger, jede gute Stunde mit Geschmack genießender Mann geworden.

Etwas Sprunghaftes behielt er in seinen Ideen und Vorschlägen bei, aber niemand konnte darüber herzlicher lachen als er selbst, wenn man ihn mit Humor widerlegte. Auch das Konferenzenabhalten hatte er sich nicht abgewöhnt. Es war ihm nie wohler, als wenn er am Vormittag rasch in sein Büro eintretend alle Mann an Bord rief, Projekte machte, dies, das und jenes zur beschleunigten Ausführung anordnete, oder mit übereinandergeschlagenen Beinen im Klubsessel sitzend die Meinungen der andern anhörte.

Es mußte immer was los sein. Was schon begonnen und in der Ausführung begriffen war, lag sofort hinter ihm, und er mußte wieder Neuem zusteuern. Stets war er auf der Jagd nach aufstrebenden Talenten, wollte anregen, fördern, gründen.

Auch als das Geschäft sehr einträglich geworden war, hat er sich nie eine Sparbüchse angelegt. Sein Geld rollte. Wenn man etwas vorhatte und ihm einen Plan unterbreitete, griff er lebhaft zu, spann die Idee aus, und nie hörte ich ihn kleinliche oder ängstliche Bedenken entgegenhalten.

Auch äußerlich hatte er sich verändert.

Der schöne pariser Bart war weg, und das glattrasierte Gesicht zeigte Energie, Klugheit und einen stark ausgesprochenen Zug von Humor.

Das Beste an ihm war, daß er keine Hinterhältigkeit kannte, daß er nichts nachtrug, immer gerecht, ja großzügig blieb und vieles, was er hätte übelnehmen können, mit wirklicher Heiterkeit hinnahm.

Als er »Hidallah« gelesen hatte, ein Stück, in dem es allerlei Hiebe gegen ihn absetzte, konnte er gerade darüber herzlich lachen, und er blieb gegen meinen Widerspruch bei seiner nach meinem Dafürhalten übertriebenen Wertschätzung Wedekinds.

Daran änderte auch »Oaha« nichts. Im Gegenteil, ich erinnere mich wohl an sein schallendes Gelächter, als er las, wie er und Björnson darin geschildert waren.

Ich bat ihm im stillen manche ungünstige Meinung ab, zuweilen auch offen im behaglichen Zwiegespräch.

Dann schilderte er mir, wie unsicher seine Anfänge in München gewesen seien, wie er mehr als einmal nicht gewußt habe, ob er die nächste Nummer des »Simplicissimus« noch erscheinen lassen könne.

Daß wir davon nichts gemerkt hatten, ist ein schönes Zeugnis für ihn.

Auch die letzte und schwerste Probe hat er gut bestanden. Er sah dem Tode, der viel zu früh an ihn herantrat, mannhaft entgegen.

Er war erst neununddreißig Jahre alt, als er starb, und hatte noch viel zu geben, viel zu gründen und zu unternehmen.

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