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Überbrettl

Es machte einen Winter lang ziemlich viel von sich reden; aber was es eigentlich sein sollte und was es war, läßt sich nicht so genau sagen.

Ein Unternehmen, bei dem Leute mitwirkten, die eigentlich nicht zur Bühne gehörten, und deren öffentliches Auftreten eine Sensation bedeutete.

Mit Anlehnung an pariser Vorbilder, an Kneipen des Quartier Latin, wo Künstler und Literaten die Bourgeois, auf deren Kosten es ging, an ihrer geistreichen Fröhlichkeit teilnehmen ließen. Vielleicht so ähnlich war's gedacht.

Die Ausführung der Idee war dann, daß ein im braunen Biedermeierfrack und in Eskarpins steckender Herr auftrat und das berliner Publikum in übermäßig leichtsinnige, kurz, in eine Quartier-Latäng-Stimmung versetzen sollte.

Man gebrauchte dazu lockere Liedchen mit Hopsasa- und Trullala-Refrains, mit der Tendenz, den wackeren Proletarier, die sich edel hingebende Tochter des Volkes, die naiv fröhliche Probiermamsell, den Luden oder Apachen im Kampfe gegen die Bourgeoisie und gegen soziale Unterdrückung herauszustreichen.

Wehmut à la Baudelaire, klingender Übermut à la Bierbaum und Satanismus à la Wedekind, das ungefähr war das feinste Gericht, das einem kunstliebenden Publikum aus Berlin W vorgesetzt werden sollte.

Der erste Versuch Wolzogens am Alexanderplatz gelang; das Überbrettl war Saisonereignis; man mußte es kennen, man mußte es gesehen haben. Das Publikum witterte Quartier-Latäng-Luft und kam sich pariserisch auflackiert vor, wenn es sich der sorglos-kecken Kleinkunst hingab.

Dann machte Wolzogen den Fehler, mitten im Erfolge mit seinen Leuten auf Gastreisen zu gehen und das Theaterchen einem Konkurrenten zu überlassen. Er überschätzte Berlin W und glaubte, es mache Unterschiede und sehe auf Persönlichkeit und Leistung.

Für Berlin W blieb die Quartier-Latäng-Stimmung im Etablissement, und da sich der Nachfolger Lautenburg ehrlich Mühe gab, da er den Dichter Liliencron engagierte und den Tolstoa, wie er sagte, auch noch engagieren wollte, blieb tout Berläng dabei, seinen Bedarf an Bohemehumor auf dem Alexanderplatze zu decken.

Wolzogen konnte auch mit dem Beginn der Herbstsaison 1901 nicht sofort an den Wettstreit gehen. Der Bau seines neuen Theaters in der Köpenicker Straße war noch nicht fertig; erst im November war es soweit, daß die Eröffnungsvorstellung vor sich gehen konnte.

Der erste und letzte große Abend im Berliner Norden.

Equipagen fuhren vor, die wohl nie mehr durch die Straßen des Armenviertels kamen; geschmückte Damen stiegen aus und schritten als Vertreterinnen des gehaßten Kapitalismus an finster blickenden Gaffern vorbei; Herren, die ihre Zylinderhüte pariserisch in die Genicke zurückgeschoben hatten, folgten ihnen.

Es hätte schon etwas sehr Starkes, vielleicht Nackttänzerisches sein müssen, was dieses Publikum wiederholt in diese Gegend gelockt hätte.

Aber vor dem Theater war mehr pariser Stimmung, Anklang an Apachenvorstadt, als drinnen.

Drinnen war dezente Harmlosigkeit.

Die Kenner gaben nach diesem Abende alle Hoffnung auf; ein paar hellseherische Mitstreiter Wolzogens liefen zu Lautenburg über.

Es begann ein zäher, aussichtsloser Kampf um die Gunst Berlins, eine Jagd nach Sensationen. Aber sogar die Sada-Yacco, die in der Köpenicker Straße gastierte, zog nicht.

Das Lächeln der Pierrots, die »Madame la lune« ansangen, verzerrte sich zu einem verlegenen Grinsen, der Herr im braunen Frack steckte das Haupt tiefer zwischen die Vatermörder und blickte düster bei Humor sprühenden Vorträgen.

Noch vor sich die Bäume mit neuem Laube schmückten, starb das arme Überbrettl. Denn auch am Alexanderplatz gähnte die Leere noch auffallender als das bißchen Publikum. Tolstoa hatte das lockende Anerbieten abgeschlagen.

*


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